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Herzklopfen auf der Farm: Romantik und Gefahr treffen aufeinander. Felix Jameson arbeitet hart, um ihre Farm für Touristen attraktiv zu machen. Sie will einen Campingplatz aufbauen und Ausritte ins Outback anbieten. Da bleibt nicht viel Zeit für Ablenkung – oder auch für Beziehungen. Doch als sie Josie trifft, eine Tagelöhnerin, die in der Bar in der nächstgelegenen Stadt arbeitet, fühlt sich Felix gleich zu ihr hingezogen. Josie bittet Felix, ihr Pferd Flame auf der Farm unterstellen zu dürfen, und Felix ist einverstanden, denn sie kann nicht nur das Geld gut gebrauchen, sondern hofft auch darauf, Josie häufiger zu sehen. Als Flame auf einem alten Lastwagen und ohne jegliches Zubehör ankommt, ist Felix überrascht. Als sie aber dann erfährt, dass Flame eine unheimliche Ähnlichkeit mit einem wertvollen gestohlenen Rennpferd hat, beginnt sie zu zweifeln. Zwar hat sie sich schwer verliebt, aber kann sie Josie wirklich vertrauen oder wird sie nur ausgenutzt?
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Seitenzahl: 447
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Inhaltsverzeichnis
Von Cheyenne Blue außerdem lieferbar
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen
Über Cheyenne Blue
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So schnell mein Herz schlägt
Girl-Meets-Girl-Reihe:
Ungebunden ins Glück
Neubeginn im Outback
Kapitel 1
»Hey, Felix!«
Der Ruf hallte laut in der Stille wider, die mitten am Tag auf Worrindis Hauptstraße herrschte.
Ich drehte mich um. Meine Freundin Narelle stand in der Tür des holzverschalten Postamts und hielt einen Zettel in die Luft.
»Dein Paket ist da! Fahr nicht ohne es wieder nach Hause.«
Ich hob eine Hand zur Bestätigung und sie huschte wieder hinein.
Mein Paket. Die Vorfreude vibrierte in meiner Brust. Ich wartete schon seit über einem Monat auf mein neues Schild und die Broschüren, und damit auf den nächsten winzigen Schritt für meine Pläne.
Schon während ich zielstrebig die Hauptstraße entlang marschierte, rasten meine Gedanken. Wenn ich mich beeilte, konnte ich mein Paket abholen, einige Lebensmittel einkaufen und mir vielleicht ein Bier gönnen, bevor ich schnell wieder nach Hause zur Jayboro Outstation musste. Ich betrat den Laden. Für Worrindi war er zwar groß, ging aber kaum als Supermarkt durch. »Kleine Stadt, kleiner Laden.« Das sagte Narelle gerne, normalerweise nachdem sie bei einem Gemeindetreffen eintraf und entdeckte, dass jemand anderes genau das gleiche Shirt trug wie sie.
Ich brauchte Vorhänge. Nicht gerade etwas, das ich oft kaufte – das alte Queensland-Haus, in dem ich alleine lebte, hatte tatsächlich seit zwanzig Jahren oder so dieselben Vorhänge an den Fenstern hängen.
»Verwelkt wie die Rodeo Queen vom letzten Jahr«, hatte Mum immer gesagt. »Stell dir nur vor, wie viel schneller sie ausbleichen würden, wenn Queensland ins einundzwanzigste Jahrhundert eintritt und die Sommerzeit einführt!« Ihr alter Witz, den sie jedes Jahr herausholte, wenn ganz Australien die Uhren eine Stunde auf die Sommerzeit vorstellte und nur Queensland beharrlich bei der alten Zeit blieb.
Aber diese Vorhänge würden nicht die in meinem Haus ersetzen. Nein, die würden mit etwas Glück noch weitere zwanzig Jahre halten. Bis vor Kurzem hatte ich sie ohnehin kaum genutzt; das Leben im Outback bedeutete, dass es wenige Leute gab, die ins Haus hineinsahen, und noch weniger, die es kümmern würde, wenn sie es könnten. Ich stand immer mit der Sonne auf, sogar im Sommer, wenn sie dank desselben Mangels an Sommerzeit schon um vier über den Horizont stieg. Nein, diese Vorhänge waren für dasselbe Projekt wie das Schild und die Broschüren gedacht. Sie sollten meine brandneuen Ferienhütten für Touristen zieren, die an einer malerischen Stelle auf meinem Campingplatz standen. Wenn ich blaue und gelbe Vorhänge fände, die zum Bettzeug passten, würde ich bereits heute die erste Hütte für Gäste eröffnen können.
»Heute«, flüsterte ich, während ich den Laden betrat und die spärliche Auswahl musterte. Heute könnte den Anfang von etwas Großem markieren. Alles, was ich brauchte, waren Gäste. Aber zuerst Vorhänge.
Ich hatte Glück. Hinten in einem Regal fand ich Vorhänge mit leuchtend gelben Sonnenblumen auf blauem Grund. Das Motiv war gewagt, etwas lauter als ich gerne gehabt hätte, aber es würde mir eine Fahrt nach Mount Isa ersparen – eine größere Stadt, die vier Stunden entfernt lag.
Ich war optimistisch und kaufte vier Garnituren. Genug, um beide Hütten einzurichten – die fertig eingerichtete, und die andere, die noch eine leere Holzhülle war und auf Möbel wartete, für die ich erst noch genug Geld zusammenbekommen musste. Aber wenn ich sie jetzt nicht kaufte, würde es eine Menge Glück brauchen, um in ein paar Monaten noch einmal passende zu finden, wenn die zweite Hütte hoffentlich geöffnet werden konnte.
Ich ging zurück zu meinem Pick-up, der im Schatten geparkt war, und verstaute die Vorhänge. Die nächste Station war das Postamt.
Narelle verkaufte gerade Stempel und Postkarten an einige Touristen. Ich wartete, während sie mit ihnen über den Opal-Steinbruch und die Kamelfarm plauderte – zwei der größten Touristenattraktionen in der Gegend.
Als die Touristen mit Flugblättern in den Händen ins Sonnenlicht hinausgingen, drehte Narelle sich zu mir um.
»Warte kurz«, sagte sie und verschwand im Hinterzimmer. Nach einigen Minuten kehrte sie mit einem großen, flachen Paket zurück. Mein neues Schild. Es war größer, als ich gedacht hatte, und ich würde etwas experimentieren müssen, um es hinten in den Pick-up zu bekommen. Außerdem würde ich es festzurren müssen, damit es nicht auf den Asphalt knallte, wenn der Wind es von der Ladefläche hob.
Narelle lehnte das Paket an den Tresen und verschwand, nur um ein zweites Mal mit einem kleineren Päckchen zurückzukommen. So, wie sie schnaufte, war es schwer. »Deine Broschüren. Wie viele hast du bestellt?«
»Vielleicht ein paar tausend. Das war billiger.«
»Ein paar tausend?« Narelles Stimme ging erstaunt in die Höhe. »Wie viele Leute erwartest du eigentlich?« Sie streckte die Hand aus. »Gib mir welche, dann lege ich sie hier aus. Du hast diese Touristen gehört. Sie haben mich darüber ausgefragt, wo sie das echte Outback erleben könnten, nicht die gekünstelte Show, die in manchen größeren Städten veranstaltet wird.«
»Auf Jayboro bekommen sie auf jeden Fall etwas Echtes.« Ich riss das Päckchen auf und Narelle reichte mir die Schere, um den inneren Karton zu öffnen. Der Inhalt war so fest verpackt wie eine Mumie. Schließlich zerrte ich ihn auf und nahm eine Handvoll Broschüren heraus.
»Hübsch.« Narelle nickte anerkennend. »Irgendein schicker Designer hat da gute Arbeit geleistet.«
Die Vorderseite zeigte ein Foto von einer Gruppe Touristen in Akubra-Hüten, die um ein Lagerfeuer saßen. Eine Frau hielt eine Gitarre und der herrliche Outback-Himmel über ihren Köpfen war voller Sterne.
Erleben Sie das echte Outback auf Jayboro Outstation.
Ich lächelte. Die Broschüre sah fantastisch aus und kein Tourist würde merken, dass die glücklichen »Camper«, die um das Feuer saßen, meine Freundinnen Sue und Moni und einige von der Hauptstation Jayboro ausgeliehene Hilfsarbeiter waren. Ebenso wenig würden sie wissen, dass Moni keinen einzigen Griff auf der Gitarre in ihren Händen beherrschte. Die Broschüre vermittelte das Gefühl und die Atmosphäre im Outback und das war hoffentlich genug, um die Leute zu ködern.
Ich gab Narelle einen Stapel. »Ich gebe dir ein Bier aus, wenn du die Leute zu mir schickst.«
»Ich hatte gehofft, dass du das sagen würdest.« Sie legte die Broschüren gut sichtbar auf ihrem schmalen Verkaufstresen aus.
Ich teilte weitere Broschüren an einige andere Betriebe in der Stadt aus, bei denen ich mich darauf verlassen konnte, dass die Inhaber ein lokales Unternehmen bewerben würden. Worrindi war eine kleine Stadt, die sich gelegentlich schwertat, da sie an einem Highway lag und keine auffälligen Sehenswürdigkeiten zu bieten hatte, wie die größeren Städte Winton und Isa.
Ich ging zu Bazza, dem Mechaniker, der immer mit den Fahrzeugen der Touristen beschäftigt war, die der Staub der Outback-Straßen verstopfte, und gab ihm hinter der Theke einige Broschüren.
»Dein Pick-up klingt nicht gerade gut, Felix«, sagte er. »Hab gehört, dass ein Zylinder streikt, als du damit vorgefahren bist. Macht er Probleme beim Starten?«
»Hat heute Morgen drei Versuche gebraucht.«
»Könnte auch nur die Zündleitung sein. Das ist nicht viel. Wenn du ihn jetzt bei mir lässt, sehe ich ihn mir an, sobald ich mit diesem Monster fertig bin.« Er nickte zu einem riesigen Geländewagen mit Vierradantrieb. Ein Touristenwagen, wie unschwer zu erkennen war: der Dachträger, die Markisen und anderer Schnickschnack – alles mit rotem Staub bedeckt –sprachen Bände.
»Danke. Wäre gut, wenn es nur das wäre. Die Schlüssel stecken.«
»Kein Problem.«
Ich ging in den Lebensmittelladen und vereinbarte, dass ich meine Einkäufe abholen würde, sobald der Pick-up repariert war. Dann schlenderte ich zurück, um zu sehen, ob Bazza fertig war.
Er redete gerade mit dem Besitzer des Monsterwagens und warf mir einen entschuldigenden Blick zu. »Kannst du in einer Stunde zurückkommen, Felix?«
Ich hob den Daumen und ging wieder auf die Straße. Ich war mit meinen Besorgungen fertig. Jetzt hatte ich die perfekte Entschuldigung für ein wenig Felix-Zeit, wie ich sie nur selten bekam.
Einige Türen weiter lockte mich die breite und einladende Veranda des Commercial Hotels. Vielleicht konnte ich den Wirt dazu überreden, meine Broschüren auszulegen, mir ein Bier gönnen und so gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ich holte weitere Broschüren aus dem Pick-up und ging in Richtung Pub.
Der Mittagsandrang war zwar vorbei, aber drinnen hatten trotzdem ein paar Leute die Ellbogen auf die lange Bar gestützt. Ich erkannte einige Einwohner und daneben ein paar Touristen, die sich ein Bier schmecken ließen oder die historischen Fotos an der Wand betrachteten.
Die Person hinter der Bar war neu. Es war eine kleine Frau mit zerzausten Locken, die auf ihren Schultern wippten, wenn sie sich bewegte. Eine Kette mit weißen und türkisfarbenen Perlen glitzerte in ihren Haaren und sie trug ein Batik-T-Shirt und sehr enge Jeansshorts. Sie war vielleicht dreißig, aber die sparsamen Bewegungen, mit denen sie Gläser einschenkte, verrieten ihre Arbeitserfahrung hinter der Bar.
Ich setzte mich absichtlich in die Nähe der Touristen und wartete, während die Barkeeperin weitere Leute bediente. Ihre engen Shorts rutschten hoch, als sie sich streckte, um eine Packung Chips oben aus dem Drahtgestell zu holen, was mehr von ihren muskulösen Schenkeln entblößte. Den anerkennenden Blicken nach zu schließen schien Käse-Zwiebel die beliebteste Geschmacksrichtung des Tages zu sein.
Schließlich kam sie herüber. »Was kann ich Ihnen bringen?« Ihr Lächeln zeigte kleine Fältchen in ihren Augenwinkeln und ihre Haut war gebräunt – die permanente Bräune von jemandem, der viel Zeit im Freien verbrachte.
»Ein Helles, bitte.« Mit einem Hauch Boshaftigkeit fügte ich hinzu: »Und eine Packung Käse-Zwiebel-Chips.«
Die Aussicht, als sie sich zum Gestell hochstreckte, war erneut geradezu spektakulär. Sie stellte die Chips und das Bier vor mir auf die Bar. »Fünf fünfzig, bitte.«
Ich zählte die Münzen ab und beobachtete, wie sie herumwirbelte und mit der Kasse hantierte. Die nächsten paar Minuten war sie damit beschäftigt, andere Gäste zu bedienen. Sie war nicht anmutig oder hübsch, aber sie bewegte sich mit der Leichtigkeit einer Frau, die sich in ihrer Haut wohlfühlte.
Eine Nomadin, entschied ich. Eine von Australiens heimatlosen Arbeitskräften, die von einem Ort zum anderen zogen und Saisonjobs in Kleinstädten übernahmen. Wahrscheinlich hatte sie von einer der Vermittlungsagenturen in der Stadt von dem Barjob gehört und sie hatten ihr die Stelle gegeben, statt einem europäischen Studenten, der gerade sein Gap Year absolvierte. Sie würde vermutlich ein paar Wochen bleiben, vielleicht einen Monat oder zwei, und dann weiterziehen, vielleicht um Erdbeeren an der Küste oder Mangos oben am Top End zu pflücken. Aber in der Zwischenzeit war sie hier, schenkte Bier in Worrindi aus und wohnte zweifellos in einem der winzigen Zimmer über dem Pub.
Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht merkte, dass mein Starren aufgeflogen war, bis ich den Blick von ihrem Körper hob, um ihr amüsiertes Grinsen und ihren direkt auf mich gerichteten Blick zu entdecken.
»Kann ich Ihnen noch etwas bringen?«
Mir gefror der Atem in der Kehle, da ich fürchtete, sie mit meinem Starren verärgert zu haben. Aber auf ihrem Gesicht lag ein halbes Lächeln. Sie wirkte nicht allzu empört. Ich vermutete, sie genoss meine Anerkennung. Das geschah selten.
Ich entschied mich für Professionalität – schließlich hatte ich hier ein Ziel. »Tatsächlich könntest du mir helfen. Ich bin Felix und ich betreibe einen Campingplatz auf der Jayboro Outstation, etwa eine halbe Stunde von hier. Ich habe auch ein paar Ferienhütten.« Bei der kleinen Notlüge kreuzte ich geistig die Finger. Die zweite Hütte würde bald verfügbar sein. »Ich wollte fragen, ob es in Ordnung wäre, meine neuen Broschüren auf die Bar zu legen.«
Sie lächelte und die verschmitzte Art ließ sie sofort jünger wirken. Vielleicht in den späten Zwanzigern. »Nett dich kennenzulernen, Felix. Ich bin Josie. Neu hier, aber das weißt du wahrscheinlich schon, wenn du in der Nähe wohnst.«
Ich nickte. »Ja. Ich bin es gewöhnt, Chris oder Madge hinter der Bar zu sehen.«
»Die sind natürlich noch hier, aber ich bin auch hier.«
Ich bemerkte, dass sie nicht sagte, wie lange sie blieb.
»Chris hat irgendwo einige meiner alten Flugblätter. Vielleicht könntest du ihn fragen?«
»Nicht nötig.« Sie nahm die oberste Broschüre und studierte sie. »Der Campingplatz sieht hübsch aus.« Ihre Worte waren etwas lauter, sodass die Touristen neben uns mithören konnten. »Sieht aus wie ein friedlicher Ort für einen Zwischenstopp. Hast du Strom oder ist es ein reiner Zeltplatz?«
Die Antwort stand deutlich auf der Broschüre geschrieben, aber ich war dankbar für das, was sie tat. »Ich habe Strom, Zeltplätze und die Hütten, die brandneu sind.«
Die Touristen hörten jetzt offensichtlich zu. Mit etwas Glück würde ich bis zum Abend Gäste haben.
»Und ich biete Wanderreiten an«, fuhr ich fort. »Ich habe Pferde für Anfänger und erfahrene Reiter.«
Das erregte Josies Aufmerksamkeit über die kleine Show hinaus, die sie für neugierige Lauscher veranstaltete. »Ach ja? Dann muss ich mal vorbeikommen. Ich liebe Reiten, hatte aber seit einer Weile keine Gelegenheit dazu. Es wäre nett, wieder im Sattel zu sitzen.«
»Bitte. Die Nummer steht unten. Ich bin sicher, ich kann etwas Gutes zum Reiten für dich finden.«
Sie sah wieder zu mir und ihre Lippen zuckten, als hätte ich einen privaten Witz gemacht. Ihre Augen hatten einen warmen Braunton und waren leicht gefleckt. Interessant. Aber ich war hier, um Camper anzulocken, nicht eine Frau, die ich vielleicht attraktiv fand.
Sie nahm die Broschüren und legte sie an ein Ende der Bar, neben die Sammelbüchse für den Royal Flying Doctor Service. Während ich an meinem Bier nippte, traten die Touristen heran, um eine Broschüre zu nehmen. Sie lasen sie, falteten sie und steckten sie in die Hosentasche.
Für die nächsten zwanzig Minuten genoss ich das Verstreichen der Zeit. Nur ich und mein Bier. Keine Pferde zu füttern, keine Touristen zu unterhalten, keine Toiletten zu putzen. Ich ließ meine Gedanken wandern und wenn mein Blick manchmal der verlockenden Gestalt hinter der Bar folgte, na wenn schon? Es gab nur wenige Frauen in der Umgebung, die nichts gegen den anerkennenden Blick einer anderen Frau hatten.
Ich war versucht, ein zweites Bier zu bestellen, damit ich die Ellbogen auf der Bar behalten und Josies flinke Bewegungen beobachten konnte, während sie Gläser füllte und mit Gästen scherzte. Und ja, auch das Spiel ihrer Beinmuskeln. Aber ich konnte nicht verweilen, ich hatte meinen Pick-up zu holen und auf Jayboro Dinge zu erledigen. Es gab immer irgendetwas zu tun.
Ich stand auf, nahm meinen Hut und wandte mich zum Gehen.
Josie winkte vom Ende der Bar. »Wir sehen uns, Felix.«
Ich hob eine Hand zur Antwort und ging ins Sonnenlicht hinaus.
Bazza war mit meinem Pick-up fertig. Er war auf der Straße geparkt, als wäre der abgenutzte und verstaubte Lack nicht schön genug, um seinen Vorplatz zu dekorieren. Allerdings wusste ich es besser – Bazza war einfach beschäftigt. Tatsächlich stand eine Flotte Toyotas auf dem Vorplatz, alle mit Kennzeichen aus einem anderen Bundesstaat.
Bazza, der im Büro war, wirkte geplagt. »Braucht einen neuen ABS-Sensor«, sagte er zu einem grauhaarigen Mann, der offenbar der Anführer der Touristengruppe war. »Der würde erst in zwei Tagen ankommen, auch mit Expresslieferung.«
Der Tourist sagte etwas, das ich nicht hören konnte.
»Die Alternative wäre, dass ich den Sensor abkoppele, aber nein, ich weiß nicht, wie sich das auf Ihre Garantie auswirken wird.« Bazza zuckte mit den Schultern. »Ihre Entscheidung.«
Die Touristen besprachen sich und Bazza kam zu mir herüber. »Ich habe eine Zündleitung ersetzt, jetzt läuft er viel besser. Die Schlüssel sind drin. Du kannst mich bezahlen, wenn du das nächste Mal im Ort bist. Ich habe gerade keine Zeit für die Abrechnung.« Er deutete mit dem Daumen auf die Touristen. »Muss mich um das hier kümmern.«
Ich nickte und bedankte mich. Worrindi lag einige Stunden von der nächsten großen Stadt, in der man ausgefallene Gegenstände bekam, entfernt. Dinge wie Ersatzteile für Autos wurden nicht sofort geliefert. Das war einer der Gründe, warum ich diesen Ort liebte.
Die Vorhänge sahen fantastisch aus. Sie waren vielleicht etwas lang und streiften am Boden, aber sie gaben der Hütte etwas Farbe. Wenn sie zugezogen waren, war es drinnen gemütlich und einladend. Ich öffnete sie wieder und band sie mit den dazugehörigen Schlaufen fest. Jetzt brauchte ich nur noch meine ersten Gäste.
Ich trat hinaus und sah einen staubigen Geländewagen mit einem Wohnwagenanhänger, der neben meinem handgemalten Büro-Schild vor dem Haus parkte. Ich schlenderte hinüber. Es war das Paar aus dem Pub in Worrindi.
»Guten Tag«, begrüßte ich sie. »Was kann ich für Sie tun?«
»Wir haben gehört, wie Sie mit Ihrer Freundin im Pub geredet haben«, sagte die Frau. »Können wir Ihren Campingplatz sehen?«
Ich führte sie hinüber. Das Licht schwand langsam und warf an dem klaren Abend lange Schatten auf den Boden. Eine Reihe Rosakakadus saß erwartungsvoll auf dem Geländer und über uns flog eine Schar Wellensittiche in so enger Formation, dass Stunt-Piloten sie dafür beneiden würden. Einige Rote Riesenkängurus grasten in einer Ecke und kümmerten sich nicht um das junge Paar, das ein paar Meter weiter vor ihrem Wohnwagen saß und sie beobachtete. Die Szene wirkte friedlich und einladend, wie ein Foto in einer Zeitschrift, unter dem stand: Ein friedlicher Abend im Outback heißt den müden Reisenden willkommen.
Die Frau seufzte leicht. »Das sieht wunderbar aus. Können wir drei Nächte bleiben?«
Ich bedankte mich in Gedanken bei Josie, die zweifellos noch immer im Commercial Bier ausschenkte.
»Natürlich. Warum suchen Sie sich nicht einen Platz und kommen dann in mein Büro? Ich checke Sie ein.«
Kapitel 2
Es war nicht so, dass es dank meines neuen Schilds, das jetzt deutlich sichtbar am Highway neben der steinigen Straße nach Jayboro stand, einen großen Ansturm gab, aber es war doch ein stetiges Rinnsal. Das Paar, das mich im Pub gehört hatte, fuhr weiter, um die Sehenswürdigkeiten im Northern Territory zu erkunden, und wurde von einem deutschen Paar und einem Wohnwagen voller Briten auf ihrem Gap Year ersetzt. Die Teenager stellten meinen ersten Test von Feingefühl und diplomatischen Fähigkeiten dar, denn ihre Vorstellung von einer guten Zeit beinhaltete erstaunliche Mengen Bier, laute Musik und Gespräche an einem riesigen Lagerfeuer. Ich schlug vor, dass sie ihr Lager ans andere Ende des Campingplatzes verlegten. Dort mussten sie nicht so weit gehen, um Feuerholz zu holen. Verschlafen und verkatert stimmten sie am Morgen überraschend fügsam zu und alle waren glücklich.
Ich verbrachte meine Tage damit, auf dem Campingplatz zu arbeiten und die zweite Hütte für Gäste fertigzumachen. Ich schmirgelte die Holzböden ab und lieh mir einen der Arbeiter von der Hauptstation, der mir half, die Küchenschränke an der Wand anzubringen.
Es war ein gesetzlicher Feiertag, als ich die fertige Hütte zum ersten Mal an ein Paar grauer Nomaden vermietete – Rentner, die ihren Ruhestand damit verbrachten, durch Australien zu reisen. Sie hatten den hinteren Bereich ihres Geländewagens gut ausgestattet, gaben sich aber ab und zu gerne etwas mehr Raum – wie die Frau lächelnd sagte –, damit sie sich nicht gegenseitig umbrachten, bevor sie Alice Springs erreichten. Sie blieben zwei Nächte und ihre begeisterten Facebook-Beiträge gaben mir das Gefühl, ich könnte einige ihrer Freunde anlocken.
Sobald die Sonne unterging, kehrte ich zu dem Haus zurück, in dem ich aufgewachsen war. Es war zu groß für eine Einzelperson, aber trotzdem mein Haus, das ich nach Mums Tod geerbt hatte. In den verschalten Holzwänden steckte die Erinnerung an meine Eltern, meinen krummbeinigen Vater und meine vor Lebenslust sprühende Mutter. Ich war hier geboren und hatte nie an einem anderen Ort gelebt. Ich war gemeinsam mit den restlichen Kindern der Station im Freien aufgewachsen und hatte die Schule in Worrindi besucht. Auf dem Heimweg hatte ich mit ungeduldig wippenden Füßen im Schulbus gesessen, bevor ich zur Tür hereingerannt war, meine Schultasche auf den Boden fallen gelassen und Jeans angezogen hatte, um zu den Pferden hinauszugehen. Mit elf hatte ich meinen ersten Hengst zugeritten. Mit dreizehn mein erstes Barrel Race gewonnen. In meinem Kinderzimmer im hinteren Teil des Hauses hatte Mum mir, an meinem Bettrand sitzend, Menstruation und Schwangerschaft, Liebe und Sex erklärt. In der Küche hatte ich ihr gesagt, dass ich nie mit einem Jungen ausgehen würde, weil ich Mädchen mochte. Und im großen Schlafzimmer, in dem ich jetzt schlief, hatte ich Mum über lange Monate dahinwelken sehen, als der Krebs sich in ihre Knochen gefressen hatte.
Das Bett in diesem Schlafzimmer war neu, aber die meisten anderen Dinge waren die gleichen geblieben. Das angrenzende Badezimmer war für einen Rollstuhl vergrößert und die kleinen Stufen und Winkel des alten Hauses geglättet worden, damit man sich leichter darin bewegen konnte. Obwohl sie nicht mehr hier war, trug das Haus noch Spuren von Mum und der unbeschwerten Heiterkeit, die ihr Leben ausgezeichnet hatte. Nach ihrem Tod hatte ich darüber nachgedacht, in meinem Kinderzimmer zu bleiben, aber der Raum war klein und das Badezimmer unbequem und altmodisch. Daher hatte ich nach ein paar Monaten, als ich das Schlafzimmer hatte betreten können, ohne Mum zart wie Spinnweben im Bett liegen zu sehen, meine Sachen umgeräumt. Jetzt gehörte das Haus mir, mir allein, und es erschien mir dumm, es nicht voll zu nutzen.
Etwa eine Woche nach meinem Ausflug nach Worrindi saß ich eines Morgens im alten Empfangszimmer und jetzigen Büro und sah meine Buchungen durch. Ich hatte keine Wanderritte geplant, musste aber trotzdem nach meinen Pferden und dem Heu sehen. Im Outback war der Winter die trockene Jahreszeit, und realistisch gesehen war noch ein paar Monate lang keinen Regen zu erwarten – mindestens. Die Pferde magerten schon ab.
Ich nahm meinen Hut und ging auf die Veranda hinaus, um meine Stiefel zu finden. Das Telefon klingelte, als ich sie gerade über die Füße zog. Ich eilte wieder hinein und nahm ab, bevor es verstummen konnte. Wenn es nur Handyempfang gäbe, würde ich nicht so viele Anrufe verpassen. »Jayboro Outstation, Felix hier.«
»Hi Felix, hier ist Josie. Ich weiß nicht, ob du dich an mich erinnerst, ich bin –«
»Die Barkeeperin im Commercial«, unterbrach ich sie. Ich lächelte, als ich mich an den angenehmen Anblick erinnerte, als sie sich nach den Käse-Zwiebel-Chips gestreckt hatte. Zu spät fragte ich mich, wie sie es auffassen würde, dass ich mich so gut an sie erinnerte. Aber ich war nie gut darin gewesen, die Coole zu spielen.
»Ja. Das bin ich. Du hast ein gutes Gedächtnis.«
Das Bild ihrer Beine blitzte vor meinem inneren Auge auf. »Schätze, das kommt davon, dass ich Gäste im Kopf behalten muss.«
»Stimmt.« War da Enttäuschung in ihrer Stimme? »Bei mir ist es genauso. So viele Leute kommen in einen Pub und alle sind sie beleidigt, wenn man sich nicht an sie erinnert.«
Ich drückte das Telefon fester an mein Ohr und warf einen Blick auf die Anzeige. Unterdrückte Nummer. Schade.
»Aber an dich erinnere ich mich gut«, fuhr Josie fort. »Aus mehreren Gründen. Ich habe alle möglichen Leute zu deinem Campingplatz geschickt. Graue Nomaden, ein paar Backpacker. Ich hoffe, wenigstens ein paar haben dich gefunden.«
»Das haben sogar einige, aber sie haben nicht gesagt, woher sie die Empfehlung hatten, sonst wäre ich vorbeigekommen und hätte mich bedankt.«
»Du kannst dich immer noch bedanken, wenn du willst«, sagte Josie. »Mir ist aufgefallen, dass ich es mir ja selbst ansehen könnte, wenn ich schon alle möglichen Leute zu dir rausschicke. Also, ich weiß, es ist kurzfristig, aber ich wollte fragen, ob du heute Vormittag einen Ausritt für mich einplanen könntest. Ich habe den Tag spontan freibekommen.«
»Das ist kein Problem. Ich habe heute keine anderen Buchungen. Wann?«
»Ich sitze in meinem Auto und kann gleich losfahren. Laut deiner Broschüre sollte ich in einer halben Stunde da sein. Es macht mir nichts aus zu warten, wenn du beschäftigt bist, aber es wäre gut auszureiten, bevor es zu heiß wird.«
»Fahr langsam, dann wird es schon klappen. Es wird eine Weile dauern, die Pferde vorzubereiten.«
»Danke. Bis dann, Felix.«
Die Leitung war tot. Ich hastete aus dem Haus. In Wahrheit würde ich in einer halben Stunde noch nicht fertig sein, aber ich hatte ihr nicht absagen wollen. Auf halbem Weg zum Stall erkannte ich außerdem, dass ich sie nicht gefragt hatte, wie viel Erfahrung sie mit Pferden hatte, was für einen Ritt sie im Sinn hatte oder wie lange sie unterwegs sein wollte. Sie hatte erwähnt, dass sie reiten konnte, daher nahm ich an, dass sie ein lebhafteres Tier wollte. Ich ging mit zwei Halftern zum Paddock und besah mir meine kleine Herde. Patchwork sollte gut zu ihr passen; die scheckige Stute war lebhaft, aber gehorsam, außerdem überraschend schnell und wendig. Sie war meine letzte Barrel-Race-Partnerin gewesen, bevor ich mit den Wettbewerben aufgehört hatte, um Mum zu pflegen. Und wenn Josie Patch ritt, würde ich ein ebenso schnelles Pferd brauchen, um mitzuhalten, sonst würde sie mich in Windeseile hinter sich lassen. Ich legte die Halfter Patch und Ben, einem jungen Stockhorse, an und führte sie zum Stall zurück.
Ich schaute gerne am Morgen bei den Campern vorbei, um mich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war, aber heute würde diese Runde warten müssen.
Ich striegelte gerade Bens Schweif, als ich ein Auto hörte. Eine Tür knallte zu und dann kamen Schritte die Stallgasse entlang.
»Felix?«
Ich richtete mich von Bens Hinterteil auf und lächelte. »Hallo, Josie. Schön, dich wiederzusehen.«
Ihr Lächeln hätte lediglich freundlich sein können, das geübte Lächeln einer Barkeeperin, aber ich glaubte, etwas Besonderes darin zu entdecken. Mehr als nötig gewesen wäre, um freundlich zu wirken. Es zeigte Fältchen in ihren Augenwinkeln.
Sie sah gut aus. Mein Blick huschte an ihr auf und ab. Ich sagte mir, dass es eine professionelle Einschätzung war, ob sie für den Ritt angemessen gekleidet war, aber tief im Inneren wusste ich es besser – ich wollte sie einfach nur abchecken. Sie war angemessen, wenn auch exzentrisch gekleidet. Ihre Jeans war eng und würde verhindern, dass ihre Beine am Sattel scheuerten. Sie war malvenfarben und dazu trug sie ein limonengrünes Tanktop und einen Akubra-Hut. Ihre Stiefel waren abgetragen und robust und offensichtlich schon lange nicht mehr neu. Sie hatten flache Absätze und waren aus Leder, die Stiefel eines Viehtreibers.
Ben, der große Softie, trottete zur Stange herüber und stupste mit der Nase gegen ihre Schulter, wobei er einen feuchten Abdruck auf ihrem Top hinterließ. Sie legte die Hand an seine Wange und fuhr mit den Fingern hoch, um ihn hinter dem Ohr zu kraulen. Er schloss genüsslich die Augen und schob die Nase hinab zwischen ihre Brüste. Glückliche Nase.
»Reite ich den hier?«
»Nein. Ben ist ein Süßer, aber er zieht an wie eine Dampflok. Du ziehst es sicher vor, deine Arme zu behalten. Nein, du reitest Patchwork. Sie ist in der Box daneben.«
Josie ging zu Patch hinüber, die mit aufgestellten Ohren über die Stange sah, bereit eine neue Freundin kennenzulernen.
»Was bist du denn für eine Hübsche?«, gurrte Josie mit leiser, süßer Stimme. »So ein zierliches Mädchen.«
»Lass dich nicht von ihrem Aussehen täuschen. Sie ist schnell wie ein Pfeil und so mutig, wie es nur geht. Sie und ich haben beim Mount Isa Rodeo drei Jahre hintereinander das offene Barrel Race gewonnen.«
»Ich fühle mich geehrt, dass du mich auf ihr reiten lässt.«
»Ich dachte, wenn du schon öfter geritten bist, hättest du mit einem der ruhigeren Pferde keinen Spaß. Mit Patch wirst du eine gute Zeit haben.« Ich zäumte Ben fertig auf, schob die Stange weg und führte ihn auf den Gang hinaus.
Josie tat es mir gleich und führte Patch heraus. Sie ging selbstsicher mit der Stute um, und war offensichtlich an Pferde gewöhnt.
Wir saßen auf und ich ging mit ihr vom Platz auf den Pfad, der am Rand des Campingplatzes entlangführte. Ein Pärchen saß vor einem Wohnmobil und winkte uns zu und Josie tat es ihnen gleich. »Die zwei habe ich hergeschickt«, sagte sie. »Muss vor drei Tagen gewesen sein. Ich schätze, es gefällt ihnen hier.«
»Das hoffe ich.«
Wir ritten nebeneinander und hielten genug Abstand, dass ich darauf achten konnte, wie bequem Josie im Sattel saß. Sie ritt auf eine lockere Art, nicht ganz im zurückgelehnten Stil der australischen Viehtreiber, aber auch nicht ganz im aufrechten englischen. Ich vermutete, dass sie mit Ponys aufgewachsen war, irgendwo an einer Reitschule gelernt und ihren Stil dann etwas entspannt hatte. Aber sie war nachsichtig mit der Stute und fasste sie leicht an und den aufgestellten Ohren und freien Bewegungen nach zu schließen ging es Patch sichtlich gut.
Außerdem konnte Josie schweigen – etwas, das ich schätzte. Meine Liebe zur Ruhe kam daher, dass ich im Busch aufgewachsen war, wo ich aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte oft allein gewesen war. War Josie auch in einer ländlichen Gegend aufgewachsen? Ich warf einen Blick auf sie. Ihre Lockenmähne quoll unter ihrem Reithelm hervor und die Perlen dazwischen glitzerten im Sonnenlicht. Diese Landschaft war offensichtlich neu für sie, aber als sie sich umsah, konnte ich auch erkennen, dass sie vertraut mit dem Outback war.
Dann sah sie zu mir und grinste. »Hast du eine Ahnung, wie gut das hier tut, nachdem ich eine Woche lang Bier an verschwitzte Stationsarbeiter und verstaubte Touristen ausgeschenkt habe?« Sie fuhr fort, ohne auf eine Antwort zu warten. »Verdammt gut. Es ist Monate her, seit ich zuletzt auf einem Pferd gesessen habe.« Sie tätschelte Patchs Hals. »Und diese Stute ist eine ganz liebe.«
»Das ist sie. Und du gehst gut mit ihr um.«
Patch umging schnaubend eine Eidechse und Josie schwankte kurz im Sattel. Ich revidierte meine Meinung etwas. Trotz Josies Sicherheit auf dem Pferderücken war sie vielleicht nicht so erfahren, wie ich gedacht hatte. Vielleicht war sie aber auch einfach nur eine Weile nicht mehr geritten.
»Danke. Wie viele Pferde hältst du hier?«
»Ein halbes Dutzend, alle fürs Wanderreiten. Zwei ruhige für Anfänger. Zwei Ponys für Kinder und diese zwei.«
»Ich habe ein Pferd unten in South Australia. Natürlich habe ich sie seit Monaten nicht gesehen. Ich vermisse sie.«
Das erklärte ihren sicheren Umgang mit Pferden. »Wie ist dein Pferd so?«
»Sie ist ein Vollblut, ein Ex-Rennpferd. Temperamentvoll und sehr schön. Sie hat bei Rennen nicht gut abgeschnitten – war nicht schnell genug.«
»Du musst sie wirklich vermissen.«
»Ja. Aber ich ziehe ständig von einem Ort zum anderen. Es ist schwer, das mit einem Pferd im Schlepptau zu tun. Ich hätte liebend gern einen Hund, aber sogar das wäre schwierig. Viele Jobs, die ich annehme, stellen eine Unterkunft – wie im Commercial – und die erlauben normalerweise keine Hunde. Vielleicht sollte ich mir einen Wohnwagen besorgen und selbstständig sein, aber ich glaube nicht, dass mein altes Auto den ziehen könnte.«
»Wo hast du dein Pferd untergebracht?«
»In South Australia, bei einer Freundin.« Josie schloss abrupt den Mund. Der Satz brach ab, als hatte sie noch mehr sagen wollen.
»Kommst du von dort?«
»Ja. Aus einer kleinen Stadt im Norden von Adelaide. Es ist nicht das Outback, aber immer noch ziemlich ländlich. Als Kind habe ich dort Reiten gelernt, habe Stunden genommen und im Gegenzug dafür Boxen ausgemistet. Ich bin gegangen, als ich siebzehn war, und seitdem ziehe ich umher.«
Ich fragte mich, wann sie lange genug an einem Ort geblieben war, um ein Pferd zu bekommen, doch das ging mich nichts an. Zweifellos hatte sie an manchen Orten etwas mehr Zeit verbracht.
Sie lenkte Patch näher zu mir und die Stute gehorchte und kam so nahe, dass Josies Steigbügel gegen meinen stieß. »Aber Worrindi ist ein guter Ort. Ich glaube, ich bleibe eine Weile hier. Chris und Madge sind anständige Leute und ich mag es, für sie zu arbeiten. Das ist bei diesen Jobs nicht oft der Fall. Ich habe es schon lange satt, für Ärsche zu arbeiten. Das ist einer der Gründe, warum ich so oft umziehe. Außerdem bezahlen sie mich fair und ich habe ein anständiges Zimmer über der Bar. Und jetzt, da ich dich getroffen habe, weiß ich, wohin ich an meinen freien Tagen fahren kann.« Sie sah mich unter dem Helm hervor von der Seite an. »Also, wenn du nichts dagegen und gerade Platz für eine Reiterin hast.«
»Natürlich nicht. Ich habe nichts dagegen, wenn du wie heute Morgen spontan anrufst. Solange du nicht beleidigt bist, wenn ich ausgebucht bin – obwohl das nicht oft passiert.«
Sie seufzte erleichtert. »Das ist toll. Danke, Felix.«
Wir hatten den Zaun allmählich hinter uns gelassen und das weite Land erstreckte sich vor den Hufen unserer Pferde. »Willst du schneller reiten?«, fragte ich.
Zur Antwort trieb sie Patch leicht an und die willige Stute ging in einen schnellen Handgalopp über. Ich tat es ihr gleich, hielt mich aber zurück, damit sie die Geschwindigkeit bestimmen konnte. Staub wirbelte auf, als Josie und Patch schneller wurden. Patch war ein ehrgeiziges Pferd und antwortete ebenso sehr auf mein Pferd an ihrer Flanke als auch auf Josies Kommandos. Josie bewältigte das Tempo gut. Der Staub flog mir ins Gesicht und ich trieb Ben in die klarere Luft hinaus an, was Patch nur weiter anspornte. Nase an Nase jagten wir über die rote Erde, sodass Sand und Staub uns ins Gesicht peitschten.
»Langsam«, rief ich Josie zu. »Weicher Sand vor uns.«
Sie gehorchte, bremste Patch ab und führte sie in eine weite Kurve, um die Geschwindigkeit zu drosseln.
Ich kam wieder an ihre Seite und verlängerte die Zügel, damit Ben sich strecken und abkühlen konnte. Es war immer noch sehr früh, erst um acht herum, aber die Sonne war bereits warm. Kurz drängten Gedanken an die Campingküche, die geputzt werden musste, und die noch unfertige zweite Hütte auf mich ein, aber diese Gedanken wichen der Freude über das Hier und Jetzt.
»Lebst du alleine hier, Felix?« Josie betrachtete mich von der Seite, während wir im Schritt dahinritten.
»Ja. Seit meine Mutter vor ein paar Jahren gestorben ist.«
»Kein Partner?« Wieder dieser Blick von der Seite. »Wenn ich an die Angebote denke, die ich im Commercial bekommen habe, scheint mir, dass es hier mehr als genug willige Kerle gibt.«
Ich fragte mich, ob ich sie über meine sexuelle Orientierung aufklären sollte. Normalerweise war ich der Meinung, dass es niemanden außer mich selbst etwas anging, und mit den durchziehenden Touristen kam ich nie darauf zu sprechen. Aber Josie hatte gesagt, dass sie zurückkommen würde.
»Es gibt genug Kerle«, sagte ich. »Aber die sind nicht mein Typ.«
»Was ist dein Typ?« In ihrer Stimme war ein Lächeln, zusammen mit etwas mehr, einem winzigen Hauch Interesse und Koketterie.
»Jemand, der gerne im Freien ist, bodenständig, praktisch veranlagt. Ehrlich.«
»Das ist alles? Du suchst keinen Brad Pitt?«
»Und weiblich. Aber sie muss nicht aussehen wie Angelina Jolie.« Ich konzentrierte mich auf Bens Ohren statt auf Josie, falls sie zurückzuckte.
»Das dachte ich mir. Kein Wunder, dass du alleine lebst. Hier ist die Auswahl für uns nicht gerade groß.«
Sie hatte uns gesagt.
»Nein. Aber das ist in Ordnung. Ich hätte nicht viel für Pubs und Clubs übrig, auch wenn ich in der Stadt wohnen würde.«
»Ich auch nicht.« Sie streckte eine Hand zu mir aus und ich ergriff sie. Sie drückte kurz meine Finger, bevor sie losließ. »Aber es ist schön, mit dir zu reden, Felix.«
Ich fragte mich, was sie in Worrindi gehört hatte, ob das der Grund war, warum sie zu mir herausgefahren war, aber sie kam mir zuvor. »Niemand hat etwas gesagt, falls du dich das fragst. Ich dachte, ich hätte dich richtig gelesen, als du die Broschüren im Pub vorbeigebracht hast. Und die guten Leute von Worrindi glauben, dass ich einfach sehr wählerisch bin.«
Kleinstädte konnten schwierig für jemanden sein, der anders war. Für mich war es kein Problem gewesen – ich hatte Glück gehabt –, aber ich hatte Geschichten von anderen gehört, die mir klargemacht hatten, dass es nicht immer so war. Meine Freundin Sue lebte ein paar Stunden entfernt an einem Ort, der noch kleiner war als Worrindi. Sie war im Outback aufgewachsen und hatte mir ihre Geschichte erzählt; ihre Erfahrungen waren bei Weitem nicht so positiv gewesen wie meine. Sie hatte zehn Jahre lang ihre Sexualität verleugnet, bis sie sich nicht länger hatte verstecken können. Und ich war die Person gewesen, die ihre gleichgeschlechtliche Trockenzeit beendet hatte.
»Worrindi ist okay«, sagte ich. »Die meisten wissen, dass ich eine Lesbe bin. Gerüchte machen hier schnell die Runde. Wir sind im Outback zwar weit verstreut, aber die Buschtrommel arbeitet schnell.«
Josie grinste. »Die Wahrheit über mich hat noch nicht die Runde gemacht. Mein Leben ist ein offenes Buch – abgesehen von all den Geheimnissen.«
Ich grinste zurück. »Wenn du eine Weile hier bist, musst du meine Freunde Sue und Moni kennenlernen. Sie wohnen ein paar Stunden entfernt, aber manchmal kommen sie für ein Wochenende hierher.«
»Das würde mir gefallen.«
Die Pferde traten auseinander, während sie sich über eine unebene Stelle arbeiteten, und wir schwiegen. Josie starrte auf den Horizont und hatte etwas Ruhiges an sich, eine Aura der Zufriedenheit. Ich sah auf meine Uhr. Wir waren seit fast zwei Stunden unterwegs. Wir hatten nicht besprochen, wie lange der Ritt dauern sollte, bevor wir aufgebrochen waren, aber wir waren einen weiten Kreis geritten und jetzt etwa zwanzig Minuten vom Stall entfernt. Außerdem näherten wir uns einem Punkt, an dem wir entweder am Zaun entlang oder auf einem Umweg um die andere Seite herum zurückreiten konnten. Ich sah zu Josie hinüber. Wenn sie eine Weile nicht geritten war, würden diese zwei Stunden reichen – sonst wäre sie morgen steif wie ein Brett. Und ich hatte eine Hütte, an der ich arbeiten musste.
»Wenn wir zurückkommen, sind wir zwei Stunden lang unterwegs gewesen. Bist du zufrieden damit, es dabei zu belassen?«, fragte ich.
»Das ist in Ordnung. Ich weiß, dass ich mit meinem Anruf in letzter Minute deinen Tag durcheinandergebracht habe. Ich bin froh, dass du dir Zeit für mich nehmen konntest.«
»Kein Problem. Aber jetzt muss ich die Campingküche putzen und andere Dinge erledigen. Nichts besonders Aufregendes.«
»Hättest du etwas dagegen, wenn ich mich etwas umsehe? Ich würde gerne wieder ausreiten. Vielleicht nächste Woche, wenn dir das passt. Ich dachte, ich könnte mein Zelt mitbringen und hier übernachten, wenn ich zwei Tage hintereinander freibekomme.«
Warme und verschwommene Gefühle der Erwartung durchströmten mich – Freude darüber, dass Josie mehr Zeit hier draußen verbringen wollte. Andererseits wollte sie wahrscheinlich einfach nur aus Worrindi und dem Pub rauskommen. Wenn sie im selben Gebäude wohnte, stand sie praktisch immer zur Verfügung. Es hatte nicht nur Vorteile in einer Kleinstadt hinter der Bar zu arbeiten: fast jeder kannte einen und man galt weithin als verfügbar, selbst wenn man gerade nicht arbeitete. Ich konzentrierte mich auf ihr Gesicht, als ich antwortete: »Es gibt ein paar gute Zeltplätze näher am Birragum Creek. Da ist es ruhig. Du wärst überrascht, wie viele Leute in der Nähe der Toiletten sein wollen.«
»Ich nicht. Ich habe gerne Raum für mich. Wenn ich unterwegs bin, übernachte ich nie auf Campingplätzen. Ich suche mir einfach ein ruhiges Plätzchen und fahre an den Straßenrand. Ich bin nur ein paar Mal gebeten worden, zu gehen. Einmal wegen unerlaubten Betretens von Privatgrund und einmal von der Polizei, weil ich zu nahe am Stadtrand war.«
»Das könntest du hier auch machen, wenn du wolltest. Ehrlich gesagt musst du nicht auf einem Campingplatz bleiben. Das ganze Outback ist ein riesiger ruhiger Ort, an dem du Halt machen kannst.«
Sie lachte. »Versuchst du, mich zu verscheuchen?«
»Nein! Ich würde mich freuen, wenn du über Nacht bleibst. Aber du musst dich zu nichts verpflichtet fühlen.«
»Das würde ich gerne. Es ist schön hier. Mit dem zusätzlichen Vorteil einer heißen Dusche. Jedenfalls nehme ich an, dass es heißes Wasser gibt?«
»Natürlich.«
Während des Gesprächs hatten wir den Stall erreicht und ich führte sie zur Rückseite herum. Ich stieg ab und lockerte Bens Sattelgurt. Josie tat es mir gleich, aber ihre Bewegungen waren langsamer. Morgen früh würde sie ziemlich steif sein. Ich führte Ben in den Stall und sie folgte mit Patch.
Der Ritt war vorüber und ich hatte eine Million anderer Dinge zu tun. Trotzdem zögerte ich noch.
»Ein großer Stall«, sagte Josie. »Boxen für zwölf. Gab es hier mal mehr Pferde?«
»Wir hatten mehr, als meine Eltern noch gelebt haben. Ihre Pferde, meine zwei Ponys. Die Hauptstation hatte auch ab und zu welche hier. Wir hatten oft einige jüngere zum Zureiten bei uns. Manchmal übernehme ich noch eins, aber das letzte Mal ist eine Weile her.«
Josie stand mit der Hand an Patchs Hals da und das Licht fiel durch die Ritzen in der Holzwand herein. Sie hatte den Helm abgenommen und die Sonnenstrahlen verwandelten ihre wilden Haare in einen Heiligenschein aus Licht. Sie war nicht schön, mit ihren zusammengewürfelten alten Kleidern, aber sie war faszinierend. Ein Teil von mir – ein recht großer Teil – freute sich darauf, sie wiederzusehen.
Das Schweigen zog sich in die Länge. Ich konnte nicht aufhören zu starren, daher schob ich die Hände in die Taschen meiner Jeans. »Komm rüber ins Büro und wir können den Ausritt abrechnen.«
»Den Ausritt. Ja.« In ihrer Stimme lag definitiv ein Anflug Belustigung.
Ich straffte die Schultern. Ja, ich lebte in einer abgelegenen Gegend, wo die Möglichkeiten, eine Geliebte zu finden, null und nichtig waren, um den altmodischen Ausdruck zu verwenden. Aber das bedeutete nicht, dass wir uns automatisch in die Arme fallen mussten, nur weil eine Lesbe in mein Leben getreten war.
Ich führte sie zum Büro. Es lag auf der Vorderseite des Hauses und führte auf die Veranda hinaus, was es Campern und Touristen leichter machte, mich zu finden. In den frühen Tagen, bevor ich mir bessere Schilder besorgt hatte, war ich einmal von zwei spanischen Backpackern in der Dusche überrascht worden. Vielleicht hatten sie gedacht, dass es ein seltsamer australischer Brauch war, Gäste mit nichts als einem Duschhandtuch bekleidet zu begrüßen, aber am nächsten Tag war ich nach Worrindi gefahren und hatte das größte Büroschild gekauft, das ich hatte auftreiben können.
Mums Schreibtisch dominierte den Raum; dort hatte sie früher die Buchhaltung gemacht. Jetzt versuchte ich dort die Buchhaltung zu machen. Jedes Jahr sah ich der Zeit der Steuererklärung mit Grauen entgegen.
Ich setzte mich an den Tisch und holte die Bargeldlade heraus. Josie war mir gefolgt und sah sich die Fotos an der Wand an. Ich wusste, was sie zeigten: meine Eltern, als sie jung waren; Dad beim Stierreiten auf dem Rodeo in Isa; Mum beim Barrel Race oder bei der Arbeit mit einem jungen Pferd; beide auf örtlichen Pferderenn-Picknicks, herausgeputzt in ihrem Sonntagsstaat. Ein paar von mir als Kind: ernst, mit langen geflochtenen Zöpfen und einer Lücke zwischen den Schneidezähnen. Eins von mir mit einem Pony, an das ich mich gut erinnerte, da es ein richtiger Frechdachs gewesen war. Ein weiteres mit dem ersten Hengst, den ich zugeritten hatte. Ein drittes von mir und demselben Hengst auf der Show in Isa, wie wir fast einen halben Meter über einen Zaun hinwegsegelten.
»Deine Eltern?« Sie starrte auf ein Foto von Mum und Dad.
»Ja. Mein Vater war Head Stockman auf der Hauptstation Jayboro. Als er sich zur Ruhe gesetzt hat, haben die Besitzer ihm dieses Haus und das Land geschenkt, auf dem der Stall und der Campingplatz sind. Jetzt gehört beides mir.«
»Das war anständig von ihnen.« Ihr Blick huschte zu einem Foto von mir und Patch. »Hier gibt es eine Menge guter Leute.« Sie drehte sich zu mir um. »Das wird langsam selten. Manchmal sieht es so aus, als wollte jeder einfach nur alles nehmen, was er kriegen kann, ohne sich darum zu kümmern, wer dabei übers Ohr gehauen wird.«
Ihr Ton war beiläufig. Wenn sie betrogen worden war, hatte sie es sich offenbar nicht sehr zu Herzen genommen. Ich beobachtete das subtile Muskelspiel unter ihrer gebräunten Haut, das durch den runden Ausschnitt ihres Tank Tops sichtbar war. Vielleicht spürte sie meinen Blick, denn sie drehte sich um und erwischte mich beim Starren. Ich wandte den Blick ab, aber ihre Lippen zuckten und sie sagte: »Wie viel schulde ich dir?«
Ich nannte ihr die Summe und wartete, während sie eine ramponierte Geldbörse aus der Jeans zog und einige zerknitterte Scheine abzählte.
»Danke.«
»Kann ich dich anrufen, wenn ich weiß, wann ich wieder frei habe? Chris und Madge sind großartig, aber manchmal können sie das nicht wirklich im Voraus sagen.«
»Keine Sorge. Normalerweise kann ich spontan jemanden einschieben.« Ich stieß einen Atemzug aus. »Auch wenn ich wünschte, dass es nicht so wäre. Es wäre wunderbar, wenn ich ausgebucht wäre.«
»Eines Tages. Es wird gemunkelt, dass Outback-Tourismus groß im Kommen ist.«
»Wo wird das gemunkelt, auf Worrindis Hauptstraße?«
»Ja. Es wird beliebter. All die grauen Nomaden auf den Straßen, Leute in ihren Geländewägen, die vor dem Stress der Städte fliehen.«
»Vielleicht sollte ich ihnen eine Zurück-zu-den-Wurzeln-Erfahrung bieten. Sie könnten in meiner unfertigen Hütte schlafen und meine Toiletten putzen. Das macht den Kopf frei.«
»Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass das Leute anlockt.« Sie nahm ihren Hut. »Ich will dich nicht weiter aufhalten. Diese Toiletten rufen deinen Namen. Ich schaue mich ein wenig um und fahre dann los. Danke für den Ritt. Es hat mir wirklich Spaß gemacht.«
»Mir auch.« Die Worte waren draußen, bevor ich darüber nachdenken konnte, wie sie klangen – zu freundlich zu einer Frau, die im Grunde eine Kundin war. Aber ich hatte den Ritt wirklich genossen – und Josies Gesellschaft auch.
Sie lächelte, setzte sich den Hut auf und verschwand ins blendende Tageslicht.
Ich öffnete die Bargeldlade und legte die Scheine hinein. Ich konnte nicht herumsitzen. Schließlich hatte ich eine Campingküche zu putzen.
Kapitel 3
Eine Woche verging und zu meiner Überraschung wurde die neue Hütte für fünf von sieben Nächten gebucht. Die Rückmeldungen der Gäste waren im Allgemeinen positiv: sie liebten den Frieden und die Lage. Auf einige Vorschläge hin begann ich, ein Dinner-Paket anzubieten, das die Leute sich in der Campingküche zubereiten konnten, und mehrere verschiedene Frühstücks-Pakete. Ich hatte nicht daran gedacht, dass die Leute, die üblicherweise in Städten übernachteten, kein Essen mitbringen würden. Das bedeutete, dass ich mehr Lebensmittel vorrätig haben musste, aber es brachte mir einen anständigen Profit ein.
Außerdem brauchte ich die zweite Hütte fertig und einzugsbereit – und zwar bald.
Inzwischen war es Mittwinter und der Höhepunkt der Touristensaison im Outback. Die Tage waren angenehm warm und sonnig, die Nächte kühl genug, dass ein Lagerfeuer Freude bereitete. Sogar die Fliegen, eins der großen Ärgernisse des Lebens im Outback, waren weniger geworden. Das würde möglicherweise die geschäftigste Zeit des Jahres sein und ich hoffte, genug zu verdienen, um damit über die Sommermonate zu kommen, wenn die Hitze und die Fliegen unerträglich wurden und die Regenzeit die Straßen unpassierbar machen könnte.
Außerdem war jetzt eine gute Zeit für Wanderritte, da die Camper nicht zu unmöglichen Zeiten aufstehen mussten, damit das Reiten noch erträglich war. Aber auch wenn die Wanderritte im Sommer wegfielen, die Pferde brauchten trotzdem Aufmerksamkeit. Sie verabschiedeten sich nicht mit einem Surfbrett an die Küste; sie waren noch hier und brauchten immer noch Bewegung und Futter.
Eines Abends saß ich im Büro, umgeben von den Fotos meiner Eltern, und kalkulierte, wie viel es mich kosten würde, die zweite Hütte zu eröffnen. Es war kein Vermögen – eine sehr geringe Summe verglichen mit dem Kredit, den ich bereits von der Bank bekommen hatte. Aber ich zögerte, mir mehr zu leihen, falls die Bank es mir tatsächlich geben würde. Ich versuchte, Geld beiseitezulegen, um die Kreditrückzahlungen im Sommer bewältigen zu können. Mehr zu zahlen, würde sehr schwierig für mich werden.
»Was würdest du tun, Mum?« Ich prostete ihrem Foto mit einem Glas Wasser zu.
Ich wusste, wie ihre Antwort ausgefallen wäre. Sie hätte die Ärmel hochgekrempelt, eine weitere Stunde am Tag gearbeitet und zum fünften Mal in einer Woche Hackbraten zu Abend aufgetischt, ohne sich zu beschweren, denn der war günstig und einfach zu kochen.
Ich beschloss, die zweite Hütte so bald zu eröffnen, wie ich konnte. Morgen würde ich Matt auf der Hauptstation anrufen und fragen, ob ich mir seine Bodenschleifmaschine ausleihen könnte. Ich könnte sie auf dem Weg nach Worrindi abholen, wo ich Beize und Lack für die Bodendielen einkaufen wollte. Außerdem würde ich sehen, welche Möbel ich in der Stadt fand. Eine Fahrt nach Isa und in die größeren Geschäfte würde einen ganzen Tag dauern.
Wenn ich Glück hatte, und die Arbeit hineinsteckte, würde ich die zweite Hütte vielleicht in ein paar Wochen eröffnen können.
Ich stand auf und ging zur Tür. Es war spät für meine Verhältnisse, fast zehn Uhr. Das Telefon klingelte. Eine Sekunde lang dachte ich daran, es klingeln zu lassen, aber die Gewohnheit siegte. Spätabendliche Anrufe im Outback waren nur selten trivial. Aber obwohl ich erwartete, dass es ein Nachbar war, jemand von der Jayboro Station, erkannte ich Josies Stimme sofort. Sie klang kurz angebunden, wie es ihre Art war, und den Hintergrundgeräuschen nach zu schließen, befand sie sich im Commercial.
»Hey«, sagte sie und es gefiel mir, dass sie glaubte, mich gut genug zu kennen, um nicht sagen zu müssen, wer anrief. »Ich muss kurz machen. Ich arbeite gerade und sie schreien hier nach Bier. Man könnte denken, wir hätten eine Dürre.« Ihr belustigtes Schnauben hallte durch die Leitung. »Aber ich habe mich gefragt, ob du morgen früh einen Ritt für mich reservieren könntest. Ich könnte um sieben bei dir sein. Über Nacht kann ich nicht bleiben, da ich morgen Abend arbeiten muss, aber ich würde sehr gerne kommen.«
In Gedanken schredderte ich meinen Tagesplan und weigerte mich zu denken, dass ich es wegen ihr tat. Ich würde das für jeden Touristen tun. Das Geld für ein paar Stunden Wanderreiten würde meinen Finanzen helfen. Ich konnte später noch in den Ort fahren.
»Klar«, sagte ich. »Je früher, desto besser.«
»Alles klar. Wir sehen uns morgen. Ich freue mich darauf.« Es entstand eine Pause und ihre nächsten Worte gingen offenbar an jemanden an der Bar. »Nur Geduld, Ty. Dein Bier kommt schon noch. Es wird uns in der Zwischenzeit nicht ausgehen.« Zu mir sagte sie: »Muss los. Bis dann.«
Ich blieb mit dem Telefon, aus dem das Freizeichen tönte, in der Hand zurück.
Am nächsten Morgen hielt ein Camper mich auf, als ich auf dem Weg zum Stall meinen üblichen Gang über den Campingplatz machte. »Hi Felix, ich wollte fragen, ob du heute Vormittag noch jemanden zum Ausreiten mitnehmen könntest?«
Ich wusste nicht viel über Dan. Er reiste allein und hatte sein kleines Wohnmobil seit einigen Tagen am tiefergelegenen Ende des Campingbereichs geparkt. Er schien den Großteil seiner Zeit damit zu verbringen, auf seinem Laptop zu schreiben oder durch einen Feldstecher Vögel zu beobachten. Soweit ich gesehen hatte, als ich für einige freundliche Worte vorbeigekommen war, hatte sein Wohnmobil eine improvisierte Ausstattung, mit einem einzelnen Hochbett und Plastikboxen als Stauraum. Ich vermutete, dass er irgendeinen Bürojob hatte oder vielleicht etwas Technisches, das nicht viele soziale Fähigkeiten erforderte.
Ich dachte schnell nach. »Ich habe noch eine Person, die um sieben kommt. Wenn das nicht zu früh für dich ist, kann ich dich dann mitnehmen. Sonst fürchte ich, dass es bis morgen warten muss.«
Er nickte knapp und ging wieder ins Mobil, woraufhin ich mich fragte, ob ich ihn irgendwie beleidigt hatte. Aber er kam schnell mit etwas zurück, das wie ein Fahrradhelm aussah. »Danke. Ich bin bereit. Ich komme jetzt mit.«
Ich musterte den Helm, von dem Plastikstreifen aufragten, die Elstern fernhalten sollten. Ganz offensichtlich war er ein blutiger Anfänger.
»Keine Eile. Wie viel Reiterfahrung hast du?«
»Gar keine«, gestand er. »Ist das in Ordnung?«
Ich hoffte, Josie wäre nicht allzu sauer, aber ich hatte schon erfolgreich Leute mit unterschiedlichen Reitfähigkeiten mitgenommen. Ich beschwor ein besonders beruhigendes Lächeln herauf, das ich für besorgte Mütter nutzte, wenn ich ihre kleinen Kinder auf eine Runde durch den Paddock mitnahm. »Wunderbar. Ich habe zwei ruhige Pferde. Wir treffen uns dort drüben.«
Im Stall nahm ich drei kleine Futtereimer, stellte sie in die Boxen und öffnete sie. Meine kleine Herde scharte sich um das Gatter, wie Menschen, die einen Bus bestiegen. Ich öffnete das Gatter einen Spalt und schaffte es, die drei Pferde durchzulassen, die ich wollte: Patch, Ben und eine ruhige Stute namens Smoke. Die übrigen drei Pferde drängten sich gereizt an das Gatter, weil sie aussetzen mussten. Aber ich hatte nur genug Futter für die Pferde, die heute arbeiten würden.
Ich hatte Patch gestriegelt und begann gerade mit Ben, als ich Schritte hörte. Ich lugte unter Bens Bauch hindurch, während ich seine Vorderbeine striegelte, und sah eine malvenfarbene Jeans, die auf mich zukam. Ich richtete mich auf. Josie kam auf der Stallgasse heran. Sie blieb vor Patchs Box stehen, um der Stute süße Worte zuzuflüstern.
Ich trat hinter dem massigen Ben hervor und sie entdeckte mich. Sofort erhellte ein aufrichtiges Lächeln ihr Gesicht und sie neigte den Kopf zur Seite.
»Hey.« Es war nicht die originellste Begrüßung, aber die Freude in Josies Gesicht nahm mir jegliche Wortgewandtheit.
Sie kam heran und legte eine Hand an Bens Hals. Es war eine lockere, bequeme Geste. »Hey zurück.« Sie gähnte. »Tut mir leid. Hatte gestern einen langen Abend. Wir schließen, um Mitternacht oder wenn der letzte Gast geht, je nachdem, was früher eintritt, und gestern Abend war es Mitternacht.«
»Ein Ritt sollte dich aufwecken.«
»Deshalb bin ich hier. Reite ich wieder Patch?«
Ich nickte. »Letztes Mal scheint sie dir gefallen zu haben. Wir haben heute noch jemanden bei uns, Dan, einen der Camper. Er ist ein blutiger Anfänger, aber ich achte darauf, dass du auch deinen Spaß hast.«
»Kein Problem. Ich habe nicht erwartet, dass ich immer die Einzige sein würde.« Sie hielt inne. »So schön es auch war.«
Ihre wilden Locken fingen die Sonne ein, die durch die Ritzen in der Wand hereinfiel.
»Ich muss diese drei noch fertig machen. Wenn du einen Kaffee willst, um dich aufzuwecken, dann geh ruhig in die Campingküche hinüber. Dort findest du Instant-Pulver und Milch im Kühlschrank.« Ein Teil von mir hoffte, dass sie bleiben und reden würde, aber sie nickte und verschwand in Richtung Küche.
