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Ein fesselnder lesbischer Liebesroman über zwei Frauen, die nicht miteinander im gleichen Boot sitzen wollen. Völlig aufgelöst verlässt Stevie die Jachtparty ihrer ignoranten Eltern und sucht Zuflucht auf einem leeren Boot im Hafen. Als sie am nächsten Morgen mit dem schlimmsten Kater ihres Lebens aufwacht, befindet sie sich auf offener See. Kapitänin Kaz ist auf einer wichtigen Mission unterwegs. Das Letzte, was sie gebrauchen kann, ist eine blinde Passagierin, die ihr Leben verkompliziert. Während Stevie so schnell wie möglich wieder an Land muss, um ihren neuen Job als Krankenschwester anzutreten, kommt ein Zwischenstopp für Kaz auf keinen Fall in Frage. So aneinander gebunden stellen die beiden ungleichen Frauen fest, dass aus den Funken, die von Beginn an zwischen ihnen fliegen, vielleicht doch mehr werden könnte. Aber kann ihre Liebe auch auf Land bestehen?
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Seitenzahl: 486
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Inhaltsverzeichnis
Weitere Bücher von Cheyenne Blue
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Epilog- Sechs Monate später
Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen
Über Cheyenne Blue
Danksagung
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Verliebt im Outback
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Widmung
Für D.
Für deine Liebe und Unterstützung und weil du mehr Verantwortung übernommen hast als fair war, damit ich mehr Zeit zum Schreiben hatte.
In ewiger Liebe.
Kapitel 1
Sie hatte es geschafft.
Die Wörter auf dem Bildschirm verschwammen, als sich Stevies Augen mit Tränen füllten. Sie wischte sie hastig weg und las die E-Mail von ihrer Universität erneut. Nach drei Jahren Studium war der Moment endlich gekommen. Stephanie Sterling: Examinierte Krankenschwester. Und sie hatte es aus eigener Kraft geschafft.
Stevie sprang vom Stuhl auf und ging ans Fenster. Sie sah nach draußen, ohne die Straße unter sich wirklich zu sehen.
Examinierte Krankenschwester. Die Worte summten in ihrem Kopf. Sie schloss die Augen und Freude breitete sich in ihrer Brust aus, bis sie in einem lauten Lachen aus ihr herausbrach. Sie hatte es tatsächlich geschafft. Stevie atmete tief durch und öffnete die Tür zu ihrem kleinen Balkon. Sie breitete die Arme aus und schrie über die ruhige Straße unter sich: »Ich habe bestanden! Ich bin ausgebildete Krankenschwester!«
Ein Kurier hielt auf dem Weg zu seinem Fahrzeug inne und streckte den Daumen nach oben. »Gut für dich, Liebes. Krankenschwestern halten die Welt am Laufen.«
Stevie warf ihm einen Luftkuss zu und ging wieder hinein, bevor sie sich noch mehr blamierte.
Ihr E-Mail-Postfach meldete sich, also ging sie zurück zu ihrem Laptop. Die Worte in der Betreffzeile entlockten ihr ein Lächeln: Leck mich am Arsch, Baby, ich habe bestanden! Anscheinend hatte ihre ehemalige Mitbewohnerin Kate ebenfalls Grund zum Feiern.
Stevie schnappte sich ihr Handy und wählte Kates Nummer.
Sie ging nach dem ersten Klingeln ran. »Wie lief’s, meine Beste?«
»Ich habe mit Auszeichnung bestanden.«
»Fantastisch! Ich wusste, dass du es schaffst. Du hast härter gearbeitet als irgendjemand sonst von uns. Ich freue mich so für dich, Stevie.«
»Wir haben beide geschuftet. Du verdienst es auch.« Stevie schloss die Augen, als sie sich an ihre langen, spätabendlichen Lernabende mit viel Koffein erinnerte, an denen sie so müde gewesen waren, dass keine von ihnen den Unterschied zwischen Myelopathie und Myopathie mehr wusste.
Im Hintergrund erhoben sich Stimmen. Gelächter war zu hören. »Das ist der Rest der Bande«, sagte Kate. »Wir werden zur Feier des Tages Melbourne unsicher machen. Ich wünschte, du wärst hier. Ohne dich ist es nicht dasselbe.«
»Ich wünschte auch, ich wäre da.«
»Geh aus«, sagte Kate mit fester Stimme. »Feier. Versprich mir, dass du dir das nicht von deiner Familie nehmen lässt. Zwing sie, deinen Erfolg anzuerkennen.«
»Ich verspreche es«, sagte Stevie wie automatisch. Sie würde es versuchen. Aber es war leichter, es Kate einfach zu versprechen, anstatt erneut über ihre Familie zu diskutieren.
»Gut. Und wenn sich alles beruhigt hat, müssen wir deinen nächsten Besuch hier planen. Wir alle vermissen dich.«
»Ich vermisse euch auch.« Stevie sah sich in ihrer kargen Wohnung um und verglich sie mit dem chaotischen Zuhause, das sie sich mit Kate geteilt hatte.
»Und Stevie?« Kate hielt einen Augenblick inne, dann sagte sie: »Ich glaube an dich. Es gibt in Australien keine bessere Krankenschwester als Stephanie Sterling.«
Sie beendeten das Telefonat, als Kates Freunde im Hintergrund zu laut wurden.
Stevie legte das Handy ab und ging zurück zum Fenster. Feier, hatte Kate gesagt. Oh, wie sehr sie das wollte, aber das war in einer Kleinstadt, in der sie nur wenige echte Freunde hatte, leichter gesagt als getan.
Einen Moment lang dachte sie darüber nach, nach Canberra zu fahren und in ein Flugzeug nach Melbourne zu steigen. Erneut sah sie sich in der schäbigen Wohnung um. Nein. Sie wollte, dass dieser Ort mit neuer Farbe und fröhlicher Dekoration erstrahlte, bevor sie ihren neuen Job im Harbour View Altenpflegezentrum antrat, deshalb musste ein Ausflug nach Melbourne warten.
Es juckte sie in den Fingern, jemanden anzurufen. Ash? Aber nein, ihre Schwester hatte gesagt, dass sie den ganzen Nachmittag in einem Meeting sein würde. Sie konnte sie nicht stören.
Dann blieb ihr nur noch eine Option, wenn sie jemandem von ihrem Erfolg erzählen wollte. Sollte sie ihre Eltern anrufen? Würden sie sich für sie freuen? Wäre ihnen überhaupt bewusst, wie viel Stevie dieser Abschluss bedeutete?
Zwing sie, deinen Erfolg anzuerkennen, hallten Kates Worte in ihrem Kopf wider.
Stevie ging zum Schreibtisch zurück und nahm ihr Handy, zögerte aber, den Anrufknopf zu drücken. Vielleicht würde ihre Mutter gar nicht rangehen. Wahrscheinlich war sie heute beim Bridge oder einer Wohltätigkeitsveranstaltung.
Stevie hatte sie selbst als Kind nur selten bewusst gestört. Aber das hier war anders. Es war zum Teil der Grund, warum sie nach Wallanbindi zurückgekommen war. Um ihre Beziehung zueinander zu verbessern. Sie biss sich auf die Lippe und drückte auf den grünen Knopf.
»Stephanie, Liebling«, erklang die kultivierte Stimme ihrer Mutter aus dem Hörer.
»Hallo, Mutter. Wie geht’s dir?«
»Ich warte. Meine Friseuse verspätet sich.« Verärgerung mischte sich in den Tonfall ihrer Mutter.
Das war nicht gut. Eine gelangweilte und verärgerte Linda würde kaum so auf Stevies Neuigkeiten reagieren, wie sie es sich erhoffte. »Ich kann später noch mal anrufen.«
»Nein.« Ein schweres Seufzen. »Du kannst mich unterhalten, solange ich warte.«
»Ich bin nicht sicher, was das Unterhalten angeht, aber ich rufe an, weil ich Neuigkeiten habe.« Stevie atmete tief durch. »Ich habe meine Prüfungsergebnisse bekommen. Ich habe mit Auszeichnung bestanden. Jetzt bin ich eine examinierte Krankenschwester.«
»Liebling, das sind wundervolle Neuigkeiten! Natürlich wusste ich immer, dass du es schaffst. Jetzt haben wir eine Krankenschwester in der Familie, wie fabelhaft. Du kannst dich um uns kümmern, wenn wir alt und schwach sind.«
»Das dauert noch lange.« Ihre Mutter sagte immer dasselbe und es war schon beim ersten Mal nicht lustig gewesen.
»Trotzdem«, sagte ihre Mutter forsch, »müssen wir feiern.«
»Liebend gern. Vielleicht können wir zum Abendessen gehen? Ash und Zach natürlich auch.« Wärme breitete sich in Stevie aus. Die zynischen Gedanken von vorhin schob sie beiseite. Ihre Eltern waren von ihrer Berufswahl vielleicht nicht begeistert, aber scheinbar waren sie bereit, ihren Erfolg anzuerkennen.
»Hm. Ich organisiere einen Cocktailabend auf dem Boot – nur wir und ein paar enge Freunde der Familie. Es ist jetzt warm genug dafür, Zeit auf dem Boot zu verbringen. Sagen wir, morgen Abend.«
»Ich werde da sein. Danke, Mutter. Das wird schön.«
»Zieh etwas Schickes an. Keine Jeans.«
»Natürlich.« Es war eine Familienregel, dass man sich bei Zusammenkünften auf dem Boot herausputzen musste, solange man nicht tatsächlich auf dem Meer war.
»Herzlichen Glückwunsch, Stephanie. Wir sehen uns morgen Abend um sechs Uhr.«
Stevie legte auf. Sie war während des Telefonats durch den Raum gewandert und wieder am Fenster geendet.
Ihre Wohnung lag über einem Eckladen und gab den Blick aufs Meer frei, wie der Immobilienmakler ihr versichert hatte. Zumindest, wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte und über das Dach des nächsten Hauses spähte. Aber es war ihre Wohnung, die erste, in der sie allein lebte, weg von ihrer Familie und ohne das Geschnatter lauter Mitbewohner. Das Meer war ruhig und schimmerte blau – so unmöglich blau, wie es nur ein besonders sonniger Tag möglich machte. Heute machte die Sapphire Coast ihrem Namen alle Ehre.
Sie würde mit dem Fahrrad an der Küste entlangfahren. Sie konnte die Umgebung bewundern und dank der Hügel würde sie gleichzeitig ihre euphorische Energie ausnutzen können.
Stephanie Sterling, examinierte Krankenschwester. Vielleicht würde sie an der neuen Brauerei Halt machen und sich einen Pint gönnen. In der Sonne sitzen und zusehen, wie die Welt an ihr vorbeizog.
Das Leben fühlte sich gerade sehr gut an.
* * *
Sie hätte es wissen müssen.
Stevie klammerte sich an ihr Champagnerglas und setzte ein falsches Lächeln auf. Mit dem Rücken lehnte sie an der Schottwand der Good Time Gal und ließ ihren Blick durch den großen Raum schweifen. Etwa zwei Dutzend herausgeputzte Leute nippten an Drinks und unterhielten sich. Ruhiges Geschnatter überlagerte die leise klassische Musik auf, die aus den Lautsprechern drang. Sie schlüpfte mit einem Fuß aus einem der ungewohnten Absatzschuhe und rieb ihn an ihrer Wade.
»Wundervolle Party, Linda«, sagte ein grauhaariger Mann in ihrer Nähe zu ihrer Mutter und trank einen Schluck von seinem Rotwein. »Es ist zu lange her.«
»Das ist es. Wir werden euch zum Essen einladen, um es wiedergutzumachen.« Ihre Mutter zeigte während der eleganten Entschuldigung ihr einstudiertes Lächeln.
Der Blick des Mannes glitt durch den Raum und legte sich auf Stevie. »Stephanie? Du bist doch Stephanie, nicht wahr?«, fragte er und kam zu ihr herüber.
Stevie nickte und reichte ihm die Hand. »Sie haben den Vorteil; ich fürchte, ich kann mich nicht an Ihren Namen erinnern.«
»Michael Asula. Ich bin einer der Stadträte. Schufte für Wallanbindi, um für meine Sünden zu büßen.« Er lachte ausgelassen über seinen Witz.
Stevie nickte und setzte gedanklich einen Haken hinter örtlicher Politiker. Unter den Gästen, die sie bis jetzt getroffen hatte, befanden sich damit drei Politiker, der CEO von einem der größten Lieferanten ihres Vaters und ein ansässiger Reality-TV-Star. Keiner davon passte auf die Beschreibung von »enger Freund der Familie«.
»Wir haben uns vor ein paar Jahren kennengelernt«, fuhr Michael fort. »Kurz bevor du zur Uni zurückgegangen bist. Was hast du noch mal studiert?«
»Krankenpflege.«
»Wie lief’s? Krankenschwester ist ein harter Job.«
»Ich habe gerade meinen Abschluss gemacht und bin jetzt examinierte Krankenschwester.«
»Herzlichen Glückwunsch. Mir war nicht klar, dass schon so viel Zeit vergangen ist. Es ist schön, dass du mal wieder zu Hause bist, Stephanie. Du wirst sicher bald schon wieder in die große Stadt ziehen, oder?«
Hatte es irgendeinen Sinn, es ihm zu erzählen? Stevie lächelte und murmelte etwas Unverbindliches. Sie bemühte sich, ihr Lächeln aufrecht zu erhalten, bis Michael ging.
Dann stieß sie den Atem aus und hob das Champagnerglas an ihre Lippen. Mit wenigen Schlucken hatte sie es ausgetrunken und ging zur Bar, um Nachschub zu holen.
Ha! So viel dazu, ihren Abschluss zu feiern. Ich hätte nach Melbourne fliegen sollen. Wenn sie das getan hätte, würde sie jetzt Party machen und sich mit ihren Freunden amüsieren. Sie würden lachen, die Stadt unsicher machen und von einer Bar oder einem Nachtclub zum nächsten hüpfen. Sie würde sich bei Kate unterhaken und betrunken würden sie sich versichern, wie sehr sie einander liebten und dass sie immer Freunde sein würden. Vielleicht würde sie sich eine Frau für eine heiße Nacht aufreißen. Vielleicht waren sie und Kate auch schon längst nach Hause gegangen und wären ineinander verschlungen auf dem Sofa eingeschlafen. Es wäre gut gewesen. Es wäre verdammt großartig gewesen.
Stevie schob sich an einer kleinen Gruppe Leute vorbei und ging zum Hinterdeck. Vielleicht würde sie dort etwas Ruhe finden.
»Stephanie, warte einen Moment, Liebling.« Ihre Mutter tauchte an ihrer Seite auf. »Ich habe dich heute Abend kaum gesehen.«
»Du warst damit beschäftigt, dich zu unterhalten.«
»Und du nicht. Du könntest dich mehr anstrengen.«
Stevie zuckte mit den Schultern. »Ich kenne diese Leute kaum. Ich dachte, das hier soll eine kleine Party mit engen Freunden sein, um meine Neuigkeiten zu feiern.«
»Oh.« Immerhin hatte ihre Mutter den Anstand, verlegen auszusehen. »Es war kurzfristig. Die meisten Leute hatten schon andere Verpflichtungen.«
Nicht die Menschen, die in deiner Welt etwas bedeuten. Seltsam. Stevie biss die Zähne zusammen, damit ihr kein schnippischer Kommentar herausrutschte. Dies war weder die Zeit noch der Ort, um ihren Eltern zu sagen, wie enttäuscht sie war.
Die leise Klaviermusik überdeckte die peinliche Stille zwischen ihnen. Entfernt konnte sie Ashs und Zachs Stimmen vom hinteren Deck hören. Zumindest konnte sie sich darauf verlassen, dass ihre Schwester sie verstand. »Ich sehe mal, was Ash macht.«
Die Musik endete und einen Moment herrschte Stille. Stevie ging in die Richtung der vertrauten Stimmen und ihre Mutter folgte ihr.
Vom Meer wehte eine kühle Brise übers Achterdeck und Stevie zitterte. Zachs Stimme drang an ihr Ohr, leise Worte, die sie nicht verstehen konnte. Und dann, als die Brise nachließ, konnte sie ihn deutlich hören.
»Ich liebe dich so sehr. Ash Sterling, willst du mich heiraten? Liebst du mich, so wie ich dich liebe?«
»Oh!«, keuchte ihre Mutter. Sie griff nach Stevies Hand und drückte ihre Finger. »O mein Gott.«
»Wir sollten wieder reingehen. Lassen wir ihnen die Privatsphäre«, flüsterte Stevie.
»Warte.« Der Griff ihrer Mutter wurde fester. »Ich will die Antwort hören.«
Stevie konnte sich nicht von ihrer Mutter losreißen, ohne von Ash gehört zu werden. Sie hörte das leise Brummen der Gespräche von drinnen und die schnelle Atmung ihrer Mutter. Eine kleine Welle brach am Schiffsrumpf und das Flüstern des Wassers klang unnatürlich laut.
»Ja, ich liebe dich so sehr.« Ashs Stimme zitterte, aber ihre Worte waren deutlich in der Nacht zu hören.
Zach gab einen erstickten Laut von sich und dann hoben und senkten sich ihre Stimmen, während sie Zärtlichkeiten flüsterten, die Stevie nur schwach hören konnte.
Die Musik setzte wieder ein. Ruhiger Jazz drang nun aus dem Inneren zu ihnen.
»Sie hat ›Ja‹ gesagt! Was für ein wunderbarer Abschluss dieses Abends. Ich muss es George sagen. Ich hoffe, dass wir noch genug Champagner für alle haben.«
»Warte. Lass Ash es Vater sagen; das ist ihr Moment.«
Aber ihre Mutter hatte sich bereits abgewandt und eilte mit klackernden Absätzen über das Holzdeck davon.
Stevie ging zur Reling und umklammerte sie mit ihrer freien Hand. Das Champagnerglas fühlte sich inzwischen warm in ihrer Handfläche an. Ihr Blick glitt über den Hafen. Freude breitete sich in ihrer Brust aus. Ash hatte ihren Prinzen gefunden, genauso, wie sie es immer gewollt hatte. Selbst als sie noch klein gewesen waren und sich Höhlen aus Decken gebaut hatten, in denen sie sich ihre Geheimnisse anvertrauen konnten, war es immer Ashs Traum gewesen, einen Prinzen, eine märchenhafte Hochzeit und eine große Familie zu haben, die sie so innig liebte, dass ihr Herz platzen würde. Stevie hatte mitgespielt und davon gesprochen, einen Gnadenhof für alte Pferde in den Bergen zu leiten, wo kein Tier abgewiesen wurde. Was ist mit deinem Prinzen?, hatte Ash gefragt und Stevie hatte nicht sagen können, dass sie keinen Prinzen, sondern eine Prinzessin wollte.
Zumindest ging Ashs Traum in Erfüllung.
Stevie trank einen Schluck Champagner, während sie sich vorstellte, wie Ash ihr die Neuigkeiten mitteilte; vielleicht nicht heute Abend, nicht auf dieser schrecklichen Party, die nicht war, was ihre Mutter versprochen hatte – aber vielleicht später, morgen, wenn das frisch verlobte Paar zu einem späten Frühstück kam. Ash würde Stevies Hände halten und sie nach vorn ziehen, um ihr die Neuigkeiten ins Ohr zu flüstern, wie sie es als Kinder getan hatten. Als wäre es ein Geheimnis, das nur für Stevies Ohren bestimmt war.
»Wir gehen besser zurück zu den anderen.« Ashs Stimme drang an Stevies Ohr. Dann erklangen Schritte auf dem Deck und kamen immer näher.
Stevie trat von der Reling zurück, damit Ash hoffentlich nicht herausfand, dass ihr privater Moment mitgehört worden war. Schnell ging sie durch den Salon zum Buffet auf dem Vorderdeck und tat so, als würde sie sich die kunstvoll angerichteten Canapés ansehen. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Ash und Zach in den Raum getreten waren.
Stevie würde ihr die Überraschung nicht verderben, aber sie hatte heute Abend noch kein Wort mit Ash gesprochen, also wandte sie sich wieder in ihre Richtung und durchquerte den Raum. Sie war gerade bei Ash angekommen, als das Bootshorn erklang. Die darauffolgende Stille wurde durch das Klirren von Silber auf Glas unterbrochen. Stevie drehte sich zu dem Geräusch um.
Ihr Vater stand auf der kleinen Plattform am Steuerrad und hielt ein Glas und eine Gabel in den Händen. »Meine Damen und Herren«, sagte er. »Bitte erlauben Sie mir, eine freudige Ankündigung zu machen.« Sein Blick glitt über die Menge und legte sich auf Stevie. Kurz runzelte er die Stirn.
Oh! Der Champagner hatte sie leicht angeheitert. Hatte sie falsch gelegen? Würde ihr Vater ihr tatsächlich öffentlich gratulieren? Er hatte ihre Berufswahl noch immer nicht vollständig akzeptiert, aber anscheinend würde er nun einen Schritt in diese Richtung machen. Stevie umfasste ihr Glas fester, straffte die Schultern und begegnete dem Blick ihres Vaters mit einem hoffentlich aufbauenden Lächeln.
Ashs Lippen strichen über ihre Wange. »Gut gemacht, Stevie. Anscheinend bin ich nicht die Einzige, die stolz auf dich ist.«
Die geflüsterten Worte ihrer Schwester brachten sie zum Lächeln. Stevie drückte Ashs Hand, obwohl ihr Blick weiterhin auf ihrem Vater lag.
»Ich bin mit zwei wunderbaren Töchtern gesegnet; herzlich und liebevoll, intelligent und talentiert und natürlich wunderschön.« Der Blick ihres Vaters glitt über die versammelten Gäste. »Aber heute bin ich besonders stolz, dass eine von ihnen ihren Sinn im Leben erfüllt.«
Stevies Lippen bebten, während sich Wärme in ihrer Brust ausbreitete. Diese Worte aus dem Mund ihres Vaters zu hören, zu wissen, dass er stolz auf sie war – das hätte sie nie erwartet. Sie hatte sich immer gegen den Weg gewehrt, den ihre Eltern für sie vorgesehen hatten und war in die entgegengesetzte Richtung gelaufen. Freude erfüllte sie und sie senkte leicht den Kopf, um ihre feucht werdenden Augen zu verbergen.
»Meine Damen und Herren, ich präsentiere Ihnen meine Tochter, Ashleigh, die heute Abend ihre Hand Zachariah Pettigrew versprochen hat. Mögen die beiden ein langes und glückliches Leben zusammen haben und mögen sie mir schnell einen Enkelsohn schenken.«
Stimmengewirr und Applaus brachen wie eine Welle über sie herein. Stevie war erstarrt und ihre Wangen wurden ganz heiß vor Scham. Sie hatte so falsch gelegen, so unerträglich falsch. Die Freudentränen von eben brannten jetzt in ihren Augen und ihre Kehle war wie zugeschnürt.
»Stevie, es tut mir so leid. Zach hat mir erst vor ein paar Minuten den Antrag gemacht – sie müssen es gehört haben. Ich wollte es dir zuerst sagen. Und nicht so.«
Ashs Hand in ihrer fühlte sich plötzlich schwer an, schien sie nach unten zu ziehen. Drückte zu fest.
»Und ich hätte diesen Abend niemals an mich gerissen. Das ist dein Moment, nicht meiner.« Ashs Gesichtsausdruck war verzerrt und besorgt und überhaupt nicht mehr fröhlich.
»Herzlichen Glückwunsch. Ich freue mich sehr für dich und deinen Prinzen.« Stevie zwang sich, die Worte auszusprechen, obwohl ihre Stimme vor Emotionen zitterte. »Jetzt lass mich meine Schwester umarmen.« Sie schlang die Arme fest um Ash und vergrub das Gesicht an Ashs Schulter, um ihren Gesichtsausdruck zu verbergen.
»Das ist nicht richtig.« Ashs Stimme bebte vor Wut. Sie löste sich von Stevie und wandte sich an die Gäste. »Vielen Dank für Ihre Glückwünsche. Aber dieser Abend gehört nicht mir und Zach; es ist Stevies Abend. Nach drei Jahren Studium, hat meine Schwester …«
Musik drang aus den Lautsprechern und übertönte ihre Worte. Das Lied war Cliff Richards Congratulations.
Dank der Menschenmenge, die Ash und Zach gratulieren wollte, konnte Stevie davonschlüpfen. Ihr Gesicht schmerzte wegen des breiten, falschen Lächelns, das sie aufgesetzt hatte. Sie hielt sich im Hintergrund und beobachtete den Strom der Gäste.
Ash lächelte und bedankte sich bei jeder Person mit einem Kuss auf die Wange. Zach schüttelte Hände und hatte den Arm um Ashs Schulter gelegt. Ihre Eltern standen in der Nähe, strahlten vor Stolz und nahmen ebenfalls Glückwünsche entgegen, als wären sie das glückliche Paar.
Stevie nippte an ihrem Champagner, während sie auf eine Pause wartete, damit sie Zach ebenfalls gratulieren konnte. Ash würde mit ihm glücklich werden, dessen war sie sich sicher.
Eine übertrieben zurechtgemachte ältere Dame kam auf Stevie zu. Sie erkannte sie nicht. Wahrscheinlich auch jemand besonders Wichtiges, dachte sie bitter. Eine Person mit Einfluss.
»Sie beteiligen sich nicht an der Feier«, sagte die Frau. »Freuen Sie sich nicht für Ihre Schwester?«
»Ich bin entzückt. Sie und Zach sind ein wundervolles Paar.«
Die Frau musterte sie. »Ich bin sicher, dass Ihre Zeit kommen wird, meine Liebe. Ich bin sicher, dass es da draußen irgendwo einen wunderbaren jungen Mann für Sie gibt.«
Stevie biss die Zähne zusammen. Normalerweise nahm sie heteronormative Vermutungen einfach hin, vor allem, wenn es jemand war, den sie wahrscheinlich nie wiedersehen würde. Aber die Wut in ihrem Bauch ließ sich dieses Mal nicht so einfach ignorieren. Mit zwei Schlucken leerte sie ihr Glas und unterdrückte den Impuls nach einem Wutausbruch.
»Haben Sie schon einen jungen Mann?« Die Frau nippte an ihrem eigenen Drink.
»Nein. Ich habe die Frau noch nicht gefunden, die ich heiraten will.« Wo war die Champagnerflasche? Bei solchen Unterhaltungen brauchte sie ein wenig Unterstützung. Mit einem gemurmelten »Entschuldigen Sie mich« drehte Stevie sich um und machte sich auf die Suche nach mehr flüssigem Mut.
Warum waren Champagnergläser so klein? Sie waren viel zu schnell leer. Stevie schenkte sich nach. Vage hörte sie die Stimme ihrer Mutter hinter sich. Wahrscheinlich machte sie sich Sorgen, morgen hiervon in der Klatschspalte der örtlichen Zeitung zu lesen. Dass eine kleine Stadt wie Wallanbindi überhaupt eine Klatschspalte in ihrer Zeitung hatte, war schon lächerlich.
Stevie kehrte den Gesprächen den Rücken zu und ging zur Reling. Sie ließ ihren Blick über die anderen Boote im Hafen schweifen, die an ihren Anlegestellen ruhten.
»Liebling.« Ihre Mutter tauchte neben ihr auf. »Ich glaube, du hast genug getrunken.«
»Ich glaube nicht, dass ich schon genug hatte.« Stevie hob ihr Glas und trank es trotzig aus.
»Du machst dich zum Gespött. Uns. Es wäre anständig, wenn du dich an ihrem großen Tag für deine Schwester freuen würdest.«
»Ich freue mich für sie. Und das habe ich ihr gesagt. Lass mich in Ruhe, Mutter. Mach es nicht schlimmer, als es schon ist.«
Ihre Mutter schwieg einen Augenblick. »Stephanie, ist das Neid? Denn wenn dieses unziemliche Verhalten deine Art ist, dich an deinem Vater und mir zu rächen, funktioniert es nicht. Du zeigst nur deine eigene Unreife.«
Stevie drehte sich zu ihrer Mutter. Zwei verschwommene Gesichter starrten sie an und ihr finsterer Blick sorgt dafür, dass sich eine Falte auf der makellosen Stirn ihrer Mutter bildete. Beide Stirnen.
»Ich weiß, dass ihr nicht stolz auf mich seid. Nichts, was ich erreicht habe, hat auch nur irgendetwas geändert. Weiß du, wie hart ich gearbeitet habe, um Krankenschwester zu werden? Und du übergehst das einfach, um zu feiern, dass Ash es geschafft hat, hübsch und nett genug zu sein, um zu heiraten? Ich hoffe wirklich, dass sie glücklich ist.« Sie stieß sich von der Reling ab und stolperte leicht in den ungewohnten Absatzschuhen. »Ich gehe jetzt. Bitte sag Ash, dass ich sie morgen anrufe.«
Die Good Time Gal bewegte sich leicht unter ihren Füßen und Stevie schwankte. Sie griff nach einer offenen Flasche Champagner, die auf einem Tisch in der Nähe stand, und nahm einen großen Schluck direkt aus der Flasche.
Bitte, lass mich von hier wegkommen. Stevie straffte die Schultern und ging vorsichtig über die Gangway zurück zum Steg. Hinter ihr dröhnte noch immer ein unerträgliches Gemisch aus Musik und lauten, leicht lallenden Stimmen. Offenbar war sie nicht die Einzige, die sich den im Überfluss vorhandenen Champagner zunutze machte.
»Stevie, warte!«, rief Ash.
Stevie drehte sich halb um und winkte ab. »Ich ruf dich morgen an. Hab dich lieb.« Dann ging sie weiter, ohne zurückzusehen.
Als sie am Ende des Anlegestegs auf den Hauptpier trat, hörte sie das Geräusch eiliger Schritte. Zweifellos Ash, die nachsehen wollte, ob es ihr gut ging.
Einen Moment lang schloss Stevie die Augen, öffnete sie aber gleich wieder, als sie von einer Welle des Schwindels übermannt wurde. Es ging ihr gut. Und sie würde ihrer Schwester den Abend nicht noch mehr versauen. Sie stellte den Champagner ab, hing sich ihre kleine Tasche um, damit sie sie nicht fallen ließ, und eilte den Pier entlang. An einem kleineren Seitensteg duckte sie sich und hoffte, dass es düster genug war, sodass Ash nicht gesehen hatte, wohin sie verschwunden war.
»Stevie? Wo bist du?« Ashs Stimme war nun näher. Jede Sekunde würde sie Stevie auf dem Steg sehen – wie ein Känguru im Scheinwerferlicht.
Stevie sah sich um. Die meisten Boote waren millionenteure Luxusschiffe wie die Segeljacht ihrer Eltern, von verschlossenen Toren und blinkenden Überwachungskameras geschützt. Aber ein Boot am Ende des Piers lag in Dunkelheit. Sie eilte darauf zu. Diese Jacht war klein und alt, die Segel fest gerafft und das Deck leer, aber am wichtigsten war, dass es kein Sicherheitstor gab. Stevie musterte den Abstand zwischen Pier und Boot. Vielleicht ein halber Meter. Das konnte sie schaffen. Während sie sich darauf zubewegte, wurde die alte Jacht von einem Windstoß näher an den Pier getrieben, sodass der Spalt nur noch wenige Zentimeter breit war. Stevie zog ihre Schuhe aus und warf sie an Deck, ehe sie ihr Kleid bis zu den Oberschenkeln hochzog und nach der Haltestange griff. Dann schwang sie sich über die Reling an Deck. Ihr Fuß blieb hängen und sie wäre beinahe gefallen. Um sich zu stützen, packte sie das Steuerrad und sprang in die Plicht.
»Stevie, wo bist du?«, erklang Ashs Stimme erneut. »Ich will nur wissen, ob es dir gut geht.«
Stevie biss sich auf die Lippen. Ash sollte lieber zur Party zurückgehen und ihren glücklichen Abend feiern. Und wenn sie Stevie nicht fand, würde das schneller passieren.
In der flachen Plicht gab es nichts, wohinter sie sich verstecken konnte, aber Stevie kroch zur hinteren Seite des Steuerrads und hoffte, dass die Schatten sie gut genug verbargen, sollte Ash näherkommen. Sie lehnte sich dagegen, zog die Knie an die Brust und senkte den Kopf. Einen Moment lang drehte sich die Welt im Champagnernebel.
Ashs Schritte wurden langsamer und verstummten.
Stevie stellte sich vor, wie sie über die stillen Boote blickte. Geh weg, geh wieder zur Party. Sie atmete langsam und hoffte, dass die Wellen das Geräusch ihrer Atmung übertönten.
Einen Moment lang herrschte Stille, dann entfernten sich Ashs Schritte langsam, als wäre sie nicht länger überzeugt, dass sich Stevie hier irgendwo versteckte.
Eine etwas größere Welle brachte die Jacht zum Schaukeln und Stevie schluckte schwer, als sich die Welt erneut drehte. Wie viel Champagner hatte sie noch mal getrunken? Nach den ersten paar Gläsern konnte sie nicht mehr an viel erinnern – außer dem fehlenden Interesse ihrer Eltern an ihrem Abschluss.
Ich hätte es wissen müssen. Ihre Reaktion war nichts Neues. Stevie schluckte schwer und versuchte, die aufwallende Übelkeit zu unterdrücken. Eine Welle des Schwindels erfasste sie. Sobald es vorbei war, hob sie den Kopf. Das einzige Geräusch waren nun die Wellen, die gegen den Rumpf der Jacht prallten, als der Wind auffrischte.
Stevie stand schwankend auf. Sie musste nach Hause, sich in ihr Bett kuscheln, in ihr Kissen schreien und versuchen, diesen Abend zu vergessen. Das Holzdeck war kalt und feucht an ihren nackten Füßen.
Wo waren ihre Schuhe? Sie entdeckte das schimmernde Leder mitten auf dem dunklen Holz und ging darauf zu. Als sie sich bückte, um die Schuhe aufzuheben, drehte sich erneut alles. Sie stolperte und fiel vor eine Tür. Knarrend schwang die Tür nach innen auf. Stevie konnte ein paar Stufen erkennen, die nach unten in eine Kabine führten. Verdammt. Sie hoffte, dass sie nichts kaputt gemacht hatte. Nachdem sie sich wieder etwas gesammelt hatte, beugte Stevie sich vor, um die Tür zu schließen, aber sie schwang aus ihrer Reichweite. Die Kabine war dunkel und still. Stevie ging die erste Stufe hinunter, um nach der Tür zu greifen und sie zu schließen, aber die Jacht schaukelte erneut und sie verlor den Halt. Auf der Suche nach Halt, packte sie die Tür, aber sie stolperte die Treppe nach unten in die dunkle Kabine und landete auf dem Boden. Die Schuhe rutschten über das Holz und einer kam an ihrer ausgestreckten Hand zum Liegen. Zum Teufel noch mal.
Ein paar Sekunden blieb Stevie dort liegen. War sie verletzt? Hatte sie sich etwas gebrochen? Aber soweit sie es einschätzen konnte, ohne aufzustehen, litt sie nur unter einem benebelten, pochenden Kopf und einem schmerzenden Knie. Sie musste sich beim Betreten der Jacht am Süllrand gestoßen haben. Das würde sicher ein blauer Fleck werden.
Vorsichtig stand sie auf, ihren Schuh in der Hand. Die Kajütentreppe zurück zum Deck war in ihrem derzeitigen Zustand ein unüberwindbares Hindernis. Ihre Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, aber so sehr sie sich auch anstrengte, ihr verschwommener Blick klärte sich nicht. Stevie drehte sich zu den Stufen um und entdeckte zwei enge Schlafkojen mit Doppelstockbetten, die sich jeweils links und rechts daneben befanden. Die Vorhänge, die den Schlafenden etwas Privatsphäre verschafften, waren offen. Ihr zweiter Schuh lag in der Nähe eines Bettes.
Erschöpfung breitete sich in ihrem Körper aus und machte ihre Glieder schwer. Was würde es jetzt für einen Unterschied machen, wenn sie in einem der Betten ihren Rausch ausschlief? Die Jacht war verlassen. Und Stevie war hier bereits eingebrochen, wenn auch unbeabsichtigt. Niemand würde jetzt kommen, nicht kurz vor Mitternacht. Am Morgen könnten sie die Schäden wieder gut machten, dem Besitzer einen Zettel hinterlassen und nach Hause gehen. Das war weitaus besser, als zu versuchen, hier rauszukommen und unbeholfen zu ihrer Wohnung zurückzustolpern. Selbst diese wenigen hundert Meter fühlten sich unüberwindlich an. Und was, wenn jemand sah, wie sie betrunken und zerzaust, mit den Schuhen in der Hand nach Hause wankte? Nein, morgen früh würde sie leise nach Hause verschwinden und sich dabei einen Hauch ihrer Würde bewahren. Und die Chancen standen gut, dass sie dann keinen Gästen von der Party über den Weg lief, die ebenfalls nach Hause gingen.
Das Bett sah einladend aus. Es war schmal, aber lang. Und ein offener Schlafsack lag auf der Matratze. Stevie atmete tief durch und jeglicher Zweifel verschwand. Sie kroch in die Koje, warf ihre Schuhe und Tasche ans Fußende und legte ihren Kopf auf einen Haufen aus steifem Stoff. Sie schloss den Vorhang und zog sich den Schlafsack über den Körper. Dann konnte sie endlich die Augen schließen und sich von den sanften Wellenbewegungen in den Schlaf wiegen lassen.
Kapitel 2
Kaz ging über den Pier zur Delilah. Es war kurz nach fünf Uhr morgens und der Himmel hellte sich langsam über dem Meer auf. Sie rieb sich mit einer Hand übers Gesicht und dachte sehnsüchtig an Kaffee. Um diese Uhrzeit konnte sie den leider noch nicht unterwegs kaufen. Aber die Gezeiten warteten auf niemanden, mit oder ohne Koffein.
Ihr Boot lag ruhig auf dem Wasser. Kaz legte ihren kleinen Rucksack aufs Deck, schwang ein Bein über die Reling und setzte behutsam die Katzentransportbox neben sich ab. »Nur einen Augenblick, Sindbad. Ich lass dich bald raus.«
Sie löste die Abdeckung vom Steuerrad und drehte sich dann zur Kabine. Kaz runzelte die Stirn. Die Tür stand leicht offen. Als sie gestern Nacht gegangen war, musste sie in ihrer Eile die Tür nicht richtig verschlossen haben. Die Musik und Stimmen von der großen Jacht waren so laut gewesen, dass sie nur nach Hause gehen und ruhig schlafen wollte.
Kaz öffnete die Luke ganz und befestigte die Tür seitlich der Treppe. Ein Stück des Holzes kratzte dabei über ihre Finger. An der Tür, in der Nähe des Schlosses, befand sich ein Riss. Sie runzelte die Stirn. Es war doch niemand eingebrochen? Die Delilah war das bescheidenste Boot im Hafen – aber auch das am wenigsten geschützte. Vorsichtig steckte sie den Kopf durch die Luke und lauschte. In der Kajüte war es totenstill und nichts schien zerstört zu sein. Kaz ging die Leiter hinunter und sah sich um. Die Kabine war so ordentlich, wie sie sie hinterlassen hatte. Sie zuckte mit den Schultern. Scheinbar hatte sie die Tür letzte Nacht nicht verriegelt und sie war im Wind so unsanft aufgeschwungen, dass das Holz beschädigt wurde. Sie verstaute ihren Rucksack in einem Schließfach und ging wieder an Deck.
Der östliche Himmel glühte mittlerweile gelb. Die Venus schien hell am Horizont. Es war nicht eine Wolke am Himmel und eine leichte Brise zerzauste ihre Haare. Perfektes Segelwetter.
Kaz löste die Abdeckung des Hauptsegels und verstaute es unter der Sitzbank. Anschließend löste sie die Knoten, sodass das Segel gehisst werden konnte, sobald sie auf offener See war. Sie startete den Motor und lauschte dem beruhigenden Brummen der Dieselmaschine. Schnell löste sie die Leinen und ging dann zurück zum Steuerrad, legte den Gang ein und die Delilah glitt von der Anlegestelle.
Möwen kreisten ums Heck, als sie den Hafen verließ. Sobald sie an der Hafenmauer vorbei war, wurde die See bewegter. Kaz hisste das Hauptsegel und drehte die Delilah, um den Wind einzufangen. Das Segel blähte sich und die Jacht rauschte nach vorn. Sie schaltete den Motor aus und richte den Blick auf den Ozean. Das war der Moment, den sie am meisten liebte: wenn der Motor aus war und sie nur noch das Wasser hören konnte, das an den Rumpf schlug, ehe sich die Delilah in den Wind legte und Kurs aufnahm.
Nun, da sie den ersten Windstoß hinter sich hatte, öffnete sie die Katzentransportbox. Sindbad marschierte heraus, den Schwanz aufgeregt zitternd, aber spielerisch gebogen. Er miaute einmal, sah sie mit einem beleidigten und finsteren Blick an und machte dann die Runde auf seiner Jacht.
»Entschuldige, Sindbad.« Kaz bückte sich, um seinen Kopf zu streicheln, als er vorbei stolzierte und mit seinem pelzigen Körper um ihre Waden strich. »Du weißt, dass ich dich nicht rauslassen kann, bevor wir aus dem Hafen raus sind.«
Sindbad miaute noch einmal und gab soweit nach, dass er sich in ihre Berührung schmiegte. Als sein Patroulliengang beendet war, sprang er auf die Bank und sah mit zuckenden Schnurrhaaren hinaus aufs Meer.
Kaz warf einen Blick auf den Kompass; ja, sie segelte Süd-Süd-West Richtung Bass-Straße. Kaffee. Oh, wie sehr sie eine Tasse wollte. Gleich. Sobald sie einen gleichmäßigen Windstrom gefunden hatte, würde sie sich um Kaffee kümmern können.
Wallanbindi verschwand hinter ihr und das Auf und Ab des Ozeans wurden stärker. Die Delilah schnitt durch die Wellen und der Schaum umhüllte den Schiffsrumpf.
Kaffee. Kaz stellte den Autopiloten ein und prüfte die Leinen, sodass das Deck abgesichert war. Sobald sie damit fertig war, ging sie zum Steuerrad zurück, warf einen Blick auf den Kompass und setzte sich dann, die Füße auf die Bank ihr gegenüber abgelegt.
Möwen kreischten über ihr und tauchten ins Fahrwasser der Delilah, während sie durchs Meer rauschte.
Kaffee konnte noch etwas warten. Kaz lehnte sich zurück, den Blick auf den Horizont gerichtet und genoss das Heben und Senken ihrer Jacht, während sie durch die Wellen schnitt.
* * *
Das ist nicht richtig.
Etwas Raues kratzte an Stevies Wange und die Luft fühlte sich feucht auf ihrer Haut an. Sie zitterte. Wärme suchen zog sie die Beine an und rollte sich zusammen, aber das half nicht.
Das Zimmer um sie herum schwankte und sie hörte schwachen Lärm: das Peitschen von Wasser an den Rumpf und ein Dröhnen.
Sie stöhnte leise. Wunderbar. Sie musste auf der Good Time Gal eingeschlafen sein und anscheinend hatte sich das Wetter geändert. Stevie seufzte und versuchte, einen weicheren Platz für ihre Wange zu finden. Normalerweise waren die Betten ihrer Eltern nicht so hart. Sie drehte sich um und ihr Knie schlug gegen etwas Hartes. Sie öffnete die Augen. Das Bett war dunkel und sie lag auf einer Segeltasche. Der unnachgiebige Stoff drückte hart gegen ihre Wange. Was? Wo bin ich?
Das Bett sackte nach unten und ihr Magen folgte. Übelkeit stieg in ihr auf. Stevie schloss erneut die Augen und versuchte, in ihren verschwommenen Erinnerungen zu kramen. Das war nicht die Good Time Gal. Erinnerungsfetzen brachen über sie herein: die Party, Ash und ihre Verlobung, zu viel Champagner. Stevie stöhnte, als sich ihr Magen mit dem Boot bewegte. Viel zu viel Champagner. Ash, die ihr über den Pier folgte, die Jacht, auf der sie sich versteckt hatte. Und jetzt war sie auf derselben Jacht, die offensichtlich auf dem Meer war.
Scheiße. Doppelte und dreifache Scheiße.
Ihre Kehle brannte. Ihr Kater machte sich bemerkbar. Was würde sie nicht für ein paar Ibuprofen und einen Vitamin-B-Drink geben. Aber sie hatte ein dringenderes Problem: sie war auf dem Meer, auf einem fremden Boot, das von Gott-weiß-wem gesteuert wurde. Sie wusste nur, dass diese Person wahrscheinlich nicht glücklich sein würde, wenn sie in ihrem Partykleid von gestern Abend an Deck gewankt kam.
Und wer segelte das Boot überhaupt? Ihre Finger zitterten, als ihr Visionen von Verstümmelung und Mord in den Sinn kamen. Was, wenn es Drogendealer waren, die ihre Ware abholten? Menschenhändler? Oder Schmuggler, die versuchten, die australischen Grenzpatrouillen zu umgehen? Sie würden einem blinden Passagier gegenüber nicht freundlich gesinnt sein. Ehe sie sich versah, würde sie über Bord gehen und keiner würde einen einzigen Gedanken an ein Rettungsboot verschwenden.
Stevie unterdrückte ein panisches Keuchen. Jetzt war nicht die Zeit für eine übertriebene Horrorfantasie. Nein, es war wahrscheinlicher, dass sie einen alten Fischer im Ruhestand fand, der auf der Suche nach einer guten Stelle zum Hochseeangeln war. Thunfisch, Speerfisch, Segelfisch. Sie würde ein paar Stunden in der steifen Brise zittern und dann würde er sie wieder im Hafen von Wallanbindi absetzen.
Hah! Es war schön und gut, sich den gutmütigen Fischer vorzustellen, aber sie war immer noch hier unten, während jemand oben an Deck glaubte, allein zu sein. Stevie setzte sich auf und stieß mit dem Kopf gegen die niedrige Decke. Nur knapp konnte sie einen Fluch unterdrückten. Sie schwang die Beine aus dem Bett und lauschte. Niemand schien in der Kajüte zu sein; nur das Knarzen des Boots und das Platschen der Wellen am Rumpf waren zu hören.
Stevie schob den Vorhang zurück und kletterte mit wackligen Beinen aus dem Bett, um sich umzusehen. In der kleinen Kajüte befanden sich ein Kartentisch, eine aufgeräumte kleine Kombüse und ein zusammengerolltes Segel auf der Bank vor einem kleinen Tisch.
Es gab kein Anzeichen, dass noch jemand in der Kabine war. Die Luke war offen und die Geräusche des Meeres drangen ihr an die Ohren.
Das Boot machte plötzlich einen Satz und ihr wurde dabei sofort schwindlig. Ein Kater und Seekrankheit – konnte das Leben noch elender werden? Zögerlich trat sie einen Schritt weiter in die Kabine. Das Boot sackte nach unten und Stevie hielt sich am Tisch fest, um nicht zu fallen, stieß sich aber die Hüfte an der Kante. Zumindest trug sie ihre Absatzschuhe nicht mehr. Wo waren die überhaupt? Sie konnte sich nicht erinnern.
Denk nach, Stevie. Panik überfiel sie, doch Stevie versuchte mit aller Willenskraft, ruhig zu bleiben und tief durchzuatmen. Denk nach. Natürlich. Stevie ging zurück zum Bett und fand ihre kleine Tasche, die sie letzte Nacht dort verstaut hatte. Sie wühlte darin herum, bis sie ihr Handy fand, aber der Blick auf das Display verriet ihr sogleich, dass sie keinen Empfang hatte. Sie mussten schon so weit vom Land weg sein, dass das Signal nicht mehr ausreichte. Sie steckte das Handy zurück in ihre Tasche.
Was sollte sie tun? Sie konnte wohl kaum den Rest der Fahrt – wie lange das auch immer sein würde – versteckt in einer Koje verbringen. Ihre Übelkeit wurde zudem immer schlimmer. Selbst als blutige Segelanfängerin wusste, dass sie sich an Deck besser fühlen würde, wo sie den Horizont sehen konnte. Und auch wenn sie sich versteckte, würden Kapitän oder die Crew der Jacht irgendwann nach unten kommen. Crew. Es war wahrscheinlich, dass mindestens zwei oder drei Leute an Bord waren. Wie würden sie auf einen blinden Passagier reagieren?
Stevie stöhnte leise. Es hatte keinen Sinn, sich zu verstecken und mit den möglichen Szenarien zu quälen. Sie musste es hinter sich bringen. Sie musste an Deck gehen, sich entschuldigen, herausfinden, wo sie hineingeraten war und hoffen, dass die Leute verständnisvoll waren. Sie stand auf, strich ihr Kleid glatt und ging zur Leiter.
* * *
Eine steife Brise hielt Kaz die ersten paar Stunden beschäftigt. Als der Wind nachließ und die Delilah problemlos selbst auf Kurs bleiben konnte, lechzte Kaz nach einem Kaffee. Der Zeitpunkt war günstig: weit genug von der Küste weg, um die Vergnügungsjachten hinter sich gelassen zu haben, aber noch nicht in den Schifffahrtsstraßen. Aufmerksam sah sie sich einmal komplett um. Es war kein Boot in der Nähe, das zur Gefahr werden konnte und auch am Horizont waren keine Schiffe zu erkennen.
Sie sah zu Sindbad, der sich auf einem Seilbündel zusammengerollt hatte und tief und fest schlief. »Wenn du doch nur Kaffee kochen könntest. Ich weiß nicht, warum ich dich mitnehme.«
Sindbads schwarzes Ohr zuckte, aber sonst bewegte er sich nicht.
Kaz ging einen Schritt auf die Luke zu, als von unten ein dumpfer Schlag zu hören war. Kaz erstarrte, ein Schauder in ihrem Nacken. Irgendetwas stimmte nicht. Bei rauem Wetter fielen ständig Dinge herunter, aber obwohl ein gewisser Wellengang herrschte und der Wind pfiff, war die See im Moment nicht so unruhig, dass Dinge durch die Gegend fliegen konnten. Und sie war erfahren genug als Seefahrerin, um zu wissen, dass sie letzte Nacht alles gesichert hatte. Die Töpfe und Pfannen waren verstaut und auf dem Kartentisch lag nichts, das herunterfallen konnte.
Sie ging noch einen Schritt auf die Luke zu, aber ein weiteres Geräusch ließ sie erstarrten. Wieder ein dumpfer Schlag. Kaz verharrte neben der Luke. Was hatte sie unten vergessen, das nun fallen konnte? Aber schon während sie gedanklich alle Möglichkeiten durchging, wusste sie, dass es sinnlos war.
Die unverschlossene Luke blitzte in ihren Gedanken auf. Ein merkwürdiges Vorkommnis konnte sie ignorieren; zwei waren kein Zufall. Sicher war niemand an Bord, oder? Aber von unten war definitiv ein Geräusch gekommen, die tollpatschigen Laute von jemandem, der nicht an das Schwanken eines Boots gewöhnt war. Kaz packte den Windengriff. Es war nicht die bedrohlichste Waffe, aber nun mal alles, was sie hatte.
»Wer ist da?«, sagte sie mit rauer Stimme und so tief sie konnte. »Zeig dich.« Sie umfasste den Griff fester und hob ihn vor ihren Körper, bereit, sich zu verteidigen, sollte es nötig sein.
Das Schlurfen von Füßen erklang auf den Stufen und dann tauchten zwei erhobene Hände und ein Kopf aus der Luke auf. Zierliche Hände. Ziemlich zerzauste, braune Haare.
Kaz atmete zittrig aus. Eine Frau. Damit konnte sie umgehen.
Ihre kurzen Haare waren normalerweise wahrscheinlich glatt und stufig geschnitten, standen nun aber in alle Richtungen ab. Ihr Blick war ängstlich und ihre Augen mit Mascara verschmiert. Ihr gemustertes Kleid passte eher zu einem Abendessen in einem teuren Restaurant als zu einer alten und verwitterten Jacht.
Die Frau kletterte unbeholfen an Deck und streckte die Hände aus, um zu zeigen, dass sie unbewaffnet war. »Es tut mir so leid. Ich kann alles erklären.« Ihre Stimme klang atemlos, gedrückt und schien von Angst durchzogen.
Kaz presste die Lippen aufeinander und musterte die Fremde von Kopf bis Fuß. Ihre Kleidung war zerknittert, als hätte sie darin geschlafen, und sie war barfuß. Dunkelrot lackierte Fußnägel, deren Farbe zu ihrem Kleid passte. Sie schien Ende zwanzig zu sein und hatte einen australischen Akzent. Kaz konnte sie sich gut in edler Umgebung vorstellen, wie sie ruhig und besonnen ein Sektglas hielt. Stattdessen fühlte sie sich offensichtlich unwohl und ihr Blick huschte übers Deck und zum Horizont, bevor er sich wieder auf Kaz richtete. Die Fremde schlucke schwer.
Gut. Sie sollte nervös aussehen. Sie war ein blinder Passagier, ein Eindringling und jemand, den Kaz an Bord der Delilah nicht gebrauchen konnte oder wollte. Vor allem jetzt nicht.
Wut sammelte sich in Kaz’ Bauch. Was zum Teufel sollte sie tun? »Du hast besser eine gute Erklärung, wenn du nicht willst, dass ich dich über Bord werfe«, sagte Kaz barsch. Es war eine leere Drohung, aber das wusste die Frau schließlich nicht.
»Es tut mir leid. Ich wollte nicht hier sein.« Ihr Blick huschte erneut übers Deck, als könnte sie nicht glauben, wo sie war. »Sind wir weit von Wallanbindi weg? Ich kann kein Land sehen.«
»Ungefähr zweieinhalb Stunden. Und wir sind außerhalb des Mobilfunknetzes, also beantwortest du mir lieber ein paar Fragen.«
Die Frau nickte hastig.
»Wer bist du und was machst du hier? Ich will eine ehrliche Antwort.« Kaz wog den Windengriff und klopfte sich damit auf die Handfläche. Ihr Instinkt sagte ihr, dass diese Frau nicht gefährlich war, aber sie würde noch nicht unachtsam werden. Sie hatte Geschichten gehört, dass Jachten in australischen Gewässern gekapert und die Mannschaften gezwungen wurden, Päckchen mit harten Drogen abzuholen und sie wieder nach Australien zu schmuggeln. Es wäre dumm, dieser Frau einfach zu vertrauen.
»Wer sind Sie?«, schoss die Frau zurück. »Warum sollte ich Ihnen sagen, wer ich bin?«
Ihre Worte waren angriffslustig, aber der nervöse Blick, den sie dem Windengriff zuwarf, verriet sie.
»Es ist mein Boot. Du brichst hier das Gesetz. Ich bin nicht diejenige, die sich erklären muss.« Kaz nahm den Griff in die andere Hand. »Es muss dir nicht gefallen, aber du wirst mir einen guten Grund geben müssen, dich nicht in einem Rettungsboot ins Wasser zu lassen und die Küstenwache anzurufen. Die vielleicht oder vielleicht auch nicht kommt, bevor es die Haie tun.«
Das Gesicht der Frau wurde blass, den Blick auf den Windengriff fixiert.
Kaz ließ sich davon nicht beirren, sondern schlug sich mit dem Griff noch einmal auf die Handfläche.
Die Fremde ließ die Schultern nach unten sacken, zeigte eine zerknirschte Miene und ihr Wagemut schien in der Gischt zu verfliegen. »Ich heiße Stephanie Sterling, aber die meisten Leute nennen mich Stevie. Ich lebe in Wallanbindi. Meinen Eltern gehört eine Jacht, die Good Time Gal, die im Hafen vertäut ist. Gestern Abend haben sie eine Party an Bord veranstaltet.« Stevie zögerte. »Ich war da, habe aber zu viel getrunken. Als ich die Party verlassen habe, muss ich falsch abgebogen sein. Mir hat der Kopf geschwirrt. Ihr Boot war nicht verschlossen. Ich bin an Bord gegangen und habe das Gleichgewicht verloren. Ich bin gegen die Tür gefallen und sie ist aufgegangen.« Sie hob bittend die Hände. »Es tut mir leid. Ich wollte einfach ein paar Stunden meinen Rausch ausschlafen. Ich wollte nichts Böses. Falls ich etwas kaputt gemacht habe, werde ich die Reparatur bezahlen.«
Kaz entspannte sich noch nicht. Es war eine plausible Geschichte, wenn auch etwas zu oberflächlich. Selbst wenn es stimmte, sagte ihr ein Bauchgefühl, dass Stevie noch Teile der Geschichte verheimlichte. Aber jemand hatte letzte Nacht im Hafen eine Party gegeben. Dieselbe Party, die Kaz dazu getrieben hatte, ihren ursprünglichen Plan, an Bord zu schlafen, um den morgendlichen Gezeiten voraus zu sein, aufzugeben.
»Warum hast du nicht auf der Jacht deiner Eltern geschlafen?«
Stevie lächelte gequält. »In jeder Ecke standen Partygäste. Laute Partygäste. Ich war auf dem Weg nach Hause. Mir war einfach nicht klar, wie viel ich getrunken hatte.«
Kaz musterte sie. Stevie war blass und sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. Aber das musste nichts heißen. Sie konnte auch unabhängig von ihrer zurechtgelegten Geschichte schlecht geschlafen haben, während sie darauf wartete, Kaz am Morgen zu überrumpeln. »Und der Rest der Geschichte?«
Stevie schluckte. »Was meinen Sie? Ich habe Ihnen gerade gesagt, was passiert ist.« Die Brise frischte auf und blies über die Plicht. Stevie zitterte und schlang die Arme fest um ihren Körper.
»Den Großteil«, stimmte Kaz zu, »aber wenn du auf dem Weg nach Hause warst, warum hast du dann einen Umweg gemacht und bist über den gesamten Pier zur Anlegestelle der Delilah gegangen?«
»Ich hab’s doch schon gesagt; ich bin falsch abgebogen.«
»Netter Versuch. Delilahs Ankerplatz liegt ganz am Ende – es ist der günstigste Liegeplatz im Hafen. Und es ist sehr offensichtlich kein Ausgang. Warum bist du überhaupt unerlaubt auf meine Jacht gegangen?«
Stevie zögerte. »Ich bin jemandem aus dem Weg gegangen. Ich wollte nicht gefunden werden.«
Es klang plausibel, wenn auch etwas offensichtlich. »Weiß jemand, wo du bist?« Kaz legte den Griff zurück auf die Bank.
Stevies Blick huschte zu der improvisierten Waffe hinüber, als würde sie überlegen, ob sie ihn vor Kaz schnappen konnte. »Ja, natürlich. Meine Eltern, George und Linda Sterling. Meine Schwester Ash. Alle Partygäste, die gesehen haben, wie ich gegangen bin.«
»Wirklich? All diese Leute haben gesehen, wie du hier eingebrochen bist, und haben nichts gesagt? Wenn das seine Freunde und Familie sind, tut es mir leid für dich.«
»Sie haben ja keine Ahnung.« Verbitterung klang in Stevies Tonfall mit. »Und Sie haben recht. Niemand weiß, wo ich bin. Aber ich glaube nicht, dass Sie mich über Bord werfen werden.«
»Ich wäre nicht die erste Seglerin, die das mit einem ungebetenen Gast tut.« Kaz bemühte sich, ihren Blick ausdruckslos zu halten, vielleicht sogar bedrohlich. »Heute gibt es starken Wellengang. Du trägst keine Rettungsweste und bist nicht mit einem Seil gesichert.« Sie deutete auf ihre eigene Weste und das Seil, das zum Strecktau führte. »Eine große Welle und du könntest das Gleichgewicht verlieren. Nach all dem Alkohol, den du hattest, könntest du leicht über Bord gehen. Es würde viel zu schnell passieren, bevor ich reagieren könnte.« Sie zuckte mit den Schultern. »Gibt viele Haie im Tasmanischen Meer.«
Wenn es irgendwie möglich war, wurde Stevie noch blasser. »Hören Sie, mir ist klar, dass Sie sich Sorgen machen. Ich weiß, wie sich die Geschichte anhören muss, aber es ist die Wahrheit. Meine Tasche ist unter Deck. Lassen Sie mich meinen Führerschein holen; dann wissen Sie zumindest, dass ich die Wahrheit sage, was meinen Namen und meinen Wohnort angeht.«
»In einer Minute.« Der Wind hatte zugelegt und die Richtung geändert. Die Delilah fing an, gegen die größeren Wellen zu brechen. Kaz ging zum Steuerrad zurück, schaltete den Autopiloten aus und korrigierte den Kurs, damit die Delilah wieder mit dem Wind segelte. Kaz raffte das Hauptsegel und hielt dann das Steuerrad umklammert. So konnte sie beide Hände beschäftigen. Sie musterte Stevie, die noch immer in der Nähe der Luke stand und sichtbar in der Brise zitterte.
Stevies Geschichte konnte stimmen. Eine Entführerin hätte sie sich wahrscheinlich etwas Passenderes angezogen als ein durchsichtiges Partykleid, das keinen Schutz gegen den Wind bot. Auf ihren nackten Armen zeichnete sich eine Gänsehaut ab.
»Bist du allein?«
Stevies dunkelblaue Augen weiteten sich ängstlich. »Niemand sonst ist mit mir an Bord, wenn es das ist, was Sie meinen.« Sie hob das Kinn. »Aber es gibt Menschen in Wallanbindi, die sich fragen werden, wo ich bin. Meine Eltern, meine Schwester. Meine Schwester hat mich das letzte Mal am Hafen gesehen. Das ist die Wahrheit. Wenn ich verschwinde, werden sie überprüfen lassen, welche Boote heute Morgen abgelegt haben, und die Küstenwache alarmieren.«
»Wahrscheinlich, irgendwann. Aber die Küstenwache ist schwer beschäftigt. Wenn du allerdings eine Flüchtige bist, wären sie sehr schnell hier.« Sie beobachtete Stevie genau, während sie auf eine Reaktion wartete. Falls Stevie nun nervös wurde, würde Kaz selbst die Küstenwache rufen.
»Rufen Sie sie, wenn Sie sich Sorgen machen. Ich verberge nichts.« Eine Windböe drückte Stevies Kleid an ihre Beine und sie zitterte erneut.
Kaz versuchte, sie einzuschätzen. Sie wirkte nicht gefährlich und ihre Geschichte schien wahr zu sein. Aber was sollte sie mit ihr tun? Sie konnte nicht zulassen, dass eine blinde Passagierin ihre Pläne durchkreuzte.
Stevie schlang die Arme um den Körper.
»Komm mit«, sagte Kaz mit barscher Stimme. Mit einer schnellen Bewegung schaltete sie den Autopiloten wieder ein. Aufmerksam sah sie sich um. Kein Hindernis war am Horizont zu sehen. »Wir gehen runter und aus dem Wind raus. Ich will deinen Ausweis sehen.«
Stevie nickte und drehte sich zur Luke, zögerte dann jedoch.
»Du zuerst«, sagte Kaz. Sie war vielleicht geneigt, Stevies Geschichte zu glauben, aber Kaz wollte auf dem Weg nach unten nicht vor ihr sein. Sie wartete, bis Stevie in der Kajüte war, bevor sie ihr folgte.
Stevie stand am Kartentisch und fühlte sich offensichtlich unwohl. Sie sah sich um. »Es ist hier sehr aufgeräumt.«
Kaz ging zur Küchenzeile und schaltete den Herd an. »Die meisten Seefahrer sind ordentlich. Hat mit der Sicherheit zu tun. Bitte hol deinen Ausweis.« Sie beobachtete, wie Stevie zu einem der Betten ging und eine kleine Umhängetasche hervorholte. »Ist das alles, was du bei dir hast?« Wenn die Tasche ihr einziger Besitz hier war, konnte sie das auf keinen Fall geplant haben. In dieses winzige Ding passte kaum etwas rein.
»Ja.« Stevie reichte ihr die Tasche. »Sehen Sie nach.«
Kaz nahm sie entgegen und ging an Stevie vorbei zum Bett. Sie schob den Vorhang zurück und sah sich um. Die Segeltasche, in der ihr Spinnaker war, lag auf dem Bett und war auf einer Seite etwas plattgedrückt. Ihr Schlafsack lag am Fußende des Betts. Kaz griff nach dem Schlafsack und entdeckte ein Paar Absatzschuhe darunter. Sonst nichts. Trotzdem …
»Kannst du Kaffee machen?«, fragte Kaz. »In der Schublade sind Tassen und der Pulverkaffee.« Wenn Stevie am Herd beschäftigt war, würde sie wahrscheinlich nicht hinter Kaz auftauchen und ihr mit dem Windengriff auf den Hinterkopf schlagen. Sie wartete, bis Stevie am Herd war, dann zog sie schnell die Segeltasche weg und tastete die Seiten der Matratze ab. Soweit sie es erkennen konnte, war dort nichts versteckt.
»Haben Sie Milch?«
»Nein. Auch keinen Zucker. Ich nehme an, du willst beides?«
»Nur Milch. Aber ich komm schon klar.« Stevie stellte zwei dampfende Tassen auf den Tisch.
Kaz warf einen Blick auf Stevie und schüttete den Inhalt der Tasche dann auf dem Tisch aus. Eine Geldbörse, ein Schlüsselbund, zwei Tampons und ein gefaltetes Blatt fielen heraus.
»Mein Führerschein ist in der Geldbörse«, sagte Stevie.
Kaz öffnete den Reißverschluss und nahm einen Zwanzig-Dollar-Schein, ein paar Münzen, eine Platin-Kreditkarte und den Führerschein heraus. Kaz musterte ihn. »Stephanie Laura Amelia Sterling. Ziemlicher Zungenbrecher.« Der Führerschein des Bundesstaats Victoria war ein paar Jahre alt, aber auf dem Foto war definitiv Stevie zu erkennen, wenn auch mit längeren Haaren, die sanft ihr Gesicht umspielten.
Stevie schlang die Arme um ihre Mitte. »Beschweren Sie sich bei meinen Eltern. Das sind alles Namen von Vorfahren.«
In Kaz machte sich Erkenntnis breit. »Bist du eine von den Sterlings, denen Sterling Enterprises gehört?« Und das war noch nicht alles. Sie erinnerte sich an noch etwas, was diese Familie betraf, aber im Moment war das nicht wichtig.
»Ja, meine Eltern leiten die Firma.« Ihre Stimme war überraschen ausdruckslos.
Kaz faltete den Zettel auf und überflog den Inhalt. Die E-Mail war kurz, eine Gratulation an Stephanie Sterling, dass sie erfolgreich den Bachelor in Krankenpflege erworben hatte. »Herzlichen Glückwunsch.« Sie schob den Inhalt der Tasche über den Tisch. »Ich glaube deiner Geschichte. Die Frage ist jetzt, was ich mit dir mache.«
»Danke.« Ein Teil der Anspannung löste sich aus Stevies Schulter. »Mir ist klar, dass ich hier störe, aber ich werde versuchen, Ihnen nicht im Weg zu stehen. Sind Sie den ganzen Tag unterwegs?«
»Leider ist es nicht so einfach.« Kaz schloss einen Moment lang die Augen. Was sie zu sagen hatte, würde Stevie sicher nicht gut aufnehmen. »Meiner Schätzung nach wird mein Ausflug ungefähr zehn Tage dauern. Vielleicht auch fünf oder sechs Tage, wenn ich dich bei der nächsten Gelegenheit absetze. Du kannst beim nächsten Funkcheck bestätigen, dass du in Sicherheit bist. Die Funkleiterin, Alana, kann die Nachricht dann weitergeben.«
»Zehn Tage? Ich kann auf keinen Fall so lange wegbleiben.« Stevie erstarrte einen Augenblick lang. »Es tut mir leid, offensichtlich bin ich in Ihren Urlaub geplatzt. Wenn Sie mich wieder in Wallanbindi wieder absetzen können, gehe ich Ihnen nicht länger auf die Nerven.«
»Es könnten weniger sein. Vielleicht fünf oder sechs Tage.«
»Das ist immer noch …« Stevie lächelte angespannt. »Ich kann nicht. Es tut mir leid. Ich würde nicht darauf bestehen, wenn es nicht wichtig wäre.«
Kaz deutete auf die Bank am Tisch. »Warum setzt du dich nicht einen Moment?« Sie wartete, bis Stevie saß, und ging dann die Stufen nach oben. Nach einem aufmerksamen Rundumblick, um sicher zu gehen, dass keine Boote oder Hindernisse im Weg waren, kehrte sie in die Kajüte zurück. Sie nahm ihre Tasse und lehnte sich gegen den Kartentisch, damit sie Stevie besser sehen konnte. »Ich kann dich nicht an der Küste absetzen. Mein Zeitplan erlaubt es nicht. Ich bin schon zu spät von Wallanbindi aufgebrochen und kann keine Zeit mehr erübrigen.«
»Wie weit sind wir von Wallanbindi weg?« Stevie schlug die Hände flehend zusammen. »Sicher dauert es nicht allzu lange, mich zurückzubringen?«
Kaz schnaubte. »Du warst schon länger als zwei Stunden ausgeschaltet, Dornröschen. Und wir haben den Wind im Rücken, weil wir nach Süden segeln. Es könnte fünf Stunden oder länger dauern, um gegen den Wind und die Strömung aus dem Norden zurück nach Wallanbindi zu segeln, und dann muss ich mit den Gezeiten in den Hafen rein und wieder raus. Ich werde keinen Tag verschwenden, um dich abzusetzen.«
»Dann setzen Sie mich am nächsten Hafen raus.«
»Tut mir leid, aber ich habe einen Zeitplan. Ich werde ihn deinetwegen nicht in den Wind schlagen.«
»Ein Umweg von ein paar Stunden muss doch besser sein, als mich zehn Tage lang zu ertragen.«
»Das hier ist keine Verhandlung.« Kaz trank einen Schluck ihres Kaffees. Er war stark, genau wie sie ihn mochte. »Ich bin in keiner Weise verpflichtet, irgendetwas für dich zu tun, außer vielleicht, dich am Leben zu halten.«
Stevie biss sich auf die Lippe. »Ich kann keine zehn Tage hierbleiben.« Ein Hauch von Verzweiflung klang in ihrer Stimme mit.
»Vertrau mir, ich will auch nicht, dass du dabei bist.«
»Wenn das wirklich so wäre, würden Sie mich zurück nach Wallanbindi bringen. Wohin zum Teufel segeln Sie, dass es so wichtig ist?«
Kaz zuckte mit den Schultern. Sie mochte Stevies Geschichte vielleicht glauben, aber im Moment wollte sie ihr nicht mehr erzählen. Sie würde es tun müssen – bald –, aber ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass es Stevie nicht gefallen würde.
»Was, sind Sie eine ASIO-Spionin?« Stevie verengte die Augen.
»Ich glaube nicht, dass mich die australische Sicherheitsbehörde haben will.« Kaz musterte Stevie über den Tisch hinweg. Wie viel sollte sie ihr sagen?
Stevie schüttelte den Kopf. »Ich bitte Sie nicht aus oberflächlichen Gründen. Sie haben die E-Mail in meiner Tasche gefunden, dass ich jetzt examinierte Krankenschwester bin. Auf mich wartet ein Job. In vier Tagen fange ich in einem Altenpflegeheim in Wallanbindi an. Ich darf meinen ersten Tag nicht verpassen.«
Das Blatt sah zerknittert aus, als hätte Stevie es immer wieder rausgeholt, die Zeilen gelesen und es wieder zusammengefaltet.
Eine Krankenschwester. Kaz sah zum Herd, der sanft an seinen Kardanringen hin und her schwang. Das war einfacher als sich Stevies anklagendem Blick zu stellen. Erneut überschlug sie gedanklich die Entfernung, den möglichen Wind, die starken Strömungen, ihre eigene, voraussichtliche Ankunftszeit und ihr Ziel. Die Bilanz war nicht gut. Selbst Stevie an der Küste abzusetzen würde bedeuten, ihren eigenen Zeitplan in Stücke zu schlagen.
»Es tut mir leid, wirklich, aber ich kann dich jetzt nicht zurückbringen.« Sie deutete auf das Funkgerät. »Ich versuche, Alana zu erreichen. Sie kann die Nachricht weitergeben, dass du in Sicherheit bist. Wahrscheinlich kann sie auch deinen Arbeitgeber informieren.«
