Ab heute Alleinerziehend - Tina Corbé - E-Book

Ab heute Alleinerziehend E-Book

Tina Corbé

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Beschreibung

1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind Alleinerziehend, 90 Prozent davon sind Frauen. Noch immer werden Ein-Eltern-Familien als Ausnahmen betrachtet, dabei ist ihre Zahl in den vergangenen 20 Jahren konstant gewachsen, Tendenz steigend. Alleinerziehende und ihre Kinder werden in Deutschland benachteiligt. Die klassische Kleinfamilie ist längst nicht mehr Alternativlos. Dennoch begegnet man Alleinerziehenden mit Misstrauen. Sie werden als »unvollständige« Familien betrachtet. Auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt haben sie schlechtere Chancen und ihre Kinder erleben in der Schule häufiger Diskriminierung und geringere Aufstiegsmöglichkeiten. Staatlich organisierte Hilfen gibt es kaum, auch am Bewusstsein für die Problemlagen Alleinerziehender mangelt es noch. Mit »Ab heute Alleinerziehend« lädt Tina Corbé zu einem Perspektivwechsel ein. Entlang ihrer eigenen Geschichte beleuchtet sie verschiedene Bereiche, in denen Alleinerziehende und ihre Kinder Benachteiligungen und Problemen ausgesetzt sind: Bei Betreuung und Unterhalt, durch Vorurteile von Lehrern, im Steuerrecht, in der gesellschaftlichen Anerkennung. Häufig übernehmen Alleinerziehende die abwertende Haltung, die ihnen entgegengebracht wird, anstatt auf ihre tägliche Leistung stolz zu sein. Genau daran möchte »Ab heute Alleinerziehend« etwas ändern. Es ist ein Buch, das Mut macht, genauer hinzusehen und Forderungen stellt, an die Politik und an die Gesellschaft. Die Botschaft: Alleinerziehende sind nicht so allein und hilflos, wie sie manchmal denken und eine Veränderung der Wahrnehmung der Situation Alleinerziehender ist bereits im Gange.

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Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für meine Kinder

Inhaltsverzeichnis

Vorwort Alleinerziehend und glücklich

Der Traum vom Prinzen oder: Niemand nimmt sich vor, alleinerziehend zu werden

Familien zweiter Klasse

Alleinerziehend ist man nicht, man wird es

Mütter zweiter Klasse – das Familienrecht und die Alleinerziehenden

Mutterseelenallein

Nur nicht nach unten sehen

Erschöpfte Mütter, unglückliche Kinder

»Das schafft Ihr Kind nicht« Über die Benachteiligung der Kinder Alleinerziehender in der Schule

Von sorgenden Müttern und klagenden Vätern

Alleinerziehende? Nein, danke!

Alleinerziehend und alleingelassen

Alleinerziehende sind am Arbeitsmarkt vielfach benachteiligt

Kaum Unterstützung von den Unternehmen

Karrierehindernis alleinerziehend

Ohne Netz und doppelten Boden

Was Alleinerziehende brauchen

Survival Tipps für das Leben als Alleinerziehende

Beratungsstellen

Gemeinsam sind wir stark

Nachwort

Vorwort Alleinerziehend und glücklich

»Alleinerziehend und glücklich« – geht das überhaupt? Wenn man kleine Mädchen fragt, was sie später einmal werden möchten, dann antworten sie sicher nicht: »Alleinerziehende Mutter.« Alleinerziehenden haftet in unserer Gesellschaft ein Stigma an. Sie gelten als gescheiterte Ehefrauen, die nach dem Ende ihrer Ehen ein Dasein im Schatten fristen, abgekämpft durch den täglichen Stress und die finanziellen Sorgen. 1,6 Millionen Alleinerziehende gibt es in Deutschland, davon sind 90 Prozent Frauen. Über die Hälfte von ihnen ist arm oder unmittelbar von Armut bedroht. Die Zahlen von Burn-Out und stressbedingte Erkrankungen sind unter Alleinerziehenden besonders hoch. Der Staat lässt sie durch unzureichende Betreuungsangebote, mangelnde finanzielle Unterstützung, steuerliche Benachteiligung und größtenteils Nichtbeachtung einfach im Stich. Obwohl Alleinerziehende seit Jahren immer lauter werden, ändert sich wenig. Sie werden stärker besteuert als kinderlose verheiratete Paare und erfahren wenig Unterstützung. Fehlende Unterhaltszahlungen etwa, die in einem direkten Zusammenhang mit Kinderarmut stehen, werden nicht mit Nachdruck eingefordert, fast jeder zweite Vater zahlt keinen oder nicht genügend Unterhalt. Hinzu kommen Streitigkeiten um das Sorgerecht, in die nicht selten das Jugendamt involviert wird und am Ende eine ganze Familienrechts-Maschinerie versucht, ein Kind über die Bruchstücke einer Beziehung hinweg gerecht zu verteilen.

Alles keine heiteren Aussichten für Alleinerziehende – im Gegenteil.

Wer alleinerziehend ist, findet sich schnell am Rand der Gesellschaft wieder. Auf einmal reicht das Geld hinten und vorne nicht mehr, die Herausforderungen des Alltags allein mit den Kindern wachsen schnell ins Unermessliche und Hilfe gibt es kaum. Neben den äußeren Rahmenbedingungen, die die Situation von Alleinerziehenden in Deutschland bestimmen, gibt es noch eine zweite Ebene der Benachteiligung, die zwar weniger sichtbar und weniger greifbar ist, die jedoch jede Alleinerziehende kennt.

Alleinerziehende erleben vielfach Diskriminierung durch Lehrer, Erzieher und Arbeitgeber, durch Nachbarn, Verwandte und sogar durch Freunde. Sie und ihre Kinder gelten als unvollständige Familien, auf die herabgeschaut wird und die es durch ständige Ratschläge zu verbessern gilt, ganz so, als könne eine »richtige« Familie nur aus dem klassischen Vater-Mutter-Kind-Modell bestehen. Dieses Stigma nagt an den Alleinerziehenden und gibt ihnen das Gefühl, in ihrer Rolle nie wirklich ankommen und glücklich sein zu dürfen. Manchmal erscheint mir diese Stigmatisierung fast wie eine Buße für einen zweiten Sündenfall: Das Wagnis, das eigene Leben mit Kind(ern) ohne Mann zu bestreiten. In einer noch immer sehr männerzentrierten Gesellschaft ist das auch heute noch eine Art Tabubruch und das, obwohl es immer mehr Alleinerziehende gibt. Noch ist unsere Gesellschaft nicht in der Lage, diesen Widerspruch zwischen Realität und überholten Normen aufzulösen.

Seit der Geburt meiner ersten Tochter Alina 1998 bin ich alleinerziehend. Damals war ich 19 und hatte das Gefühl, alleine mit Kind ganz unten angekommen zu sein. Alles fühlte sich falsch an. Ich hatte kein Geld, ich war auf Hilfe angewiesen und die Zukunft sah nicht so aus, als sei sie mit Chancen für mich gepflastert. Der Vater meiner großen Tochter war sich nicht sicher, ob und wie er eine Rolle in unserem Leben spielen wollte und ich wusste, dass ich mich auf ihn nicht verlassen konnte – nicht verlassen durfte - wenn ich gut für meine Tochter sorgen wollte.

Ich hatte gerade eine Ausbildung zur Maskenbildnerin absolviert und sehr gerne in diesem Beruf gearbeitet, doch Theatervorstellungen finden nun einmal spät abends statt und es gab damals niemanden, der auf meine Tochter hätte aufpassen können. Schwanger und allein blieb mir nichts anderes übrig, als mich beim Amt zu melden, ein Gang, den ich als große Demütigung und persönliche Niederlage erlebte. Manchmal aß ich tagelang nur Tütensuppen. Jede größere Anschaffung wurde zur mittleren Katastrophe.

Ich erinnere mich an jenes dumpfe Gefühl der Verzweiflung, das mich in jener Zeit überfiel, das Gefühl, es nicht schaffen zu können, ganz gleich, wie sehr ich mich anstrenge. Ich hatte mich für ein Kind entschieden und obwohl ich es über alles liebte, gaben mir die Umstände das Gefühl, einen schrecklichen Fehler begangen zu haben.

Mit diesem Gefühl bin ich nicht allein. Fast jede Frau, die ungewollt schwanger wird und ohne Partner dasteht, ist mit der Empfindung vertraut, dass es eine subtile, nicht immer ausgesprochene Schuldzuweisung an ledige Mütter gibt.

Vor nicht allzu langer Zeit galten alleinerziehende Mütter noch als »gefallene Frauen«, die der besonderen Aufmerksamkeit staatlicher Stellen bedurften, uneheliche Kinder ohne anwesenden Partner erhielten bis vor wenigen Jahren noch einen Vormund durch das Jugendamt. Zwar sind diese Rahmenbedingungen aufgelöst, doch Kinder von Alleinerziehenden gelten noch immer als anfällig für Störungen und ihnen wird weniger zugetraut – von Erziehern, Lehrern und Psychologen. Das Stigma der Alleinerziehenden überträgt sich auf die Kinder. Alleinerziehend zu sein wird pathologisiert und es gibt für die Mutter kaum eine Möglichkeit, sich »richtig« zu verhalten. Bleibt sie zu Hause und bezieht staatliche Unterstützung, heißt es, sie liege dem Staat auf der Tasche und hätte die Kinder ja nicht bekommen müssen. Geht sie arbeiten, so sagt man ihr, sie könne sich nicht richtig um ihre Kinder kümmern. Treibt sie ab, wird sie wahlweise dafür geächtet oder es werden ihr Steine in den Weg gelegt.

Trotz all dieser ärgerlichen Umstände habe ich es nie bereut, alleinerziehend zu sein. Ich habe es mir zwar nicht ausgesucht, doch ich habe irgendwann verstanden, dass es an mir liegt, mein Leben zu gestalten und das Beste für mich und meine Kinder zu tun. Auch die Beziehung zum Vater meiner zweiten Tochter zerbrach noch vor ihrer Geburt. Was zuerst tragisch klingt, hat sich im Nachhinein als Glücksfall erwiesen. Es ist besser, eine Beziehung endet früh, als das Jahre in zehrenden und auch für das Kind belastenden Konflikten verbracht werden. Eine Familie ist nicht automatisch intakt, nur weil ein Vater anwesend ist. Zusätzlich zu meinen beiden Töchtern habe ich ein Pflegekind großgezogen. Ich habe mich also sehr bewusst dafür entschieden, alleinerziehend zu sein und mein Leben mit aller Kraft bei den Hörnern zu packen. Eine Karriere wollte mir niemand zutrauen – ich habe sie mir dennoch gegen alle Widerstände erkämpft.

Aus diesem Grund ist dieses Buch keine bloße Aufzählung all der Missstände, denen wir Alleinerziehende gegenüber stehen, sondern ein Buch, das Mut machen soll – TROTZ dieser Missstände. Auch wenn vieles im Argen liegt, ist alleinerziehend zu sein kein trauriges Schicksal, sondern die Chance, uns gegen alle Widerstände selbst zu verwirklichen und eine Art von Freiheit zu finden, die uns vielleicht verwehrt geblieben wäre, wenn wir das klassische Familien-Modell gelebt hätten. Vermutlich haben alle Alleinerziehenden sich selbst schon einmal diesen Satz gesagt: »Wenigstens redet mir keiner hinein.« Was wie ein schwacher Versuch der Selbsttröstung klingt, ist in Wirklichkeit der Schlüssel auf dem Weg zum Glücklichsein als Alleinerziehende. Dieses »Nicht-rein-reden« heißt, dass es da niemanden gibt, der uns die Flügel stutzt, der uns zurückhält, der uns Kraft raubt mit Beziehungsstreitigkeiten und Forderungen. Viele Beziehungen laufen gut, viele andere sind asymmetrisch und kosten häufig die Frauen mehr Kraft als ihre Partner. Als Alleinerziehende sind wir toxischen Beziehungsmodellen entkommen und stehen nun für uns selbst ein.

Ich schreibe dieses Buch für alle Frauen da draußen, die mit ihren Kräften am Ende sind, die das Gefühl haben, ihr Leben sei vorbei, weil sich das Thema Familie nicht so entwickelt hat, wie sie es sich gewünscht haben.

In meiner Geschichte findet sich so ziemlich jede Art von Benachteiligung und Diskriminierung, die Alleinerziehenden widerfährt. Dennoch bin ich heute beruflich erfolgreich und habe drei wunderbare Kinder groß gezogen. Ganz gleich wie viele Steine man uns in den Weg legt, Alleinerziehende verfügen über viele verborgene Ressourcen und Stärken, die sie einsetzen können, um ihrem ganz persönlichen Glück ein Stück näher zu kommen.

Neben all der Kritik an den Umständen, an den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Widerständen, denen Alleinerziehenden gegenüberstehen und um die es in diesem Buch auch geht, ist dieses Buch vor allem ein Buch darüber, wie es uns gelingen kann, aus dem Schicksal »alleinerziehend« eine Chance für uns und unsere Kinder zu machen. Ich spreche über Diskriminierung am Arbeitsplatz, durch Lehrer und durch andere Mütter, über strukturelle Benachteiligung und kräftezehrende Sorgerechtsprozesse, den Kampf um Unterhalt und den alltäglichen Spagat zwischen Kindern und Beruf. In vielem, was ich schreibe, werden sich andere Alleinerziehende wiedererkennen und hoffentlich verstehen, dass das, was sie erleben, nicht nur ihnen, sondern hunderttausenden Alleinerziehenden geschieht. Wenn wir aus der kollektiven Erfahrung heraus die Kraft schöpfen, für unsere Rechte einzutreten, und einen Wandel herbeizuführen, dann verlassen wir die Rolle, die man uns zuweisen möchte. Wir sind nicht länger die am Rand, sondern werden zu prägenden Akteuren unserer sozialen Wirklichkeit.

Dieses Buch erzählt meine Geschichte. Sie ist in vielerlei Hinsicht exemplarisch für das, was in Deutschland (und vielen anderen Ländern) schief läuft im Zusammenhang mit Alleinerziehenden, doch sie ist gleichzeitig auch die Erzählung meiner ganz persönlichen Ermächtigung. Es lohnt sich, gegen die Umstände anzukämpfen und die eigenen Träume mit Entschlossenheit zu verfolgen, trotz und gerade weil man alleinerziehend ist. »Alleinerziehend und glücklich« – das ist kein Widerspruch, das ist eine Kampfansage, die wir uns selbst und anderen gar nicht oft genug sagen können.

Tina Corbé, Mai 2018

1 Der Traum vom Prinzen oder: Niemand nimmt sich vor, alleinerziehend zu werden

Das Leben geschieht, während wir mit etwas ganz anderem beschäftigt sind, sagt man. Als junge Frau hatte ich viele Pläne. Mit 19 hatte ich gerade meine Ausbildung als Maskenbildnerin abgeschlossen und lebte in meiner eigenen Wohnung. Das große Abenteuer »Erwachsensein« konnte losgehen und ich freute mich darauf. Ich war neugierig auf die Welt und was sie mir zu bieten hatte. An eine Familie dachte ich damals noch nicht. Dann aber kam alles ganz anders.

In dem Haus, in dem ich damals wohnte, lebte eine junge Frau, mit der ich mich ein wenig angefreundet hatte. Hin und wieder gingen wir gemeinsam mit ihrem Hund spazieren. Eines Abends stieß ein Freund von ihr dazu, als wir gerade einen Videoabend machten. Es war das Jahr 1998, soziale Netzwerke gab es noch nicht, Netflix auch nicht. Ich mochte ihn erst nicht besonders. Ich fand, dass Emre ein ziemlicher Aufschneider war, mehr so ein Typ Macho, und deshalb gar nicht mein Fall. Trotzdem hatten wir an dem Abend viel Spaß. In den folgenden Tagen tauchte er immer häufiger bei meiner Nachbarin auf und wir lernten uns besser kennen. Von mal zu mal mochte ich ihn mehr und fand ihn weniger machohaft. Dann ging alles sehr schnell. Vier Wochen später war ich schwanger. Ungewollt. Ungeplant. Das war ein ziemlicher Schock. Mit 19 Mutter werden? So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Ich kannte Emre zwar erst seit Kurzem, doch ich wusste, dass er als Türke einen anderen familiären Hintergrund hatte. Seine Eltern erwarteten von ihm ganz selbstverständlich, dass er eine Türkin heiraten würde. Ein Kind mit einer deutschen Frau kam in diesen Plänen nicht vor. Ich haderte lange mit mir, ob und wie ich ihm das sagen würde. Damals hatte ich das große Glück, einen sehr verständnisvollen Arzt zu haben, einer vom alten Schlage, der sich viel Zeit für mich nahm.

»Überlegen Sie sich das gut«, sagte er zu mir.

»Solange das Kind noch im Bauch ist, ist es gut versorgt, aber ein Kind alleine groß zu ziehen, kann eine ganz schöne Herausforderung werden, wenn man keine Unterstützung hat.«

Und an Unterstützung fehlte es mir wirklich. Meine Eltern wohnten nicht in der direkten Nähe und waren selbst beide berufstätig. Mein Beruf brachte es mit sich, dass ich oft spät abends und zu unregelmäßigen Zeiten arbeiten musste. Wie sollte ich das alles unter einen Hut bringen?

Nachdem ich beim Frauenarzt die endgültige Bestätigung meiner Schwangerschaft erhalten hatte, ging ich schnurstracks in die Stadtbibliothek und lieh mir sämtliche Bücher über Schwangerschaften aus. Immerhin wollte ich gut vorbereitet sein und Internet gab es damals noch nicht in jedem Haushalt.

Am Abend kam meine Mutter vorbei und entdeckte die Bücher.

»Kind«, sagte sie. »Ist das dein Ernst? Du willst mit dem ein Kind kriegen? Er wird dich kaputtmachen, das weiß ich.«

Aber ich war verliebt. Und schwanger. Und dieser Zustand brachte es mit sich, dass ich positiv und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken wollte. Von all den Problemen und der Schwarzmalerei wollte ich nichts wissen.

Ich nahm all meinen Mut zusammen und sprach mit Emre. Immerhin waren wir ja verliebt, oder nicht?

»Ich bin schwanger«, sagte ich, als er neben mir auf der Couch saß. Ich konnte beobachten, wie der Schock seine Gesichtszüge zum Erstarren brachte.

»Du bist was?«, fragte er.

»Schwanger«, antwortete ich. »Von dir.«

Er wurde blass.

»Das geht nicht. Meine Eltern, du weißt doch, sie...« Er brach ab, sprang auf und begann, vor mir auf und abzutigern, während er sich die Haare raufte.

»Ich kann doch jetzt kein Kind bekommen. Und dann auch noch mit dir!«

Jedes seiner Worte traf mich wie ein Messerstich mitten in mein Herz.

Plötzlich blieb er stehen und sah mich mit weitaufgerissenen Augen an: »Du musst abtreiben!«

Die ganze Situation erschien mir total unwirklich. Da saß ich nun, schwanger, hatte gerade das Herz meines Kindes auf dem Ultraschall schlagen sehen, und nun wollte er, dass ich abtrieb, weil seine Eltern für ihn etwas anderes geplant hatten?

»Ich treibe nicht ab«, hörte ich mich selbst mit überraschend fester Stimme sagen.

»Wenn du das Kind nicht willst, dann kannst du gehen, aber dann brauchst du auch nie mehr wiederzukommen.«

Er schwieg. Ich sah die Angst in seinen Augen. Auch er war Anfang 20 und hatte sich diese Situation nicht ausgesucht. Doch ich blieb hart. Ich dachte an den zweiten Herzschlag in meinem Bauch. Sein Blick flackerte. Er hob die Schultern, dann ließ er sie wieder sinken. Ohne ein weiteres Wort ging er aus der Tür. Ich war allein.

So allein wie in jenem Augenblick hatte ich mich noch nie gefühlt, doch gleichzeitig fühlte ich mich auch stark. Ich war eine werdende Mutter. Mein Kind brauchte mich. Und nichts und niemand würde mich dazu bringen, dieses Kind nicht zu bekommen. In den nächsten Tagen konzentrierte ich mich nur auf mich. Ich machte mir Gedanken über die Zeit nach der Geburt. Ich würde erst einmal nicht mehr arbeiten können und es würde finanziell sehr eng werden. Schon seit ich Teenager gewesen war, hatte ich immer gearbeitet und mir gefiel der Gedanke gar nicht, auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein, wenn es auch nur vorübergehend war, doch ich hatte keine Wahl. Damals, vor 20 Jahren, hatten die meisten Kindergärten nur bis mittags geöffnet, Ganztagsbetreuung war ein Fremdwort und selbst wenn es sie gegeben hätte, ich hätte sie mir kaum leisten können.

Auch Emre beschäftigte die Sache. Ein paar Tage später kreuzte er wieder bei mir auf. Wir sprachen nicht viel. Er nahm mich in die Arme. Später sagte er mir, dass er sich ein Kind mit einer deutschen Frau einfach nicht vorstellen könnte.

»Aber jetzt ist es so«, antwortete ich und sah ihm fest in die Augen. »Wir bekommen ein Kind.« Er schwieg. Er ging nicht wieder fort, doch er stand auch nicht wirklich zu mir. Unsere Beziehung befand sich in einem seltsamen Schwebezustand. Ich beschloss, ihm Zeit zu lassen. Ich suchte mir eine größere Wohnung, damit mein Kind ein eigenes Zimmer haben konnte. Er half mir beim Umzug und wir strichen das Kinderzimmer gemeinsam.

Die Zeit verging schnell. Emre schwankte zwischen Vorfreude und Angst. Seiner Familie sagte er lange nichts. Irgendwann bekam seine Schwester aber mit, dass ich von ihm schwanger war und es kam zu einem Treffen bei seinen Eltern, anlässlich des Geburtstags seiner Mutter. Seine Schwester hatte von meiner Schwangerschaft mitbekommen und seine Eltern informiert. Ich war furchtbar aufgeregt, als wir zu ihnen fuhren. Wie würden sie auf mich reagieren? Was würden sie zu dem Kind sagen?

Ich wurde zwar herzlich begrüßt, doch als Emre kurz das Zimmer verließ, machten seine Eltern kein Hehl daraus, was sie über unsere Beziehung und die Schwangerschaft dachten.

»Wir sind Türken«, erklärte mir sein Vater. »Wir haben Traditionen, die für uns wichtig sind.« Und nach einem Blick in Richtung der Tür, durch die Emre gerade verschwunden war, fügte er hinzu: »Emre wird dich nicht glücklich machen. Ich kenne meinen Sohn. Er wechselt seine Frauen wie andere die Unterwäsche. Es ist besser für dich, wenn du abtreibst.« Emres Mutter schwieg. Sie verstand ohnehin nicht gut Deutsch. Ich legte meine Hände um meinen bereits deutlich gewölbten Bauch. Ich war im 6. Monat. Jeden Tag spürte ich, wie sich das Kind in mir bewegte.

Ich spürte die starke Ablehnung von beiden zu der Schwangerschaft. Plötzlich wurde mir übel. Mein Mund füllte sich mit bitterer Magensäure und ich schloss die Augen. Ich wollte nur noch weg. Als ich aufstand, schien sich der Raum um mich zu drehen. Ich schwankte zur Tür und verließ die Wohnung. Erst als ich im Taxi saß, brach ich in Tränen aus.

Trotz dieser traurigen Begegnung war die Sache mit mir und Emre nicht zu Ende. Auch an diesem Tag tauchte er abends bei mir auf. Ich erzählte ihm unter Tränen, was sein Vater zu mir gesagt hatte. Wie so oft schwieg Emre und sagte gar nichts, doch er ließ mich auch nicht allein. Ich hatte das Gefühl, dass er von heftigen Gewissensbissen geplagt wurde.

Schließlich aber, kurz vor der Geburt, traf er eine Entscheidung. Er nahm mich mit zum Geburtstag seines Vaters und verkündete dort allen seinen Verwandten: »Tina ist meine Freundin und ich stehe zu ihr.« Eigentlich hätte ich mich freuen sollen und ein Teil in mir war auch glücklich, doch die Kämpfe der vergangenen Monate hatten ihre Spuren hinterlassen. Ich ahnte, dass ich mich auf Emre nicht so verlassen konnte, wie es eigentlich sein sollte.

Die Geburt rückte näher und mit der bis dahin glücklichste Moment in meinem Leben. In der Nacht vom 21. auf den 22. Juli setzten plötzlich Blutungen ein. Emre arbeitete in dieser Nacht und ich konnte ihn nicht erreichen, also rief ich meine Mutter an. Die Geburt ging nur langsam voran. Am Vormittag tauchte ein sichtlich nervöser Emre auf, der unablässig auf die Uhr blickte.

»Dauert es noch lange?«, fragte er mich. »Ich muss meinen Vater noch abholen.« Ich rollte mit den Augen. Tatsächlich schaffte er es rechtzeitig wieder zurück, als um 19 Uhr unser Kind geboren wurde. Es war ein Mädchen, auch wenn er fest davon ausgegangen war, dass es ein Junge werden würde. Im ersten Moment wirkte Emre fast ein wenig enttäuscht, doch als er Alina dann zum ersten Mal sah, war er verzaubert, was wohl auch daran lag, dass sie unverkennbar seine Tochter war.

Als ich meine Tochter Alina in den Armen hielt, wurde ich durchflutet von einer warmen Welle absoluten Glücks. Sie war wunderschön und perfekt und ganz gleich, welche Kämpfe noch vor mir liegen mochten, ich war bereit sie zu kämpfen – für Alina.

Auf die anstrengende Geburt folgte für mich wie für so viele Frauen der Babyblues. Mir ging es einfach schlecht. Ich fühlte mich müde und emotional ausgelaugt und weinte ständig. Die erste Zeit mit Kind war anstrengend. Emre überforderte das und er ließ mich oft allein. Schon immer hatte er viel Zeit in seinem türkischen Café zugebracht, wo er Freunde traf und spielte, und ich ließ ihn gehen. Es wäre viel zu anstrengend gewesen, mit ihm darüber zu streiten.

Von seinen Eltern hörte ich nichts. Meine Mutter brachte unsere Dankeskarte, die wir anlässlich der Glückwünsche zu Alinas Geburt hatten machen lassen, zu ihnen, um ihnen ein Bild ihrer Enkelin zu zeigen, doch auch danach rührte sich nichts. Mich verletzte das sehr, noch dazu, weil ich mich in einem sehr verwundbaren Zustand befand, doch ich beschloss, mich davon nicht beirren zu lassen. Meine Tochter war auf der Welt und nichts anderes war wichtig.