ZwischenRealitäten - Christiane Schmalen - E-Book

ZwischenRealitäten E-Book

Christiane Schmalen

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Dort, wo zwei Welten aufeinander prallen, öffnet sich eine dritte. ZwischenRealitäten von Christiane Schmalen ist eine Zusammenstellung von Kurzgeschichten aus den Genres des Fantasy, Horror und Science-Fiction Das Buch enthält folgende Kurzgeschichten "Die Fabel der fünf Füchse" | "Der Junge im Park" | "Der Geisterzug" | "Feinde für die Ewigkeit" | "Der Käfergraf" | "Dämmerung" | "Rictiuvarus" | "Die Erste Stadt" | "Tag 16" | "Swingerclub 2056" | "Das Volk der Einsamkeit" Mit Gedichten, sowie Farbabbildungen einiger Exponate der gleichnamigen Ausstellung der Autorin im Johannishof in Mesenich (20.2.20-19.4.20)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 104

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



An alle stillen Rebellen

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Die Fabel der fünf Füchse

Der Junge im Park

Der Geisterzug

Feinde für die Ewigkeit

Der Käfergraf

Dämmerung

Rictiuvarus

Die Erste Stadt

Tag 16

Swingerclub 2056

Das Volk der Einsamkeit

Prolog

„[...]

Die Flut. Ein Sturm. Braust, brüllend, flüsternd. Worte. Sätze.

Ich weiß, was es heißt. Ich weiß es nicht. Ich kenne die Sprache. Ich kenne sie nicht.

Will etwas sagen, doch sage es nicht. Ich kenne die Worte. Ich kenne sie nicht.

Wer spricht? Ich höre. Ein Wort. Ich verstehe das Wort. Ich kenne es nicht.

Ich spreche die Sprache. Vorsichtig. Leise. Wird wer mich hören? Ich spreche die Sprache. Sie sprechen sie nicht.

Ich denke die Sprache. Sie flüstert mir zu. Ich spreche die Sprache. Ich kenne sie nicht.

[...]“

Auszug aus „Der Wandler“, von Nng’a der Wanderpoet, Zyklus 3.2 nach dem Apfel.

Die Fabel der fünf Füchse

Oder: Der Mann, der all seine Boten erschlug

Es war einmal ein Mann, der glaubte er liebe die Frauen. In Wahrheit jedoch liebte er nur sich selbst. Sein Name war Finnegan Short.

Eines Tages begab er sich auf eine Vergnügungsfahrt mit einem großen Schiff. An Bord befanden sich zahlreiche junge Damen eines jeden Standes, und er wähnte sich im Himmel. Jeden Morgen frühstückte er mit einer anderen Frauensperson, verbrachte den Tag mit ihr an Deck und besuchte mit ihr die Abendveranstaltung.

Die Damen tuschelten schon untereinander, er sei ein reicher Prinz auf Brautschau und wolle sie alle einmal kennenlernen, bevor er sich entscheide. Sie bewunderten ihn dafür, dass er sich so viel Mühe mache. Jede dachte von sich, die Richtige für den Prinzen zu sein, und träumte schon von einem Leben in Reichtum.

Den so genannten Prinzen plagten jedoch keinerlei Hochzeitsgedanken. Er wollte nur allen Damen seine Ehre erweisen, denn er hielt es für eine Ehre, dass sie mit ihm speisen und den Tag verbringen durften. Diese Meinung beruhte in keiner Weise auf der Tatsache, dass er ein Prinz war.

Finnegan Short war ein Tagedieb. Er lebte vom Reichtum anderer und verstand es immer, sich einen neuen Sponsor zu verschaffen, sobald ihm einmal die Knete ausging. Dieses Mal hatte er einem reichen alten Gutsbesitzer erklärt, er wolle ein Buch über die schönsten Frauen der Welt schreiben und sein Gefühl als Künstler sage ihm, dass eine Vergnügungsfahrt mit einem Luxusdampfer die beste Gelegenheit sei, ebensolche Damen zu treffen.

Da Finnegan sich selbst nicht für einen Betrüger hielt, machte er sich des Abends auch fleißig Notizen, wenn er nach der Abendvorstellung weinselig in sein Zimmer wankte. Denn weiter als gemeinsames Essen und Flanieren an Deck ging Finnegan nie - er war schließlich ein anständiger Kerl.

Sie waren schon eine Weile auf See, da ließ der Kapitän verlauten, sie würden bald den ersten Hafen anlaufen und dort für drei Tage bleiben.

Es war eine schöne Stadt im Süden, warmes trockenes Klima, mit den allerbesten Gasthöfen. Verschwiegene schmale Gassen und bezaubernde, weiß getünchte Häuser luden geradezu zu abendlichen Spaziergängen ein. Die mit bunten Blumen geschmückten Häuser bildeten einen fabelhaften Kontrast zum strahlendblauen Nachmittagshimmel, ebenso wie zum indigofarbenen Abendhimmel. Eine Landschaft, wie sie jedes Malerherz hätte höher schlagen lassen.

In dieser Stadt begegnete Finnegan seinem ersten Fuchs. Nicht, dass er noch nie einen Fuchs gesehen hätte. Doch dies war die erste einer Reihe von denkwürdigen Begegnungen und Finnegan meisterte die Herausforderung mit dem üblichen Mangel an Weitblick und Anstand.

Es war noch früh am Morgen und Finnegan war dabei, nach einer anständigen Bäckerei zu suchen, da er der heutigen Dame seines Herzens ein Frühstück versprochen hatte, wie sie es daheim gewohnt war: Brötchen und Speck mit Eiern, dazu Croissants, Orangensaft und einen starken Filterkaffee (statt dem an Bord üblichen süßen Kuchen mit Früchten und noch süßerem Tee).

Es war ein schwieriges Unterfangen und Finnegan überlegte schon, ob er die Dame mit seinem Charme und gebratenem Fisch beschwichtigen könnte, da lief ihm dieser Fuchs über den Weg, ein altbackenes Croissant im Maul. Der Fuchs ließ vor Schreck seine morgendliche Beute fallen, als er Finnegan da stehen sah und rannte in die entgegengesetzte Richtung davon. Finnegan nahm die Verfolgung auf, in der Hoffnung, der Fuchs würde ihn zum Urheber des Croissants führen.

Tatsächlich führte der Fuchs ihn zu einer ganzen Reihe von Backstuben. Diese belegten offenbar ein eigenes Viertel und schienen nur dazu da zu sein, die großen Hotels zu beliefern, denn keine verfügte über einen Verkaufsraum. Der Fuchs war stehen geblieben und beobachtete, wie Finnegan an den Bäckereien vorbeischlenderte. Als er sah, dass der Mann sich immer weiter von ihm entfernte, ließ er sein eigentümliches Fuchsbellen vernehmen. Finnegan wandte sich zu ihm um, nahm seine Schleuder aus der Tasche und erledigte den Fuchs mit einem Schuss. Anschließend trat er in die erstbeste Backstube und überredete den Bäckermeister, ihm Croissants und Brötchen zu überlassen.

Als er das Viertel wieder verließ, starrte ein wunderhübsches Augenpaar ihm lange nach und verwünschte ihn. Nachdem Finnegan außer Sicht war, hob die anmutige Gestalt den toten Fuchs von der Straße und schleppte ihn zu einem Fleckchen Erde, wo sie ihn begrub.

Finnegan jedoch verbrachte einen angenehmen Tag mit seiner Verabredung und hatte keine Ahnung, dass er gerade die jüngste und hübscheste der fünf Töchter des reichsten Kaufmannes der Stadt nicht kennengelernt hatte.

Am darauffolgenden Tag setzte das Schiff seine Reise fort und sie kamen langsam in tropischere Gefilde. Delfine begleiteten das Schiff während Stunden und immer mal wieder verirrte sich ein bunter Vogel an Deck. Da sie an der Küste entlangfuhren, hatte man, je nach Wetterlage, Blick auf üppige Wälder, manchmal unterbrochen durch herrliche Sandstrände und gelegentliche schroffe Felsformationen. Das Gestein war fast schwarz und wirkte eigentümlich bedrohlich in dieser sonst so angenehmen Landschaft.

Finnegan hatte sich bereits mit fast allen jungen Damen einmal verabredet und überlegte nun, ob er später noch einmal von vorn beginnen sollte oder sich im Anschluss auch für die älteren Damen erwärmen könnte. Bevor er eine Entscheidung getroffen hatte, liefen sie in den nächsten Hafen ein. Es war mehr ein Dorf denn eine Hafenstadt, gebaut in die bösartigen schwarzen Felsen, die über den Hafen hinausragten wie eine Drohung gegen jeden ungebetenen Besucher.

Offenbar war dieser Ort ursprünglich ein Piratenunterschlupf gewesen und die Damen rissen sich darum, die alte Piratensiedlung mit Finnegan zu erkunden. Schlussendlich einigten sie sich darauf, in einer lustigen Gruppe loszuziehen, wobei die anderen Mannsbilder eher geduldet als erwünscht waren. Da es schon später Nachmittag war, stürmten die jungen Menschen gleich die erste Strandtaverne und die Damen ließen sich ganz ungeniert Drinks von den gelittenen Herren im Bunde spendieren. Ihre Blicke und ihre ganze Aufmerksamkeit galten jedoch allein Finnegan.

Eine der wenigen Damen, mit denen er sich bisher noch nicht verabredet hatte, überredete Finnegan zu einem Strandspaziergang. Den gerafften Rock in der einen, das Sonnenschirmchen in der anderen Hand, hüpfte sie barfuß in die Wellen, während Finnegan ihre Schuhe halten durfte. Etwas genervt über die Entwicklung, die dieses Rendezvous zu nehmen schien - diese Frau interessierte sich doch tatsächlich mehr für schäumendes Salzwasser als für ihn - ließ Finnegan seinen Blick umherschweifen, um sich abzulenken. Da sah er im Licht der untergehenden Sonne einen Schatten durch die Dünen huschen. Neugierig machte er sich daran, die kleine Gestalt zu verfolgen.

Als er das Wesen zwischen borstigem Dünengras endlich stellte, sah er, dass es ein Fuchs war. Er glich dem vorigen so genau, dass es eben derselbe hätte sein können.

Etwas verwirrt über die Ähnlichkeit murrte Finnegan: „Willst du dich etwa beschweren? Ha, ich werd’s dir zeigen!”

Er holte mit den Schuhen, die er immer noch in der Hand hielt, aus, und warf sie dem Fuchs an den Kopf. Zufrieden schlenderte er zu seiner Verabredung zurück. Diese war jedoch bereits in die Taverne zurückgekehrt, etwas verstimmt darüber, dass er sich mit ihren Schuhen aus dem Staub gemacht hatte.

Wie sie ihn nun fragte, wo er denn gewesen sei, antwortete er nur, nicht ohne Stolz: „Oh, ich habe wieder einen Fuchs erschlagen. Ich bin gut darin.”

Die junge Frau hatte nur einen entsetzten Blick für Finnegan übrig und machte von nun an einen großen Bogen um ihn.

Sie verweilten noch vier weitere Tage in dem ehemaligen Piratennest, dann setzte das Schiff Kurs auf den nächsten Hafen, eine große und berühmte Küstenstadt, in der noch zusätzliche Gäste an Bord kommen sollten.

Die Fahrt dorthin war weniger beschaulich, als die Passagiere es bislang gewohnt waren, sie gerieten sogar in einen waschechten Sturm und kamen vom Kurs ab. Der Kapitän war gezwungen an einem weniger stark besuchten Hafen anzulegen, um einige Schäden an dem stolzen Schiff reparieren zu lassen. Er riet seinen Fahrgästen vom Landgang ab, da sich hier allerlei zwielichtige Gestalten herumtrieben.

Dies ermutigte Finnegan erst recht zu einem kleinen Ausflug und er konnte sogar einen seiner Rivalen überreden, ihn zu begleiten. Sie schlichen sich bei Einbruch der Dämmerung von Bord und kehrten in der erstbesten Spelunke ein, einem Lokal mit dem bildhaften Namen ‘Der Kopf der Alten’. In der Kaschemme war es fast dunkler als vor der Tür, und das, obwohl die Lichter brannten. Wie Leuchtturmfeuer wiesen sie den beiden Ausflüglern den Weg zum Tresen durch dichten alkoholgeschwängerten Tabakrauch. Der Wirt starrte sie schweigend an.

Finnegan, der sich erstaunlich zu Hause fühlte in der schlechten Gesellschaft, bestellte zwei Gläser Schnaps. Sein Begleiter fühlte sich sichtlich unwohl und drängte darauf, die Kneipe wieder zu verlassen. Dies war Finnegan nur recht, denn in dem Gasthof war kein einziges weibliches Wesen zu sehen, weder bei den Gästen noch unter dem Personal. So landeten sie im Anschluss in einem Nachtclub und hörten einer leicht bekleideten Sängerin zu, wie sie mit rauchiger Stimme alte Seemannslieder zum Besten gab. Leider waren hier die Getränke dermaßen teuer, dass Finnegan bald das Geld ausging und er drängte seinen Begleiter zum Aufbruch.

Als sie zum Hafen zurückspazierten, lief ihnen ein Fuchs über den Weg. Er stellte sich ganz ungeniert vor die beiden Männer auf die Straße und knurrte.

Finnegans Begleiter zog ihn am Ärmel. „Lass uns einfach einen anderen Weg gehen“, schlug er vor.

„Tu doch, was du willst”, antwortete Finnegan nur, zog seine Schleuder und erledigte auch diesen Fuchs, ohne mit der Wimper zu zucken.

Sein Begleiter schüttelte nur stumm den Kopf und schlug den eben vorgeschlagenen Weg durch die Seitengasse ein. Er hatte endgültig genug von Finnegan. Letzterer jedoch stieg über die Leiche des Fuchses hinweg und schlenderte fröhlich die breite Straße entlang, die Hände in den Taschen, ein lustiges Liedchen pfeifend. Er kam als erster bei dem Schiff an und freute sich, nicht auf den anderen gehört zu haben.

Der andere hatte indes eine Begegnung mit einem Landstreicher in der von ihm gewählten Gasse. Der alte Stromer hieb ihn um etwas Bares an. Der junge Mann, der im Gegensatz zu Finnegan nicht seine ganze Barschaft im Nachtclub hatte hängen lassen, lud den heruntergekommenen Alten auf einen Drink und ein üppiges Essen ein. So kamen sie ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass der obdachlose Rumtreiber in Wahrheit ein einsamer alter Mann mit viel Geld war. Er forderte den jungen Mann dazu auf, bei seiner Firma in seinem Heimatland vorstellig zu werden:

„Sehen Sie, ich treibe mich hier nur herum, weil ich es einfach nicht mehr ausgehalten habe. Ich musste mir einmal den Wind um die Nase wehen lassen, um zu mir zu kommen. Vielleicht bin ich in der Zwischenzeit eher ein bisschen auf den Hund gekommen. Die Trennung von meiner Frau hat mir sehr zu schaffen gemacht - ja, tut es eigentlich immer noch. Aber nun bin ich bereit, es noch einmal zu versuchen. Schauen Sie doch mal vorbei”, er gab dem jungen Mann eine zerknitterte Visitenkarte, „tut mir leid, die Kärtchen haben so einiges mitmachen müssen. Ich könnte einen Verwalter gebrauchen. Ich kann sie gut leiden und würde mich sehr freuen, mit ihnen zusammenzuarbeiten.”

Als Finnegan erfuhr, wie es seinem Begleiter ergangen war, wurde er etwas neidisch. Aber das legte sich schnell wieder. Wer wollte schon für sein Geld arbeiten? Bisher war er ganz gut ohne Job ausgekommen.

Der Sturm und die Kursabweichung hatten den Kapitän sehr viel Zeit gekostet, und so beschloss er, ohne Umschweife zum Heimathafen zurückzufahren. Die Gäste, die unterwegs noch hätten zusteigen sollen, mussten eben ein anderes Schiff nehmen.