13 Wochen - Harry Voß - E-Book

13 Wochen E-Book

Harry Voß

5,0

Beschreibung

Seit dem furchtbaren Gewitter ist nichts mehr so, wie es war. Simon erlebt merkwürdige Dinge: Gegenstände verschwinden, eine Freundin kennt Geheimnisse, die Simon nicht verraten hat, und er entdeckt eine mysteriöse Person, die ihn beobachtet. Ist dies eine Falle? Ein Traum? Eine Vision? Als sich das Rätsel löst, geht der Ärger erst richtig los. Um Schlimmes zu verhindern, muss Simon handeln. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. 13 Wochen lang sieht Simon die Welt mit anderen Augen, die ihn viel über sich und sein Leben erkennen lassen.

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Seitenzahl: 449

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Harry Voß

13 Wochen

Roman

Für Elisa und Josia

Harry Voß,

man kennt ihn als Autor der Buchreihe »Der Schlunz«, die sogar verfilmt wurde. Eigentlich ist er Referent für die Arbeit mit Kindern beim Bibellesebund und schreibt dort jede Menge Kinderbücher.

Mit »13 Wochen« zeigt Harry Voß, dass er nicht nur auch für die Älteren schreiben, sondern ihnen sogar eine richtige Gänsehaut bereiten kann!

Impressum

© 2014 by Bibellesebund Verlag, Marienheide SCM Verlag in der SCM Verlagsgruppe GmbH Holzgerllingen

© 2018 der 6. Auflage

© 2019 der eBook-Ausgabe

Bibellesebund Verlag, Marienheide

https://shop.bibellesebund.de/

 

Cover: Julia Neudorf, Gummersbach.

ISBN 978-3-95568-309-2

 

Bei den angegebenen Bibelversen handelt es sich um eine freie Übertragung des Autors.

 

Hinweise des Verlags

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des Textes kommen.

Noch mehr eBooks des Bibellesebundes finden Sie auf

www.ebooks.bibellesebund.de

Inhalt

Titel

Impressum

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

Dankeschön

1. Kapitel

Was für ein Gewitter! Simon starrte in das Dunkel der Nacht hinaus. Da, der nächste Blitz! Was für eine Wahnsinns-Naturerscheinung, wenn so ein Blitz wie eine gelbe Flusslandschaft den schwarzen Himmel durchpeitscht. In Gedanken zählte er mit. Einundzwanzig, zweiundzwanzig … der Donner kam so plötzlich und mit solch einer Wucht, dass Simon zusammenzuckte. Zum Glück war niemand außer ihm in seinem Zimmer. Eigentlich war er kein Typ, der zusammenzuckte. Simon war einer, der das Leben fest in der Hand hielt. Ein Siegertyp, vor dem die meisten in der Schule Respekt hatten. Umso ärgerlicher, dass er sich von so einem blöden Gewitter derart einschüchtern ließ. Zugegeben, ein so heftiges hatte er schon lange nicht mehr erlebt. Früher, als er noch ein Kind war, war er schon bei viel kleineren Gewittern zu seinen Eltern gerannt und hatte sich bei ihnen versteckt. Das tat er natürlich jetzt, mit fünfzehn, schon lange nicht mehr. Simon trat auf das Fenster zu und griff nach dem Rollogurt. Normalerweise ließ er das Rollo über Nacht oben. Es gefiel ihm, wenn sich morgens die Dämmerung in seinem Zimmer ausbreitete und man Tag für Tag sehen konnte, wie es heller wurde und der Sommer näher kam. Simon mochte den Sommer und er hasste den Winter. Er hasste auch den Frühling. Dass es wieder grün wurde, war das einzig Gute am Frühling. Aber der Rest war totaler Mist. Alle hatten schlechte Laune: die Lehrer, die Schüler, die Eltern, alle. Jeder hatte die Nase voll von dem dunklen Winter. Jeder wartete nur darauf, endlich wieder im T-Shirt in die Schule gehen zu können. Seit gestern war nun endlich April und alles deutete darauf hin, dass es wieder hell und grün wurde. Und so ein Gewitter wie dieses schien der ganzen Welt mit aller Macht zeigen zu wollen, dass auch das zum April gehörte: schlechtes Wetter.

Simon ließ den Gurt vom Rollo wieder los. Nein. Nur wegen eines blöden Gewitters würde er nicht das Rollo runterlassen. Simon war ein Sieger und er würde sich nicht verstecken. Nicht hinter einem runtergelassenen Rollo, nicht unter seiner Bettdecke, und erst recht nicht bei seiner Mama. Er stand nah am Fenster und schaute in die Nacht hinaus. Blitze zuckten über den Dächern der Stadt. Der Regen prasselte mit einer Lautstärke gegen die Scheibe und auf sein Fensterbrett, als ginge die Welt unter. Simon kniff die Augen zu einem Spalt zusammen und versuchte, durch die Regenwand hindurch irgendetwas zu erkennen. Sein Zimmer lag im Erdgeschoss. Wenn das Licht in seinem Zimmer aus war, konnte er auch im Dunkeln die Umrisse der Bäume und Büsche im Garten erkennen, auch Teile des kleinen Holzhäuschens mit den Gartengeräten. Wenn allerdings das Licht im Zimmer an und es draußen dunkel war, so wie jetzt, dann erkannte er draußen nichts, es sei denn, irgendetwas würde direkt vor seinem Fenster stehen. Umgekehrt wusste er, wenn jemand draußen stehen würde, könnte der alles erkennen, was Simon hier drinnen tat. Wenn er sich abends vor dem Schlafengehen auszog, stellte er sich manchmal vor, wie Nadja zufällig vorbeikommen und ihn beobachten würde. Allein die Vorstellung daran ließ sein Herz schneller klopfen. Natürlich wusste er, dass das niemals passieren würde. Der Garten war von einer großen Hecke umsäumt. Und die Straße dahinter war weit genug weg. Selbst wenn jemand die Straße entlanggehen würde, könnte der sicher nichts erkennen. Außer natürlich, Simon würde sich direkt vor dem Fenster ausziehen. Aber das tat er selbstverständlich nicht.

Es blitzte wieder. Simon zählte. Fünfundzwanzig, sechsundzwanzig. Ein Donner. Harmlos. Weit weg. Kein Grund mehr zum Zusammenzucken. Auch der Regen ließ nach. Simon beschloss ins Bett zu gehen. Es war inzwischen nach Mitternacht. Eigentlich schon Montag. Zweiter April. Er hatte am Nachmittag mit Jan so lange am PC gezockt, dass er erst nach 10:00 Uhr abends zu Hause angekommen war. Das hatte ganz schönen Stress mit seinen Eltern gegeben, denn die wollten, dass er um zehn längst im Bett lag. Aber das war ja wohl lächerlich. Simon war immerhin keine zwölf mehr. Meistens ließ er seine Eltern in dem Glauben, er würde ins Bett gehen und chattete dann noch bis nachts um eins oder zwei mit seinen WhatsApp-Freunden oder er zockte Internetspiele. Natürlich mit Kopfhörern. Aber jetzt war er müde. Kurz vor halb eins war ein guter Zeitpunkt, um ins Bett zu gehen. Weiterhin seinen Blick auf das Dunkel des Fensters gerichtet, zog er sein T-Shirt aus.

Ein weiterer Vorteil, wenn das Licht an und es draußen dunkel war, bestand darin, dass er sein Fenster als Spiegel benutzen konnte. Simon hatte keinen Spiegel in seinem Zimmer. Aber manchmal wollte er seinen Körper eben doch auch mal kritisch begutachten. Für seinen Geschmack war Simon viel zu dünn. Dünne Arme, dünner Bauch, Hühnerbrust. Manchmal überkam es ihn und er machte tagelang so viele Situps und Liegestütze, dass er sich vor Muskelkater kaum bewegen konnte. Danach gab er es wieder für mehrere Wochen auf. Aber so was wie ein Sixpack ließ sich auf seinem Bauch nicht blicken. Da gab es manche in seiner Klasse, die sahen jetzt schon aus wie die Jungs aus den Vampirfilmen, die anscheinend schon mit Sixpack auf die Welt gekommen waren. Wie die das hinbekamen, war ihm schleierhaft, aber er fragte natürlich nicht nach. Unfair war es trotzdem. Auch mit seinem Gesicht war Simon nicht wirklich zufrieden. Viel zu weiche Gesichtszüge. Hart und kantig wäre ihm lieber. Irgendwie männlicher. Manche hielten ihn noch für einen Achtklässler, obwohl er schon in der neunten Klasse war. Wenigstens hatte er keine Pickel. Wenn er an Leon dachte − puh, der sah manchmal aus wie ein Streuselkuchen. Furchtbar!

Simon musterte sich weiter von oben bis unten. Mit seinen blaugrauen Augen war er eigentlich ganz zufrieden, obwohl er fand, dass so richtig himmelblaue Augen noch besser bei den Mädchen ankommen würden. Einige Mädchen in seiner Klasse waren trotzdem hinter ihm her, und blaugrau war immer noch besser als so ein langweiliges Braun. Seine Haare waren auch ganz okay. Blond und kurz. Nichts Besonderes, aber auch besser als dieses Kack-Braun, womit manche aus seiner Klasse gestraft waren. Außerdem hatte er es raus, wie man sich die Haare so stylte, dass es richtig gut aussah. Wenn er morgens das Haus verließ, war er mit seinem Gesamtbild meistens recht zufrieden. Ein Siegertyp eben. Simon drehte sich seitlich zum Fenster und spannte die Bauchmuskeln an. Nein, da könnte er wirklich noch an sich arbeiten. Wenn in ein paar Monaten die Freibäder öffneten, musste das anders aussehen.

Plötzlich geschah etwas, das Simon den Atem raubte. Sein Spiegelbild im Fenster teilte sich. Aus seinem Gesicht, das sich eben noch prüfend angeschaut hatte, trat ein zweites Gesicht daneben und gaffte mit großen Augen von außen durch sein Fenster hinein. Mit einem lauten Aufschrei krachte Simon auf den Boden, heftete seinen Blick aber weiterhin auf das Gesicht im Fenster. Kein Zweifel – da stand jemand zehn Zentimeter vor seiner Fensterscheibe und starrte hinein. Und wenn er nicht genau gewusst hätte, dass er hier gerade auf dem Boden saß, würde er sagen, er selbst stünde da draußen vor seinem eigenen Fenster und schaute rein. Sein Spiegelbild war lebendig geworden! Aber es konnte nicht sein Spiegelbild sein, denn der Typ da draußen trug einen Kapuzenpullover – Simons Kapuzenpulli! – und die Haare hingen ihm klatschnass vom Regen ins Gesicht. Obwohl Simon sich zusammenreißen wollte, schrie er noch einmal laut auf, krabbelte auf allen Vieren zur Tür, zog sich am Türgriff hoch und rannte aus seinem Zimmer. O nein, o nein, on nein! Jemand stand im Garten und schaute in sein Zimmer rein! Simon lehnte von außen an seiner Zimmertür und schnaufte wie nach einem 400-Meterlauf. Er fasste sich an sein Herz. Es pochte, als würde er jeden Augenblick ermordet. Wurde er ja vielleicht auch! Simon japste immer noch nach Luft. Ihm wurde schwindelig, so schnell atmete er ein und aus.

Dann zwang er sich zur Ruhe. Erst mal nachdenken. Licht aus. Genau. Ohne sein Zimmer zu betreten, streckte er seine Hand durch den Türschlitz und tastete nach dem Lichtschalter. Klick. Aus. Jetzt war es im Zimmer wieder dunkler als draußen. Wenn jemand reinschauen wollte, würde er nichts mehr sehen. Aber Simon würde draußen jeden sehen können. Vorsichtig setzte Simon sich auf alle Viere und schob langsam die Tür so weit auf, dass er seinen Kopf gerade so eben durchstecken konnte. Er schaute zum Fenster. Niemand. Sofort stand er auf und schaute genauer hin. Niemand zu sehen. Er ging mit zwei Schritten bis direkt ans Fenster und presste die Nase an die Scheibe. Der Garten war leer. Das war doch unmöglich!

Simon griff nach seinem Handy und schrieb an Jan: »Warst du gerade vor dem Fenster?«

Antwort nach wenigen Sekunden: »Alter, ich schlafe!«

In jede WhatsApp-Gruppe: »Ist von euch jemand bei mir und steht vor meinem Zimmer?«

Einige Male: »Nein.«, »Spinnst du?«, »Lass mich schlafen.«

Dann zog er sein Sweatshirt wieder an, schlüpfte in seine Turnschuhe und nahm sein Handy als Taschenlampe mit zur Haustür. »Simon, bist du das?«, rief seine Mutter von oben aus dem Wohnzimmer.

»Alles gut!«, rief Simon nach oben. »Muss nur kurz was nachschauen!«

Er schaltete die Taschenlampe an seinem Handy an. Die Haustür lehnte er an, sonst würde er nachher nicht mehr reinkommen. Dann ging er nach draußen und um das Haus herum. Es regnete immer noch, wenn auch nicht mehr so stark wie vorhin. Er spürte den Regen kaum − seine Gänsehaut unter dem Pullover fühlte sich an wie eine Schutzschicht aus Metall. Obwohl er sich selbst zwingen wollte ruhig zu bleiben, keuchte er wieder wie gerade eben, als er sich vor seinem eigenen Spiegelbild erschreckt hatte. Er bewegte sich langsam an der Hauswand entlang, um mit dem Schein der Lampe jeden Winkel ausleuchten zu können. Überall schien es zu rascheln und zu knacken, aber das war bei dem Regen ja kein Wunder. Bald war er einmal um das Haus herum gegangen, sodass er jetzt auf der Rückseite stand. Im Garten. Direkt vor seinem eigenen Zimmer. Es war niemand zu sehen. Simon ging einmal quer durch den Garten, vorbei an allen Büschen und Bäumen bis zur Hecke am Gartenrand. Da, war da was? Jetzt ärgerte er sich, dass er keine richtige Taschenlampe dabei hatte. Bis in die hintersten Ecken leuchtete sein Handy natürlich nicht. Also fand er niemanden. Er hörte auch niemanden, traute sich aber auch nicht, einmal laut: »Hallo, ist da jemand?«, zu rufen. Wenn da jemand wäre, würde der bestimmt nicht antworten: »Ja, hier hinter dem Busch, komm bitte und töte mich mit deinem messerscharfen Handy!«

Das Gartenhäuschen. Ob der Fremde da hinein geflohen war? Simon näherte sich dem Häuschen und fragte sich gleichzeitig, ob er sich überhaupt trauen würde da reinzugehen. Was, wenn da wirklich einer drinsaß? Ein Einbrecher, ein Mörder oder sonst ein Verbrecher? Der würde ihn doch im Handumdrehen überwältigen. Neben der Tür zum Gartenhaus lag ein Schraubenzieher von seinem Vater. Mit einem schnellen Griff hob er ihn vom Boden auf und hielt ihn in die Luft wie einen Dolch, mit dem man jederzeit zustechen konnte. Sollte hier wirklich jemand sitzen und sich auf ihn stürzen, würde er das gnadenlos tun. Das schwor er sich in dem Augenblick, als er den Riegel an der Tür öffnete.

Der Raum stank nach Holz, altem Stoff und Grillkohle. Aber so sehr Simon auch die Ecken ausleuchtete, hier war niemand. Auf unheimliche Weise erleichtert, verriegelte er das Häuschen von außen, behielt aber den Schraubenzieher in der Hand, während er zurück durch den Garten auf das Haus zuging. Vor seinem Zimmerfenster blieb er stehen und leuchtete hinein. Genau hier hatte jemand gestanden. Hundert Prozent. Oder hatte er vor lauter Gewitterangst schon Gespenster gesehen? Hatte sich nur sein Spiegelbild verschoben? Gab es dafür nicht sogar eine physikalische Erklärung? Während er da stand und die Fensterscheibe seines eigenen Zimmers ausleuchtete, fiel ihm auf, dass er noch nie nachts um diese Uhrzeit allein hier im Garten gestanden hatte. Es war immerhin nach 12:00 Uhr. Geisterstunde. Als Zweites wurde ihm klar, dass er gerade mit dem Rücken zum riesigen Garten stand. Irgendjemand könnte sich ihm von hinten nähern. Er versuchte, sein Spiegelbild im Fenster zu erkennen. Und das, was da gerade hinter ihm vor sich ging. Waren da nicht sogar Schritte im Garten ganz in seiner Nähe? Seine Finger umklammerten den Schraubenzieher. Er biss seine Zähne noch fester zusammen. Schon meinte er zu spüren, wie jemand seinen Atem in Simons Nacken blies. Mit einem Ruck drehte er sich um und stach zu.

Nur Luft. Niemand da. Simon schüttelte den Kopf. Das wurde ihm jetzt doch zu dumm. Er würde sich jetzt nicht noch weiter in alberne Gruselgeschichten hineinsteigern. Wahrscheinlich hatte er sich das vorhin nur eingebildet. Fertig, aus. Mit schnellen, entschlossenen Schritten ging er um das Haus zurück bis nach vorne zur Haustür. Sie war immer noch angelehnt, aber während er sich hineinschlich und die Tür von innen schloss, krochen schon wieder unheimliche Gedanken in ihm hoch. Jemand hätte, während er selber hinten im Garten war, vorne zur Haustür reingehen können. Unweigerlich schaute er sich in seinem eigenen Hausflur um, ob er beobachtet wurde. Er leuchtete jeden Winkel ab.

Was ihm niemals irgendwie schlimm vorkam, war ihm jetzt plötzlich doch unheimlich: Nicht nur Simons Zimmer lag in der unteren Etage des Hauses. Weil das Haus keinen Keller hatte, befanden sich auch der Heizungsraum und eine große Abstell- und Gerümpelkammer im selben Stockwerk. Wohnzimmer, Küche, Badezimmer – alles lag eine Etage höher. Nur das Schlafzimmer seiner Eltern war noch hier unten, direkt neben Simons Zimmer. Aber seine Eltern saßen oben im Wohnzimmer. Die hatten natürlich nicht mitbekommen, was sich hier unten in den letzten Minuten abgespielt hatte und wer hier rein- oder rausgegangen war. Wieso waren die eigentlich noch so lange auf? Die gingen doch sonst nicht so spät ins Bett.

Einem Impuls folgend flitzte er die Treppe nach oben und betrat das Wohnzimmer. Für einen Augenblick erwartete er schon, seine Eltern dort tot aufzufinden. Aber sie saßen vor dem Fernseher. Irgendein alter Krimi.

»Was ist los?«, fragte seine Mutter in dem Tonfall, als sei ihr kleiner Sohn krank geworden.

»Nichts, alles gut.« Simon versuchte, mit einem Blick alle Ecken des Raumes zu erfassen.

»Hattest du Angst vor dem Gewitter?« Wieder dieser ekelhafte Ich-besorgte-Mama-du-armer-kleiner-Sohn-Tonfall.

»Quatsch!«

»Was hast du denn mit dem Schraubenzieher vor?«

»Nichts!«

Simon verließ das Wohnzimmer wieder. Er hasste diese völlig überflüssigen und kontrollierenden Elternfragen. Das hatte schon wieder was von: »Na, Simon, du hier im Wohnzimmer mit einem Schraubenzieher? Du wirst doch nicht um diese Uhrzeit noch an deinem PC rumschrauben? Du solltest doch schon längst im Bett sein!« Oder irgend so eine Eltern-Kacke. Die sollten mal froh sein, dass er überhaupt nach ihnen geschaut hatte! Er wäre der Erste gewesen, der die Leichen gefunden und der dann die Polizei und den Notarzt gerufen hätte! Obwohl er dann sicher eine gute Erklärung gebraucht hätte, warum die Eltern tot waren und er einen Schraubenzieher in der Hand hielt. Egal. Es war ja niemand tot und der böse Simon trug trotzdem um 1:00 Uhr nachts noch einen Schraubenzieher durch die Wohnung. Klarer Fall fürs Jugendamt.

Schnell, aber ohne Hektik knipste er in allen Räumen im oberen Stock die Lichter an, schaute sich um, löschte sie wieder und ging die Treppe nach unten. Zur Sicherheit noch ein Blick ins Schlafzimmer der Eltern – Licht an, Licht aus – alles in Ordnung. Unter dem Bett der Eltern hatte er nicht nachgeschaut. Man musste es ja nicht übertreiben. Er war ja nicht in einem Horrorfilm. Doch als er das Licht in der Abstellkammer einschaltete, nahm er den Schraubenzieher lieber noch mal in Kampfstellung in die Hand. So viele Kisten, Bretter, Regale und andere Sachen, hinter denen sich jemand verstecken könnte. Aber den Gefallen würde er dem Verbrecher jetzt nicht tun, jede Kiste zu öffnen und so was wie: »Na, wo ist denn der böse, böse Mörder?« zu faseln. Also. Licht aus, Tür zu. Außen steckte ein Schlüssel. Zur Sicherheit drehte er ihn einmal um. Auch die Tür zum Heizungsraum hatte außen einen Schlüssel. Zack – drehte er den Schlüssel um, ohne in den Raum zu schauen. Wenn dort jemand saß, wäre er für ihn zumindest in dieser Nacht ungefährlich.

Zuletzt kam er wieder in sein Zimmer. Licht an – und als Erstes: Rollo runter! Egal, ob er sich selbst damit als feige abstempelte. Für heute Nacht ging Sicherheit vor. Schnell zog er sich aus und den Schlafanzug an. Bevor er ins Bett stieg, warf er doch noch mal einen Blick darunter. Nein, da lag kein Monster mit aufgerissenen Augen, das ihn jetzt mit seinen langen Armen unters Bett ziehen würde. Da lag gar nichts. Nur Staub. Vielleicht war da soeben ein Vampir gestorben. Sollte er doch. Simon würde jetzt schlafen und den ganzen Spuk vergessen. Licht aus.

In der Nacht hatte Simon einen Albtraum: Jemand zog seine Bettdecke weg, riss ihn am Schlafanzug in die Höhe und verpasste ihm einen Kinnhaken, der es in sich hatte. Simon flog in die Ecke neben seinen Schreibtisch und verletzte sich dabei am Hinterkopf.

»Du Dreckskerl!«, hörte er eine vertraute Stimme rufen. »Wer bist du?«

»Was soll das?«, presste Simon hervor und versuchte, seine Augen aufzukriegen. »Ich bin Simon. Simon Köhler. Und wer bist du?«

»Ich!«, brüllte der andere. »Ich bin Simon Köhler! Ich allein! Und ich verlange jetzt eine Erklärung! Was hast du vor? Was ist dein Plan? Warum sollte ich sterben?«

Simon war noch viel zu benommen, um irgendwas zu kapieren: »Was soll das? Was willst du? Niemand muss hier sterben. Verschwinde aus meinem Zimmer!«

»Das ist mein Zimmer!«, schimpfte der andere. »Du schläfst in meinem Bett! Und das findest du auch noch lustig, was? Ich sag dir was. Es kann nicht jeder Simon Köhler sein. Sieh das ein. Versuch, dich zu akzeptieren und du selbst zu werden. Dann musst du nicht andere kopieren wie ein billiger Doppelgänger! Hast du verstanden?«

Simon fasste sich an sein Kinn und an seine Nase. Er hatte das Gefühl, es würde überall bluten. Mit Mühe blinzelte er und versuchte die Augen zu öffnen. Es war viel zu hell im Zimmer. Jemand hatte das Licht angemacht. Er war total geblendet, darum konnte er die Gestalt nicht richtig erkennen, die da vor ihm stand. Aber das, was er sah, sah aus wie er selbst. Sein Spiegelbild. Was war das? War er tot? Konnte er sich jetzt selbst von außen sehen? »Ich bin Simon Köhler«, sagte Simon müde und fragte sich gleichzeitig, warum er überhaupt so eine bescheuerte Diskussion mitten in der Nacht führen musste. »Und ich will ins Bett.«

»Na gut«, sagte der andere wieder mit bedrohlicher Stimme. »Dann schlaf von mir aus diese Nacht in meinem beknackten Bett. Aber morgen verschwindest du ein für alle Mal aus meinem Zimmer, verstanden? Und wenn ich dich morgen oder in den nächsten Tagen noch einmal hier in der Nähe meines Hauses sehe, dann prügel ich dir die Birne weich! Ist das klar?«

Ich träum das alles nur, dachte Simon. Ist doch logisch, dass hier nichts logisch ist. Träume sind nie logisch. Wahrscheinlich kommt gleich noch Oma rein, die schon seit Jahren tot ist. Und wahrscheinlich nimmt die mich gleich mit in den Himmel und dann bin ich eh tot und dann ist es egal, in welchem Bett ich schlafe oder nicht schlafe. »Alles gut«, schloss Simon müde seine wirren Gedanken ab und hatte die Augen längst wieder geschlossen. »Morgen bin ich weg. Versprochen.«

Ohne ein weiteres Wort verschwand die Gestalt.

2. Kapitel

Simon wachte auf, noch bevor sein Wecker klingelte. Er lag noch immer in der Ecke neben dem Schreibtisch. »Was ist denn hier los?«, brummte er verschlafen und stand auf. Da war er heute Nacht ja wirklich aus dem Bett gefallen! Mann o Mann! Früher als Kind hatte er oft unruhig geschlafen, das wusste er von seinen Eltern. Da hatte er sich immer mal den Kopf an der Wand gestoßen oder er war aus dem Bett gefallen. Aber so weit bis zum Schreibtisch? Das war rekordverdächtig. Simon rieb sich den Hinterkopf. Auch sein Kinn und seine Nase schmerzten. Wie war er da heute Nacht bloß gefallen?

Plötzlich fiel ihm sein Traum der vergangenen Nacht wieder ein. Wie er selbst als zweite Gestalt ihn hochgezogen und aus dem Bett geboxt hatte. »Es kann nicht jeder Simon Köhler sein«, hatte er heute Nacht zu sich selbst gesagt. »Versuche dich zu akzeptieren und du selbst zu werden. Dann musst du nicht andere kopieren wie ein billiger Doppelgänger.« Verrückt. Simon schüttelte den Kopf und ging nach oben ins Bad. War dieser Traum eine Vision? Sollte ihm das was sagen? Warum sollte er sich selbst akzeptieren? Das tat er doch! Und soweit er das überblickte, versuchte er auch niemanden zu kopieren. Andere versuchten eher ihn zu kopieren. Eigentlich war er mit sich selbst doch ganz zufrieden. Na ja, abgesehen von seinem fehlenden Muskelpaket, aber das konnte ja noch kommen. Bei einem Blick in den Spiegel fiel ihm auf, dass er getrocknetes Blut unter der Nase hatte. Wie konnte das sein? Hatte er sich heute Nacht selbst geschlagen? Im Traum sozusagen mit sich selbst gekämpft?

Während er unter der Dusche stand, trat dieser Traum immer deutlicher in sein Bewusstsein. Was hatte das alles zu bedeuten? Man müsste mal einen Traumdeuter befragen. Oder einen Psychologen. Der hätte sicher seine wahre Freude an einem solchen Traum. »Akzeptiere dich selbst. Du bist nicht Simon Köhler.« Simon musste lachen. Und mit der heißen Dusche glitten die Angst und das unheimliche Erlebnis von heute Nacht wieder von ihm ab.

Das Brot, das seine Mutter ihm wie jeden Morgen geschmiert und wie seit fast fünfzehn Jahren auf sein »Bob-der-Baumeister«-Brettchen gelegt hatte, schlang er in weniger als einer Minute hinunter. Eigentlich hasste er es, dass er mit diesem Essbrettchen immer noch in die Mein-lieber-kleiner-Junge-Schublade gesteckt wurde. Aber irgendwann hatte er beschlossen, dieses Kindergartenbrettchen gar nicht zu beachten, solange da immer noch ein geschmiertes Brot drauf lag. Er befürchtete, wenn er mal über das Essbrettchen meckern würde, würden auch die geschmierten Brote wegfallen. Auf diesen morgendlichen Luxus wollte er nicht verzichten, und so ließ er seine Mutter in dem Glauben, er freute sich noch über dieses beknackte Brettchen.

Wie jeden Morgen saß seine Mutter am Esstisch mit einer Kaffeetasse in der Hand vor ihren eigenen geschmierten Broten und wartete mit dem Essen, bis Simon in die Küche kam. Dann hatte sie immer den »Willst du denn gar nicht mehr mit mir zusammen frühstücken?«-Blick drauf, sagte aber nie etwas dazu. Und weil sie nichts sagte, brauchte Simon auch nicht zu antworten. Er verzichtete aber darauf, ihr durch einen allzu freundlichen Blick Hoffnung darauf zu machen, dass er jemals wieder wie zu Kindergartenzeiten gemeinsam mit ihr frühstücken würde. Zeitgleich mit Simons erstem Biss in sein Brot biss auch die Mutter in ihr Brot. Das schien ihr das Gefühl zu geben, die beiden würden doch noch zusammen frühstücken. Das müsste echt mal einer erforschen, was da in so einem verdrehten Mutterkopf alles vor sich ging. Für normale Menschen kaum nachvollziehbar. Als die Mutter das zweite Mal in ihr Brot biss, hatte Simon bereits das komplette Frühstück in den Mund geschoben, gekaut und runtergeschluckt.

»Geht’s dir wieder besser?«, fragte sie besorgt.

Simon hatte sich die Schultasche um die Schulter geworfen und war schon bei der Tür. Aber dann drehte er sich doch noch mal um und fragte vorsichtig: »Wieso?«

»Na ja, ich meine nur. Weil du gestern so … so komisch warst. So aufgeregt und durcheinander.«

Woher wusste sie das denn? Hatte sie etwa was mitgekriegt? Nur weil er kurz im Wohnzimmer nachgeschaut hatte, ob sie noch lebten? Hallo? »Es ist alles in Ordnung«, sagte er knapp.

»Ja, das hast du gestern auch gesagt«, sagte die Mutter und hatte ihren besorgten »Du-hast-doch-was-mein-Kind«-Blick aufgelegt.

»Echt? Hab ich das?« Wann sollte er das gesagt haben? Manchmal hörten Mütter auch Sachen, die sie gerne hören wollten, die aber nie jemand gesagt hatte.

»Alles in Ordnung«, sagte er noch mal.

»Und mit wem hast du da so laut geredet?«, fragte sie dann noch.

Jetzt stockte Simon erst recht. »Geredet? Mit wem denn?«

»Das weiß ich ja nicht. Es klang so, als hättest du dich mit jemandem gestritten.«

Simon schluckte. Jetzt wurde die Sache langsam unheimlich und er wollte das hier lieber nicht vertiefen. »Ich glaub, ich hab im Schlaf gesprochen. Nix Schlimmes.« Und damit ging er zur Küche hinaus und ließ die Mutter mit ihrem Brot dort sitzen.

Kurz nachdem er an der Bushaltestelle angekommen war, kam auch sein Kumpel Jan dazu.

»Du hast dich aber beeilt«, sagte Jan zur Begrüßung.

»Beeilt? Wieso?«

»Na ja, dass du so schnell deine Schultasche geholt und was Sauberes angezogen hast.«

Was sollte denn der Mist jetzt? Machte er sich über ihn lustig? War er sonst zu langsam und zu dreckig? Gefielen ihm seine Klamotten nicht?

»Guck dich doch selber mal an«, brummte er nur.

»Halt’s Maul«, gab Jan zurück. Damit war ihre Unterhaltung vorerst beendet.

Der Bus kam. Während Simon einstieg, sah er, dass von weit hinten noch jemand angerannt kam. Der würde den Bus sicher nicht mehr kriegen. So ein Idiot. Früher aufstehen, konnte man da nur sagen. Simon und die anderen wurden im Gang des Busses nach hinten gequetscht. Der Bus rollte an. Durch das Fenster konnte Simon sehen, wie der Typ, der den Bus noch kriegen wollte, wie ein Verrückter rannte. Fast war er auf Höhe des Busses, aber zum Mitfahren war es leider zu spät. Einen kurzen Augenblick schaute er von draußen in den Bus hinein und traf dabei zwischen all den Fahrgästen zielsicher Simons Blick. Im nächsten Moment wurden Simons Knie weich und er musste sich an den benachbarten Sitzen festhalten. Da draußen war der Typ aus seinem Traum gelaufen! Er selbst! Sein Gegenüber, sein anderes Ich!

»Da!«, entfuhr es ihm. »Jan, hast du den gesehen, der da neben dem Bus hergelaufen ist?«

»Nein.«

»Mist!« Simon bekam Schweißausbrüche. Verfolgte ihn etwa sein eigener Schatten?

Jan schien sich über nichts zu wundern oder er war noch sauer wegen der Bemerkung vorhin. Er schaute demonstrativ in eine andere Richtung. Simon hielt sein Handy in die Höhe, um ein Foto von dem Typ da draußen zu machen. Aber dafür war der Bus schon zu weit weg.

In der Schule lief eigentlich alles ganz normal. Hin und wieder blickte sich Simon in alle Richtungen um, ob seine Geistererscheinung noch mal zu sehen war. Aber sie blieb verschwunden. Simon hoffte, dass der Spuk damit ein für alle Mal ein Ende hatte.

Im Bio-Unterricht saß er so, dass er die ganze Stunde über Nadja anschauen konnte. Die war echt der Hammer. Schulterlange, blonde Haare, die ihr, wenn sie den Kopf nach vorne beugte, immer seitlich über das Auge fielen. Wenn sie dann ihren Kopf wieder nach oben richtete und mit einem Finger die Haare aus dem Gesicht strich, hatte sie dabei einen Augenaufschlag unter ihren dunklen, schmalen Augenbrauen, dass Simon jedes Mal fast verrückt wurde. Wenn sie dabei auch noch zufällig in seine Richtung sah und er in ihre dunkelblauen Augen schauen konnte, hatte Simon das Gefühl, beinahe ohnmächtig zu werden.

Die halbe Schulzeit über war sie damit beschäftigt, Zeichnungen in ihrem Collegeblock anzufertigen. Meistens mit Bleistift, manchmal mit Buntstiften. Der Blick, den sie beim Zeichnen draufhatte, hatte auch so was Umwerfendes, dass er ihr stundenlang dabei zuschauen könnte. Leider zeigte sie niemals ihre Zeichnungen. Zumindest ihm nicht. Wahrscheinlich hatte sie Angst, dass er sich darüber lustig machte. Dabei würde er das niemals wagen. Wenn er auch die ganze Klasse durch den Kakao ziehen würde – Nadja niemals. Einmal hatte Nadja wegen irgendwas den Klassenraum verlassen müssen und ihr Block hatte offen dagelegen. Da war Simon einfach mitten im Unterricht aufgestanden, um sich die Zeichnungen anzuschauen, die gerade auf der aufgeschlagenen Seite zu sehen waren. Und durch das, was er da gesehen hatte, wurde ihm so ein warmer Stich in die Magengrube versetzt, dass er sich gleich noch mal doppelt so viel in sie verknallt hatte. Da waren ein Pferdekopf und ein Sonnenuntergang − okay, das war kitschig − aber aus Nadjas Stift einfach traumhaft. Aber das Krasseste war die Zeichnung eines Mädchenportraits. Niemand bestimmtes, einfach ein Gesicht, dessen Augen den Betrachter direkt anschauten. Alles an diesem Gesicht war perfekt, die weichen Züge, die Lippen, die Haare – aber die Augen waren mit der größten Sorgfalt gezeichnet. Diese Augen strahlten so viel Liebe aus, dass Simon beim Anschauen das Gefühl hatte, er könnte diesem Mädchen direkt in die Seele schauen. Und als loderte in dieser Seele ein Feuer, das nach draußen dringen wollte. Wahnsinn.

Seitdem versuchte er alles, um Nadja für sich zu gewinnen. Aber sie schien sich nicht die Bohne für ihn zu interessieren und das ärgerte ihn. Denn in der Klasse gab es mindestens fünf Mädchen, die gern mit Simon zusammen wären, aber die fand er überaus langweilig. Nadja hatte etwas Geheimnisvolles. Im Gegensatz zu allen anderen hielt sie seinem Blick stand, selbst wenn er nicht nach drei Sekunden Augenkontakt wegschaute.

Eines der Geheimnisse, warum Simon ein Sieger war, lag in seiner Disziplin, die er sich selbst beigebracht hatte und in der ihn niemand schlagen konnte: im »Augenfechten«. Wenn jemand ihm frech kam oder eine dumme Bemerkung machte, dann brauchte Simon ihn nur lange, kühl und überlegen anzuschauen und zu grinsen. Nach spätestens drei bis fünf Sekunden schaute der andere woanders hin und Simon hatte die Runde gewonnen. Und der andere muckte danach meistens auch nicht mehr auf. Damit fühlte sich Simon allen in der Klasse überlegen. Auch den Lehrern. Bloß Nadja nicht. Und das machte ihn rasend. Nadja war nicht nur charakterstark und konnte wahnsinnig gut zeichnen, sie war obendrein auch noch wunderschön und schlank, aber sie zeigte ihre weibliche Figur fast nie. Meistens trug sie weite Kapuzenpullover. Die ganze Biostunde stellte er sich vor, wie sie wohl ohne den Pulli aussehen würde.

»Simon!«, ermahnte ihn plötzlich Herr Brandt, der Biolehrer.

Simon schreckte hoch: »Ja?«

»Träum nicht, pass lieber auf.«

»Ich hab aufgepasst.«

»Aha?« Herr Brandt verschränkte siegessicher die Arme vor der Brust und schaute Simon in die Augen: »Was waren noch gleich die Unterschiede von Prokaryoten und Eukaryoten?«

Dieser Schwachmat von einem Lehrer. Dachte wohl, jetzt hätte er ihn drangekriegt. Aber nicht mit Simon. Simon konnte träumen und zuhören gleichzeitig. Zumindest konnte er das, was er in den letzten zwei Minuten gehört hatte, ungefiltert wieder abspulen: »Die Eukaryoten haben einen Zellkern und Zellorganellen, die Prokaryoten nicht. Außerdem sind die Eukaryoten zehnmal größer als die Prokaryoten.«

»Na gut.« Mehr Lob bekam Herr Brandt nicht über die Lippen, sonst hätte er zugeben müssen, dass er mal wieder verloren hatte. 1:0 für Simon. Wie immer. Aber Simon war noch nicht fertig: »Im Gegensatz zu den Prokaryoten gibt es noch die Vollidioten. Und das sind Einzeller wie Leon.«

Die ganze Klasse lag vor Lachen unter den Tischen und kriegte sich kaum mehr ein. Leon, der Volltrottel der ganzen Klasse, lachte natürlich nicht. Er saß in der hintersten Reihe, wurde rot und schaute angestrengt vor sich auf den Tisch. Jetzt war es Simon, der die Arme vor der Brust verschränkte und siegessicher die Augenbrauen nach oben zog. 2:0 für Simon. Und jetzt die letzte Runde: Augenfechten mit dem selbstbewussten Lehrer. Ohne zu blinzeln. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig – Herr Brandt grinste nicht mehr. Simon sah, wie er versuchte, noch mehr Autorität in seinen Blick zu legen. So was wie: »Wart’s nur ab, Junge. Ich sitz hier am längeren Hebel.« Aber je mehr er versuchte, streng zu schauen, umso breiter und lässiger wurde Simons Grinsen. Und das hatte eine ganz eindeutige Botschaft: »Du kannst mich mal!«

Herr Brandt hatte kapiert, dass Simon es auf ein Machtspielchen anlegte. Er hielt dem Blick nach wie vor stand und war dabei langsam bis genau vor Simons Tisch gekommen. Die anderen lachten immer noch. Brandt hob sein Kinn, bemühte sich um etwas Überlegenheit in seinem Blick und zischte leise: »Pass bloß auf, Freund.« Dann drehte er sich um und ging zur Tafel zurück. Damit hielt er sich wohl für den Gewinner. War er aber nicht. Dieses Weichei von einem Lehrer hatte verloren. 3:0 für Simon. Leider immer noch kein Sieg bei Nadja. Die kriegte man mit solchen Sprüchen und kleinen Lehrergefechten leider nicht rum. Als er zu ihr rüberschaute, war sie über ihren Collegeblock gebeugt und zeichnete irgendwas. Die Augen konnte er nicht sehen, weil ihre Haare wie ein Vorhang darüber hingen. Das schwächte den Sieg über Brandt direkt wieder ab.

In der großen Pause musste Simon irgendwas tun, um seinen Sieg über Herrn Brandt noch ein bisschen hervorzuheben. Hauptsächlich, um seinen Ärger über Nadjas Nicht-Lachen zu verdrängen. Die ganze Klasse war gerade dabei, die Räume zu wechseln. Laut grölend schlurfte er zusammen mit seinen Kumpels Benno, Konstantin und Julian von einem Gang zum anderen. Dabei erzählten sie sich Witze oder lästerten über die Lehrer und Schüler ab. Direkt vor Simon ging Leon. Er sah nicht nur aus wie ein Tollpatsch, er lief auch wie einer. Jeder Schritt so, als wären ihm die Schuhe zwei Nummern zu groß. Simon stieß Konstantin beim Gehen an und zeigte auf Leons Gangart. Konsti und die anderen kicherten und äfften Leons Gang nach. Und dann folgte Simons besonderes Kunststück: Er war super geschickt darin, anderen von hinten beim Gehen leicht, aber gezielt seitlich so gegen den Fuß zu treten, dass sie stolpern mussten und manchmal mehrere Schritte brauchten, um sich überhaupt wieder zu fangen und normal weiterlaufen zu können. »Gehfehler«, nannten sie das. Das wollte er beim Volltrottel Leon allen mal vorführen. Zack, ein leichter Tritt – und Leon stolperte so stark, dass er zuerst alles, was er vor sich in der Hand trug, in hohem Bogen von sich warf, dann mit rudernden Armen drei bis vier Stolperschritte torkelte und schließlich mit einem furchtbaren Bauchplatscher voll auf die Nase fiel. Leider hatte Simon von hinten nicht gesehen, dass Leon für Frau Dinkel, eine andere Bio-Lehrerin, ein Goldfischglas samt Fisch in der Hand trug, um es in irgendein Lehrerzimmer oder sonst wohin zu bringen. Jetzt flog das Glas quer durch den Gang, goss das Wasser samt Fisch über Frau Heidemann, die Schulsekretärin aus, die ihnen gerade mit einem Stapel Aktenordner entgegenkam, knallte auf den glatten Kachelboden und schlitterte da noch ungefähr fünfzig Meter, bis es zwischen zwei Sechstklässlern zum Stillstand kam. Zum Glück blieb es ganz. Frau Heidemann ließ vor Schrecken sämtliche Ordner fallen und begann mit hektischen Bewegungen, den Goldfisch aus ihrem überdimensionalen Ausschnitt zu befreien. Leon lag auf der Schnauze und mindestens fünf weitere Schülerinnen waren von dem vorbeizischenden Fischglas so erschrocken, dass sie hinflogen, zur Seite sprangen oder ihre Sachen fallen ließen. Je mehr die Sekretärin von oben in ihrem Ausschnitt herumfingerte, umso tiefer rutschte der Fisch. Die Frau schrie hysterisch, als würde sie gerade unter der Bluse aufgefressen. Ungefähr hundert Schüler kamen von allen Seiten angelaufen, umringten und filmten das Schauspiel, bis endlich der Fisch nach langem Schütteln unten aus der Bluse herausfiel. Einer der Lehrer, der das mitbekam, hatte schon das Fischglas aufgehoben und in irgendeinem Klassenraum mit Wasser gefüllt. Jetzt hob er den Fisch vom Boden auf und warf ihn ins Wasser. Sofort schwamm der Fisch in einem Affentempo in seinem Glas im Kreis herum, als glaubte er, je schneller er im Kreis schwamm, umso mehr würde er vor Frau Heidemann abhauen können. Dämliche Fische.

Wenig später stand Simon vor dem Schuldirektor und musste sich einen endlos langen und lauten Vortrag anhören. Aber Simon behielt die Hände in den Hosentaschen und grinste den Direktor frech und überlegen an. Du kannst mir gar nichts, du Ochse, dachte er nur. Direktoren redeten nur, weil sie sich für wichtig hielten. Aber im Grunde hatten sie keine Ahnung. Am wenigsten von Schülern.

Als Simon zurück zur Klasse kam, stand Leon vor der Tür und schaute ihn ängstlich an. Simon beugte sich beim Betreten des Klassenzimmers langsam bis zu Leons Ohr vor, flüsterte ihm leise, aber deutlich »Opfer« zu, und setzte sich in die letzte Reihe. Heute war er Gewinner auf der ganzen Linie.

Beim Mittagessen schaute seine Mutter ihn an, als käme er vom Mars. Simon wollte frech grinsen, wie ihm das bei allen Lehrern und Schülern gelang. Bei seiner Mutter gelang ihm das jedoch nicht. Wenn sie diesen Mutterblick draufhatte, könnte er einfach nur ausrasten. Da gab es nichts zu grinsen. Eine Weile versuchte er, ihren Blick zu ignorieren. Aber dann platzte es aus ihm heraus: »Was ist?«

»Ich mache mir Sorgen«, sagte sie vorsichtig.

»Es ist alles in Ordnung«, blaffte Simon, starrte auf das Handy neben seinem Essen und überprüfte die letzten Nachrichten. »Ich will einfach meine Ruhe haben. Ist das so schwer?«

»Aber du warst heute Morgen so seltsam. Und dann heute Nacht. Dass du so spät noch so lange draußen warst.«

»Reg dich ab!« Simon war lauter geworden, als er es sich vorgenommen hatte. »Ich war nur ganz kurz draußen, ich hab was nachgeschaut. Hab ich doch gesagt.«

»Ja, aber dann hast du gesagt, wir wollen ein andermal darüber reden.«

Jetzt musste sich Simon etwas mehr konzentrieren. Das hatte er letzte Nacht gesagt? Er hatte doch kaum ein Wort mit seinen Eltern gewechselt. Er fixierte seine Mutter mit einem scharfen Blick. »Wann hab ich das gesagt?«

»Heute Nacht. Als du mich in den Arm genommen hast.«

Jetzt hätte sich Simon fast an seinem Essen verschluckt. »Als ich WAS gemacht hab?!«

»Als du mich in den Arm genommen hast. Gestern Nacht. Als du völlig durchnässt wieder reingekommen bist.«

Die Sache wurde schon wieder unheimlich. »Das hast du geträumt.«

»Nein, ganz bestimmt nicht.«

»Bist du dir sicher, dass du noch ganz gesund bist?«

»Ja. Ganz sicher. Und heute Morgen hast du mich auch in den Arm genommen. Als du noch mal zurückgekommen bist und mich gefragt hast, welcher Tag heute ist.«

Das war zu viel. Simon sprang auf und schob mit lautem Krachen den Teller weg. »Du bist ja völlig krank im Hirn!«, schimpfte er. »Ich hab dich nicht in den Arm genommen! Ich weiß, welcher Tag heute ist! Heute ist der 2. April! Den ganzen Tag! Gestern – da war der 1. April! Da hättest du mich verarschen können! Aber nicht heute! Ich bin doch nicht bescheuert!«

Wütend rannte Simon die Treppe nach unten, nahm seine Jacke und verließ das Haus. »Ich bin bei Jan!«, brüllte er noch, bevor er die Haustür zudonnerte.

Entweder seine Mutter litt wirklich unter Wahnvorstellungen oder er selbst war nicht mehr ganz dicht. Der Traum vergangene Nacht. Dieser Typ im Garten. Derselbe Typ an der Bushaltestelle. Wie sollte das zusammenpassen? War er selbst, Simon Köhler, eine gespaltene Persönlichkeit? Konnte er an zwei Stellen gleichzeitig sein? Im Bus und draußen auf der Straße? Im Haus und im Garten? Konnten das Luftspiegelungen sein? Ein böser Engel, der ihn beobachten sollte? Ein Geist? Oder wollte ihn da jemand gründlich verarschen?

»Ich bin normal, ich bin normal, ich bin normal!«, sagte er laut vor sich hin, während er die Straße zu Jan entlangging.

In Jans Zimmer lag eine Matratze neben dem Bett, darauf eine Wolldecke und ein Sofakissen. So, als hätte er Übernachtungsbesuch gehabt.

»Hattest du Besuch?«, fragte Simon.

Jan musterte Simon, als hätte er sich verhört. »Ja, weißt du doch.«

»Nee. Wen denn?«

Jan runzelte irritiert die Stirn. Dann sagte er: »Einen durchgeknallten Landstreicher, bei dem ein Fremder im Bett lag.«

Simon lachte. So was Bescheuertes. »Ach so«, sagte er und fragte nicht weiter. Offensichtlich wollte Jan nicht darüber reden, wer hier zu Besuch gekommen war. Vielleicht hatte er ja eine Freundin. Egal. Ging ihn ja auch nichts an. Jan lachte auch und damit war das Thema beendet.

Sie zockten eine Weile auf Jans PC, aber dann nahmen sie sich vor, jeweils auf ihren eigenen Laptops gegeneinander zu spielen.

»Ich hol meinen schnell«, sagte Simon und machte sich auf den Weg nach Hause.

»Simon! Was machst du denn hier?«, fragte die Mutter, als sie ihm öffnete. Sie hatte schon wieder einen Blick drauf, als hätte sie einen Geist gesehen.

»Ich hab was vergessen«, sagte er knapp und ging direkt in sein Zimmer.

»Schon wieder?«, rief die Mutter ihm hinterher. »Ich dachte, du bist im Bad!«

Die Frau war echt krank, dachte Simon. Konnte man die überhaupt noch ernst nehmen? »Warum sollte ich denn im Bad sein?«, knurrte er nur kurz. »Ich hab doch gesagt, dass ich zu Jan wollte.«

Mit einem Griff hatte er seinen Laptop unter den Arm genommen und war schon bei der Zimmertür. Da stutzte er kurz und drehte sich in seinem Zimmer noch einmal um. War hier alles noch wie vorhin? Hatte hier jemand rumgewühlt? Fehlte hier was? Auf Anhieb fiel ihm nichts auf, das fehlen könnte. Trotzdem hatte er irgendwie das Gefühl, dass jemand hier gewesen war. Langsam ging er den Flur entlang bis zur Haustür. Was hatte seine Mutter gesagt? »Ich dachte, du bist im Bad.« Simon warf einen Blick nach oben Richtung Badezimmer und begann plötzlich zu schwitzen. Mist. Saß da etwa sein geheimnisvolles Gegenüber? Sein anderes Ich? Stand die finstere Seite von Simon Köhler vielleicht gerade unter der Dusche, während seine gute Seite ahnungslos durch den unteren Teil des Hauses lief? Langsam schlich er die Treppe nach oben und heftete seinen Blick auf den Türgriff. Einen Schraubenzieher hatte er nicht in der Hand. Aber einen Laptop. Damit konnte man jemandem super den Schädel einschlagen. Er hielt den Laptop wie einen Hammer über sich, während er mit der anderen Hand nach der Türklinke griff. Mit einem heftigen Schrei platzte er ins Badezimmer und war auf alles vorbereitet. Gespenster, Doppelgänger, Blut, Mörder, Psychopathen, Dämonen. Aber das Badezimmer sah aus wie immer. Und es war niemand drin.

Die Alte hat eine Schraube locker, dachte Simon, während er mit dem Laptop im Arm zu Jan zurücklief.

3. Kapitel

Am nächsten Morgen hatte Simon das Gefühl, als fehlte die Hälfte der Sweatshirts in seinem Schrank. Waren die immer noch in der Wäsche? Simon ärgerte sich. Er war sich sicher, dass sie gestern noch da gelegen hatten. Er wusste es: Seine Mutter wühlte in seinen Sachen! Eines Tages würde er sich bitter dafür rächen!

Im Bad fehlten sein Deo, sein Duschzeug, sein Haarspray, seine Zahnbürste und die Zahnpasta. Was war denn jetzt schon wieder los? Als er wütend seine Mutter darauf ansprach, konnte die sich das auch nicht erklären. Aber in einem der Schränke im Bad hatte sie all diese Sachen noch mal vorrätig. Merkwürdig war das trotzdem.

An diesem Morgen war sein Gesichtsdouble nicht an der Bushaltestelle. Wieder redete sich Simon ein, alles wäre in Ordnung. Hin und wieder versuchte er, im Unterricht die Aufmerksamkeit von Nadja auf sich zu ziehen, aber sie beachtete ihn zwei Stunden lang kein einziges Mal.

Als er zur ersten großen Pause aus seiner Klasse heraustrat, stand Herr Hofmann, ein Sportlehrer, mit einem Sechst- oder Siebtklässler im Flur. Die beiden schauten ihn an, als hätten sie auf ihn gewartet. Mit ausgestrecktem Arm zeigte der Junge auf Simon: »Der war’s!«

»Was hab ich denn jetzt schon wieder gemacht?«, fragte Simon verärgert. Manchmal hatten sich die Lehrer auch ganz ohne Grund gegen ihn verschworen.

Ohne ein weiteres Wort ging Herr Hofmann auf Simon zu, packte ihn unsanft am Arm und zog ihn zur Seite. Dafür zeig ich dich an, du Penner, dachte Simon als Erstes. Aber dann überlegte er fieberhaft, um welche seiner letzten Aktionen es wohl gehen könnte. Ausnahmsweise war er sich keiner Schuld bewusst. »Jetzt bist du dran!«, knurrte Herr Hofmann.

»Was hab ich gemacht?«, rief Simon und befreite sich aus dem festen Griff des Lehrers.

»Du bist gesehen worden, wie du in den Umkleideräumen der Klasse 7b warst und die Schultaschen durchwühlt hast!«

»Was?!« Das war ja wohl der größte Witz, den Simon je gehört hatte. »Was soll ich gemacht haben?! Schultaschen durchwühlt? Von wem denn? Von dem da?« Er zeigte mit seinem Kinn verächtlich auf den blöden Pimpf, der wie ein Soldat neben seinem Lehrer stand.

»Von allen aus meiner Klasse!«, meldete der laut.

»Du spinnst ja wohl! Wann bitte soll ich das gemacht haben?«

»Eben gerade!«, quakte der kleine Idiot. »Während wir Sportunterricht hatten!«

»Was? Jetzt? Heute?«

»Ja!«

Na, das wäre ja wohl leicht zu widerlegen. »Benno, Julian! Kommt mal eben!«, rief er seine Kumpels herbei, die noch in der Nähe der Klassenzimmertür standen. Und als sie da waren: »Sagt, wo war ich die letzten zwei Schulstunden?«

Benno und Julian schauten sich verwundert an. »Hier bei uns natürlich. In der Klasse.«

»Wer kann das bezeugen?«, fragte Herr Hofmann.

»Die ganze Klasse«, sagte Simon. Endlich gewann er seine Sicherheit zurück und er konnte beginnen, sein siegessicheres Grinsen aufzulegen.

Herr Hofmann und der Schüler schauten sich kurz an. »Er war’s aber«, sagte der Schüler, »ich schwör’s!«

»Ich war die ganze Zeit in der Klasse und bin kein einziges Mal rausgegangen«, sagte Simon und verschränkte seine Arme, »das muss ich nicht schwören, denn alle aus meiner Klasse und meine Lehrerin können das bezeugen! Kauf dir mal ’ne neue Brille, Kleiner!« Damit ging er mit Benno und Julian auf den Schulhof und ließ seine Ankläger mit großen Augen zurück. Aber so sehr sich Simon auch bemühte, mit den anderen darüber zu lachen – irgendwie bereitete es ihm ein komisches Gefühl im Bauch. Gab sich da jemand als Simon aus und verbreitete in seinem Namen Unruhe? Klaute der auch Zahnbürsten und Duschgel? Verrückt, verrückt.

Als Simon in der nächsten Unterrichtsstunde – Musik – durch die Klasse spazierte, um etwas in den Mülleimer zu werfen, erblickte er im Vorbeigehen ein Kuscheltier in Leons Schulranzen. Einen Frosch aus Stoff, der ein rotes Band um den Hals gebunden hatte. War Leon noch ein kleines Baby? Der Frosch steckte so im Ranzen, dass ihn eigentlich niemand sehen sollte. Aber Simon hatte ihn gesehen. Langsam bewegte er sich auf Leon zu, zog mit einem Griff den Frosch an seinem Halsband heraus und hielt ihn für alle sichtbar in die Luft: »Oh, was haben wir denn da? Einen Frosch, quak, quak!«

Alle drehten sich um und lachten. »Gib ihn her«, bat Leon und hatte schon wieder etwas Weinerliches in der Stimme.

»Sag lieb ›bitte, bitte‹ zu Onkel Simon«, grinste Simon.

Da passierte etwas Merkwürdiges. Leon verlor plötzlich seinen weinerlichen Blick. Er stand von seinem Platz auf, stellte sich direkt vor Simon auf und sagte: »Simon, denk dran. Du willst das Böse nicht tun. Du kannst dich noch bremsen.«

Mit allem hätte Simon gerechnet, aber mit so einem Anflug von Selbstbewusstsein von dem Trottel Leon nicht. Fast hätte er den Frosch fallen lassen, aber er ließ sich nichts anmerken: »Was ist los? Bist du unter die Psychiater gegangen?«

»Simon. Ich weiß, du erinnerst dich nicht. Aber ich erinnere mich. Und ich weiß, dass du das Böse eigentlich nicht tun willst.«

»Was laberst du für einen Müll?« Simon grinste. »Ich bin das Böse! Und natürlich will ich das Böse tun!«

Leon redete leiser, aber eindringlich: »Nein, Simon. Du bist das Opfer.«

Das war zu viel. »Was?«, plärrte Simon durch den ganzen Klassenraum, sodass selbst Frau Lenz, die Musiklehrerin, aufhörte, mit den Schülern der ersten Reihe Unterricht zu machen. »Ich bin das Opfer?! Das wollen wir ja mal sehen!« Er packte den Frosch an einem Bein, ließ ihn wie ein Lasso über seinem Kopf kreisen und schleuderte ihn dann quer durch den Klassenraum, sodass er neben der Tafel im Waschbecken landete. »Hol ihn dir, du Opfer!«

»Simon«, sagte Frau Lenz so streng, wie es einer überforderten Musiklehrerin möglich war, »lass deine Stofftiere zu Hause.«

»Es ist nicht meins«, rief Simon durch die Klasse. »Es ist der Quakfrosch vom Froschgesicht Leon!«

Unter dem Gelächter der halben Klasse trabte Leon nach vorne und fischte seinen Frosch aus dem Waschbecken.

Am Mittag nach der Schule stand Simon mit einer kleinen Gruppe Jungs vor dem Haupteingang und beobachtete die Mädchen, die rauskamen. Einigen, die gut aussahen, pfiffen sie hinterher. Anderen, die nicht gut aussahen, riefen sie Beleidigungen zu. Da kam Nadja mit ihrer Freundin Steffi raus. Konstantin pfiff ihr hinterher, aber Simon brachte keinen Ton raus. Er bemühte sich, nicht rot zu werden, und nahm sich vor, endlich mal einen Vorstoß in Richtung Nadja zu wagen. Er gab sich einen Ruck und ging auf sie zu. »Na, was machst du heute Nachmittag?«, fragte er so lässig wie möglich.

»Lernen«, antwortete Nadja, ohne stehen zu bleiben.

Simon hielt mit ihr Schritt. »Und morgen?«

»Weiß ich noch nicht.«

»Lust, was zu unternehmen?«

Nadja blieb nicht stehen, aber sie drehte ihren Kopf so Simon zu, dass ihre Haare kurz ihren Blick freigaben. Simon musste sich zwingen ruhig zu bleiben, um keine weichen Knie zu bekommen. »Was denn?«, fragte sie.

»Keine Ahnung. Schlag du was vor.«

Nadja ging langsamer. Sie schaute zu Steffi auf der anderen Seite und drückte ihre Schultasche noch etwas fester unter ihren Arm. »Ich glaub nicht, dass das eine gute Idee wäre.«

»Donnerstag?«, versuchte es Simon weiter.

Nadja überlegte kurz, dann lächelte sie auf geheimnisvolle Weise. »Donnerstag kannst du kommen.«

Wieder musste Simon sich zurückhalten, um nicht auf der Stelle in Ohnmacht zu fallen oder einen Purzelbaum zu schlagen. So normal wie möglich sagte er: »Echt? Zu dir?«

»Donnerstagabend bin ich im Teentreff. Da können alle hinkommen.«

Ach so. Seine Aufregung legte sich direkt wieder. Eine Veranstaltung. Aber immerhin. Sie ging hin, also könnte er auch hingehen. »Teentreff? Was ist das?«

»Ein Treffen für Teens. Wir singen, wir reden über die Bibel, wir machen noch andere Sachen. Manchmal gehen wir kegeln, manchmal schauen wir einen Film oder wir sitzen einfach da und unterhalten uns.«

Die zweite Hälfte von dem, was Nadja gerade gesagt hatte, bekam Simon schon gar nicht mehr mit. Er hatte nur »singen« und »Bibel« gehört, da war ihm schon schwarz vor Augen geworden. Singen??? Welcher normale Mensch unter fünfzig traf sich zum Singen??? Und Bibel?? Simon hatte im Reli-Unterricht schon mal in einer Bibel lesen müssen, und zwar unter Aufsicht eines Pfarrers, der zwischen 100 und 200 Jahren alt war. »Die Bibel ist in heutigem Deutsch«, hatte er stolz angekündigt, bevor er sie ausgeteilt hatte. Aber was er dann gelesen hatte, klang trotzdem nicht viel »heutiger« und »deutscher« als Lessing oder Goethe. Alles alt, überzogen, moralisch und vor allem langweilig. So wie der glatzköpfige Pfarrer, der das alles »sehr interessant« fand. War ja auch logisch, denn Pfarrer mussten das ja interessant finden, immerhin war es ihr Beruf. So wie die Klofrau ihre Klos interessant finden musste und die Erzieherin ihre Kindergartenkinder. Aber Nadja??? Wollte sie Pfarrerin werden? Für einen Augenblick wollte er schon stehen bleiben und Nadja ihrem Schicksal überlassen. Aber dann siegte doch der Eroberungsdrang. Simon war ein Eroberer und so schnell wollte er Nadja nicht aufgeben. Vielleicht könnte er sie ja aus den Klauen der Singe-und-Bibel-Teens befreien.

Nadja bemerkte den irritierten Blick von Simon, denn er hatte nun bereits länger als drei Sekunden nichts mehr gesagt. »Schockt dich das?«, fragte sie.

»Nein, nein, ganz und gar nicht«, tönte Simon laut. »Ich meine … ich muss zugeben, dass ich dich nicht so auf Anhieb mit … ähm … Bibel und so … in Verbindung gebracht hätte, aber … ich find’s cool, echt. Bibel kann doch auch … also … sehr interessant sein … besonders, wenn sie … ähm … im heutigen Deutsch ist …«

»Gib dir keine Mühe«, sagte Nadja, grinste und schaute ihn mit ihrem typischen Augenaufschlag an, der ihn zum Zittern brachte, »ich weiß doch, wie du über die Bibel denkst.«

»Ach so. Na ja. Also, nee, ich meine … man kann ja auch dazu­lernen.«

»Also, wenn du willst, dann komm doch einfach. Ich würde mich freuen.« Nadja und Steffi waren bei ihren Fahrrädern angekommen, öffneten ihre Schlösser und packten die Taschen in den Fahrradkorb.

Nadja würde sich freuen! Simon hatte das Gefühl, einen Kopf wie Erdbeereis zu bekommen. Aber er tat weiterhin gelassen: »Ja, gut. Ich überleg’s mir.«

Nadja lächelte ihn kurz an, und zwar so, dass sich Simon schon beinahe sicher war, Donnerstagabend kämen sie zusammen. Dann schwang sie sich aufs Fahrrad und fuhr mit Steffi davon.

4. Kapitel

Die nächsten Tage waren erstaunlicherweise so normal wie immer. Kein Verfolger, kein Traum, keine falschen Verdächtigungen. Sollte der Spuk endlich vorbei sein?

Am Donnerstagabend warf sich Simon in Schale und machte sich auf den Weg in Richtung Teentreff. Er hatte Jan so lange bequatscht, bis der sich hatte breitschlagen lassen mitzukommen. Allein wäre Simon da nie im Leben hingegangen. Allein unter Bibellesern – das wär ja schon ein super Titel für einen Horrorfilm.

Außer Nadja und Steffi waren noch etwa sechs andere Mädchen da, die Simon höchstens vom Sehen kannte. Brav, unauffällig, belanglos. Manche sogar mit Haarspange, als kämen sie aus einem amerikanischen Fünfziger-Jahre-Film. Außerdem drei Jungs, die Simon noch nie gesehen hatte. Der eine von ihnen hatte jetzt schon – mit höchstens 15 – eine Frisur wie ein Pfarrer: viel zu lange, lockige Haare, die wild in alle Richtungen abstanden, und dazu einen Rollkragenpullover. Die zwei anderen sahen ganz normal aus. Viel zu normal für so einen Bibelkreis. Bestimmt waren sie totale Versager, sonst würden sie doch nicht in so eine Bibellesegruppe gehen!