Der Schlunz und die Spur des Verräters - Harry Voß - E-Book

Der Schlunz und die Spur des Verräters E-Book

Harry Voß

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Beschreibung

Bei Familie Schmidtsteiner bricht der pure Stress aus: Weihnachten steht ins Haus. Anlass genug für den Schlunz, ganz viele Fragen zu stellen: Warum verkleidet man zu Weihnachten das Haus in einen Tannenwald? Warum ist es das Fest der Liebe, aber wenn einsame Menschen mitfeiern wollen, sind sie nicht eingeladen? Auf der Suche nach einem schönen Weihnachtsbaum erinnert sich der Schlunz plötzlich wieder an den Weg, den er damals durch den Wald gegangen ist. Wie ein Verrückter rennt er los. Ob sich jetzt aufklärt, woher er kommt und wo seine Eltern sind? Und dann – einen Tag vor Heiligabend – taucht auch noch Besuch bei Lukas und Schlunz auf, mit dem niemand gerechnet hat und der das Weihnachtsfest der Schmidtsteiners vollends auf den Kopf stellt.

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Harry Voß

Der SchlunzBand 6

Der Schlunzunddie Spur des Verräters

Zum Autor vom „Schlunz“:

Harry Voß wurde 1969 in Dillenburg geboren (auf der Landkarte zwischen Gießen und Siegen) und ist in dem schönen hessischen Dorf Eibelshausen aufgewachsen. Als Kind ist er dort zum Kindergottesdienst und zur Jungschar gegangen und hat durch die Bibellese-Zeitschrift „Guter Start“ das Bibellesen kennengelernt. Das hat ihm so gut gefallen, dass er als Jugendlicher selbst in Jungschar und Kindergottesdienst mitgearbeitet hat. Weil er die Arbeit mit den Kindern so klasse fand, besonders Kinderbibelwochen und Jungscharfreizeiten, wollte er das auch beruflich machen. Sein Traumberuf: Kindermissionar. Darum hat er in Darmstadt Religionspädagogik studiert. Und jetzt ist sein Traum wahr geworden: Harry ist Kindermissionar beim Bibellesebund. Er führt in Gemeinden Kinderbibelwochen durch, fährt mit Kindern auf Freizeiten und hat 10 Jahre lang sogar die Kinder-Bibellese-Zeitschrift „Guter Start“ als verantwortlicher Redakteur geleitet.

2007 hatte er das Vergnügen, sein erstes Buch schreiben zu dürfen: „Der Schlunz“. Das war eine klasse Sache, aber jetzt spuken ihm schon wieder neue Ideen im Kopf herum. Harry spielt für sein Leben gern Theater, mag Peter Pan und Mary Poppins und möchte am liebsten für immer ein kleiner Junge bleiben.

Mit seiner Frau Iris und seinen Kindern Elisa und Josia lebt er in Gummersbach, geht dort zur evangelischen Kirchengemeinde und arbeitet ehrenamtlich in der CVJM-Jungschar mit.

Impressum

© 2009 by Verlag Bibellesebund MarienheideSCM R.Brockhaus GmbH & Co. KG, Witten

© 2019 der E-Book-Ausgabe

Bibellesebund Verlag, Marienheide

https://shop.bibellesebund.de/

 

Autor: Harry Voß

Coverillustration: Daniel Fernández Adasme

Covergestaltung: Julia Plentz

ISBN 978-3-95568-307-8

 

Hinweise des Verlags

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des Textes kommen.

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https://ebooks.bibellesebund.de

Inhalt

Titel

Impressum

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1

»Boah, eine Höhle, ein Geheimversteck!« Schlunz stand am Eingang und spähte in das dunkle Loch. »Lukas, schau doch mal, da liegen bestimmt hunderttausend Schätze versteckt!«

Papa trat aus dem Geräteschuppen, in der Hand einen verwitterten Sonnenschirm. »Nein, Schlunz, hier liegen bestimmt keine Schätze«, sagte er und zog die Augenbrauen hoch. »Das ist alles alter Kram. Den kann man nicht mehr gebrauchen.«

»Warum habt ihr ihn dann aufgehoben?«

»Weil wir gedacht haben, man könnte das eine oder andere vielleicht doch noch gebrauchen. Aber jetzt brauchen wir den Platz und darum kommt er weg.«

»Oh, schade«, sagte Schlunz und schaute wieder in den dunklen Geräteschuppen hinein. Schon den ganzen Tag war Papa hier im Garten am Ausräumen und Rumschleppen. Es war Samstagnachmittag und einer der wenigen Tage in diesem November, an denen es mal nicht regnete. Papa hatte schon vor zwei Wochen angekündigt, dass sich im nächsten Jahr die Familie Schmidtsteiner einen Kamin anschaffen würde. Einen schönen, gemütlichen Kamin im Wohnzimmer. Hier im Geräteschuppen sollte das Brennholz gelagert werden. Und dazu musste eben das ganze alte Zeug, das hier bis unter die Decke aufgehäuft war, verschwinden.

»So einen guten Sonnenschirm wollt ihr wegschmeißen?«, rief Schlunz Papa hinterher, der schon wieder auf dem Weg zur Straße war, wo der Sperrmüll sich inzwischen stapelte. »Was macht ihr, wenn mal wieder die Sonne scheint und ihr einen Sonnenschirm braucht?«

»Dann nehmen wir den neuen, den wir schon seit zwei Jahren benutzen!«, rief Papa zurück und verschwand vor dem Haus.

»Aus dem Stoff könnte man noch ein Zelt bauen«, sagte Schlunz zu Lukas, der neben ihm stand. Lukas seufzte und fuhr sich mit seiner Hand über seine kurzen blonden Haare. Er wusste, dass Schlunz jeden Müll gebrauchen konnte. Unter seinem Bett hatte er sich schon eine richtige Schatzkiste angelegt, in der er lauter alte Steine, Stöcke, Mausefallen und anderen Plunder gesammelt hatte. Der Schlunz wohnte erst seit sieben Monaten bei den Schmidtsteiners, aber seitdem war die Kiste mit dem Müll immer voller geworden. Lukas und seine Familie hatten ihn völlig verwahrlost und ohne Gedächtnis im Wald gefunden. Das Einzige, an das er sich erinnern konnte, war das Wort »Schlunz«. So nannten Lukas, Nele und seine Eltern ihn seitdem. Bis sein Gedächtnis wieder funktionierte und er seine Eltern gefunden hatte, durfte er bei Lukas im Zimmer wohnen. Und immer wieder fiel ihm was neues Verrücktes ein, das sie zusammen unternehmen könnten. So wie jetzt hier im Garten.

»Komm, Lukas«, sagte Schlunz, »wir schauen mal, was wir noch vor dem Sperrmüll retten können.« Damit ging Schlunz in den Schuppen hinein. Es war eng und an den Wänden lehnten noch alte Bettgestelle, sogar noch der Lattenrost von Neles kleinem Kinderbettchen. An einer Wand hingen unendlich viele Gartengeräte an Haken. Für die Gartengeräte war der Schuppen irgendwann wohl mal gebaut worden. In einem Regal lagerten alte Farbtöpfe, Blumendünger, Blumentöpfe und jede Menge weiterer unergründlicher Dosen und Werkzeuge. An einer anderen Wand hingen die Sommerreifen für das Auto, daneben stand der Rasenmäher. Eine Schubkarre mit plattem Reifen stand hochkant gegen die Wand gelehnt, in einer halb zerbrochenen Kiste lagen Spielsachen für den Sandkasten, mit denen Lukas und seine Schwester Nele schon lange nicht mehr spielten. »Und das soll alles weggeschmissen werden?«, fragte Schlunz noch mal. »Das kann ja wohl nicht wahr sein.«

Da stand Papa schon wieder an der Tür: »Und glaub bloß nicht, Schlunz, du könntest das alles, was ich jetzt zum Sperrmüll bringe, wieder herauskramen und irgendwo anders neu einlagern. Wir brauchen den Platz. Und manchmal muss man sich sowieso von alten Sachen trennen. Du könntest bei der Gelegenheit sicher auch die Hälfte deiner Sachen aus der alten Kiste unter dem Bett aussortieren.«

»Kommt nicht infrage«, protestierte Schlunz. »Ich dachte eher, ich füll meine Schatzkiste noch mit wertvollen Gegenständen aus dieser Wunderhöhle auf.«

»Ich warne dich«, sagte Papa, griff nach einem Rest Maschendrahtzaun und trug ihn nach draußen. Schlunz rollte mit den Augen und schaute sich nacheinander alle Wertgegenstände im Schuppen an.

»Hier ist ja sogar eine Steckdose«, staunte er, als er die Wand zwischen Schneeschieber und Laubrechen betrachtete. Als Papa wieder zurückkam, fragte Schlunz ihn: »Wozu braucht ihr denn Strom im Schuppen?«

»Ich weiß auch nicht«, sagte Papa, »ich glaub, als wir damals den Schuppen gebaut haben, hab ich gedacht, ich könnte mir hier so eine Art Werkraum einrichten, in dem ich ein bisschen bohren und sägen kann.«

»Und warum machst du’s nicht?«

»Das siehst du doch: Weil hier alles voll ist mit Gerümpel.« Und damit trug er zwei alte Klappstühle nach draußen und war wieder weg.

»Lukas«, kam es staunend von Schlunz, »wenn hier Strom ist, kann man hier ja richtig wohnen!« Sein Gesicht begann zu strahlen, und Lukas sah ihm an, wie er schon wieder die wildesten Ideen bekam. »Mensch, weißt du, was wir machen? Wenn hier alles leer ist, dann ziehen wir hier ein!«

Lukas verzog das Gesicht. »Was, hierhin? In dieses Dreckloch?«

»Klar!« Schlunz legte seine Stirn geheimnisvoll in Falten. »Natürlich nicht für immer. Aber wenn wir mal ganz ungestört sein wollen, dann können wir uns hierher zurückziehen! Das wird unser Geheimversteck!«

»Schön dreckig, unser Geheimversteck.«

»Geheimverstecke müssen dreckig sein«, sagte Schlunz mit ernster Miene. »Was sauber ist, ist ja nicht mehr geheim.«

Draußen im Garten stapfte mit Winterstiefeln und dicker Jacke der kleine Cousin Hiob herum. Hiob war ein Jahr alt. Im Dezember sollte er zwei werden. »Nein, nist machen!«, brabbelte er vor sich hin, hob verschiedene Kleinteile vom Boden auf und warf sie mit aller Kraft gegen die Hauswand. Papa kam dazu, als Hiob gerade einen Pinguin aus Keramik von seinem Sockel riss und ausholte, um ihn in Richtung Hauswand zu schmeißen. »Nein, nicht machen!«, ermahnte Papa ihn, nahm ihm den Pinguin ab und stellte ihn auf die Fensterbank des Geräteschuppens.

»Nein, nist machen!«, wiederholte Hiob und trat so fest gegen die Wand des Geräteschuppens, dass der Pinguin auf der Fensterbank zu wackeln begann.

»Hiob!« Papa hob den Zeigefinger. »Du, du, du!«

Hiob lachte frech, hob auch seinen Zeigefinger und plapperte Papa nach: »Du-du-du!«

Normalerweise wohnte Hiob nicht bei den Schmidtsteiners. Onkel Torsten und Tante Lydia, die Eltern von Hiob, hatten acht Kinder. Das neunte sollte im Januar zur Welt kommen, aber weil Tante Lydia Probleme in der Schwangerschaft hatte, lag sie nun schon seit etwa vier Wochen im Krankenhaus. Die Kinder waren zum Teil auf die Verwandtschaft verteilt worden. Dabei war Hiob zur Familie von Lukas und Nele gekommen.

Nele kam gerade nach draußen. Sie war neun Jahre alt, zwei Jahre jünger als Lukas. Sie trug ihre dünnen, blonden Haare unter einer dicken Pudelmütze versteckt. »Hiobchen!«, begrüßte sie ihren Cousin. »Weißt du, wo Lukas und Schlunz sind?«

»Nein!«, sagte Hiob frech. »Nist Lunz!«

Schlunz und Lukas kamen aus dem Schuppen nach draußen.

»Was macht ihr?«, fragte Nele die Jungen.

»Wir spielen Schatzsuche«, sagte Schlunz. Das stimmte zwar eigentlich nicht, aber Lukas wunderte sich nicht darüber. Schlunz begann seine Spiele oft völlig ohne Ankündigung. Da konnte eine Geräteschuppen-Aufräum-Aktion schon mal zur Schatzsuche werden.

»Welchen Schatz sucht ihr?«

»Komm mit«, sagte Schlunz, »wir zeigen ihn dir.« Er rannte voran bis zur Straße zum Sperrmüllstapel. »Hier«, sagte Schlunz, »das ist ein Haufen Wertgegenstände. Wer von uns das wertvollste Stück rausgeholt hat, hat gewonnen.«

»Das ist Müll«, sagte Nele und rümpfte ihre Nase.

»Nein, das sieht nur so aus.« Schlunz wühlte ein bisschen herum und zog einen alten Topf aus Blech mit einem Griff an der Seite heraus. »Der hier zum Beispiel ist in echt ganz wertvoll. Der ist aus dem Mittelalter.« Er machte ein wichtiges Gesicht. »Daraus hat Kaiser Franz der Große schon höchstpersönlich getrunken.«

»Wirklich?«

Da kam Papa dazu: »Wühlt die Sachen nicht wieder da raus. Schlunz, stell das wieder weg. Das ist doch total dreckig. Das ist ein alter Nachttopf, wer weiß, wer da schon alles reingepinkelt hat!«

»Iiiiiih!«, machte Nele und hielt sich die Nase zu. Papa lehnte drei abgebrochene Besenstiele an den Müllhaufen und ging wieder nach hinten.

Schlunz hielt den Nachttopf wie einen Pokal über sich: »Das ist nicht irgendein alter Nachttopf. In diesen Topf hat bereits Kaiser Franz der Große gepinkelt! Höchstpersönlich!« Und um zu beweisen, wie groß Kaiser Franz der Große war, kletterte er auf einen zerbrochenen Liegestuhl und von da aus auf einen wackligen Campingtisch, den Papa zum Sperrmüll gestellt hatte. Nele lachte: »Bist du vielleicht Kaiser Franz der Große?«

»Ja!«, rief Schlunz stolz und reckte den Topf noch höher in die Luft.

»Moment«, rief Nele, »dann fehlt dir noch der wichtige Inhalt in dem berühmten Topf!« Nele rannte zurück in den Garten und kam kurz darauf mit einem kleinen Eimer voller Wasser wieder zur Straße gerannt. Sie kletterte auf den alten Liegestuhl, stützte sich mit einem Fuß auf dem Campingtisch ab und goss das Wasser in den Nachttopf. »Die nächtlichen Soßen von Franz dem Großen«, sagte sie und lachte.

»Sehr gut, Dienerin Nele«, sagte Schlunz und hob den Topf wieder in die Höhe. Ein Reifenquietschen auf der anderen Straßenseite ließ alle drei aufhorchen. Ein kleines Auto hatte angehalten, genau hinter dem großen, schwarzen Mercedes, der den ganzen Tag schon dort stand. Eine Frau mit grünem Wollpullover und blondem Pferdeschwanz quetschte sich hinter dem Lenkrad hervor. Das war Frau Rosenbaum, die Leiterin vom Jugendamt der Stadt. Sie trug trotz der Kälte eine Jeansjacke, damit schien sie jünger wirken zu wollen, aber Lukas sah ihr an den Falten im Gesicht an, dass sie mindestens vierzig Jahre alt sein musste, wenn nicht noch älter. Weil der Schlunz ja nicht wirklich der Bruder von Lukas und Nele war, erklärte Frau Rosenbaum immer mal wieder, eigentlich sei ja sie für den Jungen zuständig. Kinder, die nicht bei ihren Eltern leben, werden vom Staat versorgt. Und der Staat richtet dafür Jugendämter und Kinderheime ein. Frau Rosenbaum war die Leiterin des Jugendamts und des Kinderheims der Stadt. Obwohl Mama und Papa seit einiger Zeit offiziell die Pflegeeltern vom Schlunz waren, zumindest bis er seine richtigen Eltern gefunden hatte, schaute Frau Rosenbaum immer mal wieder vorbei. So wie jetzt. Mit ihren hohen Absatzschuhen klackerte sie über die Straße. »Guten Tag, Kinder«, sagte sie.

»Guten Tag«, sagten Schlunz, Nele und Lukas im Chor. Als sie dabei leicht mit dem Kopf nickten, knackte der Campingtisch einmal laut und gefährlich.

Frau Rosenbaum blieb vor dem Tisch stehen. »Was habt ihr? Was macht ihr da?«

Lukas sah dem Tisch an: Wenn Schlunz oder Nele sich jetzt nur noch einen Millimeter bewegten, würde das Ding zusammenkrachen. »Nichts«, presste Nele zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Frau Rosenbaum legte ihre Hände zusammen und starrte Schlunz an. »Seid ihr ein Denkmal? Muss ich jetzt raten, wen ihr darstellt?«

»Ich bin Kaiser Franz«, sagte Schlunz, aber weiter kam er nicht. Mit einem weiteren »Kracks« knickte das vordere Bein des Campingtischs ein und Schlunz kippte vornüber. Dabei verlor er seinen Nachttopf, der mit einem großen Platsch Frau Rosenbaum genau auf dem Kopf landete. »Aaaaah!«, schrie sie und ruderte mit den Armen. Die komplette Soße von Franz dem Großen triefte ihr von Nase, Kinn und Schultern herunter. Der Nachttopf saß auf ihrem Kopf und bedeckte Haare und Augen. Nele krachte nach hinten und landete in einem alten Lampenschirm. Schlunz lag auf der Straße.

Da kam Papa angerannt: »Was ist denn hier los? Frau Rosenbaum, sind Sie das?«

Frau Rosenbaum stand bewegungslos auf der Straße und schnüffelte angewidert mit der Nase. »Was, bitte, war in diesem Topf?«

Nele beugte sich in ihrem Lampenschirm leicht vor und erhob ihren Zeigefinger: »Das war die Soße von ...«

Lukas sprang mit einem Satz neben Nele, hielt ihr den Mund zu und redete schnell weiter: »Da war ganz normales Wasser drin. Wir haben nur gespielt. Tut uns leid.«

»Gespielt«, wiederholte Frau Rosenbaum angeekelt. »Widerlich.« Sie drehte sich auf dem Absatz um und stakste auf ihr Auto zu. Sie schloss es auf und stieg ein, ohne den Topf von ihrem Kopf zu nehmen. Dann startete sie, fuhr ein Stück rückwärts und dann mit Vollgas nach Hause. Ihren Kopf hob sie dabei so hoch, dass ihre Augen unter dem Rand des Topfes hervorlinsen konnten. Offensichtlich fand sie den Topf so eklig, dass sie ihn lieber auf dem Kopf behielt, als ihn mit den Händen anzufassen.

Hiob stand am Gartenzaun, zeigte auf das Auto und rief: »Oma – bats macht!«

Papa hatte die Hände in die Seiten gestemmt. »Seid ihr verrückt geworden?« Mehr brachte er nicht raus. Schlunz, der sich schon wieder auf seinen Beinen befand, legte den Zeigefinger auf seinen Mund. »Kein Wort zu Mama, ja? Sonst flippt die aus.«

Papa schüttelte den Kopf und ging davon. Hiob lief ihm hinterher und rief immer wieder: »Oma – bats macht!«

»Ja«, sagte Papa, während er hinter dem Haus verschwand, »bei der Oma hat’s ganz schön batsch gemacht.«

»Seht ihr«, sagte Schlunz zu Lukas und Nele. »Der Topf war so wertvoll, Frau Rosenbaum hat ihn gleich mitgenommen. Sicher verkauft sie ihn jetzt für viel Geld.« Alle drei lachten laut los.

Da öffnete sich die Tür der großen, schwarzen Mercedes-Luxuslimousine, die den ganzen Tag schon vor der Haustür stand. Genau genommen stand die da nicht nur schon heute den ganzen Tag, sondern bereits seit über zwei Wochen. Ein breitschultriger Mann stieg aus, richtete sich zu seiner vollen Größe auf und kam langsam auf die Kinder zu. Nele erstarrte in ihrem Lampenschirm.

2

Nachdem vor etwa drei Wochen ein zweiter Verbrecher versucht hatte, den Schlunz zu töten, hatten die Erwachsenen beschlossen, den Jungen zu beschützen. »Personenschutz« nannten sie das. Damit meinten sie, dass seitdem jeden Tag dieser schwarze Mercedes mit zwei bis drei Polizisten vor ihrem Haus stand. Und immer, wenn der Schlunz irgendwohin gehen oder fahren wollte, fuhr ihm das Luxusauto hinterher. Sogar in die Schule begleitete sie das Fahrzeug, wobei die Polizisten nie mit in die Klasse kamen, sondern bis zum Ende des Unterrichts an der Straße warteten. Dabei achteten sie auf alles, was ihnen ungewöhnlich vorkam.

In der ersten Woche hatten sich die Polizisten ihnen vorgestellt und ihnen erklärt, wie der Personenschutz in der nächsten Zeit aussehen würde. Zwei Teams mit jeweils drei Personen würden sich abwechseln und das Haus und den Schlunz beobachten. Natürlich so, dass der Schlunz sich nicht gestört fühlen sollte. Aber doch auch so, dass ständig zwei von ihnen in seiner Nähe waren, wenn er unterwegs war: am Stadtweiher, auf dem Fußballplatz, im Gottesdienst oder auch einfach wenn Lukas und er nur ihre ferngesteuerten Autos auf der Straße fahren ließen. Anfangs fand der Schlunz das »total cool« und er prahlte überall mit seinen »persönlichen Leibwächtern«, wie er sie nannte. Aber nach einer Woche nervte das schon einigermaßen, wenn einem andauernd ein bis drei Polizisten versteckt folgten. Nele traute sich noch nicht mal mehr, ohne Fahrradhelm ihr Fahrrad in die Garage zu schieben, weil sie immer das Gefühl hatte, die Polizisten schauten nicht nur nach dem Schlunz, sondern auch, ob die Kinder sich an alle Verkehrsregeln hielten.

Einer von ihnen hieß Berthold Bruchsal. Er war etwas älter als Mama und Papa und schien der Chef der Truppe zu sein. Er hatte einen Schnauzbart wie der Schutzmann im Kasperletheater und sprach auch immer ganz vornehm. Der zweite hieß Stefan Medeweiher. Der war mindestens zehn Jahre jünger als der andere. Und weil die Polizisten beim Beobachten keine Polizeikleidung, sondern normale Klamotten trugen, sah er eher aus wie einer der Supersportler aus dem Fernsehen. Die dritte Person vom Personenschutz war eine Frau: Sabine Gütersloh. Mit ihren blonden, schulterlangen Haaren hätte sie gut auch den Wettbewerb für Deutschlands nächstes Topmodel gewinnen können. Aber Lukas sah ihr auch an, dass sie sehr stark war und dass es ihr sicher ein Leichtes war, einen Verbrecher mit zwei gekonnten Griffen zu überwältigen. Manchmal war nur ein Personenschützer von ihnen vor dem Haus zu sehen. Manchmal zwei. Und wenn die Kinder zur Schule oder sonst wohin unterwegs waren, waren sie zu dritt. Und einer von ihnen, Stefan Medeweiher, stand jetzt vor ihnen: »Alles klar bei euch?«, fragte er.

»Ja«, sagte Schlunz. »Sieht man doch.«

»Was wollte die Frau gerade?«

Schlunz hob seinen Zeigefinger: »Ich weiß es. Sie wollte sich den wertvollen Nachttopf von Kaiser Franz dem Großen abholen.«

»Aha«, sagte der Polizist. »Trägt man den jetzt auf dem Kopf?«

»Ja«, sagte Schlunz und nickte. »Weil der Griff so dreckig ist, dass man ihn nicht anfassen möchte.«

Der Polizist lachte und kehrte zu seinem Wagen zurück.

Später waren sie mit Nele zusammen wieder im Geräteschuppen. Schlunz erklärte ihr: Wenn der Schuppen leer wäre, dann gäbe das eine Wohnung.

»Aha«, sagte Nele. »Und wer soll hier wohnen?«

»Na, wir natürlich. Wir Kinder.«

»Ich denke, da soll das Holz für den Kamin gestapelt werden.«

»Ja, aber erst im Frühling. Und bis dahin wohnen wir hier.«

»Hat Mama das erlaubt?«

Schlunz stöhnte kurz auf. »Mama und Papa dürfen das natürlich nicht wissen. Das ist ein Geheimversteck für Kinder. Schau hier«, er zeigte auf die Steckdose hinter den Geräten, »hier gibt es sogar Strom. Da können wir eine Lampe anschließen, einen Fernseher und einen Computer.« Er zeigte in die Ecke, in der die Autoreifen hingen. »Und da schlagen wir unsere Betten auf. Eins für Lukas und eins für mich. Und wenn du schön brav bist, kriegst du auch noch eine Stelle zum Schlafen.«

Nele lachte. »Du bist lustig, Schlunz.«

Gegen Nachmittag war Papa mit seinen Aufräumarbeiten im Schuppen fertig und wandte sich dem Keller zu, den er ebenfalls entrümpeln wollte. Schlunz und Nele begannen sofort, den Schuppen zu reinigen, sofern das überhaupt möglich war. Mit alten Lappen wischten sie die Wände und Türen ab, entfernten Spinnweben von der Decke und aus den Ecken; sogar die kleinen Fenster an der Seite, die mit Sicherheit seit hundert Jahren nicht mehr geputzt worden waren, wurden wieder durchsichtig. Es staubte und qualmte in der Hütte, und als Lukas sah, dass einige Ecken so langsam tatsächlich ein bisschen sauber aussahen, entschloss er sich auch mitzumachen. Viel zu früh begann es dunkel zu werden, aber dank der gefundenen Steckdose konnten sie eine Nachttischlampe anschließen und weiterarbeiten. Im Schein dieser kleinen Lampe wirkte das Häuschen schon richtig gemütlich.

Die alten Farbtöpfe und Dosen schoben sie so eng zusammen, dass dadurch zwei Regalböden komplett leer wurden. »Da können wir unser Essgeschirr reinstellen und was wir sonst noch für unsere Wohnung brauchen«, erklärte Schlunz. Nele stimmte fröhlich zu, aber Lukas war noch nicht so hundertprozentig davon überzeugt, dass sie hier in diesem Dreckloch auch essen sollten.

Als krönenden Abschluss ihrer Aktion kramte Schlunz aus dem Sperrmüllhaufen auf der Straße zwei alte Bettvorleger wieder heraus, einen Badteppich, ein paar alte Stofffetzen und eine karierte Tischdecke. Den Teppich und die Bettvorleger verteilte er großzügig über den Hüttenboden, die Stofffetzen legte er auf die frei gewordenen Regalböden, und mit der alten Tischdecke verhängte er die Autoreifen an der Wand. Nele hatte im Keller zwei Holzbilderrahmen mit kitschigen Blumengemälden gefunden und hängte sie an zwei Nägeln auf, die nutzlos aus der Wand ragten. Mit diesen vielen kleinen Deckchen, Teppichen und Verzierungen sah der Schuppen jetzt ungefähr so aus, wie sich Lukas das Häuschen der sieben Zwerge vorstellte.

»Ist das schön hier«, schwärmte Nele. Schlunz strahlte übers ganze Gesicht: »Und jetzt gehen wir rein und holen unsere Schlafsäcke und Luftmatratzen.« Damit rannten sie durch die Kellertür ins Haus. Lukas konnte die Freude der beiden anderen noch immer nicht so recht teilen, aber er wollte kein Spielverderber sein und rannte mit.

Als sie die Treppe wieder hochstiegen, hörten sie Stimmen, die im Flur miteinander sprachen. Eine war die von Frau Rosenbaum. Sie schien also wieder sauber zu sein. Und etwas, das sie zu sagen hatte, war offenbar so wichtig, dass sie es wagte, die Schmidtsteiners zum zweiten Mal am heutigen Tag aufzusuchen. Die Stimmen von Frau Rosenbaum, Mama und Papa klangen ängstlich und aufgeregt.

»Nein, bloß nicht«, hörten sie Frau Rosenbaum sagen. »Er darf nichts davon wissen. Er soll sein Leben so unbeschwert wie möglich weiterführen.«

»Aber er ist viel zu sorglos.« Das war Mamas Stimme. »Ich hab das Gefühl, er kann die Gefahr gar nicht wirklich einschätzen. Was, wenn er ihm direkt in die Arme läuft?«

»Das wird nicht passieren«, sagte Frau Rosenbaum. »Bitte sagen Sie nichts. Denken Sie auch an Ihre Kinder Nele und Lukas. Die würden vor Angst umkommen. Legen Sie ihnen diese Last nicht auf.«

»Achtung, sie kommen«, zischte Mama leise.

Als Schlunz, Lukas und Nele durch die Kellertür in den Flur traten, standen Mama, Papa und Frau Rosenbaum da wie drei Schulkinder, die einen Streich ausgeheckt hatten und nun versuchten, ihn zu vertuschen.

»Was ist los?«, fragte Schlunz, der als Erster oben angekommen war.

Mama, Papa und Frau Rosenbaum warfen sich mit weit aufgerissenen Augen verzweifelte Blicke zu, als wollte einer vom anderen wissen, was er jetzt sagen sollte.

»Was darf ich nicht wissen?«, bohrte Schlunz weiter nach.

Mama bemühte sich um ein Lächeln. »Also, Kinder«, aber mehr sagte sie nicht. Wieder schaute sie verzweifelt zwischen Papa und Frau Rosenbaum hin und her.

»Also«, sagte Frau Rosenbaum da und zog sich hektisch ihre Jacke an, »ich wollte sowieso gerade gehen.« Sie zog ihre Mundwinkel zu einem faltigen Grinsen nach hinten und schaute die Kinder an. »Macht’s gut, Kinder, und passt schön auf euch auf.« Und damit verschwand sie, knallte die Haustür zu und ließ Mama und Papa wie zwei begossene Pudel zurück.

»Mama«, begann Schlunz noch einmal, »was hat Frau Rosenbaum gesagt?«

»Schlunz«, sagte Mama langsam und fasste Schlunz vorsichtig an den Schultern.

»Und denk dran«, sagte Schlunz noch, »man darf nicht lügen. Sagt ihr zumindest immer zu mir.«

Mama sah zu Papa und Papa sah zu Schlunz. »Weißt du«, sagte Papa und hielt den Atem an, während er weiter überlegte, »Mama und ich ... wir machen uns Sorgen. Dass da nun schon zweimal jemand gekommen ist, der dich töten wollte, das macht uns wirklich zu schaffen. Das stecken wir nicht so locker weg wie du. Was wäre, wenn bald wieder einer käme? Bist du dir dieser Gefahr wirklich bewusst?«

Schlunz zuckte kurz mit einer Augenbraue. »Aber die drei von der Polizei passen doch auf mich auf.«

»Ja.« Papa seufzte. »Das hat Frau Rosenbaum ja auch gesagt. Und sie hat gesagt, wir müssen uns keine Sorgen machen. Der Personenschutz passt auf dich und auf uns auf.«

»Aber sie hat gesagt, da ist etwas, das ich nicht wissen darf.«

Papa richtete sich auf und schaute wieder zu Mama rüber. »Ja, das stimmt.«

»Und was ist das?«

Wieder Hilfe suchende Blicke zwischen Mama und Papa, aber keiner brachte ein Wort raus.

»Das können wir dir nicht sagen«, sagte Mama endlich, »denn das sollst du ja nicht wissen.«

Lukas war beunruhigt. So wie Mama und Papa hin und her schauten, da stimmte doch was nicht. »Frau Rosenbaum hat auch gesagt, Nele und ich würden vor Angst umkommen«, sagte Lukas.

»Ja«, sagte Mama. »Darum sagen wir es auch nicht. Denn wir wollen nicht, dass ihr vor Angst umkommt.«

»Einer der Polizisten ist ein neuer Killer«, begann Schlunz zu raten.

»Nein«, sagte Mama. »Und jetzt reden wir nicht mehr darüber.«

»Der Killer ist aus dem Gefängnis ausgebrochen«, riet Schlunz weiter.

»Schlunz!«, schimpfte Mama laut. »Schluss jetzt!«

In diesem Augenblick hörten sie aus dem Wohnzimmer einen Schlag, ein Krachen und gleich darauf einen lauten Schrei. Mama und Papa rannten sofort ins Wohnzimmer, die Kinder hinterher. »Auch das noch«, schimpfte Mama. Da lag Hiob auf dem Rücken neben einem umgekippten Stuhl und rund um ihn lagen ein ganzer Haufen Kekse und eine Schüssel, die zum Glück nicht zerbrochen war. Hiob heulte wie am Spieß. Offensichtlich war er auf den Stuhl gestiegen, um sich die Kekse aus einem der Regale im Wohnzimmerschrank zu klauen, und war mitsamt Stuhl und Keksen umgefallen. Mama nahm Hiob mit einem schnellen Griff in den Arm und pustete ihm den Hinterkopf. »Ach, mein Armer, Armer«, redete sie beruhigend auf ihn ein, während Hiob schrie, als wollte er sich im ganzen Leben nicht mehr beruhigen. Die Frage nach dem großen Geheimnis, das Mama nicht verraten durfte, hatte sich damit wohl fürs Erste erledigt. Lukas und Schlunz schauten sich kurz an und Lukas sah, dass Schlunz das Gleiche dachte.

Sie gingen nach oben in Lukas’ Zimmer und kramten einen Schlafsack und eine Wolldecke aus Lukas’ Kleiderschrank. Vor ihrem Zimmer trafen sie auf Nele, die außer ihrem Schlafsack und einer Decke auch schon zwei Kuscheltiere unter ihrem Arm trug. »Für die Nacht, ist doch klar«, sagte sie, obwohl sie keiner danach gefragt hatte. Unten im Flur kam gerade Mama aus dem Wohnzimmer. Hiob hatte sich schon wieder etwas beruhigt und saß wimmernd auf ihrem Arm. »Was habt ihr denn vor?«, fragte Mama.

»Wir wollen im Schuppen übernachten«, platzte Nele heraus.

»Im Geräteschuppen?« Mamas Ton wurde strenger. »Ihr wollt im Geräteschuppen übernachten?«

»Ja«, sagte Nele, »wir haben uns dort eine Wohnung eingerichtet. Ein Geheimversteck, das niemand findet.«

»Nein, macht das bitte nicht«, sagte Mama, »tut uns das nicht an.«

»Bitte, Mama«, quengelte Nele. »Nur heute Nacht. Morgen ist doch keine Schule.«

»Nein, das will ich wirklich nicht.« Mama war immer noch besorgt. »Ich hab doch eben gesagt, dass die Lage sehr ernst ist. Der Schlunz lebt gefährlich, da draußen läuft jemand rum, der den Schlunz töten will! Da muss man die Gefahr nicht noch vergrößern!«

»Will denn schon wieder jemand den Schlunz töten?«, wunderte sich Nele.

Mama holte tief Luft, stockte dann aber kurz und sagte: »Was meinst du, warum hier Tag für Tag die Polizei steht? Wenn keine Gefahr da wäre, müsste die Polizei uns nicht rund um die Uhr bewachen. Ihr ladet die Verbrecher ja geradezu ein, euch zu überfallen!«

Nele machte ein ängstliches Gesicht: »Dann will ich doch nicht im Schuppen übernachten.«

Schlunz rollte mit den Augen. »Nein, wir wollen ja gar nicht übernachten. Wir wollen es uns nur ein bisschen gemütlich machen in unserer Hütte.«

»In der Hütte«, wiederholte Mama. »Du meinst, im Geräteschuppen. Ich möchte wissen, was da gemütlich sein soll.«

»Wir haben uns eine Wohnung eingerichtet!« Nele war wieder fröhlich. »Das musst du dir anschauen! Wir haben Bilder aufgehängt und einen Teppich ausgelegt!«

»Da ist doch überhaupt kein Platz«, sagte Mama.

»Papa hat doch den ganzen Tag den Schuppen ausgeräumt. Jetzt ist da Platz.«

»Na, ich weiß nicht.« Mama zog ihre Stirn zu sorgenvollen Falten zusammen.

»Bitte, Mama«, sagte nun Schlunz. »Nur ein bisschen dort unten sitzen. Wir wollen uns ein paar Gruselgeschichten erzählen und nachher kommen wir auch wieder rein. Versprochen.«

»Also gut«, seufzte Mama. »Aber zum Abendessen seid ihr wieder hier.«

»Danke, Mama!«, riefen Schlunz und Nele gleichzeitig. Dann liefen sie zu dritt die Kellertreppe nach unten, vorbei an Papa, der ihnen nur verwundert hinterherschaute, zogen aus einem der Kellerräume noch drei Isomatten heraus und trugen das ganze Gepäck in den Schuppen. Die Isomatten breiteten sie an den Wänden entlang aus, legten die Decken und Schlafsäcke darauf und setzten sich. »Hier ist unser Geheimversteck«, sagte Schlunz dann und grinste Lukas und Nele an. »Hier findet uns kein Verbrecher.«

Lukas schaute seine Schwester streng an: »Außer, Nele erzählt in der ganzen Welt herum, dass hier unser Geheimversteck ist.«

»Wieso?«, verteidigte sich Nele. »Ich erzähl’s doch niemandem.«

»Mama hast du’s schon erzählt.«

»Mama ist ja auch Mama. Die verrät es niemandem.« Und um zu zeigen, dass sie ein bisschen schmollen wollte, nahm sie ihre riesige Diddlmaus in den Arm und streichelte ihr die große Nase.

3

Mitten in der Nacht wachte Lukas auf. Er lag zwar ganz normal in seinem Zimmer im Bett, aber irgendetwas stimmte nicht. Hatte er ein Geräusch gehört? Oder war es gerade beunruhigend, dass er kein Geräusch hörte? Er knipste seine Nachttischlampe an. Das Bett vom Schlunz war leer. Oh nein. Die Zimmertür war zu. Wenn Schlunz nur mal eben aufs Klo gegangen wäre, hätte er die Tür offen gelassen. Der Schlunz war weg. Eindeutig.

Lukas schlug die Bettdecke weg und schaute sich im Zimmer um. »Schlunz?« Er öffnete die Tür und schaute in den Flur. »Schlunz, bist du da?« Keine Antwort. Er schaute im Bad nach. Niemand. Er schaute heimlich in Neles Zimmer nach. Nele schlief. Kein Schlunz. Ganz leise öffnete er die Schlafzimmertür von Mama und Papa. Kein Schlunz zu sehen. Normalerweise wachte Mama sofort auf, wenn Lukas nur mal eben seinen Kopf ins Schlafzimmer reinsteckte. Aber diesmal schliefen beide fest und bewegten sich nicht. Lukas schloss die Tür wieder. Langsam stieg er die Treppe nach unten, schaute sich in den verschiedenen Zimmern um. »Schlunz?« Angst kroch in ihm hoch. Durch eins der Wohnzimmerfenster, das zur Straße hin lag, schaute er nach draußen. Der Mercedes der Polizisten stand seelenruhig am Straßenrand. Niemand schien beunruhigt zu sein. Keinem war aufgefallen, dass der Schlunz verschwunden war. Lukas begann zu keuchen, aber er versuchte es zu unterdrücken. Er wollte kein Geräusch von sich geben. Ob hier noch jemand im Haus war? Ob jemand den Schlunz entführt hatte? Oder saß der Schlunz etwa im Geräteschuppen? Lukas schauderte. Dazu müsste er durch den Keller gehen. Normalerweise hatte er keine Angst, in den Keller zu gehen. Aber in dieser Nacht stellte er sich vor, wie irgendein Verbrecher da unten saß und nur darauf wartete, dass Lukas oder Schlunz nach unten gingen, um sie dann gefangen zu nehmen. Aber wenn Lukas herausfinden wollte, ob der Schlunz in seinem Geheimversteck saß, musste er diesen Weg nehmen. Nahm er die Haustür, machte er die Polizisten auf sich aufmerksam. Lukas stand vor der Kellertür, atmete einmal tief ein und aus und öffnete sie dann entschlossen. Die Tür knarrte viel zu laut. Einen Augenblick lauschte Lukas, ob jemand wach geworden war, dann schaltete er das Licht im Keller an und ging nach unten. Ängstlich schaute er in jede Ecke, während er den kurzen Gang entlangging. Er kam sich vor wie diese Polizisten in den Krimis, die sich von Tür zu Tür vortasten und immer erst ihre Pistole in den Raum halten, bevor sie weitergehen. Nur dass Lukas die Pistole fehlte. Als er an der Außentür angekommen war, löschte er das Licht im Keller wieder und ging nach draußen. Mann, war das dunkel hier. Bis zum Schuppen waren es nur ein paar Schritte, aber bei jedem dieser Schritte meinte Lukas, er müsste vor Angst zusammenbrechen. Die wenigen Sträucher und Bäume auf dem Weg bis dorthin könnten ein gutes Versteck für jeden Killer sein. Lukas hörte seine eigenen Zähne klappern. Er nahm all seinen Mut zusammen und schaute nicht nach rechts und links, bis er am Schuppen angekommen war. Die Tür knarrte noch lauter als die Kellertür, als er sie öffnete. Im Inneren raschelte es, ihm war sofort klar, dass hier jemand war. Aber wer?

»Schlunz?«, flüsterte er leise ins Dunkle hinein.

»Lukas, bist du das?«, hörte er als Antwort. Das war Schlunz.

Lukas atmete erleichtert aus.

»Mann, hast du mich erschreckt«, sagte Schlunz leise.

»Und du mich erst«, sagte Lukas, als er die Tür von innen wieder schloss. Es war stockdunkel hier drin. Lukas tastete sich in gebückter Haltung vor und hatte bald Schlunz auf der Isomatte erreicht. Er setzte sich neben ihn. »Was soll das? Wieso gehst du mitten in der Nacht hier in den Schuppen?«

»Wir wollten hier doch übernachten.«

»Warum bist du ohne mich gegangen?«

»Ich hab gedacht, du wolltest nicht mitkommen.«

Lukas seufzte. »Ich hab total Angst gekriegt, als ich gesehen habe, dass du weg bist.«

»Tut mir leid.« Schlunz seufzte auch ein bisschen, und dann sagte er wieder fröhlicher: »Aber jetzt, wo du hier bist, können wir doch zusammen hier übernachten. Zu zweit ist es viel schöner als allein.«

»Wenn Mama und Papa das merken, kriegen sie die Krise.«

»Morgen früh, wenn es hell wird, schleichen wir uns wieder ins Haus. Sie werden gar nichts mitkriegen.«

»Schlunz, du bist verrückt.« Lukas krabbelte im Dunkeln zu der Stelle, an der sie am Nachmittag für ihn die Isomatte ausgebreitet hatten, und kroch in seinen Schlafsack. »Warum hast du das Licht nicht angemacht?«

»Hatte ich ja zuerst, aber dann hab ich gedacht, vielleicht sieht man das von außen, und ich wollte nicht, dass man mich entdeckt. Außerdem wollte ich ja schlafen.«

Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte Lukas: »So dunkel ist das viel unheimlicher.«

»Ja.« Und nach einigem Überlegen fügte Schlunz hinzu: »So dunkel ist es in meinem Kopf.«

Lukas bekam Mitleid. »Wie meinst du das?«

»Ach«, sagte Schlunz, und dann musste er wieder lange überlegen, bevor er weiterredete: »Ich denk immer darüber nach, was mit mir passiert ist. Ich denk an meine Eltern, an meine Familie. Aber mir fallen die Namen nicht ein. Es ist, als ob mein ganzes Leben vorher ausgelöscht ist.« Er begann zu schniefen.

Lukas schaute ins Dunkle. Der arme Schlunz. Er hatte ein großes Loch in seiner Erinnerung. Und es schien keinen Weg da heraus zu geben, so sehr sich Frau Rosenbaum und der Kinderpsychologe auch darum bemühten. Lukas wusste nicht, was er nun dazu sagen sollte. Aber dann begann Schlunz von selbst: »Ich hab eben mit Gott geredet.«

Mit Gott. Den hatte Schlunz vorher auch noch nicht gekannt. Dass man mit Gott reden konnte, hatte er erst bei den Schmidtsteiners gelernt. »Und was hast du gesagt?«, fragte Lukas.

»Ich hab gesagt, Gott soll endlich ein Licht in meinem Kopf anknipsen. Damit es wieder hell wird. Damit ich Bescheid weiß.«

»Ja, das bete ich auch oft.«

Unheimliche Stille breitete sich wieder aus.

»Lukas?« Die Stimme von Schlunz klang traurig.

»Ja?«

»Macht Gott das absichtlich, dass er von manchen die Gebete immer erhört und von manchen nicht?«

O weh. Der arme Schlunz. Nun beteten sie schon so lange darum, dass er endlich seine Familie wiederfand. Und bis jetzt hatte sich da noch nichts getan. Aber warum Gott manche Bitten erfüllte und andere nicht, wusste Lukas auch nicht. Er selbst hatte sich das auch schon manchmal gefragt. Damals, als Neles Meerschweinchen so krank war, hatten er und Nele jeden Tag gebetet, es solle wieder gesund werden. Aber es war doch gestorben. Das hatte er auch nicht verstanden. Andererseits hatte Mama ihnen immer wieder aufgezählt, bei wie vielen Gelegenheiten Gott doch auch Gebete erhört hatte. Als die gefährlichen Jugendlichen von schräg gegenüber, Knut und Brutus, sie einmal verprügeln wollten, da hatten sie gebetet und dann war gerade noch rechtzeitig Hendrik von der Straßenecke gekommen und hatte die beiden Kerle vertrieben. Da hatte Gott geholfen. Aber wann Gott half und wann nicht, das konnte man nie sagen. »Ich weiß es nicht«, antwortete Lukas auf die Frage vom Schlunz. »Ich weiß es wirklich nicht.« Lukas musste an Mama und Papa denken. Die erlaubten auch manchmal Sachen nicht, obwohl Lukas und Nele wie wild darum bettelten. Das sagte er auch dem Schlunz: »Dass wir heute Nacht hier schlafen wollten, hat Mama nicht erlaubt. Diese Bitte hat Mama sozusagen auch nicht erhört. Und das kapieren wir auch nicht. Trotzdem würde ich nie sagen, dass Mama ungerecht ist oder gemein.«

»Doch, manchmal find ich das ungerecht. Und blöd. Zum Beispiel, dass wir heute Nacht nicht hier schlafen dürfen. Da ist doch nichts dabei.«

»Ja. Manchmal entscheiden Mamas eben blöd. Und trotzdem weiß ich, dass sie uns nichts Böses will. Sie macht das ja irgendwie, weil sie sich Sorgen macht.«

»Typisch Mamas. Viel zu viele Sorgen.«

»Ja. Aber weil ich weiß, dass sie es eigentlich gut mit uns meint, kann ich auch mal damit leben, dass sie zu streng ist.« Und dann fiel Lukas noch etwas sehr Kitschiges ein und er traute sich fast nicht, es zu sagen, aber dann sagte er es doch: »Immerhin hat sie uns lieb.«