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60 Tage in der Ostsee, sieben Länder, zehn Freunde, eine Bordsauna, ein Sturm, ein Fels und viele weitere Geschichten. Kein Traum, ein Abenteuer mit vielen Eindrücken und Erfahrungen zeigt der Autor in seinem Buch 90 Grad. In zwei Monaten die Ostsee mit einem alten Segelboot umrunden, 2.500 Seemeilen mit unterschiedlicher Crew unter dem Kiel zu sammeln. Polizei, Militär, Motorschaden, Unwetter und Grundkontakt sind nur ein kleiner Auschnitt aus diesem Sommerabenteuer.
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Seitenzahl: 95
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Wer immer nur funktioniert, entzieht sich dem Abenteuer des Lebens.
Armin Mueller-Stahl
HINWEISE:
Die in dem Buch vorhandenen Karten und dargestellten Hafensituationen sind nicht zur Navigation. Vorhandene Pläne dienen nur zur ersten Orientierung und ersetzen deshalb keine offiziellen Seekarten oder Hafenhandbücher. Dem Leser wird daher dringend emfpohlen, auf seinen Törns die entsprechenden und aktuellen Schifffahrtskarten für das jeweilige Gebiet mitzuführen. Zusätzlich sollte beachtet werden, dass es erhebliche Abweichungen zwischen den einzelnen Positionen von Riffen, Felsen, ganzer Inseln oder den Tiefenangaben auf den dargestellten Karten geben kann.
Alle Gegebenheiten und etwaiige Schilderungen basieren auf dem Jahr 2017 und können zum heutigen Zeitpunkt differieren.
Weder Autor noch Verlag übernehmen für eventuelle Irrtümer die Verantwortung.
Hinweise
Auftakt
Kapitel 1 Die Törnplanung
Kapitel 2 Die geplante Segelroute
Kapitel 3 Die Crew
Kapitel 4 Marketing
Kapitel 5 Das Boot
Kapitel 6 Berlin - Stettin
Kapitel 7 Stettin - Swinemünde
Kapitel 8 Swinemünde - Stralsund
Kapitel 9 Stralsund – Warnemünde
Kapitel 10 Warnemünde - Stralsund
Kapitel 11 Stralsund - Swinemünde
Kapitel 12 Swinemünde - Kolberg
Kapitel 13 Kolberg - Darlowo
Kapitel 14 Darlowo - Leba
Kapitel 15 Leba - Hel
Kapitel 16 Hel
Kapitel 17 Hel - Sopot
Kapitel 18 Sopot - Danzig
Kapitel 19 Danzig - Grenze P/R
Kapitel 20 Grenze P/R - Klaipeda
Kapitel 21 Klaipeda - Liepaja
Kapitel 22 Liepaja - Pavilosta
Kapitel 23 Pavilosta - Roja
Kapitel 24 Roja - Ruhnu
Kapitel 25 Ruhnu - Muhu
Kapitel 26 Muhu - Dirhami
Kapitel 27 Dirhami - Tallinn
Kapitel 28 Tallinn - Inkoo
Kapitel 29 Inkoo - Inkoo
Kapitel 30 Inkoo – Jussarö
Kapitel 31 Jussarö - Hanko
Kapitel 32 Hanko - Jurmo
Kapitel 33 Jurmo - Krumlinge
Kapitel 34 Krumlinge – Mariahamn
Kapitel 35 Mariahamn - Gradö
Kapitel 36 Gradö - Stockholm
Kapitel 37 Stockholm - Nymashamn
Kapitel 38 Nymashamn - Västervik
Kapitel 39 Västervik – Böda Hamn
Kapitel 40 Böda Hamn - Graskö
Kapitel 41 Graskö – Sandhamn
Kapitel 42 Sandhamn - Svaneke
Kapitel 43 Svaneke- Swinemünde
Kapitel 44 Swinemünde - Stettin
Kapitel 45 Stettin - Berlin
Kapitel 46 Übersicht gesegelte Route
Kapitel 47 Was wir nicht vergessen werden
Kapitel 48 Reisekosten
Kapitel 49 Hafenranking
Kapitel 50 Old Smuggler Datenblatt
Index
Erholung sieht heutzutage so aus: Computer einschalten, im Internet surfen, ein Urlaubsangebot wählen, buchen und zur richtigen Zeit am Flughafen stehen. Eine Reise mit einem Segelboot ist anders.
Der Sommer 2017 sollte so eine Auszeit werden. Kein nur am Strand liegen, kein All-Inclusive-Buffet, kein jeder Tag ist gleich Modus. Nein, es wurden zwei Monate voller neuer Eindrücke, Erlebnisse und Herausforderungen, die es zu meistern galt.
Während andere ihre sommerliche Schonzeit von der Berufswelt in Form von Untätigkeit in warmen Ländern genießen, sollten wir Segel wechseln, Schiffsreparaturen vornehmen und bei schlechtem Wetter, vielleicht nicht immer gut gelaunt und durchnässt, in Häfen einfahren. Doch auch bei all den Herausforderungen und Strapazen, die uns eine Segelreise abverlangt, käme ein Tausch unseres schwimmenden Gefährtes gegen eine Strandliege nie in Betracht.
Ich wünsche viel Freude beim Lesen unseres Abenteuers Ostsee.
Harald Zerrmann
Das Ziel dieser Reise im Sommer 2017 war von Anfang an klar. Dieser Segeltörn sollte das Baltikum mit seinen unzähligen Inseln und den Metropolen Danzig, Riga, Tallinn, Helsinki und Stockholm umfassen. Als ich mich im Feburar 2017 das erste Mal mit der Törnplanung beschäftigte, merkte ich schnell, dass dieses Unterfangen nicht ganz so einfach werden würde. Da ich vorab eine überaus große Resonanz in meinem Freundeskreis bekommen hatte, konnte ich auf dessen Unterstützung bei diesem Abenteuer zählen. Ein Großteil meiner Freunde besteht jedoch aus ehemaligen Kommilitonen* und WG-Freunden, die mittlerweile nicht mehr in den Genuss der langen Semesterferien kommen. Klartext: für die geplante Route kamen voraussichtlich 3.000 Seemeilen zusammen. Geschätzte Törndauer waren zehn Wochen. Für einen normalen Jahresurlaub im Angestelltenverhältnis eventuell ein oder zwei Tage zu viel. Vielleicht sollte ich mal bei dem einen oder anderen Vorgesetzten anrufen, dann hätten wir etwas mehr Luft nach oben. Eine gute Freundschaft müsste so etwas aushalten, hoffte ich insgeheim und schlug diesen Lösungsweg nur bei mir ein. Die Problemstellung Zeit war also bekannt. Ein Großteil der Crew konnte sich in einem Zeitfenster von maximal zwei bis drei Wochen auf dem Boot einfinden. Ich veranschlagte bei der Planung 60 Seemeilen am Tag und kam so, bei 3.000 Seemeilen, auf 50 Tage, hinzu rechnete ich noch 10 Puffertage für schlechtes Wetter und die Besichtigung von Städten mit ein.
In den Hauptstädten plante ich für den Crewwechsel beziehungsweise die Aufnahme meiner Freunde im Schnitt zwei Tage ein. Meine Erfahrungen bei dem letzten Törn hatten mir gezeigt, dass wir mit einer guten Crew, entsprechendem Wind und Wetter, auch einmal am Stück 100 Seemeilen pro Tag bewältigen können. Sportlich, aber machbar, wenn die Tage im Sommer noch länger sind und die Abende in der Hafenbar kürzer ausfallen. In meinem Segelverein, dem BTB in Berlin, wird man mir später noch sagen, dass sei ein wenig naiv. Die Erfahrungen aus dem letzten Jahr hatten uns immer wieder gezeigt, dass die Hafenbars eher unsere Feinde sind als das Wetter. Anfangs beschäftigte ich mich nicht mit den Häfen, dem Tiefgang, Ansteuerung und möglichen Liegeplätzen. Auch die verschiedenen Sperrgebiete hatte ich noch nicht auf dem Schirm. Die 12-Seemeilen-Zone um Russland war vorerst das Einzige, das bei mir im Hinterkopf aufblinkte. In einem Anflug von jugendlichem Leichtsinn legte ich anfangs zuerst nur eine Exceltabelle für Streckenlänge und Häfen sowie Anlegemöglichkeiten an. Zusätzlich zeichnete ich per Hand und anschließend digital eine Seekarte. Mit Hilfe dieser Karte, wählte ich nun die Häfen aus, die für uns in Frage kommen würden. Die Anlegestellen glich ich mit Online- und Seekarten in Papierform ab, um bei Stresssituation sicher sein zu können, dass alle Angaben genau stimmten.
Auch wenn ich viel Zeit in die Planung investiert hatte, sollte jedem Segler klar sein, dass das Wetter eine Komponente ist, die nicht berechenbar ist. Der Sommer 2017 in der Ostsee stellte hierfür eine Paradebeispiel dar, wie wir schon bald erfahren sollten.
*zur besseren Lesbarket wird im weiteren Buchverlauf nur die männliche Form verwendet.
Das Ziel des Sommers war die Umrundung der Ostsee innerhalb von zwei Monaten. Starthafen war Swinemünde.
Erste Planungen anhand von Ostsee-Kartenmaterial. 412.560 km2 Wasser!
Die vorläufige Segelroute im Sommer 2017.
Vorerst waren die wichtigsten Häfen wie Danzig, Riga und Helsinki fest eingeplant. Hier sollte in erster Linie der Crewwechsel stattfinden. Natürlich ist der Weg das Ziel, einige Häfen sollten sich daher aus den jeweiligen Gegebenheiten vor Ort ergeben. Sicher war vorab auch die Umfahrung der 12-Seemeilen-Zone des russischen Hoheitsgewässers um Kaliningrad.
Da die räumlichen Gegebenheiten einer fast 50 Jahre alten 36-Fuß-Segelyacht begrenzt sind, beschloss ich neben mir maximal vier weitere Personen gleichzeitig mitzunehmen, darunter ehemalige Kommilitonen, alte WG-Mitbewohner und meine Freundin. Bereits sechs Monate vor Reiseantritt kontaktierte ich die meisten Mitreisenden.
Die Crew bestand wie folgt aus:
Freundin:
Fux
Ex-Kommilitone:
Muräne
Freundin von Muräne:
Kristina
Ex-WG-Mitbewohner:
Florent
Freund aus Paris:
Arien
Ex-Kommilitonin:
Linda
Schulfreund:
Marco
Schulfreund:
Ingo
Schulfreund:
Josef
Freundin aus Österreich:
Birgit
Um dieser Reise noch ein Markenzeichen zu verleihen, beschloss ich dem ganzen Törn einen passenden Namen zu geben. Schnell beschloss ich ihn „3000 miles / 60 days“ mit dem Zusatz „Baltic Sea Race“ zu taufen. Nachdem der endgültige Entwurf für Logo und Schriftzug stand, gab ich die eigens entworfenen T-Shirts in Auftrag. Die Shirts sollten eine Erinnerung und eine Art Leistungsbeschreibung zugleich sein.
T-Shirt-Logo.
Unser schwimmender Untersatz war ein zehn Tonnen schwerer und 36 Fuß langer Yawl. Dieser hatte seinen ersten Kontakt mit dem feuchten Element 1970. Die Besonderheit an diesem Boot ist, dass es sich um einen Eigenbau aus der ehemaligen DDR handelt. Der gemäßigte Langkieler mit einem Tiefgang von 1,85 Metern hört auf den Namen Old Smuggler. Als ich das Boot im Mai 2016 von den Vorbesitzern erwarb, war es mit allen Segeln und dem notwendigem Werkzeug und Zubehör ausgestattet. Die Vorbesitzer hatten dem Old Smuggler noch einen OM636 Unimog-Motor mit 38 Pferdestärken spendiert. Komplementiert habe ich unser schwimmendes Zuhause noch mit einem neuen UKW-Funk-Gerät, einer neuen AGM-Batterie (180AH) und einer Notbatterie (36AH) für Funk und Bilgenpumpe. Zusätzlich verbaute ich noch einen Kühlschrank unter Deck sowie einen ebenfalls neuen Plotter in der Pflicht. Einzigartig ist die von uns verbaute Sauna in der Steuerbordhundekoje. Hierfür entfernten wir die alten Einbauten und fertigten nach meinem Aufmass eine Sauna an, die von drei Personen gleichzeitig genutzt werden kann. Der Elektro-Saunaofen stammt noch aus meiner Studentenzeit und hat mit dem kleinen Saunaraum keinerlei Probleme.
Hierzu ein kleiner Rückblick aus meiner Studienzeit an der BTU in Cottbus: Nachdem ich 2012 von München für mein Masterstudium in ein Studentenwohnheim nach Cottbus gezogen war, baute ich in mein Wohnheimzimmer eine kleine Sauna ein. Da ich die Sauna natürlich nicht alleine im Wohnheim nutzte, erhielt ich zu dieser Zeit den Spitznamen SaunaBaron.
OLD SMUGGLER
Auszug aus der Planung der Sauna.
Bevor die Reise von Berlin nach Swinemünde beginnen konnte, musste neben den üblichen Erledigungen wie Sprit bunkern sowie Lebensmittel und Getränke einkaufen, auch der Mast gelegt werden. Am Freitag den 23. Juni 2017 ging es nachmittags mit meiner Freundin zu einem befreundetem Segelverein, welcher über einen entsprechendem Kran für das Mastlegen verfügt. An diesem Nachmittag erreichte jedoch ein starkes Unwetter Berlin, das uns beim Mastlegen eiskalt erwischte. Kräftiger Regen und Starkwind verhinderten unsere Bemühungen, den Old Smuggler brückendurchfahrtstauglich zu machen und zwangen uns stattdessen zu einer unfreiwilligen ersten Pause.
Nach gefühlten zehn Stunden ließen der Platzregen und der Wind nach und wir konnten das Mastlegen gegen 19:00 Uhr abschließen. Situationsbedingt beschlossen wir unverzüglich die erste Schleuse Berlin-Mühlendamm anzusteuern, um dann in Berlin-Moabit zu nächtigen. Doch die Bedingungen innerhalb Berlins, sollten nicht die besten sein. Gegen 23:00 Uhr erreichten wir den Anlegeplatz für Sportboote in Moabit. Dort war zu unserem Bedauern nur noch ein sehr kleiner Liegeplatz, zwischen zwei anderen Booten, frei. Die Strömung der Spree erschwerte das Anlegemanöver in die ohnehin sehr kleine Lücke. Doch plötzlich kam alles anders.
Die Vorbesitzer hatten eine akustische Warnung eingebaut, die ertönt sobald der Motor sich überhitzen könnte. Dieser lautstarke monotone Warnton, der plötzlich erklang, machte das ganze Anlegemanöver mit einem Schlag zunichte.
