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Lies nicht dein Leben – schreib es!
Seltsam – eigentlich kennt Yannis die Altstadt von Athen wie seine Westentasche. Aber diese verlassene Gasse ist ihm noch nie aufgefallen. Und als er dort in einem verwunschenen, alten Buchladen der geheimnisvollen Buchhändlerin Lio begegnet, geht sein Herz sofort in Flammen auf. Merkwürdig nur, dass all die Romane in den Regalen nicht zu verkaufen sind. Doch je tiefer Lio ihn bei Tee und Kerzenschein in die Welt der Literatur entführt, desto mehr füllt sich auch Yannis‘ Alltag mit Poesie und märchenhaften Erlebnissen. Nur das schönste aller Märchen, die Liebe, scheint für den schüchternen Bücherwurm unerreichbar.
Aber wer ist Lio wirklich? Noch bevor er ihr Geheimnis lüften kann, ist sie plötzlich verschwunden und der Buchladen verwüstet …
»Zauberhaft« (Madame)
»Andreas Séchés grandioser Roman bereitet pures Leseglück. Mit seinen Zwitschernden Fischen liefert er ein Paradebeispiel für Literatur mit schürfendem Tiefgang.« (Nürnberger Nachrichten)
»Es gibt diese Bücher, die einen nicht mehr loslassen, die man verschlingt. Jeder, der Literatur liebt, wird diesen kleinen, zutiefst poetischen Roman lieben.« (medienprofile)
»Ein phantastischer Roman, der seinen Lesern den Mut verleiht, in der realen Welt zu bestehen.« (Vogue Japan)
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Andreas Séché
Zwitschernde Fische
Du öffnest ein Buch.
Das Buch öffnet dich.
(Aus China)
Ausgerechnet im Buchladen fing er Feuer. Und so hatte er seine wundersamsten Erlebnisse an einem Ort, wo manche das Abenteuer gar nicht erst suchten, obwohl er doch voll davon war.
Natürlich wollte er eigentlich ein Buch kaufen oder vielleicht sogar zwei. Stattdessen entdeckte er ein neues, schwindelerregendes Kapitel seiner eigenen Lebensgeschichte. Dort, wo er sich todesmutig einem weiteren Roman hatte stellen wollen, zog ihn etwas noch viel Aufregenderes in den Bann, und es war von so betörendem Zauber, dass er es kurzerhand für Liebe hielt.
Das soll nicht heißen, dass Bücher und Liebe sich ausschließen und man sich immer für eines von beidem entscheiden muss. Zwar darf man, wenn man ein Buch kauft, deshalb nicht auch gleich die Liebe der Buchhändlerin erwarten. Wenn man sich aber in eine Buchhändlerin verliebt, bekommt man, wenn alles gut geht, auch die Bücher dazu. Manchmal allerdings geht das Leben sehr wunderliche Wege, und dann ist die Art von Liebe, der man in einem Buchladen begegnet, von ganz anderer und noch viel märchenhafterer Natur. Aber davon ahnte der Mann natürlich noch nichts.
An diesem Morgen war er besonders früh aufgestanden. Denn immer, wenn er ein Buch kaufen wollte, machte er daraus eine kleine Zeremonie. Ein gutes Buch, dachte der Mann, hat es einfach verdient, dass man den Tag, an dem man es in seiner Büchersammlung willkommen hieß, mit einem üppigen Frühstück beginnt. Bücherkauf und Frühstück, das war nicht nur beides Nahrung, das war auch der leidenschaftliche Beweis dafür, dass man noch genießen konnte. Und Lesen ist ja nichts anderes als Essen mit den Augen. Dass nicht jedes Buch den Hunger stillt, ist eine andere Sache.
Wenn der Mann zu Hause irgendein Buch aus seinem Regal zog, konnte er dazu stets auch eine Frühstücksgeschichte erzählen. »Das war das Frühstück mit den Kirschen und der Ananas«, sagte er dann vielleicht, wenn er Krieg und Frieden hervorzog. Oder: »Die Liebe in den Zeiten der Cholera, das hab ich im Herbst gekauft, denn ich erinnere mich an das Maronenfrühstück.« An dem Tag, als er losgezogen war, um Der Alchimist zu kaufen, hatte er vorher sogar spanische Oliven und Schafskäse besorgt, nachdem er in einer Literaturkritik gelesen hatte, dass das Buch von einem andalusischen Schäfer handelte. Doch meistens wusste er vorher noch nicht, welchen Roman er kaufen würde. Und schon gar nicht, was für Geschichten ihn darin erwarteten.
Auch an diesem Morgen hatte der Mann gefrühstückt wie ein König. Wie ein König frühstücken bedeutet nicht zwangsläufig, dass man viel isst, außer vielleicht in Amerika. Man muss nur intensiv essen. Diesmal waren das frische Brötchen, Äpfel und Pflaumen aus dem Garten, Salami aus Ungarn mit Basilikum, Saft aus Orangen und Kaffee mit Milch. Danach war der Mann aus dem Schlafanzug geschlüpft und hatte sich für eine Stunde in die Badewanne gelegt, sich mit geschlossenen Augen ausgemalt, welches Buch er wohl kaufen würde, sich dann ordentlich frisiert und das Gesicht nass rasiert. Für das neue Buch wollte er gut aussehen.
Um die Sache noch etwas hinauszuzögern, hatte der Mann auf dem Weg zum Buchladen seinen rituellen Umweg gemacht. Er war durch den Stadtpark spaziert, wo er eine Weile ein Kaninchen von unscheinbarer Farbe beobachtet hatte, das gelangweilt im Gras kauerte und widerstandslos den Rest seines möglicherweise freudlosen Lebens erwartete. Danach hatte er noch mit einer älteren Frau geplaudert und ein paar junge Mütter mit ihren Babys beobachtet. Der Mann war einunddreißig, da dachte man schon mal versuchsweise über Babys nach.
Aber um eine Familie zu gründen, fehlte ihm noch die richtige Frau, und darum hatte er sich eine Weile auf eine alte Parkbank aus schneeweißem Granit gesetzt und sich vorgestellt, er würde dort gerade auf die größte Veränderung seines Lebens warten, und in wenigen Minuten stünde die Veränderung vor ihm und fragte ihn mit gerötetem Gesicht, ob er Yannis sei. Sie könnte vielleicht nach frischem Kaffee riechen, weil sie bis eben noch in dem kleinen Café in der Nähe des Parks gearbeitet hatte, wo er ihr eine Blüte und eine Art Schatzkarte, die sie zu dieser Bank führte, in eine leere Tasse hatte schmuggeln können. In diesem Café gab es Teetassen, die wie Blütenkelche geformt waren, wie kleine zeitbefreite Geschichten, die niemals verwelken würden. Und vielleicht wäre die Kellnerin so müde von der Arbeit, dass sie gleich auf dieser Parkbank ihren Kopf in seinen Schoß legen und sich ausruhen würde. Aber das waren natürlich nur Gedankenreisen, denn obwohl diese Kellnerin ihn schon ein paar Mal angelächelt hatte (was gut war), stürzte ihn die Frage, ob die Leidenschaft hinter ihrem Lächeln verliebter oder beruflicher Natur war, in stürmische Verwirrung (was nicht so gut war). Außerdem gehörte zum Fundus des Cafés noch dieser unausstehlich gutaussehende Gitarrenspieler mit dem langen Haarzopf, der ebenfalls an der Kellnerin interessiert zu sein schien und jeden Konkurrenten mit dem Klang seines Instruments an die Wand spielte, damit niemand auf die Idee kam, sich in die falsche Geschichte einzumischen. Also hatte Yannis sich schließlich auf den Weg gemacht, denn eigentlich wollte er ja nicht träumen, sondern ein Buch kaufen (oder vielleicht sogar zwei). Obwohl Träumen und Lesen zweifellos gewisse Berührungspunkte hatten.
Unter dem Arm trug er einen kleinen Sack, den man oben mit einer Kordel zuziehen konnte und der vielleicht früher einmal als Nikolaussack für Süßigkeiten gedient hatte oder als Seesack für besonders kleine Matrosen. Wofür genau der Sack einst gedacht gewesen war, wusste Yannis nicht, und genau deshalb hatte er ihn vor vielen Jahren auf einem Trödelmarkt gekauft: als einen Sack, der eine verborgene Geschichte in sich barg. Seitdem nahm er ihn immer zum Bücherkaufen mit. Erstens hätte man gut und gerne zwanzig Bücher hineinpacken können (und diese Vorstellung tröstete Yannis über eine Wirklichkeit hinweg, in der man eigentlich keine zwanzig Bücher auf einmal kauft). Und zweitens liebte er es, wenn eine Verkäuferin ein Buch in eine Papiertüte hüllte und er dann das Buch samt Tüte in den Sack stecken konnte – zu Hause verlängerte das die Zeremonie des Auspackens. Das war dann fast, als ob man ein Geheimnis lüftete. Wie ein Magier, der aus einem Zylinder einen weiteren Zylinder hervorzaubert und erst daraus das weiße Kaninchen. Yannis fand überhaupt, dass die Welt manchmal ziemlich magisch sein konnte.
Während er den Stadtpark verließ, dachte er, dass Bücher auch wie Zylinder voller Mysterien waren, und sein Traum war, eines Tages vielleicht selbst eine Geschichte zum Leben zu erwecken, Kapitel für Kapitel und Gedanke für Gedanke, und dann würde irgendwann eine richtige kleine Welt vor ihm liegen, von ihm gestaltet und mit liebevollen Details versehen, und er würde den Leser durch spannende Episoden führen und durch traurige Ereignisse, durch romantische Liebesgeschichten, verwegene Abenteuer und verschlungene Begebenheiten. Und natürlich würde der Held mutig seine Angebetete erobern und keine Schüchternheit kennen. Und wenn, dann nicht, wenn es darauf ankam. Und wenn, dann nur ein bisschen.
Plötzlich blieb Yannis wie angewurzelt stehen. Wo war er? Während er vor sich hingeträumt hatte, musste er irgendwie vom Weg abgekommen sein. Er stand in einer schmalen, menschenleeren Gasse, die er nie zuvor bemerkt hatte und die wie sein Büchersack allerlei Mysterien zu bergen schien. Seltsam, eigentlich kannte er die Gegend in- und auswendig. Er war sicher nur einmal falsch abgebogen, und schon stand er auf einem lauschigen Weg mit gemütlich wirkenden kleinen Häusern, knorrigen Bäumen, zwitschernden Vögeln – und einem alten Buchladen, der offenbar in dieser winzigen Gasse vor der Großstadt in Deckung gegangen war. Das gefiel Yannis. Bücher brauchten nicht unbedingt eine Hauptstraße, Bücher brauchten Leser. Ein paar Ladenbesitzer fanden allerdings, dass da ein Zusammenhang bestand.
Staunend ging Yannis auf den Laden zu. Die verwitterte Fassade hätte durchaus hundert Jahre alt sein können. Oder tausend. Oder zweitausend. Yannis wusste, dass es in Athen schon vor zweitausendfünfhundert Jahren ein Buchhändlerviertel gegeben hatte, und vielleicht hatte dieser Laden hier die Zeit irgendwie überdauert. Im Laufe mehrerer Epochen waren die Nachbarhäuser zerfallen und neue gebaut worden, und das Geschäft war unmerklich Teil einer anderen Zeit geworden, und dann wieder einer anderen, und dann wieder. Schließlich war das einundzwanzigste Jahrhundert angebrochen, und niemandem war aufgefallen, dass der Laden sich klammheimlich durch die Jahrtausende gemogelt hatte. Die Farbe des Hauses war von weiß auf beige und von beige auf erdfarben gewechselt, als wäre es ein Chamäleon, das möglichst wenig auffallen wollte. Die kleine Eingangstür war aus verwittertem, dunklem Holz mit einem alten, silbernen Drehknauf daran. Außerdem hatte der Laden ein Schaufenster, das natürlich keinesfalls zweitausendfünfhundert Jahre alt sein konnte, obwohl es so verschmutzt schien, dass nichts dahinter zu erkennen war. Statt eines reißerischen »Bestseller, Riesenauswahl, Schleuderpreise« stand auf dem Fenster in altmodischen Lettern einfach »Buchladen«. Fein, dachte Yannis und wollte nach dem Türknauf greifen.
Im Jahr 1907 meinte das Schicksal es gut mit der Literatur. Astrid Lindgren, Daphne du Maurier und Yasushi Inoue wurden geboren, und Rudyard Kipling bekam den Nobelpreis für Literatur. Anatole France tüftelte am Leben der heiligen Johanna, James Joyce debütierte mit Kammermusik, Maxim Gorki veröffentlichte Die Mutter. Selma Lagerlöf rückte mit den Abenteuern des Nils Holgersson heraus, und im selben Jahr machten Bücher von Heinrich Mann, Ricarda Huch, Paul Heyse, Ludwig Thoma und Jack London die Welt ein kleines Stück vollkommener. Nur Johan August Strindberg, der das Kunststück fertigbrachte, ein Frauenhasser zu sein und dennoch dreimal zu heiraten, rotzte 1907 nach seiner dritten Scheidung rachsüchtig einen giftigen Roman in die Welt hinaus.
Es war die Zeit von Aldous Huxley, George Bernard Shaw und Alfred Döblin, der ein paar Jahre später seine Erzählung von der Ermordung einer Butterblume schreiben würde, in der ein Mann einer Blume den Kopf abhackt, eine scheinbar kleine Tat, die ins grenzenlose Chaos führt. Aber 1907 dachte Döblin vermutlich noch nicht über seine Blumengeschichte nach, vielleicht ein schwerwiegender Fehler, denn wäre die Novelle schon früher erschienen, hätte sie in London womöglich Schlimmeres verhindert. Immerhin nahm das impressionistische Kratzen an der Oberfläche in jener Zeit ein Ende, und die Schreiber schauten tiefer in die Abgründe der Menschheit. Damit konnten sie auch nicht früh genug anfangen. 1907 starb Klara Hitler, deren Sohn bald den Despotismus neu erfinden würde. Doch das Schicksal hat wohl ein Faible fürs Ironische, denn im selben Jahr brachte die Vorsehung dankenswerterweise Emilie Pelzl zur Welt, die später Oskar Schindler heiraten und mit ihm zusammen tausendzweihundert Juden vor Klaras Sohn retten sollte.
Anderswo setzte die Macht, die das Weltgeschehen lenkte, auf Beliebigkeit. In Rom eröffnete eine Frau namens Maria Montessori ihre erste Kinderstätte, in Norwegen starb Edvard Grieg. Österreich gönnte sich ab sofort das allgemeine Wahlrecht, und Stalin überfiel, um die bolschewistische Parteikasse aufzufüllen, einen Geldtransport der russischen Staatsbank. Gustav Mahler ging nach New York an die Metropolitan Opera. In Asien riss ein Erdbeben zwölftausend Menschen in den Tod. Die Welt steckte in einer wirtschaftlichen Krise, es gab Unruhen in Frankreich und Aufstände in Rumänien. Rasputin setzte hinterlistig seinen Fuß über die Türschwelle des Zarenhofes, und als sei all das noch nicht Überforderung genug, wandte sich Picasso dem Kubismus zu, wohl in dem Glauben, die Welt habe ausgerechnet jetzt auf Gegenmodelle zur klar strukturierten Zentralperspektive gewartet. Ein Mann namens August Musger führte erstmals die von ihm erfundene Zeitlupe vor, aber auch die konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Welt ein hektischer Ameisenhaufen war und die Vorsehung deshalb ihre Augen nicht überall haben konnte. Und so sah sie wohl gerade nicht hin, als im Königreich England ein Mann namens Arthur beschloss, seinen ehemaligen Freund Fletcher beim Abendessen zu vergiften.
Falls es wirklich eine alles übergreifende steuernde Kraft gibt, war sie an diesem Abend im Januar 1907 vielleicht erschöpft, oder sie ist von einer solchen Boshaftigkeit, dass Gott froh sein kann, wenn man ihm zugutehält, dass es ihn womöglich gar nicht gibt. Denn nichts, was über eine gewisse Anständigkeit verfügt, hätte zugelassen, dass Arthur sich wenige Tage nach Neujahr vornahm, seinen Ruf zu retten, indem er Fletcher vernichtete. Arthur fasste diesen Plan, während er mit getrübtem Blick auf eine leere Rotweinflasche starrte, und offensichtlich war auch sein Blick für die Folgen des Vorhabens getrübt, denn nicht eine Sekunde lang kam ihm in den Sinn, dass er mit der Ermordung Fletchers im Grunde nur einen Teil des Problems in den Griff bekommen würde. Nein, an jenem besonderen Abend war keine Kraft zugegen, die Arthur zuflüsterte, dass dieser Mord konsequenterweise zu einer weiteren, noch viel ruchloseren Tat führen musste, wollte er wirklich sein Ziel erreichen. Arthur war vielleicht auch nicht philosophisch genug veranlagt, um zu überblicken, dass Handlungen andere Handlungen nach sich zogen; dass zwar das Leben eines Einzelnen aus einer begrenzten Anzahl Kapitel bestand und man im letzten durchaus ermordet werden konnte, dass aber das Leben an sich weiter und weiter Kapitel an Kapitel reihte und keine Aktion ohne Reaktion ließ. So konnte eine geköpfte Butterblume schnell das Ende allen Seins bedeuten.
Daran dachte Arthur nicht. Nicht an diesem Abend und auch nicht an den letzten Tagen, bevor er sich auf den Weg zu Fletchers Haus machte. Stattdessen überlegte er, wie er Fletcher am besten vergiften konnte. Natürlich gab es auch andere Tötungsarten, und mit Mord kannte Arthur sich wirklich gut aus – aber er war schließlich Arzt, und was lag angesichts seines beruflichen Wissens näher, als Fletcher mit einem Nerventonikum aus dem Leben zu reißen? Zumal sich die Ermittlungsbehörden von einem Messer im Rücken mit deprimierend hoher Wahrscheinlichkeit zu dem Verdacht hinreißen lassen würden, dass eine Gewalttat vorlag. Ein kompetent ausgewähltes, unsichtbares Gift erschien Arthur eher geeignet, die postmortalen Untersuchungen zu entkrampfen. Schon ein paar Tage zuvor hatte Arthur in einer Apotheke ein Opiumpräparat gekauft. Jetzt musste er nur noch dafür sorgen, dass es Fletcher zugeführt wurde, und er wusste auch schon, wer ihm dabei helfen würde.
Im Jahr 1907 meinte das Schicksal es gut mit der Literatur, aber schlecht mit Fletcher.
Mit einem leisen Knarren öffnete sich die alte Holztür. Und vielleicht auch ein neues Leben, denn wenn man durch eine Tür tritt, weiß man nie, welche Veränderungen einen dahinter erwarten. Es sind schon Kinder durch Türen gegangen und als Erwachsene zurückgekehrt. Hinter Türen können Narren zu Weisen werden, Ziellose zu Menschen mit einer Bestimmung und Ungläubige zu Gläubigen. Aber auch Gesunde zu gebrochenen Seelen, Unschuldige zu Schuldigen und Vernünftige zu Wahnsinnigen. Hinter jeder Tür wartet eine Möglichkeit. Leider weiß man vorher nicht immer, welche.
Seltsam, dachte Yannis, blickte kurz über seine Schulter hinweg die verlassene Straße hinunter und dann wieder auf den Eingang. Er war fest davon überzeugt, dass er den Knauf gar nicht berührt hatte. Kurz bevor seine Hand das alte Silber umfassen konnte, schien die Tür wie von selbst nach innen zu gleiten, so langsam, als sei sie schwer von Begriff und müsse sich ihrer Funktion erst erinnern. Yannis beschlich das Gefühl, dass die Tür vielleicht ein gigantischer Buchdeckel war, der sich auf rätselhafte Weise nicht nach außen, sondern ins Buch hinein öffnete. Verwundert starrte er ins Innere und spürte, dass der wachsende Spalt eine Einladung war, die tief in seinem evolutionären Erbe uralte Begierden aus dem Schlaf riss.
Als Yannis über die Schwelle trat, fühlte er einen kurzen und sanften Luftzug im Gesicht und ein ahnungsvolles Wehen, wie es vielleicht auch Neil Armstrong gespürt hatte, als er seinen Fuß auf den Mond setzte. Vielleicht, dachte Yannis, betrete auch ich gerade Neuland, denn für gewöhnlich trennten Schwellen unterschiedliche Welten voneinander. Vorsichtig berührte er mit der Schuhspitze den Boden des Ladens. Doch nichts passierte. Kaum aber war er unsicher in den Laden getreten, glitt die alte Tür wie von Geisterhand bewegt hinter ihm ins Schloss zurück. Es war schummrig. Die große Fensterscheibe der Ladenfront war fast blind und außerdem mit Bücherstapeln so zugestellt, dass kaum Sonne in den Laden drang. Fast so, als wollte jemand mit aller Macht den Blick nach draußen versperren.
Oder nach drinnen.
Es gab auch kein elektrisches Licht. An der Decke baumelte ein alter Kronleuchter, und auf tropfendem Wachs leckten kleine Flammen an der Dunkelheit. In den Regalen entdeckte Yannis weitere Kerzen. Offenes Feuer neben Abertausenden Seiten Papier ließ auf einen Ladenbesitzer schließen, der entweder ziemlich sorglos war oder eine besondere Vorliebe für jene herausfordernden Momente des Lebens hatte, in denen sich Romantik mit einem kleinen Taumeln in eine Feuersbrunst verwandelte. Als ob es nicht schon genug wäre, dass in einem Buchladen die Wirklichkeit auf das Ausdrückbare reduziert wird, verringerte das fahle Licht noch das Sichtbare auf das Nötigste. Die kleinen Flammen flackerten in dem Windzug, der mit Yannis in den Laden geschlüpft war. Grotesk verzerrte Schatten huschten durch den Raum und verschwanden wieder wie namenlose Gestalten, die sich vor dem unerwarteten Besucher schnell in den verborgenen Winkeln und Nischen des Ladens verstecken wollten. Als die Feuerzungen zur Ruhe kamen, fand sich Yannis allein im Raum wieder.
Warum eigentlich? Hätte nicht der Ladenbesitzer auf ihn zutreten müssen? Oder wenigstens hinter der Kasse stehen und ihm zunicken sollen? Aber niemand war zu sehen. Eine Kasse konnte Yannis merkwürdigerweise auch nirgends entdecken. Nur ein altes Stehpult stand in der Nähe des Eingangs. Nichts lag darauf.
Im Laden roch es nach vergilbtem Papier, Holz, Leder und nach alten Zeiten. Irritiert bemerkte Yannis einen unergründlichen Duft, der ihn an einen Bach denken ließ. Die Wände waren bis unter die Decke mit morschen Bücherregalen verkleidet, und ein Stück weiter in den Laden hinein schmiegten sie sich nicht nur an die Wand, sondern standen mitten im Raum und schienen darauf aus, ein kleines, aber verwirrendes Labyrinth zu bilden. Yannis trat an eines der schweren Holzregale. Alte Bücher kehrten ihm den Rücken zu und standen in Reih und Glied wie Soldaten beim Appell, angetreten, um für eine höhere Sache ihre Haut hinzuhalten. Die Haut dieser Kämpfer des Geistes war aus Leder, und Yannis fragte sich kurz, wer eigentlich eines Tages auf die Idee gekommen war, ein Messer in die Hand zu nehmen, einem Tier die Haut abzuziehen und ein Buch darin einzuschlagen.
Nachdenklich starrte er die Bücher an, und die Bücher starrten zurück. Sie waren von unterschiedlicher Hautfarbe und doch ähnlich genug, um eine Gemeinschaft zu bilden. Für einen Moment kam Yannis Onkel Toms Hütte in den Sinn, ein Buch, in dem es um Menschen unterschiedlicher Hautfarbe ging, die es nicht schafften, in Gemeinschaft zu leben. Vielleicht, dachte Yannis, konzentrierten Menschen sich mehr auf ihre Unterschiede, und die Bücher in diesen Regalen besannen sich eher auf das, was sie verband. Dann schüttelte er den Kopf. So ein Unfug! Als ob Bücher ein Bewusstsein hätten.
Kantig waren ihre Rücken, und sperrig war bestimmt auch der Inhalt mancher Werke. Nicht jedes Buch trug eine Aufschrift. Ein Regal weiter waren die Buchrücken aus Papier. Hier standen Meisterwerke der Weltliteratur wild durcheinander. Shakespeare, Goethe, Hemingway, Dostojewski, Neruda, May, Faulkner, Christie, le Carré, Camus, Highsmith … Yannis lächelte, denn genauso chaotisch ging es in seinen eigenen Bücherregalen zu Hause zu. Er fand auch einen Garten, in dem alles durcheinanderwuchs, schöner als einen, in dem die Rosen im Rosenbeet trieben, der Schnittlauch im Kräuterbeet und der Rhododendron neben dem Rhododendron. Manchmal verdeutlichte Chaos die Vielfältigkeit der Dinge.
Yannis hob die Hand und ließ seine Finger langsam über die alten Buchrücken gleiten wie ein Verliebter, der seine Angebetete streichelt. Mit einer einzigen Bewegung fuhr seine Hand gleich über mehrere Jahrhunderte Literatur. Vielleicht, grübelte er, war es eine ziemlich unfaire Sache, dass irgendwo eine Frau oder ein Mann mehrere Jahre lang an einem Manuskript gesessen hatte – und herausgekommen war ein Buch, dessen Rücken im Regal nur wenige Zentimeter in Anspruch nahm und das man im Vorbeistreichen im Bruchteil einer Sekunde mit der Hand erfasst hatte. Aber um ein Buch mit dem Geiste zu erfassen, brauchte es tröstlicherweise mehr als einen Augenblick. Das hatte wohl damit zu tun, dass das Greifbare und das Anfassbare nicht immer dasselbe waren.
Nachdenklich blickte Yannis auf seine Hand – und bemerkte Staub an seinen Fingerspitzen. Merkwürdig. Anscheinend kam es nicht besonders häufig vor, dass ein Kunde den Laden betrat und sich mit den prachtvollen Büchern beschäftigte. Diese hier waren offensichtlich seit Jahren nicht mehr aus dem Regal geholt worden. Vielleicht war das auch gar nicht so gedacht. Die Bücher standen hier vermutlich so dicht, damit die Gestalten darin von Buch zu Buch und von Geschichte zu Geschichte huschen konnten. Hercule Poirot sprang zu Sherlock Holmes hinüber, um mit ihm zu fachsimpeln. Scharenweise stürmten hasenfüßige Ritter aus ihren eigenen Märchen davon, hinein ins Lied der Nibelungen, um von Siegfried ein paar Tricks abzukupfern, wie man Drachen tötet und Frauen verführt. Wenn man jetzt Quo vadis aus dem Regal zöge und aufschlüge, würde man vielleicht gar keinen Kaiser Nero darin vorfinden, weil der gerade in Shakespeares Drama Julius Caesar herumlungerte und mit dem römischen Diktator über Moral und Macht fachsimpelte und darüber, wie man das eine unterwandern kann, um das andere zu bekommen. In diesem Regal steckten der Handlungsreisende, Nathan der Weise und der Kaufmann von Venedig die Köpfe zusammen, kehrten ihren eigentlichen Geschichten den Rücken zu und jammerten über die traurigen Berufsaussichten im kaufmännischen Metier. Rudel von Wölfen waren hinter den unscheinbaren Lederrücken unterwegs, um gemeinsam neueste, kinderfreundliche Fresstechniken zu erörtern, zum Beispiel wie man eine ganze Großmutter verschlang, ohne sie dabei zu töten. Und dann würde einer stolz berichten, dass das ja noch gar nichts sei und er neulich höchstpersönlich eine halbe Herde Ziegenjunge vertilgt habe, und das ganz jugendfrei, nämlich ohne ihnen ein Haar zu krümmen, und alle würden mit den Augen rollen und ihn für einen Aufschneider halten. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn einer der Wölfe den Weg in Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden finden und Selma Lagerlöfs putziger Winzling einen Moment lang nicht auf seine Wildgänse aufpassen würde. Wenn Rotkäppchen sich mit Mogli träfe und herumtratschen würde, dass Wölfe streng genommen Charakterschweine sind – die ganze Dramaturgie des Dschungelbuchs wäre im Eimer, und Rudyard Kipling hätte vielleicht nie den Nobelpreis für Literatur bekommen.
In diesem Laden fehlte die Kasse, weil die Bücher gar nicht hier waren, um gekauft zu werden. Sondern um sich auszutauschen. Wenn man das Ohr an die Buchrücken legte und genau hinhörte, konnte man vielleicht sogar das geschäftige Treiben und die werkübergreifenden Debatten all der schillernden Figuren … Yannis schüttelte den Kopf. Was für eine abenteuerliche Idee. Und natürlich vollkommen unsinnig. Seit er dieses Buchgeschäft betreten hatte, fühlte seine Fantasie sich offenbar zu verwegenen Abschweifungen berechtigt.
Nicht seiner Fantasie entsprang hingegen das deutliche Gefühl, nicht mehr alleine im Laden zu sein. Plötzlich fühlte er etwas sehr Lebendiges direkt hinter sich stehen.
Als Fletcher fast zu Ende gegessen hatte, bemerkte er, dass etwas nicht stimmte.
Schon den ganzen Tag über hatten ihn seltsame Ahnungen geplagt. Ein leises Wispern in der Luft, ein kaum spürbares Vibrieren seiner Nerven, ein drückendes Vorgefühl im Bauch. Wie ein Gewitter, das man spürt, noch bevor es losbricht. Scheue Andeutungen, die kein konkretes Geständnis gewagt hatten, waren um ihn herum geflirrt. Nichts Greifbares, doch in den letzten Jahren hatte er Dinge erlebt, die noch viel unbegreiflicher waren und sich trotzdem nicht hatten verleugnen lassen. Die meiste Zeit hatte er an seinem Schreibtisch gesessen und darüber nachgedacht, was er tun sollte. Eine kleine Voodoo-Puppe aus Sackleinen, die auf seinem Tisch saß, hatte ihn dabei angestarrt, als wolle sie ihn dazu auffordern, ein paar Nadeln in sie hineinzustechen, gerade so, als könne man mit einem Ammenmärchen die Wirklichkeit beeinflussen. Draußen hatte der Wind um das Haus gewütet, hatte lose Äste und Blätter herumgewirbelt und gegen die Fensterscheibe geworfen, wie um Fletcher zu verhöhnen und mit Dreck nach ihm zu werfen. Wenn Fletcher zwischendurch hinausgeblickt hatte, konnte er die Raben sehen, die ihn jedes Mal an ein berühmtes Gedicht von Edgar Allan Poe erinnerten. Mit zerzaustem Gefieder hatten sie in den kahlen Bäumen gehockt und mit schwarzen Knopfaugen ins fahle Nichts gestarrt, so wie er selbst den ganzen Tag in die aussichtslose Düsternis seiner eigenen Zukunft geblickt hatte. Manchmal war Fletcher aufgestanden, vom Schreibtisch zum Bücherregal gelaufen, vom Bücherregal zum Fenster, und dann wieder zum Schreibtisch. Dabei hatte er leise vor sich hingemurmelt, als ließen sich Probleme leichter lösen, wenn man sie in Worte fasste. Als könne man Gefühle mit Spucke an Wörter kleben und einfach aus sich herausspeien. Doch die Verzweiflung hatte unbeeindruckt weiter an ihm genagt.
Fletcher hatte gespürt, dass sein Leben nach nur sechsunddreißig Jahren in eine Sackgasse geraten war, und nun wusste er nicht, wie er sich daraus wieder befreien sollte. Arthur hatte ihn auf eine Art und Weise hintergangen, die jedes Verzeihen unmöglich und alte Freunde zu ehemaligen Freunden machte.
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