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Die Fußballabteilung des TSV 1860 München feiert 2024 das 125. Jubiläum ihrer Gründung. Auch wenn die Löwen derzeit nur drittklassig spielen, können sie auf eine imposante Geschichte zurückblicken und erfreuen sich unverändert großer Beliebtheit. Manche behaupten sogar, in München gäbe es mehr "Blaue" als "Rote". Anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten haben die Autoren Claus Melchior und Thomas Bohlender – Mitglieder der Fußballabteilung und der Abteilung Vereinsgeschichte des TSV 1860 – Anekdoten, Bilder und Erinnerungen aus der langen Historie der Löwen-Fußballer ausgegraben. Auf 256 üppig bebilderten Seiten nehmen sie die Leser mit auf eine Reise durch die eine Geschichte, die schon immer ein Auf und Ab der Emotionen war. Dabei geht es nicht nur um sportliche Highlights wie das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1931 (2:3 gegen Hertha), die Pokalsiege 1942 und 1964, den Einzug ins Finale um den Europapokal der Pokalsieger 1965 (0:2 gegen West Ham) sowie natürlich die Meisterschaft 1966 sondern auch um Bedeutung und Rolle des Klubs in der Münchner Fußball-Landschaft. • 125 Jahre Löwen-Geschichte: Eine emotionale Reise durch Triumphe und Tragik • Sportliche Highlights der "Blauen" aus München • Mit vielen spektakulären Fotos aus der Geschichte des Vereins "Blaue" Münchner Fußball-Geschichte In welcher Liga 1860 auch spielte oder spielt – Emotionen weckte der Verein immer, und zur Klubgeschichte gehört auch die Schicksal, heute tief im Schatten eines Lokalrivalen zu stehen, der einst Untermieter im Sechzger-Stadion an der Grünwalder Straße war. Eine starke Erinnerungsreise durch 125 Jahre Fußballgeschichte beim TSV 1860, die begleitet wird von allerlei Veranstaltungen im Jubiläumsjahr 2024.
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Seitenzahl: 318
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Deutscher Meister 1966: TSV 1860 München.
Heimat Sechzger-Stadion, Grünwalder Straße.
Claus Melchior Jahrgang 1954. Studium der Geschichte und Anglistik. Nach einigen Jahren in der Wissenschaft als Buchhändler in München tätig. War 25 Jahre lang Mitherausgeber der etwas anderen Fußballzeitschrift Der Tödliche Pass. 2020 Mitbegründer der Abteilung Vereinsgeschichte im TSV 1860 München, inzwischen Stellvertretender Abteilungsleiter. Im Verlag Die Werkstatt erschienen von ihm Die Löwen – Die Fußball-Geschichte des TSV München 1860 (mit Hardy Grüne), Baseball – Kulturgeschichte eines amerikanischen Sports und Der Triumph der Löwen – Die Meisterschaft des TSV München von 1860 (mit Roman Beer und Arnold Lemke).
Thomas Bohlender 1957 in München geboren, von frühester Jugend an glühender Löwenfan, studierte Geographie, Geschichte und Germanistik und war von 1983 bis 2020 als Lehrer an einem Münchner Gymnasium tätig. 2022 wurde er zum Fußballabteilungsleiter des TSV 1860 München e.V. gewählt und als Sechzger-Leichtathlet Deutscher Seniorenmeister im Weitsprung in seiner Altersklasse. Der Autor lebt im Münchner Stadtteil Obermenzing und ist dort seit seiner Jugend beim SV Waldeck als Fußballer aktiv.
1. Auflage 2024
© Verlag Die Werkstatt GmbH, Bielefeld
Folgende Ausgaben dieses Werkes sind verfügbar:
ISBN 978-3-7307-0697-8 (Print)
ISBN 978-3-7307-0703-6 (Epub)
Gesamtherstellung: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, Göttingen
Datenkonvertierung E-Book: Bookwire - Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH
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CLAUS MELCHIORTHOMAS BOHLENDER
125 JAHRE FUSSBALLTSV 1860 MÜNCHEN
VORWORT
1899-1902
ES BEGANN UNTER DEM TURNERBANNER
Josef Braumüller
Fußballpionier, Trainer, Multitalent
Ganz in Weiß – das erste Spiel
1902-1919
PIONIERJAHRE
Internationale Gäste auf dem neuen Sportplatz
1919-1933
AUFSCHWUNG UND EINE BITTERE NIEDERLAGE
Um die Deutsche Meisterschaft betrogen? – Unglückliche 2:3-Niederlage im Endspiel gegen Hertha BSC
Alois Pledl
Dirigent und Urgestein
Josef Wendl
Mehr als 20 Jahre in der ersten Mannschaft
1933-1945
DIE LÖWEN UNTERM HAKENKREUZ
Deutscher Pokalsieger 1942 – Sieg über das Schalker Wunderteam
Max Schäfer
Der Fußball-Professor: Nationalspieler und Erfolgstrainer
Georg Pledl
Verteidiger-Urgestein und Pokalsieger
1945-1963
OBERLIGAJAHRE MIT MEISTERLICHEM ENDSPURT
Adalbert Wetzel
Ein großer Löwe und Vater des Erfolgs
1963-1970
DIE GOLDENEN SECHZIGER
Pokalsieger in der tropischen Hitze von Stuttgart
Grandioser 3:1 Sieg im Halbfinal-Rückspiel
Radis Fabelleistung im Regen von Zürich
Das Finale von Wembley – die siegreichste Niederlage der Löwengeschichte
Die Schlacht vom Giesinger Berg – 1860 gewinnt erstes Bundesligaderby gegen den FC Bayern
Radi und Grosser öffnen das Tor zur Meisterschaft
Manfred Wagner
Seele der Mannschaft und Vereinsikone
Alfred Heiß
Flügelflitzer und Meisterlöwe
Rudi Brunnenmeier
Rekordtorjäger und Vereinslegende
Hans Reich
Eigengewächs und Titelsammler
Hans Küppers
Mittelfeldstratege aus dem Ruhrpott
Petar Radenkovic
„Bestes Torwart von Welt“ und charismatischer Entertainer
Peter Grosser
Der Künstler, der aus der Tiefe des Raumes kam
Bernd Patzke
Rekordnationalspieler
Zeljko Perusic
Dauerläufer mit großem Kämpferherz
MEISTERLÖWEN-INTERVIEW
Die Sterne über dem Bernabeu zum Greifen nah
1970-1982
ABSTIEGE, AUFSTIEGE UND EIN ABSTURZ
Ferdinand Keller
Aus der Zweiten Liga in die Nationalmannschaft
Bundesligaaufstieg 1977: Das Fußballwunder von München
Georg Metzger
Vom Flügelspieler zum Mittelfeldregisseur
Alfred Kohlhäufl
Aufstiegsheld und Freistoßspezialist
1982-1993
UNTERWEGS IN BAYERISCHEN GEFILDEN
Roland Kneißl
Magie aus Mühldorf
Thomas Miller
Bayernliga – Bundesliga – Finanzamt Weilheim
Rainer Berg
Rückhalt der Löwenabwehr
1993-2004
ZURÜCK IM FUSSBALL-HIMMEL
Furiose Löwen schlagen den Rekordmeister zum zweiten Mal in einer Saison
Bundesligaabstieg 2004 – Gerechtigkeit für Francis Kioyo
Werner Lorant
Trainerlegende
Bernhard Winkler
Aufstiegsheld und 63 Bundesligatore
Piotr Nowak
Mittelfeldstratege mit Übersicht
Harald Cerny
Bundesligarekordspieler der Löwen
Martin Max
Torschützenkönig ohne Lobby
Thomas Häßler
Ein Weltmeister bei 1860
2004-2017
IM NIEMANDSLAND DER ZWEITEN LIGA
Totalschaden auf der ganzen Linie – Der Absturz in die Amateurliga
Benjamin Lauth
Die große Hoffnung aus dem Löwennachwuchs
2017-2024
NEUANFANG AUF GIESINGS HÖHEN
Als in Giesing das Bier ausging: Sechzigs Rückkehr in den Profifußball
Sascha Mölders
Fußballgott und Wampe von Giesing
Daniel Bierofka
Herzlöwe
EINMAL LÖWEN, IMMER LÖWEN
SPIELSTÄTTEN
JUGENDFUSSBALL
FRAUENFUSSBALL
UNTERE MANNSCHAFTEN
FANS
STATISTIK
QUELLEN
256 pralle Seiten – viel zu wenig, um 125 Jahre Fußballgeschichte des TSV 1860 München komplett zu beschreiben, zu schildern oder als Leser erleben zu können. 125 Jahre Sechzig, das ist ein einzigartiges unergründliches Universum aus großartigen Erfolgen und epischen Niederlagen, eine Geschichte von unfassbarem Größenwahn, atemberaubenden Aufstiegen und Abstürzen, Pleiten, Pech und Pannen, ein Mount Everest an himmlischer Glückseligkeit und tiefster Depression.
Dieser Münchner Traditionsverein hat in 125 Jahren alles erlebt, was der Fußball zu bieten hat: Im Turnverein München als Spielriege gegründet, ab 1902 im Liga-Spielbetrieb zunächst mit bescheidenem Erfolg aktiv, in den 1920er Jahren zum Spitzenklub gereift, 1931 um die Deutsche Meisterschaft betrogen, 1942 Pokalsieger über das Schalker Wunderteam, 1963 Meister der Oberliga Süd und Gründungsmitglied der Bundesliga, 1964 DFB-Pokalsieger, 1965 im Endspiel um den Europapokal der Pokalsieger in Wembley, 1966 Deutscher Meister, 1967 Vizemeister. Den überragenden Erfolgen der 1960er Jahre folgte ab 1970 der Niedergang, der 1982 schließlich in der Amateurliga endete. Eine wundersame Wiederauferstehung folgte, die durch ein erfolgreiches Jahrzehnt Bundesliga zwischen 1994 und 2004 gekrönt wurde, bevor die Löwen für längere Zeit den tristen Alltag im Niemandsland der 2. Liga erlebten. 2017 dann der beispiellose Absturz in die Niederungen der Viertklassigkeit, der man im Jahr darauf mit dem Aufstieg in die 3. Liga glücklich entkommen konnte.
Die beiden Autoren, kritische Beobachter und seit Jugendtagen glühende Fans des TSV 1860 München, wollen in diesem Buch einige Schlaglichter auf die Geschichte dieses faszinierenden Fußballvereins werfen: Mit einem Überblick über die Entwicklung seit den bescheidenen Anfängen, mit Berichten von wegweisenden Spielen, mit Portraits zu bedeutenden Spielern und einem Interview mit den Meisterlöwen von 1966. Auch Hintergründe vom Aufstieg und Fall des Giesinger Klubs werden beleuchtet. Die Autoren nehmen die Legende vom Arbeiterverein ebenso kritisch unter die Lupe wie das ruinöse Wirken maßgebender Vereinsverantwortlicher in Zeiten des Niedergangs. Sie fordern Gerechtigkeit für Francis Kioyo und sie weisen nach, dass der Fußball bei 1860 München wirklich in Giesing seine Geburtsstätte hat.
Diese Buch ist den Fans gewidmet, den besten und beständigsten der Welt. Nicht zu übertreffen in ihrem Glauben an eine erfolgreiche Zukunft, in ihrer unerschütterlichen Hingabe, ihrer legendären Leidensfähigkeit, ihren tollen Choreographien in der Westkurve, ihren meinungsstarken, bisweilen auch umstrittene Verlautbarungen in Wort, Bild und Gesang und ihrer unsterblichen Treue. Ohne sie wäre 1860 nichts, ohne sie gäbe es dieses Buch nicht. Sie sind die Seele von Sechzig, in ihnen schlägt das Herz des Vereins, in ihnen lebt der Fußball. Egal welche Liga, ihre Liebe währt ewig. Sechzig ist ihr Verein, ihre Heimat und das Stadion an der Grünwalder Straße ihr Zuhause.
Unser Dank gilt allen, die uns mit Informationen und kritischen Anregungen begleitet und unterstützt haben, insbesondere Roman Beer, Susanne Bischler, Wolfgang Budack, Sepp Danzer, Manfred Graf, Franz Hell, Walter Hettche, Matze Huber, Roswitha Kiermaier, Anton Löffelmeier, Stefan Markt, Joachim Mentel, Rudi Obst, Bernd Oswald, Claude Rapp, Anne Wild, unseren Meisterlöwen Hans Reich, Fredi Heiß, Hans Rebele, Bernd Patzke, Bubi Bründl und der Abteilung Vereinsgeschichte. Beim Verlag die Werkstatt gilt unserer besonderer Dank Katharina Dahme und Hardy Grüne.
Einmal Löwe – Immer Löwe
Claus MelchiorThomas Bohlender
Im Jahre 1929 legte die Fußballabteilung des SV München 1860 – wie die eine Hälfte des Vereins nach der 1924 von der Deutschen Turnerschaft erzwungenen Aufteilung in Turnverein und Sportverein 1860 hieß – eine Festschrift aus Anlass ihres dreißigjährigen Bestehens vor. Das Deckblatt nennt die Jahreszahlen 1899-1929 und spätestens seit dieser Festschrift wird das Jahr 1899 allgemein als Gründungsjahr der Fußballabteilung (FA) des TSV München von 1860 angegeben, genauer: als Gründungsjahr der Spielriege, aus der die FA hervorging. Folgerichtig heißt es also im Jahr 2024: 125 Jahre Fußballabteilung München 1860.
Insofern mag es überraschend oder gar ketzerisch erscheinen, wenn ausgerechnet eine Publikation, die diesen Anlass feiern will, mit Zweifeln an der Richtigkeit der Zahlen beginnt. Doch es gibt gute Gründe, die Gründung der Spielriege bereits im Jahr 1898 zu verorten. So heißt es in einer zum 40. Stiftungsfest des Turnvereins München von 1860 im Jahr 1900 erschienenen Festschrift: „Die mit Beginn des Frühjahres von einigen begeisterten Anhängern der Turn-Spiele in‘s [sic] Leben gerufene Spielriege blühte rasch auf und legte bereits beim Stiftungsfeste eine Probe ihres Könnens ab.“ Gemeint ist, wie aus dem folgenden Absatz eindeutig hervorgeht, das am 18./19. Juni 1898 abgehaltene 38. Stiftungsfest. Worin exakt die „Probe ihres Könnens“ bestand, die die Spielriege abgelegt habe, wird leider nicht näher ausgeführt; wie überhaupt die Spielriege im restlichen Text der Festschrift keine Erwähnung mehr findet. Unerwähnt blieben dementsprechend auch die Leiter der neuen Riege, der 1. Spielwart Rudolf Deprosse (Städtischer Verwaltungs-Direktor) und sein Stellvertreter Fritz Kutzner (Sport-Redakteur).
Das Vereinsheim des TV München 1860 auf einer Postkarte, gestaltet vom Vereinsmitglied Carl Moos im Jahre 1904.
Zehn Jahre später, 1910, feierte der Verein das erste halbe Jahrhundert seines Bestehens mit einer weiteren Festschrift. In der Chronik findet sich der Eintrag: „Mit Beginn des Frühjahrs 1898 wurde von einigen begeisterten Anhängern der Turnspiele eine ‚Spielriege‘ ins Leben gerufen, die rasch aufblühte.“ Hier stand zweifelsfrei der Text der oben zitierten älteren Festschrift Pate, doch auch im Kapitel über die Entwicklung der „Spielmannschaft des Turnverein München von 1860“ heißt es eindeutig: „Die Gründung der ‚Spielmannschaft des T.V. M. von 1860‘ fällt in das Jahr 1898.“ In zwei zeitnah erschienenen Publikationen wird also mit Bestimmtheit 1898 als Gründungsjahr der Spielriege genannt.
Die 1889 eröffnete Turnhalle an der Auenstraße.
Warum dann plötzlich 1899? Das Jahr taucht bereits 1919 in einer Schrift zum 20-jährigen Jubiläum der Fußballabteilung auf. Und in der bereits erwähnten Festschrift aus dem Jahr 1929 heißt es über die Spielriege: „Nach kurzer Zeit ihres Bestehens konnte schon in einer Turnratssitzung vom 25. April 1899 ein lebhaftes Aufblühen der Riege zur Kenntnis gegeben und auch genommen werden.“ (Der 25. April 1899 erscheint später mitunter als Gründungsdatum der Fußballabteilung, was keinen Sinn ergibt, denn eine Abteilung, die an einem bestimmten Tag ein lebhaftes Aufblühen zur Kenntnis gibt, muss ja schon vor diesem Tag gegründet worden sein.) Nur wenige Absätze später wird berichtet, der Magistrat München habe im Juni 1899 „zum Zwecke der Spielpropaganda‘ den Spielplatz beim Männerfreibad, die sogenannte Schyrenwiese“ zur Verfügung gestellt. Zweimal also 1899. Möglicherweise war in Vergessenheit geraten, dass die Spielriege im April 1899 nicht erst wenige Wochen, sondern bereits ein gutes Jahr bestand. Und vermutlich war die Überlassung des Spielplatzes ein für die Entwicklung der Abteilung so bedeutsames Ereignis, dass es in enger Verbindung mit der Abteilungsgründung gesehen wurde und in der Erinnerung mit dieser verschmolz.
Spätestens ab 1929 galt also 1899 als Gründungsjahr der Spielriege bzw. der daraus entstandenen Fußballabteilung. Dementsprechend erschien 1949 eine Festschrift der Fußballabteilung zu ihrem 50-jährigen Bestehen. Dort heißt es explizit: „Nach den uns überlieferten Aufzeichnungen fällt die Gründung der Fußball-Abteilung des TSV. München von 1860 in die Zeit Anfang März 1899.“ Um welche Aufzeichnungen es sich dabei handelt, lässt sich nicht feststellen. Die Festschriften von 1900 und 1910 lassen, wie gesagt, das Jahr 1898 vermuten. Vermutlich im Rückgriff auf die Festschriften der FA aus den Jahren 1929 und 1949 legt andererseits auch die große Festschrift des Vereins zum Hundertsten aus dem Jahr 1960 die Gründung der FA dezidiert in das Frühjahr 1899.
Die Mannschaften des TV 1860 (ganz in Weiß) und des 1. Münchner FC vor dem ersten Löwenspiel am 27. Juli 1902 auf der Schyrenwiese.
LEGENDE
15. DEZEMBER 1886 – 4. OKTOBER 1961AKTIV IN DER 1. MANNSCHAFT VON 1905 BIS 1923, ZAHL DER ABSOLVIERTEN PFLICHTSPIELE NICHT ZU ERUIEREN / EHRENSPIELFÜHRER
Fußballpionier, Trainer, Multitalent
Josef Braumüller gehört nicht nur zu den herausragenden Persönlichkeiten in der Fußballgeschichte des TSV München 1860; er war ein sportliches Multitalent und seine Bedeutung für den Verein reicht weit über die Fußballabteilung hinaus.
Er kam 1903 als Jugendlicher zu den Fußballern des TV 1860 und rückte schon bald in die 1. Mannschaft auf, in der er fast 20 Jahre lang die Position des linken Verteidigers einnahm, meist neben seinem ebenso lange tätigen Kollegen Josef Bruglachner. Schon früh wurde er zum Mannschaftsführer ernannt, womit Training und Aufstellung in seinen Händen lagen, denn einen Fußballtrainer beschäftigte man bei 1860 in jenen Jahren noch nicht. Seine Leistungen auf dem Platz wurden mehrfach mit Berufungen in Münchner und bayerische Auswahlmannschaften gewürdigt.
Noch als aktiver Spieler nahm er auch die Jugendarbeit bei 1860 in die Hand, eine Tätigkeit, die er mit Unterbrechungen bis in die 1950er ausübte. Zahlreiche Talente, die den Sprung in die 1. Mannschaft schafften, wurden von ihm ausgebildet. 1909 gehörte er zu den Gründern des Münchner Jugendausschusses, der sich um die Organisation des Jugendfußballs in der Stadt kümmerte. Von 1909 bis 1925 war er zugleich „Leiter der Altmannschaften“ und agierte nebenbei noch als Schiedsrichter. Braumüller wurde bei einigen Endrundenspielen um die Deutsche Meisterschaft eingesetzt und fungierte beim Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft 1928 in Bern als Linienrichter. Schiedsrichter in jenem Spiel war der spätere FIFA-Präsident Stanley Rous.
Braumüller, von Beruf Versicherungsbeamter, war aber nicht nur ein engagierter Fußballer. Er war auch bei den Turnern aktiv. Bei einem Stiftungsfest des Vereins befand sich bei seiner Übung an den Ringen unter den Zuschauern der Protektor des Vereins, der bayerische Kronprinz Rupprecht. Zeitweise leitete Braumüller auch die Schwimmabteilung, mit der er 1913 am Deutschen Turnfest in Leipzig teilnahm. Als passionierter Skiläufer und Leichtathlet machte er ebenfalls von sich reden. So nahm er mehrfach am alljährlichen Staffellauf Grünwald-München teil, bei dem die Löwen Jahr für Jahr in großer Zahl mitmachten und jahrzehntelang stets gewannen. Auch das Bergsteigen und Turnspiele wie Faustball oder Schlagball gehörten zu den von ihm praktizierten Sportarten. In den 1930ern trainierte er zudem die Hockeyspielerinnen der Löwen. Fürwahr ein Allrounder.
Der „Vater der Jugend“, wie ihn die Vereinszeitung in seinem Nachruf nannte, war bis zu seinem Tod für seinen TSV 1860 tätig. Bei seinem Begräbnis auf dem Münchner Ostfriedhof folgte eine große Trauergemeinde dem Sarg.
Was aber allem Anschein nach nicht stimmt. Sollte die Fußballabteilung also für die Zukunft 1898 offiziell als Gründungsjahr festsetzen? Das wäre zumindest bedenkenswert. Man könnte jedoch auch einem in dem Western „The Man Who Shot Liberty Valence“ des Meisterregisseurs John Ford ausgesprochenen Rat folgen: „If the legend becomes fact, print the legend.“ Im Film geht es um Legenden aus dem wilden amerikanischen Westen im 19. Jahrhundert, nicht um die gute alte Zeit in der beschaulichen bayerischen Residenzstadt. Wer aber wollte bestreiten, dass sich auch dort um einen in ebenjenem Jahrhundert gegründeten Turn- und Sportverein etliche Legenden gebildet haben? An die man vielleicht nicht rühren sollte. Zumal ja nicht auszuschließen ist, dass die Spielriege zwar schon im Jahr 1898 aktiv war, ihre formale Institutionalisierung jedoch tatsächlich erst 1899 erfolgte.
Die Spielmannschaften in Vereinspublikationen der Jahre 1901 und 1906.
Worin aber bestanden die Aktivitäten der neuen Riege (von Abteilungen sprach man damals bei Turnvereinen noch nicht)? Die eingangs erwähnte Festschrift aus dem Jahr 1929 erwähnt die Spiele Faustball, Fußball, Schlagball, Tamburin und Schleuderball, die mit Ausnahme des Fußballs alle in die Reihe der sogenannten Turnspiele gehören, die innerhalb der Turnbewegung gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend an Popularität gewannen. Eine aus vier Mann bestehende Spielergruppe errang dann auch, wie im Jahr 1900 vermeldet wurde, beim Oktoberfest-Turnen am 24. September 1899 den Sieg im Schleuderball-Wettspiel. Erwähnung findet später auch die Faustballmannschaft, die z. B. im Juli 1903 beim Deutschen Turnfest in Nürnberg in Erscheinung trat.
Es gibt deshalb Grund zu der Annahme, dass Fußball in den allerersten Jahren der Spielriege noch keine Rolle spielte. Das neue, aus England importierte Spiel fand es überhaupt schwer, in München Fuß zu fassen. Während in anderen deutschen Städten schon Ende der 1880er Jahre erste Vereine sich diesem Sport widmeten und es in der ersten Hälfte der 1890er an zahlreichen Orten zu Vereinsgründungen kam, trat der erste Fußballverein in München erst im Jahr 1896 auf den Plan. Man war gebildet und gab sich den lateinischen Namen Terra Pila (Erdkugel), hatte allerdings nur kurz Bestand und wurde 1899 unter dem Namen 1. Münchner FC 1896 neu gegründet. Ein Jahr später gehörte der Verein zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Fußball-Bunds, doch noch vor dem Ersten Weltkrieg zog man sich vom Spielbetrieb zurück.
Wappen der Spielmannschaft in den frühen Jahren.
Als langlebiger erwies sich die nächste Gründung, die Fußballmannschaft des Männerturnvereins München von 1879, die im Jahr 1897 erfolgte. Eigentlich war der Fußball in der deutschen Turnbewegung nicht wohlgelitten und wurde oft mit den Begriffen „Fußlümmelei“ und „englische Krankheit“ abqualifiziert. In München zeigten sich die Turner dem neuen Sport gegenüber wesentlich aufgeschlossener. Nicht nur beim MTV 1879, wo bis heute Fußball gespielt wird, sondern bald auch bei anderen Turnvereinen. Der MTV 1879 aber spielte bis zum Ersten Weltkrieg eine führende Rolle im Münchner Fußball. 1900 ging aus ihm der FC Bayern hervor, und da der MTV eine Abspaltung vom Turnverein München ist, lässt sich indirekt auch eine Verbindungslinie von 1860 zu den Bayern ziehen. Problematisch für die Turnvereine war die Zugehörigkeit zu anderen Sportverbänden neben der Deutschen Turnerschaft. Solange es noch keinen geordneten Ligabetrieb gab, ein nachgeordnetes Problem, doch die Gründung des FC Bayern war eine Reaktion auf die Weigerung des MTV, sich dem neu gegründeten Verband Süddeutscher Fußball-Vereine anzuschließen.
Zurück zum Turnverein München. Wann genau auf der Schyrenwiese erstmals gegen das runde Leder getreten wurde, lässt sich nicht exakt bestimmen. Spätestens 1901 aber war es definitiv so weit. In der 1910er Festschrift heißt es: „so erfolgte im Jahre 1901 die Gründung einer Fußballmannschaft, die sich sofort der Spielmannschaft anschloss. Dadurch waren nun die Anhänger des Rasensports in einer Abteilung unter einheitlicher Leitung vereinigt.“ Dies lässt vermuten, dass bis dahin in der Spielabteilung eher Turnspiele betrieben worden waren. Doch das Titelblatt einer „Kneip-Zeitung zur Siegerkneipe am 30. Nov. 1901“ zeigt einen Sportler in Fußballerausrüstung, der eine Hecke überspringt. Und im Hintergrund wird eindeutig gekickt; ein Torwart zeigt sogar eine Parade, obwohl der Ball sich gar nicht in der Nähe befindet.
Ab April 1902 führte die Mannschaft ein Riegenbuch, das die Teilnahme an den Übungsstunden dokumentierte. Waren zunächst 26 Mitglieder beteiligt, so wuchs diese Zahl bis zum Juli auf 33. Und Ende dieses Monats war der Zeitpunkt gekommen, sich mit einem Gegner zu messen, der das Spiel schon länger betrieb. Am 27. Juli 1902 absolvierte die Fußballmannschaft des TV München 1860 endlich ihr erstes Spiel.
Sie bestritten das erste Fußballspiel für den TV 1860: (stehend v. l.) Petry, Fritzsche, Sporer, Leistl, Guttmann, Sattler; (sitzend) Stöhr, Rosenfeld, Bauer, Wagner, Moos. Die Herren in Zivil waren die Linienrichter Zisch (vermutlich der spätere Vereinsvorsitzende) und Dr. Haggenmüller.
SPIELTAG
27. JULI 1902 • TV 1860 MÜNCHEN – 1. MÜNCHNER FC 1896 2:4 (2:3)
Endlich war es so weit, das erste Wettkampfspiel der 1860-Fußballer stand an: Bei schönstem Sonntagswetter trat die Mannschaft des TV 1860 in blütenweißen Trikots und knielangen Hosen in der Besetzung Fritzsche, Wagner, Sattler, Sporer, Leistl, Stöhr, Rosenfeld, Bauer, Petry, Moos und Guttmann gegen den 1. Münchner FC 1896 an.
In ihrem Bericht am 1. August sprach die Münchner Zeitung fälschlicherweise von der „Fußballmannschaft des Männerturnvereins“, ein Lapsus, der einige Tage später korrigiert wurde. „Beide Parteien leisteten Vorzügliches“, heißt es, doch die „schöne Kombination des 1. M. F.-C. machte sich (…) besonders bemerkbar“ und setzte sich letztlich durch. Zur Pause stand es 3:2 für den MFC, am Ende hieß es 4:2, ein durchaus achtbares Ergebnis für die Sechziger gegen einen erfahreneren Gegner.
Über die Identität der einzelnen Spieler kann nur spekuliert werden, doch bei A. Sattler handelt es sich mit einiger Sicherheit um Andreas Sattler, der von den Turnern zur Spielriege gestoßen war und später in der Bergsport- und der Skiabteilung des Vereins eine bedeutende Rolle spielte. Nachdem er bei einem Bergunfall ums Leben gekommen war, wurde die vereinseigene Skihütte nach ihm benannt. Anton Leistl fungierte seit 1902 als II. und später auch als I. Turnwart; gut möglich, dass er der in der Aufstellung genannte Leistl ist. Und der Kunstmaler und Grafiker Carl Moos, von dem das bereits erwähnte Titelblatt der Kneipzeitung von 1901 stammt, stand vermutlich ebenfalls bei diesem ersten Spiel auf dem Rasen.
Nicht bekannt ist der Name des Schiedsrichters, doch das überlieferte Bild jener ersten Mannschaft zeigt die Linienrichter Heinrich Zisch und Dr. Hans Haggenmüller, die beide über Jahrzehnte hinweg bedeutende Funktionen im Verein innehatten. Vor allem Zisch sollte in der Geschichte der Fußballabteilung noch eine wichtige Rolle spielen.
Wie die blütenweißen Trikots der Herren Fußballer des Turnvereins 1860 nach diesem legendären ersten Spiel auf der Schyrenwiese aussahen, wurde fotografisch leider nicht festgehalten, doch ihre Träger konnten stolz auf die gezeigte Leistung sein.
27. Juli 1902, 16.00
München – Städtischer Jugendturnspielplatz am Schyrenplatz
TV München 1860 – 1. Münchner FC 1896 2:4 (2:3)
TV 1860: Gustav Fritzsche, Wagner, Andreas Sattler, Sporer, Anton Leistl, Franz Stöhr, Rosenfeld, Bernhard Bauer, Franz Petry, Carl Moos, Karl Guttmann
Mit der Aufnahme des Spielbetriebs wurde die Fußballmannschaft zunehmend zum Gesicht der Spielriege. Über Fußballspiele wurde in der örtlichen Presse berichtet; von den Aktivitäten der übrigen Spielmannschaften ist hingegen wenig zu erfahren. Unterdessen hatten sich im Verein weitere Abteilungen gebildet. In der Folge kam es am 9. November 1908 zu einer strukturellen Veränderung: Fußballer, Skiabteilung, Naturriege und Schwimmabteilung wurden unter dem Oberbegriff „Sportabteilung“ zusammengefasst. (Der heute seltsam anmutende Begriff „Naturriege“ meint die Leichtathletikabteilung – in der Turnerschaft wurden die leichtathletischen Disziplinen Laufen, Springen und Werfen im Unterschied zum Geräteturnen gemeinhin als „Naturdisziplinen“ bezeichnet.) Während andernorts der neumodische Sport bei den alteingesessenen Turnern eher Misstrauen erregte, wurden die Sportler beim TV 1860 früh integriert und gefördert, was vermutlich nicht zuletzt daran lag, dass eine große Zahl von Aktiven in beiden Bereichen tätig war.
Nach dem Auftakt gegen den 1. MFC suchten sich die Fußballer im Herbst 1902 weitere Gegner. Gegen den FC Bavaria gab es ein 1:2, dem ein 0:3 im ersten Derby gegen den FC Bayern folgte. Am 5. Oktober gelang – erneut auf dem Schyrenplatz – mit einem 4:1 gegen den 1. Münchner FC 1896 der erste Sieg, auf den allerdings bald ein deftiges 0:13 gegen den MTV 1879 folgte. All diese Spiele und die weiteren der Spielzeit fanden in München statt. Eine Reise über die Stadtgrenzen hinaus unternahm man erst im Juli 1903, als es beim Deutschen Turnfest in Nürnberg zu einer Begegnung mit dem MTV Augsburg kam.
Im Herbst 1902 beteiligten sich die 1860-Fußballer erstmals an einem Wettbewerb. In den Spielen um einen vom FC Bayern ausgeschriebenen Pokal sicherte man sich mit einem 4:3 über die Turnerschaft und einem 3:3 gegen die 2. Mannschaft der Bayern sogar den Sieg in der 2. Klasse. Im Frühjahr 1903 trat der TV 1860 dann mit fünf weiteren Vereinen in der 1. Klasse desselben Wettbewerbs an, konnte allerdings noch nicht so recht mithalten. Mit Niederlagen in allen Spielen blieb nur der letzte Platz.
Am 9. Oktober 1903 schlossen sich die fußballspielenden Vereine Münchens zum Münchner Fußball-Bund zusammen. Der MFB organisierte anschließend in den Spielzeiten 1903/04 und 1904/05 eine Herbst- und eine Frühjahrsmeisterschaft. Ab 1905, mit dem Beginn von Ligaspielen im süddeutschen Verband, dann nur noch eine Frühjahrsrunde. Die verlor jedoch in den letzten Jahren vor dem Kriegsausbruch an Bedeutung, da die Spitzenvereine nun mit ihren zweiten Mannschaften antraten, da ihnen mehr an lukrativen Freundschaftsspielen gegen auswärtige Klubs gelegen war.
Bei den ersten Austragungen im Herbst 1903 und Frühjahr 1904 reichte es für 1860 jeweils zu Platz 4 unter sechs Mannschaften, wobei am 1. November 1903 mit dem ersten Derbysieg gegen den FC Bayern immerhin ein bemerkenswertes Ergebnis zu verzeichnen war. Am selben Tag feierte die Reserve gegen den Lokalrivalen mit einem 12:0 im Duell der 2. Mannschaften einen mindestens ebenso eindrucksvollen Triumph. Mit dem Wiener Neuzugang Karl Schwarz und bald auch den ebenfalls aus der österreichischen Hauptstadt stammenden Brüdern Ludwig und Heinrich Spanier besaß die Mannschaft nun sogar internationales Flair, was sich allerdings noch nicht in sportlichen Erfolgen niederschlug.
Im Herbst 1904 zogen sich die Fußballvereine aus dem MFB zurück und gründeten einen eigenen Verband, sodass der MFB nur noch die Fußballabteilungen der Turnvereine umfasste, womit die Meisterschaftsrunden erheblich an Reiz verloren. Der TV 1860 belegte in beiden Austragungen der Saison 1904/05 den zweiten Platz hinter dem übermächtigen MTV 1879. Die Spaltung im Münchner Fußball wurde dann 1906 mit der Rückkehr der Fußballvereine in den MFB überwunden.
Bereits ein Jahr zuvor hatten sich die Fußballabteilungen der Turnvereine dem Verband Süddeutscher Fußball-Vereine angeschlossen und waren damit zur Teilnahme am nun eingerichteten Ligabetrieb berechtigt. Innerhalb des süddeutschen Verbandes bildete das Königreich Bayern den sogenannten Ostkreis, der wiederum in Gaue unterteilt war. Höchste Liga für die Münchner Vereine war die A-Klasse Südbayern, in der neben dem MTV Augsburg sechs Münchner Vereine um die Meisterschaft kämpften. Der TV 1860 schloss diese erste Ligasaison mit dem fünften Platz ab. Zwei Jahre später, in der Saison 1907/08, zierte man mit ebendieser Position das Tabellenende und konnte erst in Entscheidungsspielen gegen die Turnerschaft den Klassenerhalt sichern.
1908/09 belegten die Sechzger hinter dem MTV und den Bayern, die wie üblich die Tabelle anführten, Rang drei und konnten sich erstmals als dritte Kraft im Münchner Fußball betrachten. Und im Frühjahr 1909 gelang bei den Bundesspielen des MFB mit Siegen gegen die Turnerschaft, den TV Neuhausen und den MTV sogar der erste Titelgewinn.
Die Ligamannschaft auf dem Alpenplatz im Jahr 1910.
Quasi als Münchner Meister ging es am 9. Mai 1909 auf die erste Auslandsreise der 1860-Fußballer, die mit einem 4:2 in Innsbruck siegreich gestaltet wurde. Aufstellungen aus jenen Jahren sind kaum erhalten, doch mit Josef Braumüller, Max Reindl, Anton Seefried, Karl Vitalowitz und Josef Bruglachner standen bereits Spieler in der Mannschaft, die über mehrere Jahre das Gerüst bildeten.
Ab der Saison 1910/11 erstreckte sich die oberste Spielklasse über das gesamte Gebiet des Ostkreises, d. h. auch Spiele gegen die fränkischen Spitzenteams 1. FC Nürnberg und SpVgg Fürth gehörten fortan zum Programm. Die Löwen, wie man angesichts des 1911 angenommenen Wappentiers nun sagen durfte, belegten in den ersten beiden Spielzeiten der neuen Ostkreis-Liga jeweils einen gesicherten Mittelplatz. In der Saison 1912/13, als die Liga um drei Vereine reduziert worden war, rutschten die Löwen ans Tabellenende, wobei es bei einem überraschenden Sieg des FC Wacker gegen den 1. FC Nürnberg, mit dem die Blausterne noch an 1860 vorbeizogen, möglicherweise nicht mit rechten Dingen zugegangen war. Die Ermittlungen des Verbandes verliefen jedoch im Sande und die Löwen-Fußballer mussten erstmals in der Vereinsgeschichte in den sauren Apfel des Abstiegs beißen. Die Zweitklassigkeit dauerte jedoch nur ein Jahr, denn im Frühjahr 1914 gelang in drei Entscheidungsspielen gegen den MTV Fürth die Rückkehr in die oberste Spielklasse.
SPIELTAG
4. JUNI 1911 • TV 1860 MÜNCHEN – FIRST VIENNA FOOTBALL CLUB 4:5 (3:2)
Den Schritt von der Schyrenwiese ins Herz von Giesing hatten die Fußballer des TV 1860 bereits 1908 vollzogen. Das Frühjahr 1911 brachte dann den Umzug vom Alpenplatz zum neuen Sportplatz an der Grünwalder Straße. Passend dazu engagierte man mit der Wiener Vienna eine österreichische und damit kontinentaleuropäische Spitzenmannschaft. Es war nicht das erste internationale Spiel des Vereins, doch mit Sicherheit das bis dahin bedeutendste.
Wie viele Zuschauer sich an diesem Pfingstsonntag auf Giesings Höhen einfanden, ist nicht bekannt. Aufgrund schlechter Wetterverhältnisse mit starkem Regen waren es aber wohl weniger als erhofft. Die Anwesenden sahen eine furios beginnende Löwenmannschaft, die bereits nach neun Minuten mit 2:0 in Führung lag. Dann fiel offenbar sogar das 3:0, doch die Wiener reklamieren Abseits und die Löwen verzichten nach Intervention eines Funktionärs großzügig auf das Tor. Zweimal trafen die Gäste, doch 1860 stellte mit eigenen Treffern zum 3:1 bzw. 4:2 den Zweitore-Abstand wieder her. In der zweiten Halbzeit wendete sich das Blatt. Löwen-Keeper Reichenberger agierte unsicher, woran – einem Pressebericht zufolge – seine angesichts des nassen Balles unangebrachten Gummihandschuhe schuld gewesen sein sollen. Wie auch immer, die Vienna kam noch zu drei Torerfolgen und ging als Sieger vom Platz. Dennoch, so die Münchner Zeitung: „Die 1860er zeigten auch wieder bei diesem Spiele ihre Klasse, die sie zu einem schweren Gegner stempelt.“
Am 18. Februar 1912 kam es zum ersten Derby 1860 gegen Bayern an der Grünwalder Straße. Die Bayern siegten glücklich mit 1:0.
Von links: Bruglachner, Weber (beide 1860), Schiedsrichter Knab, Gablonksy, Lindner und Torschütze Meyer vom FC Bayern sowie 1860-Keeper Baier.
4. Juni 1911, 15.00
München – Sportplatz an der Grünwalder Straße
TV 1860 München – First Vienna Football Club 4:5 (3:2) 1860: Hans Reichenberger, Josef Braumüller, Josef Bruglachner, Paul Rath, Max Karl, Hans Schrey, Josef Rechenmacher, Fritz Schiller, Anton Seefried, Franz Stadler, Karl Vitalowitz
Tore: 1:0 Seefried (4.); 2:0 Vitalowitz (9.); 2:1 Schwarz II; 3:1
Seefried; 3:2 ? – 4:2 F. Stadler (48.); 4:3 Schwarz II (67./E); 4:4
Schwarz II; 4:5 Schwarz II (89.)
1860-Ligaelf im Jahr 1912: (stehend v.l.) Schiller, Seybold, Reibestahl, Seefried, Stadler, Weber, Gastl, Vitalowitz; (sitzend) Bruglachner, Baier, Braumüller.
Viel Zeit zum Feiern blieb allerdings nicht, denn der Beginn des Ersten Weltkriegs im Juli 1914 setzte andere Prioritäten und brachte den Fußballbetrieb für nahezu ein Jahr zum fast völligen Erliegen. In der Folgezeit wurden die Mannschaften oft durch Jugendspieler ergänzt.
Die Löwen schnürten erstmals am 4. Juli 1915 wieder die Fußballschuhe und landeten mit einem 9:4 über den FC Bayern gleich einen eindrucksvollen Sieg. Punktspiele wurden erstmals im Herbst 1915 wieder ausgetragen; die Münchner Vereine spielten zumeist in zwei Gruppen bzw. Endspielen der Gruppensieger ihren Meister aus. Im Herbst 1915 unterlag 1860 in diesen Spielen den Bayern, konnte aber im Frühjahr 1916 den Spieß umzudrehen. Mit einem 5:0 über den MTV Augsburg wurde sogar das Endspiel um die bayerische Meisterschaft erreicht, das jedoch am 25. Juni 1916 den 1. FC Nürnberg als 4:0-Sieger sah.
So weit ging es in den folgenden Jahren nicht. Im Herbst 1918 trumpfte man jedoch gewaltig auf und schlug den FC Bayern mit 7:1 und 8:0 recht deutlich. Zur Meisterschaft reichte es dennoch nicht, denn der FC Wacker schloss die Runde punktgleich mit 1860 ab und gewann sowohl das fällige Entscheidungsspiel wie auch das nach einem Protest angesetzte Wiederholungsspiel. Die letzte kriegsbedingte Frühjahrsrunde 1919, die parallel zur blutigen Niederschlagung der bayerischen Räterepublik ausgetragen wurde, beendeten die Löwen dann aber als Tabellenführer und Meister.
In dieser Runde trat man bereits unter dem neuen Namen „Turn- und Sportverein München 1860“ an, womit die Sportler, und damit vor allem auch die Fußballer, endgültig als gleichberechtigter Teil des ältesten Münchner Turnvereins anerkannt waren. Die Ergebnisse der Kriegsrunden deuteten auf eine Verschiebung der Hierarchie des Münchner Fußballs hin. Sechzig konnte nun mit den besten Vereinen mithalten, dem FC Bayern und dem aufstrebenden FC Wacker, während der MTV 1879 an Spielstärke verloren zu haben schien.
Drei Leistungsträger der 1920er Jahre: Josef Grimm, Alois Pledl, Joseph Vogl
Waren die Löwenfußballer vor dem Krieg noch, ebenso wie die Leichtathleten und Skifahrer, als Unterabteilung der Sportabteilung geführt worden, so bildeten sie nach dem Krieg eine eigene Abteilung. Anfang 1921 zählte die Fußballabteilung 935 Mitglieder; in der Saison 1920/21 nahmen allein im Männerbereich acht Mannschaften am Spielbetrieb teil.
Diese Zahlen kennzeichnen den Aufschwung, den der Fußball in den 1920er Jahren nahm. War das Spiel vor dem Krieg noch eine Domäne der bürgerlichen Jugend, nicht ganz uneigennützig gefördert vom Militär, so entwickelte es sich nun zu einem Massenvergnügen, das auch in der Arbeiterklasse zahlreiche Anhänger fand. Vereine schossen wie Pilze aus dem Boden und bei bedeutenden Spielen waren nun auch Zuschauerzahlen im fünfstelligen Bereich zu verzeichnen. Der TSV 1860 trug diesen Entwicklungen mit dem Ausbau des Sportplatzes an der Grünwalder Straße Rechnung.
Sportlich entwickelten sich damit die Fußballer zunehmend zum Aushängeschild eines Vereins, der auch in anderen Sportarten beachtliche Erfolge verzeichnen konnte. Doch während Turner und Sportler bei den Löwen friedliche Gemeinsamkeit pflegten, war der Deutschen Turnerschaft (DT) an einem solchen Miteinander nicht gelegen. 1924 verfügte sie die sogenannte Reinliche Scheidung, also das Verbot für ihre Vereine, neben der DT auch anderen Sportverbänden anzugehören. Beim TSV 1860 löste man die daraus entstehenden Probleme, indem man den Verein in einen Turnverein und einen Sportverein München 1860 teilte. Letztlich eine Formalie, die vielleicht auf der Leitungsebene zu gelegentlichen Konflikten führte, das Vereinsleben aber kaum beeinträchtigte. Die Fußballer firmierten nun allerdings unter dem Namen SV München 1860.
Die Wappen der Fußballabteilung 1860 (links) und des nunmehr TSV 1860 genannten Dachvereins (2. v. l.). 1924 kam es zur Aufspaltung in TV 1860 (3. v. r.) und SV 1860 (ganz rechts)
Die gewachsene Zahl von Fußballvereinen führte notwendigerweise zu einer Erweiterung des Ligasystems. Zu einer wirklichen Konzentration an der Spitze konnte man sich weder in Süddeutschland noch anderswo durchringen. Beim Süddeutschen Fußball-Verband sprach man nun nicht mehr von Kreisen, sondern von Bezirken, die wiederum in Kreise unterteilt wurden. Höchste Spielklasse für Münchner Vereine war von 1919 bis 1923 die Kreisliga Südbayern, die 1921/22 noch einmal in zwei Abteilungen geteilt war. Erst 1923 gelangte man mit Einführung der Bezirksliga Bayern als höchster Klasse wieder zum System der Vorkriegsjahre, wobei die Meister direkt um die Süddeutsche Meisterschaft spielten, während die Zweiten weitere Teilnehmer an der deutschen Endrunde ermittelten. Dabei blieb es bis 1927, als die Bezirksliga wiederum in zwei Gruppen unterteilt wurde. Nun erhielten die Zweiten und Dritten dieser geteilten Bezirksligen die Chance, in zwei Gruppen um die Teilnahme an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft zu spielen, während die Meister um den süddeutschen Titel und einen weiteren Endrundenplatz kämpften. Ein System, das 1932 dahingehend geändert wurde, dass nun die Ersten und Zweiten der obersten Ligen die Süddeutsche Meisterschaft und die Endrundenteilnehmer unter sich ausmachten. Keine leichte Aufgabe für die Münchner Vereine, sich in dieser Konstellation an der bayerischen Spitze zu behaupten, denn diese wurde dominiert von den führenden fränkischen Teams aus Nürnberg und Fürth. Doch mitunter konnten auch die Löwen nach oben schauen; mit dem Abstieg hatten sie in jener Periode ohnehin nie zu tun.
Bis dicht an das Spielfeld standen die Zuschauer beim Duell zwischen 1860 und Wacker im Januar 1921 auf dem MTV-Platz an der Marbachstraße.
Die guten Ergebnisse der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahre waren sicherlich zu erheblichen Teilen in der guten Nachwuchsarbeit begründet. Mit Anton Aiglstorfer, Franz Piehler, Hermann Harlander, Josef Vogl, Otto Reiter, Max Kob, Karl Huber und Karl Faubel etablierten sich eine ganze Reihe von Nachwuchsspielern in der 1. Mannschaft, die während des Krieges oder kurz danach in den Kader aufgerückt waren. Aber auch Veteranen wie Josef Braumüller, Josef Bruglachner und Josef Rechenmacher spielten weiter eine wichtige Rolle, ergänzt durch jüngere Spieler wie Karl Fromm, Franz Stadler und Sebastian Gabler, die bereits vor dem Krieg in der Ersten dabei waren.
Löwen-Team 1922: (stehend v.l.) Steffen, Piehler, Harlander, Faubel, Gabler; (sitzend) Aiglstörfer, Bruglachner, Kob, Hönig, Reiter, Vogel.
Wacker-Torsteher Bernstein wehrt im Derby gegen 1860 eine Ecke ab. Steffen (1860), Rehle (FCW), Piehler (1860) und Huiras (FCW) schauen zu.
Ludwig „Pipin“ Lachner (links) sowie Alois Pledl zieren das Cover der Vereinszeitung. Deren Überschrift „Turn- u. Sportverein München von 1860“ verrät zugleich, dass die Spaltung in TV und SV 1860 im Grunde genommen gar nicht wahrgenommen wurde.
Die erste Nachkriegssaison 1919/20 beendeten die Löwen auf Rang zwei, zu dem die Mannschaft eine bemerkenswerte Affinität entwickeln sollte, denn auch in den folgenden drei Jahren stand in der südbayerischen Bezirksliga am Saisonende jeweils dieser Platz zu Buche. 1921/22 wurde zwar die Abteilung 1 der zweigeteilten Liga im Entscheidungsspiel gegen den FC Bayern gewonnen, doch in den Endspielen der Abteilungssieger behielt der FC Wacker, der die beste Saison seiner Vereinsgeschichte spielte, die Oberhand.
Max Breunig
1925 siegten die Löwen mit ihrem Trainer Max Breunig zweimal gegen den Deutschen Meister 1. FC Nürnberg. Die siegreiche Mannschaft beim Rückspiel: (v. l.) Vogl, Hartenkeil, Harlander, Kob, Ratter, Kling, Huber, Rechenmacher, Faubel, Pölsterl, Piehler, Trainer Breunig.
Auch in den vier Jahren der eingleisigen Bezirksliga Bayern legte der SV München 1860, wie es nun hieß, eine beeindruckende Konstanz an den Tag. In den Spielzeiten 1923/24, 1924/25 und 1925/26 reichte eine Bilanz von fünf Siegen, vier Unentschieden und fünf Niederlagen mit der ausgeglichenen Bilanz von 14-14 Punkten jeweils zum fünften Platz.
Parallel zu den Punktspielen gab es im süddeutschen Verbandsgebiet Spiele um den seit 1917 ausgeschriebenen Verbandspokal, in dem die Löwen anfangs allerdings meist recht früh gegen lokale Konkurrenz die Segel streichen mussten. 1923/24 lief es erstmals besser, bedeutete erst im Halbfinale ein allerdings happiges 0:6 bei den Stuttgarter Kickers die Endstation. Zwei Jahre später ging es erneut bis ins Halbfinale, das an der Grünwalder Straße mit 2:3 nach Verlängerung gegen den VfB Stuttgart verloren wurde.
Während das Training bisher von erprobten Spielern, in erster Linie Josef Braumüller, geleitet wurde, verpflichtete man im Sommer 1926 mit Max Breunig, dem vermutlich besten deutschen Fußballspieler der Vorkriegsjahre, erstmals einen auswärtigen Trainer. Breunigs Tätigkeit zeigte sofort Wirkung. In der Saison 1926/27 führte er die Mannschaft mit einer im Vergleich zu den Vorjahren deutlich besseren Bilanz auf den vierten Platz. Nur das schlechtere Torverhältnis trennte 1860 vom FC Wacker und der SpVgg Fürth. Da die Fürther als Pokalsieger direkt für die Endrunde zur Süddeutschen Meisterschaft qualifiziert waren, musste ein Entscheidungsspiel zwischen Wacker und den Löwen über die Teilnahme an der Endrunde der Zweiten entscheiden. Ein Spiel, das der SV 1860 vor 20.000 Zuschauern im eigenen Stadion mit 2:0 für sich entschied.
In der Runde der Bezirkszweiten setzte sich das Team dann knapp vor dem Karlsruher FV durch, um sich anschließend in Pforzheim mit einem weiteren 2:0 gegen den FSV Frankfurt, den Dritten der Süddeutschen Endrunde, erstmals die Teilnahme an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft zu sichern. Dort brachte ein 3:1 gegen Schalke 04 im Dortmunder Stadion Rote Erde den Einzug ins Viertelfinale. An der Grünwalder Straße blieb der VfB Leipzig in der nächsten Runde chancenlos und wurde mit 3:0 nach Hause geschickt. Nicht anders erging es den Löwen dann allerdings im Halbfinale, das in Nürnberg mit 1:4 gegen den Club verloren wurde. Dennoch, die Fußballer von München 1860 hatten erstmals überregional auf sich aufmerksam gemacht.
Mit Alois Pledl, Eugen Kling, Josef Wendl, Josef Hornauer und Ludwig Stiglbauer gehörten nun Spieler zum
