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»Man kann auch ohne Beziehung glücklich sein. Liebe gibt es nicht nur zu zweit!«
Frauen können heute vieles, aber eines sicher nicht: ungestört Single sein. Denn noch immer ist die Paarbeziehung für viele das ultimative Lebensziel: Man findet sich, heiratet, bekommt 1,6 Kinder. Happy End, fertig. Das Single-Dasein wird dabei als bedauernswerter Zustand definiert, besonders die Single-Frau als traurig, ungeliebt und wertlos eingestuft. Dieses Klischee gehört endgültig abgeschafft, übt es doch permanent Druck aus und vermittelt unzähligen Mädchen und Frauen das Gefühl, falsch zu sein. Wir brauchen neue, vielfältige Konzepte von Liebe, Glück und Zufriedenheit: Denn Single zu sein ist genauso gut, wie nicht Single zu sein. Ist genauso richtig und falsch, genauso lebenswert. Es ist Zeit für das eigene gute und verrückte Leben!
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das Buch
»Man kann auch ohne Paarbeziehung glücklich sein. Liebe gibt es nicht nur zu zweit.«Edition-F-Redaktionsleiterin Silvia Follmann räumt auf mit gängigen und vollkommen überholten Klischees rund um den weiblichen Single – denn es gibt mehr als nur ein Glücksprinzip!
Silvia Follmann
A Single Woman
Ein Plädoyer für Selbstbestimmungund neue Glückskonzepte
OriginalausgabeDer Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
1. Auflage
Originalausgabe März 2019
Copyright © 2019 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München, unter Verwendung eines Motivs von
© FinePic®, München
Lektorat: Doreen Fröhlich
DF · Herstellung: kw
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-25278-6V001
www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz:
Für alle, die ihre Geschichte vom guten Leben selbst erzählen wollen.
Vorwort
1. Die Familienfeier: Oder wie ich begriff: Um Singles muss man sich Sorgen machen
2. Das große Scheitern: Weiblich, alleinstehend, um die dreißig
3. »Ich wünsche mir so sehr, dass du jemanden findest«: Von der sehr kleinen Idee des Glücks
4. »Streng dich doch mal an«: Wer Single ist, ist selbst schuld
5. Beruflich erfolgreich: War das jetzt alles?
6. »Du bist ja nur neidisch!«: Immer im Verdacht
7. Auf einmal ist da diese Einsamkeit, die nicht mehr gehen will
8. Die Liebe und das Geld: Wie wir uns dankbar von der Industrie verarschen lassen
9. Sexuelle Freiheit? Klar, aber bitte nur innerhalb von Beziehungen!
10. Liebe kann auch Angst machen
11. Emotionale Sackgasse geht auch zu zweit
12. Und was ist mit dem Kinderwunsch?
13. Single-Sein ohne Stigma: Verrücktes, gutes Leben
Danksagung
Als Frau kann man heute vieles, aber eines ganz sicher nicht: ungestört Single sein. Denn noch immer wird einem ohne eine Paarbeziehung ganz schnell das Label der Einsamkeit und der großen Suche um den Hals gehängt, als könne es gar nicht anders sein. Wieso haben wir uns nicht längst von der kruden Idee verabschiedet, dass das Single-Dasein auf jeden Fall ein Zustand des Mangels oder des Wartens ist? Wieso glauben wir immer noch so fest daran, dass wir ohne romantische Beziehung kein gutes Leben haben können?
Ich dachte lange Zeit, wir hätten dieses Klischee der Single-Frau als Mängelexemplar längst hinter uns gelassen, wären so frei in unseren Lebensentscheidungen und Lebensläufen, wie wir gemeinhin erwarten zu sein – wer sollte uns schon aufhalten, wer uns einschränken? Bis ich das bereits verschwunden geglaubte Label in meinen Zeiten als Single doch aufgedrückt bekam und mir von genau dieser Erfahrung in den unterschiedlichsten Varianten immer wieder erzählt wurde. Von ganz jungen Frauen, von Frauen in meinem Alter, von Frauen, die älter als ich sind. Es brauchte gar nicht mehr den Moment, in dem kürzlich eine sehr viel jüngere Kollegin zu mir sagte: »Ich bin bereit viel zu ertragen, aber ich will niemals als Alleinstehende enden.« Oder eine Frau um die 50 mir zu dem Thema meines Buches zurief: »Single-Frauen sind ab einem bestimmten Alter irgendwie alle vollkommen verrückt, total fernab der Realität.« Wessen Realität das ist, wird noch zu ergründen sein. Denn genau das sind die Aussagen, die viele Single-Frauen auch heute noch verbindet, selbst wenn sie ansonsten komplett unterschiedliche Leben führen. Es sind Erfahrungen, die uns an Stereotype binden und vollkommen ausblenden, wer man ist, wie man lebt, was man will und was einem zusteht – nämlich frei zu sein in dem, was man tut und fühlt. Diese Stereotype nehmen Frauen oft derart in Beschlag, dass sie ganz vergessen, sich auf ihre ureigenen Bedürfnisse zu konzentrieren. Dass sie vergessen, sich zu fragen: Will ich da überhaupt reinpassen?
Wenn ich in meinem Bekanntenkreis davon erzählte, dass ich ein Buch über Singles schreibe, kam fast immer die erstaunte Frage: DU schreibst einen Ratgeber für Singles? Was ich natürlich vehement verneinen musste, ich bin schließlich weder Psychologin noch Therapeutin, noch habe ich das Gefühl, dass Singles wirklich Rat gegeben werden muss. Schließlich hat man es dabei nicht mit einem Ausnahmezustand zu tun. Und doch scheint ein Ratgeber im ersten Moment das Logischste zu sein, das man zum Thema Single-Leben zum Besten geben kann. Aber nein, ich schreibe nicht, was zu tun ist, um da rauszukommen, sondern in verschiedenen Episoden über die Gefüge und Situationen, in denen man sich selbst als Single als mangelhaft begreifen kann, wer und was zu diesen Gefühlen beiträgt, wieso sich das Leben ohne Beziehung manchmal vollkommen zu Unrecht schlecht anfühlt und warum es das oft nicht müsste, wenn unsere Gesellschaft nicht so auf die Idee von (Lebens-)Glück fixiert wäre, die mit Paarbeziehungen zusammenhängt. Und es wäre auch häufig nicht notwendig, wenn wir uns selbst mehr trauen würden, uns selbst ein wenig mehr vertrauen würden. Unsere Liebesbiografien und unser Datingverhalten ändern sich eben mit der Welt, die sich verändert, und mit einer Gesellschaft, die im Wandel ist. Die Krux dabei ist: Unsere Erwartungen an die (romantische) Liebe, wie und wo sie wartet, dass sie auf jeden Fall wartet und wie sie auszusehen hat, die verändern sich offensichtlich nicht. Ebenso wenig wie die meisten Ratschläge dazu, wie wir auszusehen oder uns zu verhalten haben, um Liebe überhaupt zu verdienen. Aber wenn Single zu sein zeitgleich normal, ja, selbstverständlich zu sein scheint und doch noch immer bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum prekären Zustand erklärt wird, dann führt das zu einer Schräglage und einem Tauziehen um die Deutungshoheit über das geglückte Leben mit uns selbst und den anderen.
All das hängt, ganz gleich, welches Leben wir uns heute für uns selbst eingerichtet haben, unweigerlich mit dieser einen Erzählung zusammen, die in unserer von traditionellen Rollen- und Beziehungsbildern immer noch selig besoffenen Gesellschaft allzu gerne weitergetragen wird und die erst einmal so herrlich ungefährlich, ja, wohlig warm ist und sich als einziger Entwurf unseres Lebens selbstverständlich anfühlt: Frau findet Mann, sie finden sich toll, sie heiraten und bekommen 1,6 Kinder – Happy End, fertig. Das ist das Leben, auf das es im besten Falle hinauslaufen soll. Das ist das höhere Ziel, auf das es noch immer hinzuarbeiten gilt. Das Zusteuern auf und das anschließende Halten einer Paarbeziehung wird noch immer als die universale Glücksformel gehandelt und so eine (hierarchische) Ordnung aufrechterhalten, die Singles zu den Rosinen im Gesellschaftsstollen machen – ob sie da wirklich hineingehören oder man lieber einen ohne will, wird immer Stoff für Diskussionen sein.
Aber diese Geschichte können oder wollen heute immer weniger Menschen erzählen, schon gar nicht in der Stringenz, die der romantischen Liebe immer wieder abverlangt wird, damit sie wahr, groß und gut sein darf – etwa 40 Prozent der Menschen in Deutschland leben allein1, knapp 17 Millionen Menschen sind nicht in einer festen Beziehung2, Beziehungen haben insgesamt eine kürzere Halbwertszeit als früher, und die Scheidungsrate liegt derzeit bei rund 40 Prozent.3 Das ist auch kein deutsches Phänomen, überall auf der Welt sind Menschen länger Single, heiraten später und bekommen später Kinder. Statt diese Entwicklung negativ zu betrachten, könnte man auch sein Gutes darin sehen. Denn Beziehungen, die nicht guttun, werden offensichtlich schneller beendet, und Liebeleien, die kurzweilig sind, aber keine Basis haben, führen wahrscheinlich gar nicht erst in eine. Oder Kompromisse, die einzugehen sich nicht gut anfühlen würde, werden schlicht nicht mehr geschlossen. Doch statt diese positiven Aspekte zu betonen, ist fast immer von Beziehungsunfähigkeit, Unentschlossenheit und Vereinsamung die Rede, denn wir sind eben die unsägliche Generation Y. Als wäre diese Zuschreibung nicht schon schlimm genug. Die Veränderung geht, gerade global gesehen, aber auch mit der steigenden Bildung einher – gerade bei Frauen! Und sie hängt außerdem mit ökonomischen Faktoren zusammen, denn in vielen Ländern können sich junge Menschen weder Heirat, noch den Auszug von zu Hause, noch ein Kind leisten.4 Und das wiederum ist dann gar nicht positiv, weil nicht selbstbestimmt gewählt – das wird aber durch den sozialen Druck, den man als Single so oder so erfährt, nicht besser. Vielen Menschen, das finden zumindest Mutter, Onkel Heinrich, Kolleginnen und Kollegen oder der Taxifahrer, der uns nach Hause fährt und sich über den Beziehungsstatus austauschen will, fehlt also aus verschiedenen Gründen immer häufiger und immer wieder eben jene Paarbeziehung, um ihrem Leben endlich echte Substanz zu verleihen. Trostlos sind dabei gerade wir Frauen, denn wir verschenken unsere saftigen Jahre, weil wir uns nicht genug anstrengen, uns zu sehr auf den Job konzentrieren, zu wählerisch, zu egoistisch oder nicht schön zurechtgemacht sind – oder nicht oft genug gelächelt haben. Es gibt immer jemanden, der so tut, als sei es die gottgegebene Aufgabe der Frau, stets auf die romantische Liebe hinzuarbeiten. Und natürlich auf eine eigene Familie.
Immer wieder habe ich darüber gelacht und gefragt: Was hat euer Problem mit dem Thema mit meinem Single-Dasein zu tun? Und doch ist es eben schwer, in einem System zu leben, in dem Singles stigmatisiert werden – und davon frei zu sein. Frei von Zweifeln zu sein. Denn wie man sich fühlt und was man überhaupt fühlt, hat doch meist sehr viel mehr mit der eigenen Umgebung – oder mit der Annahme von der eigenen Umgebung – zu tun, als dass es ausschließlich uns selbst entspringt. Und das ist auch heute noch in vielen Punkten eine Gesellschaft, die in Bezug auf ihr Frauenbild noch immer Jahrzehnte hinter dem hinterherjapst, was sein könnte – und manchmal sogar durch einen antifeministischen Backlash, der bereits Erkämpftes wieder infrage stellt, bereitwillig wieder in das Alte zurückfällt. Das trägt auch dazu bei, dass man vielleicht selbst oft noch mit alten Rollenbildern kämpft, nicht davon loskommt, weil manchmal noch nicht ganz klar ist, wer man ohne diese Label eigentlich ist. Und das kann auch ein Selbstbild formen, das gar nicht zum eigenen Leben passt. Bin ich wirklich die Frau, die gerade oder generell nach einer Beziehung sucht? Oder die Frau, die auf keinen Fall eine will? Oder die Frau, der das alles eigentlich egal ist, mal sehen, was kommt? Aus diesem innerlichen Ringen entsteht nicht selten eine Selbstwahrnehmung, die mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen kollidiert und so ein Scheitern manifestiert, das keines ist. Doch genau diesem falschen Scheitern auf die Spur zu kommen, darum soll es in diesem Buch gehen.
Denn ein Leben als Single beschreibt eben nicht zwingend ein Leben mit einer Lücke. Weil Menschen nicht auf sozialen Inseln leben, zu der Liebe und Zufriedenheit nur durch eine exklusive Paarbeziehung vorstoßen kann. Single zu sein ist kein Lebensmodell, mit dem man ernsthafte äußerliche Bedrohungen zu fürchten hat – zumindest, wenn man an dieser Stelle etwa das Armutsrisiko von Alleinerziehenden ausklammert –, vielmehr aber doch innere Bedrohungen aus einem selbst, die verborgener sind, kleiner scheinen, aber deshalb nicht weniger wesentlich sind. So wesentlich wie die verdammte Luft zum Atmen. Nämlich jene Gefühle, die infrage stellen, wer wir sind und welches Leben wir führen wollen. Und auf der Suche danach, wie sich das Ich ohne diese inneren Bedrohungen ausdrücken und leben lässt, rennt man häufig immer wieder an mentale Mauern, von Zuschreibungen und dem durch andere geprägten Selbstbild, die dann verbergen, was Realität ist: Single zu sein ist genauso gut, wie nicht Single zu sein. Ist genauso richtig und falsch, genauso lebenswert.
Ich schreibe all das aus meiner Sicht auf das Single-Leben, auf die Liebe und die Erwartungen an Frauen und damit aus der einer heterosexuellen, weißen cis Akademikertochter, was zugegeben eine verdammt bequeme Perspektive ist5. Und wenn Menschen mit dieser Perspektive die Zustände schon so den Nerv rauben, wenn sie durch diese engen Strukturen schon so sehr einem gesellschaftlichen Regelwerk ausgesetzt werden, das oft mehr in die Irre als nach vorne führt, dann kann man sich im Ansatz ausmalen, wie das für jemanden ist, der nicht mit diesen meinen Schubladen dienen kann – was nur einmal mehr zeigt, warum sie ausgedient haben müssen und warum wir grundlegend neue Definitionen brauchen, und zwar ganz viele davon. Das Ich im Buch bin dabei ich, es sind aber auch all die Frauen und ihre Geschichten, die mich umgeben, denen gesagt wurde, sie könnten alles sein, was sie wollen, die sich selbst sagten, sie könnten das – bis der Klaps auf den Hinterkopf kam oder sich dieses ungute Gefühl im Magen breitmachte, dieses unbestimmte Wissen, dass man so, wie man ist, doch nicht in diese Gesellschaft passt. Oder die Gesellschaft nicht zu einem selbst.
Und sollte der Gedanke aufgekommen sein: Das hier ist kein Buch, in dem gegen die Liebe oder Beziehungen angeschrieben wird – ganz im Gegenteil. Es geht vielmehr darum, dass wir alle ganz selbstverständlich glücklich Liebende in einer Beziehung sein können, aber ebenso auch glücklich und mit der Liebe Verbundene, ohne eine Paarbeziehung zu führen. Und es geht darum, dass Einsamkeit nicht nur und manchmal noch viel weniger auf uns wartet, wenn wir nicht in einer Paarbeziehung sind. Sobald man mit sich selbst glücklich sein kann, streicht man auch die Angst aus seinem Leben, und wenn die Angst geht, wartet Freiheit.6 Die Freiheit, die gelernten Geschichten über das Single-Dasein hinter sich zu lassen und seine eigene zu schreiben.
1 Statistisches Bundesamt, 2017.
2 Deutschlands Single-Studie, durchgeführt von Elitepartner, Parship und Innofact AG, 2018.
3 Statista, Scheidungsrate 2017: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/76211/umfrage/scheidungsquote-von-1960-bis-2008/
4 Being single in your 30s isn’t bad luck, it’s a global phenomenon, Quartz, Nov. 2018: https://qz.com/1443640/being-single-in-your-30s-isnt-bad-luck-its-a-global-phenomenon/?utm_source=qzfb&fbclid=IwAR2LbIvRlj4VDceBK-BdFAyNV8C5l4gReMg0wChTv_NA3Yd2T-y-lDabwEs.
5 Ist von Frauen oder Männern in Bezug auf bestimmte körperliche (Geschlechts-)Merkmale die Rede, geht es um cis Frauen und cis Männer. Als cis Frau oder cis Mann werden diejenigen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.
6 Vgl. Interview mit Ulrike Stöhring bei EditionF.https://editionf.com/Interview-Ulrike-Stoehring-Vielen-Dank-fuer-alles-Trennung-Buch
Ich hätte es sehen kommen müssen, ich war schließlich auf einer Familienfeier, der Brutstätte vielen Unsinns. Aber die Feier war noch ganz am Anfang und daher der Moment noch fern, an dem der Alkohol derbe Witze und komische Tanzeinlagen zutage fördert oder jemand dramatisch heulend den Raum verlässt – also die kleine Eskalation, die endlich Schwung in die Sache bringt. Schade eigentlich, denn sich nur immer wieder den Teller mit Bockwurst und Kartoffelsalat aufzufüllen und nett Menschen zuzunicken, die einem längst fremd geworden sind, bringt einen ja auch nicht über den gesamten Abend. Aber wenn ich gewusst hätte, was danach kommt, hätte ich es sicher nur zu gerne dabei belassen, meine Stunden ohne menschliche Interaktion und ausschließlich mit Mayo-Mariniertem zu verbringen.
Denn auf einmal dröhnte es mir über die Schulter: »Na, wo ist dein Glücklicher?« Mein Onkel setzte sich mit einem dicken Grinsen im Gesicht an den Tisch, und ich nuschelte noch mit dem Wurst-Kartoffel-Gemisch im Mund: »Gibt’s nicht.« »Was hast du gesagt?« Er schaute mich mit kritischem Blick an. »GIBT’S nicht!«, rief ich lauter, und möglicherweise flog dabei etwas halb Zerkautes durch die Luft. Ein gequälter Ausdruck machte sich auf seinem Gesicht breit, und seine Rede von: »Du bist doch so hübsch, mach es den Männern doch nicht so schwer, langsam musst du dich wirklich mal ranhalten!« begann schneller, als ich mir wieder eine volle Gabel in den Mund packen konnte, um diese Konversation zu unterbinden. Vielleicht hätte ich sie besser ihm reinstecken sollen. Ganz tief in den Rachen. Aber schon meinte ich meine Mutter am anderen Ende des Tisches seufzen zu hören. Es ist ein leidiges Thema zwischen uns. Möglicherweise quietschte aber auch nur der Stuhl unter meinem Körper, der mittlerweile zum Gefäß für gefühlt zwei Kilogramm Kartoffelsalat geworden war. Wie auch immer, die Situation wurde jedenfalls nicht besser. Alles, was mich jetzt noch retten konnte, wäre, wenn endlich jemand anderes die Rolle des Clowns übernimmt – alles eine Zeitfrage, wie ich meine Familie kenne. Aber auch das kam anders: Denn ich blieb der Clown, einfach nur weil ich Single war.
Ich war damals etwa 24, am Ende meines Bachelorstudiums, und mir ging es prächtig – doch wie der verlässliche Buschfunk es mir nach dem Fest zutrug, war ich diejenige in der Familie, um die man sich am meisten Sorgen machte. So schnell kann’s gehen. Wäre ich mit einem Mann aufgetaucht, hätte ich wahrscheinlich auch von Arbeitslosigkeit und einer Heroinsucht erzählen können, und trotzdem wären alle zufrieden mit mir gewesen. Endlich unter der Haube, das alte Mädchen, wurde aber auch Zeit. Dass mein Jahre älterer Bruder zur gleichen Zeit auf der gleichen Feier vollkommen unbehelligt sein Single-Dasein thematisieren konnte – das hat mich damals vielleicht verwundert, heute tut es das längst nicht mehr. Denn wenn ich eines gelernt habe, dann das: Um Single-Frauen muss man sich Sorgen machen. Und mit dieser Erkenntnis war ich leider nicht allein.
Wie sehr hängt die Liebe mit einem guten Leben zusammen? Wahrscheinlich nicht so, wie gemeinhin angenommen wird. Vor ein paar Jahren wurde ich auf einer privaten Feier Zaungast einer absurden Szene, als ich aus Mangel an Unterhaltung eine Gruppe bei ihrem Gespräch belauschte. Ganz offensichtlich hatte man sich länger nicht gesehen, und nach dem großen Hurra erzählte eine Frau aus der Runde, ich schätzte sie etwa Anfang/Mitte 30, von einem spannenden Job bei einer NGO, davon, wie viel sie die letzten Jahre rumgekommen ist und was sie alles erlebt hat. Alle hörten ihr gespannt zu, ich im Übrigen auch, bis sie schließlich gefragt wurde, wie es denn wohl so um ihr Liebesleben stünde – das sei doch recht schwierig, wenn man so viel unterwegs ist. »Ich bin Single«, antwortete sie und setzte zu einem anderen Thema an. Doch weiter kam sie gar nicht, denn obwohl sie offensichtlich ganz zufrieden mit ihrem Dasein war, sahen die Blicke der anderen eher danach aus, als hätte sie laut »gescheitert!« gerufen und angefangen, Rotz und Wasser zu heulen. Traurigkeit legte sich plötzlich und lähmend wie eine Käseglocke über den Kreis, Mitleid mischte sich bei, und schnell warf jemand schützend den Arm um sie und sagte: »Hey, der richtige Mann wartet noch auf dich, ist ja kein Ding.« Sie, sichtlich irritiert, nickte einfach nur. Jetzt nicht noch mehr auffallen, dachte sie sich vielleicht, das Thema schien alle unangenehm zu berühren. Vielleicht war es aber auch das ehrliche Mitgefühl, das ihr die Luft aus den Wangen zog, die sie möglicherweise schon für den Angriff in ihnen gesammelt hatte. Denn einen offenen Angriff kann man verteidigen, einen nett gemeinten Tiefschlag dagegen wesentlich schwerer kontern. Es fehlte eigentlich nur noch, dass der Rest der Partybesucher still wird, sich gerade noch hörbar ins Ohr raunt, wie furchtbar das sei, und eine Rettungsgasse für den Sanitäter bildet, der diese arme Frau abführt: Ab in die Single-Quarantäne. Wider Erwarten ging die Party dann doch ganz normal weiter, zurück blieb jedoch ein weiteres Mal das schale Gefühl, dass eine Frau, die einfach »nur« ein feines Leben und vielleicht auch noch einen guten Job, liebe Freunde und eine nette Familie hat, immer noch nicht ausreicht, um als jemand wahrgenommen zu werden, der im Leben etwas erreicht hat, oder als eine Frau, der es gut geht. Als Single, so offensichtlich das kollektive Einvernehmen, muss man traurig sein, das ist wichtig. Also traurig kucken, Schultern hängen lassen und viel seufzen, es muss schon für alle erkenntlich sein, dass man den Ernst der Lage durchaus verstanden hat. Außer man ist zu jung für eine Beziehung. Oder man ist ein Mann, ganz gleich in welchem Alter. Denn während die auch als Single seit jeher das aufregende Label des Lebemannes und des einsamen Wolfes für sich gepachtet haben, sind wir Frauen damit die alten Jungfern, die ungebumsten Karrieristinnen – wahlweise auch die Lesben oder die sexy, aber auch dennoch leicht krankhaft Suchenden, die sich durch die Betten wühlen, um endlich mal wieder etwas zu spüren, wenn sie zu allein sind. Wir haben also entweder keinen abbekommen, sind frigide und machtgeil, sind sexuell nicht an Männern interessiert oder werden auf die Psychoschiene abgeschoben. Es braucht für Menschen ohne Beziehung immer eine Erklärung für das Single-Dasein, und die fällt sehr gern sehr blumig aus. Auf diese Zuschreibungen muss man als Single-Frau auch nicht lange warten, die fliegen einem gerne schon ab Mitte 20 zu und nehmen von Lebensjahr zu Lebensjahr wildere Ausmaße an. Die Uhr tickt schließlich. Ich kenne Frauen, die sich für Situationen wie jene auf der Party, die ja genauso beim Abendessen zu Hause oder auf dem Büroflur entstehen, sogar Scheinfreunde zulegen oder aber erzählen, sie seien gerade aus einer Beziehung raus und noch nicht so weit, und dann, ihr ahnt es, traurig kucken – nur um bei dieser Seifenoper wenigstens selbst die Fäden in den Händen zu halten. Was sie so natürlich nicht tun, denn letztlich ist auch das nur ein Handeln im vorgegebenen Rahmen, diesmal eben durch einen kleinen Beschiss, der aber die Erwartung an uns Frauen nur weiter zementiert.
Wie kommen wir darauf, dass Frauen, ganz gleich, was sonst in ihrem Leben geschieht, nur in einer Beziehung ein gutes Leben führen können? Frauen, so will es das patriarchale Gesetz, gehören zu jemandem, der sie komplettiert. Dem Elternhaus entwachsen ist es dann ein Mann oder ein Kind, am besten beides. Frauen sind Objekte, die einem Subjekt zugeordnet werden müssen, denn ein alleinstehendes Objekt, das wartet gemeinhin darauf, endlich eingesammelt zu werden – ob beim Sperrmüll oder auf dem Datingmarkt. Mit jedem weiteren Jahr, das man mit dieser »Bürde« verbringen und in dem man die anderen mit seiner Single-Existenz belästigen muss, werden die traurig oder skeptisch auf uns blickenden gesellschaftlichen Augen größer, bis sie irgendwann nervös zu blinzeln anfangen, weil eine Single-Frau zu unangenehm geworden ist. Dann schweigt die Gesellschaft den Single-Status mit Betroffenheit aus – spätestens dann, wenn die Frau nicht mehr gebärfähig ist. Keine traurigen Blicke mehr auf den Platz neben uns, wo eine mannsgroße Lücke klafft, keine mehr auf unser Herz, das mit Sicherheit verkümmert, sondern verstohlen auf die untere Mitte unseres Rumpfes, in dem nun nie mehr ein Kind wachsen wird. Blicke, die wir ja durchaus auch fähig sind, uns selbst zuzuwerfen. Einzige Ausnahme scheint ein Sonderstatus: Als Witwe ist es okay, allein zu sein und allein zu bleiben. Ist es sogar fast besser, allein zu bleiben, da man sonst vielleicht noch Verrat an jemandes Liebe begeht. Wer also wenigstens den Schatten seines verstorbenen Mannes mit sich trägt, steht gesellschaftlich wesentlich besser da als jene, die glücklich allein sind (oder wenigstens halb glücklich sind und niemanden betrauern müssen) – auf so verquere Ideen muss man erst einmal kommen! Es wäre ja fast schon auf eine niedliche, weil so aberwitzige Weise restriktiv, ja, naiv-dramatisch, wenn diese Haltung nicht auf dem Rücken so vieler Frauen ausgetragen würde, die sich dadurch infrage stellen. Die infrage stellen, ob sie allein wirklich genug sein können, »nur« weil es ihnen damit gut geht.
Waren wir da nicht eigentlich schon viel weiter? Zumindest sagen wir uns das gerne jeden Tag. Sagen uns, dass der stereotype Lebensentwurf von der stringenten Liebeslaufbahn gen Heirat und einem bis ein paar Kindern ja wirklich nur noch eine Option und kein Muss mehr ist. Dass wir heute als Frau doch so frei sind. Aber frei, vor allem frei von Rollenbildern, von gesellschaftlichen Zwängen und Erwartungen, die vor allem unser Geschlecht betreffen und nicht uns als Menschen, das sind wir eben dennoch noch lange nicht. Oder wie sagte meine Kollegin einmal so schön: Wenn du ins Berufsleben einsteigst, dann bist du nach drei Monaten Feministin. Im Privatleben dauert es sicherlich ein paar Jahre länger, und vielleicht mag man sich auch nie dieses Label geben, auch gut – aber spätestens mit der dritten Familienfeier, auf der man sich besorgte Nachfragen nach dem Liebesleben gefallen lassen muss, wenn Kolleginnen und Kollegen bei einer Mittdreißigerin schockiert auf die Nachricht reagieren, dass sie »schon« fünf Jahre Single ist (oh weh, doch nicht in den Dreißigern, in denen man gemeinhin eine Familie gründet, die Arme!), oder eben nach ein paar Partybegegnungen jener Art und vielleicht auch noch ein paar Gesprächen mit der eigenen Mutter, kommt man auf den Trichter, dass eine Frau ohne eine »starke Schulter« an der Seite, ohne einen festen Partner im Leben, ganz sicher vieles sein kann, aber nicht auf dem rechten Weg.
Die Konfrontation mit dem aufgedrückten Mangel ist früher oder später leider unumgänglich, denn es ist ja neben den viel erwähnten Verwandten, die in diesem Zusammenhang eine bestimmte Lebensart von ihrem Nachwuchs erwarten, nicht selten auch ein Freundeskreis, in dem viele diese eine Idee vom »glücklichen, normalen« Leben eingeatmet und bis in ihr Innerstes haben vordringen lassen. Zumindest, wenn man nicht in Berlin-Mitte wohnt, und selbst da ist nicht alles so liberal, wie es auf den ersten Blick scheint. Natürlich kann das Leben als Single auch durchaus manchmal schmerzhaft sein, ohne dass vermeintlich jemand anderes als man selbst an diesen Gefühlen beteiligt ist. Nämlich dann, wenn Sehnsüchte anklopfen, diese irrwitzige Angst nachts ganz plötzlich von allein in einem hochkriecht, nicht genug zu sein, um geliebt zu werden, und die drohende Dystopie einer Zukunft als Katzenlady allzu real zu werden scheint. Sowieso ein interessantes Bild, das immer wieder herausgeholt wird und für all jene Frauen steht, die auf dem Weg ins Alter, alleinstehend und kinderlos, natürlich verrückt geworden sind. Und, wie könnte es anders sein, sich Ersatzliebe bei einer Horde Katzen holen müssen, die sie bemuttern dürfen. Es ist die in die Popkultur übersetzte Lehre, die Frauen kultur- und religionsgeschichtlich lange ziehen mussten, wenn sie sich ihrer traditionellen Rolle verwehrten: Auf sie wartet nichts Gutes. Wobei ja auch grundsätzlich die Frage zu stellen wäre, ob ein Dasein mit vielen niedlichen Katzen wirklich so eine schreckliche Zukunftsvision wäre. Aber die Lehre, dass in Selbstbestimmung eine Gefahr liegt, hat sich für viele Frauen im Laufe der Geschichte immer wieder gezeigt. Über vier Frauenfiguren der neueren Geschichte, denen es so erging, hat die niederländische Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Connie Palmen ein interessantes Buch geschrieben. »Die Sünde der Frau«7 handelt vom Mechanismus, der sich für Frauen abspielt, die sich gesellschaftlichen Konventionen entziehen. Sie erzählt davon am Beispiel von Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith, die auf ebendiese gepfiffen haben. Als Kunstfiguren wagten sie damals jede für sich, »die Schranken des Anstands, ihres Geschlechts und der herrschenden Moral«8 zu durchbrechen. Aber der Preis der Selbstbestimmung und das Auflehnen gegen eine patriarchale Ordnung war auch der der Selbstzerstörung, wie Palmen es beschreibt. Sie flohen aus einer Welt, die männlich dominiert war und in der sie nicht die sein konnten, die sie sein wollten.9 Aber muss es auch noch heute zu diesem inneren Kampf kommen, wenn man sich durch das schiere Single-Dasein schon gesellschaftlichen Konventionen entzieht? Muss es auch heute noch zu einer inneren Zerrissenheit führen, wenn man kein Leben in einer Paarbeziehung führt und so aus dem traditionellen Lebensweg ausschert? Ich weiß nicht, ob man es muss, aber Fakt ist, manchmal entsteht dieses (zerstörerische) Ringen mit sich. Doch die Frage ist: Was passiert in diesen schmerzhaften Momenten mit einem selbst, in denen man sich als Single auf einmal schlecht und einsam, vielleicht sogar »falsch« fühlt? Zeigt sich in ihnen wirklich immer die echte Sehnsucht nach romantischer Liebe, oder geht es vielleicht um das unbestimmte Warten auf ein besseres Leben? Ein Leben, das durch einen unbestimmten Faktor endlich eintreten soll, den man nun eben automatisiert in der romantischen Liebe manifestiert, obwohl vielleicht gerade vieles andere im Argen liegt? Geht es in diesen Momenten wirklich um uns selbst und unsere tiefsten Bedürfnisse? Oder ist es eine Sehnsucht ohne Not, die von außen aufgedrückt wird oder sich von innen durchdrückt, weil man gelernt hat, dass man das braucht, dass man unbedingt auf eine Beziehung hinarbeiten sollte? Weil man eben so lebt, weil Traurigkeit nun das zu fühlende Gefühl ist? Oder kommt ein Schmerz, weil Single-Sein wie eine Lücke im Lebenslauf ist, die man immer und immer wieder erklären und für die es gute Gründe geben muss? Es ist manchmal nicht so leicht, diese Fragen zu beantworten. Es ist aber sehr leicht, daran zu glauben, dass mit einer Beziehung alles besser wäre, denn mit einer Beziehung schafft man sich selbst eine Identität, die leicht erklärt ist, sie ist ein für alle verständliches Bild. Ist die Beziehung gut oder schlecht? Das ist hier doch gar nicht die Frage! Wichtig ist nur, dass man sich in den ewigen Kreislauf begeben hat und nicht ausschert, mit seinem lausigen Single-Leben, das so gar nicht zum Narrativ eines gelungenen Lebens passen mag.
Kann das wirklich der Anspruch an ein Leben sein? Ganz sicher nicht. Aber das Gros der Gesellschaft assoziiert mit Beziehungen eben etwas Vollendetes, ein Angekommensein, während Single-Sein gemeinhin mit einem Bruch zusammengedacht wird, mit einem Ende, mit dem Warten auf etwas Neues. Wir haben gelernt, dass uns das Single-Sein von Zwischenräumen und Warteschleifen erzählt. Und wie könnte sich das, wo wir uns doch alle irgendwie nach einem Ankommen in oder bei was auch immer sehnen, anders als falsch anfühlen. Und doch wirkt in dem verbreiteten Glauben daran, dass ohne eine Beziehung per se etwas im Leben fehlt, erst einmal nicht viel mehr als die Kraft der Suggestion – wenn wir bereit sind, etwas zu glauben, wird irgendwann Realität heraus, ob das objektiv stimmt oder nicht. Und weil wir als Gesellschaft diese Variante der Realität akzeptiert haben, ist es eben auch heute noch eine Herausforderung, alleinstehend – schon dieses Wort! – nicht mehr ausschließlich mit gescheitert, mangelhaft oder suchend zusammenzudenken. Wenn wir begrifflich bereits festlegen, dass man allein auf der Welt ist, nur weil man keine Liebesbeziehung am Start hat, oder man grundsätzlich stagnieren würde, weil ein Partner an der Seite fehlt, dann ist auch die breite Akzeptanz genau dieser Bedeutung nicht weit. Doch wie sollten Begriffe wie »allein« und »stehend« Menschen ohne Beziehung je wirklich gerecht werden (jeglichen Zynismus dabei einmal außen vor gelassen)?
Zudem ist ein Leben in einer Beziehung ein Leben im steten Kompromiss, wie auch immer sie gelagert sind. So ist das mit engen Bindungen eben, aber wieso sollte es nicht genauso glücklich und zufrieden machen, genau die nicht eingehen zu müssen, frei davon zu leben und entscheiden zu können? Wahrscheinlich würde es uns ganz guttun, Lebensphasen, in denen wir mit oder ohne Partner durchs Leben gehen, mal wieder etwas nüchterner zu betrachten – das hilft ja auch in fast allen anderen Lebensbereichen. Beides hat sein Gutes, beides bringt seine Herausforderungen mit sich, und eigentlich wissen wir das ja auch. Und doch besteht die größere gesellschaftliche Aufgabe heute noch immer darin, endlich bei dem echten Bewusstsein anzukommen, dass Single-Frauen keine gescheiterten Wesen sind – ist das denn wirklich so schwer? Offenbar ja, weil dieses Bild zu streichen und die Bereitschaft, die Sachlage anders wahrzunehmen eben mit intellektueller Anstrengung verbunden sind. Aber keine Sorge, das ist halb so schlimm, denn diese Arbeit ist keine, mit der man sich nur die Zeit totschlägt, sondern eine, die wirklich etwas erschafft: nämlich Raum für das eigene Begehren und die eigenen Bedürfnisse.10 Ja, sich gedanklich gegen diesen Mist, der so schön selbstverständlich scheint, aufzulehnen, ist anstrengend, und es kann auch wunderbar erholsam sein, einfach mal die Ohren dicht zu machen und alberne Argumente wegzunicken, ohne darauf einzugehen. Aber sollte das nicht genau an dem Punkt enden, wenn eigene Freiheiten verloren gehen, die eigenen Bedürfnisse keine Rolle mehr spielen oder respektlos mit dem eigenen Leben umgegangen wird? Denn genau da beginnt doch Macht zu wirken, wird andere Macht zugelassen – wird eine hierarchische Ordnung künstlich am Leben gehalten, die ohne dieses stille Einverständnis der Betroffenen längst in sich zusammengebrochen wäre. Das Ende der Selbstermächtigung beginnt so nämlich schon bevor sie überhaupt eintreten kann. Nämlich darin, hinzunehmen, dass die eigenen Bedürfnisse zur Disposition stehen.
Das Leben als Single ist vielleicht ein Abschnitt, vielleicht eine grundsätzliche Entscheidung oder auch ein Lebensmodell, für das man sich weder aktiv entschieden noch nicht entschieden hat – als hätte man immer alles in der Hand –, aber es ist ganz sicher nichts, was mit Erfolg oder Misserfolg zu deuten wäre. Scheitern kann man im Job, wenn man einen Auftrag in den Sand gesetzt hat. Scheitern kann man beim Backen, wenn jeder Kuchen wie ein Brot aussieht, und scheitern kann man, wenn man im Urlaub lässig auf Italienisch ein Glas Wein bestellen will und dann aus dem Laden fliegt, weil man aus Versehen sehr viele Schimpfwörter eingebaut hat. Man möchte fast meinen, das Scheitern im Liebesleben sei ein verkorkst deutscher Ansatz, um über Liebesbiografien nachzudenken, so dass es fast verwunderlich ist, dass nicht mit jeder Trennung gleich ein offizielles Schreiben vom Bürgeramt reingeflattert kommt. »Frau XY, bitte finden Sie sich bei uns ein und teilen Sie uns mit, wie es nun mit Ihnen weitergeht.« Bloß keine Meldelücken aufkommen lassen, das kann böse enden! Immerhin haben wir den Status als »verheiratet« oder »ledig« mittlerweile aus unseren Lebensläufen gestrichten, wir scheinen also voranzukommen. Zumindest auf manchem, wenn schon lange nicht auf jedem offiziell verwendetem Papier. Der Gedanke des Scheiterns in Liebesangelegenheiten ist aber natürlich nicht originär deutsch, sondern wohl vielmehr eine kulturübergreifende Vermischung von romantischen Idealen und einer Zeit, in der keine Beziehung zu haben tatsächlich existenzielle Sorgen bedeutete – während heute Beziehungen und insbesondere (das Ende von) Ehen das Risiko für Frauen mit Kindern eher sogar vergrößern können, in existenzielle Sorgen zu geraten –, was zudem verschleiert, dass der Status als Single nicht selten ein Befreiungsschlag ist, mit dem man sich von einer ungesunden Bindung losgesagt hat. Und waren Scheidungspartys nicht mal ein Trend? Durchgesetzt hat sich das wohl deshalb nicht, weil es auf den Mainstream eher geschmacklos wirkte. Wieso eigentlich? Wenn jemand wirklich das Gefühl hat, das Ende einer Beziehung und den Neubeginn des Single-Lebens feiern zu wollen, wieso sollte das nicht drin sein? Ach ja, weil man ja auf jeden Fall und per se traurig sein muss. Ist klar. Und während meine Generation sich also mit dieser Interpretation der Lage noch immer rumplagen muss, wurde uns doch von unseren Vorkämpferinnen für ein selbstbestimmtes Leben schon längst der Staffelstab in die Hand gegeben, um es für die nachkommende etwas leichter zu machen. Aber dafür müssten wir aufhören, jungen Frauen zu sagen, dass sie als Single nicht glücklich sein können.11 Müssten wir aufhören, ihnen weiszumachen, wir hätten für das gelungene Leben das Patentrezept in der Hand. Doch wer die Zukunft (mit)verändern will, muss eben früher als im Jetzt anfangen und sich auch fragen, woher das kommt, wer oder was das Jetzt prägt – denn was verändert sich für junge Frauen, wenn sie zwar mit weniger Zweisamkeitsdruck aufwachsen, weil wir ihnen mehr Freiheit in ihren Lebensentscheidungen versprechen, diese aber weiterhin bei jeder Gelegenheit skeptisch hinterfragen? Genauso erging es uns doch auch schon – der Kreislauf geht munter weiter. Woher kommt also die Annahme, dass man als Single so viel unglücklicher sein muss als in einer Beziehung? Dass ein gutes Leben, gerade für uns Frauen, so eine einfache Rechnung wäre? Und die viel wichtigere Frage: Geht es bei der Skepsis gegenüber Singles überhaupt um das »gute Leben« oder um etwas ganz anderes?
