Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Tanja Bräutigam ist immer eine Macherin mit klaren Zielen gewesen. Sportlich, fröhlich und erfolgreich. Doch nach der Geburt ihres zweiten Kindes fühlt sie sich zunehmend überfordert. Auch von ihren eigenen Ansprüchen an sich selbst. Bis nichts mehr geht. Trotz aller Bedenken nimmt sie sich eine fünfwöchige Auszeit in einer psychosomatischen Rehaklinik – ohne Kinder. Sie lernt, Grenzen zu ziehen, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu hören und zu ihrer inneren Kraft zurückzufinden. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Ruhe und dem Gefühl, eine Rabenmutter zu sein, beginnt für Tanja eine spannende Reise zu sich selbst. Immer begleitet von der Frage, wie es nach dem Klinikaufenthalt zuhause weitergehen wird.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 313
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
TANJA BRÄUTIGAM
5 Wochen Rabenmutter
Wie ich nach dem Burnout wieder Kraft für mich und meine Familie fand
Kapitel 1 »Das schaffst du schon.«
Kapitel 2 Nichts geht mehr
Kapitel 3 Raus hier
Kapitel 4 Blitz-Feng-Shui
Kapitel 5 Schlaflos im Schwarzwald
Kapitel 6 Was mache ich hier eigentlich?
Kapitel 7 Tiefs und Trost
Kapitel 8 Aufbruch
Kapitel 9 Neue Töne
Kapitel 10 Abschied von der Hochglanzfrau
Kapitel 11 Kämpfen und spielen
Kapitel 12 Familienzeit
Kapitel 13 Zurück in den Alltag
Kapitel 14 Alles auf Anfang?
Kapitel 15 Raum für mich
Kapitel 16 »Sie sind nicht verrückt.«
Kapitel 17 Ein neues Zuhause
Kapitel 18 Sport ist mein Gold
Kapitel 19 Die Herausforderung
Kapitel 20 »Es muss anders werden, wenn es gut werden soll.«
Quellenverzeichnis
Für meine Kinder. Meine persönlichen zwei kleinen Wunder. Für euch versuche ich täglich, ein besserer Mensch zu werden. Ihr seid einzigartig, liebenswert und perfekt. Lasst euch von niemandem auf der Welt zu keiner Zeit etwas anderes sagen. Ich liebe euch!
Kapitel 1
»Ach komm, das schaffst du schon. Beim zweiten Kind ist doch alles viel einfacher.«
Die ermunternden Worte meiner Schwester sind sicher gut gemeint. Bei mir hat die Neuigkeit des bevorstehenden freudigen Ereignisses allerdings vor allem ein Gefühl der Überforderung ausgelöst. Ein zweites Kind steht nicht auf meinem aktuellen Lebensplan und auch nicht auf dem meines Mannes.
Und so übermittle ich meinem Ehemann die eigentlich freudige Nachricht der zweiten Schwangerschaft nur kurz und knapp mit den Worten: »Du bist schuld!«
»Woran soll ich schuld sein? Was ist denn überhaupt los?«
»Dein Job ist es aufzupassen!«
Gut, unsere Methode mit dem Wort »Verhütung« zu beschreiben, ist vielleicht etwas übertrieben. Mein Mann verwendet keine Kondome und ich nehme keine Pille. Wir haben Sex, und er passt auf. Immerhin hat die »Verhütungsmethode« in dieser Form zwei Jahre lang funktioniert. Bis zu diesem Karnevalssamstag, als mein Mann aufgrund eines leichten Promilleproblems eben nicht aufgepasst hat.
Und jetzt? Mein erster Gedanke ist: Keine Panik, vielleicht bin ich ja gar nicht schwanger. Ein zweites Kind ist aktuell noch nicht vorgesehen. Ich habe gerade wieder einen Job gefunden, Babysitter fördern die Zweisamkeit als Ehepaar langsam wieder, und meine Tochter hat einen Kindergartenplatz für Unter-Dreijährige. Das Leben ist gerade perfekt, so wie es ist.
Unsere Tochter ist zwei Jahre alt. Natürlich ist sie unser persönliches Wunder, unser Ein und Alles, unsere Prinzessin. Aber trotzdem hat sich, seit wir Eltern geworden sind, alles geändert. Dabei waren wir uns ziemlich sicher: Uns wird es nicht treffen. Bei uns bleibt alles beim Alten. Auch mit Kind. Ich behalte meine Hobbys, meinen Sport, gehe ziemlich schnell wieder arbeiten und, ach ja, das Sexleben wird natürlich nicht in Mitleidenschaft gezogen. Bei uns nicht!
Pustekuchen. Uns hat es genauso erwischt wie alle anderen frischgebackenen Eltern auch. Es hat sich alles geändert. Die Männer haben noch den kleinen Vorteil, dass sie arbeiten gehen können, Überstunden machen dürfen, wenn es zu Hause zu turbulent wird, oder freitags abends mit den Kumpels um die Häuser ziehen können, weil laut der Männerlogik zwei Erwachsene für ein Kind definitiv zu viele Betreuer sind. Da »Mann« auch leider die Brust nicht geben kann, ist es natürlich absolut normal, sein Freizeitprogramm weiter zu planen, als ob es keinen neuen Erdenbürger gäbe.
Meine Tochter hat es geschafft, mit zwei Jahren das erste Mal durchzuschlafen. Vorher (also komplette zwei Jahre lang) ist sie regelmäßig bis zu fünfmal die Nacht wach geworden. Egal, welche Maßnahmen wir getroffen haben, egal, welche Ratgeber wir gelesen haben, egal, wo das Bettchen platziert worden ist – die Kleine wurde wach. Nach diesen zwei Jahren ist mir absolut bewusst, warum Schlafentzug als Foltermethode angewendet wird. Es ist Folter pur.
Hinzukommt, dass ich über vier Monate im Jahr komplett allein bin, weil mein Mann als Operator für Spezialkamerasysteme weltweit beruflich gefragt ist. Und sich aus diesem Grund regelmäßig bei den tollsten Sportevents der Welt vor Ort befindet. Auch ich war vor der Geburt meiner Tochter im Sportbusiness tätig, zunächst als Geschäftsführerin eines großen Sportverbandes in Bayern und danach als Marketingmanagerin bei einem der Hauptsponsoren für die Fußball-WM 2006. Meine Arbeit war hoch angesehen, und ich galt als erfolgreiche Frau, die ihre Ziele stets erreicht. Beruflich wie auch privat.
Während mein Mann also bei den Australian Open drei Wochen in Melbourne in einem Fünfsterne-Hotel untergebracht ist oder in Vorbereitung der Fußball-WM durch Südafrika reist, besteht meine Abwechslung darin, auszuwählen, welchen Spielplatz oder welches Café ich mit meinem Nachwuchs im Schlepptau besuche. Mein Mann hat ein Drittel des Jahres Gelegenheit, eine eigenständige Persönlichkeit mit strukturiertem Tagesablauf zu sein, während ich 365 Tage im Jahr in meinem Alltagschaos als Mama versinke. Meine Schlaflosigkeit, mein Alleinsein und mein neues Leben ohne Struktur haben also eigentlich zu der Entscheidung geführt, Nummer zwei nicht oder zumindest noch nicht zu planen. Bis er nicht aufgepasst hat! Und jetzt, sieben Wochen später, ist es amtlich. Mit 37 Jahren bin ich zum zweiten Mal schwanger.
»Ich bin schwanger. Wir bekommen noch ein Kind«, teile ich meinem Mann unverblümt mit.
Er wird leichenblass und realisiert augenblicklich, was ich mit meiner Aussage, dass er nicht aufgepasst hat, gemeint habe.
Für mich ist ziemlich klar: Ich bin mit einem Kind überfordert – ein zweites schaffe ich nie!
Neun Monate später bringe ich meinen Sohn auf die Welt. Er entpuppt sich tatsächlich als unkompliziertes Baby und schläft zum Glück von Anfang an besser als seine große Schwester. Natürlich ist er wieder unser Ein und Alles, unser persönliches Wunder und unser Prinz. Die Natur hat es so eingerichtet, dass man sein Kind liebt und sich ein Leben ohne dieses wunderbare Wesen nicht vorstellen kann.
Der Start mit zwei Kindern ist hart, weil die äußeren Umstände dazu führen, dass ich in der ersten Zeit direkt sechs Wochen allein zurechtkommen muss. Als mein Sohn gerade sieben Wochen alt ist, reist mein Mann für vier Wochen zu den Australian Open und von dort aus direkt für weitere 14 Tage zur Ski-WM nach Garmisch-Partenkirchen. Ich flehe ihn an, nur einen Job anzunehmen, aber wie so oft habe ich wenig Mitspracherecht. Kein gelungener Start, direkt alleinerziehend zu sein. Aber Tanja macht das schon. Natürlich.
Kapitel 2
Nun ist also eingetroffen, wovor ich immer so viel Respekt hatte. Ich erkenne mich nicht mehr wieder. Ich sitze in der Mama-Falle. Mein Sohn ist inzwischen 18 Monate, meine Tochter vier Jahre alt. Nach nun fast viereinhalb Jahren Windeln wechseln, 850 Mal Spülmaschine ein- und ausräumen, 1460 Nächten ohne durchzuschlafen, in der Summe, bei zwei Kindern, 15 Monaten stillen, zwanzig Monaten Schwangerschaft, über dreitausendmal Frühstück, Mittagessen oder Abendessen zubereiten und weit über 1.500 Abenden, die ich in den vergangenen viereinhalb Jahren zu Hause festsaß, bin ich unausgeglichen, über Monate niedergeschlagen, ohne Energie und Lebensfreude in mir.
Ich agiere rund um die Uhr als Mama und habe meine eigenen Bedürfnisse komplett aus den Augen verloren. Ich spüre mich nicht mehr. Ich fühle mich in meiner Rolle als Vollzeitmama lediglich als »Aufpasserin« und als »Putzfrau« ohne Selbstbewusstsein, bin gegenüber meinen Kindern und meinem Ehemann nur noch gereizt und kann mich selbst nicht mehr leiden.
Das kann der liebe Gott mir doch unmöglich mit meiner Aufgabe als Mama auf den Weg gegeben haben. Ich weiß wirklich nicht, wohin Gott mich führen möchte. Ich bin dafür auch nicht gläubig genug, aber wenn er weiterhin diese Richtung beibehält, dann schlage ich vor, er soll allein weitergehen.
In ihrem Buch Muscheln in meiner Hand stellt sich die Autorin Anne Morrow Lindbergh folgende Frage: »Wenn es die Aufgabe der Frau ist zu geben, so muss sie auch wiederbekommen. Aber wie?« Ihre Lösung scheint denkbar einfach: »Alleinsein«. Jeder Mensch, besonders jede Frau, sollte einmal im Jahr, einmal in der Woche, einmal am Tag allein sein.
Doch für mich – und wahrscheinlich auch für viele Frauen – scheint ein solches Vorhaben völlig unerreichbar. Es ist keine Kraft mehr vorhanden, nach Haushalt und Kindern auch nur eine Stunde Alleinsein sinnvoll zu nutzen. Dabei ist es doch Irrsinn. Jeder Arbeitnehmer erwartet einen freien Tag in der Woche und jährlichen Urlaub. Eigentlich sind wir Mütter und Hausfrauen die einzigen arbeitenden Menschen, die keine geregelte Freizeit haben.
Dann kommt der Zusammenbruch. Nervenzusammenbruch lautet die genaue Diagnose. Im Auto, vor meinen zwei Kindern, einfach so, nichts geht mehr. Ich will meine Tochter bei einem Freund abholen. Der Kleine ist natürlich dabei, weil mein Mann sich im Rahmen der Fußball-EM für drei Wochen in Polen aufhält. Ich schaffe es gerade noch, meine Tochter ins Auto zu verfrachten. Aber dann: Herzrasen, Tunnelblick, Verzweiflung. Mein Kopf sendet nur noch: Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr. Mein Körper, mein Geist und auch meine Seele sind komplett aus der Balance.
Ein Freund ist Neurologe. Ich rufe ihn mit letzter Kraft an, und er schickt sofort ein Rezept für Tavor in unsere Apotheke. Tavor ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Benzodiazepine. Es wird als Beruhigungsmittel bei Angst- und Panikstörungen eingesetzt. Es ist eines der meistverordneten Psychopharmaka in Deutschland. Bei längerer Einnahme kann es abhängig machen. Ich schlucke es, um irgendwie wieder Luft zu bekommen.
Wie in Trance liege ich nun im Bett. Eine Nachbarin hat die Kinder übernommen, bis meine Mutter kommt, die bereits unterwegs ist. Das Mittel besitzt unter anderem auch eine sedierende und muskelrelaxierende Wirkung. Es haut mich komplett um. Ich gehöre zu den Menschen, die Medikamente nur im äußersten Notfall einnehmen. Vorher versuche ich, alle gängigen Hausmittel anzuwenden. Erst wenn keine Besserung eintritt, entscheide ich mich für die klassische Schulmedikation.
Meine beiden kleinen Mäuse sind total verwirrt, was mit Mama los ist. Meine Mutter kommt und meint, ich solle mich um der Kinder willen zusammenreißen. Mama, wenn du wüsstest, wie gern ich dies tun würde. Aber es geht nicht mehr. Ich schäme mich so sehr vor meinen Kindern. Ich bin an einem Punkt, an dem ich nie landen wollte. Ich möchte meinen Kindern ganz sicher nicht vermitteln, wie anstrengend das Leben ist. Aber im Augenblick ist es anstrengend. Mein Leben ist anstrengend und völlig aus den Fugen geraten. Lieber Gott, was soll ich bloß tun?
Einen Tag nach dem Zusammenbruch sitze ich beim Neurologen. Nach fünf Minuten ist für ihn klar, dass ich Antidepressiva nehmen soll. Nach nur fünf Minuten. Das menschliche Gehirn besitzt Schätzungen zufolge rund einhundert Milliarden Nervenzellen, welche durch etwa einhundert Billionen Synapsen eng miteinander verbunden sind. Das sind mehr als alle Atome im Weltall. Wie soll dann mal eben eine Handvoll Tabletten wieder Ordnung in meinem Gehirn schaffen?
Der Neurologe stellt keinerlei Fragen zu meinen Gedanken, meinen Ängsten, meinen Tätigkeiten, meinem familiären Hintergrund, meiner Ernährung, meinen sportlichen Betätigungen. Nur die Analyse: »Sie sind aktuell depressiv.« Ich sitze bei ihm im Zimmer, und alles in mir zieht sich zusammen. Ich habe solche Angst vor Psychopharmaka. Vor den Nebenwirkungen, vor dem, was die Tabletten im Körper anstellen, und davor, dass ich nichts mehr fühle.
Vor sechs Jahren habe ich eine ehemalige Kollegin in der geschlossenen Anstalt besucht. Diesen Anblick werde ich nie vergessen. Nicht ihren Anblick und nicht den der Menschen, die sich in der geschlossenen Anstalt aufgehalten haben. Sie war nicht mehr die Frau, die ich kannte. Vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln, aufgedunsen im Gesicht und kaum ansprechbar. Einige Menschen kauerten auf dem Boden, in Flurecken, andere sprachen mich wirr an, wieder andere waren an ihren Betten fixiert. Es war schlimmer als in jedem schlechten Film.
Für mich ist klar, wenn ich die Tabletten nehme, habe ich versagt. Keine Ahnung warum, aber es wehrt sich alles in mir. Vielleicht liegt es daran, dass es mir schwerfällt, mir Hilfe zu holen. Ich bin mit 1,89 Meter eine sehr große Frau. Durch meinen Sport, das Handballspielen, habe ich mit meiner Größe nie ein Problem gehabt. Allerdings hat die Größe früh dazu geführt, dass von mir immer verlangt worden ist, es allein zu schaffen. »Die Tanja ist groß genug, die kann das.« Die Begriffe »Hilfe bekommen« oder »Hilfe einfordern« gibt es in meinem Wortschatz nicht. Als großer Mensch wird man fast immer überfordert.
Unabhängig von meinem vielleicht falschen Verhaltensmuster können die Tabletten nicht die Lösung für mein Problem sein. Dann werde ich doch in ein paar Jahren wieder in dem gleichen Teufelskreis hängen. Wäre es auf der anderen Seite nicht toll, einfach wieder fröhlich zu sein? Wenn es doch so einfach wäre.
Meine Schwester Mara ist so lieb, mich mit den Kids bei sich aufzunehmen, bis mein Mann endlich nach Hause kommt. Selbst jetzt, als ich völlig am Boden liege und nicht in der Lage bin, mich um meine Kinder zu kümmern, ist es ihm nicht möglich, die Geschäftsreise abzubrechen. Wie kann das sein, dass Geld offenbar mehr zählt, als mir zu helfen? Wie ist das möglich? Wie weit sind wir gekommen in unserer Beziehung?
Zum Glück bin ich nicht allein, meine Schwester steht mir bei, meine Mama, mein Vater, meine Schwiegereltern, meine Freunde – alle sind für mich da. Alle auch mit einer anderen Meinung. Jeder redet auf mich ein und jeder ist geschockt, wenn ich von den vergangenen Monaten erzähle. Ich habe mich auf die Kinder gestürzt, mich um sie gekümmert, bei ihnen geschlafen und nichts mehr für mich gemacht. Ich habe keinerlei Zugang mehr zu mir. Eigentlich fühle ich mich genau so, als würde ich schon Antidepressiva nehmen. Ich stehe neben mir.
Abends liege ich mit meinen Kindern im Wohnzimmer meiner Schwester. Meine Tochter schläft auf dem Sofa, der Kleine und ich auf einer großen Matratze auf dem Fußboden. Mich packt eine unbeschreibliche Angst, dass ich es nicht schaffe, dass ich vollgepumpt mit Tabletten in der Psychiatrie lande. Mein ganzer Körper fängt an zu zittern, mein Herz rast, ich bekomme keine Luft mehr. Hilfe!
Mara hält mich ganz fest. Ich fühle, dass ich gleich zusammenbreche. Jetzt hat Mara genug. Sie ruft den Notarzt. Mitten in der Nacht werde ich ans EKG angeschlossen. Meine zwei Mäuse schlafen tief und fest und bekommen zum Glück nichts davon mit. Diagnose: Panikattacke.
Eine Panikattacke wird aus wissenschaftlicher Sicht als einzelnes, plötzlich und in der Regel nur einige Minuten anhaltendes Auftreten einer körperlichen und psychischen Alarmreaktion ohne objektiven äußeren Anlass bezeichnet. Herzrasen und Atemnot gehören bei einer Panikattacke zu den häufigsten Reaktionen. Umgangssprachlich erklärt ist die Angst innerhalb einer Panikattacke nichts anderes als eine Fehlinterpretation körperlicher Wahrnehmungen.
Der Rettungsdienst empfiehlt, Tavor einzunehmen und am besten zu versuchen zu schlafen. Ich bekomme noch vage mit, wie der Notarzt meiner Schwester erzählt, dass auch einer seiner besten Freunde im Augenblick mit solchen Attacken zu kämpfen hat. Das sei keine psychische Schwäche, sondern eine klare Reaktion des Körpers auf zu viel Stress. Aber ich weigere mich weiterhin, das Hammerzeug einzunehmen. Da muss ich jetzt so durch. Meine Schwester ist auf und an meiner Seite. Diese Angstattacke schaffen wir gemeinsam. Ohne Tavor. Sie hält mich einfach fest im Arm, die ganze Nacht, und ich beruhige mich wieder. Versuche tief ein- und auszuatmen, versuche, an die Kinder zu denken, versuche abzuschalten. Und irgendwann ist es geschafft. Ich schlafe. Ohne Tavor. Danke, Schwesterherz, du hast mir das Leben gerettet. Es fühlt sich wie ein kleiner Sieg an, dass die Angst vorübergeht. Dass sie nichts anrichten kann. Ein klitzekleiner Sieg.
Eine Woche noch, bis mein Mann wiederkommt. Eine Woche noch, die ich durchhalten muss. In der die Kinder von A nach B verfrachtet werden müssen, weil ich mich nicht mehr um sie kümmern kann. Aber wird die Situation nach seiner Rückkehr überhaupt besser? Die ganzen Monate über habe ich meine Wut auf meine persönliche Überlastung auf ihn übertragen. In meinen Augen ist er schuld, weil er mich immer wieder mit den Kindern allein lässt. Gefühlte hundert Mal habe ich in den letzten Monaten gesagt, ich kann nicht mehr. Ich bin erschöpft. Ohne Reaktion. Und das tut weh, da ist jemand, den du liebst und der dich liebt, aber der dich nicht rettet. Weil alles andere, wie Kinder und finanzielle Dinge, wichtiger sind.
»Tanja schafft das schon. Das macht sie immer so.«
Nur diesmal leider nicht. Natürlich weiß ich auch, dass mein Mann nicht schuld ist. Meine Art zu denken, meine Art zu handeln, meine inneren Bilder – seit Monaten nur noch negativ. Rückwirkend ist mein inneres Bild, welches jeden Tag beim Aufstehen aufgerufen wurde: Ich muss nur noch funktionieren. Wie es mir geht, interessiert sowieso niemanden. Das kann kein inneres Bild sein, um Lebensfreude zu bekommen. Aber woher kommt dieses Bild? Ich muss als Mama weg von der Fremdbestimmung, hin zur Selbstbestimmung. Wieder für mein eigenes Leben Verantwortung übernehmen und den roten Faden finden, der das Leben wieder zum Guten führt. Doch wie soll ich meine Mitte finden, wenn an den alltäglichen Bausteinen kaum zu rütteln ist? Kleine Kinder verursachen nun einmal Chaos und Stress, und ein Mann, der beruflich viel unterwegs und zudem aktuell Alleinverdiener ist, kann auch nicht mal eben sagen: »Okay, dann höre ich mit dem Arbeiten auf.« So einfach ist es leider nicht.
Es ist ein Albtraum. Mir wird klar, dass ich eine Pause brauche, eine Pause, in der es nur um mich geht. Ohne Kinder. Oh Gott, so denkt doch nur eine Rabenmutter! Ich hadere und zweifele, aber schließlich ist es mir tatsächlich egal. Ich brauche Zeit ohne die Kinder und ohne meinen Mann. Das ist die einzige Lösung. Und ob das zu Hause ohne mich klappt, ist mir egal. Völlig egal. Es geht um mich. Raus hier! Ich bin mir wichtig. Ein Satz, den ich lernen muss wie ein Analphabet das Schreiben: Ich bin mir wichtig!
Kapitel 3
Ich steige in den ICE nach Freiburg, und es fühlt sich schrecklich an. Fast vier Monate habe ich für diesen Moment gekämpft. Vier Monate kämpfen für einen Platz in meiner Wunschklinik. Eine sehr kleine psychosomatische Rehabilitationsklinik, die anthroposophisch arbeitet und den Menschen ganzheitlich behandelt. Bürokratischer Wahnsinn, das durchzusetzen. Und vier Monate im Alltag durchhalten mit allen Symptomen der Niedergeschlagenheit, der Erschöpfung und den unzähligen Ängsten. Mehrere Male war ich kurz davor, mich in eine psychosomatische Akutklinik einweisen zu lassen.
Die negativen Gefühle sind nicht zum Aushalten, sie nehmen mir den Boden unter den Füßen weg. Ich habe keinen Halt mehr. Nichts ist mehr da. Mit aller Macht möchte ich erzwingen, dass die negativen Gefühle verschwinden. Ich kämpfe gegen sie an. Es ist ungefähr so, als wollte ich eine Welle, die direkt auf mich zukommt, ins offene Meer zurückdrängen. Das kann nicht funktionieren. Die Taktik, sich für alle anderen »aufzuopfern«, die uns Frauen so gut liegt, bringt anscheinend gar nichts. Am Ende haben beide Seiten verloren. Die Seite, die sich aufopfert, und die Seite, die das mitmacht. Zuerst gibt man sich für die eigene Familie auf, und dann muss die Familie sich mehr denn je um einen kümmern, weil man vergessen hat, sich um sich selbst zu kümmern und völlig ohne Energie ist.
Fünf Wochen stehe ich jetzt als Mama nicht zur Verfügung. Ganz ehrlich, da hätte ich doch besser in den letzten fünf Jahren regelmäßig Auszeiten für mich genommen, als jetzt direkt fünf Wochen am Stück. Aber es geht nicht anders. Ich kann nur zu mir selbst finden, wenn ich meine Rolle als Mutter und Ehefrau für eine Weile ablegen darf.
Ich glaube, dass ich die letzten vier Monate nur mithilfe meiner Werte aus dem Sport geschafft habe. Knapp zwanzig Jahre bin ich Handballerin gewesen. Davon viele Jahre auf sehr hohem Niveau. Im Leistungssport gibt es immer wieder Höhen und Tiefen. Gute Phasen, schlechte Phasen. Ich weiß, wie es sich anfühlt zu verlieren, und ich bin in der Lage, wieder aufzustehen, an mir zu arbeiten und dabei mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Und ich besitze aufgrund vieler Jahre in der zweiten Bundesliga sehr viel Disziplin. Das hat mir geholfen, in den schwierigsten Monaten meines Lebens durchzuhalten und nicht aufzugeben. Und die unendlich große Liebe zu meinen Kindern hat mich ebenfalls die letzten vier Monate am Leben gehalten.
Natürlich ist es der Worst Case, nicht mehr in der Lage zu sein, seinen Alltag mit all den Dingen, die bei zwei kleinen Kindern dazugehören, zu bewältigen. Das Rad der permanenten Überforderung drehte sich unnachgiebig weiter. Aber das »Weitermachen-Müssen« bedeutet auch, dass man mithilfe der Kinder immer wieder ins Hier und Jetzt zurückgeholt wird. Wenn man seine eigene Hand in die Hände seiner Kinder schiebt, steht die Welt für einen Augenblick still. Wenn ich beim Einschlafen für einen kurzen Moment mein Ohr auf die Brust eines meiner Kinder lege und seinen ruhigen, gleichmäßigen Herzschlag spüre, wird mir bewusst, warum ich durchhalten muss und durchhalten werde.
Der Abschied zu Hause war knallhart. Mit ihren vier Jahren versteht meine Tochter vielleicht ein wenig, dass der Aufenthalt für mich notwendig ist. Für den Kleinen ist Mama einfach nur weg. Es brach mir das Herz, meine Kinder weinen zu sehen, und selbst mein Mann weinte. Und ich natürlich wasserfallmäßig auch. Der Trennungsschmerz bricht mir nicht nur das Herz, er reißt es mir raus.
Die Zugfahrt von Köln nach Freiburg nutze ich, um den Fragebogen der Klinik auszufüllen. Fragen über Fragen zu meinem bisherigen Leben, zu meiner familiären Situation, zu meinen Beschwerden und natürlich, ganz wichtig, zu meinen Zielen für den kommenden Aufenthalt in der psychosomatischen Klinik. Ich merke, wie mich mein Abteilnachbar gegenüber dabei beobachtet. Okay, es ist eindeutig am Briefkopf zu erkennen, wohin meine Reise geht: »Psychosomatische Rehaklinik«.
Ich schaue aus dem Fenster. Ganz sicher habe ich mir mein Leben anders vorgestellt, als jetzt mit Ende dreißig in einer psychosomatischen Rehaklinik zu landen. Nein, das gehörte nicht zu meinen Plänen. Aber das Leben schreibt wohl oft andere Geschichten als eigentlich geplant. Das ist Leben. Oft genug habe ich in den letzten Monaten gedacht, dass ich so ein Leben nicht möchte. Ich will es nicht haben. Nicht ich. Die, die immer tough ist, die erfolgreich ist, zwei gesunde Kinder hat, immer alles im Griff hat, sportlich ist, die von den Menschen geliebt wird für ihre positive Art, so jemand kann doch unmöglich psychisch krank werden. Das will nicht in meinen Kopf hinein. Nicht ich! Bitte nicht ich!
Um mir nicht weiter den Kopf zu zermartern, widme ich mich wieder dem Fragebogen. Mein Gegenüber, ein seriös wirkender Endsechziger, grau meliert, beobachtet mich weiter und lächelt mir milde zu. Ist auch egal, soll er ruhig wissen, wo ich hinfahre. Ich döse etwas ein. Als ich wieder aufwache, machen wir Halt in Mannheim. Mein Gegenüber steigt aus und sagt zu mir: »Ich wünsche Ihnen in diesem Fall keine gute Hinfahrt, sondern eine erfolgreiche Rückfahrt!«
Sofort schießen mir die Tränen in die Augen. Was für eine wunderbare und besonnene Aussage. Und wie wahr. Die Rückfahrt ist wichtig und dass ich zu diesem Zeitpunkt wieder Kraft und Hoffnung geschöpft habe. Die Hinfahrt spielt tatsächlich überhaupt keine Rolle.
Mir fällt ein Zitat des griechischen Naturphilosophen Demokrit ein:
»Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.«
Ich hoffe, am Ende des Aufenthaltes das Glück auf meiner Seite zu haben, wenn ich schon den Mut für diese Auszeit aufbringe. Es sind diese kleinen Gesten, die das Herz berühren. So, wie wenn dir ein fremder Mensch ein Taschentuch reicht, weil du gerade nicht anders kannst als weinen. Ich glaube, die Aussage meines Abteilnachbars werde ich mein Leben lang nicht vergessen. So viel Mitgefühl und Feinsinn von einem wildfremden Menschen. Danke für diesen Moment.
In Mannheim setzt sich eine ältere Frau zu mir. Sie ist klein, trägt einen akkuraten Pagenschnitt, die Haare sind eher weiß als grau. Sie wirkt sehr unsicher und teilt mir schnell mit, dass sie zu ihrer Tochter in die Schweiz reist und tatsächlich nervös ist, weil sie noch nie allein gereist ist. Sie erzählt mir von ihren Kindern, die bereits aus dem Haus sind, von ihren Nöten, von ihren Träumen. Ich höre zu und wünsche mir so sehr, dass ich in diesem Alter meine Sorgen und Ängste losgelassen habe und endlich leben darf. Ich stelle mir vor, wie ich alle Dinge realisiere, die ich schon immer mal tun wollte, wenn die Kinder groß sind und wenn ich die wichtigste Lektion im Leben gelernt habe: Loslassen! Ein wenig träumen hilft, die Realität zu vergessen. Doch die Realität holt mich schnell zurück ins Hier und Jetzt. Freiburg ist erreicht, und ich muss mit meinem riesengroßen Koffer umsteigen.
»Kann ich Ihnen helfen«?, fragt erneut ein fremder Mensch. Und auch diese Frage öffnet mein Herz. Ja, gern, denn zu zweit ist es einfacher. In diesem Fall den schweren Koffer zu tragen. Danke!
Weiter geht es mit dem Regionalzug ins Breisgau. Wieder versuche ich, mich innerlich zu beruhigen. Die Aufregung kurz vor dem Ziel ist ziemlich groß. Schaffe ich fünf Wochen allein, ohne meine Kinder und meinen Mann? In meinem ganzen Leben war ich noch nie so lange am Stück weg. Als Zwölfjährige habe ich von der Schule aus an einem Austauschprogramm teilgenommen. Für 14 Tage bin ich allein nach England gefahren. Eine wildfremde Familie hat mich abgeholt, und in den 14 Tagen habe ich es nicht geschafft, mich auch nur einen einzigen Tag bei dieser Familie wohlzufühlen. Ich wollte nur wieder schnell nach Hause. Ich fand es schrecklich, alles, was ich liebte, war nicht bei mir, ich wusste bis dato nicht, wie sich Heimweh anfühlte. Ab diesem Zeitpunkt war mir bewusst, wie schrecklich Heimweh sein kann. Ich wollte nach Hause und konnte nicht. Dieses Erlebnis hat mich bis heute geprägt. Ich fahre ungern an Orte, die ich nicht kenne, und schon gar nicht allein. Zusätzlich konnte ich aufgrund meines Leistungssports nicht für längere Zeit verreisen. Eine echte Auszeit hat es in meinem ganzen Leben somit noch nie gegeben.
Und die Ängste? Was passiert, wenn nachts die Ängste wieder zuschlagen und ich allein bin? Keine Ahnung. Ich versuche, die Angst zu vertreiben, indem ich mir noch einmal bewusst mache, was meine Therapeutin mir für diese Zeit geraten hat:
»Nutzen Sie die Kur, um sich etwas Gutes zu gönnen. Nur Sie sind wichtig. Schlafen Sie, wenn Sie möchten, essen Sie, was Sie wollen, treiben Sie Sport, wann Sie Lust haben. Diese Zeit gehört nur Ihnen. Es ist völlig normal, dass Sie nach fünf Jahren Kinderversorgung eine Auszeit brauchen. Jede Mutter hätte diese Auszeit verdient. Eine Untersuchung des Bundesfamilienministeriums hat ergeben, dass ein Fünftel aller Mütter, die für die Versorgung ihrer Kinder hauptverantwortlich sind, aufgrund ihrer Gesundheitsstörungen und psychosozialen Belastungssituation Anspruch auf eine Kur hätten. Und nur ein klitzekleiner Teil davon beantragt tatsächlich eine Kur. Was für eine schöne Vorstellung, wenn jede Mama präventiv von der Krankenkasse in den ersten Jahren der Kinder eine Kur genehmigt bekommen würde. Ich denke, dann würde es vielen Frauen und damit auch den Kindern besser gehen. Aber Prävention gehört leider nicht zu den Paradedisziplinen der Krankenkassen. Auch Ihre Auszeit wird gute und schlechte Tage beinhalten, das ist das Leben.«
Okay, ist gespeichert. Trotzdem hoffe ich natürlich auf mehr gute als schlechte Tage. Denn das Annehmen der schlechten Tage ähnelt mir sehr der Erleuchtung. Wenn ich mich depressiv fühle und obendrauf auch noch Angst habe, ist es schier unmöglich zu sagen, ich nehme das an. Geht nicht. Wahrscheinlich erst, wenn ich irgendwann einmal erleuchtet bin – so wie das im Moment aussieht, also frühestens im nächsten Leben.
Die Klinik wirbt mit dem Ziel, die gesunden Ressourcen hinsichtlich der Fähigkeit zu Freude und Glück neu zu entdecken, verborgene Kraftquellen aufzutun und verloren gegangene Visionen und Wege wiederzufinden. Ja, es wäre schön, wenn ich dieses Ziel erreichen würde. Früher war ich eine Macherin. Aktiv und unabhängig, meine Visionen und Ziele klar vor Augen. Jetzt bin ich froh, wenn ich von heute bis morgen meine klitzekleinen gesetzten Ziele erreichen kann. Platz für große Visionen und Ziele ist nicht mehr vorhanden. Wenn man den zahlreichen Artikeln zum Thema Burnout Glauben schenken darf, sind es meistens die »Macher«, die es erwischt, Menschen, die sich in einer guten beruflichen Stellung befinden und eher extrovertiert als introvertiert wahrgenommen werden.
Am Bahnhof nehme ich ein Taxi. Eine sehr nette Taxifahrerin fährt mit mir durch das wirklich schöne Breisgau. Neben Taxifahren scheint es ihr zweiter Job zu sein, den Menschen, die auf dem Weg in die Klinik sind, Mut zu machen. Und das tut unendlich gut.
»Ich sage Ihnen, alle sind am Ende ihres Aufenthaltes traurig, dass es nach Hause geht. Und glücklich, diese Zeit erlebt haben zu dürfen. Ich bin mir sicher, dass es Ihnen auch so ergehen wird.«
Diese Worte gehen runter wie Öl und sind Balsam für meine Seele. Alles wird gut. Dann stehe ich vor der Klinik und habe butterweiche Knie. Von außen sieht die Klinik genauso aus, wie auf der Homepage beschrieben, eingebettet in einen wunderschönen Garten, der wiederum eingebettet ist in die wunderschöne Natur des Breisgaus.
Unsicher betrete ich die Klinik. Im Foyer, welches mit zahlreichen Leseecken zum Verweilen einlädt, werde ich von einer Mitarbeiterin an der Rezeption ziemlich barsch begrüßt: »Ich habe jetzt Pause. Rechts geht es zum Speisesaal. Dort können Sie Mittag essen. Um 13 Uhr bin ich wieder für Sie da.«
Puh, ein »Schön, dass Sie da sind. Hatten Sie eine angenehme Anreise?« hätte mir den Start erleichtert. Ist nicht der Fall, also Koffer abstellen und rein in den Speisesaal. Hier sieht es eher aus wie in einem Hotel. Und die Menschen im Speisesaal? Ganz sicher nicht zu erkennen, dass man sich in einer Klinik mit psychosomatisch Kranken befindet. Jedes Alter ist vertreten, und niemand sieht auf den ersten Blick krank aus.
Ich merke, dass ich die Blicke auf mich ziehe. Wieder eine Neue. Was die hier wohl hingeführt hat? Mir ist, als könnte ich die Gedanken der Menschen lesen. Es ist eindeutig. Die Leiterin des Speisesaals ist sehr nett, und ich bin mir sicher, dass sie um die Nöte und Sorgen von Neuankömmlingen wie mir weiß. Freundlich begleitet sie mich zu meinem Platz an einem Tisch, an dem bereits eine Frau sitzt. Sie wirkt sehr unsicher und sieht aufgrund der dunklen Schatten unter den Augen sehr erschöpft aus. Sie ist klein, hat dunkle, kurze Haare und ist komplett ungeschminkt. Obwohl sie rein äußerlich sehr mitgenommen wirkt, ist sie mir sympathisch. Und das ist es, was zählt. Wir lächeln uns an und stellen uns vor. Sie heißt Katja und ist ebenfalls heute angekommen. Sie scheint diese große Unsicherheit darüber, was hier in den nächsten Wochen passieren wird, genauso in sich zu tragen wie ich in mir.
Obwohl das Essen köstlich ist, bekomme ich kaum etwas runter. Ich bin zu nervös und warte eigentlich nur darauf, endlich zu sehen, wo und wie ich die nächsten fünf Wochen wohnen werde. Einer der Gründe, warum ich diese Klinik für mich ausgewählt habe, war die Tatsache, dass die Klinik sehr klein und familiär ist und auf ihrer Homepage mit wunderschönen Zimmern geworben hat. Zimmer zum Wohlfühlen mit einer schönen Atmosphäre, in denen man nicht das Gefühl bekommt, krank zu sein. Anders als die zahlreichen riesengroßen Kliniken, in denen man sich wie in einem Krankenhaus fühlt. Nein, das wollte ich auf keinen Fall. Ich bin in diesen Dingen tatsächlich verwöhnt. Ich brauche es schön um mich herum, um mich wohlzufühlen. Vier Monate habe ich mit der Deutschen Rentenversicherung gekämpft, um meine »Wunschklinik« zu bekommen. In zahlreichen Briefen musste ich argumentieren, warum die von der DRV zugewiesenen Klinikplätze für mich nicht stimmig sind. Die zugeteilten Kliniken waren riesige Krankenhäuser, in denen teilweise auch Suchtpatienten oder Akutpatienten untergebracht waren. Der Schwerpunkt lag meist darauf, über Antidepressiva wieder ins Leben zu finden. Krankenhausatmosphäre pur. Das wollte ich auf keinen Fall.
Nach der Aufnahme durch die resolute Rezeptionistin ist es endlich so weit. Ein Pfleger begleitet mich zu meinem Zimmer. Er öffnet die Tür – und ich bin augenblicklich fassungs- und sprachlos. Es ist schlimmer als in jeder Jugendherberge! Eine Neun-Quadratmeter-Zelle, die auch noch vollgestellt ist mit völlig überalterten Möbeln. Hilfe!
Vom auf der Homepage gepriesenen »wunderschönen Ambiente der Zimmer« kann keine Rede sein. Eine Katastrophe! Das Bett, ein riesengroßer Sessel, ein Schreibtisch, eine Stehlampe, dicke Vorhänge und alles dunkel und verstaubt. Die Tapeten total vergilbt. In diesem Raum ist keinerlei Leben, sondern eine negative Aura, die zum Weglaufen animiert.
Mir ist elend zumute. Ich weine, weil ich hier auf keinen Fall vierzig Nächte schlafen kann, und ich weine, weil ich wieder nach Hause möchte. Sofort! Als ob ich in den letzten Monaten nicht schon genügend Pech hatte. Egal, was ich in meinem Leben gemacht habe, ich brauche immer das Gefühl, mich wohlzufühlen. Sonst kann ich keine Leistung bringen. Das war im Job so und auch beim Handball. Selbst in der zweiten Handballbundesliga habe ich mir die Mannschaften nicht nach der Bezahlung oder der Platzierung ausgesucht, sondern danach, ob ich mich mit den Mädels im Verein gut verstehe, Spaß haben kann und mich wohlfühle. Drunter ging es nicht. Wahrscheinlich hatte ich damals das Talent, es in die erste Bundesliga zu schaffen. Aber dem hohen Druck hätte ich nicht standgehalten.
Was jetzt? Auf keinen Fall zu Hause anrufen. Dann muss ich wieder nur heulen, und alle machen sich Sorgen. Also auf direktem Weg zur Rezeption und um ein neues Zimmer bitten.
»Ich werde in diesem Zimmer nicht wohnen bleiben.«
Die Rezeptionistin zuckt mit den Schultern.
»Tja, da bleibt Ihnen aber nichts anderes übrig. Wir sind ausgebucht.«
»Hören Sie mir überhaupt zu? Ich bleibe nicht in diesem Zimmer und verlange sofort ein neues! Sie werben auf Ihrer Homepage mit Zimmern zum Wohlfühlen und jetzt dieses Zimmer, das nichts aber auch rein gar nichts mit Wohlfühlatmosphäre zu tun hat!«
Ich bin richtig geladen, und diese Zimtzicke, die mir hier die Ankunft schon vermiest hat, ist jetzt die ideale Projektionsfläche für meine Wut.
»Ja, Sie sind noch im alten Trakt. Wir sind gerade dabei, Zimmer für Zimmer zu renovieren. Da haben Sie wohl Pech gehabt«, gibt sie ungerührt zurück.
»Ich bin aber nicht angereist, um Pech zu haben. Ich bin angereist, um gesund zu werden. Vor allem lasse ich meine Familie für fünf Wochen allein, um endlich mal wieder schlafen zu dürfen. Seit fünf Jahren habe ich nicht mehr durchgeschlafen. Und eins meiner Hauptziele hier ist, endlich wieder schlafen zu können. Was in diesem Zimmer definitiv nicht möglich ist. Also geben Sie mir bitte sofort ein neues Zimmer!«, zetere ich. Ich weiß, dass mein Nervenkostüm in den letzten Monaten reichlich Schaden genommen hat und ich schneller als früher auf 180 bin. Aber das hier ist ja wohl wirklich eine Zumutung!
»Ihre Krankheitsgeschichte interessiert mich nicht!«
Das sitzt. Ich schlucke. Hat sie tatsächlich gesagt: »Ihre Krankheitsgeschichte interessiert mich nicht!«? Was für eine Fehlbesetzung an Rezeptionistin.
Ich spüre die Tränen in mir aufsteigen und ziehe unverrichteter Dinge ab. Ich dachte, hier in der Kur würde das viele Weinen endlich weniger. Wahrscheinlich habe ich die letzten Monate so viel geweint wie mein ganzes Leben noch nicht. Es kommt immer wieder aus dem Nichts. Und dann weine ich manchmal, ohne zu wissen, warum. Ich weine und weine. Und da Weinen leider nicht gesellschaftsfähig ist, kann kein Mensch damit umgehen, wenn ich weine. Also versuche ich, nicht zu weinen. Was mir aber nicht gelingt und natürlich auch nicht die Lösung ist. Das ist das Dilemma an den psychischen Krankheiten. Sie sind nicht erklärbar, sie sind nicht messbar und gesellschaftsfähig schon gar nicht. Nun gut, vielleicht sollte ich mir zumindest hier in der Klinik erlauben zu weinen.
Zurück in meinem düsteren Domizil flüchte ich auf den Balkon, von dem aus man zum Glück einen schönen Ausblick ins Grüne hat. Es ist einer dieser typischen goldenen Herbsttage, an denen man glücklich ist, dass der Spätsommer noch mal in die Verlängerung geht.
Etwa zwanzig Meter vor meinem Balkon entfernt steht ein traumhafter großer Kastanienbaum. Ich glaube, ich habe noch nie so einen schönen Kastanienbaum gesehen mit so vielen großen Kastanien.
Überall auf der Wiese liegen erschöpfte Menschen, welche in der Sonne dösen oder ein Buch genießen. Gut, mein erster Vorsatz ist also, so wenig Zeit wie möglich in diesem Zimmer zu verbringen, solange das Wetter es zulässt. Aber wie soll ich nachts hier schlafen?
Ich spüre in diesem Zimmer die ganze schlechte Energie der verzweifelten Menschen. Jeder, der hier gewesen ist, war auf seine eigene Art verzweifelt. Das ist in diesem Zimmer genau zu spüren. So als ob in dem uralten Mobiliar die gesamte schlechte Energie der letzten Jahre gespeichert ist. Die Atmosphäre dieses Raumes ist kaum auszuhalten. Es fühlt sich beklemmend an. Ich setze mich auf den Balkon und weine. Weine darüber, dass ich hier bin, dass mein Zimmer so schrecklich ist, dass der Start der Kur sich so knallhart gestaltet. Ich habe erwartet, dass die ersten Tage schwierig werden. Aber dass ich mich so aufgelöst fühlen würde, damit hatte ich nicht gerechnet.
Mein Gott, wieso muss ich diesen Weg gehen? »Alles hat seinen Sinn«, sagt meine Mama immer, aber welchen Sinn mein Burnout hat, die heftigen Gefühle, das ständige Auf und Ab, keine Ahnung. Ich hätte darauf in meinem Leben gern verzichtet. Es kostet so viel Energie, das alles auszuhalten. Wie oft würde ich gern einfach aufgeben? Aber tief in mir ist zum Glück doch eine kleine Stimme, die mir zögerlich zuflüstert, dass das Leben lebenswert ist. Und da sind ja auch noch meine Kinder. Jedes Kind hat doch eine glückliche Mutter verdient. Ich möchte meinen Kindern nicht erklären, dass das Leben schwer ist, dass das Leben mich müde macht. Nein, das ist das Allerletzte, was ich meinen Kindern fürs Leben mitgeben möchte. Also kämpfe ich für ein besseres Leben, für mich und für meine Kinder. Und dafür bin ich hier.
Kapitel 4
Heute, am Anreisetag, passiert nichts. Um nicht weiter in Selbstmitleid zu verfallen, beschließe ich, mir den Kurort anzusehen. Ich bin entschlossen, nach vorne zu blicken. Im Flur begegnet mir meine Zimmernachbarin. Sie ist etwa in meinem Alter und hat ein unglaubliches Lächeln im Gesicht.
»Hallo, ich bin Tina. Bist du heute angekommen?«
Ich nicke verzagt. Sie scheint mir anzusehen, dass sich meine Begeisterung über diese Einrichtung bislang in Grenzen hält.
»Mach dir keine Sorgen, der Anfang ist hart, aber dann wird es toll. Ich bin in der Kur zu einem neuen Menschen geworden und genieße jeden einzelnen Tag!«
