ABC für Zwangserkrankte - Ulrike S. - E-Book

ABC für Zwangserkrankte E-Book

Ulrike S.

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Beschreibung

Das ABC für Zwangserkrankte ist eine Zusammenstellung von Stichwörtern für Betroffene und ihre Angehörigen. Ulrike S. litt über viele Jahre selbst an Zwängen (Waschzwang u. a.), die sie mit Hilfe einer Verhaltenstherapie gänzlich überwinden konnte. In diesem Glossar hat sie ihre Erfahrungen, Gedanken und Ratschläge aufgeschrieben, damit Menschen, die unter Zwängen leiden, darin Rat und Unterstützung finden können. Dabei legt sie besonderen Wert auf eine lebenspraktische Darstellung der Problematik wie auch auf eine optimistische Grundhaltung. Hans Reinecker hat die Stichwörter aus seiner Sicht als Forscher und Therapeut in fachlicher Hinsicht bearbeitet.Eine Auswahl aus dem ABC für Zwangskranke zeigt beispielhaft, um welche Themen es geht: Aberglaube, Angst, Freiheit, Genuss, Humor, Konfrontation, Mut, Ressourcenaktivierung, Rückfall, Schamgefühle, Stress, Vermeiden, Zuversicht ...

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Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2006

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Ulrike S. / Hans Reinecker

ABC für Zwangserkrankte

Tipps einer ehemals Betroffenen

Vandenhoeck & Ruprecht

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internetüber ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.

ISBN 13: 978-3-647-99765-0

© 2006, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen.Internet: www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.Hinweis zu § 52a UrhG: Weder das Werk noch seine Teile dürfen ohne vorherige schriftliche Einwilligung des Verlages öffentlich zugänglich gemacht werden.Dies gilt auch bei einer entsprechenden Nutzung für Lehr- und Unterrichtszwecke.Satz: SchwabScantechnik, Göttingen

Inhalt

Vorwort

Aberglaube · Aidsängste

Alkohol · Alternativen · Angehörige

Angst · Aushalten · Bereitschaft

Brainy · Demut · Dinge

Durchhalten · Eigenverantwortung

Energie · Feind · Freiheit

Gedanken · Genuss · Gesundheit

Gewohnheit · Heimlichkeit · Hölle

Humor · Impulsiv · Informationen

Job · Konfrontation · Kotherapeut/Kotherapeutin · Liebe · Medikamente

Modelllernen · Motivation · Mut

Nie · Normal · OCD · Offenheit

Perfektionismus · Prinzipiell · Q

Reaktionsverhinderung · Ressourcenaktivierung

Risiko · Rückfall · Schamgefühle

Selbsthilfe · Show · Sicherheit

Stress · Therapeutinnen und Therapeuten

Übungen · Ungewissheit · Verantwortung

Vergleichen · Verhaltenstherapie · Vermeiden

Vertrauen · Vorlieben · Warum?

Widerstand · Wiederholungen

Xylophon · Y · Zeit · Zweifel

Zuversicht

Literatur

Vorwort

Zunächst ein paar Worte zu meiner Person. Ich war Jahre lang zwangskrank: Kontroll- und Waschzwang, zwanghafter Ekel vor den Ausscheidungen anderer, ausgenommen jenen der eigenen Familie; Angst vor »Gift«, zwanghaftes Bedürfnis, die Wahrheit zu sagen, zwanghafte Schuldgefühle, Lesezwang und vieles mehr … Nach zwei Jahren Kognitiver Verhaltenstherapie konnte ich meine Krankheit überwinden und anschließend an meine eigene Therapie war ich 12 Jahre lang Kotherapeutin bei meinem früheren Therapeuten. Seit 14 Jahren bin ich gesund.

Ich bin verheiratet, Mutter von drei Kindern und habe auch Enkelkinder. Dinge, die ich gern tue, sind Zeichnen, Malen, Lesen, Wassergymnastik im »nicht ganz sauberen« Schwimmbadwasser, Verwöhnen meines Zwergkaninchens, mich immer wieder einmal bewusst daran erfreuen, dass mein Umgang mit Familie und Enkelkindern ein zwangsfreier ist.

Bei meinen Kontakten mit ehemalig oder noch am Zwang Erkrankten habe ich eine Art von Zusammengehörigkeitsgefühl, deshalb liegt mir das Schreiben für Betroffene recht am Herzen.

Dieser Ratgeber setzt in gewisser Weise die Überlegungen aus meinen beiden früheren Büchern1 fort. Professor Hans Reinecker hat Ergänzungen aus fachlicher Sicht zu den Stichwörtern beigetragen.

Ulrike S.

1Ulrike S.; Crombach, G.; Reinecker, H. (2003): Der Weg aus der Zwangserkrankung. Bericht einer Betroffenen für ihre Leidensgexfährten. 4. Auflage. Göttingen.Ulrike S.; Crombach, G.; Reinecker, H. (2002): Hilfreiche Briefe an Zwangskranke. Göttingen.

Aberglaube

Der Aberglaube ist der kleine Bruder des Zwangs. In irgendeiner Weise sind sehr viele Menschen abergläubisch. Kennen Sie dieses Sprichwort: »Spinne am Morgen bringt Unglück und Sorgen. Spinne am Abend bringt Glück und Gaben.« Sie hören das, erinnern sich bei morgendlichem oder abendlichem Spinnenwahrnehmen an den Spruch, lächeln wahrscheinlich drüber und wissen: Die morgendliche Spinne war nicht Schuld, dass der Chef Sie blöd angesprochen hat, und die abendliche Spinne war auch nicht zuständig dafür, dass Sie beim Ratespiel im TV das Teeservice gewonnen haben (wobei Sie ohnedies lieber das Kurwochenende im Thermenhotel gewonnen hätten!).

Lernpsychologisch gesehen handelt es sich beim Aberglauben um eine Verknüpfung von Dingen, Handlungen oder Ereignissen, die nichts miteinander zu tun haben – die allerdings mehrfach gemeinsam auftreten. So schafft der Mensch eine für ihn sinnvolle Verbindung. Sicher kennen Sie Basketball- oder Tennisspieler, die vor einem Wurf oder Schlag den Ball ein paar Mal auftippen. Das sind alles Handlungen, die irgendwann (zufällig) mit einem geglückten Schlag oder Wurf verbunden waren und die nun wie selbstverständlich durchgeführt werden.

Anders beim Zwang: Der kann behaupten, Sie sollten besser gar keiner Spinne begegnen (auch nicht im Tierbilderbuch). Sie sollen darauf achten, dass eine Spinne nicht auf Ihrer frischen Wäsche herumkrabbelt, sonst müssen Sie alles wieder waschen (und den Wäschekorb schrubben). Sie sollten möglichst nicht einmal an eine Spinne denken, sonst müssen Sie Handlungen wiederholen, etwas reinigen, »gute Gegengedanken« oder »gute Gegenbilder« haben. Wer so von Spinnen geplagt wird, ist nicht abergläubisch, sondern wohl zwanghaft.

Ich habe einmal einen jungen Mann betreut, der litt unter zwanghafter Spinnenangst. Die Wohnung von all dem freizuhalten, was mit Spinnen zu tun hat, war ihm ausgesprochen wichtig. Er mochte allerdings auch außerhalb der eigenen Wohnung keinen indirekten und schon gar keinen direkten Kontakt mit Spinnen. Einmal haben wir im Wald geübt. Da ging er auf dem breiten Waldweg mit angewinkelten Armen und eingezogenem Kopf. So groß waren die Angst und der Ekel, mit Spinnen in Berührung zu kommen und eventuell Kontakte mit Spinnen über Körper und Kleidung in die Wohnung einzuschleppen. Wir konnten uns auch auf der Zwangsebene gut verstehen. Sein »Schmutz« hatte die gleichen Folgen und Befürchtungen wie »mein Schmutz«. So hatte ich keinerlei Schwierigkeiten, mich einzufühlen.

Um einen – gefürchteten und doch erwünschten – Hausbesuch ist er nicht herumgekommen. Heute – Jahre danach – »beklagt« er sich noch, ich sei mit einer »Riesenspinne« (dabei breitet er beschreibend die Arme weit aus) ins Haus gekommen. Es war keine Riesenspinne, da hat der Zwang wieder einmal übertrieben. Sonst hätte ich sie ja auch gar nicht in das kleine Marmeladenglas hineinstecken können. Außerdem wäre ich selbst überfordert gewesen, mit einer Riesenspinne zu üben.

Vor dem Hausbesuch mit der Spinne hatte ich eine Vorübung geplant, zum sich Gewöhnen an die Tatsache: Es gibt kein Leben ganz ohne Spinnen in dieser Welt. Mit viel Mühe habe ich erst einmal mit Buntstift ein Spinnennetz gezeichnet und recht detailgenau ein Spinnlein ins Netz gesetzt. Glauben Sie, er habe sich über das Kunstwerk gefreut? Hat er nicht. Nicht einmal anfassen wollte er das Zeichenblatt. Schon gar nicht »beschmutzen« wollte er die Wand in der Küche mit so einer ekligen Zeichnung. Später hat er das dann doch geschafft, aber noch lange das Gefühl gehabt, dass die Wand schmutzig sei.

Die Spinnen mag er (und auch ich) noch heute nicht. Aber hinter einer Spinne herputzen muss er nicht mehr. Er duldet auch mal eine in der Wohnung (um in Übung zu bleiben), aber nach einer begrenzten Aufenthaltserlaubnis muss sie raus. Nein, die Spinne wird nicht umgebracht, sie wird auch nicht mit dem Staubsauger aufgesaugt. Das hätte ich, die als Tierliebhaberin sogar das Leben von grauslichen Spinnen schützt, nicht geduldet. Er nimmt die Spinne mit einem Taschentuch auf und wirft sie aus dem Fenster. Und anschließend wäscht er seine Hände – nicht! Ist er nicht toll?

Aidsängste

Ängste vor Aids werden vom Zwang sehr phantasievoll und sehr irreführend hochgespielt!

Wenn ich hier von den zwanghaften Aidsängsten sprechen möchte, dann habe ich einen besonderen Grund dafür. Ich habe in meinen zwei Büchern für Betroffene (s. Fußnote 1, Seite 7) geblättert und festgestellt, dass die Aidszwänge eigentlich zu kurz gekommen sind. Schade, dabei habe ich doch einiges zu diesem Thema an Kotherapie-Erfahrung dazugewonnen. Drei an zwanghafter Aidsangst leidende junge Leute habe ich begleitet. Das will ich gern weitergeben. Das tue ich also jetzt, in diesem Ratgeber von A bis Z. Wollen wir es angehen, das Problem rund um Aids und vor allem, was der Zwang daraus macht!

Ich erzähle einfach einiges aus dem Therapiealltag von den drei Betroffenen und wie es ihnen gelungen ist, mit ihren übergroßen Ängsten fertig zu werden.

Drei recht Geplagte sind das, denen der Zwang allerhand falsche Vorstellungen einredet, um ihnen das Leben schwer zu machen. Einige Male pro Woche sind wir dort unterwegs, wo sie allein in Notstand geraten würden. »Geh lieber nicht dorthin, mach einen Umweg drum herum!«, warnt der Zwang, »Nicht anfassen, vorsichtshalber desinfizieren, waschen oder wegwerfen, vor allem die Wohnung vor Gefahren bewahren, an anderen nicht schuldig werden – sicher ist sicher!«, so argumentiert der Zwang.

Da sind die Straßen mit den merkwürdigen Flecken auf dem Asphalt, trocken oder womöglich noch nass. Da werden Kaffeehaustische verdächtig, weil winzig kleine Brösel lebensbedrohend sein könnten. Alles Rote wird zur Gefahr. Wann ist Rot wirklich Rot? Ist Rotbraun einmal Rot gewesen? »Mir ist jeder Fleck verdächtig!«, sagt eine meiner drei Aidsängstlichen, »der kann auch grün oder blau sein, ich mag keine Flecken, die sind für mich zum Anzweifeln.« Kein Wunder, es ist ja die »Zweifelkrankheit«, die hier bald alles in Frage stellt.

Fast schon überall möchte der Zwang warnen: »Achtung, Achtung«, sagt er, »hier könnte Gefahr bestehen! Hier könnte etwas passieren! Kannst du das verantworten?« »Wer weiß«, sagt der Zwang, »wann du die Rechnung für deine Unachtsamkeit und deinen Leichtsinn bezahlen musst! Vielleicht erst in weiter Zukunft?!«

»Kommen Sie alle drei mit mir«, widerspreche ich dem Zwang, »ich begleite Sie überall dorthin, wo Sie in Gedanken daran schon unangenehme Gefühle bekommen, weil Sie noch zwangskrank sind – und wo in Wirklichkeit die reine Harmlosigkeit herrscht.«

»Wobei kann ich mich wirklich anstecken?«, das ist zunächst die bange Frage bei den Überängstlichen. Wenn Betroffene mit der Information über die wirkliche Ansteckungsgefahr zufrieden zu stellen wären, dann hätten sie wohl gar keine Zwangserkrankung. Denn typisch für den Zwang ist, dass die Befürchtungen sich immer mehr und immer weiter von dem Ursprung, von der Tatsächlichkeit einer Befürchtung, in diesem Fall der realen Ansteckungsgefahr, entfernen.

Die Befürchtungen des Zwangskranken haben aber einen wahren Kern (hier: Aids kann ansteckend sein) – unrealistisch und völlig überzogen werden diese Ängste erst durch den Zwang. Es ist wichtig, in der Therapie die Realität der Befürchtung und dementsprechend angemessenes Standardverhalten zu besprechen. Über die wirkliche Gefahr einer Ansteckung durch Aids unterrichte ich meine »Schützlinge« kurz und bündig und so dürfen auch Sie das annehmen, liebe Ratsuchende.

Kurz und bündig ist gut, denn der Zwang liebt im Gegenteil lange Diskussionen: »Wäre es nicht doch möglich, dass …?«; »Hast du wohl bedacht, dass …?«; »Es könnte doch die Ausnahme gelten, dass …?«; »Weißt du, wie das in zehn Jahren aussieht?«; »Ist Wissenschaft wirklich so verlässlich?« Solche Verunsicherungen liebt der Zwang.

Hier möchte ich als Aufforderung zum Vertrauenfassen aus dem Vorwort von G. Crombrach unseres Buches »Hilfreiche Briefe für Zwangskranke« zitieren: »Ich vertraue auf die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Zwangsbehandlung auch dann wirksam ist, wenn die Unbegründetheit meiner langfristigen Befürchtungen nicht bewiesen werden kann (z. B. Strahlenschaden, Aids, Hölle). Wissenschaft ist im Prinzip vernünftig, ausschließlich Beweisbares gibt es nun mal nicht auf dieser Welt. Aids kann ansteckend sein. Das ist keine Zwangsvorstellung.

Der Zwang hat seine eigenen Gesetze – hierbei handelt es sich nicht um reale Befürchtungen, sondern um zwanghafte, sprich aufgezwungene und wirklichkeitsferne Befürchtungen. Die unüberwindbare, stets präsente Furcht, sich an Aids anzustecken, sich dadurch die Freiheit in Entscheidung und Handeln nehmen zu lassen, das hat mit dem vernünftigen Umgang mit dieser Krankheit nichts mehr zu tun. Das ist behandelbar, so wie die Zwangsangst wegen Schmutz, Schuld, brennendem Haus auch.

»Sie haben es noch relativ gut gehabt mit Ihrem Zwang – Ihr größtes Risiko war, zu dreckig zu werden. Das kann man abwaschen. Ich mit meiner Aidsangst fürchte die Krankheit und den Tod«, das wurde mir schon des Öfteren von Betroffenen gesagt. Die hatten mich um die Art meiner Zwänge »beneidet«. Mir wäre es damals so manches Mal ziemlich gleich gewesen, an einer schweren Krankheit zu leiden, dann wäre ein Ende absehbar gewesen.

Ich denke, es kommt bei der Zwangserkrankung nicht auf die Realität der Befürchtung an, sondern auf die Angst mit all ihren Folgen. Auf die Beunruhigung, die Einschränkungen im Leben, die der Zwang verursacht. Ob Stecknadel, Stein auf dem Wanderweg, Staub, Dreck, Sorge um Schuld, Verdammung, Seelenverlust, schlechte Gedanken oder Aids – es kommt auf innere Qual an, so beschreibt sehr treffend Hansruedi Ambühl diese Gefühle in dem Buch: »Zwang verstehen und behandeln« (Ambühl u. Meier 2003).

Nun kurz und bündig zur realen Ansteckungsgefahr bei Aids, wie ich sie meinen »Schützlingen« erkläre: Handelt es sich bei dieser Befürchtung um einen Fall von »eins, zwei, drei?«. Was bedeutet »eins, zwei, drei«? Das bedeutet, wer sicher sein will, nicht mit HIV infiziert zu werden,

–der darf im Park beim Fixen nicht die Nadel verwenden, die im Kreis reihum geht (Sie fixen ja ohnedies nicht, nicht wahr?!);

–der sollte keinen ungeschützten Geschlechtsverkehr mit HIV-positiven Menschen haben (eine Betreuerin der Aidsberatungsstelle hat mir erst kürzlich mit Bedauern von der »Kondommüdigkeit« der jungen Leute ganz allgemein berichtet);

–der sollte keine Bluttransfusionen in Ländern bekommen, deren Hygienebedingungen, vor allem im medizinischen Bereich, zweifelhaft sind (lieber Versicherung für Reiserücktransport abschließen; Einmalspritzen mitnehmen).

Alles andere ist Diskussion mit dem Zwang, der dann immer noch »Ja, aber …« sagt. Darauf lassen wir uns gar nicht ein. Dieses »eins, zwei, drei« gilt auch für die unbestimmte Zukunft, für die Zeit in vielen Jahren.

Außenstehende, die nichts vom Zwang verstehen, die mögen Sie verwundert fragen: »Wie stellst du dir denn überhaupt vor, auf solch unsinnige Weise angesteckt zu werden? Wie soll denn das funktionieren? Viren in HIV-positivem Blut, in Sperma – wohl möglich –, aber was hat das mit Schuhbändern zu tun und mit der Zigarette, die du nur steril zwischen den Lippen halten darfst? Was hat Aidsinfektion mit dem Fleck auf der Straße, mit dem rosa Schein im Wasser, mit dem Pflaster auf der Straße zu tun? Oder gar, dass nichts mehr rot sein darf?« Sie kennen das verständnislose Kopfschütteln, wohl gar das Tippen mit dem Zeigefinger an den Kopf, das besagen soll: »Der oder die tickt nicht mehr ganz richtig.«

Was tun? – Ich habe mir vorgenommen (nach Gesprächen der Patientin mit dem Therapeuten), eine vorsichtige Schritt-für-Schritt-Kotherapie mit der Betroffenen zu beginnen. Sie erschrickt vor Rot in jeder Form, ob als Nagellack, Lippenstift (den sie so gerne tragen würde!), dem weiß-roten Plastikabsperrband an Baustellen oder einer in Rot gehaltenen Schrift auf einem Informationsblatt. Wir werden uns auch an den Hilfssatz halten: Über Dinge geht nichts! Eine Betroffene fürchtete sich vor dem Buch, das ein Aidskranker in der Hand hatte. Dieser kleine Satz ist uns auch behilflich, wenn wir Geländer anfassen und auch Türklinken, wenn wir uns in der Ambulanz schon recht müde auf einen Stuhl setzen und gedankliche Bearbeitung der zwanghaften Sorgen abhalten. Wie viele Stunden habe ich früher selbst in Arztwartezimmern stehend verbracht, weil mich mein zwanghafter Ekel vor »Schmutz« nicht auf einem Stuhl sitzen ließ.

Einem weißen Arztkittel brauchen wir nicht in großem Bogen auszuweichen, und vom Ständer auf dem Gang nehmen wir uns ein Informationsblatt mit für daheim. Auch ich nehme solch ein Blatt zu mir mit nach Hause, denn es gilt auch für mich: immer am Ball bleiben! Immer wieder einmal ein wenig Herausforderung suchen.

»Und was ist mit der Spritze, die ich im Park im Gras finden könnte?«, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Ich konnte bei der Aidsberatungsstelle anrufen und mich informieren. Ich bin dann sogar selbst hingegangen, dort konnte ich feststellen, dass Leute, die in der Beratungsstelle arbeiten, keineswegs lebensmüde sind. Sie wissen einfach um »eins, zwei, drei« Bescheid, das genügt. »Also mit der Spritze ist es so«, sagte man mir, »dort, wo sie noch feucht sein könnte, also drinnen in der Nadel, da könnte ein mögliches Virus noch leben. Einem Kind, das solch eine Spritze im Gras entdeckt, werden Sie diese natürlich wegnehmen. Vorn an der Spitze der Nadel hat das Virus innerhalb kürzester Zeit keine Chance mehr, weil es im eingetrockneten Blut nicht überleben kann. Dieses Virus ist halt äußerst sensibel und hält nicht annähernd so viel aus, wie Aidszwangskranke (und auch Nichtinformierte) ihm zutrauen.«