A single night - Ivy Andrews - E-Book

A single night E-Book

Ivy Andrews

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4,99 €

Beschreibung

Eine einzige Nacht kann dein Leben für immer verändern … Ausgezeichnet mit dem LovelyBooks Leserpreis 2020!

Als die modebegeisterte Libby während der New Yorker Fashion Week auf den erfolgreichen Jungdesigner Jasper Chase trifft, ahnt sie nicht, dass sie wenige Stunden später eine unvergessliche Nacht mit ihm verbringen wird. Anderthalb Jahre danach kreuzen sich ihre Wege erneut: am Plymouth College of Art, wo sich Libby für ein Modedesign-Studium eingeschrieben hat. Das erste Wiedersehen verläuft jedoch alles andere als magisch, und Libby muss sich fragen, wieso sie in den letzten Monaten immer wieder an Jasper denken musste, denn dem ist der Starruhm offensichtlich völlig zu Kopf gestiegen. Jasper allerdings hat Libby keineswegs vergessen – genauso wenig dessen bester Freund Ian, dem die talentierte Amerikanerin ein gewaltiger Dorn im Auge ist …

Die L.O.V.E.-Reihe bei Blanvalet:
Band 1: A single night (Libby & Jasper) Ausgezeichnet mit dem LovelyBooks Leserpreis 2020!
Band 2: A single word (Oxy & Henri)
Band 3: A single touch (Val & Parker)
Band 4: A single kiss (Ella & Callum)

Alle Bände können auch unabhängig voneinander gelesen werden.

Die Autorin schreibt auch unter den Pseudonymen Ava Innings und Violet Truelove.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 622




Buch

Als die modebegeisterte Libby während der New Yorker Fashion Week auf den erfolgreichen Jungdesigner Jasper Chase trifft, ahnt sie nicht, dass sie wenige Stunden später eine unvergessliche Nacht mit ihm verbringen wird. Anderthalb Jahre danach kreuzen sich ihre Wege erneut: am Plymouth College of Art, wo sich Libby für ein Modedesign-Studium eingeschrieben hat. Das erste Wiedersehen verläuft jedoch alles andere als magisch, und Libby muss sich fragen, wieso sie in den letzten Monaten immer wieder an Jasper denken musste, denn dem ist der Starruhm offensichtlich völlig zu Kopf gestiegen. Jasper allerdings hat Libby keineswegs vergessen – genauso wenig dessen bester Freund Ian, dem die talentierte Amerikanerin ein gewaltiger Dorn im Auge ist …

Autorin

Ivy Andrews alias Viola Plötz, geboren 1979, machte sich nach ihrem Studium im Fach Kommunikationsdesign als Hochzeitsfotografin und Designerin selbstständig. Im Jahr 2014 beschloss sie schließlich, ihren Traum von einem eigenen Buch zu verwirklichen. Was darauf folgte, waren mehrere erfolgreiche Romane als Selfpublisherin und nun die »L.O.V.E.«-Reihe bei Blanvalet. Die Autorin lebt mit Mann und Kindern im Taunus – viel zu weit entfernt vom Meer, das sie so liebt. Doch sie kann sich nicht nur für das Wasser und Wellenreiten begeistern, sondern auch für Musik, Yoga und nicht zuletzt für prickelnde Geschichten.

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Ivy Andrews

Asingle

NIGHT

ROMAN

L.O.V.E. Band 1

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Deutsche Erstveröffentlichung 2020 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Copyright © 2020 by Ivy Andrews

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb

Redaktion: Ivana Marinović

Umschlaggestaltung: © Sandra Taufer, München

Umschlagmotiv: Sandra Taufer unter Verwendung von Motiven von © Shutterstock.com (Alona Siniehina, HS_PHOTOGRAPHY)

DN · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-25305-9V003www.blanvalet.de

Meinem Opa, Erwin Heublein.29.06.1935 – 13.06.2019

Und wenn du lange in einen Abgrund blickst,blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Friedrich Nietzsche

1 Libby

»Dieser Jasper Chase ist ein wirklich heißer Bengel«, murmelt eine Frau hinter mir. »Ich will ein Baby von diesem Kerl. Wobei, was rede ich? Ich nehme gleich ein Dutzend.«

»Darf ich dich daran erinnern, meine Liebe, dass deine Eierstöcke bereits vor einem Vierteljahrhundert den Dienst quittiert haben?«, fragt eine nasale Stimme.

Schockiert presse ich meine Lippen aufeinander. Wie unhöflich!

»Hugh!«, rügt ihn seine Begleiterin auch prompt empört.

»Ach bitte, Sylvia, wir wissen beide, dass der Knabe dein Enkelsohn sein könnte.«

»Und wenn schon!«, faucht die Dame.

Klammheimlich riskiere ich einen Blick über die Schulter, um mir ein Bild zu verschaffen. Sylvias knallrote, aufgespritzte Lippen bieten einen derart prominenten Anblick, dass es mir schwerfällt, den Rest von ihr wahrzunehmen. Blondierte, stark toupierte Haare, die Figur einer Zwölfjährigen – was nicht meinen Neid weckt, sondern den Impuls, sie füttern zu wollen.

»Abgesehen davon, für einen wie ihn würden meine welken Eierstöcke ihren Dienst auch wieder aufnehmen«, sagt sie. »Und wer könnte mir in diesem Kleid widerstehen?«

Ich verkneife mir gerade noch so ein ungläubiges Blinzeln. Die Frage müsste eher lauten: Wer schafft es nicht, ihr in diesem Kleid zu widerstehen? Sie trägt nämlich eine Art hautfarbenen Latex-Ganzkörperschlauch, der mit jeder Menge Strasssteinen verziert ist.

»Das ist natürlich auch wieder wahr, meine Liebe«, flötet Hugh. Er selbst ist ein kleiner, hagerer Mann, der aussieht, als hätte er sein halbes Leben auf der Sonnenbank verbracht. Der Matrosenlook, bestehend aus weißer Schlaghose, einem marineblauen Ringelhemd und der dazu passenden Mütze, ist eindeutig eine Hommage an Jean Paul Gaultier.

Als Hugh in meine Richtung blickt, drehe ich mich rasch wieder um und krame geschäftig in meiner Handtasche. Keinesfalls will ich den Eindruck erwecken, ich würde lauschen.

Allerdings kann ich auch unmöglich weghören, als Hugh sagt: »Und was Jasper Chase angeht, hast du ebenfalls recht, meine Teure. Der Kleine ist ein wahr gewordener feuchter Traum. Ich glaube, ich möchte auch ein Baby von ihm.«

»Und weißt du, was das Beste ist? Er ist Brite«, wispert Sylvia verzückt. »Erinnerst du dich daran, was man über Briten sagt?«

Ich nicht, aber ich glaube, ich will es auch gar nicht wissen, denn so wie Hugh lacht – sehr laut und sehr schrill –, ist es etwas wirklich Schmutziges. Allein dieses Geräusch treibt mir die Röte ins Gesicht, und mir drängt sich die Frage auf, was die hier in New York wohl ins Trinkwasser mischen. Das kann unmöglich gesund sein.

Leider fehlt von dem Typen, wegen dem die beiden exzentrischen Paradiesvögel hinter mir so aus dem Häuschen sind, jede Spur. Unruhig starre ich auf das Display meines Handys. Noch fünf Minuten. Ich atme tief durch und versuche, mich zu entspannen. Das hier sollte eine tolle, einmalige Erfahrung werden, stattdessen habe ich ständig das Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Die Verleihung des Junior Fashiondesigner of the Year Awards wollte ich mir unter keinen Umständen entgehen lassen, doch nun hat sich durch die Verzögerungen bei der vorangegangenen Show der gesamte Zeitplan verschoben.

Melde mich etwas später, tippe ich in den Chat und hoffe, dass das okay ist. Ist es natürlich nicht.

Was ist los? Ist alles in Ordnung?

Nur mühsam gelingt es mir, den genervten Seufzer, der sich aus meiner Kehle bahnen will, zu unterdrücken. Ja, Mom, es geht mir gut. Ich kann bloß von hier aus nicht telefonieren.

Wo steckst du denn?

Vermutlich stellt sie sich gerade vor, wie ich völlig betrunken auf einer After-Show-Party abhänge.

Auf einer Preisverleihung, tippe ich.

Und wie ist es?

Ich warte drauf, dass es losgeht. Hinter mir sitzt eine Frau, die einen billigen Abklatsch von dem Kleid trägt, das Beyoncé auf der Met Gala 2016 anhatte.

Welches war das?

Typisch Mom, denke ich, denn das Kleid war vorletztes Jahr schließlich in aller Munde. Es wurde sogar in den Abendnachrichten gezeigt, und ich habe ihr bestimmt zwei Wochen davon vorgeschwärmt. Ich suche es schnell raus und schicke ihr den Link. »Manus x Machina: Fashion in an Age of Technology« war das Thema, erinnerst du dich nicht an meinen Blogbeitrag? Dieses Latexkleid?

Meine Mutter ist nicht wirklich modebegeistert, doch da sie eine Fashionista als Tochter hat, ist ihr durchaus bewusst, dass der erste Montag im Mai, der Tag der Met Gala, mein persönlicher Super Bowl ist. Mein großer Traum ist es, irgendwann selbst dort eingeladen zu werden. Das wäre so toll, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Vorerst bin ich hier. In New York. Zur Fashion Week.

Plötzlich erklingt um mich herum frenetischer Applaus. Eilig stecke ich das Handy weg, schaue auf, und da steht er …

Wow, ist alles, was ich in diesem Moment denken kann. Nun weiß ich, was die schrille Dame hinter mir gemeint hat: Jasper Chase sieht wirklich gut aus. Heiß, wenn ich ehrlich bin. Dieses Wort beschreibt auch, was sein Anblick mit mir anstellt. Die Raumtemperatur scheint sich von jetzt auf gleich um zehn Grad zu erhöhen. Ich verbiete mir den Impuls, wie eine Ertrinkende nach Luft zu schnappen. Stattdessen zwinge ich mich, tief durchzuatmen.

Himmel, ist der Typ hot! Echt zum Verlieben!

Klar, weil gutes Aussehen ja auch alles ist, was zählt, ätzt das sarkastische Stimmchen in mir. Okay, hole ich mich auf den Boden der Tatsachen zurück, rein optisch ist er ein Traum.

»Dieser Astralleib!«, wispert Sylvia hinter mir. »Zum Niederknien.«

Hugh gibt erneut ein leises, dreckiges Lachen von sich, und ich presse beschämt meine Lippen zusammen, als mir klar wird, dass das vermutlich wortwörtlich zu verstehen ist. Dabei sieht Jasper Chase einfach nur anbetungswürdig aus.

Ich finde alles an ihm anziehend – vor allem die Dinge, die nicht perfekt sind. Sein Haarschnitt beispielsweise, falls man es überhaupt so nennen kann, denn entweder lässt er sein honigblondes Haar gerade wachsen, oder er war schon lange nicht mehr beim Friseur. Doch ich mag, wie verwegen und wild er dadurch wirkt. Das Gleiche gilt für den Dreitagebart, der sein kantiges Gesicht ziert. Himmel, er ist wirklich verboten hübsch. Und groß! Ich mag große Typen. Mit seinen breiten Schultern, die in dem maßgeschneiderten Anzug hervorragend zur Geltung kommen, sieht Jasper Chase wie ein Sportler aus.

Als der Moderator das Wort ergreift, reiße ich mich widerwillig vom Anblick des süßen Briten los. Mich auf die Rede zu konzentrieren, ist nicht so einfach, denn immer wieder huschen meine Augen zu dem hübschen Jungdesigner, der nicht viel älter sein dürfte als ich.

»Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, die Verzögerung zu entschuldigen. Ich werde versuchen, etwas Zeit wettzumachen, und denke, das ist in Ihrem Sinne. Daher spare ich mir ein langatmiges Vorgeplänkel, doch so viel sei verraten: Wir haben heute bei der Verleihung dieses Awards eine Premiere. Zum ersten Mal zeichnen wir nämlich ein Design-Duo aus. Der Preis geht in diesem Jahr an Jasper Chase und Ian Corbin. Beide studierten sie – wie sollte es auch anders sein – am berühmten Central Saint Martins College in London und haben die Juroren mit ihren unkonventionellen Entwürfen beeindruckt. Money Matters lautet der Name ihrer Abschlusskollektion, die an Kühnheit und Kompromisslosigkeit kaum zu überbieten ist. Ich habe die Freude, Ihnen zumindest einen der beiden Rebellen der britischen Modeszene präsentieren zu dürfen. Leider konnte Ian Corbin aus gesundheitlichen Gründen unserer Einladung nicht folgen, doch immerhin ist Jasper Chase hier, um die Ehrung entgegenzunehmen. Ich bitte um Applaus!«

Während es Beifall hagelt, reicht der Moderator das Mikrofon an den jungen Designer weiter. Dieser wartet geduldig, bis die Zuschauer sich etwas beruhigt haben.

»Danke«, beginnt er mit einer rauen Stimme, die mir durch und durch geht. Kein Mensch auf der Welt sollte so verführerisch klingen dürfen. Dummerweise belässt er es nicht bei dem einzelnen Wort. Während seiner Rede kommt sein schicker britischer Akzent voll durch, was mir den Rest gibt. Zwar kann ich mich Sylvia und Hughs Babywunsch nicht anschließen, denn für Kinder bin ich definitiv noch zu jung, doch mit jedem Wort verfalle ich Jaspers geballtem Charme etwas mehr.

Meine beste Freundin Eden würde vermutlich behaupten, dass es daran liegt, dass er wirklich scharf ist und ich eine achtzehnjährige Jungfrau bin. Ein untragbarer Zustand, wie sie findet. Es ist ja nicht so, als hätte ich nicht versucht, diesen zu beheben. Es hat bloß nicht geklappt. An das superpeinliche Erlebnis mit meinem Exfreund Christian mag ich definitiv nicht denken, weshalb ich mich rasch wieder auf Jasper Chase konzentriere. Etwas, was mir nicht sonderlich schwerfällt, denn meiner Meinung nach ist er jeden Funken Aufmerksamkeit wert.

»Ian bedauert, dass er heute Abend nicht hier sein kann. Allerdings bedauert er es vermutlich nicht halb so sehr, wie ich es tue. Die Wahrheit ist nämlich die: Ian hat diesen Preis so viel mehr verdient als ich. Ohne ihn würde ich heute nicht hier stehen. Ja, ohne Ian hätte ich vermutlich nicht einmal meinen Bachelor of the Arts in Modedesign gemacht. Er ist nicht nur mein bester und ältester Freund, sondern der Mensch, durch den ich meine Liebe zur Mode entdeckt habe. Als Kinder lungerten wir nämlich ständig in dem kleinen Stoffladen seiner Mutter Edith herum. Dort saßen wir dann auch das erste Mal an einer Nähmaschine. Ich erinnere mich noch genau daran, wie es sich anfühlte, als ich das Pedal bediente und die Maschine surrend zum Leben erwachte.«

Jaspers entrückter Blick verrät, dass er gerade in diesen Kindheitserinnerungen schwelgt. An seiner Stimme, die nun bewegt und beinahe zärtlich klingt, hört man überdeutlich, wie viel ihm diese Stunden dort bedeutet haben müssen. Er fährt sich mit der Rechten durch die Haare, ein verlegenes Grinsen umspielt seine Mundwinkel, als er mit seiner Ansprache fortfährt.

»Ian war von jeder meiner Ideen begeistert – nun ja, zumindest von den halbwegs brauchbaren. Er hat mir immer den Rücken gestärkt, hat immer an mich geglaubt. Ich muss gestehen, dass es sich schrecklich falsch anfühlt, hier zu stehen, alleine und ohne ihn, denn alles, was wir erreicht haben, haben wir zusammen erreicht. Daher danke ich nicht nur der Jury für ihre Entscheidung, sondern vor allem danke ich Ian, dass er uns überhaupt an diesen Punkt gebracht hat. Ian, Bro, dieser Preis ist für dich.«

Musik setzt ein, Applaus brandet erneut auf, und der Moderator kündigt die Kollektion der beiden Gewinner an.

Bereits nachdem das zweite Model an mir vorbeigeschritten ist, komme ich zu dem Schluss, dass Jasper Chase von allem etwas zu viel hat: zu viel Sex-Appeal, zu viel Charme und eindeutig zu viel Talent. Nie hätte ich gedacht, dass man zu viel Talent haben könnte, doch bei ihm – und augenscheinlich auch bei seinem Freund Ian – ist es so. Ich kann nicht glauben, dass die beiden gerade erst ihren Bachelor-Abschluss gemacht haben. Sie können nicht älter als einundzwanzig, zweiundzwanzig sein. Kein Wunder, dass die komplette Modebranche ihretwegen kopfsteht.

Ob das echte Scheine sind?, frage ich mich unwillkürlich, als ein Abendkleid, gefertigt aus unzähligen kunstvoll gefalteten Ein-Dollar-Noten, an mir vorbeischwebt. Der weit ausgestellte Rock raschelt bei jedem Schritt, während sich die Korsage wie eine zweite Haut an den Oberkörper des Models schmiegt. Erst bei näherem Hinsehen erkenne ich, dass die Scheine am Saum des Rocks rötlich verfärbt sind. Geld, an dem Blut klebt. Und doch sieht man hier Haute Couture vom Feinsten. Den großen Modehäusern würdig, wäre da nicht dieser allgegenwärtige provozierende, trotzige Unterton, der verrät, dass die beiden Jungdesigner ihren Ruf als Rebellen der britischen Modeszene zu Recht haben. Die Entwürfe sind klassisch, ohne wirklich klassisch zu sein. Mit Liebe zum Detail ist es dem Duo gelungen, sie zu entstauben und ihnen ihren eigenen unverkennbaren Stempel aufzudrücken. Entsprechend fällt auch der Applaus des Publikums aus. Die Menge tobt, doch noch bevor der Beifall verklungen ist, stehle ich mich unauffällig davon, um den alle drei Stunden fälligen Kontrollanruf zu tätigen.

Ich schlüpfe auf die Terrasse hinaus. Eiseskälte empfängt mich. Eilig wähle ich Moms Nummer, während ich hineinspähe und einen weiteren Blick auf Jasper Chase, den Star des Abends, werfe. Wenn Ruhm so aussieht, dann will ich ihn nicht haben, denke ich, als ich ihn verstohlen beobachte. Er posiert zusammen mit dem Model, das das Dollarnoten-Kleid trägt, für die Kameras. Zwei Dutzend Fotografen, Journalisten und Influencer buhlen um seine Aufmerksamkeit. Bedrängen ihn und das Model. Seine Haltung wirkt angespannt, und ich frage mich, ob das breite Grinsen echt oder ob ihm der Trubel in Wirklichkeit zuwider ist.

»Na endlich, Libby, ich habe mir schon solche Sorgen gemacht«, dringt Moms Stimme aus dem Telefon zu mir.

Das ist ja mal ganz was Neues, denke ich sarkastisch.

Ich reiße den Blick von Jasper los. Für das inquisitorische Verhör meiner Mutter brauche ich volle Konzentration, und Jasper ist die pure Ablenkung, denn die Szene, die ich beobachtet habe, verursacht ein regelrechtes Gedankengewitter. Beispielsweise frage ich mich, ob das Model seine Freundin ist. Nicht, dass irgendetwas darauf hindeuten würde, aber irgendwie gefällt mir die Vorstellung nicht – wohingegen Jasper Chase mir unglaublich gut gefällt …

»Libby, ist wirklich alles in Ordnung?«, fordert die durchdringende Stimme meiner Mutter meine Aufmerksamkeit ein.

Die aufrichtige Antwort wäre wohl ein klares Nein inklusive Ausrufezeichen dahinter, denn allem Anschein nach ist definitiv etwas im New Yorker Trinkwasser, das die Hormone dazu bringt, völlig durchzudrehen.

»Schatz?«

Reiß dich zusammen, ermahne ich mich. Was ist bloß los mit dir?

»Libby, nun sag doch endlich was«, fleht die drängende Stimme meiner Mutter.

»Bitte entschuldige, Mom, die Verbindung war gerade ganz schlecht«, behaupte ich hastig und gehe zu der steinernen Brüstung, um in den Park hinauszublicken, der das altehrwürdige Gebäude umgibt.

»Wo steckst du denn bloß?«

Dieses Mal gelingt es mir nicht, den genervten Seufzer, der mir bereits seit Beginn unseres Telefonats entweichen will, zu unterdrücken. »Mom, ich habe dir doch gesagt, dass ich auf dieser Preisverleihung bin. Abgesehen davon bin ich lediglich zehn Minuten zu spät dran. Mach bitte kein Drama draus.«

»Zwölf«, korrigiert sie mich, und am liebsten würde ich in diesem Moment auflegen, doch wir haben einen Deal. Ich darf die Fashion Week nur besuchen, wenn ich mich alle drei Stunden melde und spätestens um 23 Uhr im Hotel bin – allein, versteht sich.

»Ich bin kein Kind mehr«, begehre ich auf.

»Doch, Libby, du bist mein Kind.«

Als könnte ich das je vergessen. Sie erinnert mich ständig daran. Ich bin so froh, wenn ich im Sommer endlich aufs College gehe und nicht mehr zu Hause wohnen muss. Ob ich dann auch eine dreistündige Meldepflicht habe?, fragt die Zynikerin in mir.

»Du könntest mir etwas vertrauen«, murre ich, denn bis auf den einen erfolglosen Versuch, meine Jungfräulichkeit zu verlieren, halte ich mich an ihre Regeln – egal wie bescheuert sie sind. Okay, einmal habe ich mich von Eden dazu überreden lassen, an einer Zigarette zu ziehen, und auf einer Party meiner Eltern habe ich mir mit sechzehn ein Glas Champagner stibitzt, doch eigentlich bin ich wirklich brav. Und langweilig, hallt Edens Stimme in meinem Kopf wider. Weiß der Himmel, warum sie meine beste Freundin ist – vermutlich, weil beste Freunde sich die Wahrheit sagen müssen, auch wenn sie unbequem ist und schmerzt.

»Oh, Liebling, ich vertraue dir doch, aber New York ist …« Der Vorhof zur Hölle – zumindest tut meine Mutter so. »… wirklich eine gefährliche Stadt, und du bist …« Bloß ein Mädchen aus Tennessee, ja ja. »… noch so jung …« Und naiv. »… hilfsbereit und nett. Nicht auszudenken, was dir alles passieren könnte.«

Beispielsweise könnte ich zur Abwechslung mal Spaß haben, denke ich frustriert und streiche mir eine Haarsträhne aus der Stirn.

Das Stimmengewirr von drinnen wird lauter, als die Terrassentür geöffnet wird und jemand hinaustritt. Ich drehe mich um. Jasper Chase. Der hat mir gerade noch gefehlt. Wie peinlich, dass ausgerechnet er hier auftauchen muss, während ich mit meiner Mutter telefoniere.

»Ja, Mann, alles cool«, sagt er so laut, dass meine Mutter umgehend fragt: »Wer ist das?« Sie klingt alarmiert.

»Bloß ein anderer Gast. Ich bin nicht die Einzige, die zum Telefonieren rausgehen musste. Da drin ist es einfach zu laut.«

»Bist du auf einer Party?«

»Nein, ich sagte doch, dass ich auf einer Preisverleihung bin.«

»Und wer hat den Preis bekommen?«, erkundigt sie sich, und ich frage mich, ob sie parallel per Google überprüft, ob meine Angaben stimmen.

»Jasper Chase«, sage ich leise. Nicht leise genug, wie ich mit Entsetzen feststelle, als Jasper sich zu mir umdreht und mich fragend anschaut. Ich werfe ihm einen entschuldigenden Blick zu und sage die nächsten Worte so laut, dass er sie ebenfalls hören kann. »Er hat eben den Award zum Nachwuchsdesigner des Jahres bekommen.«

»Hat er Talent?«

»Nur so ein Mädchen«, sagt Jasper. »Nein, Ian, sie ist keins meiner Groupies. Sie telefoniert auch bloß.« Nun ist er es, der mich um Entschuldigung heischend ansieht. »Red keinen Schwachsinn, Mann, sag mir lieber, was bei den Untersuchungen rausgekommen ist.«

In stillschweigender Übereinkunft entfernen wir uns voneinander, bis wir am jeweils anderen Ende der Terrasse stehen.

»Groupie?«, fragt meine Mutter schrill. »Habe ich da gerade Groupie gehört? Wieso hält dieser Mann dich für ein Groupie?«

Weil er so eine Art Rockstar ist, denke ich schnippisch. Mom erspart mir die Suche nach einer brauchbaren Antwort, indem sie mich erst gar nicht zu Wort kommen lässt.

»Ich will, dass du dich von diesem Kerl fernhältst, Libby, haben wir uns verstanden?«

»Ja, Mom«, erwidere ich resigniert, denn mit ihr zu diskutieren hat keinen Sinn. »Ich muss jetzt Schluss machen. Mein Taxi kommt gleich. Ich will noch auf die Aurelio-Modenschau.«

»Okay, Schatz, und pass auf dich auf, ja?«

»Natürlich.« Scheinbar gelingt es mir nicht, meine Frustration zu verbergen.

»Ich will einfach nicht, dass dir etwas passiert, Libby. Ich habe dich bloß lieb. Das weißt du doch, oder?«

Natürlich weiß ich das. Wenn ich mir einer Sache absolut sicher bin, dann ihrer Liebe.

Seufzend erwidere ich: »Ich liebe dich auch, Mom.«

Und obwohl es stimmt, erfasst mich eine beinahe grenzenlose Erleichterung, nachdem ich das Handy wieder in meiner Handtasche verstaut habe. Sofort komme ich mir deswegen schäbig vor. Mom kann schließlich nichts dafür, dass sie mir zurzeit gewaltig auf die Nerven geht. Sie war nie anders. Etwas, das auf mich nicht zutrifft. Noch vor drei Jahren war ich überzeugt, dass ich die beste Mutter auf der ganzen Welt habe. Sie tut wirklich alles für mich. Früher habe ich das geliebt, doch heute nimmt mir ihre Fürsorge die Luft zum Atmen.

»Fuck, Ian, nein, ich beruhige mich nicht!«, reißt Jaspers Stimme mich aus meinen Gedanken. Ich sehe zu ihm. Er hat sich aus seiner Ecke rausbewegt und tigert auf der Terrasse auf und ab. »Du sagst mir jetzt sofort, was Sache ist.«

Ich kann nicht hören, was Ian erwidert, doch Jaspers drängendes »Ich will aber nicht morgen darüber reden. Ich will es jetzt wissen, Ian. Was haben die Ärzte herausgefunden?«, spricht eine deutliche Sprache. »Sag es mir einfach«, fleht er, und mein Herz schnürt sich vor Mitgefühl zusammen.

Unvermittelt sieht er auf, blickt zu mir. »Ja, sie ist noch da.« Seine Stirn wirft Falten. »Nein, Mann, das mache ich nicht. Ich kann doch nicht zu einem wildfremden Mädchen gehen und …« Ein genervtes Stöhnen und dann: »Okay, fein.« Sein Blick fixiert mich. »Hey, du, kannst du mal herkommen?«

»Ich?«, frage ich überrascht.

»Siehst du hier sonst noch irgendwen?«, blafft Jasper mich gereizt an. Sein Kumpel muss irgendetwas sagen, denn er rollt im nächsten Moment mit den Augen. »Sorry, ich …« Er hält mir sein Handy hin.

Unsicher, was er von mir erwartet, zögere ich.

»Nimm es«, fordert er mich auf.

»Oh … okay.« Ich greife danach und stutze kurz. Das Smartphone ist bestimmt schon drei oder vier Generationen alt. Irgendwie hätte ich bei einem Typen wie ihm, einem, der einen Maßanzug trägt und diese unglaublichen Erfolge verbucht, nicht so ein schrottiges Ding erwartet.

»Hallo?«, frage ich, nachdem ich es ans Ohr gehoben habe.

»Hi, ich bin Ian.«

»Ja, ich weiß.«

»Sehr schön. Und du? Wie heißt du?«

»Ich … bin Libby«, entgegne ich zögerlich.

»Nett, dich kennenzulernen, Libby.«

Ein Hoch auf britische Manieren. »Ja, freut mich auch sehr.«

»Ehrlich gesagt, lassen die Umstände etwas zu wünschen übrig, denn obwohl wir uns noch nicht lange kennen, muss ich dich um einen riesigen Gefallen bitten.«

»Was ist jetzt? Kriege ich mein Handy auch irgendwann wieder?«

Ich werfe Jasper einen finsteren Blick zu. Von Ians gutem Benehmen könnte er sich eine Scheibe abschneiden.

»Ignorier Jasper einfach und entschuldige sein flegelhaftes Benehmen. Er ist … Nun ja, du hast ihn ja bereits kennengelernt.«

»Eigentlich nicht wirklich, aber …«

»Ein gewaltiger Fehler. Das solltest du dringend nachholen. Denn normalerweise ist Jasper ziemlich cool und an guten Tagen sogar beinahe witzig.«

Ich lache über seinen Kommentar.

»Ian, Mann, komm schon, lass den Scheiß. Du kannst die Kleine auch später noch mit deinem Charme bezirzen«, mault Jasper.

»Er ist bloß neidisch, weil ich der Hübsche von uns beiden bin und er nie die Frauen abkriegt, die er will.«

Kopfschüttelnd lache ich in mich hinein.

»Du denkst sicher, dass das bei seinem unmöglichen Verhalten kein Wunder ist, aber ich schwöre, er ist nicht immer so drauf wie im Moment. Die Sache ist bloß die, dass ich kurz vor dem Abflug wieder so schlimme Bauchschmerzen hatte und ins Krankenhaus musste. Jazz macht sich also lediglich Sorgen und mutiert deshalb zu dem Stinkstiefel, der er gerade ist.«

Etwas in Ians Tonfall verrät mir, dass Jasper allen Grund hat, sich Gedanken um seinen Freund zu machen. »Und wie geht es dir jetzt?«, erkundige ich mich.

»Keine Schmerzen im Moment, was an den coolen Drogen liegt, die sie einem hier geben – intravenös und, jetzt kommt es, gratis! Kannst du dir das vorstellen? Das Zeug ist echt verdammt gut.«

Er klingt auch so, als ginge es ihm nicht allzu schlecht.

»Tut mir leid, dass ich bei unserem Kennenlernen high bin. Ich denke, dass wir das besser nicht unseren Enkelkindern erzählen sollten, oder?«

Ich grinse, was Jasper dazu veranlasst zu sagen: »Er soll endlich mit dem Süßholzraspeln aufhören und zum Punkt kommen.«

»Ach ja, da war doch was«, brummt Ian verdrießlich. »Also, heute bekam ich die Ergebnisse der Biopsie. Die Ärzte haben herausgefunden, dass ich ein Non-Hodgkin-Lymphom habe. Das ist eine Art von Lymphdrüsenkrebs.« Ich öffne den Mund und will ihm sagen, dass es mir leidtut, doch da schiebt Ian rasch hinterher: »Sag jetzt bitte nichts, Libby. Ich werde Jazz gleich alles erklären, aber ich möchte nicht, dass er danach alleine ist und sich die Augen aus dem Kopf heult. Er kann echt ein ziemliches Weichei sein, weißt du? Er ist dieser typische Harte-Schale-weicher-Kern-Typ. Und an dieser Stelle kommen wir zu dem Grund, weshalb ich dich bereits die ganze Zeit belästige. Ich weiß, ich habe kein Recht, dich um Hilfe zu bitten, denn du kennst mich nicht und du schuldest mir rein gar nichts, aber würdest du bitte dableiben und dich um Jazz kümmern?«

Ich will, dass du dich von diesem Kerl fernhältst, hallt die Stimme meiner Mutter in meinem Kopf wider. Den Bruchteil einer Sekunde lang zögere ich, dann schüttle ich ihre mahnenden Worte ab und entgegne: »Natürlich mache ich das, Ian.«

Ich höre, wie er erleichtert ausatmet. »Tausend Dank. Du hast was gut bei mir.«

»Schon okay.«

»Gibst du das Handy jetzt bitte Jazz?«

»Mache ich.«

Ich atme tief durch und halte Jasper dann sein Telefon hin. Zögerlich greift er danach. Er hebt es ans Ohr und entfernt sich ein Stück von mir. Ich lasse ihn nicht aus den Augen, als er wieder damit beginnt, unruhig auf und ab zu gehen.

»Das kann nicht sein«, höre ich ihn nach einem Moment sagen. Er sieht zu mir, und der Ausdruck in seinen Augen bricht mir das Herz. Ich folge ihm, als er auf eine Sitzecke zusteuert und sich in einen der extrabreiten Loungesessel fallen lässt. Er wirkt kraftlos und um Jahrzehnte gealtert.

Als er den Kopf in seine linke Hand stützt und zu weinen beginnt, setze ich mich neben ihn und streichle über seinen Rücken. Jasper und Ian tun mir unglaublich leid. Dieser Abend sollte für beide unvergesslich sein, im positiven Sinne. Stattdessen wird ihr Erfolg angesichts der persönlichen Tragödie komplett bedeutungslos.

»Ich heule nicht rum, Mann«, begehrt Jasper unvermittelt auf. Ein heiseres Lachen folgt nicht minder plötzlich, bevor er ein »Du bist so ein dummer Wichser« von sich gibt. Was auch immer Ian sagt, bringt Jasper erneut zum Lachen – allerdings stoppt das seine Tränen nicht.

Ich krame ein Päckchen Taschentücher aus meiner Handtasche hervor und reiche ihm eins.

Seine Lippen formen ein lautloses »Danke«, als er es entgegennimmt.

»Vergiss es! Das werden wir nicht auf deinen Grabstein schreiben, denn du stirbst nicht, okay?« Es folgt ein unterdrücktes Schluchzen. »Weil ich es sage. Tu einfach ein Mal das, was ich sage, du Blödmann.«

Eine längere Pause folgt. Ich betrachte Jasper von der Seite. Er hält sich unglaublich gut.

»Mir ist klar, dass das nicht so einfach ist, aber du hast gesagt, die Prognose sei gut. Du schaffst das. Du musst das schaffen.« Jasper seufzt. Er schaut zu mir und sagt dann: »Ja, sie ist noch da.« Ein freudloses Schnauben. »Ja, ist sie. Warum fragst du?«

Er verdreht erneut die Augen, während ich meine verenge und ihn durchdringend anschaue. Mir gefällt es gar nicht, dass die beiden über mich sprechen.

»Du bist so ein Idiot. Das werde ich nicht tun. Du bist doch total high«, wirft er Ian vor. »Was geben sie dir denn? … Heftig! Kein Wunder, dass du glaubst, du wärst witzig.« Er lacht und sagt dann: »Nein, bist du nicht. Blödsinn! Libby behauptet gar nichts anderes. Das wüsste ich. Nein, sie wollte vermutlich bloß nett sein.« Er zwinkert mir zu, was mir ein schwaches Lächeln entlockt.

»Ich stehe total auf Ians Humor«, widerspreche ich ihm.

»Mann, Kumpel, was hast du mit dem Mädchen gemacht? Sie ist völlig verrückt nach dir.«

Pause. Ich wünschte, ich könnte hören, was Ian sagt.

»So ein Schwachsinn! Du bist nicht der Hübschere von uns beiden.«

»Doch, natürlich ist er das«, werfe ich ein.

»Woher willst du das wissen? Du kennst ihn doch gar nicht«, brummt Jasper in meine Richtung. »Echt, das hier ist die reinste Verschwörung. Was hat er dir versprochen, damit du dich auf seine Seite schlägst? Entwirft er ein Kleid für dich? Ich mache dir ein viel schöneres, ach was, ich entwerfe gleich eine komplette Kollektion für dich.«

Lachend sage ich: »Du bist so ein Spinner.«

»Libby, du checkst echt gar nichts. Ian ist der Spinner. Ich bin der Hübsche und der Witzige.«

»Was auch immer du sagst«, meine ich, und scheinbar stimmt Ian mir zu, denn Jasper schneidet eine Grimasse und schüttelt dabei den Kopf.

»Ihr habt euch gegen mich verbündet!«, schmollt er.

Es folgt ein langes Schweigen – zumindest auf dieser Seite des Telefons. So wie ich Ian kennengelernt habe, ist dieser munter am Plappern.

Irgendwann fragt Jasper: »Bist du müde?« Er gibt ein Brummen von sich – keine Ahnung, ob es Zustimmung oder das Gegenteil bedeutet. »Dann ruh dich jetzt aus … Nein, mach dir keine Sorgen. Mir geht es gut.«

Er lacht erneut. Ich bewundere Ian, der trotz der schlimmen Diagnose alles versucht, um Jasper aufzumuntern, und noch mehr dafür, dass es ihm sogar zu gelingen scheint.

»Was? Libby? Nein, auf die ist absolut kein Verlass. Die steht komplett in deiner Ecke, Bro. Bei Gelegenheit musst du mir mal erklären, wie du es schaffst, ein Mädchen über den verdammten Atlantik hinweg um den Finger zu wickeln.«

Ich strecke Jasper die Zunge raus.

»Nett? Du? Seit wann? … Du bist so ein Schwätzer. Okay, lass uns Schluss machen, schlaf dich aus.« Jasper senkt die Lider. »Mach dir keine Sorgen. Alles ist gut. Ich komme klar … Mmh. Ja, sag ich ihr. Schlaf gut.«

Er legt auf und bleibt mit geschlossenen Augen sitzen. Es dauert eine ganze Weile, bis ich realisiere, dass er stumm weint. Ich rücke näher an ihn heran.

»Es tut mir so leid.«

»Ich kann das alles einfach nicht glauben«, wispert er mit brüchiger Stimme.

»Verständlich.«

»Ich muss nach Hause.«

Er wischt sich die Tränen von den Wangen, tippt auf seinem Handy herum und versucht, einen Flug zu finden. Dass er völlig neben sich steht, zeigt seine Fahrigkeit. Ständig verklickt er sich, vergisst, wichtige Eingaben zu machen, und flucht unentwegt vor sich hin.

»Soll ich das vielleicht übernehmen?«

Er nickt, reicht mir sein Smartphone. Während ich nach dem nächstmöglichen Flug zurück nach London suche, sagt Jasper: »Ich soll mich noch einmal bei dir bedanken. Das war Ian sehr wichtig, und ich …«

»Hier, schau mal. Der hier?«

Er sieht mir über die Schulter und nickt. Sein Atem streift meine Wange, und mein dummer, verräterischer Körper erschaudert.

»Ist dir kalt?«

»Na ja, warm ist es nicht gerade, aber …«

Er zieht sein Jackett aus und legt es mir über die Schultern. Himmel, riecht das gut! Sein Duft, herb und männlich, haftet dem Stoff an, der mich schützend und wärmend umgibt.

Jetzt bin ich es, die Schwierigkeiten hat, sich zu konzentrieren, was reichlich albern ist. Reine Selbstdisziplin befähigt mich dazu, seinen Vor- und Nachnamen einzutippen. Jasper steht kurz auf, zückt sein Portemonnaie und holt seinen Ausweis und eine Kreditkarte hervor. Zögerlich reicht er mir beides. Seine Finger zittern.

»Danke, dass du das hier alles machst.«

»Ist schon okay.«

»Tu das nicht ab, Libby. Das ist nicht selbstverständlich.«

Ich schaue vom Display auf. »Für mich schon. So, der Flug wäre gebucht. Morgen Nachmittag bist du wieder zu Hause.«

»Gut«, nuschelt er und nimmt sein Handy entgegen. »Wir sollten reingehen«, sagt er nach einer Weile, bleibt jedoch sitzen. Es vergehen ein paar Minuten, bevor er wieder zu sprechen beginnt. »Ich habe mir das alles anders vorgestellt«, gesteht er schließlich. »Dieser ganze New-York-Trip sollte für Ian und mich eine große Sache sein. Nicht nur wegen des Awards, sondern auch, weil keiner von uns jemals in dieser Stadt war. Und nun? Wer weiß, ob Ian jemals die Gelegenheit dazu haben wird. Was, wenn er stirbt?«

Er sieht mich verzweifelt an, und ich wünschte, ich könnte ihm versichern, dass das nicht passieren wird. Ich wünschte, ich könnte irgendetwas sagen, damit es ihm besser geht und er sich nicht so elend fühlt. Dann fällt mir ein, was Ian über ihn behauptet hat.

»Ian hatte also recht!«, seufze ich theatralisch. »Du bist wirklich dieser Harte-Schale-weicher-Kern-Typ. Wie unsexy!«

Jasper lacht überrascht auf. »Das hat er behauptet? Harte Schale, weicher Kern?«

Ich nicke und schenke Jasper ein Lächeln.

»Er ist so ein Idiot«, befindet er kopfschüttelnd.

Einen Moment lang schweigen wir erneut.

»Ich habe solche Angst um ihn«, gesteht Jasper in die Stille hinein.

Ich lege meine Hand auf seine und drücke sie. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie er sich gerade fühlt. Nicht auszudenken, wenn nicht Ian, sondern Eden betroffen wäre. Ich glaube, ich würde durchdrehen.

»Ich sollte jetzt wohl wirklich besser gehen und packen. Danke noch mal.«

»Keine Ursache«, erwidere ich.

»Kommst du mit rein?«

»Ja, ich wollte ohnehin auch aufbrechen.«

Wir erheben uns zeitgleich, gehen hinein. Stickige, warme Luft schlägt uns entgegen. Kaum sind wir drin, werden wir von der Flutwelle aus Gesprächsfetzen, Gelächter und Musik verschluckt. Himmel, was für ein Lärm und was für ein Gedränge! Wir sind noch keine drei Meter weit gekommen, da falle ich bereits zurück. Denn während Jasper sich ohne Rücksicht auf Verluste durch die Menge schiebt, ist es mir nicht möglich, mit ihm Schritt zu halten. Leute bewegen sich auf ihn zu, ziehen sich jedoch aufgrund seiner entschlossenen Ausstrahlung eilig wieder zurück. Dumm nur, dass sie sich in ihrem Bemühen, ihm aus dem Weg zu gehen, in meinen stellen.

Ich glaube schon, dass ich ihn zwischen all den Menschen verloren habe, als ich doch noch zu ihm aufschließe. Hugh und Sylvia haben sich wie die Geier auf ihn gestürzt und quasseln hemmungslos auf ihn ein. Empathie ist wohl nicht ihre große Stärke.

»Das klingt wahnsinnig interessant«, sagt Jasper und setzt gerade zu einem »aber« an, als Hugh ihn unterbricht und ihm von Sylvias Unternehmen vorschwärmt.

Unsicher, ob ich das Gespräch, bei dem es eindeutig um etwas Geschäftliches geht, unterbrechen soll, geselle ich mich einfach zu Jasper.

Nach zwei Minuten wird mir klar, dass Jasper nur zu höflich ist, um etwas zu sagen – vielleicht steht er aber auch nach Ians Geständnis immer noch unter Schock. So oder so, ich sehe mich gezwungen, ihn zu retten.

»Liberty Stevenson«, springe ich für ihn in die Bresche. »Ich bin die persönliche Assistentin von Mr. Chase. Geben Sie mir doch bitte Ihre Karte. Wir melden uns dann bei Ihnen. Mr. Chase hat gleich noch einen bedeutenden Interviewtermin, weshalb wir uns etwas ranhalten müssen.« Ich werfe ihm einen strengen Blick zu. Zum Glück spielt er mit. Alles andere wäre für mich auch ganz schön peinlich geworden.

»Sie haben gehört, was meine PA gesagt hat. Es tut mir wahnsinnig leid, aber es war ausgesprochen nett, Sie kennenzulernen.«

Hugh überreicht mir eine Visitenkarte, die ich sorgfältig in meiner Handtasche verstaue, bevor ich Jasper folge.

»Ich brauche keinen Babysitter«, knurrt er übellaunig, nachdem wir im Foyer angekommen sind. Er händigt seine Garderobenmarke aus.

Ich tue es ihm gleich. »Dein Tag verlief anders als erwartet, aber …«, beginne ich, komme jedoch nicht dazu, den Satz zu beenden.

»Das«, faucht er, »ist die Untertreibung des Jahrtausends.«

»Okay, dein Tag verlief beschissen, aber es heißt: ›Vielen lieben Dank, Libby, dass du mich vor der alten Vettel gerettet hast.‹ Und nicht: ›Ich brauche keinen Babysitter!‹«

Er sieht mich trotzig an. Aus seinem Mund kommt keine Entschuldigung, sondern lediglich die Worte: »Mein Jackett, bitte!«

Ich ziehe es aus, gebe es ihm und beobachte, wie er hineinschlüpft, während ich selbst meinen Mantel anziehe, den der Garderobier mir reicht.

Kaum dass wir gemeinsam die Veranstaltung verlassen haben und die Einfahrt zur Straße entlanglaufen, ruft Jasper sich ein Taxi. Da das keine dumme Idee ist, folge ich seinem Beispiel.

Kurz darauf stehen wir am Bordstein und warten. Weil Jaspers Handy nach unserem Streit offenbar viel interessanter ist als ich, werfe ich einen Blick durch die schmiedeeisernen Streben des Haupttores zurück zu dem eindrucksvollen Haus im Tudorstil. Dass Jasper mich ignoriert, macht mir etwas zu schaffen, aber das würde ich niemals zugeben. Stattdessen schieße ich mit meinem Handy ein Foto von dem Gebäude. Mein Dad, er ist Architekt, wird sich sicherlich freuen. Er hat ein Faible für Häuser wie dieses.

Der eisige New Yorker Wind lässt mich frösteln, und ich schiebe die Hände zusammen mit dem Smartphone eilig in die Manteltaschen. Im Moment ist es hier einfach nur brutal kalt und richtig ungemütlich. Was alle an dieser Stadt finden, kann ich absolut nicht nachvollziehen.

Ja, weil du ein Landei bist, hallt Edens Stimme durch meinen Kopf. Das hat sie mir am Tag meiner Ankunft hier gesagt, als ich mich darüber beschwerte, dass alles so laut und hektisch ist.

Vielleicht muss ich mich auch bloß daran gewöhnen. Das sollte ich in der Tat lieber rasch tun, denn schließlich habe ich vor, mich hier für ein Studium zu bewerben. Die Parsons School of Design ist meine erste Wahl und quasi die amerikanische Topadresse in Sachen Mode. Ganz ähnlich wie das Central Saint Martinsin London, wo Ian und Jasper studiert haben. Ob er wohl vorhat, seinen Master zu machen? Und Ian? Was waren seine Zukunftspläne, bevor er die Diagnose bekam? Als hätte er mitbekommen, dass ich an ihn denke, gesellt Jasper sich zu mir. Ich bemerke ihn erst, als er neben mir steht und sich räuspert.

»Danke, dass du mich eben vor dieser getunten Schreckschraube gerettet hast. Irgendwie war ich in dem Moment etwas mit der Situation überfordert«, gesteht er.

Sein reuiger Blick bringt meine frostige Stimmung zum Schmelzen. »Schwamm drüber.«

»Nein, ernsthaft, es war scheiße von mir, so zu reagieren. Ich hätte dich nicht anblaffen dürfen, aber ich war plötzlich so wütend.« Er wirkt überrascht von seinen eigenen Gefühlen.

»Angst und Wut liegen dicht beieinander«, meine ich schulterzuckend.

»Ja«, murmelt er betreten.

»Und dass du gerade Angst hast, ist ganz normal. Du fühlst dich bestimmt ziemlich machtlos und … Na ja, ich glaube, das würde mich auch wütend machen.«

»Es ist so ungerecht!«, stößt er verzweifelt hervor, woraufhin ich nicke.

»Es tut mir leid, Jasper.«

»Nenn mich Jazz, okay?« Er wechselt das Thema, indem er am Aufschlag meines Revers zupft und fragt: »Ist der von Origami Oaring?«

»Von wem sonst?«

»Bist du ein Fan?«

»Wie könnte man kein Fan von ihm sein?« Von all meinen Alta-Moda-Stücken ist es mein liebstes, denn es ist ein Geschenk des Designers selbst als Dankeschön für einen – seiner Meinung nach – besonders gelungenen Blogbeitrag über seinen unverkennbaren Stil.

»Reiche Eltern oder reicher Lover?«

»Weder noch«, entgegne ich, lasse ihn jedoch im Unklaren darüber, wie ich in den Besitz dieses kostbaren Kleidungsstücks gelangt bin.

»Kleptomanin«, scherzt er prompt.

Hat er gedacht, er könne mich damit kränken oder provozieren, ist er auf dem Holzweg. So leicht bringt mich nichts aus der Ruhe. »Ertappt«, sage ich daher leichthin und frage dann: »Willst du gucken?«

»Unbedingt!«

Ich löse den langen Bindegürtel, öffne den wattierten Mantel trotz der Kälte und gewähre ihm einen Blick hinter die Kulissen. Seine Finger machen sich am weißen gesteppten Innenfutter zu schaffen. Er untersucht das gute Stück, verharrt an genau den richtigen Stellen. Origami Oaringist eben ein Meister seines Fachs. Ich verstehe Jaspers unverhohlene Faszination.

»Da kommt dein Taxi«, unterbreche ich sein Treiben.

Seufzend schaut er auf, und dann tut er etwas, das mich überrascht. Er tritt dichter an mich heran, schließt den Mantel für mich und bindet sogar den Gürtel. Mit kundigen Händen streicht er das Revers glatt und zupft dann noch einmal an einer der Falten, damit diese perfekt sitzt. Sein forsches, doch zugleich professionelles Herangehen, das für ihn als Designer normal sein muss, jagt mir einen neuerlichen Schauer über den Rücken. Himmel, dieser Typ hat es echt in sich!

Unsere Blicke kreuzen sich.

»Ladies first«, meint er galant und nickt in Richtung Taxi.

Allem Anschein nach erinnert Jasper sich wieder an seine guten Manieren, denn gentlemanlike geleitet er mich zu dem Yellow Cab und öffnet sogar die Tür.

Schlagartig wird mir bewusst, dass dies das Ende unserer Begegnung ist, und etwas in mir sträubt sich. Ich will das Taxi nicht besteigen, will mich nicht von ihm trennen. Sei nicht dumm, Libby, ermahne ich mich. Das ist absolut unangemessen! Einen Moment lang weiß ich nicht, ob die Stimme in meinem Kopf mir oder meiner Mutter gehört. Statt dieser Frage auf den Grund zu gehen, schiebe ich mich an Jasper vorbei und mache Anstalten einzusteigen.

Seine Finger, die meine Armbeuge umfassen, halten mich zurück. »Hey, warte noch mal, Libby. Du warst heute wirklich großartig.«

Ich schüttle den Kopf, senke ihn, doch Jasper schiebt seine Hand unter mein Kinn. Er lässt mir keine andere Wahl, als aufzusehen und ihn direkt anzublicken. Goldene Sprenkel tanzen in seinen tiefgrünen Augen. Sie wirken beinahe überirdisch. Ich drohe, mich in ihnen zu verlieren, und frage mich verzweifelt, warum nichts an Jasper Chase gewöhnlich sein kann.

»Ganz im Ernst: Du warst meine Rettung.«

Er steht so dicht vor mir, dass ich das Gefühl habe, in seinem männlich-herben Duft zu ertrinken. Sein Geruch umspinnt meine Sinne, zersetzt meinen gesunden Menschenverstand. Der Drang, ihn zu küssen, wird überwältigend.

»Hör zu, Libby, was hältst du davon, wenn wir noch irgendwo was essen gehen? Ich lade dich ein. Als Dankeschön, weil du so nett warst, und als Entschuldigung, weil ich es nicht war.«

Das klingt verdammt verlockend. Meine Mutter würde durchdrehen – was ein Grund mehr ist, auf Jaspers Angebot einzugehen. Etwas wehmütig denke ich für einen Augenblick an die Aurelio-Show und an meinen Platz in der ersten Reihe. Doch wer braucht schon Aurelio, wenn er Jasper Chase haben kann?

»Gib’s zu, du kannst einfach nicht genug von meinem Mantel bekommen.«

»Das auch«, meint er schief grinsend. »Rutsch rein!«

Ich folge seinem Befehl.

»Wohin soll es gehen?«, erkundigt sich der Taxifahrer.

»Ist das Restaurant in deinem Hotel gut?«, will Jasper von mir wissen.

Ich zucke mit den Schultern. »Ich war dort noch nicht essen, aber da mein Hotel gut ist, wird es das Restaurant vermutlich auch sein.«

»Egal, es kann nur besser sein als das in meinem.«

»So schlimm?«

Er nickt und entgegnet ernsthaft: »Da schimpft alle Welt immer über das englische Essen und dann … Nun ja, wo müssen wir hin?«

Ich wende mich an den Fahrer. »Wir müssen zum The New Yorker«, lasse ich ihn wissen, lehne mich zurück und versuche, mich zu entspannen. Meine Bemühungen werden jedoch durch Jaspers unmittelbare Nähe erschwert. Da er so groß ist, nimmt er viel Raum ein. Sein Knie berührt meines. Ich äuge zu ihm. Er unterhält sich mit dem Taxifahrer, dessen rasanter Fahrstil ebenfalls nicht dazu beiträgt, dass die Anspannung nachlässt. Als der Wagen abrupt links abbiegt, stoße ich unsanft gegen Jasper. Ein erschrockener Laut kommt mir über die Lippen, und ich stütze mich haltsuchend an seinem Oberschenkel ab, woraufhin er den Fahrer bittet, etwas langsamer zu machen. Der kommt seiner Bitte zu meiner Überraschung auch prompt nach und entschuldigt sich sogar.

Ich rücke etwas von Jasper ab und atme einmal tief durch, was mich zumindest etwas beruhigt. Dafür sorgt Jaspers aufmunterndes Lächeln erneut für Aufruhr. Aufmerksam, beinahe schon prüfend mustert er mich. Ob er mir ansehen kann, wie nervös mich seine Gegenwart mit jeder Meile, die sich das Taxi durch die Nacht schlängelt, macht? Unwillkürlich frage ich mich, was er erwartet, und erinnere mich an Edens Worte, als ich damals vor sechs Monaten mit ihr über meinen Exfreund Christian und unsere Pläne in Bezug auf unser erstes Mal sprach: Ist es nicht egal, was er erwartet? Was erwartest du?

Gute Frage. Ich habe keine Ahnung. Ich weiß bloß, dass Jazz mich unglaublich nervös macht.

»Nobel«, murmelt Jasper, als das Taxi vor dem Hotel parkt, »geht die Welt zugrunde.«

Er bezahlt den Fahrer, steigt aus und öffnet mir die Tür. Ich ergreife seine Hand, und einen Moment später stehen wir beide vorm Eingang.

»Was erwartest du? Das hier ist Midtown Manhattan. Das Empire State Building befindet sich bloß ein Stück die Straße runter.« Ich deute in die Richtung. Sein Blick folgt meinem ausgestreckten Arm.

»Dann ist auch die Parsons nicht allzu weit weg, oder?«

»Du verschätzt dich da ziemlich. Das ist schon noch ein ganz schönes Stück.«

»Ich bin das erste Mal in New York«, erinnert er mich und sieht sich aufmerksam um. »Wollen wir da essen gehen?«

Er zeigt auf das Schild eines Steakhouses. Butcher & Banker – Steakhouse + Cocktail Vault steht dort.

»Klar, warum nicht? Allerdings ist es ziemlich angesagt, habe ich gehört. Keine Ahnung, ob wir so spontan noch einen Tisch bekommen.«

»Lass es uns einfach probieren.«

Wie sich herausstellt, haben wir Glück, und wenig später sitzen wir – unglaublich, aber wahr – in einem echten ehemaligen Tresorraum inklusive gewaltiger Tresorraumtür und zahlreicher Bankschließfächer.

»Beeindruckend«, meint Jasper. Er ist redlich um Small Talk bemüht, allerdings findet er in mir keine gute Gesprächspartnerin. Zu groß ist die Aufregung!

Ich wünschte, ich wüsste, was das wird. Was mache ich hier bloß?

Erschrocken zucke ich zusammen, als Jasper über den Tisch hinweg nach meiner Hand greift. »Hey, alles okay?«

Ich erschauere unter der Berührung. Er zieht seine Hand zurück.

»Ist dir noch immer kalt? Magst du etwas Warmes trinken?«

»Etwas Warmes trinken?«, echoe ich irritiert.

»Ja, beispielsweise einen Earl Grey oder so?«

Ich runzle die Stirn. »Das ist so ein Tee, oder?«

»So ein Tee? Das ist der Tee schlechthin, Libby.« Er schlägt in einer theatralischen Geste die Hände über dem Kopf zusammen. »Ihr Amerikaner macht mich manchmal echt fertig. Du würdest doch auch niemals behaupten, dass Origami so ein Designer ist, oder?«

Vehement schüttle ich den Kopf. Als der Kellner kommt, bestellt Jasper ernsthaft einen Tee.

»Oh nein, das ist wirklich nicht nötig. Ich bin nicht so der Teefan.«

»Der ist auch nicht für dich, sondern für mich. Irgendwer hätte mich vorwarnen können, dass es hier so kalt ist.«

»Es ist Februar in New York, was hast du erwartet?«

»Etwas geschmeidigere Temperaturen? Aber vermutlich bin ich einfach vom Golfstrom verwöhnt.«

»Vermutlich.«

»Gibst du immer so einsilbige Antworten?«

»Nein.«

»Das war überzeugend«, scherzt er und zwinkert mir zu. »Weißt du schon, was du essen wirst?«

Meine Antwort besteht aus einem Kopfschütteln. Vermutlich wüsste ich, was ich bestellen will, wenn es mir gelingen würde, mich mal drei Sekunden zu konzentrieren. Reiß dich zusammen, ermahne ich mich und stecke meine Nase in die Speisekarte, nur um im nächsten Augenblick bereits wieder über deren Rand in Jaspers Richtung zu spähen. Ich kann mich einfach nicht an ihm sattsehen. Er hat so schöne Augen und dann erst seine feingeschwungenen Lippen. Himmel, ich kann nicht aufhören, daran zu denken, wie sie sich wohl auf meinen anfühlen würden.

»Und?«, fragt er, als er peinlicherweise bemerkt, dass ich ihn beobachte. Mist!

»Pasta! Ich nehme einfach Pasta«, stoße ich hervor und bemerke, wie meine Wangen zu glühen beginnen.

»Pasta? Meinst du die Shrimp Scampi mit Spaghetti?«

»Ja, genau die meine ich«, behaupte ich, nachdem ich sehe, dass es kein anderes Nudelgericht auf der Karte gibt.

Hastig klappe ich sie zu und lege sie auf Jaspers. Der Kellner eilt herbei, und wir geben unsere Bestellung auf. Während wir aufs Essen warten, versucht Jazz noch einmal, ein Gespräch in Gang zu bringen, doch ich bin nach wie vor viel zu nervös und gehemmt. Die Aufregung lässt sich nicht ablegen. Sie sitzt so hauteng wie Sylvias Latexkleid und raubt mir schier den Atem.

»Du machst es mir nicht einfach, Libby«, meint Jasper schließlich. Er klingt ein wenig vorwurfsvoll.

Eden würde jetzt sagen, dass wir Frauen nicht auf der Welt sind, um es Männern einfach zu machen, doch Eden ist anders als ich.

»Bitte entschuldige, das war nicht meine Absicht«, lasse ich ihn wissen und lächle ihn zaghaft an.

»Bist du nervös?«

»Was? Nein!«, verwehre ich mich. Seine direkte Frage wirft mich noch mehr aus der Bahn. Auf keinen Fall möchte ich, dass er weiß, was für eine Wirkung er auf mich hat und dass ich seit einer geschlagenen halben Stunde darüber nachdenke, wie es wohl wäre, ihn zu küssen. Allein bei der Vorstellung pocht mein Herz schneller, und meine Hände werden zittrig.

»Also ich bin aufgeregt«, gesteht Jasper mir.

Überrascht suche ich seinen Blick.

»Ich habe keine Ahnung, was mich in London erwartet. Wenn ich daran denke, was in den nächsten Wochen und Monaten auf uns zukommen wird …« Er verstummt. Hilflosigkeit und Verzweiflung paaren sich in seinen Augen.

Oh, denke ich betreten. Doch was habe ich erwartet? Dass ich ihn nervös mache? Wohl kaum. Habe ich nicht eben noch selbst zu meiner Mutter gesagt, dass Jasper eine Art Rockstar ist? Die Frauen liegen ihm zu Füßen. Ian hat zwar behauptet, dass Jasper nie die bekommen würde, die er will, aber das kann unmöglich stimmen.

»Lass uns ein Spiel spielen«, höre ich mich sagen.

Jasper sieht mich überrascht an, und ich kann es ihm nicht verdenken. Mein kühner Vorstoß sieht mir so gar nicht ähnlich, aber ich will auch nicht, dass er sich in seinen Sorgen verliert. Ian hat mich gebeten, mich um Jazz zu kümmern, und das werde ich tun. Neulich wurde ich von einer anderen Fashionbloggerin interviewt, es waren jede Menge witzige Fragen.

»Das Spiel heißt ›Dies oder Das‹. Kaffee oder Tee?«

»Ist abhängig von den Umständen.«

»Dies oder das!«, ermahne ich ihn streng.

Er gibt ein mürrisches Geräusch von sich. »Tee.«

»Sicher?«

»Nein!«

Ich zucke mit den Schultern. »Tja, Pech! Du bist dran.«

»Filme oder Bücher?«

»Bücher!«

»Du hast nicht mal gezögert!«, wirft er mir vor.

»Ich weiß eben, was ich will!«

»Bücher sind zugegeben eine gute Wahl.«

»Echt? Du liest?« Es gelingt mir nicht, mein maßloses Erstaunen zu verbergen. Einer wie er, der liest doch nicht.

»Ja, ich kann lesen«, meint er und zwinkert mir zu. »Und zu deiner Info, ich lese sogar sehr gerne.«

»Dein Lieblingsbuch?«

»Das ist keine Dies-oder-Das-Frage!«

»Und das ist keine Antwort auf meine Frage!«

Zähneknirschend murmelt er: »Harry Potter. Immer noch.«

»Welches davon?«

»Wie, welches davon? Alle! Das ist ein Gesamtkunstwerk!«

Er klingt so empört und energisch, dass ich mir ein Lachen nicht verkneifen kann.

»Okay, aber für all deine Zwischenfragen darf ich jetzt noch mal.« Ehe ich etwas erwidern kann, fragt er: »Baden oder Duschen?«

»Baden! Ich bin eine absolute Badenixe.«

»Gut zu wissen. Okay, dann bist du dran«, erinnert er mich.

»Geld oder Ruhm?«

»Ruhm! Frühaufsteher oder Nachteule?«

»Nachteule. Warum Ruhm?« Er zuckt mit den Schultern, doch so leicht lasse ich ihn nicht davonkommen. »Verrat es mir.« Er schmunzelt über meine Forderung. »Bittttteeee!«, flehe ich und schenke ihm meinen herzerweichendsten Kleinmädchenblick.

»Vielleicht als Ersatz für Liebe.«

Seine Ehrlichkeit zu verdauen, kostet mich einen Augenblick. »War das eine Frage oder eine Feststellung?«

»Da denke ich noch mal drüber nach, okay?«

»Von mir aus. Raucher oder Nichtraucher?«

»Nichtraucher. War ich aber nicht immer, also eigentlich endlich wieder Nichtraucher. Yeah!«

»Gratuliere!«

»War ein ziemlicher Kampf«, gesteht er und fährt sich mit der Rechten durch seine verwuschelten Haare.

Unser Essen kommt, woraufhin wir unser kleines Spiel unterbrechen, um uns die köstlichen Gerichte schmecken zu lassen. Ich bereue meine versehentliche Pastabestellung kein bisschen, und Jasper genießt sein zartes Steak ganz offensichtlich auch. Ich muss mir Mühe geben, ihm beim Kauen nicht ständig auf seine verführerischen Lippen zu schauen. Kaum wurden die Teller jedoch abgeräumt, fragt Jasper: »Umarmungen oder Küsse?«

Er erwischt mich eiskalt. »Was?«, platze ich wenig eloquent hervor, denke jedoch: Beides. Beides und noch mehr.

»Dies oder das«, hilft er mir auf die Sprünge.

»Oh ja, klar. Weißt du was, ich gehe mal zur Toilette und denke dabei darüber nach, denn das ist eine echt schwere Entscheidung.«

Mayday, texte ich Eden von der stillen Örtlichkeit aus.

Ihre Antwort kommt prompt: Was ist los, Süße? Wieder diese Ashley-Bitch?

Um Himmels willen! Das Miststück hätte mir gerade noch gefehlt. Bis vor zwei Tagen kannte ich sie noch nicht persönlich, und ehrlich gesagt, hätte ich verdammt gut auf ein Zusammentreffen verzichten können. Ashley, Marcia und ich wurden für unsere Fashionblogs ausgezeichnet, und der Aufenthalt in diesem Hotel ist Teil unseres Preises. Marcia ist supernett, doch Ashley hat sich als fiese Hardcore-Zicke entpuppt. Ich mache drei Kreuze, dass es mir nach unserer ersten Begegnung gelungen ist, diesem missgünstigen Biest aus dem Weg zu gehen.

Nein, zum Glück nicht! Mein Problem, wenn man es denn so nennen will, ist ein anderes: Jasper Chase

Wer ist das? Muss man den kennen?

Google ihn!!!

Es dauert einen Moment, dann folgen drei Smileys mit Sternchen in den Augen und ein: Scheiße, ist der Typ heiß!

Exakt das dachte ich auch, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Ja, er ist megahot. Ich glaube, er ist der schönste Kerl, dem ich je begegnet bin, und da ist diese krasse Spannung zwischen uns. Himmel, ich weiß auch nicht!

Spannung?

Ja, keine Ahnung, wie ich es sonst nennen soll.

Ihr seid scharf aufeinander?

Ich plustere die Wangen auf und lasse die Luft entweichen. Das ist wieder mal typisch Eden. Sie kommt immer sofort zum Punkt. Bevor ich einen ellenlangen Monolog tippe, rufe ich sie kurz entschlossen an.

»Keine Ahnung. Vielleicht. Auf jeden Fall kann ich mich überhaupt nicht entspannen, weil ich mich die ganze Zeit frage, worauf das hinausläuft, und Panik habe. Es ist auch alles total kompliziert, denn sein bester Freund hat ihm gerade mitgeteilt, dass er Krebs hat, und Jasper nimmt morgen früh den ersten Flug zurück nach London. Aber ich kann nicht aufhören, daran zu denken, wie es wohl wäre, ihn zu küssen.«

»Du willst ihn küssen? Dann mach das doch!«

»Was, wenn er mich nicht küssen will?«

»Hallo, nach heute Abend siehst du ihn nie wieder.«

»Ja, ich weiß, das ist ja das Schlimme.«

»Blödsinn, Libby, das ist das Allerbeste! Deshalb kannst du machen, was du willst. Küss ihn, und wenn er deinen Kuss nicht erwidert: So what?«

Ich atme tief durch. Vielleicht hat sie recht. Aber trotzdem. »Und wenn er eine Freundin hat? Wie furchtbar wäre das, wenn ich hier mit ihm rummache, und in London …«

»Ich finde ja, dass das nicht dein Problem ist.«

Dass Eden die Sache so sieht, war klar, aber auch in diesem Punkt unterscheiden wir uns grundlegend. Ich will einfach nicht für das Leid eines anderen verantwortlich sein … selbst wenn es bloß Liebeskummer ist.

»Okay, also laut seinem Facebook-Profil ist dein Jasper Chase Single. Eurem amourösen Intermezzo steht also nichts mehr im Weg.«

»Aber es ist so unangemessen, wegen Ian und …«

»Was glaubst du, wie der Typ sich gerade fühlt? Meinst du nicht, dass ein paar heiße Küsse genau das Richtige wären, um ihn aufzumuntern? Über den ganzen Scheiß nachdenken kann er noch während des Rückflugs.« Als ich schweige, weil ich versuche, ihrer Argumentation zu folgen, fügt sie hinzu: »Genau genommen tust du dem Mann einen Gefallen, wenn du ihn ein wenig ablenkst, weißt du?«

»Und was, wenn es nicht bei einem Kuss bleibt?«, frage ich ängstlich und hoffnungsvoll zugleich.

»Du hast doch bestimmt noch das Kondom, das ich dir gegeben habe. Andernfalls kannst du auch den Zimmerservice darum bitten.«

Bei dem Gedanken daran reiße ich entsetzt die Augen auf. Nie im Leben! Geht es noch peinlicher? Zum Glück bliebe mir etwas Derartiges aber erspart, sollte es so weit kommen, denn tatsächlich trage ich das Kondom – dank Edens schlechtem Einfluss – immer mit mir rum.

»Aber was, wenn es wieder so schrecklich wehtut und …«

»Beruhige dich, Libby. Sex ist eine tolle Sache. Glaub mir. Und wenn man es richtig macht, dann tut es nicht weh. Christian ist bloß ein Idiot, der nicht weiß, was er zu tun hat. Der würde doch den Eingang zum Paradies nicht mal finden, wenn es dafür ein Navi gäbe. Also vergiss dieses blöde Erlebnis mit diesem unfähigen Stümper, denn das ist nicht exemplarisch.«

Sie hat leicht reden. Sie war ja nicht dabei und hat keine Ahnung, wie grässlich es war. »Ich habe Angst, dass es wieder so krampfig und peinlich wird. Ich möchte mich vor Jasper nicht blamieren.«

»Das kann ich verstehen. Hör zu, wenn du wie in Schockstarre auf dem Rücken liegst und die ganze Zeit damit rechnest, dass es wehtut, dann wird es das vermutlich auch. Aber so muss es doch nicht laufen. Du hast das selbst in der Hand. Mach es für dich zu einem schönen und erfüllenden Erlebnis, indem du schaust, was du brauchst.«

Ich denke über ihre Worte nach. Mir ist klar, dass sie mit dem, was sie sagt, recht hat, aber so einfach ist das nun mal nicht.

»Ich kann dich denken hören, Libby«, sagt Eden vorwurfsvoll. »Was soll denn im schlimmsten Fall passieren?«

»Es könnte ein totales Desaster werden!«

»Küss diesen heißen Kerl doch einfach und schau, was passiert. Ganz ohne Druck. Aber jetzt lass ihn nicht so lange warten, sonst denkt er noch, du bist durchs Klofenster abgehauen.«

»Das wird er nicht denken. Wir sitzen in einem unterirdischen Tresorraum!«

»In einem unterirdischen Tresorraum? Ein Escape Room?«

»Nein, ein ziemlich abgefahrenes Restaurant direkt neben meinem Hotel.«

»Wie praktisch«, meint Eden lachend. »Seine Idee oder deine?«

Ich muss einen Moment darüber nachdenken, dann sage ich: »Seine. Warum?«

»Oh, an deiner Stelle würde ich mir keine Sorgen machen, dass er deinen Kuss nicht erwidert, und nun entspann dich und genieß den Abend.«

Als ich zurück an unseren Tisch komme, empfängt Jasper mich mit einem erfreuten Lächeln.

»Hey, da bist du ja. Ich war schon kurz davor, einen Suchtrupp loszuschicken.«

»Hast du gedacht, ich hätte mich klammheimlich davongestohlen?«

»Der Gedanke kam mir, und ehrlich, das hätte mir das Herz gebrochen.«

Ich presse meine Lippen aufeinander, um das breite Grinsen, zu dem sie sich unbedingt verziehen wollen, zu unterdrücken, und nehme Jasper gegenüber Platz.

»Solange wir keinen Nachtisch hatten, werde ich ganz sicher nicht abhauen«, lasse ich ihn augenzwinkernd wissen.

2 Jasper

Nachtisch? Meint sie damit etwa …? Ich sehe sie durchdringend an. Nein, bestimmt nicht. Libby ist – anders als Ian anfangs befürchtet hat – nun einmal kein Groupie. Dabei hätte ich gar nichts dagegen, wenn sie auf Sex mit mir aus wäre. Das wäre nämlich genau das, was ich bräuchte, um ein wenig runterzukommen und abzuschalten. Die Sache mit Ian macht mich fertig. Hastig schiebe ich den Gedanken an ihn von mir und nehme stattdessen einen tiefen Schluck aus meinem Glas. Der Rotwein ist lecker. Etwas, das man den Franzosen lassen muss: Von Mode und der Weinherstellung haben sie wirklich Ahnung. Da die Sorge um Ian mich nicht loslassen will, sondern überhandzunehmen droht, trinke ich einen zweiten Schluck. Hier im Restaurant das Heulen anzufangen, kommt nicht infrage.

Schlimm genug, dass ich den Großteil der Zeit, in der wir vorhin aufs Taxi gewartet haben, damit verbracht habe, nachzusehen, was genau Ian hat. Irgendwo habe ich etwas von »guten Heilungschancen« gelesen, allerdings beruhigt mich das nur bedingt, denn es ist damit schließlich nicht gesagt, dass Ian definitiv wieder gesund wird. Falls er stirbt, dann … Fuck, ich kann mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Er ist bloß drei Wochen jünger als ich, und wir sind von klein auf die besten Freunde. Ian ist der Bruder, den ich nie hatte. Wir haben alles gemeinsam gemacht. Nicht, dass man in dem kleinen Nest, aus dem wir stammen, wirklich viel hätte machen können. Die dummen Ideen sind uns trotzdem nie ausgegangen.

Ich denke an unseren mitternächtlichen Ausflug zum St Michael’s Mount. Dieser Trip hätteuns unter Umständen das Leben kosten können … allerdings waren wir damals viel zu betrunken, um uns der Gefahr, in die wir uns gebracht hatten, bewusst zu sein. Heute kann ich über unsere Idee, der Gezeiteninsel bei einsetzender Flut und noch dazu in einer stürmischen Winternacht einen Besuch abzustatten, bloß noch den Kopf schütteln. Doch das war bei Weitem nicht das einzige Mal, dass wir grenzenlos leichtsinnig waren. Ich erinnere mich an unsere waghalsigen Skatestunts, die nicht selten in der Notaufnahme endeten. Und nun ist Ians Leben wieder in Gefahr, und zwar nicht wegen einer unserer dämlichen Entscheidungen, sondern wegen einer beschissenen genetischen Anomalie. Ein Fehler in der hauseigenen Matrix. Ich könnte kotzen!