94 Gaylord Street - Cheyenne Blue - E-Book

94 Gaylord Street E-Book

Cheyenne Blue

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Beschreibung

Renovieren, verlieben, entscheiden: Zwischen Melbourne, Farbeimer und Herzen bleibt nichts wie es war. Als die leidenschaftliche Handwerkerin Jorgie das stark renovierungsbedürftige Haus ihres verstorbenen Onkels in Melbourne erbt, sieht sie darin eine perfekte Chance. Ihr Ziel: das heruntergekommene Gebäude in einen begehrten urbanen Rückzugsort zu verwandeln, es gewinnbringend zu verkaufen und aus Melbourne zu verschwinden. Doch nicht nur das baufällige Haus ist eine Herausforderung und strapaziert ihre Nerven. Auch die exzentrischen Nachbarn und alten Freunde ihres Onkels stellen Jorgies Welt auf den Kopf. Zu ihnen gehört auch Marta, die charmante Nachbarin, deren Herz so warm ist wie die unzähligen Tassen starken Tees, die sie Jorgie während der langen Renovierungstage immer wieder anbietet. Zwischen Staub, Farbe und Renovierungslärm entwickelt sich eine unerwartete Romanze, die schnell die Frage aufwirft, was nach dem letzten Pinselstrich bleibt.

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Seitenzahl: 530

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Von Cheyenne Blue außerdem lieferbar

Danksagung

Kapitel 1: Neugierige Nachbarinnen

Kapitel 2: Die Nichte aus dem Outback

Kapitel 3: Auf Erkundungsmission

Kapitel 4: Die Mutter bemuttern

Kapitel 5: Sie haben Post

Kapitel 6: Muffins und Mottenkugeln

Kapitel 7: Man muss die richtigen Leute kennen

Kapitel 8: Es wird ernst

Kapitel 9: So macht man das

Kapitel 10: Von scharfer Soße und anderen scharfen Dingen

Kapitel 11: Ein Retreat der besonderen Art

Kapitel 12: Im Dunkeln munkeln

Kapitel 13: Frühzeitig ergraut

Kapitel 14: Ein Kaninchen namens Herbert

Kapitel 15: Wer solche Freunde hat

Kapitel 16: Dates und Küsse

Kapitel 17: Staub zu Staub

Kapitel 18: Die Spannerin

Kapitel 19: Die knusprige Seite des Lebens

Kapitel 20: Major Tom

Kapitel 21: Asche zu Asche

Kapitel 22: Outback-Träume

Kapitel 23: Sir Leo der Prächtige

Kapitel 24: Blümchen am Morgen

Kapitel 25: Der Pfadfinderinnenchor

Kapitel 26: Rückkehr ins Nirgendwo

Kapitel 27: Sex in the City

Kapitel 28: Einmal Himmel und zurück

Kapitel 29: Krieg der Küchen

Kapitel 30: Elfins Geheimnis

Kapitel 31: Die Sterne bei Nacht

Kapitel 32: Elfins Geheimnis, Teil zwei

Kapitel 33: Das vertraute Leben

Kapitel 34: Die letzte Party

Kapitel 35: Zum Ersten … Zum Zweiten …

Kapitel 36: Weit, weit weg

Kapitel 37: Erkenntnisse

Kapitel 38: Ich will meine Freundin zurück

Epilog

Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen

Über Cheyenne Blue

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Von Cheyenne Blue außerdem lieferbar

Gemeinsam auf den Wellen

So schnell mein Herz schlägt

Girl-Meets-Girl

Ungebunden ins Glück

Neubeginn im Outback

Verliebt im Outback

Eine fast perfekte Hochzeit im Outback

Danksagung

Für mich lief 2020 – wie für viele andere auch – ganz anders als geplant. 2020 sollte ich von Queensland zurück nach Melbourne ziehen, wo ich ein heruntergekommenes, baufälliges Haus renovieren wollte. Dazu kam es natürlich nicht. Wegen COVID-19, wegen der strengen Lockdowns in Melbourne und wegen der generellen Unsicherheit.

Also habe ich das Nächstbeste gemacht und ein Buch über eine Hausrenovierung geschrieben. Ich hatte riesigen Spaß dabei, in einem Parallel-Melbourne in einer Welt ohne COVID zu leben. Das Haus Nummer 94 aus meiner Geschichte gibt es nicht wirklich. Manche Orte existieren zwar auch in der realen Welt, aber die Gaylord Street und die Menschen, die dort wohnen, entspringen ausschließlich meiner Fantasie.

Danke an D. dafür, dass du die ganze Arbeit machst, wenn wir campen sind. Dann brauche ich nichts zu tun, als Kaffee zu trinken und zu schreiben. Mit Liebe ist alles besser.

Cheyenne Blue

Queensland, Australien

Kapitel 1

Neugierige Nachbarinnen

»Pssst.«

Marta sah sich um. Das war eindeutig Coral, die da krächzte, wie es nur eine ehemalige Raucherin konnte. Doch obwohl Marta vor Corals Haus stand, war von ihr selbst nichts zu sehen.

»Hier drüben.« Hinter dem riesigen Rosmarinstrauch im Vorgarten entdeckte sie eine altersfleckige Hand winken. »Komm her.«

Als Marta das schiefe Gartentor aufdrückte, sah sie Coral, die hinter dem Rosmarinstrauch kauerte, von wo aus sie die Straße beobachtete. »Was ist denn los?«

»Bruce’ Nichte ist da.« Corals scharlachroter Chiffon-Schal verfing sich in den Zweigen und sie zupfte ihn frei. Die Sonne brachte ihren knallroten Nagellack zum Glänzen. »Wenn du weitergegangen wärst, wärst du direkt in sie hineingelaufen.«

Marta nahm den Liter Milch, den sie trug, in die andere Hand und schob mit dem Fuß eine Gartenschere beiseite. »Die Milch muss in den Kühlschrank, bevor sie noch zu saurer Sahne wird. War es in Melbourne je derartig heiß im März?«

»Wenn die Milch schlecht wird, trinkst du deinen Kaffee eben schwarz. Das, meine Liebe, sind große Neuigkeiten. Was denkst du? Jetzt schau schon hin!«

Marta folgte Corals Fingerzeig.

Eine schlanke weiße Frau stand mitten auf der Gaylord Street, die Hände in die Hüften gestemmt, und studierte aufmerksam die Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ihr enges weißes Tanktop betonte ihre gebräunten Schultern, und selbst aus dieser Entfernung konnte Marta erkennen, dass ihre Kaki-Shorts ihre besten Zeiten schon hinter sich hatte. Ihre Beine waren muskulös und sie trug Arbeitsstiefel. Um die Hüften hing ein Werkzeuggürtel mit diversen Werkzeugen und einem Maßband.

Martas Magen verkrampfte sich. »Oh. Das muss sie sein.«

»Hab ich doch gesagt. Versuch wenigstens, ein bisschen interessierter zu klingen.« Coral zog an Martas T-Shirt. »Hock dich her. Sonst sieht sie dich.«

»Sie wird mich ohnehin in zwei Minuten sehen, wenn ich heimkomme. Sie ist meine neue Nachbarin.« Marta musterte Coral. »Warum rückst du ihr nicht längst auf die Pelle und begrüßt sie? Das machst du doch sonst immer, sobald jemand an deinem Haus vorbeigeht.«

»Erst muss ich sie auskundschaften. Sobald ich sie besser einschätzen kann, gehe ich rüber und leih mir etwas Zucker und quetsche sie aus.« Coral blinzelte Marta unter ihren dick getuschten Wimpern zu.

»Hat dich der Geheimdienst über Nacht als Spionin angeheuert?« Marta seufzte schwer und stellte die Milch in den Schatten. Eigentlich hatte sie gedacht, es ginge ihr schon besser. Doch bei dem Anblick von Bruce’ Nichte – denn wer sonst sollte vor seinem Haus herumlungern? – vermisste sie ihren alten Freund wieder fürchterlich. Sie senkte den Kopf, um die Tränen zu verbergen, die ihr in die Augen gestiegen waren.

»Hey.« In einer mütterlichen Geste legte Coral ihr eine Hand auf die Schulter und drückte sie, bevor sie ihre Finger mit Martas verschränkte. »Es ist völlig normal, traurig zu sein. Ich vermisse ihn auch. Es ist auch erst sechs Wochen her.«

»Ich hab immer gedacht, dass Bruce ewig lebt.« Marta blinzelte gegen die Tränen an und brachte immerhin ein wackliges Lächeln zustande.

»Schhh.« Coral streichelte Martas Handrücken. »Seine Nichte ist bestimmt nett. Sie hat seine Gene, also ist sie wahrscheinlich genauso lustig und freundlich wie unser Brucie. Und wir wissen nicht, was sie mit dem Haus anstellen wird – irgendetwas muss sie aber damit machen. Sonst fällt es noch in sich zusammen.«

Marta nickte und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. Sie atmete tief durch. Und gleich noch einmal.

»Geht’s wieder?« Coral legte den Kopf schief.

»Ja.« Martas Stimme brach und sie richtete ihre Aufmerksamkeit zurück auf die Straße. »Bruce hat mich angewiesen, nicht traurig zu sein, wenn er stirbt. Aber ich hatte es noch nie so mit Regeln.«

Ein Grinsen umspielte Corals rote Lippen. »Ich weiß, Schätzchen. Wir werden das schon durchstehen.« Auch sie wandte sich wieder Bruce’ Nichte zu. »Und wer weiß, vielleicht ist sie ja die Frau, die dich dabei an der Hand nimmt.«

Marta zupfte Corals Schal aus den Rosmarinzweigen, in denen er sich schon wieder verfangen hatte. »Es gibt durchaus auch Heteros in der Gaylord Street. Gut möglich, dass Bruce’ Nichte einen attraktiven Mann und drei freche und furchtbar niedliche Sprösslinge hat.«

Coral schnaubte verächtlich. »Schau doch mal genauer hin. Sie trägt einen Werkzeuggürtel. Und daran hängen Werkzeuge, die richtig professionell aussehen. Wann hast du zuletzt eine Frau mit Werkzeuggürtel gesehen, die nicht auf Frauen stand?«

»Als ich letztens im Baumarkt war und ich das Silikon nicht finden konnte. Da waren überall Frauen mit Werkzeuggürteln und wenn die alle queer waren, dann ist die Zehn-Prozent-Theorie endgültig Geschichte.«

Coral blies die Wangen auf. »Und wünschen wir uns das nicht alle?« Eingehend musterte sie Haus Nummer 94.

Bruce’ Nichte machte ein paar Schritte auf das Haus zu.

Marta wusste genau, was sie sah: einen kleinen, überwucherten Vorgarten, der vor einem schäbigen Haus mit roter Backsteinfassade, einer schwarz gestrichenen Tür und einem einzigen nach vorne hinaus gehenden Fenster lag. Der Großteil der Häuser in der Gaylord Street waren dicht aneinandergedrängte, lange, schmale Arbeiterhäuser aus dem frühen 20. Jahrhundert. Raumaufteilung und Rohrleitungen waren dementsprechend.

Coral umklammerte Martas Arm und duckte sich erneut hinter den Rosmarinstrauch. »Sie schaut her.«

Marta konnte zwar die kinnlangen braunen Locken der Frau erspähen, nicht jedoch ihren Gesichtsausdruck. Dafür war sie zu weit weg. Marte winkte ihr und sie winkte leicht zurück. »Na siehst du, sie ist nett. Kein Grund, sich zu verstecken.«

Mit der Heckenschere in der Hand verließ Coral ihre Deckung und schnippelte halbherzig an dem üppigen Rosmarin herum. Duftende Zweige fielen zu Boden. »Schaut sie immer noch her?«

»Nein, nicht mehr. Du kannst aufhören, so zu tun, als würdest du den Strauch zurechtschneiden. Das hast du doch zuletzt vor zehn Jahren gemacht.«

»Dann wird es höchste Zeit.« Coral hob ein paar Zweige auf und reichte sie Marta. »Für dein Risotto. Oder was auch immer du heute Abend kochst.« Wieder linste sie über die Straße. »Jetzt geht sie rein.«

Die Frau zog etwas aus der Tasche, öffnete das rostige Gartentor und erklomm die drei Stufen zu Tür Nummer 94.

Wieder schnürte sich Martas Kehle zu. Bruce war fort. Seine Nichte war da und die Zeiten änderten sich. Das musste sie akzeptieren.

Die Frau verschwand in Bruce’ Haus.

»Ob sie schon jemals da drinnen war?«, fragte Coral. »Ich habe Bruce sehr gemocht, wie wir alle, aber er war grauenhaft, wenn es um den Haushalt ging. Da steht ihr womöglich ein ordentlicher Schock bevor.«

Die Frau trat aus dem Haus und ging zu einem ziemlich ramponierten weißen Pick-up, der davor parkte. Sie schnappte sich eine Sporttasche und ging wieder hinein.

»Wenn das ihr ganzes Gepäck ist, bleibt sie bestimmt nicht lange.« Coral schaute zu Marta. »Hast du noch den Schlüssel?«

Marta nickte. »Noch ein Grund, warum ich zu ihr gehen sollte. Um ihr den Schlüssel zu geben.« Sie griff nach der Milch.

»Vergiss nicht, mir Bericht zu erstatten. Versuch herauszufinden, was sie mit dem Haus vorhat.«

»Mach ich.«

»Bruce meinte …« Coral fixierte die abblätternde lila Farbe auf dem Gartentor. »… dass er einige von uns in seinem Testament erwähnt hat. Mich unter anderem, hat er gesagt. Sonst hat er mir niemanden genannt, aber du stehst da bestimmt auch drin. Du standest ihm von allen am nächsten.«

Marta nickte. »Ja, das hat er mir auch gesagt. Er wird mir ein kleines Andenken hinterlassen haben, denke ich. Vielleicht seine Souvenir-Teelöffel.«

Coral lachte. »Genau das hat dir noch gefehlt. Kitschige Touristenlöffel. Aber wahrscheinlich hast du recht; das klingt wirklich nach ihm. Ich hoffe ja auf ein paar von seinen Porzellankatzen. Weißt du noch, wie er nach jeder Dinnerparty, wenn wir alle völlig überfressen und angeschickert waren, diese scheußliche Kätzchen-Figur hochhielt – die mit den leuchtend roten, vortretenden Augen und der pinken Schleife um den Hals –, und dann sagte …«

»Jeder weitere Happen wär für die Katz, meine Lieben. Für die Katz«, sagten sie gleichzeitig und brachen in haltloses Gelächter aus.

Marta meinte, Bruce dröhnend mitlachen zu hören. Sie schaute hinauf zum Himmel und lächelte, ehe sie sich wieder Haus Nummer 94 zuwandte. Die Tür stand einen Spalt offen. Bruce’ Nichte stapfte vermutlich gerade durch die vollgestopften Räume und traute ihren Augen nicht, weil ihr Onkel so einen unfassbar schlechten Geschmack gehabt hatte. »Es wird komisch sein, eine neue Nachbarin zu haben.«

»Sei dir mal nicht zu sicher.« Coral nickte in Richtung des Hauses. »Sie geht schon wieder.«

Die Frau öffnete gerade die Tür ihres Autos, doch statt wegzufahren, fischte sie weitere Taschen und einen Werkzeugkoffer heraus und brachte die Sachen hinein.

Marta umfasste einen Pfosten der Gartentür. »Ich sollte hingehen und Hallo sagen. Nachsehen, ob sie etwas braucht.«

»Dann los.« Coral verpasste ihr einen Schubser.

Marta trat hinaus auf den schmalen Gehweg, quetschte sich zwischen den parkenden Autos hindurch und überquerte die Straße.

Bruce’ Nichte war verschwunden und die Tür war geschlossen.

Marta betrat ihren eigenen Vorgarten. Ihr Holzzaun war in dem gleichen Minzgrün gestrichen wie die Tür und in dem kleinen Garten wuchs eine Vielzahl von Kräutern und einheimischen Sträuchern: Silbereiche, Australische Fuchsien und pinkfarbenes Heidekraut. Ein wahres Farbenmeer überwucherte das unebene Kopfsteinpflaster. Marta hielt inne und ließ sich einen Moment lang vom freudigen Gefühl, daheim zu sein, erfüllen, ehe sie über die niedrige Ziegelmauer schaute, die ihr Haus von Nummer 94 trennte. Der Pick-up stand immer noch da. Ansonsten deutete nichts darauf hin, dass jemand dort war. Sie öffnete die Haustür und ging hinein. Kurz lauschte sie, doch kein Geräusch drang durch die Wände. Wie es aussah, hatte Bruce’ Nichte zwar sein Haus, nicht aber seine polterige Art geerbt.

Wie sie wohl war? Bruce hatte kaum je von ihr geredet und sein Anwalt hatte nie erwähnt, wie sie hieß. Marta wusste nur, dass sie eine sportliche Figur und kurze braune Locken hatte. Ihren Klamotten nach zu schließen, war sie irgendeine Handwerkerin. Die konnte Nummer 94 bestimmt brauchen.

Marta würde sicherlich bald schon mehr über ihre neue Nachbarin herausfinden.

Kapitel 2

Die Nichte aus dem Outback

Wie hatte Bruce nur zwischen all dem Ramsch leben können? Jorgie schob sich durch den Flur. Ihr Werkzeuggürtel verfing sich in den langen, dürren Beinen eines Tischchens, das sich daraufhin bedrohlich zur Seite neigte. Porzellanfiguren rutschten über die staubige Tischplatte und ein paar davon fielen scheppernd zu Boden.

Scheiße. Als Jorgie sich bückte, um die Scherben zusammenzukehren, stieß sie mit dem Fuß gegen eines der Tischbeine. Das Bein brach und die restlichen Figürchen krachten zu Boden. Jetzt lag ein ganzes Meer bunten Porzellans zu ihren Füßen. Alles kaputt.

Frustriert stieß Jorgie den Atem aus und stieg mit einem großen Schritt über die Scherben hinweg. »Entschuldige, Bruce«, sagte sie zu den Wollmäusen, die den Flur bevölkerten. »Hoffentlich waren das nicht deine Lieblingsstücke.«

Sie würde nachher durchfegen. Jetzt war sie zu neugierig auf den Rest des Hauses. Ihres Hauses. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Wer hätte das gedacht?

Zwei Türen gingen von dem langen Flur ab. Wahrscheinlich führten die zu Schlafzimmern. Sie öffnete die erste Tür und rannte direkt in ein riesiges Spinnennetz. Urgh. Sie erschauderte und wischte sich hektisch über Gesicht und Haare. An die Bewohnerin des Netzes wollte sie lieber gar nicht erst denken.

Mit dem schmiedeeisernen Bett und den Kleiderstangen wirkte der Raum noch kleiner. Das musste Bruce’ Schlafzimmer sein.

Ein Tweed-Jackett hing neben einem rosa Pannesamt-Blazer, als hätte Bruce sich nicht zwischen spießigem Professor und urbanem, schwulem Kitsch entscheiden können. Eine Erinnerung stieg in Jorgie auf, an Bruce, der diesen Blazer über einem leuchtend hellgrünen Hemd getragen hatte. Sie waren in einem afrikanischen Restaurant in der Nähe essen gewesen. Damals hatte sie ihn zuletzt gesehen. Er hatte während ihres Besuchs so unendlich viel für sie getan. Das war jetzt dreizehn Jahre her, trotzdem hatte er den Blazer noch immer. Sie schmiegte ihre Wange in den Stoff und die Erinnerung schnürte ihr die Kehle zu. Bei den vertrauten Schuldgefühlen krampfte ihr Magen sich zusammen. Vorsichtig hängte sie den Blazer zurück und strich über das Revers.

Jorgie testete die Matratze mit einer Hand. Sie war hart. Gut. Wenn sie erst aufgeräumt, gründlich Staub gewischt und gesaugt und frische Bettwäsche gefunden hatte, konnte sie hier schlafen. Sie ging zurück zu ihrem Auto, holte ihre Sporttasche und legte sie auf das Bett.

Dann bahnte sie sich einen Weg durch den Flur, immer sorgsam darauf bedacht, nicht noch etwas zu Fall zu bringen. Die Dielen gaben beunruhigend nach, als sie das zweite Schlafzimmer betrat, das als Büro diente. Deckenhohe Bücherregale nahmen den Großteil der Wandfläche ein und auf dem Boden türmten sich weitere Bücher zu beängstigend hohen, windschiefen Stapeln. Der moderne silberne Laptop wirkte auf dem dunklen Schreibtisch völlig fehl am Platze.

Am Ende des Flurs lag eine vollgestopfte Küche. Langsam drehte Jorgie sich einmal um die eigene Achse. Die Geräte mussten älter sein, als sie es war. Verdammt. Selbst ihre Mutter würde darüber die Nase rümpfen. Aber wenigstens waren sie sauber. Die uralte Mikrowelle brauchte wahrscheinlich mehr Strom, als das gesamte Netz hergab – wenn sie denn überhaupt noch funktionierte. Im winzigen Wohnzimmer, das hinter der Küche lag, entdeckte sie Risse in den Wänden. Ein riesiger Holztisch war gegen eine Wand geschoben worden. Ansonsten schien der Raum so weit in ganz gutem Zustand zu sein.

Wo war das Bad? Jorgie runzelte die Stirn und legte den Rückwärtsgang ein. Kein Badezimmer. Dann blieb nur noch die Tür, die von der Küche abging. Sie musste ziemlich ziehen und zerren, bis das rostige Schloss nachgab. Auf der anderen Seite der Tür lag ein überdachter, asphaltierter Weg, der an der Außenseite des Hauses entlangführte. Jorgie folgte ihm zu zwei weiteren Türen im hinteren Bereich des Hauses.

Sie öffnete die erste. Der Raum wurde von einer blassblauen Badewanne mit Duschkopf dominiert. Jorgie grinste schief. Wenigstens kein Erbsengrün.

Hinter der letzten Tür lag eine Waschküche samt Toilette. Der Pfad endete am kleinen Garten hinter dem Haus.

Sie ließ hörbar den Atem entweichen. Das entsprach so gar nicht dem schlichten, modernen Cottage, das sie sich ausgemalt hatte, als der Anwalt sie angerufen hatte. Sie hatte von hellen, lichtdurchfluteten Räumen geträumt, von großen Fensterflächen und glänzendem Parkettboden und abgefahrenen modernen Kunstwerken an den Wänden. Tatsächlich stand sie in einer Bruchbude. Aber das war okay. Immerhin gehörte sie ihr.

Irgendwie.

Ein Ziehen, das sie nicht gleich zuordnen konnte, breitete sich in ihrem Bauch aus. Das Haus war heruntergekommen. Bruce hatte Geld gehabt – sein Testament bewies das –, aber er hatte ganz offensichtlich nichts davon in sein Haus stecken wollen. Aus dem Ziehen wurde ein Flattern. Es ist mein Haus. Sie ging in den Garten und wurde gleich von rostigen Dachrinnen und einem Zaun, der von Kletterpflanzen niedergedrückt wurde, begrüßt. Das Haus war wirklich scheußlich. Aber es gehörte ihr.

Jorgie legte den Kopf in den Nacken und schaute lachend in den wolkenbehangenen Himmel. Sie besaß ein Haus. Mit weit ausgestreckten Armen drehte sie sich im Kreis, wirbelte herum, bis ihr schwindlig war und sie schwankte. Sie brach auf der Holzbank neben der Hintertür zusammen und lehnte den Kopf gegen die Wand.

Was sollte sie als Nächstes tun?

Das Haus musste renoviert werden. Gründlich. Die Wände und Böden gehörten repariert und ein neues Dach brauchte es auch. Sie musste sichergehen, dass die Substanz stimmte, bevor sie sich an weitere Schritte wagte. Das Haus musste endlich im 21. Jahrhundert ankommen, wenn jemand darin wohnen, oder besser noch: es unbedingt haben wollen sollte. Es brauchte ein modernes Bad. Eine Küche, die nicht direkt aus einem Museum zu stammen schien und bei der nur das Schild fehlte, das verkündigte: Eine moderne Küche wie diese ermöglichte es Hausfrauen in den 1950ern, ihre Aufgaben effizient zu erledigen.

Gedankenverloren strich sie mit der Zunge ihre Vorderzähne entlang. So viele Entscheidungen.

Jorgie ging zurück in die Küche, wappnete sich gegen den Gestank, der ihr gleich entgegenkommen würde, und öffnete die Kühlschranktür. Doch der Kühlschrank war leer und sauber. Eine Nachbarin hatte ihr und Cilla geschrieben und ihnen ihr Beileid ausgedrückt. Wie hieß sie noch gleich? Marta? Wahrscheinlich hatte sie den Kühlschrank geleert.

Sie musste an die beiden Frauen denken, die sie von der anderen Straßenseite aus angestarrt hatten. Wobei gestalkt es wohl eher traf – so, wie sie sich hinter den Strauch geduckt hatten. Jorgie grinste. Vielleicht war Marta ja eine von ihnen. Nun, sie würde es schon noch herausfinden.

Jorgie legte die Hände auf ihren Bauch. Wann hatte sie zuletzt was gegessen? Vor Stunden und auch nur eine Bratwurst Sausage Roll, die sie unterwegs bei einer Tankstelle gekauft hatte. Sie würde ihre restlichen Sachen reinbringen und sich irgendwo ein Sandwich und Takeaway-Essen holen, das sie später wieder aufwärmen konnte. Vielleicht würde sie auf der Veranda essen und dabei den Klängen der Stadt lauschen. Währenddessen konnte sie auch gleich versuchen, sich über ihre Gedanken und Gefühle klar zu werden und entscheiden, wie sie weiter vorgehen würde.

Als sie wieder zu ihrem Auto ging, standen die beiden Frauen immer noch in dem Vorgarten schräg gegenüber.

Jorgie holte ihren Werkzeugkoffer und die letzten beiden Taschen aus dem Auto und schleppte sie an der kunstvoll verzierten Metallplakette vorbei hinein, die das Haus als Nummer 94 auswies.

Das Haus nebenan hatte eine blassgrüne Fassade und wirkte sehr gepflegt. Es hatte eine geradezu beruhigende Ausstrahlung. Das musste Martas Haus sein. Auf der anderen Seite grenzte Bruce’ Haus – ihr Haus – nämlich an die Straße.

Die Mail des Anwalts kam ihr in den Sinn. Sie konnte durchaus entscheiden, was sie tun wollte. Schön und gut – aber das letzte Wort darüber, was in Zukunft mit dem Haus geschehen würde, hatte nicht nur sie allein. Ihr Magen verkrampfte sich. Sie musste erst einmal entscheiden, was sie tun konnte.

Und dann musste sie mit Marta und den anderen reden.

Kapitel 3

Auf Erkundungsmission

Als Marta wenig später ihre Kräuter goss, stand der ramponierte Pick-up ihrer neuen Nachbarin immer noch vor Nummer 94. Sie starrte den Wagen an, während sie den Gartenschlauch über die Blumentöpfe gleiten ließ. Dabei erwischte sie natürlich unweigerlich ihre Füße. Sie fluchte leise.

Sie könnte nebenan anklopfen und sich vorstellen. Schließlich hatte sie Bruce’ Schwester – der Mutter der neuen Besitzerin – eine Beileidsbekundung geschickt.

Während das Wasser in ihre Sandalen sickerte, musste sie an Bruce’ letzte Tage denken.

Er hatte Martas Hand fest umklammert und ihr alles erzählt, was er ihr noch mitteilen wollte: dass er einzig und allein bereute, nicht zurück nach Thailand gegangen zu sein, um den jungen Mann mit den seelenvollen Augen wiederzusehen, in den er sich verliebt hatte, als auch er noch jung gewesen war. Dass Marta sich nach seinem Tod endlich eine Katze zulegen sollte, was sie bislang aus Rücksicht auf seine Allergie nie getan hatte. Und dann erzählte er ihr, dass er sein Haus seiner Nichte vererben würde, weil sie es am dringendsten brauchte.

»Unser kleines queeres Dorf mitten in der Stadt«, hatte er gesagt. Seine Stimme war so brüchig gewesen, dass Marta ihn kaum verstanden hatte. »Wie gern habe ich hier gelebt.« Er hatte die Augen geöffnet und Marta direkt angesehen. »Weine nicht um mich, Marta. Feier das Leben, feier, dass du am Leben bist. Genieß jeden Moment und denk ab und zu an mich.«

»Das werde ich«, hatte Marta erwidert. »Ich werde nie vergessen, wie gern du vor dem Essen Martinis getrunken hast und danach Portwein. Und auch nicht deinen scheußlichen, mottenzerfressenen pinken Blazer und deine wunderbaren Dinnerpartys, die bis zum Morgengrauen gedauert haben.«

»Es waren gute Zeiten, nicht wahr?« Seine Stimme war kaum noch ein Flüstern, nur noch eine Ahnung des extravaganten Mannes, der er einst gewesen war.

»Das waren sie«, sagte sie. »Ich liebe dich, alter Freund.«

Bruce’ leises Seufzen war die einzige Antwort gewesen.

Und jetzt war Bruce’ Nichte da und Marta sollte zu ihr rübergehen und sie begrüßen und nicht weiter ihre Sandalen einweichen. Sollte sie Coral anrufen und sie fragen, ob sie mitkommen wollte? Aber die Cocktailstunde war hereingebrochen und Coral füllte bestimmt gerade ihr ausladendes, altmodisches Champagnerglas und würde sich gleich auf die Veranda setzen, um Hof zu halten.

Marta drehte das Wasser ab und schlurfte mit patschenden Schritten zurück ins Haus. Sie steckte einige von den Cranberry-Muffins, die sie heute früh gemacht hatte, in eine Papiertüte, und warf im Flur noch einen prüfenden Blick in den Spiegel. Ein paar Strähnen standen wild ab. Sie strich glättend über die Seiten ihres Bobs und versuchte, hinten wieder etwas Volumen hineinzubekommen. Dann ging sie die paar Schritte von ihrem Haus zu dem nebenan.

Da die Türklingel nicht funktionierte, klopfte Marta wie immer an. Nach einer kleinen Weile erklangen Schritte und gleich darauf wurde die Haustür geöffnet. Aus der Nähe wirkte Bruce’ Nichte älter als gedacht. Sie musste Ende zwanzig sein. Ihre gebräunte Haut ließ darauf schließen, dass sie die meiste Zeit draußen verbrachte. Spinnweben hingen in ihren braunen Locken. Die hatte sie sich wahrscheinlich eingefangen, als sie sich im Haus umgesehen hatte. Sie sah Bruce nicht sonderlich ähnlich: Ihre Wangenknochen waren höher, ihre Nase schmaler, ihre Lippen voller, ihr Hals länger – aber sie hatte die gleichen warmen braunen Augen mit den leichten Lachfältchen. Wow. Marta trat von einem feuchten Fuß auf den anderen. Sie war atemberaubend. Sie schaute ihr geradewegs in die Augen und hatte einen erhabenen, fast schon hochmütigen Gesichtsausdruck. Doch dann breitete sich ein freundliches Lächeln auf ihren Zügen aus, das ein Grübchen auf ihre rechte Wange zauberte. Die abweisende Ausstrahlung verschwand genauso schnell wie der Champagner in Corals Glas. Es war unmöglich, ihr Lächeln nicht zu erwidern.

Ein Grübchen. Nicht hinschauen. Marta wandte den Blick ab. Mein Kryptonit.

»Hi«, sagte die Frau. »Ich glaube, ich habe dich vorhin auf der Straße gesehen?«

»Ja, genau«, erwiderte Marta. »Ich bin Marta, Bruce’ …« Sie unterbrach sich. »Deine Nachbarin. Ich wohne gleich nebenan.«

»Ich hab mich schon gefragt, ob du das bist. Ich bin Jorgie, Bruce’ Nichte. Meine Mutter Cilla war seine Schwester.« Sie ließ den Blick über Martas Haar schweifen, über ihr Gesicht und immer weiter nach unten, bis er schließlich auf ihren durchnässten Füßen landete.

Marta krümmte die Zehen. Jorgies Blick hatte nichts Raubtierhaftes; sie wirkte eher neugierig. Als wollte sie die Freundin ihres Onkels ganz genau einschätzen können. Trotzdem war ihr Blick unerwartet – und irgendwie auch schmeichelhaft.

»Danke für die Beileidskarte. Das war sehr nett. Cilla und Bruce standen sich nicht sehr nahe. Aber das weißt du wahrscheinlich, schließlich warst du mit ihm befreundet.«

»Bruce hat kaum von seiner Familie geredet«, meinte Marta.

Jorgie verzog den Mund. »Ja. Tja. Das überrascht mich nicht.« Sie schaute zurück ins Haus. »Ich wollte mich gerade ein bisschen auf die Veranda setzen. Vielleicht ein Bier trinken. Magst du auch eins?«

Marta zögerte. Störte sie auch nicht? Doch dann schallte Corals Stimme durch ihren Kopf: Versuch herauszufinden, was sie mit dem Haus vorhat. Und sie würden Nachbarinnen sein. Egal, wie lang. »Klar. Bier geht immer. Außer du musst gleich wieder los?«

»Muss ich nicht«, sagte Jorgie. »Ich hab mir vorhin was zu essen gekauft, das wollte ich aufwärmen und dann früh schlafen gehen.« Wieder schenkte sie Marta dieses strahlende Lächeln. »Ich würde mich wirklich freuen, wenn du noch etwas bleibst.«

Wärme rieselte über Martas Rücken. Was für ein Killerlächeln. »Dann nehme ich gern ein Bier.«

»Ich hol es schnell. Aber ich muss dich leider warnen, ich hab nur ein Victoria Bitter da, nichts Besonderes.«

»Macht nichts.« Mit einiger Verspätung hielt Marta ihr die Tüte hin. »Die sind für dich. Zu Bier passen sie nicht wirklich, aber dann hast du schon mal was fürs Frühstück.«

Jorgie nahm die Tüte entgegen. »Danke. Ich habe mich bisher noch nicht getraut, mir die Küche genauer anzuschauen. Abgesehen von der Mikrowelle. Funktioniert das Teil überhaupt noch?«

»Tut sie. Aber sie ist zweimal so laut und braucht dreimal so lang, wie man meinen sollte.«

»Setz dich schon mal.« Jorgie deutete auf die Korbstühle auf der Veranda. »Bin gleich wieder da.«

Marta ließ sich auf einen der Stühle sinken, schlüpfte aus ihren Sandalen und schlug die Füße unter, wie sie es immer getan hatte, wenn sie mit Bruce hier gesessen hatte – er mit einem Martini, sie mit einem Bier oder einer Tasse grünem Tee. Sie hatten das Treiben auf der Gaylord Street beobachtet, die Menschen, die hier lebten und mit denen sie befreundet waren, die Leute, die zum Retreat Hotel an der Ecke unterwegs waren oder die einen Spaziergang am Yarra River machten.

Jorgie kam mit zwei kleinen Bierflaschen zurück und reichte Marta eine davon. Ein Weilchen schwiegen sie.

Marta suchte nach einem guten Gesprächseinstieg, doch keiner schien ihr passend. Sie konnte Jorgie wohl kaum direkt fragen, was sie vorhatte. Vielleicht wäre es besser, erst mal irgendetwas Belangloses über die Nachbarschaft oder das Wetter zu sagen. Sie zog ein Knie an, legte einen Arm darum und linste seitlich zu Jorgie.

»Ich hab mich heute Nachmittag in Abbotsford umgeschaut«, sagte Jorgie. »Ich war bisher nur einmal hier und das ist schon lange her. Da war ich fünfzehn. Cilla und ich haben damals in South Australia gewohnt. Es gab die typischen Teenie-Dramen und an einem Tag bin ich einfach aus dem Haus gestürmt und zu Bruce gefahren. Ich weiß noch, dass wir am Fluss spazieren waren und dann etwas essen gegangen sind. Dann hat er mir ein Busticket für die Heimfahrt geschenkt. Das Haus hab ich nie gesehen.«

»Wahrscheinlich ist es inzwischen noch maroder als damals schon, aber im Prinzip ist alles unverändert. Die Wandfarbe, die Küche, das Bad. Der Staub.« Sie verdrehte die Augen. »Bruce hatte es nicht so mit dem Staubsauger.«

»Mhm. Das hab ich auch schon gemerkt.« Jorgies Mundwinkel zuckten.

Unweigerlich wurde Martas Blick von Jorgies Mund angezogen. So aus der Nähe waren ihre Lippen wirklich faszinierend. Voll und wunderbar geschwungen. Es waren Lippen, die ganz bestimmt oft lächelten. Und das Grübchen, oh Gott, das Grübchen. Denen hatte sie noch nie widerstehen können. Jetzt war sie ja schon fast so schlimm wie Coral, die jede Frau abcheckte, mit der sie sprach.

»Ich überlege gerade, was ich mit dem Haus machen soll.« Jorgie sah Marta direkt in die Augen. »Du weißt doch bestimmt schon, dass Bruce es mir vererbt hat, oder?«

»Das hat er mir vor seinem Tod noch erzählt, ja.« Martas Magen krampfte sich nervös zusammen. Was würde sie machen? Würde sie das Haus verkaufen? Würde sie selbst einziehen? Oder es an eine Horde lärmender College-Studis vermieten? War durchaus möglich.

»Ehrlich gesagt war das eine ganz schöne Überraschung.« Jorgie rollte die Bierflasche zwischen den Handflächen hin und her und starrte auf die Straße.

Ein Paar spazierte mit einer Französischen Bulldogge vorbei und winkte ihnen. Marta winkte zurück und kurz darauf hob auch Jorgie die Hand.

»Es ist nett hier. Ich bin ein Weilchen in der Gegend herumgefahren und hab dann einen Spaziergang am Fluss gemacht«, fuhr Jorgie fort. »Ich hatte gar nicht erwartet, dass es mitten in Melbourne so grün ist. Direkt am Fluss ist mir ein riesiger Backsteinbau aufgefallen, der von einem Park umgeben ist. Was ist das denn?«

»Abbotsford Convent«, sagte Marta. »Natürlich ist es schon ewig kein Kloster mehr. Inzwischen sind darin Büros und Werkstätten und Ateliers untergebracht. Es gibt auch ein paar Restaurants und eine Bar im Innenhof. Es ist wirklich toll da.«

»Das werde ich mir noch genauer ansehen müssen.« Jorgie lächelte ihr noch einmal zu.

Der Knoten in Martas Bauch löste sich ein wenig. Wenn sie lächelte, wirkte ihre neue Nachbarin zugänglicher – weniger wie die Nichte, die niemand kannte, und mehr wie Bruce, den sie alle so gemocht hatten. Sie erwiderte ihr Lächeln. »Ich hab selbst ein Atelier im Convent. Ich bin Keramikerin. Na ja, Teilzeit-Keramikerin und Teilzeit-Sozialarbeiterin.« Sie deutete auf die bunten Blumentöpfe, die in der Nische auf der Veranda standen. »Die sind von mir.«

»Die sind extrem schön. Ich liebe die Farben.« Jorgie streckte die Hand aus und strich über den Wilden Wein, der von einem der Blumentöpfe herabhing. »Die muss jemand gegossen haben. Warst du das?«

Marta nickte. »Es wäre doch schade, wenn sie eingehen.«

Würde Jorgie das Gespräch je zurück auf das Haus lenken? Marta wünschte, dass Coral hier wäre. Sie wüsste, was zu sagen wäre. Sie würde Jorgie in die Augen schauen, ihr wieherndes Lachen zum Besten geben, sie Darling nennen und direkt fragen, ob sie vorhatte, in dem geerbten Haus zu wohnen, es zu verkaufen, zu vermieten oder abzureißen. Wenn Marta auch nur einen Hauch von Corals Selbstbewusstsein beim Plaudern hätte, wäre alles gut. Mit ihren Klientinnen und Klienten zu reden, fiel ihr leicht: Da ging es ohne Umschweife um leistbaren Wohnraum und darum, wo sie Unterstützung bekommen konnten. Aber Small Talk? Der fiel ihr mit Fremden immer so verdammt schwer.

»Du fragst dich wahrscheinlich, was jetzt aus dem Haus werden wird.« Jorgie lehnte sich wieder zurück.

Es juckte Marta in den Fingern, die Spinnweben aus Jorgies Haaren zu zupfen. Doch sie beherrschte sich. Sie stellte ihr Bier ab und faltete die Hände im Schoß wie in einer überfüllten Straßenbahn. »Ja. Wir fragen uns alle … also, wir, die wir mit Bruce befreundet waren, fragen uns, was aus Nummer 94 werden wird. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass du es wahrscheinlich verkaufen wirst.«

»Das ist alles neu für mich.« Jorgie deutete auf die Straße. »Ich komme aus einer Kleinstadt in New South Wales, mitten im Outback. Worrock. Da gibt es nur ein paar Hundert Einwohner.«

»Der Name kommt mir bekannt vor. Cilla wohnt da auch, oder?«

»Ja.« Jorgie kniff die Lippen zusammen. »Ich kann sie nicht lang allein lassen. Sie ist einer der Gründe, warum ich nicht hierherziehen sollte. Es gibt auch noch andere. Ich sollte das Haus verkaufen.« Sie zuckte mit einer Schulter.

Marta nickte. Das klang nicht so, als hätte Jorgie schon eine endgültige Entscheidung getroffen. Es gab wahrscheinlich unzählige Gründe, die gegen einen Umzug sprachen. Jorgie hatte bestimmt einen Job und Verpflichtungen – vielleicht hatte sie ja wirklich einen attraktiven Mann und einen Haufen Kinder. Marta biss sich auf die Lippen. Noch mochte Jorgie ihre Optionen sorgsam abwägen – bildete sie sich das ein, oder klang das nach altertümelnden Heiratsverhandlungen? –, aber sie würde bestimmt verkaufen.

Marta schluckte bei der Vorstellung, dass Bruce’ Haus bei einer Auktion unter den Hammer kam, gegen den Kloß in ihrem Hals an. Wenn neue Menschen hierherzogen, wäre das endgültig das Ende einer Ära. Wenn es nicht mehr Bruce war, der auf dieser Veranda Hof hielt.

»Der Markt hier in der Straße ist winzig. Es werden nur ganz selten Häuser verkauft, oder auch nur vermietet. Vor allem in der Gegend zwischen Weatherby und Bright Streets. Bruce nannte sie immer unser kleines queeres Dorf.« Abrupt klappte sie den Mund zu. Hatte sie zu viel gesagt? Sie warf Jorgie einen schnellen Blick zu. Sie wusste doch bestimmt, dass ihr Onkel schwul gewesen war, oder? Und sich selbst hatte sie jetzt quasi gleich mitgeoutet.

Jorgie nickte und schenkte Marta ein leichtes Lächeln. Sie wirkte von Martas Aussage nicht verstört. Im Gegenteil, ihr Lächeln hatte sogar etwas Wissendes. Marta atmete bemüht unauffällig auf. Eine wunderschöne Frau mit Grübchen. Eigentlich hätte sie sich gleich die Klamotten vom Leib reißen und sich ihr zu Füßen werfen können.

»Dann lässt sich das Haus hoffentlich gut verkaufen. Ich muss zuerst aber ein paar Entscheidungen treffen. Das ist alles nicht so einfach und unkompliziert, wie es vielleicht scheinen mag.«

Marta schaute auf die Straße. Wie war das denn gemeint? Vielleicht hatte es etwas mit dem Testament zu tun. Das kannte sie ja nicht.

»Erzähl mir von Bruce’ Leben hier«, forderte Jorgie sie auf. »Also, vorausgesetzt, es stört dich nicht. Ich kannte ihn kaum, zumindest nicht wirklich. Ich hab ihn einmal besucht, und sonst haben wir uns an Weihnachten Karten geschickt, vielleicht auch mal eine Mail. In meiner Familie haben wir das mit der Kommunikation nicht so drauf, Cilla am allerwenigsten. Ich weiß, dass er Professor für Philosophie an der Uni Melbourne war, aber was ist mit seinen Freunden? Ich weiß noch nicht einmal, ob er einen Partner hatte.«

Marta atmete langsam aus. Jordie wusste also, dass Bruce schwul gewesen war. Das machte das Gespräch einfacher. »Bruce hat überlegt, in den Ruhestand zu gehen, als er krank wurde. Er meinte, er wollte mehr Zeit für seinen hedonistischen Lebenswandel haben, aber das war nur ein Witz. Seine Freunde in der Gaylord Street waren seine Familie – Oh! Entschuldige, ich meinte nicht …« Marta senkte den Blick auf die staubigen Fliesen. Du taktloser Trampel!

»Hey, alles gut.« Jorgie legte Marta kurz eine Hand auf den Unterarm. »Die Familie, die man sich selbst aussucht, ist etwas Besonderes. Es ist schön, dass Bruce so etwas hier hatte.«

»Er meinte immer, dass wir eine große, glückliche Familie sind. Und dann hat er dröhnend gelacht und zum millionsten Mal mit Coral über das beste Kimchi-Rezept gestritten. Mit fermentierten Shrimps oder ohne – das war die große Frage.« Lächelnd ließ Marta den Blick über das rostige Dach der Veranda schweifen. »Solange ich ihn kannte, hatte er nie einen Partner. Er hat die meiste Zeit mit seinem engsten Freundeskreis verbracht.«

»Zu dem du natürlich gehört hast«, meinte Jorgie. »Und wer noch?«

»Coral. Die wohnt in Nummer 69. Die stand vorhin neben mir, als ich dir zugewunken habe. Sie und Bruce waren im gleichen Alter – Anfang sechzig – und die beiden haben ständig in Erinnerungen an die gute alte Zeit und die gute alte Schwulen- und Lesbenszene in Melbourne geschwelgt.«

»Gab es die denn?«

»Laut ihnen, ja. Ich konnte bei ihren Geschichten aber nie Fakt von Fiktion unterscheiden. Aber in den Siebzigern sah die Szene schon ganz schön anders aus – sehr underground und so.« Marta nahm einen Schluck von ihrem Bier. »Dann ist da noch Leo. Er hat sein Haus vor etwa fünf Jahren gekauft.« Marta deutete auf das Haus gegenüber. Die Fassade war holzverschalt und es war etwas größer als Bruce’ Haus. Neben der Eingangstür war rechts und links je ein Fenster. »Leo ist großartig. Er wird dir sofort auffallen, wenn er vorbeikommt. Er ist breit und muskulös und trägt Muscleshirts. Aber er ist der liebste Mensch überhaupt. Ab und an macht er Handwerkerjobs, wenn du also Hilfe brauchen solltest, ist er der richtige. Leo organisiert unsere Straßenfeste. Dann bringen wir alle was zu essen und zu trinken mit und hängen mitten auf der Straße zusammen rum.« Sie schaute zu Jorgie. »Wenn du lange genug bleibst – eine Woche oder so –, bekommst du auch eine Einladung. Du solltest unbedingt kommen, außer du bist leicht zu schockieren.«

»Bin ich nicht.« Ein Lächeln schwang in Jorgies Stimme mit. »Also wart du, Coral und Leo Bruce’ Familie in der Gaylord Street?« Jorgie neigte den Kopf zur Seite. »Verzeih mir, wenn ich das so direkt sage, aber du bist wesentlich jünger als Bruce.«

»Vielleicht bin ich eine alte Seele.« Marta grinste sie an. »Ehrlich gesagt bin ich eine ziemliche Stubenhockerin. Und auch ich habe meine Familie in der Gaylord Street gefunden, genau wie Bruce. Meine Eltern sind gestorben, als ich noch keine zwanzig war, und seit damals bin ich hier. Erst mal nur zur Miete, aber vor elf Jahren habe ich dann mein Haus gekauft. Damals war es noch spottbillig. Anders als heute.« Sie strich sich die Haare hinter die Ohren. »Wenn du das Haus verkaufst, machst du bestimmt ein gutes Geschäft. Aber ich für meinen Teil könnte mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Meine Freunde sind hier und mein Atelier ist ganz in der Nähe. Meine Klienten sind alle in der Innenstadt. Was könnte ich mehr wollen?«

»Macht Sinn.«

»Bruce hatte auch noch andere junge Freunde, nicht nur mich. Leo ist Mitte dreißig, wie ich. Und dann gibt es ja noch Elfin. Sie ist neunzehn und wohnt seit zwei Jahren hier. Sie wohnt mit Lulu zusammen ein paar Häuser weiter in diese Richtung. Bruce und Elfin haben sich gut verstanden. Er hatte ihr gegenüber einen starken Beschützerinstinkt.« Fand Jorgie es merkwürdig, dass Bruce Leuten aus seiner Nachbarschaft nähergestanden hatte als seiner tatsächlichen Verwandtschaft? Wenn ja, dann zeigte sie es zumindest nicht.

Marta gestattete sich einen kurzen Blick zu Jorgie. Ein Profil wie ihres könnte man auch in der National Portrait Gallery finden: Sie hatte aristokratische Züge mit einem markanten Kiefer und hohen Wangenknochen. Ihre Lippen jedoch waren alles andere als streng. Die sinnlich geschwungene Unterlippe schien eher jemandem zu gehören, der die schönen Dinge des Lebens zu schätzen wusste. Und das Grübchen. So gern würde sie es mit der Zungenspitze erkunden. Innerlich schüttelte sie sich selbst. Wo kam denn dieser Gedanke schon wieder her?

»Es gibt so vieles, was ich dich fragen sollte.« Jorgie wandte sich Marta zu. »Über Bruce. Über dieses Haus. Ob ich durch den Boden im Schlafzimmer brechen werde, wann die Müllabfuhr kommt … Aber ich glaube, das muss noch warten.«

»Die ersten beiden Antworten dauern vielleicht zu lang. Die Bretter in der nordöstlichen Ecke beim Fenster sind verrottet. Und die Müllabfuhr kommt immer dienstags.« Marta hatte ihr Bier inzwischen ausgetrunken und so wie Jorgie ihre Flasche in der Hand drehte, war die vermutlich auch schon leer. Marta stand auf. »Danke für das Bier. Bitte komm vorbei, wenn du etwas brauchst. Du weißt ja, wo du mich findest.«

Jorgie erhob sich ebenfalls. »Werde ich machen. Und danke für die Muffins.« Sie unterdrückte ein Gähnen. »Entschuldige. Ich bin nicht sonderlich gastfreundlich, aber es war ein langer Tag.«

»Dann lasse ich dich mal allein.« Doch Marta rührte sich nicht von der Stelle, sondern fixierte Jorgies bloße, muskulöse Arme. Wieder schüttelte sie sich innerlich, dann ging sie die drei Stufen nach unten zum Gartentor. »Tschüss.«

»Bis bald.«

Sie spürte Jorgies Blick auf sich, als sie zu ihrem Gartentor ging und dann die gleichen drei Stufen hinauf zu ihrer Haustür.

Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, lief sie durch den Flur zu ihrem offenen Wohn-Ess-Bereich. Der Raum mit dem glänzenden Holzfußboden und den vielen Pflanzen war behaglich und lichtdurchflutet. Ihre selbst gemachten Töpfe waren bunte Farbkleckse.

Marta öffnete den Kühlschrank und holte die Zutaten für eine Gemüsepfanne heraus. Vielleicht konnte sie Jorgie ja mal zum Essen einladen. Bruce’ Küche war etwas altmodisch. Für seine Dinnerpartys hatte er darum immer einen Caterer angeheuert. Und er hatte einmal die Woche bei Marta gegessen, einmal bei Coral und oft auch bei Leo.

Es war schade, dass Jorgie nicht bleiben wollte. Sie wäre eine Verbindung zu Bruce gewesen. Aber vielleicht würde sie ihre Meinung ja noch ändern. So viel war ungewiss. Marta seufzte. Wer behauptete, dass Änderungen etwas Gutes waren, kannte ganz offensichtlich die Gaylord Street nicht.

Kapitel 4

Die Mutter bemuttern

Jorgie zog sich ins Schlafzimmer zurück. Sie hatte das Bett bereits gemacht und auch ihre Klamotten hatte sie verstaut. Es war kurz nach acht – für andere war das noch früh, für sie jedoch nicht.

Sie schaute aus dem Fenster. Zwei Teenager fuhren mit ihren Skateboards Slalom mitten auf der Straße und irgendwo unterhielten sich ein paar Leute lautstark und lachend. Jorgie hielt sich die Ohren zu, konnte aber trotzdem noch vorbeifahrende Autos und Gelächter hören. Mit einem Mal vermisste sie die Stille auf ihrer Veranda in Worrock. Sie zog die Vorhänge zu, um den Lärm zumindest zu dämpfen.

Die Bodendielen gaben nach, als sie den Raum durchquerte. Marta hatte recht, die waren wirklich hinüber.

Sie haderte damit, was sie als Nächstes tun sollte: sich noch ein Bier holen, ihr Essen aufwärmen, Cilla anrufen. Jorgie ließ sich auf das Bett fallen und lehnte sich gegen das Rückenteil.

Ich sollte es hinter mich bringen.

Ohne noch weiter darüber nachzudenken, wählte sie Cillas Nummer aus und zählte mit, wie oft es klingelte. Beim sechsten Klingeln war sie sich sicher, dass Cilla – mal wieder – nicht rangehen würde, doch dann erklang die leise Stimme ihrer Mutter.

»Jorgie?«

Warum war ihre Mutter nur immer so zaghaft? Sie wusste doch ganz genau, dass Jorgie dran war. Ihr Name musste schließlich auf dem Display erscheinen.

»Ja, ich bin’s. Wie geht’s dir?«

Sie seufzte schwer. »Ganz okay, denke ich. Ohne dich ist es nur ein bisschen einsam.«

»Es sind ja nur zwei Wochen. Dann komme ich wieder heim.« Sie schob den Gedanken beiseite, dass es durchaus auch länger dauern konnte. Damit würde sie sich auseinandersetzen, wenn es so weit war.

Stille antwortete ihr.

»Hast du schon was gegessen? Und deine Medikamente genommen?«, fragte Jorgie.

»Ich habe keinen Hunger. Nicht wirklich.«

»Du musst aber was essen, wenn du deine Medikamente nimmst. Im Tiefkühlfach sind ein paar Fertiggerichte. Steck eins davon in die Mikrowelle.«

»Mache ich.«

Jorgie umklammerte das Handy fester. Vielleicht würde Cilla etwas essen. Wahrscheinlich aber nicht. »Soll ich Deb fragen, ob sie mal nach dir sehen kann?«

»Nein.« Kurz klang Cillas Stimme lebendiger. »Sie zwingt mich immer, was zu machen. Ich sitze aber gern vor dem Fernseher.«

»Was machst du denn sonst so? Gehst du zum Bingo ins Stump Inn?«

»Diese Woche nicht. Damit warte ich, bis du zurück bist. Jorgie … Du kannst mir nicht zufällig etwas Geld überweisen, oder? Ich hab keines mehr und die Pension kommt erst wieder in vier Tagen.«

Jorgie zählte stumm bis sieben. Sie sollte nicht nachfragen, wofür Cilla das Geld brauchte. Ihre Mutter konnte ihre eigenen Entscheidungen treffen – sie sollte sich aber auch um ihre eigenen Finanzen kümmern können. Ihre Pension war nicht hoch, aber sie musste weder Miete noch sonstige Rechnungen zahlen – dank Jorgie. »Gibt es einen speziellen Grund, warum du Geld brauchst?«

»Nein. Ich brauch es einfach. Aber wenn du mir nichts überweisen kannst, komme ich bestimmt auch so klar. Vergiss einfach, dass ich dich gefragt habe.«

Das sollte sie tun. Sie sollte einfach Ist gut sagen und das Thema wechseln. Aber Cilla war ihre Mutter und sie bat sie um so wenig und hatte früher so viel für sie getan. »Wie viel brauchst du denn?«

»Hundert werden reichen.«

»Ich überweis es dir nachher.«

»Danke, Jorgie. Du bist meine Lieblingstochter.«

»Ich bin deine einzige Tochter.« Es war ein lahmer Witz. »Ich muss auflegen. Pass auf dich auf, Cilla. Ruf mich an, wann immer du willst.«

»Tschüss, Liebes.« Sie legte auf.

Jorgie warf das Handy aufs Bett. Sie konnte sich noch so viele Sorgen um Cilla machen, doch das würde auch nichts ändern. Also schnappte sie sich das Handy wieder, öffnete die Online-Banking-App und überwies ihr das Geld. Vielleicht sollte sie Deb trotzdem anrufen – und sie bitten, sich eine Ausrede auszudenken und mal bei Cilla vorbeizuschauen. Um sicherzugehen, dass alles okay war.

Ihr Magen knurrte und sie wuchtete sich aus dem Bett. Jetzt würde sie erst etwas essen und dann ein paar Entscheidungen treffen. Die hatte sie schon viel zu lange hinausgeschoben und es war den anderen gegenüber nicht fair, sie warten zu lassen. Heute würde sie eine Entscheidung treffen und morgen würde sie alles in die Wege leiten.

Würden sie überrascht sein? Ihre Neuigkeiten waren vielleicht nicht lebensverändernd, aber für diese Menschen würden sie einen großen Unterschied machen. Und Marta hatte ihr zwar noch nicht besonders viel über sie erzählt, aber es war deutlich herauszuhören, dass es gute Menschen waren.

Marta. Sie war durchaus faszinierend, mit ihrer wirren Frisur und der ruhigen Art. Sie entsprach nicht unbedingt den gängigen Schönheitsnormen – dazu war ihre Nase zu lang und zu schmal und ihre Augen waren zu groß und zu dunkel, um zu ihrer hellen Haut und dem aschblonden Haar zu passen. Ihr Kinn war zu spitz und ihr Mund zu groß. Ein bisschen war es, als wäre ihr Gesicht zu klein für ihre Gesichtszüge. Aber sie schien oft und gern zu lächeln und der Ausdruck ihrer braunen Augen war warm und offen.

Es war niedlich gewesen, wie sie gezögert hatte, Bruce zu outen. Ein Lächeln zupfte an Jorgies Lippen. Marta hatte sich damit auch selbst geoutet. Jetzt lächelte sie endgültig. Es wäre bestimmt nicht schlimm, die nächsten beiden Wochen neben Marta zu wohnen. Oder länger.

Jorgie stellte ihr Thai-Curry mit Reis in Bruce’ uralte Mikrowelle. Das Knirschen, das sie von sich gab, war wesentlich lauter als die Geräusche jeder anderen Mikrowelle, und erst nach sieben Minuten war ihr Essen warm. Jorgie schnappte sich das Curry, ein weiteres Bier und ging in den Garten. Der war einladender als die düstere Küche und das Wohnzimmer und sie wollte in Ruhe nachdenken, ohne dass weitere Freunde von Bruce auf einen Plausch bei ihr hereinschneiten.

Sie ging ihre Namen durch: Coral, Leo, Elfin und natürlich Marta.

In ihrem Kopf nahmen die Dinge Gestalt an. Ideen, Träume, Möglichkeiten. Sie sahen anders aus als die Pläne, die sie geschmiedet hatte, als sie von dem Haus erfahren hatte, und die nächsten Monate würde ihr Leben ganz schön kompliziert werden, vor allem in Hinsicht auf Cilla. Aber allmählich begriff sie, was Bruce ihr da geschenkt hatte. Natürlich war es ein unerwarteter Geldsegen, aber es war noch mehr. Eine Chance. Jorgie atmete tief durch. Eine Chance, mehr zu sein als Handwerkerin Jorgie, die Hochbeete baute, Schlafzimmer strich oder sonstigen Kleinkram erledigte. Es war die Chance, sich an einem richtig großen Projekt zu versuchen. Und Bruce’ Haus würde ihr die Aufwendung vielfach zurückzahlen, da war sie sich sicher.

Kribbelige Vorfreude breitete sich in ihr aus. Das war die Gelegenheit, endlich zu beweisen, dass mehr in ihr steckte. Die Grundlage eines Portfolios, das ihr befriedigendere, kreativere Projekte einbringen würde. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie schob das halb gegessene Curry beiseite und flitzte zurück ins Haus. Kurz durchwühlte sie Bruce’ Schreibtisch, bis sie einen Notizblock und ein paar Stifte fand. Der dritte funktionierte. Mit ihrer Ausbeute ging sie zurück in den Garten und dann machte sie sich daran, ein paar Zahlen niederzukritzeln.

Sie würde es ein Weilchen hier aushalten – Cilla würde ihre Gründe schon verstehen. Das musste sie. Und das Ergebnis würde es so was von wert sein.

Aber zunächst einmal musste sie die anderen überzeugen.

Kapitel 5

Sie haben Post

Marta öffnete das Gartentor, stellte ihre Arbeitstasche ab und fischte die Post aus ihrem Briefkasten. Sie war länger als erwartet bei einer Klientin gewesen und hatte verzweifelt herumtelefoniert, um eine neue Unterkunft für sie zu finden. Schließlich hatte sie es – endlich – geschafft und Lara hatte sich tränenreich bei ihr bedankt. Ein weiterer Tag, eine weitere Klientin, deren Leben jetzt wesentlich besser aussah. Noch immer glühte die Wärme des Erfolgs in ihrem Bauch und entschädigte sie für das verpasste Frühstück. Sie würde früh zu Mittag essen und den Nachmittag im Atelier verbringen. Ihre Finger zuckten schon. Sie wollte sie unbedingt in weichem Ton vergraben.

»Marta, warte.« Coral eilte auf sie zu. Bei jedem Schritt schwappte Kaffee aus ihrer Tasse. Sobald sie sie erreicht hatte, flüsterte sie: »Hast du auch einen bekommen?«

»Was soll ich bekommen haben? Und warum flüsterst du?«

»Einen Brief.« Coral deutet abrupt auf Nummer 94 und verschüttete dabei noch etwas mehr Kaffee.

»Ich weiß nicht, wovon du redest. Komm wenigstens rein, dann brauchst du nicht so zu nuscheln.« Sie schloss die Tür auf und ging voraus in die Küche.

Coral rutschte auf einen Stuhl am Küchentresen, während Marta die Kaffeemaschine einschaltete. Coral konnte tagelang nur von Kaffee und Champagner leben und noch war es Kaffeezeit.

»Also, was ist los?« Sie platzierte ein paar Cranberry-Muffins auf einem Teller zwischen ihnen.

Coral sichtete die Post, die Marta mit hereingebracht hatte. Sie schob die Werbung und die Rechnungen zur Seite und hielt ihr einen weißen Umschlag hin, auf den jemand riesengroß Marta Jansson geschrieben hatte. »Da. Mach den auf.«

Marta riss das Kuvert auf und zog ein einzelnes Blatt Papier daraus heraus.

Liebe Marta. Kannst du bitte heute, am 24. März, um 19:00 in die Gaylord Street 94 kommen, um über Bruce’ Testament zu reden? Ich habe dich und Bruce’ andere Freunde aus der Nachbarschaft eingeladen, die ebenfalls von dem betroffen sind, was ich euch zu sagen habe. Bis hoffentlich nachher, Jorgie Anderson

»Oh.« Marta runzelte die Stirn. »Worum es dabei wohl geht?«

»Hat sie denn keine Andeutungen gemacht, als du gestern Abend bei ihr warst? Leo hat gesehen, dass ihr zusammen auf der Veranda gesessen habt. Richtig gemütlich, wie zwei Eulen auf einem Ast.«

»Nein. Nicht wirklich. Ich glaube, sie will verkaufen, aber ich habe keine Ahnung, inwiefern das uns betreffen soll.« Die Kaffeemaschine schaltete sich gurgelnd aus und sie schenkte Coral nach, ehe sie sich selbst einen Kaffee nahm.

Coral schnappte sich einen Muffin und biss ab. »Die sind übrigens fantastisch. Wenn du auch noch Schokostückchen hineingeben würdest, wären sie nicht mehr von dieser Welt.«

»Mach ich beim nächsten Mal.« Ihr ging Jorgies Brief immer noch nicht aus dem Kopf. Es kam ihr etwas arg formell vor, sie derartig vorzuladen, nur um Teelöffel und Porzellankatzen zu verteilen – aber worum sollte es sonst gehen?

»Leo hat auch einen Brief bekommen. Keine Ahnung, wer sonst noch einen gekriegt hat.«

»Das Haus ist so vollgestopft, dass sie uns vielleicht fragen will, ob wir uns noch ein Andenken an ihn aussuchen wollen, bevor sie den Rest entsorgt.«

»Wenn alles wegkommt, will ich den Esstisch. Das ist Vollholz. Eiche.«

»Den wird Jorgie wahrscheinlich behalten wollen, zumindest vorerst. Irgendwo muss sie ja essen.«

»Wie lang wird sie denn bleiben? Hat sie das gesagt?« Coral strich Martas Brief glatt und las ihn wieder und wieder – als enthielten die Worte einen Code, den sie entschlüsseln konnte, wenn sie sie nur lange genug anstarrte.

»Zwei Wochen. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich darauf freut, nach New South Wales zurückzukehren. Und ihre Mutter ist anscheinend irgendwie pflegebedürftig.«

»Cilla?«, fragte Coral, woraufhin Marta nickte. Coral fuhr fort: »Bruce meinte immer, sie wäre fragil. Was auch immer das heißen soll.«

»Vielleicht finden wir das heute Abend ja heraus. Gehst du hin?«

»Das würde ich um nichts in der Welt verpassen. Ich bin ja so aufgeregt. Die Porzellanmuschikätzchen rufen nach mir.«

* * *

Um fünf nach sieben klopfte Marta an die Tür von Nummer 94. Gleich darauf wurde ihr geöffnet.

»Hi.« Jorgie machte einen Schritt zur Seite, damit Marta eintreten konnte. »Deine Muffins! Un-glaub-lich!«

»Meinst du, ich sollte noch Schokostückchen dazugeben?«

Fältchen erschienen um Jorgies Augen und ein Lächeln umspielte ihre verboten sinnlichen Lippen. »Wird nicht alles besser mit Schokostückchen?«

Marta tat so, als müsste sie angestrengt darüber nachdenken. »Kimchi nicht. Aber sag das nicht Coral, sonst fängt sie an, herumzuexperimentieren, um das Gegenteil zu beweisen.«

Jorgie lachte und führte Marta über den schmalen Flur, durch die Küche und ins Wohnzimmer. »Du bist die Vorletzte.«

Marta löste den Blick von Jorgies drahtiger Silhouette und schaute sich um. Coral winkte ihr und Leo lächelte sie an. Seine blonden Haare waren noch kürzer als sonst, wodurch sein muskulöser Hals und die breiten Schultern noch massiger wirkten.

Es klopfte an der Vordertür und Jorgie eilte davon, um sie zu öffnen.

Marta quetschte sich neben Coral auf das kleine Rattan-Sofa. »Wisst ihr inzwischen, warum wir hier sind?«

Leo zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«

»Ich platze fast vor Neugierde«, sagte Coral.

Jorgie erschien in der Gesellschaft eines kleinen Teenagers, der ein Tutu, eine zerrissene Strumpfhose und Doc Martens trug.

»Elfin, Spätzchen!« Coral winkte ihr.

Elfins Blick huschte von einem zur anderen. In dem schummrigen Licht wirkte ihr kastanienbraunes Haar fast schwarz, ein scharfer Kontrast zu ihrem blassen Gesicht. »Hallo, alle miteinander.« Sie setzte sich auf die Armlehne von Leos Sessel.

Marta schenkte ihr ein hoffentlich aufmunterndes Lächeln. Elfin lebte erst seit zwei Jahren in der Gaylord Street, aber sie alle hatten sie sofort als ihre kleine Lieblingsschwester angenommen. Sie half Leo mit dem Gemüse, das er im Garten zog, besuchte Marta oft zum Plaudern in ihrem Atelier und sie hatte geholfen, Bruce in seinen letzten Wochen zu pflegen.

Jorgie blieb im Türrahmen stehen. »Kann ich euch was anbieten? Wein, Bier, Tee?«

Alle gaben ihre Bestellung auf und sie verschwand kurz, nur um gleich darauf mit einer Flasche Rotwein und ein paar Flaschen Bier zurückzukehren. Coral zückte ihr ewiges Champagnerglas und schenkte es sich mit Schampus aus der Flasche, die sie zu ihren Füßen stehen hatte, voll.

Als alle etwas zu trinken hatten, trat Jorgie vor sie und lehnte sich gegen den Eichentisch. Sie rollte die Flasche zwischen ihren Handflächen hin und her. »Danke, dass ihr alle gekommen seid. Ihr fragt euch bestimmt, was das alles soll.«

Sie ließ den Blick über die vier Anwesenden schweifen, verweilte dabei aber besonders lange bei Marta.

Eine Gänsehaut überzog Martas Körper. Jorgies Blick war so intensiv. Sie musterte sie geradezu, so viel gründlicher als die anderen.

»Ihr wisst wahrscheinlich, dass Bruce mir das Haus hinterlassen hat. Allerdings unter einer Bedingung. Es läuft zwar jetzt auf mich, aber wenn ich es verkaufe, gehen nur fünfzig Prozent des Erlöses an mich. Die anderen fünfzig Prozent werden zu gleichen Teilen unter euch vieren aufgeteilt. Sollte ich mich entschließen, das Haus nicht zu verkaufen, sondern selbst hier zu wohnen, dann muss ich es schätzen lassen und jedem und jeder von euch 12,5 Prozent des Schätzpreises überweisen.«

Wie die elektrische Spannung, die vor einem Blitzeinschlag in der Luft lag, flirrten Jorgies Worte über Martas Haut. Sie runzelte die Stirn. Sie musste sich verhört haben. Vielleicht waren es 2,5 Prozent, oder 0,25 Prozent. Keine 12,5 Prozent. Das mussten doch Zehntausende Dollar sein.

»Du meinst«, sagte Coral zögerlich, »dass wir alle so oder so 12,5 Prozent davon bekommen, was das Haus wert ist? Es ist ganz schön viel wert.«

Jorgie nickte.

»Selbst in diesem schlechten Zustand ist das Haus noch sechshunderttausend Dollar wert«, flüsterte Leo.

»Ich fasse es nicht.« Elfins Stimme kippte. »Ich kann es einfach nicht fassen.«

Schweigend ließ Marta die Neuigkeiten sacken. 12,5 Prozent davon wären fünfundsiebzigtausend Dollar. Das war vielleicht noch kein Vermögen, aber es war eine Menge Geld. Ihre Hände waren plötzlich eisig und sie rieb sie aneinander. »Danke, Bruce«, wisperte sie. »Ich hatte ja keine Ahnung.«

»Ich hab mit einer Flasche von seinem 78er Portwein gerechnet«, meinte Leo. »Bruce und ich haben gern mal eine Flasche Port getrunken. Das wäre so typisch für ihn gewesen – mir eine Flasche zu hinterlassen. Aber ein Anteil an seinem Haus …«

»Ich dachte, ich könnte mir gleich eine seiner scheußlichen Porzellanfiguren aussuchen.« Coral stellte ihr Champagnerglas auf dem Boden ab und rang die Hände. »Nur eine Kleinigkeit. Ein Andenken an meinen Freund.«

Zustimmendes Gemurmel erhob sich. Mit brennenden Augen starrte Marta in ihr Glas. Fünfundsiebzigtausend Dollar. Das Geld würde für sie alle einen riesigen Unterschied machen.

Sie sah auf und Coral erwiderte ihren Blick. Sie war so blass geworden, wie sie es normalerweise nur nach einem langen, dunklen Winter war. »Fünfundsiebzigtausend«, sagte sie tonlos. »Fünfundsiebzigtausend!« Sie schnappte sich ihr Glas und füllte es erneut.

Die diversesten Möglichkeiten, was sie mit dem Geld anstellen konnte, schossen Marta durch den Kopf: Sie könnte ihr Atelier erweitern, sich eine neue, bessere Küche zulegen, Urlaub irgendwo ganz weit weg machen. Sie schluckte gegen den Knoten an, der sich in ihrer Kehle gebildet hatte, und schaute zu Jorgie, die immer noch am Esstisch lehnte und die Reaktionen der Anwesenden mit einem milden Lächeln beobachtete.

»Was hast du denn geplant, Jorgie?«, fragte Marta. »Willst du verkaufen … oder vielleicht doch hier wohnen?«

Ein schiefes Grinsen stahl sich auf Jorgies Züge.

Fasziniert betrachtete Marta ihre volle Unterlippe. Wenn sie lächelte, wirkte sie jünger, weniger distanziert, und verdammt, das Grübchen war zurück. Wärme breitete sich in Martas Brust aus und floss tiefer. Sie starrte in Jorgies Augen, auf ihr wildes Haar, an die Decke. Überallhin, nur nicht auf das Grübchen.

»Das kommt drauf an«, sagte Jorgie.

Fragend neigte Marta den Kopf zur Seite.

Coral unterbrach ihr Geplapper über Porzellanfrösche, und Leo sah von seinem Handy auf, mit dem er eben noch Immobilienpreise recherchiert hatte.

»Ich habe einen Vorschlag für euch«, fuhr Jorgie fort. »Ich hab das auch nicht erwartet. Ich hab nicht damit gerechnet, dass Bruce mir – und euch – das Haus hinterlässt. Und ja, es ist durchaus eine Versuchung, das Haus einfach auf den Markt zu werfen, zusammenzuraffen, was dabei reinkommt, und dann damit zurück ins Outback zu rennen. Aber ich glaube, es gibt noch eine bessere Lösung. Für uns alle.«

Alle starrten Jorgie an – alle außer Elfin, die ihre klobigen Doc Martens studierte, als frage sie sich, wo dieser Fortsatz an ihren Beinen bloß herkam.

»Ich bin Handwerkerin«, sagte Jorgie. »In Worrock führe ich einen Ein-Frau-Betrieb für Hausrenovierungen. Ich mache Tischlerarbeiten, verlege Rohre, repariere, streiche, kümmere mich um die Gärten. Ich kann Küchen einbauen, Badezimmer fliesen, Ziegel neu verfugen, Dächer und Dachrinnen ausbessern. Von elektrischen Leitungen halte ich mich fern, weil ich an meinem Leben hänge, aber abgesehen davon kann ich von allem ein bisschen was.« Sie nickte Leo zu. »Was wäre das Haus wohl in renoviertem Zustand wert? Wenn alles repariert wäre, was jetzt kaputt ist. Wenn es ein neues Dach, eine neue Küche, ein neues Bad und frische Farbe an den Wänden hätte?«

»Kommt drauf an, wie genau man es anstellt«, erwiderte Leo. »Wenn man den aktuellen Grundriss beibehält, etwa achthunderttausend. Wenn du aber nur die Fassade und die Aufteilung der vorne liegenden Schlafzimmer beibehältst und den hinteren Teil des Hauses offen gestaltest – wie bei Marta –, und wenn du dabei auf hochwertige Materialien setzt … dann kann es bis zu einer Million einbringen.«

Elfin schnappte nach Luft.

Das Champagnerglas glitt aus Corals Hand und zerbarst auf dem abgenutzten Teppichboden.

Marta sog scharf den Atem ein. Eine Million Dollar! Eine unvorstellbare Summe für ein kleines viktorianisches Haus in der Innenstadt. Oh, natürlich hatte sie gewusst, dass die Immobilienpreise überall durch die Decke gingen, aber sie hatte sich nie näher damit beschäftigt. Sie wollte schließlich noch ganz, ganz lange in der Gaylord Street wohnen bleiben. Welchen Sinn machte es, sich mit Immobilienpreisen zu befassen, wenn sie doch nicht zu verkaufen plante?

Jorgie nickte. »Eine Million. Das denke ich auch.« Sie ließ den Blick von einem zur anderen schweifen. »Ich wäre bereit, das Haus zu renovieren. Ich würde für meine Arbeit nichts verrechnen und ich glaube, ich sollte in vier oder fünf Monaten damit fertig sein. Bruce hat mir nicht nur das Haus, sondern auch etwas Geld hinterlassen. Wenn ich sorgsam damit umgehe, sollte es für die Materialkosten und die zusätzlichen Handwerker, die ich brauchen werde, reichen. Und für meine Lebenshaltungskosten – wenn ich sparsam bin. Und wenn ich dann fertig bin, können wir das Haus unter dem Slogan Schöner wohnen in perfekter Innenstadtlage verkaufen, statt unter Bruchbude zum Renovieren oder Abreißen