61 Stunden - Lee Child - E-Book

61 Stunden E-Book

Lee Child

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Beschreibung

Nur noch 61 Stunden bis zum Showdown ...

Winter in South Dakota. Der Bus, in dem Jack Reacher unterwegs ist, gerät auf einer Brücke ins Schleudern und landet im Straßengraben. In der Kleinstadt Bolton schlüpft Reacher bei einem Cop unter – und erfährt, dass die Polizei eine Seniorin zu schützen versucht, die Zeugin eines Drogendeals wurde. Reachers Alarmglocken schrillen, als kurz vor der Gerichtsverhandlung eine Gefängnisrevolte ausbricht und ein stillgelegtes Army-Flugfeld vor den Toren der Stadt von Schnee und Eis befreit wird. In klirrender Kälte krempelt Reacher die Ärmel hoch …

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Seitenzahl: 522

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Lee Child

61 Stunden

Ein Jack-Reacher-Roman

Aus dem Englischen von Wulf Bergner

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Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel »61 Hours« bei Bantam Press, an imprint of Transworld Publishers, A Random House Group Company, London.

Copyright © der Originalausgabe 2010 by Lee Child

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013 by Blanvalet Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Published by Arrangement with Lee Child

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-08876-7 V004

www.blanvalet.de

1

Fünf Minuten vor fünfzehn Uhr. Genau einundsechzig Stunden bevor es passierte. Der Rechtsanwalt bog nach dem Tor ab und parkte auf dem freien Gelände. Auf dem Asphalt lagen drei Zentimeter Neuschnee, deshalb verbrachte er eine Minute damit, im Fußraum herumzufummeln, bis seine Überschuhe richtig saßen. Dann stieg er aus, schlug den Mantelkragen hoch und ging zum Besuchereingang. Aus Norden wehte ein eisiger Wind, der dicke Schneeflocken mitbrachte. Sechzig Meilen entfernt tobte ein Schneesturm. Darüber wurde im Autoradio ausführlich berichtet.

Der Anwalt betrat das Gebäude und stampfte den Schnee von seinen Füßen. Es gab keine Warteschlange. Dies war kein regulärer Besuchstag. Vor sich hatte er nur einen leeren Raum mit dem Förderband eines Gepäckscanners und einem Metalldetektor und drei Gefängniswärtern, die untätig herumstanden. Er nickte ihnen zu, obwohl er sie nicht kannte. Aber er betrachtete sich als auf ihrer Seite stehend – und sie auf seiner. Das Gefängnis stellte eine binäre Welt dar. Man war entweder eingesperrt oder nicht. Sie waren es nicht. Er war es nicht.

Noch nicht.

Er nahm sich einen grauen Plastikkorb von dem wackeligen Stapel und legte seinen Mantel zusammengefaltet hinein. Er zog das Jackett aus, faltete es ebenfalls zusammen und legte es auf den Mantel. Im Gefängnis war es sehr warm. Es war billiger, etwas mehr Heizöl zu verbrennen, als für die Häftlinge zwei Garnituren Kleidung zu beschaffen, eine für den Sommer und eine für den Winter. Er konnte ihren Lärm vor sich hören, das Scheppern von Metall auf Beton, die willkürlichen verrückten Schreie und das leisere Murren anderer missvergnügter Stimmen, alle durch abzweigende Korridore und viele geschlossene Stahltüren gedämpft.

Er holte Schlüsselbund, Geldbörse, Handy und Kleingeld aus den Hosentaschen und legte diese sauberen, warmen persönlichen Gegenstände in die Mulde, die sein Jackett bildete. Dann hob er den grauen Plastikkorb hoch, trug ihn aber nicht zum Förderband des Gepäckscanners, sondern ging damit durch den Raum zu einem kleinen in die Wand eingelassenen Fenster. Dort wartete er, bis eine Frau in Uniform ihm den Korb abnahm und ihm dafür eine Karte mit aufgedruckter Nummer gab.

Er stellte sich vor den Metalldetektor, klopfte seine Taschen leicht ab und sah dann erwartungsvoll nach vorn, als wartete er auf eine Aufforderung. Angelerntes Verhalten eines Vielfliegers. Die Wärter ließen ihn eine Minute lang so stehen: ein kleiner, nervöser Mann in Hemdsärmeln, mit leeren Händen. Keine Aktentasche. Kein Notizbuch. Nicht mal ein Kugelschreiber. Er war nicht hier, um zu beraten. Er war hier, um Anweisungen zu erhalten. Er sollte nicht reden, sondern zuhören, und würde todsicher keine Chance bekommen, das Gehörte irgendwo niederzuschreiben.

Ein Wärter machte ihm ein Zeichen, durch den Metalldetektor zu kommen. Grünes Licht und kein Piepston, aber der erste Wärter führte trotzdem eine Handsonde über seinen Körper, und der zweite Uniformierte tastete ihn ab. Der dritte Mann begleitete ihn tiefer in den Komplex hinein, durch Türen, die so konstruiert waren, dass sie sich nur öffnen ließen, wenn die Türen vor und hinter ihnen abgesperrt waren, um scharfe Ecken, die rennende Männer ausbremsen sollten, und an grünen Panzerglasscheiben vorbei, hinter denen wachsame Gesichter zu sehen waren.

Mit Linoleum als Fußbodenbelag, mintgrünen Wänden und Leuchtstoffröhren an der Decke war der Vorraum behördentypisch gewesen. Und er hatte Verbindung zur Außenwelt gehabt – mit kalter Luft, die hereinwehte, wenn die Tür geöffnet wurde, und Salzflecken und Schneewasserpfützen auf dem Fußboden. Das eigentliche Gefängnis war anders. Es hatte keine Verbindung zur Außenwelt. Keinen Himmel, kein Wetter. Nirgends ein Versuch, die Räume irgendwie auszustatten. Überall nur Sichtbeton: schon speckig, wo Ärmel und Schultern ihn gestreift, noch hellgrau und staubig, wo sie’s nicht getan hatten. Wie in der Garage eines Autosammlers war der Fußboden mit rutschfester grauer Farbe gestrichen. Die Überschuhe des Anwalts quietschten darauf.

Es gab vier Sprechzimmer. Jedes war ein fensterloser Betonwürfel, der durch eine tischhohe Barriere mit Sicherheitsglas darüber genau in der Mitte geteilt wurde. An der Decke über der Glastrennwand brannten vergitterte Glühlampen. Der Raumteiler bestand aus Beton. Die Maserung der dafür verwendeten Schalbretter war noch sichtbar. Die massive, leicht grünliche Glastrennwand wies drei sich überlappende Elemente auf, die so angeordnet waren, dass seitlich zwei Hörschlitze entstanden. In der mittleren Scheibe befand sich wie an einem Bankschalter unten eine Durchreiche für Schriftstücke. Beide Hälften des Raums hatten einen eigenen Stuhl und eine eigene Tür. Vollkommen symmetrisch. Die Anwälte kamen auf einer Seite herein, die Häftlinge auf der anderen. Später gingen sie auf die gleiche Weise wieder hinaus, jeder zu einem anderen Bestimmungsort.

Der Wärter öffnete die Tür vom Korridor aus und machte einen Schritt in das Sprechzimmer, um sich zu vergewissern, dass alles so war, wie es sein sollte. Dann ging er beiseite und ließ den Anwalt eintreten. Der kleine Mann wartete, bis der Wärter die Tür hinter ihm schloss und ihn allein ließ. Dann setzte er sich und sah auf seine Armbanduhr. Er hatte acht Minuten Verspätung. Wegen des Hundewetters war er langsam gefahren. Normalerweise hätte er es für grobes Versagen gehalten, zu einem Termin zu spät zu kommen. Unhöflich und unprofessionell. Aber Gefängnisbesuche waren etwas anderes. Häftlingen bedeutete die Zeit nichts.

Wieder acht Minuten später wurde die zweite Tür in der Wand hinter dem Glas geöffnet. Ein weiterer Wärter trat ein und kontrollierte den Raum; dann verließ er ihn, und der Häftling kam herein. Der Mandant des Anwalts: ein Weißer, ungeheuer dick, von Fettwülsten strotzend und völlig unbehaart. Er trug einen orangeroten Häftlingsoverall. Handgelenke, Taille und Fußknöchel waren durch Stahlketten verbunden, die zierlich wie Schmuckkettchen wirkten. Seine Augen waren trüb, und sein Gesicht war ausdruckslos und gefügig, aber seine Lippen bewegten sich wie die eines leicht schwachsinnigen Menschen, der sich anstrengt, komplizierte Informationen zu behalten.

Die Tür in der Wand hinter dem Glas wurde geschlossen.

Der Häftling setzte sich.

Der Anwalt rückte seinen Stuhl näher an den Raumteiler heran.

Der Häftling tat das Gleiche.

Symmetrisch.

Der Anwalt sagte: »Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe.«

Der Häftling antwortete nicht.

Der Anwalt fragte: »Wie geht es Ihnen?«

Der Häftling antwortete nicht. Der Anwalt verstummte. In dem kleinen Raum war es heiß. Eine Minute später begann der Häftling zu sprechen, zu rezitieren, Listen und Vorschläge sowie Sätze und Absätze abzuarbeiten, die er auswendig gelernt hatte. Zwischendurch sagte der Anwalt mehrmals: »Bitte etwas langsamer.« Daraufhin legte der Kerl eine Pause ein und machte dann mit dem Anfang des vorigen Satzes weiter, ohne sein Tempo oder seine leiernde Sprechweise auch nur im Geringsten zu verändern. Man hätte glauben können, das sei für ihn die einzige Art, mit anderen zu kommunizieren.

Der Anwalt war stolz darauf, ein ziemlich gutes Gedächtnis zu haben – wie die meisten Juristen vor allem für Einzelheiten –, und er passte sehr gut auf, weil die Konzentration aufs Erinnern ihn vom tatsächlichen Inhalt der gemachten Vorschläge ablenkte. Aber trotzdem zählte irgendein kleiner Sektor seines Verstands vierzehn einzelne Straftatbestände mit, bevor der Häftling endlich zu reden aufhörte und sich zurücklehnte.

Der Anwalt schwieg.

Der Häftling fragte: »Haben Sie das alles?«

Als der Anwalt stumm nickte, verfiel der Häftling wieder in träge Untätigkeit. Er wirkte geduldig wie ein Ochse. Für Häftlinge bedeutete die Zeit nichts. Vor allem für diesen. Der Anwalt schob seinen Stuhl zurück und stand auf. Seine Tür war nicht abgesperrt. Er trat wieder auf den Korridor hinaus.

Fünf Minuten vor sechzehn Uhr.

Noch sechzig Stunden.

Der Anwalt wurde von demselben Wärter wie zuvor erwartet. Wenige Minuten später stand er draußen auf dem Parkplatz. Er war vollständig angezogen und hatte sein Eigentum wieder in den Taschen: alles beruhigend solide, gegenwärtig und normal. Unterdessen schneite es stärker, die Luft war kälter, und der Wind hatte aufgefrischt. Es wurde rasch und früh dunkel. Der Anwalt saß einen Augenblick da, während die Sitzheizung ihn zu wärmen begann, der Motor lief und die Scheibenwischer an beiden Rändern der Frontscheibe kleine Schneewälle auftürmten. Dann fuhr er los, beschrieb einen weiten Bogen, hörte die Reifen auf dem frisch gefallenen Schnee knirschen und sah weiße Flockenwirbel im hellen Doppelstrahl seiner Scheinwerfer. Vor ihm lagen das Tor, der Stacheldraht, das Warten, die Kofferraumkontrolle und dann die lange gerade Straße, die quer durch die Stadt zur Interstate führte.

Vierzehn kriminelle Vorhaben. Tatsächlich vierzehn Verbrechen, wenn er die Vorschläge weitergab und sie in die Tat umgesetzt wurden, womit zu rechnen war. Oder fünfzehn Verbrechen, weil er selbst zum Mitverschwörer werden würde. Oder achtundzwanzig Verbrechen, wenn ein Staatsanwalt jeden einzelnen Straftatbestand als Verschwörung auffasste, was er nur so zum Spaß tun konnte. Oder weil er berühmt werden wollte. Achtundzwanzig einzelne Wege zu Scham und Schande, Verlust der Anwaltszulassung und Gerichtsverfahren sowie Urteil und Haftstrafe. Fast sicher lebenslänglich, wenn man bedachte, welche Folgen eine dieser vierzehn Anweisungen haben würde – und auch das nur bei erfolgreicher Verfahrensabsprache. Die Vorstellung, der Staatsanwalt könnte eine Absprache ablehnen, war zu schrecklich, um auch nur erwogen zu werden.

Der Anwalt durchquerte das große Kleeblatt der Anschlussstelle und blieb auf der rechten Spur, um sich herum das trübe Grau eines Winternachmittags mit Schneefall. Nicht viel Verkehr. In seiner Richtung waren nur vereinzelte Autos und Lastwagen unterwegs, manche langsamer, die meisten schneller als er; auf der Gegenfahrbahn jenseits der Mittelleitplanke sah es ähnlich aus. Er lenkte mit einer Hand und verrenkte den Körper im Sitzen, um sein Mobiltelefon aus der Tasche zu angeln. Dann wog er es in einer Hand. Er hatte drei Möglichkeiten. Erstens: nichts tun. Zweitens: die Nummer anrufen, die ihm mitgeteilt worden war. Drittens: die Nummer wählen, die er wirklich hätte anrufen sollen: unter diesen Umständen die 911, danach sicherheitshalber die örtliche Polizei, die Highway Patrol und die County Sheriffs, dann die Anwaltsvereinigung und zuletzt einen Rechtsanwalt für sich selbst.

Erwartungsgemäß entschied er sich für die zweite Möglichkeit. Mit Option Nummer eins hätte er riskiert, aufgespürt und umgelegt zu werden. Auch Option Nummer drei hätte mit seinem Tod geendet – bestimmt nach stunden- oder sogar tagelangen entsetzlichen Qualen. Er war nur ein kleiner nervöser Mann. Ganz sicher kein Held.

Er wählte die Nummer, die er anrufen sollte.

Er kontrollierte sie zweimal, dann drückte er die grüne Taste. Er hob das Handy ans Ohr, was in vielen Bundesstaaten eine neunundzwanzigste Straftat gewesen wäre.

Nicht jedoch in South Dakota.

Noch nicht.

Immerhin etwas.

Die Stimme, die sich meldete, hatte er schon viermal gehört. Rau und heiser und auf grob animalische Weise bedrohlich klingend. Eine Stimme aus einer dem Anwalt normalerweise völlig fremden Welt. »Schießen Sie los, Kumpel«, sagte sie mit einem Grinsen und einem Unterton von grausamer Belustigung, als würde der Sprechende seine absolute Macht und Kontrolle und das dadurch ausgelöste Unbehagen des Anwalts, seine Angst und seinen Widerwillen genießen.

Der Anwalt schluckte trocken, dann begann er zu sprechen und sagte die Listen, die Vorschläge, die Sätze und Absätze ziemlich genau so auf, wie sie ihm mitgeteilt worden waren. Damit fing er sieben Meilen und sieben Minuten vor einer Autobahnbrücke an. Die Brücke sah kaum wie eine richtige Brücke aus. Die Fahrbahn führte vollkommen gerade weiter, aber das Gelände fiel zu einem breiten, nicht sehr tiefen Bachbett ab. Es war in den meisten Monaten des Jahres trocken, doch in fünf Monaten würde hier nach der Schneeschmelze ein Wildbach zu Tal schießen. Die Straßenbauer hatten ihn in ein Betonkorsett gezwängt und unter der Fahrbahn vier riesige Betonröhren verlegt, um zu verhindern, dass die Interstate unterspült wurde. Diese Wasserführung funktionierte in jedem Frühjahr gut. Sie hatte nur einen Nachteil, der sich im Winter zeigte. Um vor ihm zu warnen, hatten die Straßenbauer in beiden Fahrtrichtungen Warnschilder aufgestellt. Auf den Schildern stand: Achtung Brücke! Besondere Glatteisgefahr!

Der Anwalt fuhr und sprach. In der siebten Minute seines Monologs war er bei dem brutalsten und ungeheuerlichsten der insgesamt vierzehn Vorschläge angelangt. Er gab sie am Telefon genau so wieder, wie er sie im Gefängnis gehört hatte: neutral und ohne Emotionen. Die raue Stimme am anderen Ende lachte, was dem Anwalt einen kalten Schauder über den Rücken jagte. Aus seinem tiefsten Inneren aufsteigende moralische Entrüstung erfasste ihn wie ein Krampf. Sie ließ seine Schultern spürbar zucken und das Handy über seine Ohrmuschel scharren.

Und sie bewegte seine Hand am Lenkrad.

Die Vorderreifen gerieten auf der vereisten Brücke etwas aus der Spur. Er korrigierte unbeholfen, sodass das Heck kurz ausbrach und sein Wagen einmal, zweimal, dreimal ins Schleudern geriet. Er erkannte, dass er dafür alle drei Fahrspuren brauchte. Sah einen Bus, der ihm im Schneetreiben entgegenkam. Der Bus war weiß und riesig und mit hohem Tempo unterwegs. Er raste genau auf ihn zu. Sein Hinterhirn sagte ihm, dass ein Zusammenstoß unvermeidlich sei. Sein Großhirn dagegen meinte, nein, er habe Platz und Zeit, einen Grasstreifen und zwei massive Leitplanken zwischen sich und dem Gegenverkehr. Er biss sich auf die Unterlippe, lockerte seinen krampfhaften Griff und richtete sich leicht auf, als der weiße Bus an ihm vorbeischoss: genau parallel und sechs bis sieben Meter entfernt.

Er atmete keuchend aus.

Die Stimme am Telefon fragte: »Was?«

Der Anwalt sagte: »Ich bin ins Schleudern geraten.«

Die Stimme sagte: »Berichten Sie weiter, Arschloch.«

Der Anwalt schluckte und sprach mit dem Anfang des letzten Satzes beginnend weiter.

Der Mann, der den in Gegenrichtung fahrenden Bus lenkte, war ein Veteran mit zwölf Jahren Berufserfahrung am Steuer. Er verfügte über die nötigen Berechtigungen, eine gute Ausbildung und ausreichend Erfahrung. Er war nicht mehr jung und noch nicht alt. Körperlich und geistig befand er sich auf der Höhe. Er hatte keine Verspätung. Er fuhr nicht zu schnell. Er war nicht betrunken. Er war nicht high.

Aber er war müde.

Er hatte seit fast zwei Stunden in wirbelnden weißen Schnee gestarrt. Er bemerkte ein Auto, das ungefähr hundert Meter vor ihm ins Schleudern geriet. Sah es schräg auf sich zuschießen. Seine Müdigkeit ließ ihn mit einer Zehntelsekunde Verspätung reagieren. Dann verursachte die gedämpfte Spannung eine Überreaktion in seinem ermüdeten Körper. Er riss am Lenkrad, als wiche er vor einem Faustschlag zurück. Zu spät, zu stark. Und ohnehin unnötig. Das schleudernde Auto war wieder in der Spur und bereits hinter ihm, als die Vorderreifen seinen Lenkbefehl auszuführen begannen. Oder ihn auszuführen versuchten. In genau diesem Augenblick gerieten sie aufs Eis der Brücke. Sie verloren den Kontakt zum Asphalt und rutschten. Alles Gewicht war im Heck des Busses konzentriert. Der riesige Motorblock aus Grauguss. Der Wassertank. Die Bordtoilette. Alles wie ein Pendel hinter der Hinterachse angeordnet. Das Busheck versuchte die Frontpartie zu überholen. Es kam nicht weit. Die Richtungsänderung betrug nur wenige entscheidende Grade. Der Fahrer machte alles richtig. Er lenkte gegen das Schleudern an. Aber die Lenkung ließ sich ungewohnt leicht bewegen, und die Vorderräder hatten jeglichen Kontakt zum Asphalt verloren. Der Bus reagierte nicht mehr. Sein Heck strebte in die gerade Linie zurück, dann schlug das Pendel zur anderen Seite aus.

Der Busfahrer kämpfte dreihundert Meter weit mit aller Kraft. Zwölf endlose Sekunden lang. Er drehte sein großes Lenkrad nach rechts, dann nach links, versuchte gegenzulenken, versuchte das Schleudern abzufangen. Aber es wurde trotzdem stärker. Die Bewegungsenergie nahm zu. Das schwere Pendelgewicht im Heck schlug erst in eine Richtung, dann in Gegenrichtung aus. Die weichen Stoßdämpfer wurden zusammengedrückt und im nächsten Augenblick wieder gestreckt. Der hohe Aufbau krängte und schwankte. Das Busheck schwang fünfundvierzig Grad weit nach links, dann fünfundvierzig Grad weit nach rechts. Achtung Brücke! Besondere Glatteisgefahr! Der Bus rollte über die letzte Betonröhre unter der Interstate, und die Vorderreifen fanden wieder Halt. Aber die Räder waren in diesem Augenblick in Richtung Bankette eingeschlagen. Der ganze Bus fuhr in diese Richtung, als führte er einen legitimen Lenkbefehl aus. Als wäre er plötzlich wieder gehorsam. Der Fahrer bremste scharf. Neuschnee bildete kleine Dämme vor den Reifen. Der Bus behielt seine neue Richtung bei. Er wurde langsamer.

Aber nicht genug.

Die Vorderreifen rollten über den gerillten Begrenzungsstreifen, überquerten die Bankette und polterten vom Asphalt in den flachen Straßengraben voller Schnee und gefrorenem Schlamm. Der Unterboden des Fahrzeugs rumpelte, schepperte und scharrte drei bis vier Meter weit über die Fahrbahn, bis alle Vorwärtsbewegung zum Stillstand kam. Der Bus blieb leicht schräg liegend stehen: vorn zu einem Drittel im Straßengraben, die restlichen zwei Drittel noch auf dem Asphalt, das Heck mit dem Motorraum in die Fahrbahn ragend. Die Vorderräder hingen mit gestreckten Stoßdämpfern herab. Der Motor war abgestorben, und die einzigen Geräusche stammten von heißen Busteilen, die im Schnee zischten, der Druckluftbremse, die sich sanft fauchend entleerte, und den Fahrgästen, die erst kreischten, dann stöhnten und dann sehr still wurden.

Die Pauschalreisenden bildeten eine ziemlich homogene Gruppe – bis auf eine Ausnahme. Zwanzig weißhaarige Senioren und ein jüngerer Mann in einem Bus mit vierzig Plätzen. Zwölf der Senioren waren Witwen. Die restlichen acht bildeten vier alte Ehepaare. Alle kamen aus Seattle. Sie waren eine Kirchengemeindegruppe auf Kulturreise und hatten die Little Town on the Prärie gesehen. Jetzt waren sie auf der langen Fahrt nach Westen zum Mount Rushmore unterwegs. Ein Abstecher zum geografischen Mittelpunkt der USA war versprochen worden. Unterwegs würden sie Nationalparks und Prärien besichtigen. Ein schöner Reiseplan, aber die falsche Jahreszeit. South Dakota im Winter war nicht für seine Gastfreundlichkeit berühmt. Daher die fünfzig Prozent Rabatt auf den ohnehin nicht hohen Reisepreis.

Bei dem einzelnen Mitreisenden handelte es sich um einen Mann, der mindestens dreißig Jahre jünger war als der nächstjüngste Fahrgast. Er saß drei Reihen hinter den letzten Senioren in einer eigenen Sitzreihe. Die anderen hielten ihn für eine Art blinden Passagier. Er war erst an diesem Tag in einer Raststätte östlich der Kleinstadt Cavour zugestiegen. Nach Little Town on the Prairie, vor dem Dakotaland-Museum. Für sein Zusteigen wurde keine Erklärung abgegeben. Er war einfach mit eingestiegen. Einige hatten beobachtet, wie er zuvor mit dem Busfahrer gesprochen hatte. Manche behaupteten, dabei habe Geld den Besitzer gewechselt. Niemand wusste, was man davon halten sollte. Hatte er für die Mitfahrt bezahlt, war er kein blinder Passagier, sondern reiste eher im Zwischendeck – wie ein Anhalter, aber doch nicht ganz.

Jedenfalls schien er ein ganz netter Bursche zu sein. Er war schweigsam und höflich, einen guten Kopf größer als seine Mitreisenden und bestimmt sehr stark. Nicht gut aussehend wie ein Filmstar, aber auch nicht hässlich. Vielleicht ein ehemaliger Leistungssportler. Möglicherweise hatte er Football gespielt. Nicht besonders gut angezogen. Unter einer gefütterten Segeltuchjacke trug er ein verknittertes, über seine Jeans hängendes Hemd. Er besaß kein Gepäck, was viele merkwürdig fanden. Aber insgesamt war es vage beruhigend, solch einen Mann an Bord zu haben, vor allem nachdem er sich als zivilisiert und in keiner Weise bedrohlich erwiesen hatte. Bedrohliches Verhalten von einem Mann dieser Größe wäre unschicklich gewesen, gute Manieren hingegen waren charmant. Einige der couragierteren Witwen hatten überlegt, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, aber der Mann schien solche Versuche abzublocken. Unterwegs schlief er die meiste Zeit, und seine Reaktion auf versuchte Gesprächseröffnungen war zwar durchaus höflich, aber knapp und völlig nichtssagend gewesen.

Aber sie wussten jetzt wenigstens, wie er hieß. Einer der Männer hatte sich ihm vorgestellt, als er von der Toilette kommend an ihm vorbeigegangen war. Der große Fremde hatte zu ihm aufgesehen und kurz gezögert, als wäge er die Vor- und Nachteile einer Antwort ab. Dann hatte er die hingestreckte Hand ergriffen und »Jack Reacher« gesagt.

2

Reacher wachte auf, als er durch die Wucht des Schleuderns mit dem Kopf an die Scheibe krachte. Er wusste sofort, wo er war. In einem Bus. Die nächsten Zehntelsekunden verbrachte er damit, seine Chancen zu berechnen. Schnee, Eis, normale Geschwindigkeit, nicht viel Verkehr. Wir rammen die Mittelleitplanke oder landen im Straßengraben. Schlimmstenfalls kippen wir um. Kein großes Problem für ihn. Vielleicht nicht so gut für die alten Leute vor ihm. Aber sie würden vermutlich überleben. Mehr Sorgen machte ihm, was danach kommen würde. Zwanzig alte Menschen, durchgerüttelt, vielleicht verletzt, Schnitte, Prellungen, Knochenbrüche, in einem aufkommenden Wintersturm meilenweit von der nächsten Stadt entfernt im Nirgendwo gestrandet.

Nicht gut.

Die folgenden elfeinhalb Sekunden verbrachte er damit, sich festzuhalten und den wechselnden Beschleunigungskräften der Schlingerbewegungen mit angespannten Muskeln Widerstand zu leisten. Als hinterster Fahrgast spürte er sie am meisten. Die alten Leute vor ihm beschrieben kürzere Bogen. Aber sie waren gebrechlich. Er konnte sehen, wie ihre Köpfe von einer Seite auf die andere flogen. Er konnte das Gesicht des Busfahrers im Rückspiegel sehen. Der Mann kämpfte. Er machte seine Sache nicht schlecht. Aber er würde verlieren. Ein Luxusreisebus war ein sehr schwerfälliges Fahrzeug. Sei vorsichtig, wenn du dir etwas wünschst. Reacher war aus Marshall, Minnesota, per Anhalter nach Huron, South Dakota, unterwegs gewesen, aber der Kerl, mit dem er fuhr, hatte ihn aus irgendeinem persönlichen Grund nicht die ganze Strecke mitnehmen wollen, sondern in einer Raststätte außerhalb von Cavour abgesetzt. Was Pech zu sein schien, weil es in Cavour nicht allzu viel transkontinentalen Verkehr gab. Aber zwei Tassen Kaffee später war ein weißer Reisebus mit vierzig Sitzen vorgefahren, und nur zwanzig Fahrgäste waren ausgestiegen, was bedeutete, dass es freie Plätze gab. Der Fahrer schien ein unkomplizierter Typ zu sein, deshalb wandte Reacher sich mit einer unkompliziertem Frage an ihn. Zwanzig Dollar für die Mitfahrt nach Rapid City? Der Kerl wollte vierzig. Sie einigten sich auf dreißig. Reacher war eingestiegen und hatte den Tag sehr angenehm verbracht. Doch dieses Gefühl war der weichen Federung und schwammigen Lenkung zu verdanken gewesen, die im Augenblick beide den Dienst verweigerten.

Nach sieben Sekunden wurde Reacher jedoch optimistisch. Weil niemand mehr Gas gab, wurde der Bus langsamer. Spürbar war das nicht, aber es musste stimmen. Einfache Physik. Newtons Bewegungsgesetze. Kam ihnen kein anderes Fahrzeug in die Quere, würde der Bus noch ein Stück weiterschwanken und dann zum Stehen kommen – vielleicht schräg stehend oder auch um hundertachtzig Grad gedreht, aber noch fahrtüchtig. Dann merkte er, wie die Vorderreifen wieder griffen, und sah, dass sie von der Fahrbahn abkommen würden. Was schlecht war. Aber der Fahrer bremste scharf und hielt das Lenkrad eisern fest, während sein Bus rumpelnd und am Boden schrammend halb im Straßengraben, halb auf der Interstate zum Stehen kam – was okay war, außer dass ihr Hinterteil auf die Fahrbahn hinausragte und es plötzlich überhaupt keine mechanischen Geräusche mehr gab, was ganz und gar nicht okay war.

Ein Blick nach hinten zeigte Reacher keine näher kommenden Autoscheinwerfer. Nicht in diesem Augenblick. Er stand auf, ging im Bus nach vorn und sah draußen ebenes, weiß verschneites Gelände. Keinen Steilabbruch. Kein Flussufer. Folglich keine Gefahr durch Gewichtsverlagerung. Also marschierte er wieder nach hinten und fing an, die alten Käuze zu ermutigen, im Bus nach vorn zu gehen. Falls ein Vierzigtonner sie rammte, würde er vielleicht nur das Heck wegreißen, ohne jemanden ins Jenseits zu befördern. Aber die alten Leute standen unter Schock und wollten ihre Plätze nicht verlassen. Sie hockten einfach nur da. Also machte Reacher sich wieder auf den Weg nach vorn. Der Fahrer saß starr auf seinem Sitz, blinzelte ein wenig und schluckte seinen eigenen Adrenalinschub hinunter.

Reacher sagte zu ihm: »Gut gemacht, Kumpel.«

Der Mann nickte. »Danke.«

Reacher fragte: »Kommen wir mit eigener Kraft aus diesem Graben raus?«

»Weiß ich nicht.«

»Was vermuten Sie?«

»Eher nicht.«

Reacher fragte: »Okay, haben Sie Fackeln?«

»Was?«

»Warnfackeln. Der Bus ragt hinten auf die Fahrbahn hinaus.«

Der Typ reagierte nicht gleich, war benommen. Dann beugte er sich nach rechts, öffnete den Stauraum neben seinem Knie und brachte drei Warnfackeln zum Vorschein: Pappröhren in stumpfem Rot mit Stahlspitzen am unteren Ende. Reacher nahm sie, dann fragte er: »Haben Sie einen Erste-Hilfe-Kasten?«

Der Mann nickte erneut.

Reacher sagte: »Nehmen Sie ihn mit, und kontrollieren Sie die Leute auf Prellungen und Schnittverletzungen. Fordern Sie alle auf, möglichst weit nach vorn zu kommen. Am besten auf dem Gang. Rammt uns jemand, fährt er uns den Arsch weg.«

Der Fahrer nickte zum dritten Mal, dann schüttelte er sich wie ein Hund und kam endlich in die Gänge. Er holte den Erste-Hilfe-Kasten aus einem anderen Fach und stand auf.

Reacher sagte: »Öffnen Sie erst die Tür.«

Der Mann drückte auf einen Knopf, und die Tür ging zischend nach innen auf. Eiskalte Luft strömte herein, brachte dichten Flockenwirbel mit. Wie bei einem richtigen Blizzard. Reacher erklärte: »Machen Sie die Tür hinter mir zu. Damit es warm bleibt.«

Dann sprang er in den Straßengraben, kämpfte sich durch Schnee und Matsch zum Bankett hinauf und lief sofort zum Heck des Busses. Heftiges Schneetreiben nahm ihm die Sicht. Waagrecht fliegender Schnee prasselte gegen sein Gesicht. Er orientierte sich am nächsten Begrenzungspfosten und rannte dreißig Schritte weit zurück, auf leicht gekrümmter Bahn in Richtung Bankett. Dreißig Schritte waren ungefähr siebenundzwanzig Meter. Siebenundzwanzig Meter in der Sekunde entsprachen sechzig Meilen in der Stunde, und es würde genügend Verrückte geben, die mit sechzig durch den Schneesturm rasten. Er bückte sich und rammte den Stahlstift einer Warnfackel in den Asphalt. Die rote Flamme entzündete sich automatisch und brannte weit sichtbar. Er rannte weiter, wieder dreißig Schritte, und entzündete die zweite Fackel. Rannte noch mal dreißig Schritte und benutzte die dritte Fackel, um eine Warnsequenz zu vervollständigen: drei Sekunden, zwei, eine, ausweichen, verdammt noch mal!

Dann lief er zurück zum Bus und hämmerte an die Tür, bis der Fahrer seine Erstversorgung unterbrach und ihm die Tür öffnete. Reacher kletterte hinein. Er war durchgefroren und sein Gesicht fast gefühllos. Seine Füße fühlten sich an wie Eisklumpen. Im Innern des Busses wurde es bereits kühler. Auf einer Seite waren die Fenster schon fast zugeschneit. Er sagte: »Sie sollten den Motor laufen lassen, damit die Heizung funktioniert.«

»Darf ich nicht. Die Treibstoffleitung kann gerissen sein. Als wir über den Asphalt geschrammt sind.«

Reacher entgegnete: »Ich hab draußen nichts gerochen.«

»Ich darf’s nicht riskieren. Bis jetzt leben noch alle. Ich will nicht, dass sie im Bus verbrennen.«

»Sollen sie lieber erfrieren?«

»Übernehmen Sie die Erste Hilfe. Ich muss rumtelefonieren.«

Also ging Reacher nach hinten und begann, nach den alten Leuten zu sehen. Der Fahrer hatte nur die beiden ersten Reihen geschafft. Das war offensichtlich. Alle vier Fahrgäste auf den Fensterplätzen wiesen Heftpflasterverbände auf kleinen Platzwunden von den Fensterrahmen auf. Sei vorsichtig, wenn du dir etwas wünschst. Bessere Aussicht, aber höheres Risiko. Eine Frau hatte ein zweites Pflaster im Gesicht – wahrscheinlich an der Stelle, wo der Kopf ihres Mannes an ihren geknallt war, als sein Körper herumgeworfen wurde.

Der erste Knochenbruch schien in der dritten Reihe aufgetreten zu sein, bei einer zierlichen alten Dame, die zart wie ein Vogel wirkte. Sie war mit der Schulter an den Fensterrahmen geprallt und hatte sich das linke Schlüsselbein gebrochen. Das erkannte Reacher an der Art, wie sie sich den Arm hielt. Er fragte: »Ma’am, darf ich mir das ansehen?«

Sie antwortete: »Sie sind kein Arzt.«

»Ich habe in der Army eine Ausbildung bekommen.«

»Waren Sie Sanitäter?«

»Ich war Militärpolizist. Wir wurden medizinisch ausgebildet.«

»Mir ist kalt.«

»Schock«, meinte Reacher. »Und es schneit.«

Sie wandte ihm den Oberkörper zu – ein stummes Einverständnis. Reacher tastete ihr Schlüsselbein unter der Bluse ab. Der Knochen war bleistiftdünn und in der Mitte gebrochen. Ein glatter Bruch. Kein Splitterbruch.

Sie fragte: »Ist’s schlimm?«

»Sieht gut aus«, sagte Reacher. »Das Schlüsselbein hat seinen Zweck erfüllt. Der Knochen bricht, damit Ihre Schulter und Ihr Genick keinen Schaden nehmen. Er heilt gut und schnell.«

»Ich muss ins Krankenhaus.«

Reacher nickte. »Wir bringen Sie hin.«

Er ging weiter. In Reihe vier gab es ein verstauchtes Handgelenk, in Reihe fünf ein gebrochenes. Dazu kamen insgesamt dreizehn Schnittwunden, viele harmlose Prellungen und zahlreiche Schockreaktionen.

Die Temperatur fiel rasch.

Durch die hinteren Seitenfenster konnte Reacher die Warnfackeln sehen. Sie brannten noch immer: drei deutlich erkennbare hellrote Flaumkugeln, die in dem wirbelnden Schnee glühten. Keine sich nähernden Scheinwerfer. Auch nicht auf der Gegenfahrbahn. Überhaupt kein Verkehr. Er ging mit gesenktem Kopf nach vorn zum Fahrer. Der Mann saß auf seinem Platz, hielt sein aufgeklapptes Mobiltelefon in der rechten Hand, starrte durch die Frontscheibe und trommelte mit den Fingern der Linken aufs Lenkrad.

Er sagte: »Wir haben ein Problem.«

»Welche Art Problem?«

»Ich habe die 911 angerufen. Die ganze Highway Patrol ist sechzig Meilen nördlich oder sechzig Meilen östlich von hier im Einsatz. Anscheinend ziehen zwei große Stürme heran. Einer aus Kanada, der andere aus der Seenregion. Sie haben schon Massenunfälle verursacht. Alle Abschleppwagen sind unterwegs. Dort gibt’s Unfälle mit hundert Fahrzeugen. Diese Interstate ist hinter und vor uns gesperrt.«

Kein Verkehr.

»Wo sind wir?«

»South Dakota.«

»Das weiß ich.«

»Dann wissen Sie, was ich meine. Sind wir nicht in Sioux Falls oder Rapid City, befinden wir uns irgendwo in der Prärie. Und wir sind nicht in Sioux Falls oder Rapid City.«

»Wir müssen irgendwo sein.«

»Das Navi zeigt in der Nähe eine Kleinstadt an. Sie heißt Bolton. Ungefähr zwanzig Meilen entfernt. Aber sie ist sehr klein. Nur ein Punkt auf der Karte.«

»Können Sie einen Ersatzbus anfordern?«

»Ich komme aus Seattle. Wenn’s zu schneien aufhört, kann einer in ungefähr vier Tagen hier sein.«

»Gibt es in Bolton eine Polizei?«

»Ich warte auf einen Anruf.«

»Vielleicht haben sie Abschleppwagen?«

»Bestimmt. Wenigstens einen. Vielleicht in der Tankstelle an der Ecke, gut für liegengebliebene Pick-ups. Weniger gut für Fahrzeuge dieser Größe.«

»Vielleicht gibt’s Farmtraktoren.«

»Wir würden ungefähr acht brauchen. Und dicke Stahltrossen.«

»Vielleicht haben sie einen Schulbus. Wir könnten umsteigen.«

»Die Highway Patrol lässt uns nicht im Stich. Sie holt uns hier raus.«

Reacher fragte: »Wie heißen Sie?«

»Jay Knox.«

»Sie müssen vorausdenken, Mr. Knox. Unter besten Umständen ist die Highway Patrol eine Stunde von uns entfernt. Bei diesem Wetter zwei. Oder drei, weil sie beschäftigt ist. Also müssen wir etwas unternehmen, denn in einer Stunde ist der Bus ein Kühlschrank. In zwei Stunden sterben diese alten Leute wie Fliegen. Vielleicht schon früher.«

»Was schlagen Sie vor?«

Bevor Reacher antworten konnte, klingelte das Handy des Fahrers. Er meldete sich. Seine Miene hellte sich zuerst etwas auf, um sich dann wieder zu verdüstern. Er sagte »danke«, klappte das Telefon zu, blickte zu Reacher auf und sagte: »Die Stadt Bolton hat eine Polizei. Sie schickt einen Mann her. Aber das kann dauern, weil sie mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind.«

»Wie lange?«

»Mindestens eine Stunde.«

»Was für Probleme?«

»Das haben sie nicht gesagt.«

»Sie werden den Motor anlassen müssen.«

»Die Leute haben Mäntel.«

»Das reicht nicht.«

»Ich mache mir Sorgen wegen eines Feuers.«

»Diesel ist viel schwerer entzündlich als Benzin.«

»Was sind Sie – ein Experte?«

»Ich war in der Army. Alle Lastwagen und Humvees haben Dieselmotoren. Aus verständlichen Gründen.« Reacher sah nach hinten. »Haben Sie eine Stablampe? Einen Feuerlöscher?«

»Wozu?«

»Ich kontrolliere die Unterseite. Scheint alles in Ordnung zu sein, klopfe ich zweimal an den Boden. Sie lassen den Motor an, und falls irgendwas brennt, lösche ich das Feuer und klopfe wieder, damit Sie den Motor abstellen.«

»Ich weiß nicht …«

»Das Beste, was wir tun können. Und wir müssen irgendwas tun.«

Knox schwieg einen Moment, dann zuckte er mit den Schultern, öffnete zwei weitere Staufächer und brachte eine silberne Maglite und einen Handfeuerlöscher zum Vorschein. Reacher nahm beides und wartete darauf, dass die Tür sich öffnete. Dann kletterte er ins hellrote Leuchten der Warnfackeln hinaus und wieder in den Straßengraben hinunter. Diesmal stapfte er vorn um den Bus herum, weil dessen Schräglage bedeutete, dass sich die linke Seite höher über dem Asphalt befand als die rechte. Sich im Schnee durch den Straßengraben zu arbeiten war keine schöne Aussicht, im Schnee übers Bankett zu kriechen nur marginal besser.

Er fand die Tankklappe, hockte sich in den Schnee, drehte sich um, ließ sich nach hinten sinken und schlängelte sich auf dem Rücken liegend unter den Bus. Er schaltete die Stablampe ein. Fand das dicke Rohr, das vom Tankstutzen zum Dieseltank führte. Er schien intakt zu sein. Der Tank selbst war ein großer Zylinder, der vom Aufprall etwas zerkratzt und verbeult aussah. Aber er war nicht leckgeschlagen. Auch die nach hinten zum Motor führende Treibstoffleitung schien unbeschädigt zu sein. Schmelzwasser drang durch Reachers Jacke und Hemd. Er zitterte vor Kälte.

Er benutzte das untere Ende der Maglite, um zweimal kräftig an eine Unterbodenstrebe zu klopfen.

Er hörte ein Relais klicken, dann lief die Treibstoffpumpe an. Sie surrte leise pfeifend. Er kontrollierte den Tank. Kontrollierte die Leitung, so weit der Lichtstrahl der Stablampe reichte. Dann arbeitete er sich im Schnee auf dem Rücken liegend weiter unter den Bus vor.

Der Anlasser drehte sich.

Der Motor sprang an. Er klapperte, rasselte und lief dann laut nagelnd weiter.

Keine Lecks.

Kein Feuer.

Keine Treibstoffdämpfe.

Er kämpfte gegen die Kälte an, hielt eine weitere Minute durch, um noch andere Dinge zu kontrollieren. Die großen Reifen schienen in Ordnung zu sein. Die vorderen Stoßdämpfer hatten etwas gelitten. Der Boden des Gepäckabteils war mehrfach eingebeult. Mehrere kleine Leitungen und Kabel waren zerquetscht und geknickt oder abgerissen. Irgendein Versicherer in Seattle würde eine anständige Rechnung zahlen müssen.

Reacher schob sich unter dem Bus hervor, stand auf und klopfte sich ab. Seine Kleidung war durchnässt. Um ihn herum wirbelten Schneeflocken. Der Schnee lag schon fünf Zentimeter hoch. Reachers vier Minuten alte Fußabdrücke waren bereits weiß überzuckert. Er folgte ihnen in den Straßengraben zurück und zur Bustür. Knox wartete auf ihn. Die Tür öffnete sich, und er kletterte an Bord. Er zitterte. Die Tür schloss sich wieder.

Der Motor blieb stehen.

Knox setzte sich ans Steuer und drückte den Anlassknopf. Weit hinten im Bus hörte Reacher den Anlasser arbeiten. Wieder und wieder drehte er sich angestrengt surrend.

Ohne Erfolg.

Knox fragte: »Was haben Sie dort unten gesehen?«

»Schäden«, antwortete Reacher. »Alles Mögliche ist demoliert.«

»Zerquetschte Leitungen?«

»Ein paar.«

Der Fahrer nickte. »Bestimmt ist die Treibstoffleitung abgequetscht. Wir haben nur verbraucht, was noch drin war – und jetzt kommt nichts mehr nach. Außerdem können die Bremsen hin sein. Vielleicht ist’s ja gut, dass der Motor nicht läuft.«

»Rufen Sie noch mal die Polizei in Bolton an«, sagte Reacher. »Diese Sache ist ernst.«

Knox wählte, während Reacher nach hinten durch den Bus ging. Er holte Mäntel aus den Gepäckablagen und forderte die alten Leute auf, sie anzuziehen. Dazu Mützen, Handschuhe, Schals und alles andere, was sie vielleicht dabeihatten.

Er selbst besaß nichts. Nur das, was er am Leib trug, und das war durchnässt und eiskalt. Er begann auszukühlen. Er zitterte – nicht stark, aber ständig, als kröchen Spinnentiere über seinen Körper. Sei vorsichtig, wenn du dir etwas wünschst. Ein Leben ohne Gepäck hatte Vorteile. Aber auch gravierende Nachteile.

Er ging wieder nach vorn zu Knox. Die nicht ganz schließende Tür ließ eisige Luft herein. Vorn im Bus war es kälter als hinten. Reacher fragte: »Na?«

Knox antwortete: »Sie schicken so bald wie möglich einen Wagen.«

»Ein Wagen reicht nicht.«

»Das habe ich ihnen gesagt und das Problem erklärt. Sie haben gemeint, sie lassen sich etwas einfallen.«

»Haben Sie schon mal so einen Sturm erlebt?«

»Dies ist kein Sturm. Der ist sechzig Meilen entfernt. Dies sind lediglich seine Ausläufer.«

Reacher zitterte. »Kommt er hierher?«

»Todsicher.«

»Wann?«

»Fragen Sie lieber nicht.«

Reacher ließ ihn am Steuer zurück und ging an den letzten Sitzen vorbei ganz nach hinten. Dort setzte er sich neben der Toilettentür auf den Boden und presste den Rücken an die Wand, weil er hoffte, noch etwas Restwärme von dem abkühlenden Motor abzubekommen.

Er wartete.

16.55 Uhr.

Noch neunundfünfzig Stunden.

3

Eine Dreiviertelstunde später kam der Anwalt nach Hause. Nach langer, langsamer Fahrt. Seine Einfahrt war nicht geräumt, und er fürchtete schon, das Garagentor könnte zugefroren sein. Doch als er die Fernbedienung betätigte, tat der Elektromotor drinnen an der Decke seine Arbeit. Das Rolltor ging hoch, und er fuhr hinein. Dann wollte das Tor nicht mehr zugehen, weil die Schneeklumpen von seinen Reifen die Kindersicherung in der Bodenrille ausgelöst hatten. Also fummelte er wieder an seinen Überschuhen herum, nahm dann die Schaufel und schippte den Schnee hinaus. Das Tor schloss sich. Der Anwalt zog seine Überschuhe aus, blieb noch einen Augenblick an der Tür ins Haus stehen, kam zur Ruhe, sammelte sich und nahm eine mentale Dusche. Zwanzig vor sechs. Er ging durch die warme Küche und begrüßte seine Familie, als wäre dies ein Tag wie jeder andere.

Um zwanzig vor sechs war es im Innern des Busses dunkel und eiskalt, und Reacher, der seine Arme um den Oberkörper geschlungen hatte, zitterte heftig. Vor ihm taten die zwanzig alten Leute und der Busfahrer Knox ziemlich genau das Gleiche. Die Fenster auf der dem Wind zugekehrten Seite des Busses waren schwarz von Schnee. Die Fenster in Lee zeigten ein graues Panorama. Der Schneesturm aus Nordosten, der auf das aerodynamische Hindernis des verunglückten Busses traf, fegte unter und über ihn hinweg, heulte seitlich an ihm vorbei und ließ hinter dem Fahrzeug Wirbel entstehen, in denen riesige Schneeflocken tanzten.

Dann: schwache Lichter in dem grauen Panorama.

Weiße Scheinwerfer und rot-blaue, blasse Blinkleuchten, die sich im Zwielicht näherten. Das gedämpfte Rasseln von Schneeketten in der unheimlichen Stille, die alle Geräusche zu verschlucken schien. Ein Streifenwagen, der auf der falschen Seite der geteilten Interstate auf sie zukam, sich langsam und vorsichtig durch den Schneesturm bewegte.

Eine Minute später stieg ein Cop zu ihnen in den Bus. Er kam aus einem geheizten Wagen, trug Winterstiefel, eine wasserdichte Hose, Handschuhe, einen Parka und eine Pelzmütze mit Ohrenklappen und war ziemlich gut in Form. Er war groß und schlank und hatte blaue Augen mit Lachfältchen in einem braun gebrannten Gesicht. Er sagte, er heiße Andrew Peterson und sei der stellvertretende Polizeichef von Bolton. Dann zog er die Handschuhe aus, ging durch die Reihen, schüttelte allen die Hand und stellte sich jedem noch einmal mit Namen und Dienstgrad vor. Seine ganze Art zielte darauf ab, vertrauenerweckend, offen und engagiert zu wirken – ein netter Junge vom Land, der in Notfällen nur allzu gern bereit war zu helfen. Aber Reacher vermutete hinter dieser Fassade einen ziemlich cleveren Mann, den andere Dinge beschäftigten als die Rettung gestrandeter Busreisender.

Dieser Eindruck verstärkte sich, als Peterson Fragen zu stellen begann. Wer waren sie alle? Wo kamen sie her? Wo waren sie an diesem Morgen aufgebrochen? Wo wollten sie heute übernachten? Hatten sie dort Zimmer reserviert? Leichte Fragen für Knox und die zwanzig alten Leute: eine Reisegruppe, aus Seattle, auf der Fahrt vom Dakotaland-Museum zum nächsten Halt am Mount Rushmore, und ja, sie hatten eine bestätigte Reservierung für ein Touristenmotel in der Nähe des Denkmals: dreizehn Zimmer, je eines für die vier Ehepaare, vier für Alleinreisende, die sich eines teilten, dazu vier für Teilnehmer, die den EZ-Zuschlag bezahlt hatten, und eines für Knox selbst.

Alles richtige Angaben, aber unter diesen Umständen keineswegs nötig.

Peterson ließ sich von Knox die Reservierungsbestätigung des Motels zeigen.

Dann wandte er sich an Reacher, lächelte und sagte: »Sir, ich bin Andrew Peterson vom Bolton Police Department, stellvertretender Polizeichef. Und wie heißen Sie?«

Hier im amerikanischen Herzen waren viele Cops ehemalige Soldaten, aber Reacher vermutete, dass Peterson nicht dazugehörte. Ihm fehlte die Ausstrahlung. Er hielt ihn für einen Mann, der nicht weit herumgekommen war: ein hiesiger Junge, der einen guten Highschool-Abschluss gemacht hatte und zu Hause geblieben war, um seiner Gemeinde zu dienen. Auf lässige Weise mit allen örtlichen Eigenheiten vertraut, etwas überfordert, wenn es um andere Dinge ging, aber entschlossen, in jeder Situation sein Bestes zu geben.

»Sir?«, wiederholte Peterson.

Reacher nannte seinen Namen. Peterson wollte wissen, ob er zu der Gruppe gehöre. Reacher verneinte. Peterson fragte, wie er dann in den Bus komme. Reacher entgegnete, er sei aus Minnesota nach Westen unterwegs, werde aber bald den Weg nach Süden nehmen und hoffe, dort besseres Wetter vorzufinden.

»Unser Wetter gefällt Ihnen nicht?«

»Bisher nicht.«

»Und Sie fahren als Anhalter in einem Reisebus mit?«

»Ich habe bezahlt.«

Peterson sah zu Knox hinüber, und der Fahrer nickte.

Peterson wandte sich wieder Reacher zu und fragte: »Machen Sie Urlaub?«

Reacher antwortete: »Nein.«

»Wie sieht Ihre Situation dann genau aus?«

»Meine Situation spielt keine Rolle. Keiner von uns hat damit gerechnet, sich hier wiederzufinden. Das alles war völlig unvorhersehbar und ein Unfall. Deshalb besteht keine Verbindung zwischen uns und dem, was Ihnen Sorgen macht. Es kann keine bestehen.«

»Wer sagt, dass mir etwas Sorgen macht?«

»Ich.«

Peterson starrte Reacher durchdringend an. »Was ist mit dem Bus passiert?«

»Glatteis, denke ich«, sagte Reacher. »Ich habe geschlafen.«

Peterson nickte. »Hier gibt’s eine Brücke, die nicht wie eine aussieht. Aber es sind Warnschilder aufgestellt.«

Knox sagte: »Auf der Gegenfahrbahn ist ein Auto über alle drei Spuren geschleudert. Ich bin unwillkürlich zusammengezuckt.« Das klang leicht defensiv. Peterson bedachte ihn mit einem mitfühlendem Blick, nickte wieder und sagte: »Ein Ruck am Lenkrad kann genügen. Das ist schon vielen Leuten passiert. Auch mir.«

Reacher erklärte: »Wir müssen diese Leute aus dem Bus schaffen. Sonst erfrieren sie. Ich übrigens auch.«

Peterson schwieg eine Weile. Es gibt keine Verbindung zwischen uns und dem, was Ihnen Sorgen macht. Dann nickte er energisch, als stünde sein Entschluss fest, und rief: »Alle mal herhören, Leute! Wir bringen Sie nach Bolton, um Sie richtig versorgen zu können. Die Lady mit dem Schlüsselbein und die mit dem Handgelenk fahren in meinem Wagen mit, für alle anderen kommt in Kürze ein Ersatzfahrzeug.«

Für die beiden verletzten Frauen befand sich der Bus viel zu hoch über dem Straßengraben, weshalb Peterson die eine und Reacher die andere trug. Der Streifenwagen stand nur zehn Meter entfernt, aber inzwischen fiel der Schnee so dicht, dass Reacher ihn kaum sehen konnte. Als Peterson wegfuhr und er zum Bus zurückgehen wollte, war der verschwunden. Er hatte das Gefühl, in der weißen Leere völlig allein zu sein. Der Schnee war überall, in seinem Gesicht, in seinen Augen und Ohren, in seinem Kragen, wirbelte um ihn herum und blendete ihn. Seine Zähne klapperten vor Kälte. Einen Moment lang empfand er Panik. Verlöre er aus irgendeinem Grund die Orientierung und ginge in die falsche Richtung, würde er’s nicht merken. Er würde umherirren, bis er zusammenbrach und erfror.

Doch er machte einen ausladenden Schritt zur Seite und sah den hellroten Schein der Warnfackeln, die immer noch brannten. Jetzt wusste er, wo der Bus ungefähr stand, und hielt darauf zu. Kam in Lee an, stapfte gegen den Wind kämpfend nach vorn und erreichte durch den Straßengraben die Bustür. Knox ließ ihn ein. Sie hockten sich nebeneinander in den Gang, spähten ins Dunkel hinaus und waren gespannt, welche Art Fahrzeug sie abholen würde.

17.55 Uhr.

Noch achtundfünfzig Stunden.

Um achtzehn Uhr wurden die vierzehn Vorschläge endlich zu Papier gebracht. Der Kerl, der den Anruf des Rechtsanwalts entgegengenommen hatte, war mit allen Wassern gewaschen, aber er hatte schon immer die Überzeugung vertreten, wirkliche Intelligenz bedeute, seine Grenzen zu erkennen, die in seinem Fall darin bestanden, dass er unter Druck dazu neigte, Einzelheiten zu vergessen. Und er würde mit viel Druck rechnen müssen. Das stand fest. In die Tat umgesetzt werden konnten die Vorschläge nur mit Einwilligung einiger sehr, sehr vorsichtiger Leute.

Deshalb schrieb er sich alles auf, vierzehn einzelne Absätze. Dann nahm er ein neu erworbenes Prepaidhandy, das niemand zu ihm zurückverfolgen konnte, aus dem Ladegerät und begann eine Nummer einzutippen.

Das Fahrzeug, das sie abholen sollte, war ein Schulbus, aber doch nicht ganz. Eindeutig ein Standardbus von Blue Bird, normale Größe, normale Form, normale Abmessungen, aber grau, nicht gelb, mit vergitterten Fenstern und der Aufschrift Department of Corrections auf beiden Seiten.

Der Bus sah fast neu aus.

Knox meinte: »Besser als nichts.«

Reacher sagte: »Ich würde mit ’nem Leichenwagen fahren, wenn er eine Heizung hätte.«

Der Gefängnisbus wendete über die drei Fahrspuren hinweg und stieß dann mehrmals vor und zurück, bis er genau parallel so zu dem liegengebliebenen Reisebus stand, dass seine Eingangstür sich auf halber Länge des anderen Busses befand. Reacher erkannte sofort, weshalb. Ihr Bus besaß einen Notausgang, der aus einer Scheibe bestand, die sich leicht hinausdrücken ließ. Peterson hatte den Straßengraben, die Reisegruppe und den Notausgang gesehen, eine gute Entscheidung getroffen und den Busfahrer entsprechend instruiert. Peterson war ein ziemlich cleverer Kerl.

Normalerweise wäre einige Überredungskunst nötig gewesen, um achtzehn Senioren dazu zu bringen, dass sie durch einen Notausgang in einen Schneesturm hinaustraten und sich von einem Fremden herunterheben ließen, aber die bittere Kälte hatte solche Hemmungen beseitigt. Knox half ihnen hinauf, und Reacher hob sie herunter. Kinderspiel, wenn Kälte und Schnee nicht gewesen wären. Am leichtesten war ein alter Mann, der kaum mehr als fünfundvierzig Kilo wog. Am anderen Ende der Skala stand eine Lady von fast hundert Kilo. Alle Männer wollten die wenigen Schritte zur Tür des anderen Busses selbst gehen. Die Frauen waren damit einverstanden, sich tragen zu lassen.

Auch wenn der Gefängnisbus fast neu aussah, war er weit davon entfernt, luxuriös zu sein. Den Fahrgastraum hatte man durch einen Käfig aus glänzendem Stahl vom Fahrer abgetrennt. Die Plastiksitze waren hart und schmal. Der Boden bestand aus Gummi. Die vergitterten Fenster wirkten bedrohlich. Aber es gab eine Heizung. Nicht unbedingt als freundliche Geste des Staates seinen Häftlingen gegenüber. Der Hersteller hatte sie für die Schulkinder eingebaut, für die solche Busse eigentlich bestimmt waren. Und der Staat hatte sie dort belassen. Das war alles. Eine Art passiver Wohltätigkeit. Die Heizung lief auf Hochtouren. Peterson hatte an alles gedacht.

Reacher und Knox sorgten dafür, dass jeder einen Platz erhielt; dann verschwanden sie wieder nach draußen in die Kälte und holten die Koffer aus dem Gepäckraum des verunglückten Busses. Die alten Leute würden Nachtwäsche, Medikamente und Toilettensachen sowie Kleidung zum Wechseln brauchen. Die vielen Koffer füllten die noch freien Sitze und den größten Teil des Mittelgangs. Knox setzte sich auf einen. Reacher blieb vorn neben dem Fahrer stehen – so dicht wie möglich an der Heizung.

Windstöße ließen den Bus schwanken, aber er hatte Schneeketten und kam gut voran. Nach sieben Meilen fuhren sie von der Interstate ab und kamen an einem verrosteten Vorfahrtsschild vorbei, das von einer Ladung Schrot durchlöchert war. Dort gelangten sie auf eine lange, gerade Landstraße. Auf einem Schild am Straßenrand stand: Strafvollzugsanstalt voraus. Keine Anhalter mitnehmen. Das Warnschild war ganz neu, glatt und reflektierend lackiert. Reacher sah es mit gemischten Gefühlen. Es würde seine Weiterreise morgen früh unnötig erschweren.

Die unvermeidliche Frage wurde weniger als eine Minute später gestellt. Eine Frau in der ersten Sitzreihe sah nach links, nach rechts, und fragte dann trotz ihrer Verlegenheit: »Wir werden doch nicht etwa ins Gefängnis gebracht?«

»Nein, Ma’am«, antwortete Reacher. »Wahrscheinlich in ein Motel. Dies war vermutlich der einzige verfügbare Bus.«

Der Busfahrer sagte: »Motels sind voll«, und verstummte wieder.

18.55 Uhr.

Noch siebenundfünfzig Stunden.

Die Landstraße verlief mehr als zehn Meilen weit schnurgerade. Die Sichtweite betrug nicht mehr als zwanzig Meter. Das Scheinwerferlicht wurde von dem fallenden Schnee zurückgeworfen, und was außerhalb seines Bereichs lag, ließ sich nur erraten. Flaches Land, vermutete Reacher, weil das Motorengeräusch immer gleich blieb. Keine Hügel, keine Senken. Nur Prärie, deren wenige Unebenheiten der Schnee – bis morgen früh bestimmt dreißig Zentimeter – ausgleichen würde.

Dann fuhren sie an einem weiteren Schild vorbei: Stadtgrenze Bolton. 12261 Einwohner. Also doch kein so kleines Nest. Nicht nur ein Punkt auf der Landkarte. Der Fahrer wurde nicht langsamer. Die Schneeketten rasselten weiter, erst eine Meile, dann noch eine. Dann hing das Leuchten einer Straßenlampe in der Luft. Nun folgte eine nach der anderen. Dann ein Streifenwagen, der so geparkt war, dass er die Einmündung einer Seitenstraße blockierte. Seine roten Blinkleuchten drehten sich träge. Der Wagen stand seit Langem dort. Die Reifenspuren waren fast zugeschneit.

Der Bus fuhr eine Viertelmeile weiter, bis er langsamer wurde und dreimal abbog. Rechts, links, wieder rechts. Reacher erkannte eine niedrige Mauer mit einer Schneehaube und einem Leuchtschild: Bolton Police Department. Dahinter lag ein großer Parkplatz, zur Hälfte voll mit Privatwagen. Limousinen, Kombis, Pick-ups mit Doppelkabinen. Alle schienen erst vor Kurzem unterwegs gewesen und abgestellt worden zu sein. Frische Reifenspuren, eisfreie Windschutzscheiben, schmelzender Schnee auf den Motorhauben. Der Bus rollte an ihnen vorbei und hielt vor dem hell beleuchteten Eingangsbereich. Der Motor lief lärmend im Leerlauf weiter. Auch die Heizung arbeitete weiter. Das Dienstgebäude war lang und niedrig. Keine kleine Polizeistation. Ihr Flachdach trug einen Antennenwald, der aus dem Neuschnee ragte. Der Eingang wurde von zwei Mülltonnen flankiert, die Wache zu halten schienen.

Die Eingangshalle sah warm aus.

Der Busfahrer zog den Hebel, der die Tür öffnete. Ein Mann in einem Polizeiparka kam mit einer Schaufel aus der Eingangshalle und begann den Schnee zwischen den Mülltonnen wegzuräumen. Reacher und Knox machten sich daran, Koffer aus dem Mittelgang ins Freie und in die Polizeistation zu schaffen. Der Schneefall hatte etwas nachgelassen, aber die Luft war noch kälter geworden.

Dann begann der Transfer der Busreisenden. Knox half ihnen die Stufen hinunter, Reacher begleitete sie auf dem Weg zum Eingang, der Mann im Parka nahm sie dort in Empfang. Manche setzten sich auf die Bänke, andere blieben stehen, wieder andere liefen durcheinander. Der Eingangsbereich war ein schlichtes Quadrat mit Linoleumboden und glänzender Farbe an den Wänden. Vor der Rückwand stand eine Empfangstheke. Die Wand dahinter verschwand unter Korktafeln, an die Mitteilungen in allen möglichen Schriften und Formaten gepinnt waren. Auf dem Hocker hinter dem Empfang saß ein alter Mann in Zivil. Kein Cop, sondern irgendein Verwaltungsangestellter.

Der Kerl im Parka verschwand kurz und kam mit einem Mann zurück, den Reacher für den Polizeichef von Bolton hielt. Er trug ein Pistolenhalfter und eine Uniform mit zwei kurzen Stäben an den Kragenecken seines Uniformhemds. Wie die Rangabzeichen eines Hauptmanns der U. S. Army. Der Mann selbst sah aus, wie Peterson in ungefähr fünfzehn Jahren aussehen würde: groß und hager, leicht gebeugt und wegen seines Alters ein bisschen außer Form. Er wirkte müde und sorgenvoll, von Problemen geplagt und etwas wehmütig wie jemand, dem die Vergangenheit besser gefallen hat als die Gegenwart. Er stellte sich mit dem Rücken zur Theke auf und hob, um Ruhe bittend, die Hände, obwohl niemand redete.

Er sagte: »Willkommen in Bolton, Leute. Ich bin Chief Tom Holland und hier, um dafür zu sorgen, dass Sie heute Nacht alle gut und behaglich untergebracht werden. Die schlechte Nachricht ist, dass die Motels voll sind, aber die gute Nachricht ist, dass die Bürger von Bolton keine Menschen sind, die eine Gruppe von gestrandeten Reisenden wie Sie auf Feldbetten in einer Schulturnhalle schlafen lassen würden. Also haben wir herumtelefoniert, wer ein freies Gästezimmer hat, und ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass sich über ein Dutzend Leute hier eingefunden haben, um Sie in ihrem Heim willkommen zu heißen.«

Das löste erst einmal leises Gemurmel aus. Überraschung, leichte Ungewissheit, dann Freude. Die Mienen der alten Leute hellten sich auf; sie lächelten und schienen sich ein wenig aufzurichten. Chief Holland führte ihre Gastgeber aus einem Nebenraum herein: fünf hiesige Ehepaare, dazu vier Männer und vier Frauen, die allein gekommen waren. Der Empfangsbereich war plötzlich überfüllt. Menschen liefen durcheinander, schüttelten Hände, stellten sich vor, bildeten kleine Gruppen und suchten in dem Kofferstapel ihr Gepäck.

Reacher zählte im Kopf mit. Dreizehn Kleingruppen, die dreizehn freie Gästezimmer bedeuteten, die wiederum genau den dreizehn Motelzimmern am Mount Rushmore entsprachen, für die Knox eine Reservierungsbestätigung vorgewiesen hatte. Peterson hatte an alles gedacht.

Nur Reacher stand nicht auf der Reservierungsbestätigung des Busfahrers.

Er beobachtete, wie die Eingangshalle sich leerte und die Leute paarweise und in Dreier- oder Vierergruppen zu den wartenden Fahrzeugen gingen. Das Ganze war in fünf Minuten vorbei. Reacher blieb allein zurück. Dann kam der Mann im Parka wieder herein, schloss die Tür und verschwand in einem abknickenden Korridor. Chief Holland kehrte zurück. Er nickte Reacher zu und sagte: »Kommen Sie, wir warten in meinem Büro.«

19.55 Uhr.

Noch sechsundfünfzig Stunden.

4

Hollands Dienstzimmer glich tausend anderen, die Reacher schon gesehen hatte. Schlichtes städtisches Dekor, ausgeschrieben, von dem billigsten Anbieter geliefert. Die Wände schlampig dick mit glänzender Farbe gestrichen, die an vielen Stellen getropft hatte. Der Fußboden aus Vinylfliesen, ein furnierter Schreibtisch, sechs Karteischränke aus einer früheren Generation in unebener Reihe unter einer schmucklosen Wanduhr. Auf dem Schrank unter der Uhr stand ein gerahmtes Foto. Es zeigte Chief Holland als kräftigeren, jüngeren Mann, der in besserer Haltung lächelnd neben einer Frau und einem Kind stand. Ein Familienfoto, sicher zehn oder mehr Jahre alt. Die Frau besaß markante Gesichtszüge und war auf blass-blonde Weise attraktiv. Vermutlich Mrs. Holland. Das Kind, ein Mädchen von acht oder neun Jahren, hatte ein fahles Gesicht mit wenig ausgeprägten Zügen. Vermutlich beider Tochter. Auf der Schreibtischplatte lagen zwei Würfel. Große Elfenbeinquader, von Alter und Gebrauch abgenutzt, die Punkte abgerieben und verblasst, das Material von Rillen durchzogen, wo das weiche Kalzium verschwunden war und härtere Mineralstoffe zurückgelassen hatte. Außer dem Foto und den Würfeln gab es in dem Raum jedoch nichts Persönliches. Alles andere war dienstlich nüchtern.

Holland setzte sich in den abgewetzten Ledersessel hinter dem Schreibtisch. In seinem Rücken hatte er ein Panoramafenster – ohne Vorhänge, aber mit Dreifachverglasung gegen die Kälte. Die Scheibe frisch geputzt. Draußen finstere Nacht. Schnee auf dem äußeren Fensterbrett, ein Heizkörper unter der inneren Fensterbank.

Reacher nahm auf einem der Besucherstühle vor dem Schreibtisch Platz.

Holland sagte nichts.

Reacher fragte: »Worauf warte ich?«

»Wir wollten Ihnen dieselbe Gastfreundschaft wie den anderen anbieten.«

»Aber ich war schwerer zu vermitteln?«

Holland lächelte müde. »Eigentlich nicht. Andrew Peterson hat angeboten, Sie bei sich aufzunehmen. Aber er ist noch beschäftigt. Deshalb müssen Sie warten.«

»Womit beschäftigt?«

»Was Cops eben so tun.«

Reacher sagte: »Bolton ist größer, als ich erwartet hatte. Auf dem Navi im Bus war es nur ein Punkt auf der Landkarte.«

»Wir sind gewachsen. Die Navi-Software ist vielleicht ein bisschen veraltet.«

Das Dienstzimmer war überheizt. Reacher zitterte nicht mehr, sondern begann zu schwitzen. Seine Kleidung trocknete, fühlte sich steif und schmutzig an. Er sagte: »Sie sind gewachsen, weil hier ein Gefängnis gebaut wurde.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Neuer Gefängnisbus. Neues Schild an der Landstraße.«

Holland nickte. »Wir haben ein nagelneues Bundesgefängnis. Wir haben uns darum beworben. Alle wollten es. Das ist, als hätte Toyota hier ein Montagewerk eröffnet. Oder Honda. Viele Jobs, viele Dollars. Dann ist das neue Staatsgefängnis angegliedert worden, das noch mehr Jobs und Dollars gebracht hat, und das Bezirksgefängnis ist auch dort.«

»Sind die Motels heute Abend deshalb voll, weil morgen Besuchstag ist?«

»Insgesamt gibt’s drei Besuchstage in der Woche. Und wegen der schlechten Busverbindungen müssen die meisten Leute zweimal hier übernachten. Also sind die Betten sechs Nächte in der Woche belegt. Die Motelbesitzer schwimmen in Geld. Auch die Schnellrestaurants, die Pizzerias und Pendelbusleute. Wie schon gesagt: Jobs und Dollars.«

»Wo liegt der Komplex?«

»Fünf Meilen nördlich von hier. Ein Geschenk, das sich ständig erneuert.«

»Glückwunsch«, sagte Reacher.

Holland schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: »Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, das weiß ich seit Langem.«

Der Kerl im Parka klopfte an, trat sofort ein und legte dem Chief einen zugeklappten Fallordner hin. Die Wanduhr zeigte zwanzig Uhr an, was nach der Uhr in Reachers Kopf ungefähr stimmte. Holland drehte sich etwas zur Seite, schlug den Ordner auf und hielt ihn ziemlich schräg, weil Reacher den Inhalt nicht sehen sollte. Aber der spiegelte sich in der Fensterscheibe neben seinem Kopf. Der Ordner enthielt Tatortaufnahmen, farbige Hochglanzfotos im Großformat mit darunter eingeklebten Erläuterungen. Holland blätterte sie durch. Erst eine Gesamtaufnahme, dann eine Serie von Nahaufnahmen. Eine liegende Gestalt in schwarzer Kleidung, groß, vermutlich männlich, vermutlich tot, schneebedeckter Boden, stumpfe Gewalteinwirkung gegen die rechte Schläfe. Kein Blut.

In dem Reisebus hatte Knox sein Handy zugeklappt und gesagt: Die Stadt Bolton hat eine Polizei. Sie schickt einen Mann her. Aber das kann dauern, weil sie mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind.

Holland klappte den Ordner zu. Sagte nichts. Ein zurückhaltender, wortkarger Mann. Wie Reacher selbst. Zuletzt saßen sie sich nur noch schweigend gegenüber. Kein feindseliges Schweigen, obwohl darin etwas Unterschwelliges mitschwang. Holland ließ eine Hand auf dem Fallordner liegen und seinen Blick gelegentlich zwischen ihm und seinem Besucher hin und her wandern, als wäre er sich noch nicht sicher, wer sein größeres Problem darstellte.

Acht Uhr abends in Bolton, South Dakota, war neun Uhr abends in Mexico City. Zweitausendsiebenhundert Kilometer südlicher, fünfunddreißig Grad wärmer. Der Mann, der den Anruf von dem Prepaidhandy, das sich nicht zurückverfolgen ließ, entgegengenommen hatte, war dabei, selbst zu telefonieren – aus seiner mit einer Mauer umgebenen Stadtvilla mit einem hundertfünfzig Kilometer entfernten, von einer Mauer umgebenen Komplex auf dem Land. Der andere würde kommentarlos zuhören und ihm eine Entscheidung binnen zwölf Stunden zusagen. So lief die Sache immer. Nichts, was der Mühe wert war, ließ sich ohne Grübeln und Nachdenken erreichen. Nur durch Grübeln und Nachdenken ließen sich impulsive Fehler vermeiden und kühne Feldzüge planen.

In Hollands Dienstzimmer herrschte Stille. Die Tür war geschlossen, aber Reacher hörte Geräusche aus dem restlichen Dienstgebäude. Ein Kommen und Gehen, das fast eine halbe Stunde lang dauerte. Danach wieder Stille. Schichtwechsel, schätzte er. Ein unwahrscheinlicher Zeitpunkt für ein Drei-Schichten-System. Eher ein Zwei-Schichten-System. Die Tagschicht hatte Dienstschluss, die Nachtschicht begann ihren Dienst, vielleicht von 20.30 Uhr bis morgen früh um halb neun. Ungewöhnlich und wahrscheinlich nicht von Dauer. Wahrscheinlich ein Anzeichen für kurzzeitigen Stress.

Sie haben ihre eigenen Probleme.

Andrew Peterson tauchte kurz vor 21.20 Uhr wieder in der Polizeistation auf.. Er streckte den Kopf in Hollands Dienstzimmer, woraufhin der Chief mit dem Tatortfoto-Ordner zu ihm auf den Flur hinausging. Die improvisierte Besprechung der beiden dauerte weniger als fünf Minuten. Reacher vermutete, Peterson habe den Toten an Ort und Stelle gesehen und brauche deshalb die Fotos nicht zu studieren. Die beiden Cops kamen zurück und blieben in der Mitte des Raums stehen, wobei ihre Körpersprache laut und deutlich »Feierabend!« rief. Ein langer Tag, und morgen stand ihnen ein weiterer langer Tag bevor. Dieses Gefühl kannte Reacher aus der Zeit, als er noch einen Job gehabt hatte – ein Gefühl, das er an manchen Tagen geteilt hatte, aber nicht an solchen, an denen es in seinem Zuständigkeitsbereich tote Männer gegeben hatte.

Peterson sagte: »Okay, gehen wir.«

21.25 Uhr.

Noch vierundfünfzigeinhalb Stunden.

21.25 Uhr in Dakota war 22.25 Uhr in dem von Mauern umgebenen Komplex hundertfünfzig Kilometer von Mexico City entfernt. Sein Besitzer war ein auffällig kleinwüchsiger Mann namens Plato. Manche Leute glaubten, Plato sei Brasilianer und habe sich in brasilianischer Manier anstelle seines langen Taufnamens einen peppigen Kurznamen zugelegt. Wie das Fußballgenie Edson Arantes do Nascimento sich Pelé genannt hatte. Oder wie der Fußballer Ricardo Izecson dos Santos Leite sich Kaká nannte. Andere behaupteten, Plato sei Kolumbianer, was wegen der Branche, in der er tätig war, auf vielfältige Weise logischer gewesen wäre. Wieder andere bestanden darauf, er sei Mexikaner. Aber alle waren sich darüber einig, Plato sei klein, obwohl sich niemand getraut hatte, ihm das ins Gesicht zu sagen. In seinem mexikanischen Führerschein stand, er sei einen Meter sechzig groß. Tatsächlich war er in Schuhen mit Plateausohlen einen Meter fünfundfünfzig »groß« und ohne sie einen Meter fünfzig klein.

Der Grund, weshalb niemand sich traute, ihn in Hörweite klein zu nennen, war sein ehemaliger Geschäftspartner Martinez. Er hatte mit Plato Streit bekommen, war ausgerastet und hatte ihn einen Zwerg genannt. Martinez war bewusstlos ins beste Krankenhaus von Mexico City eingeliefert worden, dort in einen OP gebracht, auf den Tisch gelegt und in Vollnarkose versetzt worden. Vom Schädeldach weg war ein Maßband angelegt worden, und wo es einen Meter fünfzig anzeigte, waren seine Schienbeine etwas oberhalb ihrer Mitte markiert worden. Dann hatte ein OP-Team aus Ärzten und Schwestern ihm beide Beine sauber, ordentlich und fachgerecht amputiert. Nach zwei Wochen im Krankenhaus war Martinez mit einem Krankenwagen heimgebracht worden. Plato hatte ihm ein Genesungsgeschenk mit einer Karte überbringen lassen, auf der stand, er hoffe, sein Geschenk werde gewürdigt, in Ehren gehalten und ständig sichtbar aufgestellt. Wegen der besonderen Umstände wurde dieser Wunsch ganz richtig als Befehl aufgefasst. Martinez’ Leute hielten das Geschenk – wegen seiner Größe, seines Gewichts und weil es eine umherschwappende Flüssigkeit enthielt – für ein Aquarium mit Tropenfischen. Beim Auspacken erwies es sich tatsächlich als Aquarium. Aber ohne Fische. Es war voll Formaldehyd und enthielt Martinez’ Füße, Knöchel und Teile seiner Schienbeine von insgesamt fünfundzwanzig Zentimetern Länge.

Niemand erwähnte jemals wieder Platos Körpergröße.