A Strange Hymn - Laura Thalassa - E-Book

A Strange Hymn E-Book

Laura Thalassa

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Beschreibung

König Karnos ist zwar tot, der Seelendieb existiert allerdings noch immer. Callie und Des werden zum jährlichen Fest der Sonnenwende eingeladen und reisen in das Königreich der Flora, um ihre Ermittlungen fortzusetzen. Doch unter den hellen Lichtern und den auffälligen Blüten des Reiches tauchen neue Komplikationen auf, die sich durch keine noch so große Verhandlungskunst lösen lassen. Bei der Versammlung verschwinden Soldaten und einige der Fae vermuten, dass Des hinter alledem steckt. Für Callie steht eines fest: Niemand ist der, der er zu sein scheint. Nicht einmal ihr Seelengefährte. Etwas regt sich und wenn Callie nicht aufpasst, wird es alles fordern, was sie liebt – und sie noch dazu.

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Seitenzahl: 497

Veröffentlichungsjahr: 2025

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A Strange Hymn
A Strange Hymn
Was bisher geschah …

Laura Thalassa

A Strange Hymn

Übersetzt von Michelle Markau

A Strange Hymn

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»A Strange Hymn«.

Copyright © 2017. A STRANGE HYMN by Laura Thalassa

the moral rights of the author have been asserted.

Vermittelt durch die Agentur:

Brower Literary & Management, Inc.

Deutschsprachige Ausgabe © 2025. A Strange Hymn

by VAJONA Verlag GmbH

Übersetzung: Michelle Markau

Korrektur: Katherina Kisner und Susann Chemnitzer

Umschlaggestaltung: Stefanie Saw

Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz

VAJONA Verlag GmbH

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

Astrid,

für dich, das Universum.

Was bisher geschah …

Als Callie, eine Sirene, mit fünfzehn Jahren ihren Stiefvater umbringt, ruft sie den Bargainer, Desmond Flynn, um einen Deal mit ihm einzugehen. Dieser soll den Mord vertuschen. Der Bargainer sorgt dafür, dass niemand wegen des Mordes Fragen stellt und bringt sie auf einer Akademie unter, auf der sie ihren Abschluss machen kann. Doch es dauert nicht lange, bis Callie sich an dieser neuen Schule einsam fühlt und den Bargainer in ihrer Verzweiflung erneut zu sich ruft. Diesmal möchte sie nur Zeit mit ihm verbringen. Doch die Dienste des Bargainers sind nicht kostenlos. Für jede Forderung schuldet sie ihm einen Gefallen, den er zu jeder Zeit einfordern kann. Innerhalb eines Jahres ruft sie ihn über dreihundert Mal zu sich, um ihre Einsamkeit zu vertreiben, und verliebt sich im Laufe der Zeit in ihn. Eines Abends beichtet sie ihm ihre Gefühle, doch er verschwindet ohne ein Wort.

Acht Jahre hört Callie nichts mehr von ihm, doch irgendwann werden ihre über dreihundert Schulden fällig. Eines Abends, als sie von der Arbeit nach Hause kommt, findet sie den Bargainer auf ihrem Bett vor. Er will ihre Schulden eintreiben. Das Ganze startet als lockeres Wahrheit-oder-Pflicht-Spiel, schlägt allerdings schnell in etwas Gefährliches um. Der Bargainer eröffnet ihr, dass er der Herrscher des Königreichs der Nacht ist und ihre Hilfe als Sirene bei seiner Jagd nach dem Seelendieb braucht. Dieser entführt junge Fae-Frauen, um sie in eine Art komatösen Zustand zu versetzen und schwanger mit seinen Kindern in ihre Königreiche zurückzuschicken.

Während sie versuchen, herauszufinden, wer der Seelendieb ist, kommen bei Callie alte Gefühle wieder hoch. Doch nun zeigt sich, dass auch der Bargainer vor acht Jahren in sie verliebt war und es bis heute ist. Aber noch während sie versuchen, ihre neue Beziehung zu definieren, wird Callie vom Seelendieb entführt. Dieser entpuppt sich als Karnon, der Herrscher über das Königreich der Fauna. Weil Callie keine Fae ist, kann er bei ihr nicht so verfahren, wie bei all seinen anderen Opfern. Stattdessen befreit er ihre Sirene. Ihr wachsen Flügel, Schuppen und Krallen. Doch bevor der Seelendieb sich das zunutze machen kann, erscheint Desmond, tötet den Faunakönig und befreit Callie.

Mächtiger Nyx lebte,

Mächtiger Nyx suchte.

In jedem dunklen Winkel

Sein Glück versuchte.

In tiefster Nacht

Erhob sich sein Reich.

Hüte dich, großer König,

Vor dem, was nicht weicht.

Lass die Eroberung und Krönung

Durch alle Länder schallen,

Doch auch die Stärksten

Könige mögen fallen.

Geboren in den Schatten,

Gewachsen in der Nacht,

Wird dein Kind kommen

Mit steigender Macht.

Und du, erschlagen,

Sollst abwarten und erleben,

Zu was eine Seele

Sich sonst noch kann erheben.

Einen Mann zu beschuldigen,

Einen Mann zu verfluchen

Einen Körper, den die Erde

Noch nicht kann heimsuchen.

Hüte dich vor der Sterblichen

An die er sich lehnt.

Zermalme den Menschen,

Die deinen Tod ersehnt.

Zweimal wirst du leben,

Zweimal wirst du erkalten.

Es sei denn dein Schicksal,

Du wagst selbst zu gestalten.

Oder sterbe am Tag,

Im frühen Morgen.

Die Welt wird sich

Nicht um dich sorgen.

Stähle dein Herz,

König der Schatten,

Was wird Krieg

Uns gestatten.

Die Prophezeiung für Galleghar Nyx

Flügel.

Ich habe Flügel.

Im gedämpften Licht der königlichen Gemächer von Des schimmern die schillernden schwarzen Federn mal schwarz, mal grün, mal blau.

Flügel.

Ich stehe vor einem der vergoldeten Spiegel und bin von diesem Anblick sowohl entsetzt als auch fasziniert. Selbst gefaltet, ragen die Spitzen meiner Flügel weit über meinen Kopf hinaus. Die Enden streifen die Rückseite meiner nackten Waden.

Natürlich sind nicht nur die Flügel neu. Seit der letzten Konfrontation mit Karnon, dem verrückten Faunakönig, habe ich auch schuppige Unterarme und krallenbesetzte Finger. Und das sind nur die Veränderungen, die ich sehen kann. Es gibt nichts – außer vielleicht dem Ausdruck in meinen Augen –, das zeigt, wie sehr ich mich auch innerlich verändert habe.

Ich habe fast ein ganzes Jahrzehnt damit verbracht, gegen den Gedanken anzukämpfen, dass ich ein Opfer bin. Ich habe das auch ziemlich gut hinbekommen – wenn ich das so sagen darf –, bis ich die Anderswelt betrat. Und dann kam Karnon. Selbst jetzt noch durchfährt mich bei der Erinnerung ein Schauer.

Meine über die Jahre angelegte Rüstung wurde durch eine Woche Gefangenschaft weggerissen, und ich weiß nicht recht, wie ich damit umgehen soll.

Um ehrlich zu sein, möchte ich mich dem auch noch nicht stellen.

Aber so schlimm es für mich auch war, den Meister der Tiere hat es noch schlimmer erwischt. Nachdem Des mit ihm fertig war, war von ihm nur noch ein Blutfleck auf den Überresten seines Thronsaals übrig.

Offenbar legt man sich nicht mit der Gefährtin des Nachtkönigs an.

Gefährtin.

Das ist auch etwas, von dem ich erst kürzlich erfahren habe – Seelengefährten. Ich bin an Desmond Flynn, den Bargainer, gebunden: Einen der meistgesuchten Verbrecher auf der Erde und einen der mächtigsten Fae hier in der Anderswelt.

Aber selbst das – das Dasein als Gefährtin – ist komplizierter, als man glauben mag.

Ich habe immer noch so viele Fragen, zum Beispiel, warum ich bis vor ein paar Wochen nicht wusste, dass ich einen Seelengefährten habe. Denn andere übernatürliche Wesen finden so etwas heraus, wenn sie Teenager sind und ihre Magie erwacht.

Warum also ich nicht?

Hinzu kommt, dass die meisten Seelengefährten das Band, das sie mit ihrem Partner verbindet, spüren können, als wäre es etwas Physisches.

Ich lege eine Hand auf mein Herz. Ich fühle nichts dergleichen.

Alles, worauf ich mich verlassen kann, ist Des’ Wort, dass wir Gefährten sind. Das und die süße Sehnsucht in meinen Knochen, die nach ihm und nur nach ihm ruft.

Ich lasse die Hand von meiner Brust fallen.

Hinter meinem Spiegelbild funkeln die Sterne jenseits der Bogenfenster von Des’ Gemächern in der Anderswelt. Die aufgehängten Laternen sind aus, und die funkelnden Lichter der Wandleuchten sind schon lange erloschen.

Ich sitze im Königreich der Nacht fest.

Ich bezweifle, dass es viele übernatürliche Wesen gibt, die sich in einer solchen Situation beschweren würden – schließlich bin ich die Gefährtin eines Königs und gezwungen, in einem Palast zu leben –, aber die einfache und ernüchternde Wahrheit ist, dass ein Mädchen wie ich nicht mit riesigen Flügeln auf ihrem Rücken auf die Erde zurückkehren kann.

Das würde nicht gut ausgehen.

Also sitze ich hier fest, weit weg von meinen Freunden – okay, einer Freundin, aber um fair zu sein: Temper hat die Kraft und den Charakter von mindestens zwei Menschen – an einem Ort, an dem meine Fähigkeit, andere mit meiner Stimme zu betören, auch bekannt als Glamour, praktisch nutzlos ist. Elfen können nicht betört werden; meine Magie ist mit ihrer einfach nicht kompatibel.

Um es noch deutlicher zu sagen: Es ist eine Einbahnstraße. Sie können ihre Kräfte immer noch gegen mich einsetzen; das Armband an meinem Handgelenk ist Beweis genug dafür.

Mein Blick kehrt zu meinen Flügeln zurück – meinen seltsamen, überirdischen Flügeln.

»Weißt du, sie werden nicht verschwinden, nur weil du sie anstarrst.«

Ich zucke zusammen, als ich Des’ seidige Stimme höre.

Er lehnt in einer schattigen Ecke seines dunklen Schlafzimmers an der Wand und schenkt mir seinen berühmten, spöttischen Blick. Das weißblonde Haar umrahmt sein Gesicht, und selbst jetzt, wo ich mich in meiner Haut nicht mehr ganz so wohlfühle, und entblößt vor ihm dastehe, brennen meine Finger darauf, durch sein weiches Haar zu gleiten und ihn an mich zu ziehen.

Seine Hose sitzt tief, sein muskulöser Oberkörper und das Sleeve-Tattoo sind leicht zu erkennen. Mein Herz schlägt schneller bei seinem Anblick. Wir beide starren uns einen Moment an. Er kommt nicht näher, obwohl ich schwören könnte, dass er es möchte. Ich kann es fast in seinen silbernen Augen sehen.

»Ich wollte dich nicht wecken«, sage ich leise.

»Es hätte mir nichts ausgemacht, geweckt zu werden.« Seine Augen glänzen, er bewegte sich aber nicht auf mich zu.

»Wie lange stehst du da schon?«, frage ich.

Er verschränkt die Arme vor seinem nackten Oberkörper und versperrt mir die Sicht auf seine Brustmuskeln. »Die bessere Frage ist: Wie lange stehst du schon vor dem Spiegel?«

Es ist so typisch für Des eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten.

Ich wende mich wieder dem Spiegel zu. »Ich kann nicht schlafen.«

Das kann ich wirklich nicht. Es liegt nicht am Bett, und schon gar nicht an dem Mann, der darin liegt. Jedes Mal, wenn ich versuche, mich auf den Bauch oder auf den Rücken zu drehen, rolle ich unweigerlich über einen Flügel und wache auf.

Außerdem geht die Sonne hier nie auf. Das Reich der Nacht ist ständig in Dunkelheit gehüllt, weil es die Nacht über den Himmel zieht. Also wird die Sonne nie in diesen Raum scheinen, daher weiß ich nicht, wann ich aufwachen muss.

Des verschwindet von seinem Platz an der Wand. Einen Sekundenbruchteil später erscheint er hinter mir.

Seine Lippen streifen mein Ohr. »Es gibt bessere Arten, lange schlaflose Nächte zu verbringen«, sagt Des leise. Eine seiner Hände streicht über meinen Arm.

Meine Sirene regt sich bei seinen Worten und meine Haut leuchtet leicht.

Seine Lippen streifen an meinem Hals entlang, und selbst diese leichte Berührung lässt meinen Atem stocken.

Doch dann erblicke ich mein Spiegelbild und sehe die Flügel. Meine Haut hört sofort auf, zu leuchten.

Des bemerkt den Moment, in dem ich meine Aufmerksamkeit wieder meinem Aussehen zuwende und entfernt sich von mir, als wäre er nie da gewesen. Und das hasse ich. Ich spüre den Abstand zwischen uns. Aber ich will nicht, dass er mir Raum gibt – ich will, dass er mich näher an sich zieht, mich tiefer küsst, mich dazu bringt, diese neue Unsicherheit, die ich fühle, zu vergessen.

»Diese Flügel …«

Des stellt sich vor mich. »Was ist mit ihnen?«, fragt er und versperrt mir die Sicht auf den Spiegel.

Ich hebe mein Kinn. »Sie würden stören.«

Er hebt eine Braue. »Bei was stören?«

Als ob er nicht genau wüsste, was ich meine.

»Beim Schachspiel«, sage ich sarkastisch. »Bei … Intimität.«

Des starrt mich einige Sekunden lang an, dann verzieht sich sein Mund langsam zu einem Lächeln. Es ist ein trügerisches Lächeln, das mir viele unanständige Dinge verspricht.

Er tritt ganz nah an mich heran, nur wenige Zentimeter liegen zwischen unseren Gesichtern. »Cherub, ich versichere dir, deine Flügel werden kein Problem sein.« Sein Blick senkt sich auf meine Lippen. »Aber vielleicht würde eine Demonstration deine Gedanken beruhigen?«

Auf seine Anregung hin leuchtet meine Haut auf, meine Sirene ist sofort dabei. Welche Unsicherheiten auch immer ich habe, sie teilt sie nicht.

Ich werfe einen Blick über meine Schulter auf meine Flügel, und meine ganzen Sorgen kommen wieder an die Oberfläche. »Sind sie nicht unglaublich unattraktiv?«

In dem Moment, in dem die Worte meine Lippen verlassen, wünschte ich, ich könnte sie zurücknehmen.

Das Einzige, was ich noch mehr hasse, als mich als Opfer zu fühlen, ist, meine Unsicherheiten offenzulegen. Normalerweise würde ich mich hinter meiner emotionalen Rüstung verstecken – manchmal so sehr, dass ich sie beinahe vergesse –, aber nach meiner Begegnung mit Karnon liegt diese Rüstung irgendwo verstreut um meine Füße herum, und ich hatte noch nicht die Zeit oder die Energie, sie erneut anzulegen. Ich fühle mich furchtbar entblößt und schmerzhaft verletzlich.

Des zieht eine Braue hoch. Hinter seinem Rücken sehe ich seine eigenen Flügel, die ich bis jetzt noch nicht bemerkt habe. Sie spreizen sich, die lederne, silberne Haut strafft sich, während sie sich zu beiden Seiten von ihm ausbreiten und den größten Teil des Raumes verdecken.

»Ist dir klar, dass fast alle Fae Flügel haben?«

Ich weiß, dass sie welche haben. Aber ich hatte nie welche.

Ich halte ihm meinen Unterarm entgegen. Im schummrigen Licht sind die goldenen Schuppen vom Handgelenk bis zum Ellbogen zu sehen und schimmern wie Juwelen. An den Fingerspitzen glänzen meine Nägel schwarz. Im Moment sind sie nicht übermäßig lang – ich feile sie sorgfältig zurück –, doch sobald meine Sirene wütend wird, wachsen sie zu gebogenen Krallen.

»Und was ist hiermit?«, frage ich. »Haben die meisten Fae so etwas?«

Er ergreift meine Hand. »Es spielt keine Rolle. Du gehörst mir.« Des küsst meine Handfläche, und irgendwie schafft er es, meine Unsicherheiten klein und unbedeutend erscheinen zu lassen.

Er lässt meine Hand nicht los, und ich starre auf die Schuppen.

»Werden sie jemals verschwinden?«, frage ich.

Sein Griff wird fester. »Willst du, dass sie verschwinden?«

Ich sollte diesen Tonfall inzwischen kennen. Ich sollte die warnenden Nuancen in ihm hören, den gefährlichen Klang. Aber das tue ich nicht, ich bin zu sehr mit meinem eigenen Selbstmitleid beschäftigt.

Ich schaue ihm in die Augen. »Ja.«

Ich weiß, dass ich eine schlechte Verliererin bin. Statt aus Zitronen Limonade zu machen, schneide ich die Zitronen auf und drücke sie mir in die Augen.

Mein Herz schlägt schneller, als er mit dem Finger eine der vielen Perlen berührt, die immer noch um mein Handgelenk liegen, jede einzelne eine Schuld für einen Gefallen, den ich vor langer Zeit verlangt habe.

Seine Augen begegnen meinen. »Wahrheit oder Pflicht?«

Des’ Blick funkelt, während er mit der Perle an meinem Handgelenk spielt und auf meine Antwort wartet.

Wahrheit oder Pflicht?

Das ist das kleine Spiel, das er sich für meine Rückzahlungen ausgedacht hat. Für mich fühlt es sich weniger wie ein Spiel an, das zehnjährige Mädchen auf Pyjamapartys spielen, sondern viel mehr wie russisches Roulette mit einer voll geladenen Waffe.

Ich starre den Bargainer an, seine silbernen Augen sind fremd und vertraut zugleich.

Ich antworte nicht schnell genug.

Er drückt leicht mein Handgelenk. »Pflicht«, sagt er zu mir.

Der Teil von mir, der Sex und Gewalt liebt, bebt vor Erregung und will alles, was Des mir anbietet. Der andere Teil von mir hat Angst. Das ist derselbe Mann, den man hierzulande als den König des Chaos’ kennt. Nur weil wir Gefährten sind, heißt das nicht, dass er mich verschont. Er ist immer noch derselbe hinterlistige Mann, den ich vor acht Jahren getroffen habe.

Des lächelt, der Anblick ist fast unheimlich. Einen Moment später fällt ein Haufen Leder neben mir auf den Boden. Ich starre stumm darauf hinunter, ohne zu verstehen, was er von mir will.

Ich glaube, ich bin gerade richtig am Arsch.

Nein, ich bin sogar sicher, dass ich gerade richtig am Arsch bin.

»Zieh dich an«, sagt Des und lässt mein Handgelenk los. »Wir fangen mit deinem Training an.«

Wie schwer es sein kann, einen Kriegerkönig ohne den Einsatz von Glamour zu bekämpfen?

Verdammt schwer.

Der Bastard sagte mir, wir würden trainieren. Und wenn das vage klingt, liegt es daran, dass er es so gemeint hat.

Ich weiß nicht, was ich tue, warum ich es tue oder wie lange ich es tun werde. Ich weiß nur, dass Des mir vor ein paar Stunden eine Lederrüstung und ein Schwert gegeben hat. Seitdem zielt er systematisch auf meine Trainingsrüstung und schlägt mir immer wieder das Schwert aus der Hand.

Über uns glitzern kleine Lichtkugeln – schwebende Lichter – in den Bäumen, die sich über den königlichen Hof wölben, der gleichzeitig unser Übungsplatz ist. Sie schweben über dem plätschernden Brunnen und verteilen sich auf den Hecken, die uns umgeben. Jenseits von ihnen leuchten die Sterne wie Diamanten, heller und dichter als alle Konstellationen, die ich auf der Erde gesehen habe.

»Halt den Ellbogen höher«, sagt Des zum millionsten Mal und zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Das ist nur eine von seinen vielen Anweisungen …

»Der Schlag muss von der Schulter ausgehen. Der Arm folgt ihm nur.«

»Halte deinen Mittelpunkt konstant. Nur ein Todesstoß darf dich aus dem Gleichgewicht bringen.«

»Sei leichtfüßiger, Callie. Was dir an roher Kraft fehlt, musst du an Geschwindigkeit wettmachen.«

»Deine Flügel sind ein Vorteil, keine Belastung. Nutze sie.«

Des kommt wieder auf mich zu, und wenn mich seine Erfahrung nicht schon einschüchtern würde, würde es das räuberische Funkeln in seinen Augen tun. Das sollte er nur zur Schau stellen, wenn er mich im Bett haben will. Ansonsten ist es einfach nur furchterregend.

Ich wehre nur schwach einen seiner Schläge ab und weiche zurück. Der Bargainer folgt mir mit einem leichten Grinsen auf den Lippen – als würde er es genießen.

Ugh, das Training ist zum Kotzen.

Wirklich.

»Warum … warum machen wir das?«, schnaufe ich.

»Du weißt, warum.« Er lässt sein Handgelenk kreisen und schwingt sein Schwert herum.

Währenddessen hechle ich wie ein Hund. »Das ist … keine Antwort.«

»Deine einzige Waffe – dein Glamour – funktioniert hier in der Anderswelt nicht«, sagt er und kommt weiter auf mich zu. »Und ich lasse nicht zu, dass meine Gefährtin wehrlos ist.«

Endlich eine Antwort, und verdammt noch mal, es ist eine gute Antwort. Ich möchte nicht wehrlos sein. Wenn das Training nur nicht so anstrengend wäre, für meinen Körper und für mein Ego.

»Wie lange … werden wir … trainieren?«, frage ich keuchend, während ich zurückweiche. Es kommt mir vor, als würden wir bereits seit Tagen trainieren.

»Du hast mir gesagt, dass du der Albtraum von jemandem sein willst«, sagt Des. »Wir hören erst auf, wenn du glaubst, dass du es bist.«

Bring mir noch mal bei, wie man der Albtraum von jemandem ist. Ich erinnere mich an die Worte, die ich vor ein paar Tagen gesagt habe. Ich hätte nicht gedacht, dass sie zu so etwas führen würden.

Und dann kommt auch der Rest seiner Aussage bei mir an.

»Warte.« Ich halte inne. »Willst du mir sagen, dass meine Pflichtaufgabe nicht endet, wenn wir heute aufhören?«

Des stürzt sich auf mich. Seine Klinge trifft mit der Wucht eines Ambosses auf meine. Zum hundertsten Mal fliegt mein Schwert zu Boden.

Und wieder einmal hat er mich besiegt.

Einen Moment später zeigt die Klingenspitze des Bargainers auf meine Kehle. Wir starren einander über das Schwert hinweg an.

»Nein, Cherub«, sagt er, »wir fangen heute erst an.«

Verflucht.

»Ich hasse das Training.« Während ich spreche, streift die Haut an meinem Hals Des’ Schwert. Ich weiß nicht, ob er Magie benutzt hat, um die Klinge abzustumpfen, denn er verletzt meine Haut nicht.

»Wenn es Spaß machen würde, würden es mehr Leute tun«, antwortet er.

Ich ziehe die Brauen hoch. »Enthaltsamkeit ist auch nicht gerade ein Vergnügen, vielleicht solltest du es aber mal ausprobieren«, sage ich verärgert.

Seine Miene hellt sich vor Aufregung auf. Nur dieser verrückte Elf würde eine solche Drohung aufregend finden. »Ist sie das …?«

Jemand hinter mir räuspert sich. »Ist es jetzt ein schlechter Zeitpunkt, um mich vorzustellen?«

Ich zucke bei der neuen Stimme zusammen, und nur Des’ schnelle Reaktion sorgt dafür, dass ich mir den Hals an seiner Waffe nicht aufschneide. Er lässt sein Schwert fallen und reißt widerstrebend den Blick von mir.

Ich drehe mich um und sehe die Umrisse eines Mannes, der nur wenige Meter von uns entfernt ist und dessen Körper größtenteils im Schatten steht.

Neben mir lässt der Bargainer sein Schwert in die Scheide gleiten. »Dein Timing ist wie immer perfekt, Malaki.«

Der Elf tritt aus dem Schatten.

Das Erste, das mir auffällt, ist der unglaubliche Körperbau dieses Mannes. Er ist beinahe so groß wie Des, und auch er scheint fast nur aus Muskeln zu bestehen.

Mal im Ernst, was essen sie? Ich dachte, Elfen sollten schlank sein.

Als nächstes fällt mir die Augenklappe auf, die sein linkes Auge bedeckt. Das ist etwas, das man auf der Erde nicht sehr oft zu sehen bekommt. Unter der Augenklappe zeichnet sich eine dünne, tiefe Narbe ab, die über seine Braue verläuft und in seine Wange schneidet. Seine Haut ist olivfarben und betont sein dunkelbraunes Haar.

»Ich dachte, ich störe bei etwas – zumindest, bis Mylady Enthaltsamkeit erwähnte.« Der Mann, Malaki, lacht, als er sich nähert, womit er Des’ Mundwinkel zum Zucken bringt. »Wurde der mächtige König also endlich in die Knie gezwungen.«

Malakis Blick wandert von Des zu mir. Mir entgeht nicht, wie seine Bewegungen ins Stocken geraten, als seine Augen über mich gleiten.

»Kein Wunder, dass du sie versteckt hast«, sagt er und bleibt vor uns stehen.

Ich schaue zwischen den beiden Männern hin und her und bin mir nicht sicher, ob ich beleidigt sein sollte. Plötzlich bin ich mir meiner Flügel wieder schmerzhaft bewusst. Und auch mein verschwitztes Trainingsleder steigert mein Selbstvertrauen nicht unbedingt.

»Er hat mich nicht versteckt«, sage ich.

Selbstbewusst oder nicht, ich bin nicht so weit gekommen, nur damit jemand dafür sorgt, dass ich mich schlecht fühle.

Doch an der Art und Weise, wie Malaki mich weiterhin anstarrt – nicht wie einen Freak, sondern wie ein faszinierendes Ölgemälde – wird mir klar, dass ich mich vielleicht von meiner Unsicherheit habe leiten lassen. Vielleicht würde ein Mann mit einer Augenklappe nicht sofort auf die Idee kommen, das Aussehen eines anderen herabzusetzen? Vielleicht waren seine Worte als Kompliment gemeint? Das wäre mal was Neues.

»Callie«, sagt der Bargainer, »das ist Malaki, Herr der Träume und mein ältester Freund.«

Freund? Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf Des, der mich vorsichtig anschaut. Wieso hatte ich nie darüber nachgedacht, dass Des Freunde haben könnte? Jeder hat Freunde. Von seinen hat er mir nur nie erzählt.

Nicht zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass der Mann neben mir ein Trugbild ist. Ich war mir so sicher, dass ich ihn die ganze Zeit deutlich gesehen habe, doch je näher wir einander kommen, desto klarer wird mir, dass das nicht der Fall war.

»Malaki«, fährt Des fort, sein Blick verweilt noch eine Sekunde länger auf mir, als könne er genau hören, was ich denke, »das ist Callypso, meine Gefährtin.«

Ich habe den Eindruck, dass Malaki mich in eine Umarmung ziehen will. Stattdessen nimmt er meine Hand. »Ich habe Jahrhunderte darauf gewartet, dich kennenzulernen«, sagt er und verbeugt sich so tief, dass er seine Stirn an meinen Handrücken drücken könnte.

Seine Worte durchbrechen meine rasenden Gedanken.

Ich werfe ihm einen fragenden Blick zu, als er sich wieder aufrichtet. »Jahrhunderte?«

Er wirft einen Blick auf den Bargainer. »Du hast es ihr nicht gesagt?«

»Malaki«, schaltet sich Des ein, »was ist so dringend, dass du uns unterbrechen musstest?«

»Was hat er mir nicht gesagt?«, frage ich Malaki.

Malaki blinzelt Des mit einem wölfischen Grinsen an. »Oh, das wird lustig, da bin ich mir sicher.« Der Elf beginnt sich zu entfernen. »Desmond, es warten dringende Angelegenheiten im Thronsaal auf dich.«

Der König der Nacht nickt und richtet seine Aufmerksamkeit auf mich.

»Ich bin in fünf Minuten dort«, sagt er und schaut mir in die Augen. »Besorge Callypso einen Stuhl. Sie wird ebenfalls dort sein.«

Mit Des? In seinem Thronsaal? Vor anderen Elfen?

O verdammt, nein.

Ich hebe meine Hände zum Protest. »Wow, wow, wow –« Zum zweiten Mal am heutigen Tag legt sich Magie über mich, und ich weiß, ohne hinsehen zu müssen, dass der Bargainer eine weitere Perle eingefordert hat.

»Die Zeit des Versteckens ist vorbei.«

Ich lasse nervös meine Fingerknöchel knacken, als Des mich durch die Gängeseines Palastes führt. Seine Hand ruht auf meinem Rücken. Die Decken sind gewölbt und mit bemalten Kacheln versehen, aus den Wandlampen an den Wänden funkeln Sterne aus Licht.

Der schlichte bronzene Kranz, den Des als Krone trägt, ziert jetzt seinen Kopf, und an seinem Oberarm sind die drei Kriegsfesseln zu sehen, die von seiner Tapferkeit im Kampf zeugen. Wie ich trägt er eine Trainingsrüstung aus Leder. Ich versuche, ihn nicht zu sehr anzustarren, denn er sieht gut darin aus.

Stattdessen werfe ich einen Blick über meine Schulter auf Des’ Flügel. Er hat sie den ganzen Tag offen gezeigt. Seit er mich aus Karnons Thronsaal geholt hat, sind sie sogar fast ständig präsent. Vor über einer Woche hat Temper mir erzählt, dass männliche Elfen ihre Flügel gerne in der Nähe ihrer Gefährtinnen zur Schau stellen.

Er sieht, wie ich sie anstarre und seine Augen leuchten.

Allein dieser Blick löst alle möglichen, unangemessenen Reaktionen in mir aus, und ich muss mich daran erinnern, dass dieser Typ mein feiges Herz gezwungen hat, sich heute nicht nur einer, sondern gleich zwei unangenehmen Herausforderungen zu stellen: dem Training und jetzt dem hier.

Vor uns stehen Malaki und eine Gruppe von königlichen Beratern und schwarz gekleideten Wachen vor einer unscheinbaren Tür und warten offensichtlich auf uns.

»Was ist los?«, fragt Des, als wir bei ihnen ankommen.

»Der letzte Anführer der Fauna hat einen Boten geschickt«, sagt einer der Berater. »Er weigert sich, seine Botschaft jemandem außer Euch mitzuteilen.«

Allein die Erwähnung der Fauna-Fae lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich weiß, dass es unfair ist, eine ganze Gemeinschaft von Fae aufgrund der Taten ihres verdrehten Königs zu verurteilen, aber die Wahrheit ist, dass ich nicht nur unter Karnon gelitten habe. Jede Fauna-Fae, die mich zu ihrem König geschleppt hat, jeder, der an meiner Zelle vorbeiging und nicht anhielt, um mir zu helfen, jeder, der dem Verrückten geholfen hat – sie alle tragen die Schuld.

»Nun gut«, sagt der Bargainer neben mir, seine Stimme ist so seidig wie immer, »lasst uns den Boten treffen.«

Ich will mich zurückziehen, weil ich im Moment wirklich nicht bereit bin, einem Fauna-Fae gegenüberzutreten, doch Des’ feste Hand auf meinem Rücken lässt mich nicht weit kommen.

Eine der Elfen schlüpft durch die Tür und kündigt Des an, und dann wird zu meinem großen Entsetzen auch mein Name genannt.

Ich bin mir nicht sicher, ob Des das beabsichtigt hatte, aber seine Flügel spreizen sich ab und legen sich für einige Sekunden um mich, bevor er sie wieder zusammenfaltet.

Ich fühle mich mehr als nur ein wenig unwohl, als wir beide den Thronsaal betreten.

Der Raum selbst würde mich wahrscheinlich beeindrucken, wenn mich meine Gefühle nicht ablenken würden. Die Decke, die sich über uns wölbt, ist verzaubert und sieht aus wie der Nachthimmel. Der Raum wird von zwei großen Kronleuchtern aus Bronze und mehreren Wandleuchten erhellt, von denen jede einzelne leuchtet. Die hellen Steinwände sind kunstvoll gemeißelt, und winzige bunte Kacheln bedecken sie, sodass der Raum wie ein einziges großes Mosaik aussieht.

Des’ Thronsaal ist derzeit mit Dutzenden von Elfen gefüllt. Sie stehen nahe der Wände und auf einem Balkon im oberen Stockwerk und schauen hinunter. Als sie uns sehen, fangen sie an zu klatschen. Der Lärm macht mich noch nervöser. Meine Flügel ziehen sich unruhig an meinen Körper. Ich atme tief durch, um mich zu beruhigen. Des’ Thron besteht aus gehämmerter Bronze und ist mit Kissen aus tiefblauem Samt überzogen. Daneben hat jemand einen kleineren Sitz aus demselben Material für mich bereitgestellt.

Mein Sitz, stelle ich erschrocken fest.

Mechanisch setzte ich mich, meine Flügel über die Lehne drapiert. Dieser Raum hat keine Ähnlichkeit mit dem Thronsaal des Faunakönigs, und doch weckt der Anblick seiner Ausmaße ungewollte Erinnerungen in mir. Ganz zu schweigen davon, dass viele Leute in diesem Raum sind.

Erst als Des und ich uns niederlassen, verstummt der Applaus. In der darauffolgenden Stille tritt eine der anwesenden Elfen vor den Thron und verbeugt sich tief.

Die Elfe wiederholt, was wir bereits gehört haben: »Mein König, ein Bote der Fauna ist hier, um Euch zu sehen.«

»Bringt ihn herein«, sagt Des mit dröhnender Stimme.

Ich blicke zu meinem Gefährten. In der Highschool habe ich mich immer gefragt, wie sein Leben verlief, wenn er nicht in meiner Nähe war. Doch das hier habe ich nicht erwartet. Selbst nachdem er mir gesagt hat, dass er ein König ist, konnte ich mir den gerissenen Bargainer nicht als wohlwollenden Herrscher vorstellen. Doch im Moment trägt er die Rolle wie eine zweite Haut.

Eine seltsame Mischung aus Ehrfurcht und Angst durchströmt mich. Ehrfurcht, weil ich zum ersten Mal seit acht langen Jahren in Des’ Welt sein darf. In der Vergangenheit hatte ich ihn angefleht, mir all die Dinge von ihm zu zeigen, die er jetzt zur Schau stellt.

Und dann ist da noch die Angst, die diese Ehrfurcht begleitet. Das Einzige, das ich wirklich über meinen Gefährten weiß, ist, dass er ein Mann voller Geheimnisse ist. Und zum ersten Mal verspüre ich ein gewisses Maß an Angst, wenn es um das Lüften dieser Geheimnisse geht.

Am anderen Ende des Raumes öffnen sich die gewölbten Doppeltüren und lenken meine Aufmerksamkeit von Des weg. Ein Mann mit einem Löwenschwanz und einer Löwenmähne wird in den Raum geführt.

Allein der Anblick des Fauna-Fae lässt mich meine Nägel in die Armlehnen drücken. Einer meiner Kerkermeister hatte ähnlich ausgesehen. Er lässt meine Erinnerungen an dieses höhlenartige Gefängnis wieder hochkommen.

Eine warme Hand umschließt meine. Als ich den Bargainer ansehe, starrt er auf unseren Gast, der Ausdruck auf seinem Gesicht ist kompromisslos, selbst als er meine Hand drückt. Er soll mich niemals mit diesem Blick ansehen.

Ich entspanne mich nur ein bisschen. Was auch immer als nächstes passiert, Des wird nicht zulassen, dass dieser Fauna-Fae mich anfasst. Ich spüre die starke Hingabe des Bargainers, auch wenn wir nicht direkt nebeneinander sitzen.

Der Fauna-Elf schreitet den Gang hinunter und trägt eine große Ledertasche. Er scheint von Des nicht eingeschüchtert zu sein. Im Gegenteil, der Fauna-Fae schreitet mit aufgestauter Aggression voran, die seinen Schwanz aufgeregt hin und her schwingen lässt.

»Das Faunareich hat eine Botschaft für den König der Nacht«, verkündet er. Sogar seine Stimme klingt provokant.

Ich hätte gedacht, dass mich das einschüchtern würde. Alles andere an diesem Moment hat mir Angst gemacht. Aber zu sehen, wie dieser Fauna-Fae auf Des zugeht – auf mich zugeht – vollerZorn stattReue …

Meine Nägel beginnen sich wieder zu Krallen zu krümmen.

Ich spüre, wie mein Blutdurst steigt, die Sirene flüstert mir alle möglichen düsteren Gedanken zu:

Erinnere dich an das, was seine Art uns angetan hat. Diesen Frauen angetan hat.

Er verdient es, zu sterben.

Ein schneller Schnitt über seine Kehle reicht schon aus …

Ich vergrabe diese Gedanken sehr tief in meinem Unterbewusstsein.

Der Fauna-Fae erreicht das Ende des Ganges und bleibt einige Meter vor dem Podium, auf dem Des und ich sitzen, stehen. Mit einer geschmeidigen Bewegung wirft er seine Tasche vor sich auf den Boden. Sie landet mit einem dumpfen, nassen Aufprall, und vier blutige abgetrennte Köpfe rollen heraus.

Ich kann kaum sitzen bleiben. »Verdammte Scheiße!« Meine Flügel weiten sich ruckartig und reißen versehentlich einen Soldaten in meiner Nähe von den Füßen.

Ernsthaft, was zum Teufel läuft falsch in dieser Welt?

Um mich herum keuchen Des’ Untertanen, ihre Augen sind auf den Anblick der enthaupteten Köpfe gerichtet.

Und die Toten … die Toten sehen aus, als würden sie immer noch schreien. Ihre Augen sind weit aufgerissen, ihre Münder klaffen auseinander.

Das Keuchen verwandelt sich in Rufe nach Rache, und die Soldaten greifen zu ihren Waffen. Ich bin mir bewusst, dass die Elfen in diesem Raum nur noch eine Minute davon entfernt sind, diesen Fauna-Typen auszuschalten.

Der Einzige, der nicht reagiert, ist Des. Das sollte mich zutiefst beunruhigen. Er sieht fast gelangweilt aus, während er auf die abgetrennten Köpfe hinunterstarrt.

Des hebt die Hand und der Raum wird still. Er lehnt sich auf seinem Thron zurück. Sein Blick wandert zu dem Fauna-Fae, der ihn herausfordernd ansieht.

»Wer sind die Toten?«, fragt Des. Seine Stimme hallt durch den Raum.

»Die letzten Diplomaten des Königreichs der Nacht, die sich auf unserem Gebiet aufgehalten haben«, antwortet der löwenschwänzige Bote. »Unser Volk verlangt Gerechtigkeit für die Ermordung unseres Königs, die Zerstörung unseres Palastes und den Tod aller Fauna-Fae, die im Palast gefangen waren, als Ihr ihn zerstört habt.«

Der Bargainer lächelt.

Verdammte Scheiße, wenn ich dieser Bote gewesen wäre, hätte ich mir gerade in die Hose gemacht.

»Verweigert Ihr uns unsere Gerechtigkeit, werden die verbliebenen Fauna-Fae nicht ruhen, bis keine Nacht-Fae mehr in unserem Reich zu finden ist«, sagt der Bote.

Die Menge zischt ihren Unmut. Etwas schleicht durch den Raum, etwas Dunkleres und Heimtückischeres als die Nacht.

»Welche Art von Gerechtigkeit verlangt ihr?« Des lehnt sich vor und stützt sein Kinn auf die Faust.

»Wir fordern, dass das Königreich der Nacht für den Bau eines neuen Palastes aufkommt und dass der amtierende König der Nacht abdankt.«

Also gut, der Kerl hat echt Eier, hier reinzukommen, dem König der Nacht ins Gesicht zu schauen und ihn aufzufordern, von seiner Position zurückzutreten.

Dieser Mann weiß doch sicher, dass seine Forderungen nicht ernst genommen werden?

Des steht auf. Es ist so still im Raum, dass man selbst eine Stecknadel fallen hören könnte. Er steigt die Treppe hinunter, seine schweren Stiefel hallen durch den Saal.

Hatte ich ihn eben noch für einen König gehalten?

Ich hatte mich gewaltig getäuscht.

Mit seinen weißen, aus dem Gesicht gestrichenen Haaren, seinem schwarzen Kampfanzug, der sich an seine definierten Muskeln schmiegt, und seinen mit Krallen besetzten Flügeln, sieht er aus wie ein dunkler Höllenfürst.

Seine bedrohlichen Schritte verhallen erst, als er zwischen den Köpfen steht. Er stößt einen mit seiner Schuhspitze an.

Während der Raum mit angehaltenem Atem wartet, hören wir sekundenlang nur das glitschige Geräusch von totem Fleisch, als er einen der abgetrennten Köpfe unter seinem Stiefel hin- und herrollt.

»Dein Angebot ist verlockend«, sagt Des schließlich und starrt immer noch auf die Überreste seiner Diplomaten.

Der Bote sieht entschlossen aus. Sein Schwanz hat jetzt aufgehört, hin und her zu zucken. Ich kann mir nicht vorstellen, was in seinem Kopf vorgeht.

»Aber ich muss ablehnen.«

Des Stimme ist wie ein Schluck Johnnie Walker nach einem langen Tag. So sanft, dass man das Brennen kaum spürt.

Der Fauna-Fae öffnet den Mund. »Dann erwartet –«

»Nein.« Macht strömt von Des aus. Sie zwingt den Boten augenblicklich in die Knie.

»Du kommst hierher und wirfst mir die abgetrennten Köpfe meiner Diplomaten vor die Füße«, sagt Des. Sein Haar bewegt sich durch die Wucht seiner Worte. »Dann forderst du Gerechtigkeit für einen verrückten König, der Soldaten entführt, gefoltert und eingesperrt hat – für einen Mann, der meine Gefährtin entführt, gefoltert und eingesperrt hat.«

Plötzlich sind alle Augen auf mich gerichtet. Meine Haut beginnt bei dieser Aufmerksamkeit zu brennen.

»Und dann«, Des starrt weiter auf den Fae hinunter, »drohst du damit, mein Volk zu töten, wenn ich deine Forderungen nicht erfülle.«

Der Bote versucht zu sprechen, doch Des’ Magie hält seine Lippen versiegelt.

Der Bargainer beginnt, den Fauna-Fae zu umkreisen. »Kennst dumeine Untertanen überhaupt? Ich herrsche über Monster aus deinen wildesten Fantasien. Kreaturen, die aus den tiefsten Ängsten der Elfen entstanden sind. Und ich habe ihren Respekt.« Des hält hinter dem Rücken des Mannes inne und beugt sich hinunter, um ihm ins Ohr zu flüstern: »Weißt du, wie ich mir ihren Respekt verschafft habe?«

Der Bote wirft einen Blick über seine Schulter auf den Bargainer, seine Lippen sind noch immer stumm.

Mein Herz beginnt immer schneller zu schlagen. Etwas Schlimmes wird passieren.

»Ich lasse sie meine Feinde verschlingen.«

Der Bote sieht verunsichert aus, doch er gerät nicht in Panik. Des richtet sich auf. »Bringt den Bog herein.«

Sein Befehl wird mit einem ängstlichen Geflüster quittiert. Die Elfen im Publikum bewegen sich nervös.

Eine Minute später öffnet sich eine Seitentür zum Thronsaal.

Zunächst geschieht nichts. Dann schleicht ein Schatten von der Tür über die Wand. Die Elfen, die ihm am nächsten sind, schreien auf und laufen auseinander. Der Schatten scheint sich auszudehnen, wird größer und größer, seine Gestalt ist massig und gehörnt. Der Himmel möge mir beistehen, allein von der Form her sieht er aus wie Karnons mutierter Cousin.

Ich warte darauf, das Monster zu sehen, das es begleitet, als mir klar wird, dass es das Monster ist. Es ist ein Schatten, nichts weiter. Doch je länger ich ihn anstarre, desto schrecklicher erscheint er mir. Er hat vielleicht keine physische Form, aber auf einer tiefen, ursprünglichen Ebene macht er mir Angst.

Er rutscht die Wand hinunter und verliert seine Form, als er auf dem Boden aufkommt. Die Elfen in seiner Nähe trampeln praktisch aufeinander herum, um ihm zu entkommen. Doch er beachtet sie nicht. Stattdessen kommt er auf den Boten zu.

Der Fauna-Fae wehrt sich und versucht sich aufzurichten, als der Bog näher kommt, doch was auch immer für einen magischen Einfluss Desmond auf ihn hat, er hält ihn fest.

Jetzt zeigt der Bote die ersten Anzeichen von Panik. Ich vermute, dass dieser Bog, was auch immer er ist, seinem Ruf vorauseilt.

Des entfernt sich von dem Fae.

»Wartet, wartet –«, sagt der Bote, als die Kreatur sich ihm nähert. »Geht nicht.«

Das lässt Des’ Lippen zucken, doch seine Augen bleiben hart.

Des ist grausam. Des ist dunkel. Ich erhasche einen flüchtigen Blick auf die Bestie hinter dem Mann.

Der Fauna-Fae versucht immer noch, sich zu bewegen, doch es ist, als würden seine Beine am Boden kleben. »Ich möchte einen Deal machen«, sagt er, den Blick auf das schattenhafte Wesen gerichtet, das auf ihn zukommt.

Ich möchte einen Deal machen.

Des’ Schultern versteifen sich bei dieser Versuchung, doch er ignoriert den Fae.

Die Kreatur ist nur noch wenige Meter entfernt. »Bitte, ich mache alles!«

Für einen Elf, der den Mut hatte, einem Fae-König im eigen Land zu drohen, knickt er schnell ein. Ich weiß nicht, was er dachte, was passieren würde. Des beugt sich nicht dem Willen anderer Menschen. Er ist die Kraft, die sie formt und zermalmt. Ich habe das immer wieder bei seinen Klienten erlebt.

Der Bargainer geht zurück zu seinem Thron, sein Gesicht ist hart. Seine Augen finden meine, etwas regt sich in ihnen, als er mich ansieht. Es scheint etwas zu sein, was er in diesem Moment am ehesten bereut. Dann ist dieser Ausdruck verschwunden und er ist wieder wie aus Stein.

Dieser Mann hat eine dunkle Seite, die ich noch erkunden muss.

Der Schatten schließt die letzte Distanz zum Fauna-Elf und bewegt sich über seine Füße. Die Knöchel des Boten beginnen zu verschwinden, dann die Waden.

Dann setzen seine Schreie ein.

Des steigt die Stufen zu seinem Thron hinauf und setzt sich neben mich, während der Bog den Elf weiter verschlingt.

Ich kralle meine Fingernägel in die Armlehnen, als ich die Schreie des Mannes höre. Ich sollte diesen Moment genießen, nach allem, was sein Volk mir angetan hat. Doch jetzt, da der Fauna-Fae weniger wie ein Bösewicht und mehr wie ein Opfer erscheint, kann ich es nicht.

Ich will hier nicht sitzen und mir das ansehen. Es ist zu unmenschlich, zu fae-haft, zu böse. Das wird mir zu viel.

Ich stehe auf und verlasse unter dem Geschrei und den Blicken der anderen den Raum.

Niemand hält mich auf.

Ich stehe auf dem Balkon von Des’ Suite, derNachthimmel funkelt über mir. Nachdem ich seinen Thronsaal verlassen hatte, bin ich eine Weile über das Gelände des Palastes gewandert, bevor ich schließlich hierher zurückkam.

Weit unter mir kann ich Elfen sehen, die durch den Palastpark kommen und gehen. Dahinter liegt die Stadt Somnia.

Ich weiß nicht, wie lange ich mich schon über das Geländer lehne und diese furchtbar fremde Welt an mir vorbeiziehen sehe. Lange genug, um so ziemlich jede Lebensentscheidung zu hinterfragen, die mich hierher gebracht hat.

»Sag mir, Cherub, mache ich dir Angst?«

Ich werfe einen Blick über meine Schulter. Des steht an der Schwelle zum Balkon, seine raubtierhaften Augen funkeln. Er starrt mich an, als wäre ich das gefährliche Raubtier.

Ich antworte nicht sofort, sondern betrachte ihn einfach. Er tritt auf den Balkon hinaus, noch immer im Trainingsleder von vorhin – genau wie ich.

Er wirkt ein wenig unheimlich, das Mondlicht beleuchtet sein Gesicht in unheimlichen Formen. Er sieht aus, als wolle er meine Seele verschlingen.

Macht er mir Angst?

»Ja«, sage ich leise.

Ungeachtet meiner Antwort kommt er näher. Und ich bin froh, dass er es tut. Meine Angst hält mich nicht davon ab, ihn zu begehren. Unsere Beziehung wurde auf Blutvergießen aufgebaut und durch Täuschung gefestigt. Ich bin die dunkle Kreatur, die sich nach Sex und Zerstörung sehnt, und er ist ihr König.

Als er nahe genug ist, legt er eine Hand in meinen Nacken und zieht meine Stirn an seine. Doch er küsst mich nicht, sondern hält mich einfach an sich gedrückt.

»Wahrheit«, sagt er. »Ändert das etwas für dich?«

Ich spüre, wie sich seine Magie sanft um meinen Hals legt. Seine Frage ist vage, was ziemlich untypisch für ihn ist, doch ich weiß trotzdem, was er wissen will.

»Nein«, sage ich heiser.

Vielleicht sollte sich etwas für mich ändern. Es fühlt sich an, als hätte ich gerade ein kleines Stück meiner Seele aufgegeben. Doch Des hat seit der Nacht, in der ich meinem Vater das Leben nahm, immer wieder Teile meiner Seele bekommen. Was mich betrifft, kann er sie haben; ich weiß, dass er gut auf sie aufpassen wird.

Des’ Haltung verändert sich nicht, doch ich könnte schwören, dass ich spüren kann, wie er sich entspannt. Er riecht nach Schweiß und süßer Nacht. Mein schrecklicher König. Mein geheimnisvoller Gefährte.

Sein Daumen streicht über meine Wange, und mehrere Sekunden lang spricht keiner von uns beiden.

Des ist grausam. Des ist dunkel. Des ist mein.

»Was war das für ein Ding?«, frage ich schließlich.

»Der Bog?«

Ich nicke.

Er strafft die Schultern und zieht sich zurück, ohne mich loszulassen. »Der Bog ist ein empfindungsfähiger Albtraum. Er frisst Elfen bei lebendigem Leib auf und unterwirft sie ihren schlimmsten Ängsten, während er sie verdaut.«

Ein Schauer durchfährt mich bei dem Gedanken. »Das ist furchtbar.«

Jetzt nickt er, sein Gesicht ist düster. »Das ist es.«

Und doch hat ihn das nicht davon abgehalten, den Bog auf einen seiner Feinde loszulassen. Selbst jetzt sieht er nicht reumütig aus.

Er ist ein Elf. Was dachtest du, worauf du dich einlässt, als du beschlossen hast, mit ihm zusammen zu sein?

Ich fahre mir mit den Fingern durch die Haare, emotional und körperlich erschöpft. Die lederne Trainingsrüstung, die ich den ganzen Tag getragen habe, klebt und scheuert an Stellen, an denen sie es eigentlich nicht tun sollte.

»Ich will nach Hause«, sage ich.

Ich habe meine Flügel und die ewige Nacht satt. Ich bin es leid, von Monstern umgeben zu sein und mich ihnen gegenüber machtlos zu fühlen. Und vor allem bin ich es leid, in einer Welt ohne Netflix zu leben.

Des’ Augen werden weich. »Ich weiß.«

»Du hast mir bisher noch nicht angeboten, mich nach Hause zu bringen.« Das kommt anklagender rüber, als ich es beabsichtigt habe.

»Du hast nicht gefragt«, antwortet er so sanft wie immer.

»Wenn ich dich bitten würde, mich nach Hause zu bringen, würdest du es tun?«

Der Kiefer des Bargainers spannt sich an, und für eine Sekunde sehe ich etwas Fremdes in seinen Augen. Etwas Raubtierhaftes und sehr Fae-typisches.

Doch es verschwindet schnell wieder.

Er nickt. »Ja.«

Wir schweigen beide, und ich weiß, dass er darauf wartet, dass ich ihn genau das frage – dass ich ihn bitte, mich nach Hause zu bringen. Wenn Wünsche nur wahr werden könnten. Doch ich kann nicht gehen, nicht so wie ich aussehe. Wenn Des mich pflichtbewusst zur Erde zurückbringen würde, wäre ich immer noch ein Mensch mit Flügeln, Schuppen und Krallen.

»Wie geht es jetzt weiter?«, frage ich hoffnungslos.

Des’ Mund verzieht sich zu einem kleinen Lächeln. »Du scheinst vergessen zu haben, dass du mir noch immer einige Gefallen schuldest –«

Stimmt.

»– und dass du zufällig meine Gefährtin bist.«

Und auch das stimmt.

Er nimmt meine Hand und führt mich zurück in seine Räume.

»Aber was unsere unmittelbare Zukunft angeht, würde ich sagen, dass wir mit einem Bad starten könnten.«

Ich lächle zum ersten Mal an diesem Abend. »Als würdest du dann besser riechen.« Ich könnte schwören, dass Männerschweiß mindestens doppelt so stark stinkt wie Frauenschweiß. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache ist.

Des lässt meine Hand los. »Ist das eine Einladung?«, fragt er und hebt eine Braue.

»Du bist der Herr der Geheimnisse – ich denke, das kannst du selbst herausfinden«, sage ich.

In seinen Augen blitzt Schalk auf.

Während er mich ansieht, als wäre ich das köstlichste Macaron, das er je gesehen hat, greife ich nach meinem Rücken und fasse nutzlos an die Lederrüstung. Ich versuche eine gefühlte Ewigkeit, die Bänder zu lösen, die auf meinem Rücken ein Kreuz bilden und das Oberteil an Ort und Stelle halten, doch ich komme nicht an sie heran.

Des’ warme Hände lösen meine von den Bändern, bevor er mich umdreht und sie aufschnürt. Jede Berührung seiner Finger fühlt sich wie ein Kuss an. Mir schlägt das Herz bis zum Hals, und der heitere Moment von eben wird durch etwas ersetzt, das wie Glut schwelt.

Mein Oberteil lockert sich und fällt vor mir zu Boden. Luft streichelt meinen entblößten Oberkörper.

Des dreht mich wieder herum und legt seine Hand auf mein pochendes Herz, als wolle er meinen Herzschlag selbst fühlen.

Sein Blick wandert zu meinem. »Cherub, wir haben eine Menge nachzuholen.«

Ich spüre seine Worte bis in meinen Bauch. Liebe, Romantik – das Ganze fühlt sich an wie ein Kaninchenbau. Und ich bin Alice, die kurz davor ist, darin zu verschwinden.

Seine Hand gleitet zu meinem Handgelenk. Ich verkrampfe mich, als seine Finger über mein Armband fahren. Was wird er von mir verlangen? Mehr Training? Kinky Sex? Ich werde nicht lügen: Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mit Letzterem einverstanden wäre.

Wirklich einverstanden.

»Erzähl mir etwas über deine Vergangenheit. Etwas, das ich noch nicht weiß.«

Natürlich überrascht mich Des mit einer simplen Frage, während ich mich bereits auf Plicht eingestellt habe.

Eine Sekunde später merke ich, dass die Magie des Bargainers mich nicht wie sonst zu einer Antwort zwingt. Er hat keine Perle genommen. Er will nur mehr über mich wissen … während ich oben ohne in seinen Gemächern stehe.

»Ähm, was willst du wissen?«

Ich hebe meine Hände und verstecke meine Brüste vor ihm. Eines Tages möchte ich mich schamlos oben ohne mit Des unterhalten … aber dieser Tag ist nicht heute.

»Wie haben du und Temper euch kennengelernt?«, fragt er.

Das will er wissen? In diesem Moment?

Er liest mich wie ein offenes Buch. »Glaubst du, ich sorge mich darum, eine Gelegenheit zu verpassen, mit dir zu schlafen?«

Diese Worte wirken sich direkt auf meine Pussy aus.

Sein Blick wandert zu der Stelle, an der ich meine Brüste bedecke, und er senkt seine Stimme. »Tue ich nicht.«

Ich verenge die Augen angesichts seiner Arroganz.

Er tritt vor, kommt nah an mich heran, und ich kann nichts dagegen tun. Des ist immer noch überwältigend, immer noch eine Kraft, mit der nicht zu spaßen ist. »Ich wusste, wer du in der Nacht warst, als ich dich verließ, Callie, und ich lerne dich gerade erst kennen, wer du jetzt bist. Doch ich will alles wissen, was in den sieben Jahren passiert ist, nachdem ich dich verloren habe.«

Mir stockt der Atem, als ich zu ihm hinaufstarre. Wir sind ein Paar, alte Freunde und Fremde zugleich.

Er hat völlig recht, es gibt so vieles, das wir nachholen müssen. Dinge, die keine noch so häufige körperliche Intimität wettmachen kann. Und diese Dinge sind es, die er von mir haben will.

»Ich habe Temper im letzten Jahr an der Peel Academy kennengelernt«, sage ich und denke an das letzte Jahr auf dem übernatürlichen Internat zurück. Das war eine harte Zeit. Nur wenige Monate zuvor hatte ich Des verloren, und ich hatte weder Freunde noch Familie. Das Einzige, das ich im Übermaß hatte, war Herzschmerz.

»Es war der erste Tag nach den Ferien und ich hatte noch keinen Sitzplatz in der Klasse für meinen Magie-Moralunterricht. Also hat sie sich auf den Platz neben mir fallen lassen. Und dann fing sie an zu reden.« Sie hatte mit mir geredet, als wären wir längst Freundinnen und ich hätte das Memo nur noch nicht erhalten. »Es war das erste Mal, seit du weg warst, dass eine andere Person sich mit mir anfreunden wollte.«

Es ist nicht schlimm, Des gegenüber zuzugeben, dass ich früher eine soziale Außenseiterin war. Das weiß er bereits.

Was meine Freundschaft mit Temper betrifft, so fand ich erst später heraus, wie schwer es für sie war, neben mir zu sitzen und sich mir zu öffnen. Sie wusste, dass ich keine Freunde hatte, etwas, das wir beide gemeinsam hatten.

Ich brauchte Wochen, um zu lernen, dass die Leute Temper noch mehr mieden als mich. Nur wegen dem, was sie ist. In Anbetracht meiner eigenen problematischen Vergangenheit hat mich Tempers Bekanntheit natürlich nur noch mehr in ihren Bann gezogen.

»Seitdem«, sage ich, »sind wir unzertrennlich.«

Wenn ich über Temper spreche, vermisse ich sie nur noch mehr. Die letzten sieben Jahre waren vielleicht mies, was mein Liebesleben betraf, aber sonst lief nicht alles schlecht. Und das war hauptsächlich Temper zu verdanken. Sie wird gerade durchdrehen und sich fragen, wo ich bin.

Ich schiebe meine Sorgen beiseite. »Wie hast du Malaki kennengelernt?«, frage ich.

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Des antworten wird. Auf solche Fragen tut er das nie. Er starrt auf mich herab, steht so nah, dass ich die Hitze seines Körpers spüre.

»Könntest du meine Bänder öffnen?«, fragt er stattdessen.

Seine fehlende Antwort enttäuscht mich. Obwohl es das nicht sollte. Des hat mir schon so viel mehr von sich gezeigt, als ich je erwartet hätte.

Ich presse meine Lippen aufeinander und nicke.

Er dreht sich um, seine düster aussehenden Flügel sind immer noch ausgebreitet. Meine Hände finden die Bänder, mit denen das Lederoberteil auf seinem Rücken befestigt ist. Eines nach dem anderen löse ich sie.

»Ich habe Malaki kennengelernt, als ich ein Teenager war«, beginnt er zögerlich.

Meine Finger erstarren für eine Sekunde.

»Damals hatte ich … mich selbst verloren«, fährt er fort. »Ich war in Barbos, der Stadt der Diebe, ohne einen Cent.«

Ich neige den Kopf und schenke ihm ein kleines Lächeln, bevor ich wieder anfange, die Bänder zu lösen.

»Das war ungefähr zu der Zeit, als ich mich den Engeln des Kleinen Todes anschloss«, sagt er.

»Die Gang.« Ich erinnere mich, dass er es erwähnte, als er mir etwas über seine Tattoos verriet.

»Die Bruderschaft«, korrigiert er mich über seine Schulter hinweg. Er atmet tief durch. »Malaki war auch ein Mitglied. Er war einige Jahre älter als ich, aber altersmäßig näher dran als andere Fae.«

Ich weiß, dass es ihm schwer fällt, mir dies zu erzählen. Sein Verstand ist wie ein Tresor. Dinge gehen hinein, kommen aber nicht wieder heraus.

»Ein Leben am Rande des Abgrunds, wie wir es führten«, fährt Des fort, »brachte uns einander näher. Wir haben bereits das Leben des anderen retten müssen.«

Ich löse das letzte Band an Des’ Rücken, und das Leder gleitet herunter. Genau wie ich ist er von der Taille aufwärts nackt. Ich schätze, das ist unsere seltsame Version von Zeigen und Teilen – zeige etwas Haut, teile ein Geheimnis.

Er dreht sich mit nacktem Oberkörper wieder zu mir um. »Bis aufs Blut ist er in jeder Hinsicht mein Bruder.«

Ich schaue in seine Augen. Es ist selten, dass ich Des so entblößt sehe. Wie ich hat er Jahre damit verbracht, eine Rüstung anzulegen, um sich selbst zu schützen … und jetzt legt er sie ab. Er ist nicht mehr der furchterregende König oder der hinterhältige Bargainer.

Im Moment ist er nur mein Des.

»Wie lange kennst du ihn schon?«, frage ich.

Er hält inne.

»Lange genug«, sagt er schließlich.

Ich weiß genug über Elfen, um zu wissen, dass lange genug sowohl Jahrhunderte als auch Jahrzehnte bedeuten kann. Und Malakis Bemerkung von vorhin …

Ich habe Jahrhunderte darauf gewartet, dich kennenzulernen.

Ich neige den Kopf zur Seite. »Du bist verdammt alt, oder?«

Ein verschmitztes Lächeln schleicht sich auf Des’ Gesicht. »Diese Frage kann ich beantworten, aber sie wird dich etwas kosten.«

Ich muss mir keinen Gefallen erkaufen, um zu wissen, dass er uralt sein muss. Ich weiche zurück und gehe in Richtung Badezimmer. »Nein danke … Opa.«

Ich kann gerade noch sehen, wie sein Grinsen breiter wird. Dann hebt er mich hoch und wirft mich über seine Schulter.

»Ungezogenes Ding«, sagt er und schlägt mir auf den Hintern.

Ich schreie auf und beginne zu lachen. »Kein Wunder, dass dein Haar so weiß ist. Vor wie vielen Jahrhunderten hat es seine Farbe verloren?«

Ich spüre, wie Des’ schallendes Lachen seine Schultern schüttelt.

»Es hat seine Farbe erst an dem Tage verloren, an dem ich dir begegnet bin«, sagt er.

Er marschiert mit mir ins Bad. Währenddessen fallen meine Stiefel zu Boden und kommen klappernd auf. Meine Hose und Unterwäsche sind als nächstes dran.

»Des!« Jetzt ist so ziemlich jeder Zentimeter meiner nackten Haut fest an seine gepresst.

»Callie.« Er ahmt meinen Tonfall nach.

»Was machst du?«

Seine Hand streichelt meinen Oberschenkel. »Meine Königin entkleiden.«

Das lässt mich inne halten.

O Gott, seine Königin.

»Des, das meinst du nicht ernst, oder?« Denn – nein. Nein, nein, nein.

Ich gewöhne mich gerade an den Gedanken, dass es überhaupt ein Uns gibt. Alles andere ist gerade zu viel für mich.

»Das war nur so dahergesagt«, sagt er sanft. »Wenn es dir lieber ist, kann ich dich Küchenhilfe nennen –«

Ich schlage ihm auf den Rücken, was ihn nur wieder zum Lachen bringt.

Der Klang lässt mich wieder entspannen. Das war nur so dahergesagt. Während er mich trägt, rutscht seine eigene Hose von seinen Hüften und über seine Knöchel. Anmutig steigt er aus ihr heraus. Dann sind wir beide nackt. Vor uns dreht sich der Wasserhahn der großen Badewanne auf.

Er steigt in die riesige Wanne und stellt mich vorsichtig auf meine Füße. Einen Moment lang starre ich meinen Seelengefährten an. Sein Gesicht ist noch genauso schmerzhaft schön wie beim ersten Mal, als ich ihn sah, sein weißes Haar ist offen. Seine Krone und seine Kriegsfesseln sind verschwunden. Das Einzige, was er jetzt noch trägt, ist die Tinte auf seinem Arm.

Ohne Kleidung ist Des noch attraktiver. Sein Oberkörper ist muskelbepackt.

So wie ich ihn ansehe, sieht auch er mich an. Seine Augen wandern zu meinen Brüsten, dann hinunter zu meiner Taille und meiner Hüfte.

Er kommt näher heran und hebt mein Kinn an. »Ich will das mit uns richtig machen, Cherub.«

Ich strecke meine Hand aus und fahre mit ihr über seinen tätowierten Arm. Mein Finger verweilt über den Tränen auf seiner Haut. »Ich auch.«

Einige Sekunden lang ist nur das Rauschen des Wassers zu hören, das die Wanne füllt, in der wir stehen. Dann ertönt in der Stille Led Zeppelins »Stairway to Heaven«. Der Song durchflutet den Raum.

Als ich mich nach den Phantom-Lautsprechern umsehe, aus denen die Musik erklingen muss, fällt mein Blick auf ein poliertes Holztablett, das neben der Wanne liegt. Darauf stehen eine dampfende Tasse Kaffee, ein Espresso (in einer unvorstellbar kleinen Tasse) und ein Teller mit Macarons. Das ist unsere übliche Bestellung im Douglas Café.

Und aus welchem Grund auch immer, lässt mich das zusammenbrechen.

Ich atme zittrig ein und lache, auch wenn es eher wie ein Schluchzen klingt. »Hör auf«, sage ich, meine Stimme ist sanft und rau zugleich.

Doch statt aufzuhören, zieht mich Des ganz nah an sich heran, seine wirklich ansehnlichen Muskeln drücken gegen meine weichen Rundungen.

Er beugt sich vor, seine Lippen sind nur eine Haaresbreite von meinen entfernt. »Niemals.«

Des ist ein Romantiker.

Ugh.

Das ist nicht das, was mein Herz braucht. Es ist nicht so, dass ich jetzt noch einen Rückzieher machen würde, aber trotzdem. Es verletzt mein Ego ein wenig, dass ich weiß, wie leicht ich durch ein paar aufmerksame Gesten verführt werden kann.

Fast eine Stunde, nachdem wir in die Wanne gestiegen sind, steige ich wieder heraus, meinen Magen voller Macarons und Kaffee, während ich mich abtrockne. Ich beobachte Des – inklusive seiner Flügel – wie er aus dem Zimmer schlendert, ein Handtuch tief um die Taille gewickelt.

Als er neben dem Bett steht, fällt sein Handtuch zu Boden, und heilige Mutter Gottes, dieser Hintern ist heiß.

Ich wickle mein eigenes Handtuch so gut ich kann um mich, reiße versehentlich einige Federn heraus, während meine Augen auf den Bargainer gerichtet bleiben. Ich kann meine Augen nicht von diesem Mann abwenden und ich schäme mich dafür kein Bisschen.

Er wirft mir einen Blick über seine Schulter zu, sein helles Haar ist zurückgestrichen. Eigentlich sollte es mir peinlich sein, dass er mich dabei erwischt hat, wie ich ihn unverhohlen anstarrte, aber sein eigener Gesichtsausdruck verrät, dass es ihm nicht missfällt.

Wir haben immer noch nichts zusammen unternommen – abgesehen vom nackten Espressotrinken und dem Essen der Macarons – und das Bedürfnis, dies zu ändern, schwindet nicht.

Ich fahre mir durch die Haare und wringe sie aus, während ich in sein Schlafzimmer gehe. Die Laternen über uns leuchten noch schwach.

Ich will gerade zu dem schicken Kleiderschrank gehen, in dem bereits eine Million Fae-Outfits für mich bereitliegen, als Des in die Schublade der Kommode neben dem Bett greift und mir ein schwarzes Kleidungsstück zuwirft. Ich fange es auf, der Stoff ist weich unter meinen Fingerspitzen.

»Was ist das?«, frage ich.

»Ein Trostpreis. Es ist so ziemlich das Einzige, das ich dir von der Erde geben kann.«

Ich ziehe meine Brauen zusammen.

Er nickt zu dem Kleidungsstück in meiner Hand. Widerstrebend löse ich meinen Blick von ihm, um den verblichenen Stoff auseinanderzufalten.

Ein breites Grinsen breitet sich auf meinem Gesicht aus, als ich die riesigen Lippen und die Zunge auf dem T-Shirt sehe. Es ist eines von Des’ alten Rolling-Stones-Shirts.

»Das ist nur geliehen«, sagt er.

»Geliehen?«, frage ich und hebe die Brauen.

Des schlüpft in seine Hose, die locker auf seiner Hüfte sitzt. »Nur weil ich dich liebe, heißt das nicht, dass ich dir eines meiner wertvollsten Besitztümer überlasse.«

Und damit war es offiziell: Ich würde dieses Shirt behalten.

Nach Des’ Vorbild lasse ich mein Handtuch auf den Boden fallen und ziehe das Shirt über meinen Kopf. Meine gute Laune überspielt den Moment, in dem der Saum des Shirts meine Flügel streift. Ich habe sie ganz vergessen. Jetzt, wo ich Flügel habe, kann ich mir meine Kleidung nicht einfach über den Kopf ziehen.

Bevor ich in Selbstmitleid versinken kann, rutscht der weiche Stoff des T-Shirts, den ich nicht über meine Flügel ziehen konnte, wie von selbst meinen Rücken hinunter und der Saum des Shirts fällt bis zur Mitte meiner Oberschenkel.

Mein Kopf schnellt zu Des herum, der mich ein wenig angrinst. »Wie hast du –?«

»Magie, Love.«

Ich greife um mich herum und ertaste die Stelle, an der meine Flügel mit meinem Rücken verbunden sind. Das Shirt ist um meine Flügelknochen herum wie aufgeschnitten.

Ich bin so sehr auf Des’ Shirt konzentriert, dass ich nicht bemerke, wie er mich anstarrt. Erst als er verschwindet und an meiner Seite wieder auftaucht, nehme ich ihn wahr.

Er greift nach dem Saum seines Shirts. »Es steht dir gut.«

Ich erstarre.

Mir wird klar, was er vorhat. Seine Augen begegnen den meinen. Wir sind wie Motten, die um eine Flamme kreisen.

Genau in diesem Moment entweicht mir ein Gähnen.

Es hätte keinen schlimmeren Zeitpunkt geben können.

Ich bin nicht müde. Ich meine, ich bin es – es war ein langer Tag. Ich bin früh aufgestanden, habe stundenlang trainiert und einem Mann dabei zugesehen, wie er von einem lebenden Albtraum verschlungen wurde, aber ich bin nicht müde genug, um auf das zu verzichten, was noch passieren wird.

Des’ Blick fällt auf meinen Mund. Die Leidenschaft, die ihn eben noch fest im Griff hatte, scheint er jetzt zu unterdrücken.

Ich möchte schreien, wenn ich sehe, wie er sich die respektvolle Maske aufsetzt, die er zu meiner Highschool-Zeit getragen hatte. Trotz seiner bösartigen Neigungen kann er überraschend zuvorkommend sein.

Er zupft am Saum meines Shirts. »Wir sind noch nicht fertig«, sagt er, seine Stimme ist noch immer rau und verspricht Spaß.

Er zerrt mich zum Bett, und ich glaube fast, der Mann hat sich von meinem Gähnen nicht abschrecken lassen.

Des’ Flügel verschwinden, damit er sich auf den Rücken legen kann. Einen Moment später zieht er mich halb auf seine Brust. Die Art, wie er mich hält … er ist im Moment nicht auf Sex aus.