4 erotische Queerlequin-Geschichten - Noam Frick - E-Book

4 erotische Queerlequin-Geschichten E-Book

Noam Frick

0,0

  • Herausgeber: LUST
  • Kategorie: Erotik
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2022
Beschreibung

"Teure Jeans zu kaufen, um sich einfach anzuziehen, war vielleicht nicht ganz logisch, aber er möchte wirklich, dass Nathan sieht, wie hübsch er ist. Er will spüren, wie Nathans Augen über seinen Körper wandern und ihm ein bisschen Haut zeigen. Gerade so viel, dass er seine Lippen in einem Kuss spüren kann."In der Bar, in der Kit arbeitet, lernt er eines Abends Nathan kennen. Im Laufe des Abends erfährt er, dass Nathan verantwortlich ist für den geplanten Abriss des Gebäudes, in dem sich Kits Atelier und sein Zuhause befinden. Wütend überschüttet er ihn mit einem Bier. Als Nathan den Grund dafür erfährt, fühlt er sich schuldig und mach Kit ein Angebot, das dieser nicht ablehnen kann ..."Liebe mit Stil" ist ein Band in der Serie Queerlekin: Erotik, die alle einschließt.Die Kurzgeschichten-Sammlung enthält:Queerlequin: Liebe mit StilQueerlequin: Der Schein trügtQueerlequin: Gewinnen oder verschwindenQueerlequin: Der Geschmack von Sonnenschein-

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 423

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



LUST Authors

4 erotische Queerlequin-Geschichten

Übersezt von Gertrud Schwarz

Lust

4 erotische Queerlequin-Geschichten

 

Übersezt von Gertrud Schwarz

 

Titel der Originalausgabe: 4 erotic Queerlequin stories

 

Originalsprache: Schwedischen

 

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 2017, 2022 LUST, an imprint of SAGA Egmont, Copenhagen

 

Alle Rechte vorbehalten

 

ISBN: 9788728180198

 

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

 

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

Queerlequin: Liebe mit Stil

Kapitel 1

Du lässt mich auf Zungen schweben und mich spüren, wie das Fundament unter meinen Füßen bebt.

Malmö, Januar 2016

Der Mond spiegelt sich im stillen Wasser von Västra Hamnen. Im Restaurant Glasklar brennen die kreideweißen Kerzen in den Kronleuchtern. Kit schenkt routiniert ein Glas nach dem anderen mit echtem Champagner voll.

„Man könnte sich wünschen, dass sie schlau genug wären, mindestens eine Flasche davon pro Monat zu trinken“, murmelt er. Dabei wirft er mit der einen Hand die Flasche in den Recyclingmüll und hebt mit der anderen Hand das Tablett hoch.

Zwischen den Tischen verteilen anzugbekleidete Männer ihre Komplimente an Frauen in engen schwarzen Kleidern.

Als Kit sich an einer größeren Menschengruppe vorbeimanövriert, bemerkt er plötzlich jemanden auf der anderen Seite des Saals: eine gut angezogene, zum Schreien schöne Person. Kit schlängelt sich durch die gemischte Gruppe der Investoren, Politiker und Ingenieure und ist in Nullkommanichts beim Adonis. Er sieht selbstsicher aus in seinem hellgrauen, sexy Jackett und der sorgfältig gebügelten Hose. Ihn umgibt eine Schar von Bewundernden. Kit verteilt schnell seine Gläser und stellt geschickt sicher, dass er genau ihm das letzte Glas reicht.

„Das letzte für meinen Spezialfreund“, bringt er hervor.

„Ganz reizend, danke.“

„Kein Ding, mein heißer Feger“, antwortet Kit und streicht ihm langsam nach unten über den Hintern.

Kit holt tief Luft, saugt seinen Duft in sich auf und geht mit dem leeren Tablett zurück zur Bar und weiter in die Küche. Er denkt sich, dass er ein wenig von seiner Selbstsicherheit wiedergewonnen hat und dass er immer mutiger wird, wenn es darum geht, mit anderen in Kontakt zu kommen. Nicht, weil er je vorhätte, sich jemals wieder auf jemanden zu verlassen – aber das muss ja nicht heißen, dass er nicht mit den Leuten spielen kann. Und vor allem es genießen kann, sie zu überraschen. Womit er hingegen nicht gerechnet hat, dass sein Puls unten in der Hose gerade sehr stark pocht. Er holt tief Luft und denkt darüber nach, dass er so schnell wie möglich wieder eine Gelegenheit kriegen muss, den verlockenden Duft des gutgekleideten Mannes zu riechen.

Nathan steht noch immer aufrecht in seinem grauen Jackett da und lächelt. Klar, er hat ein wenig den Faden verloren, aber seine Businessbekannten um ihn herum haben nur gelacht und er mit ihnen. Wer ist nicht schon mal von einer Bedienung angefasst worden, denkt er und erzählt weiter von seiner neuesten Idee für einen zwanzig Stockwerke hohen kombinierten Wohn- und Bürokomplex, dessen Erdgeschoss aus einer riesigen Kunsthalle bestehen soll. Alle um ihn herum nicken interessiert und er versucht den Kellner mit dem Champagner zwischen den Gästen auszumachen.

Kit stellt das Tablett ab und denkt darüber nach, dass der Typ im grauen Jackett einer der Häuptlinge zu sein scheint, aber er weiß noch immer nicht, wer er genau ist. Der Oberkellner kommt vorbei. Kit lächelt honigsüß und streicht ihm über den Arm.

„Wer ist die Sexbombe, die eine Runde Champagner nach der anderen bestellt?“, fragt Kit.

„Einer von den Architekten, einer der ganz großen … inzwischen mietet er auch immer wieder das ganze Restaurant. Bediene ihn, als wäre er eine Göttin, okay?“

„Ja, logisch. Es ist nur ungewohnt, dass ich mir vorstellen könnte, mit einem der vertrockneten Geldsäcke zu schlafen.“

„Kit, ey, reiß dich zusammen! Ich will dich in zwei Minuten wieder zwischen den Tischen sehen!“

Kit steht hinter der Bar und öffnet schnell eine neue Flasche. Als er sich nach den Gläsern streckt, schnippt Nathan plötzlich vor seiner Nase mit den Fingern.

„Kannst du mir etwas zu essen besorgen, Süßer?“

„Selbstverständlich, Schatz“, antwortet Kit, legt den Kopf schrägt und formt stumm das Wort „Saftsack“ mit den Lippen. Dann dreht er sich um und geht Richtung Küche. Auf halbem Weg dreht er sich um und zwinkert Nathan mit einem Auge zu. Der hat ihn in seiner engen schwarzen Jeans mit den Blicken verfolgt.

Nachdem Kit den Koch gebeten hat, ein einfaches Gericht zuzubereiten, geht er auf die Laderampe, um ein bisschen Luft zu schnappen. Er verknotet die Hände und sagt sich, dass er sich wirklich zusammenreißen muss. Der Rebell in Kit hat sich auf der Arbeit ruhig zu verhalten und kann sich dafür zu Hause im Atelier doppelt austoben. Er setzt sich auf die kalte Betontreppe. Die Sterne funkeln und er muss über sich selbst lachen. Dass er immer dieses Bedürfnis hat, sich gegen die Mächtigen und Reichen aufzulehnen. Und dass er immer dieses verdammte Bedürfnis hat, seine Grenzen zu testen und herumzuflirten.

Plötzlich taucht aus dem Nichts ein Auto auf und rollt auf die Laderampe zu. Ein kalter Schauer durchfährt Kit, der schnell aufsteht, während ein Mann eilig aus dem Auto aussteigt. Er gestikuliert wortlos, als er auf Kit zugeht, der sich zur Tür bewegt.

„Ruhig, ruhig, ich tue dir nichts. Arbeitest du hier?“

„Ja, was zur Hölle wollen Sie?“

„Hör mal. Du weißt schon, der steinreiche Typ, der da drinnen Hof hält, der auf der Feier.“

„Der Architekt.“

„Ja, genau. Der ist ein echtes Schwein. Er kauft sich von jedem Scheiß frei. Er sorgt dafür, dass die Oberen schweigen. Ein richtiges Arschloch. Du musst dich vor ihm in Acht nehmen.“

„Ich habe nichts mit ihm zu tun.“

„Nein, nein, mein lieber Freund. Ich will dich nur warnen.“

„Okay, aber warum erzählst du mir das?“

„Hör mal. Kannst du mir einen Gefallen tun? Nur einen kleinen Gefallen, aber du bekommst 500 Kronen dafür.“

„Nein“, antwortet Kit bestimmt.

„Kannst du das hier in der Toilette aufhängen?“

Der Mann eilt auf dieselbe hastige Art um sein Auto herum wie zuvor und zeigt ihm ein DIN-A4-Blatt. Auf dem Blatt sieht man das Bild des sexy, gutgekleideten Mannes. Kit grinst amüsiert, nimmt das Blatt entgegen und setzt sich wieder auf die Betonkante.

„Nathan Stjärnman heißt er also? Was hat er dir getan?“

„Nee, nichts. Er ist einfach nur ein verdammtes Schwein und er darf so nicht weitermachen. Er heißt so, wie es da steht. Häng das einfach auf. Versprich mir das. Hier hast du den Fünfhunderter.“

„Ich brauche kein Geld.“

Der Mann umrundet erneut das Auto, winkt kurz zum Abschied und verschwindet. Kit steht auf und guckt eine kurze Weile übers Wasser. Dann schüttelt er den Kopf und lächelt, faltet das Blatt zusammen und steckt es sich in die Gesäßtasche seiner Jeans. Er geht zurück in die Küche, holt den Teller mit den beiden Ziegenkäsetoasts und geht zur Bar, wo Nathan ungeduldig mit den Fingern auf den Tresen trommelt.

„Das hat ja lang gedauert. Wo waren Sie denn?“

„Wo ich war?“

„Ja. Ich muss gleich meine Präsentation halten und mein Hals brennt, dass es wehtut.“

„Ich musste zur Laderampe. Sorry.“

„Zur Laderampe?“

Die Musik verstummt. Eine der besonders gut gekleideten Frauen betritt die Bühne und sagt etwas ins Mikrofon. Nathan richtet sein Jackett und beißt ein Stück vom Toast ab. Er richtet sich auf und schließt die Augen. Kit betrachtet ihn und hört, wie sein Name auf der Bühne genannt wird. Als Nathan gerade den Barbereich verlassen will, sagt Kit:

„Da draußen war nur ein Typ, der wollte, dass ich eine Warnung über Sie auf den Toiletten aufhänge.“

Wenn Blicke töten könnten, würde Nathan Kit innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde vernichtet haben. Kit lächelt nur breit und spürt, wie sein Herz in seiner Brust schlägt. Mit geradem Rücken betritt Nathan die Bühne und lächelt die Menschenmenge an, die ihn bewundernd ansieht. Er fährt sich mit der einen Hand durch die Haare und greift mit der andern nach dem Mikrofon. An der Bar stützt Kit seine Ellbogen auf den Tresen und hört zu.

Die Lichtstrahlen in allen Farben des Regenbogens werden schwächer, als die Kronleuchter langsam gedimmt werden und das Licht auf der Bühne heller wird. Nathan räuspert sich und genießt die Stille im Saal.

„Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen und all ihr anderen netten Menschen – herzlich willkommen! Ich freue mich, dass wir so viele sind und dass das Interesse daran so groß ist, was mit diesem Viertel geschehen soll. Wie Sie wissen, gibt es bereits seit der Jahrtausendwende eine erhöhte Bauaktivität in diesem alten Industriehafen. Und es wird noch mehr.“

Das Publikum applaudiert. Kit gähnt an der Bar und widmet sich wieder der Champagnerflasche. Er schenkt ein Glas nach dem anderen ein und hält erst inne, als er das Wort „U-Boot-Werkstatt“ von der Bühne hört. Eine Erinnerung an sein Atelier blitzt in seinem Kopf auf. Er richtet erneut seine ganze Aufmerksamkeit der Bühne. Was hat der Typ mit meinem Atelier am Hut?, denkt er. Kit geht ein wenig von der Bar weg und versucht zuzuhören, aber er muss sich weiter ins Lokal bewegen, um die Bilder sehen zu können, die hinter Nathan an die Wand geworfen werden.

„Skanska ist die Hauptunternehmerin. Meine Firma ist Alleininhaberin des ganzen Gebäudes. Wir haben einen Überlassungsvertrag mit Wihlborgs Wohnungen, die die Veränderungen der nächsten fünfzehn Jahre übernehmen werden.“

Was will das Arschloch mit meinem Atelier und meinem Zuhause machen?, denkt Kit und bewegt sich näher an die Bühne und zu dem Modell, das abgedeckt am Bühnenrand steht. Er sieht, dass an dem linken Teil des ihm wohlbekannten Gebäudes eine Art Turm heraussticht. An den Turm schließt sich ein riesiger Wolkenkratzer an und das ganze alte Gebäude, das jetzt sein geliebtes Atelier beherbergt, ist aufgemotzt und präsentiert sich mit Rasenflächen, Gartenmöbel und anderem Kram. Kit lässt seinen Blick zwischen dem Modell und dem gutgekleideten Mann auf der Bühne schweifen. Er präsentiert noch immer seine Pläne.

„Eine einzigartige Konstruktion, und vor allen Dingen eine Konstruktion, die das ganze Gebäude zu einem Unikat macht. Auf der Ostseite ist der Eingang für die Firmen. Jede Firma kann eine Etage mieten. Um das Ganze effektiv zu gestalten und eine einzigartige Kombination zu erschaffen, können wir einen weiteren Eingang von der Westseite aus anbieten, zu den Docks raus, wo einfache, günstige Wohnungen für Studierende geplant sind. Jedes zweite Stockwerk ist für Firmen, jedes andere zweite für Studierende. So schaffen wir Gemütlichkeit und eine ruhige Atmosphäre. Eine Kombination von Arbeit und Wohnung, ohne beide Komponenten zu vermischen.

„Dieses verdammte, blöde Arschloch“, murmelt Kit und verschwindet in der Küche, während Nathan eifrig fortfährt, seine Pläne für die alte U-Boot-Werkstatt zu präsentieren. In drei Monaten soll das Gebäude eingeweiht werden und als Treffpunkt fungieren.

Draußen auf der Laderampe kickt und schnaubt Kit. Er denkt an die Infopost und daran, wie er den Brief und den Umschlag zerrissen hat. Genau wie im Jahr zuvor und in dem davor.

Er hatte einen Abrissmietvertrag abgeschlossen und war schon früher rausgeworfen worden, aber immer eine Verlängerung bekommen.

„Das verdammte Ekel zerstört mein Leben, jetzt wo ich endlich Herr der Lage bin“, murmelt Kit mit zusammengebissenen Zähnen.

Er steckt sich die Hände in die Gesäßtaschen und ertastet das DIN-A4-Blatt. Er holt es hervor und faltet das Bild von Nathan auf, grinst in sich hinein und beißt sich auf die Lippe, ehe er lautlos für sich das Wort Rache mit dem Mund formt.

Als er wieder drinnen ist, füllt er zwei große Gläser Starkbier ab und linst zur Bühne, wo Nathan sich bedankt und das Rednerpult verlässt.

Im Restaurant trifft Nathan auf Bewunderer, die ihm auf den Rücken klopfen, seine Hand schütteln und ihm den Daumen hoch zeigen. Kit denkt darüber nach, wie wenig es braucht, damit die Leute sich besonders fühlen. Gleichzeitig stellt er die beiden Biergläser auf ein Tablett. Er hebt es mit einer Hand hoch und umrundet den Tresen mit festem Blick auf Nathan. In einer stilvoll konstruierten Szene stolpert Kit und lässt das Tablett los, sodass der Inhalt der beiden Gläser Nathan direkt auf den Bauch trifft.

„Verdammt noch mal, was machen Sie da?“

„Oh Gott, Entschuldigung“, sagt Kit laut, sodass es alle um ihn herum hören.

„Passen Sie doch auf. Verdammte Scheiße.“

„Vielleicht haben Sie das verdient“, flüstert Kit in Nathans Ohr, als er ebenso geschmeidig wie zuvor zwischen den Menschen verschwindet und sich schließlich in die Toiletten schleicht.

Nathan hindert sich an seiner spontanen Reaktion, dem Kellner einen Kinnschlag zu verpassen. Er beißt sich leicht auf die Zunge und lässt den Blick über den Saal gleiten, um zu sehen, wohin er verschwunden ist. Er denkt, dass niemand hier ungestraft davonkommt. Jetzt ist die Grenze erreicht, bis wohin man gehen kann.

Nathan bekommt sofort Hilfe beim Abtrocknen und bedankt sich freundlich dafür. Dann eilt er zur Garderobe und hängt das nasse Jackett auf. Er bittet die Garderobiere, ihm seine Anzugtasche mit dem Alltagsanzug auszuhändigen. Als er die Tür zur Toilette aufstößt, trifft er auf den Kellner, der gerade damit beschäftigt ist, Bilder von ihm an den Wänden aufzuhängen. „Betrüger und neureicher Narzisst“ steht da mit großen roten Buchstaben. Nathan steht stumm da und kommt erst durch das Zuknallen der Tür hinter ihm wieder zu sich.

„Was zur Hölle glauben Sie, was Sie da tun? Das wird so nicht passieren.“

„Halten Sie sich da raus.“

Nathan reibt sich mit den Händen die Augen und sieht Kit an, der mit zackigen Bewegungen Klebestreifenstücke abreißt und die Verleumdungen über ihn aufhängt. Wer ist diese Person und warum ist sie so voller Hass?, denkt er, geht einen Schritt vor und reißt das erste Bild runter.

„Fass das nicht an, sonst schlage ich zu.“

„Entschuldigung, wer sind Sie?“

„Dein letztes Opfer.“

„Wovon reden Sie?“

„Ich habe die Schnauze so voll von euch, ich bin so sauer auf diese reichen Arschlöcher, die durch die Gegend schweben und glauben, sie tun so viel Gutes und Schönes. Mein ganzes Leben habt ihr immer nur mit mir gespielt. Du wirfst mich auf die Straße! Gerade jetzt brauche ich mein Zuhause und mein Atelier. Du widerst mich an. Auf die Straße! Damit du noch einen weiteren Ort hast, an dem du gemütlich dein verdammtes Geld zählen kannst. Ekel!“

Kit spürt, dass seine Stimme zittert und bricht. Er spuckt auf den Boden und rennt mit Tränen auf den Wangen aus den Toiletten. Er geht einfach weiter, direkt zum Ausgang. Er überquert den Parkplatz, lässt die Kristallgläser, die Leuchter und den Champagner hinter sich und geht auf dem direkten Weg in sein Atelier. Nathan, der ihm leise gefolgt ist, sieht durch die Glastüren, wie Kits gebeugter Rücken verschwindet.

Er versucht sich ein Bild zu machen, legt ein Puzzle aus seinen Gefühlen zusammen und sucht den Grund, warum dieser Kellner ihn den ganzen Abend lang geneckt hat. Nachdem er alle Gefühle beleuchtet hat, schaltet er schnell seinen Fokus um und zieht sich ein sauberes Jackett an. Er sieht in den Spiegel, bürstet ein wenig Staub vom Kragen, holt tief Luft, legt sein schiefes Lächeln zurecht und kehrt zur Feier zurück.

*

Kit trocknet seine nassgeweinten Wangen ab, schließt die Haustür auf und atmet tief die Luft ein, die er mit seinem sicheren Zuhause verbindet. Eine Ahnung von Öl Asche und Schweiß die sich in den großen Industriehallen festgesetzt hat. Er geht in sein Atelier und betrachtet voller Sorge seine Kunstwerke. Er sieht auf die aufgespannten Leinwände, die seine Freiheit und seine Stärke ausdrücken, auf eigenen Beinen zu stehen. Lange steht er mit dem Finger am Lichtschalter da und sieht zu, wie alle Hoffnung aus ihm heraus und in den Abfluss läuft. Er spürt, wie all der Stolz und die Wut, die er eben noch im Restaurant empfunden hat, aufgeben und sich tief in ihm drin einschließen. Als er auf den Lichtschalter drückt und die Dunkelheit erneut den Raum übernimmt, geht er mit schweren Schritten die Treppe hoch in sein Zimmer und legt sich lang aufs Bett. Er denkt darüber nach, dass er nie wieder glauben können wird, dass er allein zurechtkommt, dass er genauso gut schon jetzt wieder nach Hause zu Mama kriechen kann. Er wird ihr sagen, dass sie schon immer recht hatte und dass sie ihm irgendjemanden für eine Heirat aussuchen darf. Er kapituliert und muss vor Ekel gegen sich selbst würgen.

„Warum, warum, warum bin ich so verdammt schlecht?“, murmelt er vor sich hin.

*

Kit wacht auf dem Boden vom Atelier aus seinem Selbstmitleid auf, weil sein Telefon klingelt.

„Kit.“

„Hallo Kit, wie schön, dass du rangehst.“

„Ich habe geschlafen …“

„Hier ist Alex. Was machst du gerade?“

„… geschlafen …“

„Sollen wir uns treffen? Ich habe Hunger.“

„Ich bin aus meiner Wohnung geschmissen worden. Gerade eben.“

„Äh, was?!“

„Sie bauen hier irgendeinen Büroscheiß hin.“

„Okay, verrückt. Wann?“

„Am Freitag muss geräumt sein.“ Kit fängt im selben Moment zu weinen an, als er den Satz zu Ende spricht.

„Weine nicht, mein Freund, du kannst bei mir im Gästehaus schlafen, wenn du willst.“

„Ich will hier wohnen! Hier, hier, hier, hier!“

Das Telefon wird nass von Kits Tränen. Eine lange Pause entsteht zwischen ihnen.

„Sollen wir ein Bier trinken gehen?“, fragt Alex vorsichtig.

„Ja“, piepst Kit zwischen ausgedehnten Schluchzern.

Alex seufzt erleichtert und beeilt sich, das Gespräch zu Ende zu bringen.

„Super! Ich gehe in die Bierabteilung bei Coop.“

Kit steht auf und sammelt Kraft. Er geht in sein kleines Zimmer, das er Zuhause nennt, streicht mit der Hand über seine Sachen und spürt die Strukturen seiner Bilder an seiner Haut. Er muss seine Welt irgendwie schützen, er will nicht von dieser Atmosphäre getrennt werden, die er sich hier erschaffen hat. Dies ist das erste richtige Zuhause, das er selbst für sich gewählt und zu seinem eigenen gemacht hat. Plötzlich hat er eine Idee und holt Hammer und Nägel hervor.

Wütend ist er, als er den letzten Nagel von innen in seine Tür haut. Nun kommt niemand mehr rein, denkt er. Er steigt auf einen Stuhl, schiebt eine der Deckenplatten zur Seite, zieht sich hoch und schlängelt sich in die niedrige Zwischendecke. Als er die Platte an ihren Platz zurückgeschoben hat, kriecht er fünf Platten geradeaus und dann drei Platten nach links. Dann hebt er die Platte an. Als er wieder auf dem Boden landet, klopft er sich leicht den Staub ab, der an seinen Kleidern hängengeblieben ist, setzt die Kapuze von seinem Hoodie auf und nimmt seinen Rucksack.

Seine Gefühle bilden einen Klumpen in seinem Magen. Er trocknet seine Tränen, als er durch die Flure geht, die Treppe runter und ins Atelier. Er dreht eine Runde zwischen den Bildern und legt sich die Motive fest ins Gedächtnis.

Was, wenn dies das letzte Mal ist, dass ich die Bilder sehe, denkt er, ehe er abschließt und das Gebäude verlässt. Draußen joggt er durch die leeren, regennassen Straßen, am Restaurant vorbei, das inzwischen verlassen daliegt. Dann passiert er die Zugbrücke Richtung Hauptbahnhof.

Kapitel 2

Nathan blickt von seinem Wohnzimmer im 19. Stock runter auf die leeren Straßen. Er sieht, wie die Ampeln umspringen, wie die Busse langsam vorangleiten und wie eine einsame Person über die Suellsbrücke geht. Hätte er gewusst, dass das Kit war, wäre er wahrscheinlich wie ein Wahnwitziger nach unten gerannt und hätte ihn verfolgt. Nathan ist stinksauer, hält seine Wut aber in Schach. Er weiß, dass er es nicht mit sich selbst ausmachen sollte, doch er steht dennoch am Fenster mit den Händen in den Hosentaschen und denkt darüber nach, was er anders hätte machen sollen. Wie hätte er handeln sollen, um das Chaos zu vermeiden, das jetzt entstanden ist?

 

Tief in seinem Innern hört er die anklagende Stimme seines Elternteils. Er will alles wieder ins Lot bringen, aber trotzdem diesem verdammten Kellner zeigen, dass er sich nicht auf diese Weise behandeln lässt. Er will ihn zur Rede stellen und herausfinden, warum jemand Bilder von ihm gedruckt hat. Und ihm sagen, dass wirklich niemand so behandelt werden darf.

Nathan fragt sich, ob sein Ex wohl die Bilder gedruckt hat. Aber gleichzeitig versteht er nicht, warum Addade ihm das antun würde. Addade hat ihre Beziehung eiskalt beendet. War er dennoch wütend und wollte jetzt sein Leben zerstören? Warum hassen mich die Leute?, fragt sich Nathan, als er seine Krawatte aufknotet und auf den Schreibtisch wirft. Er klatscht sich selbst auf die Wangen, um wieder richtig zu sich zu kommen. Und sagt mehrfach laut zu sich selbst:

„Nat! Jetzt denken wir mal richtig nach: Addade hat mich verlassen, weil ich der Erste in meiner Familie bin, der Geld hat und weil eines meiner Elternteile ein bankrotter Schlucker ist. Er hat mich verlassen, wie kann er dann jetzt sauer sein?“, murmelt er sachlich vor sich hin, aber er merkt, wie seine Gefühle sich in seine Gedanken schummeln.

„Verdammt noch mal, niemand darf mir das zerstören!“

Vor Nathans innerem Auge erscheint die Erinnerung an sein entferntes Elternteil. Er setzt sich in einen Sessel. Die Einsamkeit und das Gefühl, niemanden zu haben, dem er vertrauen kann, kriechen näher an ihn heran.

Er lauscht der Stille in der Wohnung, spürt, wie die Rastlosigkeit die Wände hochkriecht. Er kämpft dagegen an, sich bei allem und jedem zu engagieren. Warum kann er nicht egoistischer sein und sich nur um sich selbst kümmern? Warum hat er nicht zugegriffen, als er in die WG seines besten Freundes Nemo hätte ziehen können, wo sie gemeinsam gekocht hätten und er nie allein gewesen wäre? Er denkt an den Kellner und will wissen, warum der sich ihm gegenüber so schlecht benommen hat. Er steckt so viel Energie in die korrekte und vorsichtige Planung – wie kann der ihm dann solche Vorwürfe machen?

„Warum ist dieser Kellner so enttäuscht von mir?“, murmelt Nathan.

*

Nathan hat sein weißes Hemd aufgeknöpft und drückt seine nackte Haut gegen das eiskalte Glas. Nur eine etwa zehn Millimeter dicke Scheibe hindert ihn daran, dass er haltlos aus dem 19. Stockwerk fliegt. Tränen fließen über seine Wangen und bilden kleine Rinnsale, in denen sie sich zu Boden schlängeln. Es ist bald ein Uhr nachts. Nathan holt tief Luft und versucht sich zu sammeln. Er bekommt unglaublich Lust zu zeichnen und erinnert sich daran, wie sein Elternteil immer auf die Wände gezeichnet hat, wenn es sich schlecht fühlte.

Schnell holt er ein Set Whiteboard-Marker hervor und beginnt, auf der Scheibe zu zeichnen. Erst die Silhouette der Stadt um ihn herum mit einer weißen Linie, dann füllt er die Umrisse vorsichtig mit Rot und Blau. Sein eigenes Gebäude zeichnet er grün und die noch nicht fertiggestellten mit fast unsichtbarem Schwarz.

Nach knapp zwei Stunden ist das ganze Fenster vollgekritzelt mit einer Collage aus Ideen und merkwürdigen fliegenden Häusern auf Wolken. Nathan fühlt sich stark und ruhig. Er geht zum Tisch und schaltet den Computer an und schreibt eine kurze Mail an den Restaurantchef vom Glasklar, dass er die sofortige Kündigung des Kellners wünscht. Danach schreibt er an seine Sekretärin, dass sie die Listen heraussuchen soll mit allen Personen, die einen Abrissmietvertrag in der alten U-Boot-Werkstatt haben, die jetzt umgebaut werden soll.

Er ist zufrieden, dass er eine Entscheidung getroffen hat und dass die Bestrafung in Gang gesetzt ist. Die Bestrafung und die Zurechtweisung sorgen dafür, dass er die Zivilcourage des Kellners anerkennen kann, dass der die Dinge in seine eigenen Hände genommen und seinen Mund aufgemacht hat. Dass er seine Macht ausreizt und etwas will. Ein bisschen Drama schadet doch nie, denkt er. Dann geht er duschen und sich bettfertig machen.

Kapitel 3

Zwei Wochen später

Der hellviolette Zug saust durch einen der frühen Frühlingstage. Im Februar erwacht die Landschaft von Schonen langsam zum Leben, wenn die Sonne die Erde erwärmt. Kit und Alex sind auf dem Weg Richtung Malmö, um sich in Kits Atelier zu verbarrikadieren. Kit ist gut gelaunt, vor allem, weil Alex eine großartige Freundesperson ist, die ihn darin bestärkt und unterstützt hat, seinen Kampf gegen die Mächtigen fortzusetzen. Die Mächtigen, die in diesem Falle ein zum Niederknien schöner Architekt sind.

„Verdammte kackreiche Arschlöcher sind das.“

„Alex, du redest hier auch über meine Eltern!“

„Kit, was willst du? Du hast doch selber gesagt, dass du mit ihnen nichts zu tun haben willst.“

„Ja, aber es ist ein Unterschied, ob ich das sage oder du.“

„Kit, der geschändete Mann!“

Sie lachen und umarmen sich. In den letzten vierundzwanzig Stunden haben sie davon geträumt und darüber Witze gemacht, dass die Zeitung Sydsvenskan sie fotografieren wird, wenn sie mit geballten Fäusten dem brüllenden Bagger Auge in Auge gegenüberstehen. Sie werden umgehend reingehen und sich einschließen und dem Architektenarsch mitteilen, dass sie das Gebäude nicht verlassen werden, ehe er seine Pläne ad acta legt und aus dem Gebäude ein Künstlerkollektiv macht.

Als sie im Hauptbahnhof von Malmö aussteigen und die Rolltreppe hochgehen, steigt in Kit die Angst auf. Er hört die Stimme seiner Mutter im Kopf und versucht sie abzuschütteln. Sie bleibt jedoch und flüstert Dinge wie: „Wir sind nicht so Leute, die das erzwingen, was sie haben wollen. Wir handeln langsam und gewinnen doppelt. Reichtum vermehrt sich langsam, Kit, du musst nur verstehen, wie das Spiel funktioniert.“

*

Nathans schlechtes Gewissen und seine Neugier dem Kellner gegenüber bringen ihn dazu, dessen Namen und Adresse im Netz zu suchen. Tatsächlich wohnt er in dem Gebäude, das Nathan komplett renovieren und mit einem Wolkenkratzer versehen will. Aber warum ist dieser Kit so voller Wut?

Nathan will mit ihm persönlich klären, was passiert ist, und von seinen Plänen für das Viertel erzählen. Obwohl er angerufen, Textnachrichten geschickt und sogar Briefe geschrieben hat, ist Kit spurlos verschwunden. Nathan ist von Ängsten geplagt und hat Albträume, in denen Kit plötzlich auftaucht und sein Leben zerstört, in denen er Dinge über ihn rausgefunden hat, die ihn dazu zwingen, alle seine Besitztümer hinter sich zu lassen, weil er sonst Schaden nehmen wird. Gleichzeitig fühlt sich Nathan von Kit angezogen und hat sich vorgestellt, dass er sich mit Kit anfreundet und sie sich langsam einander annähern. Doch er ist sauer und verärgert darüber, dass Macht und Zurechtweisung Kit nicht seines Platzes verweisen können. Nathan braucht Zucht und Ordnung, um mit seinen Plänen fortfahren zu können.

Der Tag, an dem das Gebäude geräumt wird, rückt näher. Nathan hat einen Sicherheitsbeamten an der Tür platziert und aus Sicherheitsgründen einen Riegel mit Vorhängeschloss an der Tür angebracht. Nur er hat den Schlüssel zu dem Vorhängeschloss. Die anderen Künstler*innen haben das Gebäude sofort geräumt, als sie den Aufhebungsvertrag bekommen haben, aber sämtliche Gemälde von Kit und seine Sachen sind noch da.

Nathan würde sich dumm und boshaft vorkommen, wenn er die Räumung des Gebäudes befehlen würde, ohne dass Kit eine Chance bekommt, seine Dinge zu holen. Allerdings kostet die Abrissfirma fast hunderttausend Kronen am Tag, auch wenn sie nur darauf warten, mit der Arbeit zu beginnen. Verschieben ist also keine Option.

*

Alex nimmt den Trampelpfad zum Atelier. Kit folgt mit schnellem Puls. In den Händen trägt er mehrere Tüten mit Konservendosen. Von weitem sehen sie das Auto der Sicherheitsfirma, und die Wache, die vor der Tür steht und erst eine Nummer ins Handy tippt und dann telefoniert. Als sie näherkommen, sehen sie außerdem den Riegel mit dem Vorhängeschloss an der Tür. Sie werden langsamer. Kit spürt, wie die Wut aus ihm herausläuft und all die aufgebaute Kraft aus seinen Beinen verschwindet. Er gewinnt, denkt er.

Alex sieht den Freund an und legt den Kopf ein wenig zur Seite.

„Kit, verdammt, gib jetzt nicht auf. Das hier ist dein Zuhause. Okay?“

„Ja, ich weiß. Aber wir kommen nicht rein.“

An der Tür fragt der Sicherheitsbeamte kurz angebunden, ob Kit Kit ist und teilt dann Nathan seine Anwesenheit mit. Nathan möchte, dass sie warten, bis er da ist. Kit nickt und lässt sich auf die kalte Treppe sinken. Alex versucht ihn zum Weggehen zu bewegen, aber Kit ist vollkommen in sich zusammengesackt und müde. Alex streitet sich weiter mit dem Sicherheitsbeamten, der schließlich sagt: „Beruhig dich mal, Mädchen!“ Alex‘ Augen werden schwarz. Alex‘ Kinn senkt sich. Alex holt tief Luft.

„Du bescheuertes Machtschwein! Was hast du denn für ein Recht, mein Geschlecht zu bestimmen? Was hat das mit der Sache zu tun? Du. Verdammter. Dummer. Idiot!“

Alex schreit so laut, dass die Wache einen Schritt zurückgeht und sich neben Kit auf die Treppe setzt. Alex nimmt einen Stein und schrammt ihn an der Seite des Sicherheitsautos entlang. Dann geht Alex davon und ruft: „So fühlt es sich in meiner Seele an, wenn du mir ein Geschlecht zuschreibst. Ich hoffe, du stirbst!“

*

Langsam geht die Sonne im Westen unter, während der Sicherheitsbeamte und Kit Seite an Seite vor dem großen Klinkergebäude sitzen. Durch die Stille hört man die leisen Geräusche der Eisentüren. Die Kälte des Februars macht sich bemerkbar. Nach einer Weile rollt großes, teures Auto auf sie zu und Nathan springt heraus.

„Endlich. Ich habe versucht, Sie zu erreichen. Wo sind Sie gewesen?“

„Das kann Ihnen herzlich egal sein.“

„Du, Kit. Wir müssen einander missverstanden haben.“

„Das glaube ich kaum. Du hast deine Macht und dein Geld benutzt, um mich zu Boden zu trampeln.“

„Kit, mir gehört das Grundstück hier mit jedem Stein. Ich habe es gekauft.“

„Und du willst, dass deine reichen Scheißfreunde sich daran bedienen können, anstatt dass du etwas Gutes mit deinem Geld tust.“

Nathan lächelt. Ihm wird ganz warm von diesem selbstverständlichen Aktivismus und dieser brennenden Robin-Hood-Mentalität, dass es immer die Starken sind, die die Regeln festlegen. Er weiß das natürlich, aber seit er seine erste Million verdient hat, verliert er manchmal den Blick für die richtige Perspektive. Kit scheint ein Typ zu sein, der niemals das Wichtige aus den Augen verlieren würde, egal, wie viel Geld er hätte. Nathans Herz schlägt etwas schneller in seiner Brust.

„Okay, Kit. Ich habe gerade einen Umzugswagen angerufen, der deine Sachen in eine Verwahrung bringt. Ich bezahle einen Monat der Verwahrung, dann hast du eine reelle Chance, etwas Neues zu finden. Die Umzugsfirma bringt dir deine Sachen zurück, sobald du sie wieder brauchst. Okay?“

„Du kannst mich nicht kaufen.“

„Jetzt gib schon nach. Wir legen hier morgen los. Die Abrissfirma, die die Sanierung macht, kommt um 7 Uhr.“

„Dann können sie mich mit meinen Bildern in einen Container werfen.“

„Ach, komm schon. Aber okay, okay. Ich sorge dafür, dass du hier im Gebäude ein Atelier bekommst, mit der gleichen Miete wie bisher. Aber für die Zeit der Renovierung musst du ausziehen. Und die Wohnungen werden erst in etwa drei bis vier Jahren fertig.“

Nathan zeigt sein breitestes Lächeln und Kit kann sich nicht davon abhalten, ebenfalls ein wenig schief über das Angebot zu lächeln.

*

Kit fühlt sich schwach und gedemütigt. So hatte er sich die Sache nicht vorgestellt. Kurz zuvor noch fühlte er sich wie eine mächtige Königin, als er mit voller Kraft sein Schwert gegen den Feind richtete. Ein Feind, der, statt sich zu wehren, ihn niederzutrampeln und ihn rauszuwerfen ihm einfach hilft und sich um ihn kümmert. Kit bekommt seine Gefühle nicht sortiert und fühlt sich einsam und verlassen, obwohl Nathan so nett zu ihm ist.

Gemeinsam tragen sie vorsichtig die Bilder in den Umzugswagen. Nathan bleibt mehrfach stehen und nimmt sich Zeit, um die Bilder zu betrachten, die sie nach draußen tragen. Er ist deutlich überrascht und beeindruckt von Kits Kunst. Von den großen, abstrakten Gemälden. Von den Motiven, den Materialien und den Farben. Kit, der nicht vom Urteil anderer abhängig sein will und auch nicht vom Geld der anderen, murmelt und stammelt kindliche Antworten. Er versucht sein Bestmögliches, um Nathans wärmende Worte als ignorantes Geschwafel abzutun, mit dem er seine Machtübernahme vertuschen möchte.

Gleichzeitig kann Kit nicht vergessen, wie Nathans Geruch ihn erregt hat. Deswegen erlaubt er sich, ihm näher zu kommen, um ihn wieder zu riechen. Währenddessen betrachtet er Nathans Hände. Wie sie die Bilder greifen. Wie Nathans Körper sich bewegt, wenn er die Muskeln anspannt und wieder lockerlässt. Kit wird unglaublich heiß und es erregt ihm, wenn er spürt, dass ihre Körper sich berühren. Er denkt an den Spruch, man solle seinen Feind lieben und lacht, als er Alex eine SMS schickt mit dem Text: Wie ist das so? Man darf Sex mit seinem Feind haben, oder? Dafür gibt es doch bestimmt ein Sprichwort.

*

Kit steht in seiner kaputt geschlagenen Türöffnung und blickt über den leeren Raum, in dem er gewohnt hat, seit er vor den Ermahnungen und Regeln seiner Eltern geflohen ist. Die kahlen Wände, die ihm Sicherheit und die Freiheit gegeben haben, die er haben wollte und brauchte. Die ihn vor arrangierten Hochzeiten geschützt haben, mit denen seine Eltern sicherstellen wollen, dass ihr Vermögen weiterwachsen wird. Kit spuckt auf den Boden, als er an seine Eltern denkt, und lächelt dem Zimmer zum Abschied kurz zu.

Er trägt die letzte Kiste durch den Flur die Treppe runter. Erst da fällt ihm ein, dass er nicht weiß, wohin er jetzt soll. Er schwenkt ins Atelier ab, in dem Nathan mit dem Rücken gegen die Wand lehnt. Sie sehen einander ein paar Sekunden lang an, ehe sie jeweils lächeln.

„Wo soll ich jetzt hin? Ich habe keine Wohnung.“

„Okay. Weiß ich nicht.“

„Du hast mich doch dazu gebracht, alle meine Sachen hier rauszutragen. Du musst das lösen.“

„Du kannst ein paar Nächte im Hotel bekommen.“

„Ich habe ein Haustier.“

„Eine Katze?“

„Ja. Ich hole sie heute.“

Nathan lacht auf und stellt sich aufrecht hin. Sie sehen einander lange an. Dann geht er zur Tür. Er denkt sich, dass Kit die Sorte Mensch ist, von der er sich fernhalten sollte. Gleichzeitig spürt er eine große Lust auf ihn und eine starke Anziehung. Eine große Lust, ein Teil von seiner aufrechten Einstellung und selbstverständlichen Von-unten-Perspektive zu sein, in der er sich wiedererkennt und bei der er sich wohlfühlt. Er bekommt große Lust, Kit über den Rücken zu streicheln und ihm mit den Fingern durch die Haare zu fahren, um Kit dann an sich zu ziehen und ihn leidenschaftlich zu küssen.

„Okay, wir machen es so. Eine Woche lang kannst du bei mir wohnen. Sag den Umzugsleuten, sie sollen bei der Katze vorbeifahren und dich dann bei mir rauslassen. Ich muss jetzt zu einer Einladung. Eine Woche in meinem Gästezimmer. Dann musst du dir was Eigenes suchen. Okay?“

„Mit der Katze?“

„Ja, aber sie muss in deinem Zimmer bleiben.“

„Okay.“

Nathan beendet das Gespräch mit einem kurzen Abschiedswinken und begibt sich nach draußen zu seinem Auto. Er bereut seine Worte sofort und seufzt über sein Verlangen und seinen verdammten Wunsch, dass es allen immer gut gehen soll. Kit steht auf der Treppe und sieht zu, wie die Rücklichter über den Parkplatz fahren und verschwinden. Der Umzugswagen startet den Motor. Kit legt seine Hand flach an die Wand und sagt dem Gebäude leise Lebewohl.

„Jetzt beginnt etwas Neues. Danke für alles.“

Kapitel 4

Kits schneeweiße Katze Red ist die Erste, die in die Wohnung läuft, als sich die Aufzugtüren öffnen. Kit murmelt zu sich selbst:

„Ein Aufzug, der direkt in der Wohnung endet, was für ein Arsch.“

Ein weißer Fußboden mit abstrakten schwarzen Mustern, die sich an den Wänden fortsetzen. Eine Art Rezeptionisten- oder Sekretärsperson mit Namen Tress geht voran. Die Beleuchtung geht schwach an, während sie gehen. Kit folgt Tress zögerlich und versucht, Red mit sich zu locken, doch sie hat sich unter einer dunkelgrünen Pflanze versteckt.

„Hier befindet sich Ihr Schlafzimmer. Denken Sie daran, die Katze eingesperrt zu lassen. Nathan lässt ausrichten, dass sich Essen für Sie im Kühlschrank befindet. Wenn Sie Fragen haben, bin ich die ganze Nacht unten. Schlafen Sie gut.“

Kit lächelt Tress zu und winkt abwartend, während Tress zum Aufzug geht. Sobald sich die Türen geschlossen haben, macht sich Kit daran, die Wohnung bis ins kleinste Detail unter die Lupe zu nehmen. Er betrachtet die luxuriöse Küche mit dem gebürsteten Marmor und den Details aus schwarzer Eiche. Er holt einen Apfel aus dem perfekt aufgeräumten Kühlschrank und geht ins Wohnzimmer weiter. Die geschmackvollen Bilder an den Wänden überraschen ihn. Ebenso das hübsche, stilsichere Sofa und die Vasen mit den frischen Blumen. Er versucht etwas Persönliches zu finden, aus dem hervorgeht, wie Nathan tickt, aber alles ist steril und anonym. Zwar ist alles hübsch, aber Kit denkt für sich, dass er so niemals würde wohnen wollen. Er geht ins Schlafzimmer, sieht in die Schublade vom Nachttisch und wühlt zwischen Kondomen und Halstabletten herum, ehe er weiterzieht und in den Schrank sieht. Ihm entfährt ein kurzes „Himmel!“, als er die Reihen mit den perfekt gebügelten Hemden, Hosen mit Bügelfalten und schwarzen Krawatten sieht.

 

Kit fühlt sich müde und geht weiter in sein Zimmer. Er richtet sich ein und packt ein paar der Dinge aus, die er mitgenommen hat. Er hängt einen großen, roten Stoff an eine Wand, verteilt ein paar Klamotten und macht es sich mit einer Lichterkette um sein Bett und leiser Musik gemütlich.

*

Nathan ist nicht danach, sofort nach Hause zu fahren. Stattdessen fährt er Runde um Runde durch die Innenstadt von Malmö, um die Zeit rumzubekommen und ein Treffen mit Kit zu vermeiden. Eine immer deutlichere Angst überkommt ihn, weil er sein Heim einem Fremden überlassen hat. Er fühlt sich unbehaglich. Er stellt sich vor, dass Kit ein Psychopath ist, der ihn umbringen wird. Schreckliche Szenen, in denen Kit in sein Schlafzimmer stürzt, während er schläft, rauschen durch seinen Kopf. Nathan macht sich Vorwürfe und flucht laut herum, weil er immer, immer so übertrieben nett ist. Er fährt die Drottninggata entlang und schnappt nach Luft, als er sieht, wie Addade Hand in Hand mit einem anderen Mann direkt vor ihm spaziert. Wortlos öffnet er den Mund und spürt, wie der Klumpen in seinem Bauch wächst. Als ob es nicht reicht, dass Addade weitergezogen ist und ihn bereits vergessen hat, ist er noch dazu mit einem Sohn von einem seiner Investoren zusammen. Eine der reichsten Familien, in der die Millionen seit Generationen weitergereicht werden. Ebendieser Investor behauptet von sich, dass Erde und Umwelt ihm wichtig seien, aber in Wirklichkeit geht es mehr darum, den Wohlstand der kommenden Generationen zu sichern, als um die Gleichheit von allen Menschen. Nathan flucht laut, als er weiterfährt. Er denkt daran, wie Addade sofort zugemacht hat, als er ihm erzählt hatte, dass er aus einer armen Familie draußen in Lindeborg stammt. Als er erzählt hatte, wie seine Mutter sich in der Wollfabrik kaputtgeschuftet hatte und wie sein anderes Elternteil alle Freizeit damit verbrachte, sich um die Mutter zu kümmern.

Nathan schlägt mit der Hand aufs Lenkrad, als die Erinnerungen vorbeiflimmern. Die Erinnerung, wie seine große Liebe Addade verstummt war und vor sich hingemurmelt hatte und dann einfach nicht mehr geantwortet hatte, um dann um die nächste Ecke zu biegen und buchstäblich zu verschwinden. Niemals wird Nathan die Formulierungen in der SMS vergessen, die er danach bekam. Und wie erniedrigt er sich fühlte, weil er sein ganzes Geld selbst verdient hatte.

Nathan dreht die Musik auf, biegt in die Föreningsgata ab und fährt Richtung Autobahn.

„SCHEISSE, Scheiße, Scheiße, Scheiße. Niemals, nie, soll irgendein Arsch mich noch mal erniedrigen. Die Arschlöcher werden schon sehen, dass ich der Beste bin“, murmelt er, während er das Gaspedal durchdrückt. Der Motor heult auf und rast mit ihm auf der E6 Richtung Norden.

*

Kit hat geduscht und sitzt nur mit einem Handtuch bekleidet am Küchentisch. Er hat sich eine Flasche Wein aufgemacht, ein paar Gläser vor dem Laptop getrunken und dabei gegoogelt, welche Kunstwerke an den Wänden hängen. Am einfachsten waren die mit Text, wie das große Neonschild auf der Terrasse mit dem Schriftzug: „People like you need to fuck people like me“. Derselbe Künstler hat auch das große Gemälde im Flur geschaffen. Das Plakat über dem Küchentisch, auf dem ein Beatlessong in Bürokratieschwedisch übersetzt wurde, ist schwieriger zu finden und beschäftigt ihn seit einer halben Stunde. Kit lehnt sich auf dem Stuhl zurück und sieht zur Decke hoch.

„Gott, oder wer auch immer hier verantwortlich ist, warum ist es immer so? Warum, warum, und warum?“

Kit schließt die Augen und beginnt unbemerkt zu weinen. Er spürt, dass er auf der Flucht in den Untergrund ist, wo er immer und immer wieder landet, und immer fällt es ihm zu spät auf. Er denkt an all die Male, als er in gepflegten Küchen mit Designermöbeln saß und an Wein genippt hat, der mehr gekostet hat als er in einem Monat verdiente. Es fühlt sich an, als ob seine Eltern ihm hinterherjagen. Als ob sie ihn nicht in Ruhe lassen, sondern immerzu ihr Geld nach ihm werfen würden.

Mit verschwommenem Blick tastet er sich zum Sofa und begräbt sein Gesicht in einem Kissen, das alle Tränen aufnehmen muss, als die Gefühle ihn übermannen.

Die Tränen und sein zartes Schluchzen lassen ihn am Ende Frieden und Ruhe fühlen. Die gedämpfte Beleuchtung und die leise Musik wiegen ihn und geben Kit vorsichtig die Kontrolle zurück. Er bestärkt sich selbst und wiederholt wie ein Mantra: „Du hast die Kontrolle, Kit. Du bestimmst jetzt selbst.“ Ein Song von The Smiths läuft auf dem Laptop und Kit lächelt. Er lächelt, weil er hier auf Nathans Sofa liegt, weil er bei einem der hübschesten und erfolgreichsten Schweine der Stadt eingezogen ist. Weil er wieder einmal das Kunststück vollbracht hat, mit seiner Divahaftigkeit Erfolg zu haben.

Auch wenn Nathan egoistisch wirkt, ist er zumindest hübsch anzusehen. Morgen kommt er vielleicht ohne Hemd aus seinem Schlafzimmer, dann kann Kit ihn mal in Boxershorts ansehen. Er stellt es sich vor und schließt die Augen, damit es ihm besser gelingt. Langsam übernimmt seine Vorstellungskraft und am Ende schläft Kit ein.

Eine Etage weiter oben glitzert und funkelt der sternklare Himmel. Nathan sitzt allein in der Kälte und bewundert ihn. Er ist allen Gefühlen für Addade auf der Autobahn davongefahren und plant jetzt bis ins Detail in seinem Kopf, wie er sich rächen und beweisen kann, dass er der Beste und Schlauste auf der Welt ist. Er träumt davon, dass er berühmt wird und von allen Architekt*innen der Welt anerkannt wird, und wie er Preise von Kunstvereinen für sein Engagement erhält. Wie Zeitungen über ihn berichten und bekannte Menschen den Kontakt zu ihm suchen. Gleichzeitig versucht er ruhig zu bleiben und zu bedenken, dass man keine echten Freund*innen findet, weil man der Beste ist. Die findet man ganz woanders.

Als er einen Stern für jeden einzelnen seiner Wünsche gefunden hat, geht er die kleine Wendeltreppe nach unten an seinem Neonschild vorbei, das er als Dank für eine große Bestellung bekommen hat, und weiter durch die Küchentür. Die ganze Wohnung ist erleuchtet und auf dem Küchentresen liegen Essensreste. Auf dem Tisch steht ein Weinglas, auf dem Teppich sieht er Krümel. Es fühlt sich ungewohnt an, dass Licht brennt und es schmutzig ist, wenn er nach Hause kommt. Fremd und unschön. Er seufzt schwer.

„Worauf habe ich mich da nur eingelassen“, murmelt er.

Nathan tritt sich die Schuhe von den Füßen und nimmt sie in die Hand. Auf dem Weg in den Flur bleibt er im Wohnzimmer stehen. Kit liegt fast nackt auf dem Sofa. Nathan kann es nicht lassen, sich seinen Körper anzusehen. Er bemerkt, wie die Armmuskeln sich auf der schönen dunklen Haut abheben, wie die Schultern, das Schlüsselbein und die Rippen sich auf dem muskulösen Körper abzeichnen. Wie eine Haarsträhne sich auf der Stirn kringelt und Kit einen unschuldig verlockenden Gesichtsausdruck verpassen. Als ob er sich nach einem Kuss sehnt, denkt Nathan, doch dann schüttelt er sein plötzliches Bedürfnis, Kit zu küssen ab und geht in den Flur weiter.

 

Er blickt in Kits Zimmer. Auf die Lichterkette mit den Lila Kugeln, die um seine Bilder geschlungen ist, auf den Apfelrest, der mitten auf dem Tisch aus unbehandeltem Holz liegt. Er holt tief Luft, geht zum Aufzug zurück und drückt den Knopf. Als das wohlbekannte Klingelgeräusch über die Wohnung hallt, sagt er laut und deutlich:

„Hallo, jemand zu Hause, bist du noch wach?“

Kit schreckt hoch und setzt sich halbwach auf, legt sich eine Wolldecke um die Schultern und steht auf dem Teppich vor dem Sofa, als Nathan ins Wohnzimmer kommt.

„Wie es hier aussieht. Du nimmst dir ganz schön was raus. Geh in dein Zimmer und nimm das Katzenvieh mit, ich will euch nicht sehen.“

Kit sieht ihn verschämt an. Er fühlt sich schlecht, merkt aber auch, dass ihn die barsche Zurechtweisung erregt. Kits Plan war gewesen, alles aufzuräumen und sich mit der Katze einzusperren, ehe Nathan nach Hause kam. Nun hat er wieder alles falsch gemacht. Dass aber auch immer alles schiefläuft, denkt er, schleicht sich mit kleinen Schritten in sein Zimmer und schließt die Tür lautlos hinter sich, um nicht zu viel Platz in Nathans Leben einzunehmen.

 

Nathan setzt sich auf die eine Armlehne vom Sofa und streichelt über das Kissen, auf dem Kit bis eben lag. Er saugt den noch wahrnehmbaren Duft in sich auf, gleitet nach unten und legt sich in dieselbe Position, die er von Kit erinnert.

„Ich will nicht das, was ich mir am meisten wünsche“, sagt er zu sich selbst und streichelt sich auf der Außenseite seines Schenkels. Er spürt den glänzenden Stoff an seiner Hand und stellt sich vor, es wäre Kits Hand, die ihn langsam über die Hüfte streichelt, über das Hüftbein und weiter über seine Brust.

„Mist, Mist, Mist.“

Kapitel 5

„Nein, nein, nein, das geht nicht. VERGISS ES, JEFF, du kannst mich nicht reinlegen!“

Kit wacht von Nathans aufgebrachter Stimme aus der Küche auf. Ein lautes Krachen lässt ihn fast unter der Decke verschwinden. Nun ist es mucksmäuschenstill. Er gleitet aus dem Bett zur Tür. Kit öffnet sie einen Spalt und tappst durch den Flur in die Küche. Als er Nathan mit tränennassen Augen zusammengesunken am Kühlschrank lehnen sieht, geht er zu ihm und hockt sich neben ihn. Er legt ihm die Hand aufs Knie.

„Was ist los, ist etwas passiert?“

„Jeff Koons ist abgesprungen.“

„What?“

Er hat mir ein Kunstwerk für die Einweihung in drei Monaten versprochen.“

„Wer bist du?“

„Nathan.“

„Aber Jeff Koons, du bist doch verrückt!“

„Das ist eine lange Geschichte. Wir waren im selben Boot, wir haben einander gefunden, ich habe ein Bild bekommen, weil er mich mochte.“

„Bekommen?“

„Wir haben denselben Hintergrund. Ich habe das Kunstwerk verkauft und mein erstes Gebäude gekauft.“

„Du hast es verkauft? Bist du blöd?! Das ist doch eine Erinnerung.“

„Genau das hat Jeff auch gesagt.“

„Nathan …“

„Ich brauchte Geld. Ich wollte ein freies Leben führen und Essen im Kühlschrank haben, ich hatte keine Lust mehr auf all die Kackjobs und darauf, dass alle nach unten auf mich treten. Also habe ich zugesehen, dass ich weiterkam. Dass ich zu jemandem wurde.“

Kit sieht ihn an und denkt über das nach, was er gesagt hat. Er ist voller Gefühle und streichelt Nathan übers Knie. Als Nathan die Berührung spürt, erstarrt er und sieht Kit in die Augen. Ihre Blicke saugen sich aneinander fest und Nathans Puls fährt Achterbahn, während ihre Finger sich zittrig in gegenseitigem Streicheln finden. Kit merkt, dass die Zeit stillsteht und dass seine Finger Nathans Haut Millimeter für Millimeter erobern. Gleichzeitig merkt Nathan, wie eine Woge von Gefühlen in ihm aufschäumt und er sich sehr, sehr langsam nach vorne lehnt. Ihre Lippen treffen sich für einige Sekunden, ehe Kit nervös aufsteht und sich am Tresen festhält. Er schleppt sich an der Kante entlang und wirft dabei eine Schale zu Boden. Die Schale zerbricht und Äpfel und Birnen rollen über den Boden. Sie folgen den Früchten mit ihren Blicken kreuz und quer durch den Raum.

„Die hat 5000 Kronen gekostet.“

„Ich kann ein Kunstwerk für dich machen anstelle von Jeff“, sagt Kit mit zittriger Stimme.

Nathans Blick verändert sich. Er wird sachlich und barsch, sobald er an Jeff denkt. Er spürt, dass er genug von Schwäche und Gesuche um sich herumhat und beschließt, schnell ins Büro zu fahren und Jeff zu überreden, ihm einen anderen exklusiven Künstler zu besorgen, der als Publikumsmagnet für die Einweihung funktioniert.

„Du kannst wohl kaum einen Künstler ersetzen, der zu den besten der Welt gehört. Das ist doch Quatsch.“

*

Kit bleibt zwischen den Glasscherben von der Schale um sich herum zurück, während Nathan mit seinen stilvollen, schwarzen Schuhen direkt durch sie hindurchschreitet. Er verschwindet in den Flur und steigt wortlos in den Aufzug.

„Aber Nathan, bleib doch da“, flüstert er.

Kit sucht sich mit seinen nackten Füßen vorsichtig einen Weg durch die Glasscherben und geht in den Flur. Sein Blick sucht hastig ein Zimmer nach dem anderen ab. Als Kit sich sicher ist, dass er allein ist, überkommt ihn das Gefühl von Einsamkeit und Schuld. Kit fühlt sich wie ein Gefangener in seinem eigenen Körper und schafft es nicht, sich von dem destruktiven, suchenden Gefühl zu befreien, dem er gerade Tür und Tor geöffnet hat. Ohne Vorwarnung überkommen ihn die Erinnerungen. Erinnerungen daran, wie seine Eltern ihn allein zu Hause gelassen haben, um wichtige Dinge zu erledigen. Erinnerungen von den Begebenheiten, an denen er mitkommen durfte, aber dann die strikte Order bekam, unsichtbar zu sein und niemanden zu stören. Er erinnert sich daran, wie er unter großen Tischen mit dicken, weißen Tischtüchern saß. Wie er alle blankgeputzten Schuhe betrachtete und sich die Zeit damit vertrieb, die Schnürsenkel zu öffnen, ohne erwischt zu werden.

Kit erinnert sich daran, wie er eine weiterführende Schule wählen sollte und seine Eltern ihm klarmachten, dass er auf keinen Fall selbst bestimmen dürfte. Kit denkt an den Geschmack im Mund, wenn er auf dem Chefsessel seiner Mutter an ihrem riesigen Schreibtisch in ihrer Firma saß. Er erinnert sich daran, wie er einen Schwan aus einem kleinen Stück Papier gefaltet hatte, das neben dem Stuhl lag. Und wie sie es zwischen Daumen und Zeigefinger zerdrückt hat, während sie zischte, dass man nicht dadurch etwas wird, dass man glaubt, etwas zu sein. Die Worte hallen in Kit wider, der die Fäuste ballt und sie vorsichtig auf den Tisch schlägt.

„Scheiße, Scheiße noch mal.“

Red, die von dem Geräusch aufgewacht ist, schleicht durchs Zimmer. Kit nimmt sie auf den Schoß. Vorsichtig streichelt er mit der Hand über das weiche, dichte Fell. Eine oder mehrere Tränen fallen herab und landen wie Perlen auf dem weißen, warmen, schnurrenden Tier. Kit blickt sich im Zimmer um und sieht die scharfen blauen Scherben und das Obst. Er sucht nach Mustern und Symbolen in der Art, wie sie sich über den Boden verteilt haben. Als er ein paar gefunden hat, sperrt er die Katze wieder ins Schlafzimmer und wendet sich sofort wieder dem Chaos auf dem Boden zu. Er schiebt die scharfen Scherben umher und versucht gleichzeitig, die kleinen Stückchen mit den Füßen zu meiden. Die Sonne, die gerade im Osten aufgeht, schiebt sich langsam über den Boden, während Kit inzwischen vollkommen absorbiert davon ist, die Scherben zu einem Kunstwerk anzuordnen.

Eine Stunde später sind die Scherben farblich voneinander getrennt und bilden ein Muster, das sich selbst widerspricht. Alle roten Glasstückchen liegen links, mit der spitzen Seite nach rechts, während die blauen auf der rechten Seite ihre Spitzen direkt auf die roten richten. Er betrachtet sein vorübergehendes Kunstwerk und denkt darüber nach, wie sehr er es liebt, etwas durch Ordnen und Sortieren zu erschaffen.

Er sieht sein Werk lange an und legt letzte Hand an. Dann reißt er sich los, um sich ein Brot und eine Tasse Kaffee zu machen. Er setzt sich mit seinem großen Skizzenblock und seinem weißen Federmäppchen aufs Sofa.