Unerwartet. Für immer - Cheyenne Blue - E-Book

Unerwartet. Für immer E-Book

Cheyenne Blue

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Beschreibung

Wenn Liebe einfach alle Regeln bricht. Andi Barrons, erfolgreiche Inneneinrichterin, hat weder Zeit noch Nerven für Kinder und das damit verbundene Chaos – kleine Finger an ihren teuren Arbeitsmaterialien? Nein, danke! Doch als ihre Bekannte Sarah in einen erbitterten Sorgerechtsstreit mit ihren Ex-Schwiegereltern gerät, lässt sich Andi auf eine waghalsige Lüge ein: Sie gibt sich als Sarahs Lebenspartnerin aus. Wie sie in diese Rolle geraten ist, die so gar nicht zu ihrem Leben passt, weiß sie selbst nicht so genau. Aber solange Sarah und Noa, die süßeste Siebenjährige der Welt, ihr Herz nicht erobern, wird schon alles gut gehen. Eine charmante Fake-Relationship-Romanze über unerwartete Wendungen, die Macht der Liebe und den Mut, für das zu kämpfen, was wirklich zählt.

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Seitenzahl: 456

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Von Cheyenne Blue außerdem lieferbar

Widmung und Danksagung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Epilog

Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen

Über Cheyenne Blue

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Von Cheyenne Blue außerdem lieferbar

94 Gaylord Street: Eine Adresse zum Verlieben

Gemeinsam auf den Wellen

So schnell mein Herz schlägt

Girl-Meets-Girl

Ungebunden ins Glück

Neubeginn im Outback

Verliebt im Outback

Eine fast perfekte Hochzeit im Outback

Widmung und Danksagung

Wie immer möchte ich einer Menge Leute danken, die sich die Zeit genommen haben, mir zu helfen, indem sie meinen Text lektoriert, meinen australischen Slang für den Rest der Welt verständlich gemacht, Ungereimtheiten und Tippfehler aufgespürt, juristische Formulierungen verknappt oder meine Worte so angepasst haben, dass sie aus dem Mund einer Achtjährigen stammen könnten. Mein herzlicher Dank geht an KJ (fließend in der Sprache der Achtjährigen), meine wunderbaren Mitstreiterinnen Erin, Sophie, Laure und Not-Happy-Jan (Slang-Knackerinnen, Tippfehler-Sucherinnen und Handlungsfehler-Finderinnen), Ceri (Juristensprech-Entwirrerin) und Marg (herausragende Schlussleserin).

Und natürlich ein großes Dankeschön an Astrid und das Team von Ylva Publishing. Ein besonderer Dank geht an meine Lektorin Alissa, die wieder einmal großartige Arbeit geleistet hat. Vielen Dank auch an alle, die bei Ylva ihren Feenstaub über dieses Buch gestreut haben: beim Umschlagdesign, Lektorieren, Formatieren und vielem mehr.

Dieses Buch ist, wie immer, D. gewidmet.

Cheyenne Blue

Queensland, Australien

Kapitel 1

Ungebetene Gäste

»So entspannt war ich die ganze Woche nicht.« Sarah seufzte zufrieden und lehnte sich mit ihrer Bierflasche nach vorne, um mit ihrer besten Freundin Kristin anzustoßen.

Ihre Freundin Andi prostete ihnen von ihrem Canvas Chair auf der anderen Seite der Veranda aus zu.

»Wie erbärmlich ist es eigentlich, dass Pizza und ein paar Bier auf meiner Veranda der Höhepunkt meiner Woche sind?« Sarah nahm noch einen Schluck aus ihrer Flasche.

Kristin lachte. »Das ›erbärmlich‹ kannst du dir sparen. Wenn ich dir vorschlagen würde, nur für eine Woche dein Leben mit meinem zu tauschen, würdest du schreiend davonlaufen.«

Sarah runzelte die Stirn. »Ach ja?«

Kristin lehnte sich in ihrem Stuhl nach vorne. »Sarah Santoro. Du hast den Wettbewerb ›Escape My Life‹ gewonnen. Dein Preis, solltest du ihn annehmen, ist eine ganze Woche im Luxusleben von Kristin Astuti. Du wirst in Kristins Zweizimmerwohnung im prächtigen Vorort Box Hill mit Panoramablick auf den vierspurigen Maroondah Highway wohnen, die du dir mit ihrem merkwürdigen Mitbewohner und dessen schrecklichem Musikgeschmack teilst. Du pendelst jeden Tag nach Melbourne, um dich in einem beliebigen Zeitarbeitsjob abzurackern. Abends kehrst du nach Hause zurück, isst Takeaway und schaust ›Der Bachelor‹ im Fernsehen, während du von deinem Prinzen träumst … Sorry, deiner Prinzessin. Obwohl, wenn du eine Woche lang mein Leben lebst, bedeutet das dann, dass du einen Prinzen bekommst?«

»Auf keinen Fall. Es sei denn, es ist Jake Gyllenhaal.«

Andi lachte. »Und was springt für dich bei diesem Tauschhandel raus, Kristin?«

Kristin stand auf, eine Hand in die Hüfte gestemmt, die andere reckte die Bierflasche in die Luft. »Das bequeme Leben der Sarah Santoro! Ich werde jeden Morgen von der süßesten Siebenjährigen der Welt geweckt, die auf mein Bett springt und nach Orangensaft verlangt. Dann mache ich Frühstück für Noa und mich und esse es auf dieser Veranda, während ich mit dem Duft von Kaffee in der Nase den Vögeln lausche und dem Gemüse beim Wachsen zusehe. Und wenn Noa zur Schule geht, fahre ich ganze zwei Minuten zu meiner Festanstellung als Assistentin der Geschäftsleitung bei einer der größten Baufirmen in Ringwood.« Kristin dachte kurz nach. »Okay, ich gebe zu, dass der kurze Arbeitsweg verlockend ist, aber dafür hast du wahrscheinlich das undankbarste, frauenfeindlichste Arschloch von ganz Australien als Chef. Aber noch mal: Dein Weg zur Arbeit dauert nur zwei Minuten. Du musst nicht in eine überfüllte Bahn steigen und dreißig Minuten unter der stinkenden Achselhöhle eines Fremden verbringen.«

»Und genau deswegen ertrage ich meinen Chef. Damit ich in Noas Nähe bin.« Sarah nippte an ihrem Bier. »Du hast allerdings recht. Ich würde mein Leben nicht tauschen wollen, nicht mal für eine Minute. Auch wenn das heute mein einziger freier Abend ist, vermisse ich Noa.«

»Wo ist sie denn heute?«, fragte Andi.

»Auf der Geburtstagsparty einer Schulfreundin.« Sarah verzog das Gesicht. »Mit der Mutter möchte ich auch nicht tauschen. Sie muss auf ein halbes Dutzend Kinder aufpassen, ihnen Essen auftischen, das allen schmeckt, sie bei Tränen und Wutanfällen trösten, darauf achten, dass sie nicht zu viel Süßes essen, dafür sorgen, dass sie nicht völlig überdrehen, und sie vor Mitternacht ins Bett bringen.«

»Du wirst noch früh genug die Rolle dieser Mutter übernehmen.« Kristin zwinkerte ihr zu. »Nächsten Monat, wenn Noa Geburtstag hat.«

»Sie hat mir schon gesagt, dass sie reiten gehen will.«

»Viel Erfolg dabei.« Andi streckte ihre langen Beine aus. »Ich bin als Kind geritten – es macht total süchtig. Wenn sie einmal damit anfängt, will sie nie wieder aufhören.«

»Vielleicht nimmt Sarah dich ja mit.« Kristin warf ihr einen unschuldigen Blick zu und setzte sich wieder.

»Richtig. Und vielleicht wirst du die nächste australische Premierministerin.« Andi prostete Kristin grinsend mit ihrem Bier zu. »Ich und Kinder, das ist keine gute Kombi. Noa ist natürlich ein tolles Kind, aber ein ganzer Haufen davon?« Sie erschauderte bei dem Gedanken.

Kristin beugte sich vor. »Mit wem von uns würdest du lieber tauschen, Andi?«

Andi trank einen Schluck Bier. »Ich höre.«

Kristin streckte einen Arm aus. »Andi Barrons, dein Leben steht zum Tausch zur Verfügung. Die Person, für die du dich entscheidest, darf in dein sorgloses, unabhängiges Leben schlüpfen. Die Gewinnerin wohnt in deiner süßen, schrulligen …«

»Minimalistischen«, korrigierte Andi.

»… Einzimmerwohnung direkt neben deiner Werkstatt und deinem Hof. Da du allein lebst, ist deine Lebenstauschpartnerin völlig frei, nackt in deiner Wohnung herumzulaufen, jeden Abend essen zu gehen, anstatt sich mit einem Mitbewohner um den Herd zu streiten oder Fischstäbchen für eine Siebenjährige in den Ofen zu schieben. Außerdem kann sie jeden Abend eine andere Person mit nach Hause bringen, wenn sie das möchte …«

»Du weißt, dass ich das nicht tue.« Andi grinste. »Als Freiberuflerin habe ich dafür keine Zeit.«

»… und spontan nach Bali fliegen. Komplette Freiheit lautet das Motto.«

»Meine Bank wäre damit wahrscheinlich nicht einverstanden«, entgegnete Andi.

»Also, für wen entscheidest du dich?« Sarah lehnte sich gespannt nach vorne, obwohl keine telepathischen Fähigkeiten notwendig waren, um die Antwort zu erraten.

Andis Blick schweifte von Sarah zu Kristin und wieder zurück. »Wie soll ich mich nur entscheiden?«

»Ach, komm schon«, spottete Kristin. »Als ob wir die Antwort nicht schon wüssten! Du würdest viel lieber mit mir tauschen als mit Sarah. Wir wissen, dass du keine Kinder magst.«

»Dein Mitbewohner lässt Hip-Hop laufen, wenn er von der Nachtschicht nach Hause kommt. Das ist ein guter Grund, mit Sarah zu tauschen.«

»Tariq hat mittlerweile Kopfhörer. Manchmal benutzt er sie sogar.«

»Na, wenn das so ist …« Andi tippte mit einem Finger gegen ihre Unterlippe. »Dann würde ich mich für Kristins Leben entscheiden. Der Hip-Hop war ein Ausschlusskriterium, aber wenn Tariq jetzt Kopfhörer hat, dann ist das kein Problem mehr.«

Natürlich. Sarah versuchte, das dumpfe Gefühl in ihrem Magen zu verdrängen. Andi hatte nie einen Hehl aus ihrer Entscheidung gemacht, kinderlos zu bleiben. Für sie wäre ein Kind – selbst ein so liebenswertes und wohlerzogenes wie Noa – eine absolute Katastrophe.

Umgekehrt war es für Sarah daher unmöglich, sich für Andi zu entscheiden. Vor einem Jahr, als Kristin sie zum ersten Mal einander vorgestellt hatte, hatte Sarah zwar überlegt, ob sie vielleicht mehr als nur gute Freundinnen werden könnten. Denn Andi war warmherzig und rücksichtsvoll gegenüber anderen, locker und unkompliziert und mit ihrem Undercut und dem lässigen Overcomb, der ihre dunklen Augen und ihr markantes Gesicht hervorhob, ein echter Hingucker. Aber ihr unbeholfener Umgang mit Noa hatte diesen Gedanken zunichtegemacht, bevor er sich überhaupt hatte entfalten können.

Doch zu hören, dass Andi lieber mit Kristin tauschen würde, führte ihr noch einmal deutlich vor Augen, dass Andi sie nicht auf dem Schirm hatte. Zumindest nicht auf diese Weise.

Sarah rang sich ein höfliches Lächeln ab. Ihr war durchaus bewusst, dass nicht jeder gut mit Kindern konnte. Andi war freundlich zu Noa, aber auf eine gestelzte Art, als wäre Noa eine Außerirdische, die eine Sprache sprach, die Andis Universalübersetzungsgerät nicht bekannt war.

Andis Blick wirkte abwesend, wenn Sarah von dem Kantinenessen in Noas Schule erzählte oder davon, wie schwierig es war, für Noa Klamotten zu kaufen, oder wie weh es tat, wenn Sarah mal wieder nachts barfuß auf herumliegende Legosteine getreten war. Nein, sie und Andi führten komplett unterschiedliche Leben, und Sarah war glücklich über die unkomplizierte Freundschaft, die sie verband.

Sarah streckte ihre Beine auf dem niedrigen Tisch zwischen den Stühlen aus und genoss die Herbstsonne auf ihren Oberschenkeln. Eigentlich mochte sie ihre Beine – vielleicht waren sie ein wenig zu weiß, weil sie nicht genug Sonne abbekamen, und von Cellulite gezeichnet. Doch sie liebte ihre Rundungen und wie sie in Shorts aussah.

Sie wackelte mit den nackten Zehen und genoss kurz die letzten Sonnenstrahlen, bevor sie schwungvoll aufstand. »Noch ein Bier? Und soll ich die Pizzen bestellen?«

»Gern«, sagte Kristin.

»Ein alkoholfreies Bier für mich, bitte«, sagte Andi. »Ich muss noch fahren.«

»Kein Problem.« Sarah ging hinein, um die Getränke aus dem Kühlschrank zu holen und den Pizzaladen anzurufen. Sie brauchte die anderen nicht zu fragen, was sie wollten – sie hatten sich schon so oft getroffen, dass sie die Bestellung auswendig wusste: zwei Familienpizzen – eine Veggie Supreme und eine Capricciosa mit extra Oliven, ohne Sardellen.

Sie kehrte zu den anderen zurück. »Dauert ungefähr zwanzig Minuten.«

Kristin nahm ihr Bier entgegen. »Danke. Ich habe Andi gerade erzählt, dass ich die Katze von nebenan wieder dabei erwischt habe, wie sie in meine Tomatenpflanzen gepinkelt hat. Meinst du, ich kann die Tomaten noch essen?«

»Vielleicht.« Sarah zuckte mit den Schultern. »Man nutzt ja auch Kuhscheiße im Garten – ist Katzenpisse so anders?«

»Ich kann dir einen Drahtzaun für die Pflanzen basteln, damit die Katze nicht mehr reinkommt«, sagte Andi. »Das geht ganz schnell.«

»Das wäre großartig. Entweder geht es so oder ich muss härtere Geschütze auffahren. Neulich habe ich sie mit dem Gartenschlauch nass gespritzt. Sie hat gejault und ist weggelaufen. Bitte macht jetzt keine Witze über feuchte Geschlechtsteile.«

»Das würde mir im Traum nicht einfallen«, sagte Sarah.

Kristin zog ihre Knie auf den Stuhl hoch, um bequemer zu sitzen. »Du wohnst so schön hier, Sarah. Ich wünschte, ich hätte ein Haus und einen Garten statt einer Wohnung und zwei von Katzenpisse durchnässte Tomatenpflanzen auf einer winzigen Terrasse.«

»Ich fühle mich sehr wohl hier.« Sarah nippte an ihrem Bier. »Vielleicht macht mich das alt und langweilig, aber das Gärtnern macht mir echt Spaß. Gemüse, Blumen. Mein Steinmandala. Das hier ist mein Rückzugsort.«

»Mir gefällt es auch.« Andi warf Sarah über ihre Bierflasche hinweg einen eindringlichen Blick zu. »Du hast es dir hier wirklich nett gemacht.«

»Sag das mal Noa.« Sarah seufzte. »Sie will eine Schaukel in der Ecke da, einen Sandkasten und eine Rennstrecke für ihr Fahrrad. Damit wäre das hier kein so idyllischer Ort mehr.«

»Ich dachte, Cait wollte eine Schaukel aufstellen«, sagte Kristin. Ihr dunkles Haar war nach vorne gefallen und verdeckte so einen Teil ihres hellbraunen Gesichts.

Sarahs Lippen zuckten. Ihre Ex-Frau hatte Kristin nie gemocht, weil sie sie für oberflächlich und unverantwortlich hielt, und Kristin hatte davon Wind bekommen.

»Das macht sie noch«, sagte Sarah beschwichtigend. »Aber sie ist erst in einem Jahr wieder in Australien. Bis dahin will ich Noa eine Schaukel beim Discounter kaufen. Sie wird schon bald zu groß dafür sein, es macht also keinen Sinn, viel Geld auszugeben.«

Kristin schürzte die Lippen, als wollte sie dem noch etwas hinzufügen.

»War das die Türklingel?« Andi neigte den Kopf zur Seite. »Die Pizza ist aber früh dran.«

Sarah sprang auf und merkte, wie erleichtert sie über die Unterbrechung war. Sie verteidigte Cait nicht gern vor Kristin, wenn die schnippisch wurde. »Ich hole die Teller«, sagte sie zu Andi. »Kannst du bitte die Tür aufmachen? Das Geld liegt auf der Anrichte im Flur.«

»Kein Problem.« Andi entfaltete ihre langen Gliedmaßen, stand auf und schlenderte mit der Anmut einer großen Raubkatze ins Haus und den Flur hinunter.

Sarah folgte ihr bis in die Küche, wo sie Teller, Servietten und Chilisoße aus dem Schrank holte. An der Eingangstür waren Stimmen zu hören. Andis Stimme und die einer anderen Frau. Sarah runzelte die Stirn. Die Stimme klang … vertraut. Verwirrung machte sich in ihr breit. Sie holte tief Luft und ging zum Flur.

»Wenn Sie mir Ihre Namen nicht nennen, kann ich Sarah nicht sagen, dass Sie hier sind.« Andi hatte einen Arm gegen den Türrahmen gestützt und blockierte so die Tür. Ihr schlaksiger Körper schien einige Zentimeter größer geworden zu sein und ihre Stimme klang verärgert. »Also werde ich Ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen und Sarah ausrichten, dass zwei Leute hier sind, die mir ihre Namen nicht sagen, aber mit ihr sprechen wollen. Hab ich das so richtig verstanden?«

»Ich könnte Sie auch fragen, was Sie in Sarahs Haus machen.« Die Stimme der Frau hatte eine Arroganz an sich, die Sarah nur zu gut kannte.

Sie ging auf Andi zu und berührte kurz ihren Arm, damit sie ihn senkte. »Guten Abend, Rosalind und Lionel. Ich habe euch gar nicht erwartet.« Zu Andi sagte sie: »Ist schon okay, das sind Caits Eltern.«

Andi runzelte die Stirn. »Wenn Sie sich vorgestellt hätten, wäre ich höflicher gewesen. Entschuldigen Sie bitte.« Sie drehte sich um, um ins Wohnzimmer zurückzugehen.

Sarah versuchte, mit einem Lächeln die leise Beunruhigung darüber zu überspielen, dass die beiden unangemeldet vorbeigekommen waren. Die Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf. Rosalind hatte ein schmales Gesicht und starrte sie unter schweren Lidern hervor an. Ihre Mundwinkel waren wie üblich zu einem Ausdruck der Missbilligung nach unten gezogen, aber diesmal steckte mehr dahinter. Rosalinds Blick war … prüfend. Hinter ihr trat Lionel von einem Fuß auf den anderen und wirkte, als wäre er lieber zu Hause in ihrer Villa in Hawthorn mit einem großen Gin Tonic in der Hand. Sarahs Lippen zuckten kurz, weil sie wahrscheinlich gerade Lionels Gedanken gelesen hatte, bevor sie einen neutralen Gesichtsausdruck aufsetzte. Und Rosalind … Normalerweise war sie freundlich, aber gerade wirkte sie so gereizt, als hätte sie es nicht mehr nötig, höflich zu sein.

Reflexartig griff Sarah nach Andis Hand. »Bitte bleib«, flüsterte sie.

Andis Finger zuckten, als ob sie sich losreißen wollte, und Sarah drückte fester zu. Rosalinds Blick verhieß nichts Gutes und machte sie nervös.

Andi trat wieder näher und schwieg.

»Wie schön, euch beide zu sehen«, log Sarah, »aber es ist gerade etwas unpassend. Vielleicht können wir für morgen etwas ausmachen?«

»Gar kein Problem«, sagte Rosalind. »Wir wollen euch auch nicht weiter aufhalten. Wir sind nur gekommen, um Noa zu besuchen.«

Sarah runzelte die Stirn. »Ich kann mich nicht erinnern, dass das abgesprochen war. Sie ist nicht hier, sie übernachtet bei einer Freundin.«

»Wenn du uns die Adresse gibst, werden wir sie dort besuchen«, sagte Rosalind.

Neben ihr versteifte sich Andi. Sarah warf ihr einen Blick zu. An ihrem Kiefer zuckte ein Muskel.

»Nein«, sagte Sarah. »Noa ist bei ihren Freundinnen. Sie freut sich schon seit Tagen auf diese Geburtstagsfeier. Ihr sagt doch sonst immer vorher Bescheid, wenn ihr sie sehen wollt.«

Rosalinds Lächeln war unterkühlter als die Gefrierabteilung im Supermarkt. »Wir sind ihre Großeltern. Wir sollten keinen Termin vereinbaren müssen wie beim Zahnarzt.«

»Das macht es aber einfacher. Damit ihr die Fahrt nicht umsonst auf euch nehmt.« Wie jetzt.

»Cait hat es nie gestört, wenn wir spontan vorbeigeschaut haben.«

»Das hat sich geändert, als Cait und ich uns getrennt haben. Ich habe darum gebeten, dass du vorher anrufst, und es wäre schön, wenn du das auch tust.« Sarah biss die Zähne zusammen. Rosalind kannte ihre Abmachung, an die sie sich bisher immer gehalten hatte. Warum wollte sie daran plötzlich etwas ändern? »Es tut mir leid, dass ihr umsonst hergekommen seid.«

»Wir versuchen nur zu helfen, Sarah, Liebes.« Für einen Moment wurde Rosalinds Blick sanfter. »Du hast es nicht leicht, so ganz allein mit Noa. Als Cait dich verlassen hat …«

»Wir haben uns einvernehmlich getrennt.«

»… habt ihr euch auf ein gemeinsames Sorgerecht geeinigt. Jetzt, da Cait in Afrika ist, bist du ganz auf dich allein gestellt. Das ist bestimmt nicht leicht. Du arbeitest in Teilzeit für wenig Geld und hast niemanden, der dir hilft. Deine Eltern leben doch noch in Italien, oder? Wir können dir diese Hilfe bieten. Wir sind Noas Blutsverwandte. Du bist nur ihre Adoptivmutter.«

»Danke für eure Anteilnahme, aber Noa und ich brauchen keine Hilfe.« Sarah brachte die Worte kaum über die Lippen. Wie konnte Rosalind das sagen? Nur Noas Adoptivmutter? Rosalind wusste genau, dass Sarah auch in Noas Geburtsurkunde eingetragen war. »Cait zahlt seit jeher Unterhalt. Mehr, als sie muss. Noa hat alles, was sie braucht.«

»Aber nicht alles, was sie will. Meiner Enkelin soll es an nichts fehlen.«

»Wir wollen sie nicht zu sehr verwöhnen. Sie wird so erzogen, wie Cait und ich es vereinbart haben: Sie soll Geld zu schätzen lernen und sich das, was sie will, selbst erarbeiten. Sie hat alles, was sie braucht, und sie hat die Liebe einer Mutter: meine.«

»Du tust, was du kannst, das weiß ich, aber da Cait nicht da ist, halten wir es für das Beste, wenn wir uns mehr um euch kümmern. Mehr Zeit mit Noa verbringen.«

Irgendetwas stimmt hier nicht. In Sarahs Kopf schrillten die Alarmglocken los. Rosalinds sorgfältig gewählten Worte enthielten eine versteckte Drohung – da war sie sich sicher. Normalerweise war Rosalind nicht so aufdringlich. Im Gegenteil: Bisher hatte sie sich eher zurückgehalten. Ein unberechenbares Kind passte nicht in ihr akribisch geplantes Leben.

Sarah spürte, wie ihre Hand in Andis zitterte. Sie überkam eine solche Übelkeit, dass sie fürchtete, sie könnte sich auf Rosalinds polierte Lederschuhe übergeben. Kristin war den Stimmen in den Flur gefolgt und stand nun neben ihnen, die Hände auf Sarahs Schultern gelegt.

Ihre Berührung gab Sarah genug Selbstvertrauen, um zu antworten. »Das könnt ihr natürlich gern tun. Vielleicht wollt ihr morgen Nachmittag vorbeikommen und zum Abendessen bleiben?«

»Ein Kind braucht zwei Elternteile.« Rosalind klang nun beschwichtigend und ihr Blick schweifte zu Kristin.

»Sie hat zwei Elternteile: mich und Cait.«

»Es wäre etwas anderes, wenn du eine Partnerin hättest, Sarah. Aber wie kannst du Noa mit deinem Teilzeitjob die Aufmerksamkeit schenken, die sie braucht? Wir versuchen nur zu helfen.«

»Sie geht in die Schule.«

»Und wer holt sie von der Schule ab? Sie ist zu jung, um auf sich allein gestellt zu sein. Sei doch vernünftig. Noa kann bei uns übernachten – vielleicht unter der Woche, während du arbeitest.«

»Danke, aber Noas Schule und ihre Freundinnen sind hier in der Nähe.«

»Damit würden wir zurechtkommen.« Rosalind winkte die Bemerkung mit einer Hand ab. »Schließlich muss ich ja nicht arbeiten.«

Sarah lief es eiskalt den Rücken runter und ihre Haut fing an zu kribbeln. Rosalind wollte Noa haben. Aus Gründen, die Sarah nicht verstand, versuchte Rosalind, die Kontrolle über ihr Enkelkind zu erlangen. Sarahs Nacken versteifte sich, als wäre er aus Stahl, und sie holte tief Luft. Das würde sie nicht zulassen. Koste es, was es wolle.

Sie atmete abermals tief durch und dann noch einmal in dem Versuch, die panischen Gedanken aus ihrem Kopf zu verdrängen. Sie machte aus einer Mücke einen Elefanten. Rosalind und Lionel waren mit ihren vierzehntägigen Besuchen bei Noa immer zufrieden gewesen. Sie gingen mit ihr in den Park oder unternahmen etwas zusammen und brachten sie meist vor der vereinbarten Zeit nach Hause zurück. Sie hatten noch nie um mehr Zeit mit Noa gebeten und manchmal sogar einen Besuch ausfallen lassen. Warum sollten sie plötzlich das Chaos in ihrem geordneten Leben wollen, das ein Kind ihres Alters mit sich brachte?

»Noa kann euch natürlich gern öfter besuchen«, sagte Sarah. »Aber an Schultagen ist immer viel los. Warum sprechen wir nicht morgen in Ruhe darüber?«

Rosalind lächelte schmal, während der Rest ihres Gesichts unbewegt blieb. »Wir versuchen doch nur, dir unter die Arme zu greifen, während Cait weg ist.« Sie zuckte mit ihren knochigen Schultern. »Lionel und ich machen uns Sorgen um dich. Wenn du eine Partnerin hättest, die dich unterstützt, sähe alles ganz anders aus.«

Andi räusperte sich laut. »Sarah hat eine Partnerin.« Sie hob ihre Hand, die immer noch Sarahs festhielt. »Mich.«

Sarah hielt ihr überraschtes Keuchen zurück. Zusammen mit ihrem wild pochenden Herzen schnürte es ihr die Kehle zu. Wie um alles in der Welt konnte Andi das behaupten? Sicher würde sie jeden Moment zu lachen anfangen, Sarahs Hand loslassen und sagen, dass das nur ein Scherz gewesen war. Ein Spannungskopfschmerz machte sich an ihrer Schädelbasis breit.

»Sie?« Rosalind reckte das Kinn und starrte Andi von oben herab an.

»Mich.« Andi führte ihre verschränkten Hände an ihre Lippen und küsste Sarahs Handrücken. Die Berührung ihrer Lippen war warm. »Als Sarahs Partnerin hole ich Noa von der Schule ab und passe auf sie auf, bis Sarah nach Hause kommt.« Andis Stimme war rau und kräftig und sie drückte Sarahs Hand ganz fest.

Hinter ihnen keuchte Kristin leise und krallte die Finger stärker in Sarahs Schultern.

Sarah hatte plötzlich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Was zum Teufel hatte Andi getan? Sie zwang ihr Gesicht zu einem, wie sie hoffte, entspannten Lächeln und legte einen Arm um Andis Taille, wobei sie ihre Finger in Andis Gürtel einhakte, als würde sie das jeden Tag machen. »Also, Rosalind, wie du siehst, gibt es nichts, worüber du dir Sorgen machen musst. Andi unterstützt mich, und Noa wird von zwei Menschen umsorgt, die sie lieben.«

Sarahs Spannungskopfschmerz steigerte sich zu einem dumpfen Hämmern. Oh Gott! Wie soll es jetzt nur weitergehen?

Kapitel 2

Howdy, Partnerin

»Sarahs Partnerin?« Wäre Rosalinds Stirn zu einer Bewegung fähig gewesen, hätte sie sie mit Sicherheit in skeptische Falten gelegt. Offensichtlich wurde die Frau nur von Botox zusammengehalten.

»Ja, ihre Partnerin.« Andi legte ihren Arm um Sarahs Taille, sodass sie ganz nah beieinanderstanden, und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, genau auf die Stelle, an der eine weiße Strähne aus Sarahs sonst braunem Haar blitzte. Sarahs Hand zitterte an Andis Hüfte. Kein Wunder. Rosalind war wirklich Furcht einflößend. Nur nicht für Andi. Sie presste die Lippen zusammen. Es würde schon mehr als diese arrogante Frau brauchen, um sie aus dem Konzept zu bringen. »Vielleicht möchten Sie sich mir jetzt vorstellen.«

»Rosalind und Lionel Bancroft. Von den Oxford Bancrofts.«

Hielt sie diese Information wirklich für beeindruckend? Fand sie die Abstammung einer Person wichtiger als das, was sie aus sich gemacht hatte? Doch bei diesem Spiel konnte Andi locker mithalten. »Andi Barrons. Von den Polks Hill Barrons.«

Wieder versuchte Rosalind, die Stirn zu runzeln. Sollte sie doch versuchen, diese Aussage zu überprüfen. Andi blickte zu Lionel hinüber. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Lionel. Können Sie sprechen?«

»Ja, das kann er«, schnappte Rosalind. »Sarah, du hättest uns sagen müssen, dass du eine Freundin hast.«

»Ich wüsste nicht, was euch das angeht«, sagte Sarah. »Rosalind, ich möchte nicht unhöflich sein, aber ihr stört unseren gemütlichen Abend. Warum reden wir nicht morgen weiter?«

Rosalind trat einen Schritt zurück. »Wir melden uns.«

»Natürlich. Sie sagen uns sicher vorher Bescheid, wenn Sie Zeit mit Noa verbringen wollen.«

Andi legte einen Arm um Sarahs Schultern und zog sie wieder näher zu sich. Sarah schmiegte sich perfekt an ihre Seite und ihr Körper fühlte sich angenehm warm an. Ihre steifen Schultern verrieten, wie angespannt sie war.

Rosalind drehte sich um und marschierte die Stufen, die zur Haustür führten, hinunter. Am Treppenabsatz drehte sie sich kurz um. »Komm mit, Lionel.«

Mit einem angedeuteten Achselzucken drehte sich Lionel um und folgte ihr.

Am Gartentor drängten sie sich an dem Lieferfahrer vorbei, dem dabei fast die Pizzen aus der Hand gefallen wären.

Er ging zur Haustür und reichte Andi die Pizzaschachteln. »Da hatte es aber jemand eilig.« Er nickte mit dem Kopf zu Rosalind und Lionel, die in ihrem Mercedes davonfuhren.

»Ja. Tut mir leid, dass sie so unhöflich waren.« Kristin holte das Geld von der Kommode im Flur. »Danke.« Sie nahm Andi die Pizzen ab und machte sich auf den Weg zurück in die Küche. »Ich kümmere mich darum.«

Sarah starrte auf die geschlossene Haustür. »Ich kann nicht glauben, was da gerade passiert ist.« Sie schaute Andi an. »Und noch weniger kann ich glauben, dass du das für mich getan hast.«

»Gern geschehen. Es war keine große Sache, aber hoffentlich sind sie jetzt nicht mehr so aufdringlich.«

Sarah massierte sich den Nacken mit den Fingerspitzen. »Ich dachte … Es wirkte so, als wollten sie Noa mitnehmen. Mehr Zeit mit ihr verbringen – bei ihnen zu Hause. Aber ich weiß nicht, warum. Sie hat bisher erst einmal bei ihnen übernachtet, als sie drei Jahre alt war. Sie sollte eigentlich drei Nächte bleiben, aber in der ersten Nacht hat sie so sehr geweint, dass Rosalind sie zurückgebracht hat. Cait und ich mussten unseren Wochenendausflug absagen. Seitdem haben sie nur noch kurze Besuche vereinbart.« Sarah presste ihre zitternde Faust gegen ihren Mund. »Warum wollen sie jetzt plötzlich mehr an Noas Leben teilhaben?« Sie starrte Andi aus feuchten hellbraunen Augen an. »Sie werden sie mir wegnehmen.« Tränen liefen ihr über die Wangen.

Eine Welle des Mitgefühls überkam Andi, und sie verspürte das Verlangen, Sarah in die Arme zu nehmen. Es war nicht richtig, dass sie sich allein mit Caits Eltern herumschlagen musste. Sarah war eine großartige Mutter – Noa war der beste Beweis dafür. »Das weißt du doch gar nicht. Vielleicht wollen sie dich wirklich nur etwas mehr unterstützen, während Cait weg ist.« Aber selbst in ihren Ohren hörte sich das falsch an. Eine leise Vorahnung krabbelte über ihren Rücken wie eine Kolonie Ameisen. Im Moment war es jedoch besser, Sarah zu beruhigen. »Vielleicht haben wir sie vergrault.«

Sarah stieß ein Lachen aus. »Du kennst Rosalind nicht. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, bekommt sie es auch.« Sarah berührte mit der Hand Andis Unterarm, wo sich ein schwarz-graues Sleeve-Tattoo bis zu ihrem Handgelenk hinunterzog. »Danke für deine Unterstützung. Eigentlich dachte ich, alleinerziehend zu sein, wäre inzwischen fast normal, aber Rosalind ist da offensichtlich anderer Meinung.«

»Kein Problem, ehrlich.« Andi legte einen Moment lang ihre Hand auf Sarahs. »Das hab ich gern gemacht.«

»Das war nicht selbstverständlich.« Sarah schluckte. »Ich danke dir. Wirklich.«

»Pizza!«, rief Kristin aus der Küche.

Mit einem letzten Blick auf Andi kehrte Sarah in den hinteren Teil des Hauses zurück.

Andi folgte ihr. Was genau hatte sie überhaupt getan? Als sie die Tür geöffnet und Rosalind sie angestarrt hatte, als wäre sie Abschaum, bevor sie nach Sarah gefragt hatte, hatten sich ihre Nackenhaare schneller aufgestellt als die eines Pitbulls. Rosalinds Blick war über Andis Kurzhaarschnitt, das lässige Tanktop und die Tattoos auf ihrem Arm zu ihren abgetragenen Baumwollshorts und den nackten Füßen gewandert, ehe sie ihr wieder ins Gesicht gesehen hatte. Wie voreingenommen konnte man eigentlich sein? Rosalinds Reaktion brachte alle möglichen Erinnerungen zurück – und keine davon war besonders angenehm.

Dass sie sich als Sarahs Partnerin ausgegeben hatte, stellte für Andi kein Problem dar. Sarah liebte ihr Kind, das war offensichtlich, und das war Grund genug gewesen, ihr aus der Bredouille zu helfen.

Es war keine große Sache gewesen und noch dazu äußerst befriedigend. Damit hatte sich das Ganze hoffentlich erledigt.

~ ~ ~

Andi fuhr mit Kristin auf dem Beifahrersitz auf dem Maroondah Highway in Richtung Box Hill. Es war erst zehn Uhr, aber nach Rosalinds und Lionels unerwartetem Erscheinen war Sarah in Gedanken gewesen. Daher war Andi froh gewesen, als Kristin vorgeschlagen hatte, nach Hause zu fahren.

»Das war echt toll, was du für Sarah getan hast.« Kristin stützte einen Ellbogen in das offene Fenster und schaute rüber zu Andi. »Dich als ihre Partnerin auszugeben.«

Andi konzentrierte sich auf die Straße. »Ach, das war doch kein großes Ding. Wenn sie dadurch die hochnäsige Bitch losgeworden ist, dann war es das wert.«

»Darauf würde ich nicht wetten.«

Andi warf ihr einen Blick zu. »Wie meinst du das?«

Kristins Augen funkelten düster. »Ich bin nicht der größte Fan von Cait. Als sie und Sarah zusammengekommen sind, dachte ich nicht, dass es lange halten würde. Cait schien … irgendwie in einer anderen Liga zu spielen.«

»Was meinst du damit? Sarah ist sehr attraktiv, auf eine süße Art und Weise.« Eigentlich auf eine weibliche Art und Weise, aber sie wusste nicht, ob Kristin das verstehen würde.

»Oh, bitte, Sarah ist umwerfend. Ich habe nicht ihr Aussehen gemeint.« Sie blickte Andi mit zusammengezogenen Augenbrauen an. »Cait ist eine Überfliegerin. Sie hat als Ärztin ruckzuck Karriere gemacht, hat im Krankenhaus die Leitung der Notaufnahme übernommen und dann hat man ihr eine Festanstellung angeboten. Sie ist karriereorientiert und damit auch sehr erfolgreich. Und Sarah ist das eben nicht. Sie ist glücklich mit ihrem Leben, kümmert sich um Noa, arbeitet Teilzeit in einem normalen Job und lebt in dem alten Haus, das sie nach der Trennung von Cait gekauft hat. Sie ist zufrieden mit dem, was sie hat. Ich glaube, Cait wird immer rastlos sein. Und obwohl Cait diejenige ist, die Noa auf die Welt gebracht hat, war Sarah von Anfang an Noas wichtigste Bezugsperson.«

»Warum hat Cait eigentlich die Schwangerschaft übernommen?«

Kristin saugte an ihrer Unterlippe. »Cait sammelt Erfahrungen wie andere Leute Star-Wars-Figuren. Ich glaube, die Geburt war eine solche Erfahrung. Sarah sagte, selbst als Cait in den Wehen lag, hat sie das Geschehen analysiert, als würde sie einen Dokumentarfilm drehen. Dann war sie froh, als sie so früh wie möglich wieder arbeiten gehen konnte, und Sarah in Elternzeit gegangen ist.«

»Hatte Cait anfangs viel mit Noa zu tun?«

»Sie liebt sie, daran gibt es keinen Zweifel. Und sie hat auch Sarah geliebt. Sie waren eine großartige Familie, die eine Zeit lang sehr eng war. Aber irgendwann hat sich das geändert.« Kristin zuckte mit den Schultern. »Sie sind aber Freundinnen geblieben.«

»Meinst du, Cait könnte ihre Eltern zu Sarah geschickt haben?«

»Das bezweifle ich. Auch wenn ich kein großer Fan von Cait bin, glaube ich nicht, dass sie Sarah so etwas antun würde. Cait hatte nie ein enges Verhältnis zu ihren Eltern. Vielleicht ist das Teil des Problems. Sie ist ein Einzelkind, und da sie gerade im Ausland ist, versucht Rosalind, sich an Noa zu klammern. Aber wir können spekulieren, so viel wir wollen, nicht wahr?«

Andi ließ sich das durch den Kopf gehen. Sarah war Kristins beste Freundin. Es gab sicher einiges, das sie ihr verschwieg.

Andi drosselte die Geschwindigkeit und bog in Kristins quadratisch angelegten Wohnblock ein, in dem braune Ziegelsteine dominierten. In ihrer Wohnung im Erdgeschoss brannte kein Licht. »Sieht so aus, als wäre Tariq nicht zu Hause.«

»Nachtschicht. Abgesehen vom Hip-Hop ist er eigentlich der perfekte Mitbewohner.« Sie beugte sich vor, um Andi einen Kuss auf die Wange zu geben. »Danke fürs Fahren. Das nächste Mal bin ich dran.«

»Kein Stress. Mach das Licht einfach an, sobald du drinnen bist.«

Kristin nickte, sprang aus dem Truck und schlug die Tür zu.

Andi wartete, bis in der Wohnung das Licht anging, und fuhr dann langsam zurück auf den Highway. Ihr großzügiger Hof und ihr kleiner Laden mit der Wohnung befanden sich ein paar Kilometer weiter in einer Seitenstraße. Sie öffnete das Tor mit der Fernbedienung, fuhr das Auto in den Schuppen und parkte es nur wenige Zentimeter vor einem Stapel Farbdosen.

In ihrer Einzimmerwohnung angekommen, ließ sie ihre Autoschlüssel auf die Küchenbank fallen und goss sich ein großes Glas Wasser ein. Beim Trinken schaute sie auf ihren Hof hinaus, auf die Holzstapel, Arbeitsböcke und Leitern an der Seitenwand. Selbstständig zu sein, hatte viele Vorteile, unter anderem konnte sie sich ihre Arbeitszeit selbst einteilen. Einen Moment lang fragte sie sich, wie Sarah es aushielt, ständig nach der Pfeife ihres Arschlochs von Chef tanzen zu müssen.

Sarah. Die Erinnerung an Sarahs Hand in ihrer weckte in ihr die Sehnsucht nach mehr. Wenn sie ausgerechnet auf Sarah so reagierte, war es wohl Zeit, in eine ihrer Lieblingsbars zu gehen und sich nach etwas Gesellschaft für eine Nacht umzusehen. Vielleicht morgen.

Nach einer schnellen Dusche ging Andi ins Bett. Sie streckte ihren nackten Körper aus, genoss das Gefühl der weichen Laken und der festen Matratze und nahm dann ihren Krimi vom Nachttisch. Zeit herauszufinden, wer der Mörder war.

Kapitel 3

Marmeladenkekse

»Guten Morgen, Sarah, hier ist Rosalind. Lionel und ich würden Noa heute Nachmittag gern besuchen. Wäre das möglich?«

Sarah umklammerte das Handy, ihre Finger begannen zu schwitzen. Rosalinds Stimme war überaus höflich, die Frage absolut legitim. Doch in Anbetracht des gestrigen Abends meldete sich Sarahs Spidey Sense. Sie sah zu Noa hinüber, die am Esstisch saß und Ponys mit Regenbogenmähnen und -schwänzen malte. Konzentriert fuhr sie sich dabei mit der Zunge über die Oberlippe. Sie hatten am Nachmittag nichts vor; es gab also keinen Grund, Nein zu sagen – und sie hatte es gestern angeboten.

»Ja, natürlich. Das wird Noa freuen.« Sie kreuzte ihre Finger ob dieser leichten Übertreibung. »Passt euch so gegen drei?«

»Ja, das passt. Vielleicht hat Noa Lust, in den Park zu gehen?«

»Frag sie am besten, wenn ihr hier seid. Wollt ihr zum Abendessen bleiben?«

»Danke, Sarah, aber abends müssen wir wieder zu Hause sein.« Rosalind hielt kurz inne.

»Wir freuen uns darauf, deine Freundin wiederzusehen. Andi, nicht wahr?«

Sarahs Vorahnung hatte sich gerade bestätigt. Verdammt! Wie sollte sie aus dieser Sache wieder rauskommen? »Ich bin mir nicht sicher, was sie heute Nachmittag vorhat. Vielleicht hat sie … Fußballtraining.« Sie schloss die Augen.

»Oh, das ist aber schade. Vielleicht kann sie es ja einmal ausfallen lassen?«

»Ich werde sie fragen, aber ich kann nichts versprechen. Wir sehen uns um drei.« Sie beendete das Telefonat und blieb einen Moment sitzen. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihrer Brust breit.

Sie setzte ein Lächeln auf und ging zu Noa hinüber. »Die Ponys sind aber schön. Haben sie auch Namen?«

Noa nickte, ohne von ihrer Zeichnung aufzusehen. »Das blaue heißt Sky, das gelbe Wiggle und das schwarze Neo.«

»Neo?«

»Wir haben gestern Abend bei Mia ›Matrix‹ gesehen. Da spielt ein Neo mit.«

»›Matrix‹?« War das nicht eher ein Film für Teenager? »Wer hat den Film ausgesucht?«

»Jasper, ihr großer Bruder.« Noa rümpfte die Nase. »Ich fand ihn nicht so gut.«

»Stimmt.« Sarah unterdrückte ein Lachen. Zum Glück hatte Noa das nicht in Rosalinds Gegenwart erzählt. Sie atmete tief durch. Sie hätte sich einen eindeutigeren Grund ausdenken sollen, warum Andi nicht zu Hause sein würde. Aber dann wäre Rosalind sicher ein anderes Mal vorbeigekommen – vielleicht sogar unangekündigt. Wenn es für Andi okay wäre, könnten sie das Treffen heute einfach hinter sich bringen, um Rosalind zufriedenzustellen. Sie kaute auf ihrer Unterlippe. Es war toll, dass Andi ihr so spontan aus der Patsche geholfen hatte, aber jetzt hatten sie den Salat. Sarah war sich sicher, dass Andi nicht weiter darüber nachgedacht hatte, als sie sich als ihre Partnerin ausgegeben hatte. Wahrscheinlich war ihr nicht klar gewesen, dass Sarah sie irgendwann bitten könnte, vorbeizukommen, um die Fassade vor Rosalind aufrechtzuerhalten. Aber es war Noa zuliebe, und was hätte sie sonst tun können? Sie nahm ihr Handy, ging auf die Veranda hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Sie wählte Andis Nummer. Bitte, bitte heb ab.

»Hi, Sarah.« Andis tiefe Stimme erklang am anderen Ende. »Wie geht’s?«

»Gut.« Lügnerin. Sarah zögerte. Höflichkeiten austauschen oder gleich zur Sache kommen? »Wobei, eigentlich nicht so gut. Kannst du mir einen großen Gefallen tun?«

Für einen Augenblick herrschte Stille. »Du kannst mich gern fragen. Aber ich kann nicht Ja sagen, bevor ich nicht weiß, um was es geht.«

Sarah warf einen Blick auf die geschlossene Tür. Durch das Glas konnte sie Noa sehen, die sich konzertiert über ihre Zeichnung beugte. »Rosalind hat angerufen. Sie und Lionel kommen heute Nachmittag vorbei. Um Noa zu sehen, sagt sie, aber sie erwartet auch, dass du hier bist.«

»Oh.«

Sarah saugte an ihrer Unterlippe, während sie auf Andis Antwort wartete. »Ich habe ihr gesagt, dass du vielleicht beim Fußballtraining bist«, sagte sie, als das Schweigen zu lange dauerte.

»Fußball?« Andi klang amüsiert. »Ich spiele Hockey.«

»Kannst du vorbeikommen? Nur für ein paar Minuten?«

»Ja, das bekomme ich schon hin. Um wie viel Uhr?«

Andi klang nicht gerade begeistert – und wer könnte ihr das verübeln? –, aber sie hatte zugestimmt. Sarah wurde von einer so starken Welle der Erleichterung erfasst, dass sie beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. »Sie kommen um drei. Aber wenn du etwas früher hier sein könntest, können wir uns kurz absprechen, was wir ihnen erzählen wollen. Wir müssen uns eine Geschichte zurechtlegen. Wie lange wir schon zusammen sind und so weiter.«

»Okay. Wie wäre es mit halb drei? Reicht das?«

»Ich hoffe es.« Sarah seufzte. »Und Noa wird natürlich auch hier sein. Ich habe noch keine Ahnung, was ich ihr sagen soll.«

»Vielleicht musst du ihr gar nichts sagen. Aber können wir das besprechen, wenn ich da bin?«

»Klar. Und Andi … danke.«

»Kein Ding.«

Andi legte auf, und Sarah starrte auf ihr Handy, während sich die Angst wie ein Spinnennetz durch ihren Körper zog.

~ ~ ~

Zum hundertsten Mal schaute Sarah auf ihr Handy. 14:45 Uhr und kein Zeichen von Andi. Sie trommelte mit den Fingern auf ihrer Handyhülle. Sollte sie anrufen? Wenn Andi jedoch just in diesem Moment in ihre Straße einbog, würde sie sich wie die ängstlichste Mutter aller Zeiten vorkommen. Andi war da ganz anders. Sie war direkt und unverblümt und schien niemals Angst zu haben. Bei jedem Atemzug strahlte sie pures Selbstvertrauen aus – wie sie einen Raum betrat oder auch einfach nur dastand, mit in die Hüften gestemmten Händen, die Tattoos auf ihrem Arm gut sichtbar, ein grimmiger Ausdruck auf ihrem hübschen Gesicht.

Außerdem musste Sarah noch mit Noa sprechen. Sie hatte gedacht, dass es ihr leichter fallen würde, wenn Andi dabei wäre, aber das war wohl keine Option mehr.

Noa stand in der Küche und drückte ihren kleinen Daumen in den noch rohen Keksteig, den sie zusammen vorbereitet hatten. »Fertig.« Sie strahlte Sarah mit ihrem zahnlosen Lächeln an. »Kann ich jetzt die Marmelade drauf tun?«

»Klar. Denk dran, die sind für Nana und Poppi. Sie kommen bald.«

»Mögen sie rote Marmelade?«

»Ganz bestimmt.« Sarah nahm die Himbeermarmelade aus dem Kühlschrank. »Nicht zu viel, sonst verbrennt sie.«

»’kay.« Noa gab vorsichtig einen Teelöffel Marmelade auf das erste Plätzchen.

Die Hälfte davon lief an der Seite hinunter.

Sarah biss sich auf die Unterlippe. Ein verbrannter Marmeladenkeks war nichts im Vergleich zu der Shitshow, die ihr bevorstand.

»Ist der erste Keks für mich?«

Sarah drehte sich um. Andi stand vor der Tür zur Veranda. Erleichtert schloss Sarah die Augen.

Noa drehte sich zu Andi um und der zweite Marmeladenklecks landete auf der Arbeitsplatte. »Hi, Andi. Du kannst den zweiten Keks haben. Mummy bekommt den ersten.«

»Cool.« Andi winkte ihr unbeholfen zu und ging zu Sarah hinüber. »Tut mir leid, dass ich spät dran bin. Ich dachte, ich ziehe mich besser um, um unsere Geschichte zu untermauern.« Sie deutete auf ihre Kleidung: ein Sportoberteil und ein Skort, dicke Socken und Hockeyschuhe. »Meine Hockeysachen, aber ich bezweifle, dass Rosalind den Unterschied zwischen Fußball- und Hockeykleidung kennt.«

»Danke dir. Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Komm mit nach draußen, dann können wir uns kurz absprechen.«

Während Noa den Küchenblock mit Marmelade besprenkelte, stieg Sarah von der Veranda hinunter und ging Andi voraus zu den Hochbeeten am Ende des Gartens. »Lange Ohren.« Sie nickte in Noas Richtung. »Sie werden in zehn Minuten hier sein, und ich habe noch nichts zu ihr gesagt. Ich war mir nicht sicher, ob du noch kommst. Wahrscheinlich ist es am besten, wenn wir uns so weit wie möglich an die Wahrheit halten: Wir haben uns vor einem Jahr über Kristin kennengelernt. Das stimmt ja auch. Seitdem sind wir ein Paar. Und du bist wann bei mir eingezogen?« Sie sah Andi fragend an.

»Vor noch nicht allzu langer Zeit«, sagte Andi. »Sonst hätte Rosalind mich sicher früher schon mal gesehen. Vor sechs Wochen? Passt das?«

»Ich denke schon. Und da du selbstständig bist, kannst du Noa von der Schule abholen, wie du es Rosalind erzählt hast.«

»Was ist mit Cait? Hast du ihr von uns erzählt?«

»Ähm … das ist kompliziert. Denn wenn wir ein echtes Paar wären, hätte ich es mit Sicherheit getan. Aber sie hat gerade nur selten Internet oder Handyempfang. Hoffentlich ist es für Rosalind genauso schwer, sie zu erreichen, wie für mich.«

»Alles klar.«

Sarah schaute zu Boden, dann zu Andi hinüber. Ihr Blick wanderte an den Hockeyschuhen und dicken Socken hoch, über die sonnengebräunten, muskulösen Beine bis zum Saum des kurzen Skorts. Andi hatte tolle Beine, schlank, straff und trainiert. Sie sah aus, als würde sie ins Fitnessstudio gehen, aber das lag wohl eher an ihrem körperlich anstrengenden Job.

Apropos Job.

»Ich bin mir nicht sicher, was genau du arbeitest«, sagte sie. »Du streichst Häuser?«

Andi zuckte zusammen. »In gewisser Weise, ja. Ich streiche Häuser … aber es sind eher größere Aufträge. Spezialanstriche, dekorative Verschönerungen, Farbberatung und Holzarbeiten. Ich bin eher eine Innenarchitektin für Oberflächen. Gehobene Objekte – wahrscheinlich wie das Haus von Rosalind. Ich habe schon seit Jahren keine Außenwand mehr weiß angestrichen.«

»Ich sollte dich also besser nicht bitten, meine Schranktüren zu streichen?«

»Als deine Freundin kannst du mich natürlich fragen. Vielleicht mach ich es dann sogar.« Sie zwinkerte ihr zu, und ein warmes Kribbeln bahnte sich den Weg bis in Sarahs Fingerspitzen. Wer hätte gedacht, dass ein Augenzwinkern sexy sein konnte? Um ihre Verwirrung zu überspielen, drehte sie sich um und ging zurück zur Küche. »Ich sollte besser mit Noa reden.«

»Mummy, ich bin mit der Marmelade fertig. Können wir die Kekse jetzt im Ofen backen?« Noa sprang vom Hocker herunter und zog an Sarahs Hand, sobald sie zurück im Haus war.

Die Küchentheke war mit Marmeladenspritzern übersät und das leere Glas lag umgekippt da.

»Klar. Ich schiebe sie in den Ofen, du schaust auf die Uhr und rechnest zehn Minuten drauf. Dann sind sie fertig.«

»Es ist fünf vor drei, also sind sie fertig um …« Noa machte ein konzentriertes Gesicht. »Fünf Minuten nach drei.«

»Stimmt.« Sarah schob die Kekse in den Ofen, dann wandte sie sich ihrer Tochter zu. »Noa, du weißt doch, dass Andi meine Freundin ist, oder?«

»Natürlich«, sagte Noa. »Andi malt Sachen, genau wie ich.«

»Andi ist meine –«

Es läutete an der Tür. So ein Mist. Natürlich sind sie zu früh. Sarah warf Andi einen Blick zu. »Ich bin noch nicht bereit dafür.«

Andi hob die Tasche auf, die sie beim Hereinkommen abgestellt hatte. Sie zog ein Flanellhemd heraus und drapierte es über einen Stuhl, dann folgten ein Maßband und Arbeitshandschuhe, die sie auf einen Teil des Tresens legte, der frei von Marmeladenspritzern war.

»Requisiten.« Sie zog ihre Hockeyschuhe aus und stellte sie an der Hintertür ab.

Sarahs Kinnlade klappte erstaunt nach unten. Daran hatte sie überhaupt nicht gedacht. Sie ging zur Haustür und schloss auf dem Weg dahin die Tür zu ihrem Schlafzimmer. Rosalind brauchte nicht zu sehen, dass es offensichtlich nur von einer Person genutzt wurde.

Sie öffnete die Eingangstür. »Rosalind, Lionel. Bitte kommt herein.« Sie trat zur Seite, um sie durchzulassen.

»Danke, Sarah. Es war wirklich nett von dir, uns einzuladen.«

Sarah ließ diese Bemerkung unkommentiert. Rosalind war nicht der Typ für einen Begrüßungskuss auf die Wange oder eine Umarmung und nickte Sarah im Vorbeigehen nur kurz zu. Lionel schenkte ihr ein zaghaftes Lächeln.

»Noa, Liebling. Wir haben dich schon so lange nicht mehr gesehen.« Rosalind stürzte mit ausgebreiteten Armen auf Noa zu.

Noa schaute Rosalind panisch an und zog sich auf die andere Seite des Küchentresens neben Andi zurück.

»Wir bringen Noa gerade bei, dass allein sie über ihren Körper entscheidet«, sagte Andi. »Bitte seien Sie nicht beleidigt, sie macht das gerade oft, einfach weil sie es kann.« Dabei legte sie Noa eine Hand auf die Schulter.

Oh! Sarah schaute Noa an. Sie schien sich neben Andi wohlzufühlen.

»Hallo, Nana. Hallo, Poppi«, sagte Noa.

»Soll ich heißes Wasser aufsetzen?«, bot Sarah an. »Noa hat Marmeladenkekse für euch gebacken. Sie sind gerade im Ofen.«

»Sie sind fast fertig«, sagte Noa.

»Ich mache uns Tee«, sagte Andi. »Wie trinken Sie Ihren?«

»Sarah hat Orange Pekoe für uns«, sagte Rosalind. »Wir trinken ihn gern schwach und schwarz.«

Andi füllte Wasser in den Wasserkocher. »Warum setzen Sie sich nicht auf die Veranda raus?« Flink wischte sie den Tresen ab, nahm Tassen aus dem Schrank und stellte sie neben das Maßband und die Handschuhe.

»Du kannst Nana und Poppi dein Blumenbeet zeigen«, schlug Sarah vor.

»Und wer holt meine Kekse aus dem Ofen?« Noa machte einen Schmollmund.

»Darum kümmere ich mich«, sagte Andi.

»’kay.« Noa rannte zur Hintertür hinaus. »Kommt schon, Nana und Poppi. Ich hab Blumen gepflanzt, die man essen kann. Ihr könnt eine probieren, wenn ihr wollt.«

Sarah schenkte Andi ein schnelles Lächeln, als sie Rosalind und Lionel in den Garten folgte. »Alles gut?«, fragte sie lautlos.

Andi nickte.

Noa pflückte eine orangefarbene Blume und hielt sie Rosalind hin. »Das ist Kap… uzen…«

»Kapuzinerkresse«, ergänzte Sarah.

Rosalind nahm die Blume und hielt sie unbeholfen in der Hand.

Noa pflückte noch eine Blüte und reichte sie Lionel. »Die sind lecker, Nana«, sagte sie und steckte sich dabei selbst eine in den Mund.

»Bestimmt.« Rosalind knüllte die Blume in ihrer Hand zusammen und warf sie ins Gras.

Sarah warf einen Blick zurück zur Küche. Andi öffnete einen Schrank nach dem anderen, offensichtlich auf der Suche nach den Teebeuteln. In der Hoffnung, dass Rosalind nicht in dieselbe Richtung schaute, bat sie Noa, ihre Großeltern durch das Gemüsebeet zu führen, um mehr Zeit zu schinden.

»Das ist Salat, das sind Karotten und das ist Spinat.« Noa rümpfte die Nase. »Der schmeckt mir nicht, aber Mummy schon. Und das hier wird bald Blumenkohl.«

Aus dem Augenwinkel sah Sarah, wie Andi die Tassen auf dem Tisch auf der Veranda abstellte und dann noch einen Teller Kekse holte. Als Noa ihren Rundgang beendet hatte, schlug Sarah vor, sich in den Schatten zu setzen.

Andi reichte Rosalind und Lionel Tassen, in denen noch die Teebeutel schwammen.

»Oje.« Rosalinds Mundwinkel bogen sich nach unten. »Der ist viel zu stark. Man braucht den Teebeutel nur kurz an der Oberfläche zu schwenken. Und ich bevorzuge meine Tasse auf einer Untertasse. Daraus schmeckt der Tee einfach besser.«

Andi reichte ihr die Zuckerdose, einen Teller und Teelöffel. »Nehmen Sie den Teebeutel doch jetzt raus.«

Rosalind folgte der Anweisung sichtlich empört. »Kann ich noch etwas heißes Wasser haben, bitte?«

Andi ging mit Rosalinds Tasse zurück in die Küche und kam mit dem wässrigeren Tee zurück nach draußen.

Wo sollte sie sich hinsetzen? Sarahs Nacken war vor Nervosität schon ganz schwitzig. Wenn Andi ihre echte Partnerin wäre, was würde sie dann tun? Sie ging zu der kleinen Bank in der Ecke mit Platz für zwei. »Hier ist noch Platz für dich, Babe.«

Andi setzte sich neben sie, zog Sarahs Hand auf ihren Oberschenkel und umschloss sie mit ihrer eigenen. Ein heißer Schauer durchfuhr Sarahs Hand. Andis nackter Oberschenkel war warm und überraschend weich trotz der straffen Muskeln. Es fühlte sich gut an. Wann hatte sie zuletzt das Bein einer Frau berührt? Sie konnte sich nicht erinnern. Einen Moment lang kämpfte sie darum, ihre Fassung wiederzuerlangen, und legte die Finger an die Innenseite von Andis Oberschenkel.

Sie hatten nicht darüber gesprochen, ob sie sich berühren würden, wenn Caits Eltern hier waren. Tatsächlich hatten sie keine Zeit gehabt, um irgendetwas zu besprechen. Volle Improvisation war angesagt.

»Noa, Schatz, gefällt es dir, hier mit Sarah und Andi zu leben?« Rosalind rührte ihren Tee um und bedachte Noa mit einem Lächeln, das sie vermutlich für freundlich hielt. Sarah erinnerte es an einen Hai.

»Ja.« Noa legte beide Hände um ihr Glas Wasser. »Kann ich einen Marmeladenkeks haben?«

»Biete Nana und Poppi zuerst einen an«, sagte Sarah.

Noa rutschte von ihrem Stuhl, nahm den Teller in beide Hände und ging damit zu Sarah. »Du kriegst den ersten, und Andi den zweiten.« Dann brachte sie den Teller vorsichtig zu Lionel und Rosalind. »Die hab ich selbst gebacken. Das ist Himbeermarmelade.«

»Ich esse keinen Zucker, Schatz«, sagte Rosalind. »Und das solltest du auch nicht.«

»Ich nehme gern einen«, sagte Lionel. »Danke, Noa.« Er nahm sich sogar zwei Kekse, wobei er Rosalinds finsteren Blick ignorierte.

»Hast du viele Freunde in der Schule?« fragte Rosalind. »Wie heißen sie?«

Sarah biss sich auf die Unterlippe. Die meisten Großeltern kannten die Antwort auf diese Frage sicher schon.

»Seb und Opal und Billie und Lahn und Mia und Jamal.« Noa aß ihren Keks auf. »Kann ich noch einen haben, Mummy?«

»Ja«, sagte Sarah, während Rosalind gleichzeitig »Nein« sagte.

»Sie sollte nicht so viel Zucker essen.«

»Es geht ihr gut.« Sarah schlug ihre Beine übereinander und zwang sich, entspannt zu wirken. »Sie ernährt sich ausgewogen.«

Lionel griff nach einem weiteren Keks und erntete dafür noch einen bösen Blick von Rosalind.

»Wir wollen dir einen Vorschlag machen«, sagte Rosalind. »Während Cait weg ist, kann Noa auf die St. Philomena’s gehen. Das ist eine sehr gute Privatschule für Mädchen in Hawthorn. Die Mädchen erhalten dort eine gute Ausbildung. Wenn es ihr gefällt, kann Noa dort bis zur zwölften Klasse bleiben und danach zur Uni gehen.«

»Noa gefällt es auf ihrer öffentlichen Schule«, sagte Sarah mit ruhiger Stimme. »Außerdem kann ich mir das Schulgeld nicht leisten.« Sie grub ihre Finger in Andis Oberschenkel.

»Wir bieten dir an, die Kosten für das erste Jahr zu übernehmen.« Rosalind glättete ihren Bleistiftrock über ihren knochigen Knien.

»Das ist wirklich nett von euch, aber nicht nötig. Cait und ich sind sehr zufrieden mit Noas Schule. Sie hat dort viele Freunde. Wenn sie nach Hawthorn pendeln würde, wäre sie von ihrem sozialen Umfeld abgeschnitten.«

»Sie würde schnell neue Freunde finden. Passendere Freunde.«

»Danke für das Angebot, aber meine Antwort lautet Nein. Es wäre zu viel Aufwand für mich – für uns –, sie dorthin zu bringen.«

Sarah schaute zu Noa, die Rosalind wütend anstarrte. »Ich will nicht auf eine andere Schule gehen. Ich will nicht.«

»Das musst du auch nicht, mein Schatz. Das verspreche ich dir.« Sarah zwang sich zu einem Lächeln.

»Du solltest noch einmal darüber nachdenken«, sagte Rosalind. »Wir wollen dir nur ein bisschen unter die Arme greifen, während Cait weg ist. Noa kann bei uns wohnen, wenn sie zur Schule geht. Sie –«

»Nein.« Sarah bemühte sich um einen ruhigen Tonfall. »Rosalind, die Antwort ist Nein. Außerdem wäre es mir lieb, wenn du meine Tochter nicht verunsichern würdest, indem du solche Dinge vor ihr besprichst.«

»Wir sehen Noa im Moment nur selten, würden sie aber gern öfter sehen und mehr für sie tun. Nicht nur hinsichtlich ihrer Ausbildung, sondern sie könnte auch –«

»Das reicht, Rosalind.« Sarahs Puls pochte wie ein Presslufthammer. »Du kannst Noa so oft sehen, wie du willst – du hast dich für einen Besuch alle vierzehn Tage entschieden, nicht ich. Und jetzt lass es bitte gut sein.«

Rosalinds Miene wurde starr. »Ja, natürlich. Noa, hast du Lust, ins Einkaufszentrum zu fahren? Dann kannst du dir ein Geschenk aussuchen.«

Noa zögerte. »Nur wenn Mummy mitkommt.«

»Ich bin sicher, dass Mummy und Andi noch anderes zu tun haben«, sagte Rosalind. »Wie nennst du Andi, Noa?«

»Andi«, antwortete Noa sichtlich verwirrt.

»Ich glaube, es ist besser, wenn wir in den Park gehen«, sagte Sarah. »Vielleicht können wir auf dem Heimweg ein Eis essen.«

»Kommst du auch mit in den Park, Mummy?«

»Natürlich, mein Schatz.« Sarahs Lächeln fühlte sich eher nach einer Grimasse an. Auf keinen Fall würde sie Rosalind und Lionel jetzt mit ihrer Tochter allein lassen.

Noa nickte. Sie setzte sich wieder hin und schaukelte mit den Beinen.

»Kommen Sie auch mit?«, fragte Rosalind Andi.

Andi runzelte die Stirn. »Ich bleibe hier. Ich muss mich noch duschen nach dem … Fußballtraining. Ich bin früher gegangen, damit ich Sie nicht verpasse.«

»Sie sehen nicht sonderlich schmutzig aus«, bemerkte Lionel. »Als ich früher Rugby gespielt habe, kam ich immer völlig verdreckt und verschwitzt nach Hause. Vielleicht spielen Frauen vorsichtiger.«

»Oh, keineswegs. Wir spielen so tough, wie wir müssen«, entgegnete Andi. »Aber heute saß ich fast die ganze Zeit auf der Bank. Vor ein paar Wochen habe ich mich am Knie verletzt.«

Sarah stieß ein leises Seufzen aus. Es gab so viel zu beachten – von nicht stinkenden Fußballtrikots, die eigentlich für eine andere Sportart gedacht waren, bis hin zum Duschen. Wollte Andi tatsächlich hier duschen und sich umziehen oder wollte sie sich vom Acker machen, während sie im Park waren?

»Dann sehen wir uns, wenn wir zurückkommen.« Rosalind neigte den Kopf. »Ich freue mich darauf, Sie besser kennenzulernen.«

Sarah riss die Augen auf und starrte Andi an. »Bist du dann noch da? Hast du nicht gesagt, dass du in deiner Werkstatt noch was für die Arbeit morgen vorbereiten musst?«

»Ja. Stimmt, das wollte ich noch machen.« Andi drückte ihren Oberschenkel gegen Sarahs, und Sarah löste ihre Hand aus Andis Griff.

»Lass dich von uns nicht aufhalten, Babe. Ich bin sicher, Rosalind und Lionel verstehen das.«

Rosalinds Lippen verzogen sich zu einem schmalen Strich, doch sie schwieg.

»Danke dir, Hase.« Andi stand auf. »Dann gehe ich jetzt duschen.«

Hase. Ernsthaft? Sarah schnaubte leise.

Andi wandte sich den anderen zu. »Wenn Sie aus dem Park zurückkommen, bin ich wahrscheinlich nicht mehr hier. Schön, dass Sie vorbeigekommen sind.« Sie nahm die Sporttasche und marschierte ins Haus, den Flur entlang und in Sarahs Schlafzimmer.

Was nun? Hatte Andi tatsächlich frische Kleidung und ein Handtuch in ihrer Tasche? Wollte sie sich nur verstecken, bis sie zum Park aufbrachen? Sarah biss sich auf die Unterlippe. Vielleicht nahm Andi an, dass ihr Schlafzimmer über ein eigenes Bad verfügte. Wie lange würde sie dort warten, bevor Rosalind Verdacht schöpfte? Ruckartig stand sie auf. »Auf geht’s in den Park.«

»Ja!« Noa sprang auf und zog an Sarahs Hand. »Gehen wir!«

»Wozu die Eile?« Rosalind nahm ihre zuvor verschmähte Tasse Tee in die Hand und trank einen zaghaften Schluck. »Ich habe meinen Tee noch nicht ausgetrunken.«

Sarah setzte sich wieder hin und hoffte inständig, dass Rosalind schnell austrinken würde.

Kapitel 4

Das smaragdgrüne Handtuch

Andi öffnete die einzige andere Tür in Sarahs Schlafzimmer. Doch dahinter verbarg sich kein Bad, wie sie gehofft hatte, sondern der Kleiderschrank. Sie hatte sowieso keine Wechselsachen dabei. Hoffentlich würden sich die anderen bald auf den Weg machen, damit sie nach Hause gehen konnte. Sie schaute sich um. Sarahs Schlafzimmer war ordentlich und sehr gemütlich: ein Doppelbett mit himmelblauer Tagesdecke, ein auffälliges, abstraktes Gemälde an der Wand und ein Stapel Bücher neben dem Bett. Das Einzige, das unaufgeräumt wirkte, waren ein Paar von Noas Schuhen vor dem Fenster und das Knäuel aus Handyladekabel auf dem Stuhl. Andi setzte sich auf das Bett und sah sich die Bücher an. Beide waren lesbische Liebesromane: »Jenseits der Harmonie« und »Gemeinsam auf den Wellen«. Nun ja, wenn sie hier schon festsaß, dann hatte sie wenigstens etwas zu lesen.