Der Weg aus der Zwangserkrankung - Ulrike S. - E-Book

Der Weg aus der Zwangserkrankung E-Book

Ulrike S.

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Beschreibung

Ulrike S. schildert die Entstehung ihrer Zwänge und vor allem die vielen Einschränkungen, die mit der Krankheit verbunden sind – im Beruf, in der Partnerschaft, der Familie, dem sozialen Umfeld. Sie berichtet im Detail über die Schritte der Veränderung während der Verhaltenstherapie, heraus aus dem Gefängnis ihrer Zwänge zu einem normalen Leben.Gerhard Crombach, ihr Verhaltenstherapeut, erklärt die einzelnen Stufen ihrer Therapie aus seiner Sicht. Hans Reinecker stellt grundsätzliche Merkmale der Verhaltenstherapie von Zwangsstörungen dar. Das Buch macht Betroffenen Mut zur Therapie und zur Veränderung ihrer Lebenseinstellungen.

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2003

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Ulrike S. (Pseudonym) hat selbst viele Jahre lang an einer schweren Zwangsstörung gelitten und sich durch eine Kognitive Verhaltenstherapie davon befreit. Sie unterstützt als Kotherapeutin die Arbeit mit Zwangskranken.

Dr. Gerhard Crombach, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, arbeitet in eigener psychotherapeutischer Praxis in Innsbruck.

Prof. Dr. Hans Reinecker ist Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie/Psychotherapie an der Universität Bamberg.

Ulrike S. / Gerhard Crombach /Hans Reinecker

Der Weg aus der Zwangserkrankung

Bericht einer Betroffenen fürihre Leidensgefährten

4. Auflage

Vandenhoeck & Ruprecht

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National-bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internetüber <http://dnb.ddb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-647-99764-3

Umschlaggestaltung: Rudolf Stöbener

Umschlagabbildung:Hans Gottfried von Stockhausen, Bergzeichen,1979, Überfangglas, Achat, Blei, 28 × 32 cm

4. Auflage 2003

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlichgeschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzendes Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung desVerlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere fürVervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen unddie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.© 2003, 1996 Vandenhoeck & Ruprecht, GöttingenSatz: Text & Form, Pohle

___________ Inhalt

__ Gerhard Crombach:Wovon handelt dieses Buch?

__ Ulrike S.: Mein Bericht

Die Entwicklung meiner Zwangserkrankung bis zum Beginn der Therapie

Die Familie leidet mit

Meine Wünsche an das Leben in der allerletzten Zeit vor der Therapie

Was ist Verhaltenstherapie?

Meine Tagebücher

Auf dem Stadtturm

Die Zwänge

Die Therapie

Die Übungen

Das Modellernen

Therapie/Kotherapie

Die Suche nach der neuen Identität

Gedankliche Hilfestellungen

Der Therapeut

Perspektiven

Gedanken zum Ausgang

Das Gräsererlebnis

__ Hans Reinecker: Zwänge und Hilfen

__ Literatur

__ Brief derDt. Gesellschaft Zwangserkrankungen

___________ Gerhard CrombachWovon handelt dieses Buch?

–  Von 27 Jahren Leiden an einer Zwangsstörung,

–  von zwei Jahren anstrengender Therapie mit Höhen und Tiefen,

–  von vier Jahren Zwangsfreiheit und

–  von drei Jahren Hilfe für andere Zwangskranke.

__ Welches Ziel verfolgt es?

Es soll Zwangskranken und ihren Angehörigen Hoffnung geben, Mut machen zur Therapie, Mißverständnisse über Verhaltenstherapie ausräumen, Ängste vor einer Therapie abbauen und allen Zögernden vermitteln: die Mühe lohnt sich. In seinem Text zum Abschluß des Buches wendet sich Hans Reinecker speziell auch an Therapeuten und Therapeutinnen. Er hebt den Fall ins Allgemeine, zeigt auf, was sie daraus lernen können und gibt wichtige therapeutische Hinweise.

Es ist das Herzensanliegen meiner ehemaligen Patientin und jetzigen Kotherapeutin, das Büchlein könnte einem demoralisierten, verzagten und hilflosen Zwangspatienten in die Hände fallen – so wie sie selbst jahrelang immer wieder heimlich in den Regalen der Fachbuchhandlungen nach Aufklärung und Hoffnung stöberte …

Ich komme dem Wunsch von Frau S. gern nach, diesen einleitenden Text zu schreiben. Da sie mich seit drei Jahren als vitale, gleichermaßen energische wie einfühlsame Kotherapeutin unterstützt, ist ihr Bild als ehemalige Patientin recht verblaßt.

Ich erinnere mich nur an eine verhärmte, depressive und erstarrte Frau, die da in mein Therapiezimmer kam, sorgsam bedacht, jeglichen überflüssigen Kontakt mit dem bequemen großen Ledersessel zu vermeiden: am äußersten Rand sitzend, ohne die Armlehnen zu berühren. An Zwangssymptomen notierte ich: »Kontaktvermeidung aller Ausscheidungen und Absonderungen von Fremden: Kot, Urin, Schweiß, Speichel, Haare, Sperma usw. Keine Infektionsangst. – Ein Hotelzimmer wäre ein Alptraum.«

An Hintergrundsproblemen steht am Beginn meiner Karteikarte: »Leeres Nest nach Auszug von zwei Kindern, beruflich unausgelastet; Zweifel am Therapieerfolg; massiver Tranquilizermißbrauch; starkes Sicherheitsstreben; Elternhaus: wenig Wärme, leistungsbezogen, prinzipienorientiert, wenig Selbstwert vermittelnd.«

Ihre Zweifel an den Aussichten einer Therapie waren nicht unbegründet: Kurze psychotherapeutische Kontakte ergaben keine Perspektive; die Aussagen in den Lehrbüchern, die sie zu Rate zog, waren pessimistisch; klassische antidepressive Medikamente vertrug sie nicht, und ein verhaltenstherapeutischer Kollege hatte ihr gleich in der ersten Stunde folgendes erklärt: »Im Laufe der Therapie werden wir eine Wäscherei aufsuchen, drei Stunden lang Schmutzwäsche sortieren, und dann werden sie ohne Händewaschen nach Hause gehen …«. So etwas erschien Frau S. absolut unvorstellbar, und damit blieb es bei diesem Erstgespräch. Zu mir war sie letztendlich über Vermittlung eines Oberarztes der Psychiatrischen Universitätsklinik gekommen.

Welche Faktoren fand ich in der Therapie wirksam?

Beziehungsgestaltung

Wie ich anfangs notiert hatte, zeigte Frau S. ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit und Anlehnung mit leichter Irritierbarkeit. Sie war durch kleinste Unsensibilitäten meinerseits und notwendige Grenzziehungen meiner Verfügbarkeit verunsichert. Es ist uns gelungen, eine sehr vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, die auch ihre Krisen hatte. Mittlerweile sind auch kleinere Konflikte, was die Betreuung gemeinsamer Patienten betrifft, problemlos austragbar. Die Defizite elterlicher Erziehung waren selten ein ausdrückliches Thema der Therapie; eher wurde ich über zwei Jahre ein wichtiger Elternersatz, der Frau S. zu einem positiveren Selbstbild verhalf. (In ihren Therapieberichten titulierte sie mich lange mit »Mon Papa«.)

»Schmutz«-Konfrontation in Alltagssituationen

Diese wäre ohne ein sehr graduiertes Vorgehen auf dem Boden von Vertrauen nicht möglich gewesen. Der zunehmende Kontakt mit den gefürchteten menschlichen Ausscheidungen in meinem Beisein und das nachfolgende Unterlassen von überflüssigen Säuberungen und Kontrollen waren sicher das Kernstück der Behandlung. Ich denke, es gelingt meiner ehemaligen Zwangspatientin sehr gut, diese entscheidende »Technik« in ihrem Erleben als einen Beziehungs- und Begegnungsprozeß darzustellen. Da wurde für sie nicht einfach eine lebenseinschränkende Angst abtrainiert, sondern ihr existentielles Dasein, die Beziehung zu sich selbst (ihre Identität), die Beziehung zu Mensch und Welt wurde revoltiert.

Hans Reinecker wird in seinem Text auf »Reizkonfrontation und Reaktionsverhinderung« als Schlüsselstrategie der Zwangsbehandlung ausführlich eingehen.

Medikamentöse Behandlung

Die zeitweise ausgeprägte Depression machte Pausen in der Konfrontationsbehandlung und eine Therapie mit Antidepressiva (vorwiegend Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer) notwendig. Die ursprüngliche Vermutung, daß die Depression – wie häufig der Fall – nur die Folge der völligen Lebenseinschränkung darstellt, hatte sich im Behandlungsverlauf nicht bestätigt. Das Auftreten leichter manischer Phasen machte deutlich, daß hier weitgehend unabhängig von der Zwangsstörung eine sogenannte bipolare affektive Störung vorlag, die schließlich durch Lithiumprophylaxe ebenfalls behoben werden konnte. Ich erwähne dies aus zwei wichtigen Gründen: Bestimmte Antidepressiva können bei der Zwangskrankheit zusätzlich zur Verhaltenstherapie hilfreich sein; die Zwangskranhheit ist häufig mit anderen Störungen vergesellschaftet. Diese Zusatzstörungen können eine Behandlung eventuell erschweren, verlängern, in ihrem Erfolg schmälern, ja bisweilen sogar verunmöglichen.

»Kontemplationen über den Bruder Schmutz«

Frau S. wird diese und ähnliche gedanklichen Übungen beispielhaft erwähnen. Für alle Zwangskranken gilt es, einen notwendigen Erkenntnisschritt zu meistern: Sie müssen lernen, mit Unsicherheit, Ungewißheit, Unvollkommenheit und Risiko zu leben, an die Stelle des Zweifels mutiges Vertrauen zu setzen. Es geht um »die angstfreie Erkenntnis, daß das gegenläufige zwanghafte Sicherheitsstreben gerade das Lebendige im Menschen tötet« (Hand 1990). Auf der Ebene des Menschlichen gibt es nur Relatives und Wahrscheinliches, nichts Absolutes. Die Welt ist nicht schwarz und weiß, nicht gut und böse, nicht schmutzig und nicht sauber. Es gibt nichts völlig Abgrenzbares, alles steht mit allem in Beziehung. Diese Einsicht kann systemtheoretisch, quantentheoretisch, buddhistisch oder nur durch den »Hausverstand« begründet werden. Im Fall von Frau S. war die Begründung eben christlich. Da diese universale Gegebenheit gefühlsmäßig realisiert werden muß (nicht nur im Kopf), sollte sie aus der Weltanschauung der Patientin erwachsen. Ich möchte aber betonen, daß es dabei meines Erachtens um eine Vertiefung der unersetzbaren Handlungserfahrungen geht. Frau S. faßte dadurch Mut, sich noch weiter und noch radikaler auf den allzu menschlichen Schmutz einzulassen. Warum sollte sie sich so absolut von etwas abgrenzen, aus dem wir alle bestehen: Atomen und Molekülen? Frau S. sieht heute in dieser »Besinnung auf die Liebe zu Menschen und Dingen«, dem »Annehmen alles zum Menschen Gehörenden«, einen ganz wesentlichen Therapiefaktor.

Wiedergewinn von praktischen Alltagsfertigkeiten

Frau S. kannte das gesellschaftliche Leben nur mehr aus dem Fernsehen. Wie man einen Straßenbahnfahrschein löst, wie man sich in einem Lokal verhält, das freie Reden mit Fremden, das Zugfahren und vieles andere mußte sie nach zwei Jahrzehnten minimaler Außenkontakte erst wieder mit therapeutischer Hilfe lernen. Mit dieser Zielsetzung machte sie auch über Monate ein unentgeltliches Training als Bürohilfskraft an einem Universitätsinstitut. Man sollte bedenken, wie demütigend es war, als fast fünfzigjährige Mutter selbst wieder wie ein Kind das Selbstverständlichste anderen abschauen zu müssen!

Ein neuer Lebensinhalt

Ich habe bereits erwähnt, daß der Auszug von zwei der drei Kinder schon vor Therapiebeginn ein Vakuum an sinnvoller Lebenstätigkeit erzeugte; schließlich benötigte der verbliebene Sohn als Student ebenfalls keine große Betreuung mehr. Zwar stellte die Familie als »Hereinträger« von Schmutz ein Zwangsproblem dar; andererseits war sie aber auch das einzige Fenster zur Welt gewesen. Der Therapiefortschritt verschärfte das Problem insofern, als sich Frau S. nun zunehmend freier bewegen konnte, aber der Wegfall stundenlanger Reinigungs- und Kontrollrituale plötzlich leere Zeit schuf: was damit anfangen? Wir haben viel über neue Sinnperspektiven gesprochen. Schließlich entdeckte Frau S. ihr verschüttetes Zeichentalent und schuf seither Hunderte von Naturstudien. Sie belegte Kurse, um ihre diesbezügliche Technik zu verbessern. Das Zeichnen ist nunmehr ihr ständiger Lebensbegleiter. Sie fertigt auch humoristische Übungsanleitungen für Angst- und Zwangspatienten an. Als Kotherapeutin ist sie für mich eine unersetzbare Hilfe für alle Übungen außerhalb des Sprechzimmers geworden. Als ehemalige Leidensgenossin bringt sie sehr viel Einfühlung und Spürsinn mit und wird als solche von Patienten vielleicht mehr akzeptiert als ein »Professioneller«.

Der radikale Entschluß, allen Zwängenkompromißlos den Kampf anzusagen

Die wenigsten Patienten werden völlig zwangsfrei; Frau S. wurde es. Die meisten arrangieren sich mit leichten Restzwängen, die oft kaum stören. Was Frau S. so besonders weit brachte, waren ihre große Angst, jemals wieder so gefangen und lebensunfähig zu werden, und überdies ein ausgeprägter Ehrgeiz, der – vielleicht ein elterliches Erbe wie die Zwangsbereitschaft – gleichzeitig zu ihrer Überwindung beitrug.

Daran anknüpfend möchte ich Leserinnen und Leser anregen, die Entwicklung von Frau S. auch unter einem Blickwinkel zu sehen, den wir fachlich Ressourcenaktivierung nennen. Die Überwindung der tiefgreifenden Störung gelang wohl nur durch Nutzung der positiven Seiten von Umfeld und Charakter der Patientin. Dies waren:

–  unterstützender Ehepartner

–  relative Freiheit von ökonomischem Druck (Zeit für Therapie und Eigengestaltung des Lebens)

–  gute Beziehungsfähigkeit (bei aller anfänglichen Verletzbarkeit: Bereitschaft zu Vertrauen, Offenheit, keine Scheinselbständigkeit durch trotzige Verweigerung usw.)

–  Natur-, Musik- und Menschenliebe

–  echte Religiosität

–  Kampfgeist gepaart mit der Fähigkeit zur »Demut« (Frau S. erläutert, was sie darunter versteht)

–  Kreativität und künstlerisches Talent

–  pädagogische Fähigkeiten (sie wollte Lehrerin werden).

Wenn Sie das als Patient oder Patientin lesen, werden sie vielleicht denken: So ein Rückhalt, solche Eigenschaften fehlen mir leider gänzlich; was für ein Glückspilz diese Frau S…. – Aber auch Sie haben Ihre eigenen, möglicherweise verborgenen Stärken! Therapie besteht unter anderem darin, diese bewußt zu machen, zu fördern, und vor allem: zu ermutigen, sie auch einzusetzen!

Die Therapie erstreckte sich über zwei Jahre und dauerte 160 Stunden. Das ist für eine erfolgreiche Verhaltenstherapie, auch gemessen an meinen eigenen Standards bei Zwangspatienten, ungewöhnlich lang. Aber rascher ging es in diesem Fall nicht. Ich hoffe, das verstehen gelegentlich auch die Gutachter in der kassenärztlichen Versorgung. Gute Therapie muß nicht lange dauern, aber manchmal tut sie es. (Therapie, die nur lange dauert, ohne jedoch Fortschritte erkennen zu lassen, sollte allerdings beendet werden.)

Eine mögliche Gefahr sehe ich im Erfahrungsbericht von Frau S.: er könnte unrealistische Erwartungen wecken. Leider können wir auch als Verhaltenstherapeuten nicht allen Zwangskranken so weitgehend helfen – und das liegt meist nicht am Unwillen der Patienten oder der Unfähigkeit der Therapierenden. Es hat mit der oft komplexen biologischen, biographischen und lebenssituativen Verankerung der Zwangskrankheit zu tun. Wenn wir in vielen Fällen Patienten und Patientinnen auch nicht völlig heilen können – erleichtern können wir ihr Schicksal fast immer.

Ich wünsche diesem Buch seinen Weg zu den Betroffenen.

___________ Ulrike S.Mein Bericht

Ich habe dieses kleine Buch für meine ehemaligen Leidensgefährten geschrieben. Ich hatte während des Schreibens vor allem den Gedanken im Kopf: Das Büchlein kann und soll kein Fachbuch sein. Ich schreibe es aus meiner ganz persönlichen Erfahrung von Erkrankung und Gesundung, aus all dem, was ich erlitten und erlebt habe. Das Buch soll ein Mittel der Verbindung zu jenen sein, die an Zwängen leiden; es soll helfen, Mut machen, vielleicht auch mit falschen Informationen aufräumen und – das ist mein größtes Anliegen – es soll Betroffenen mitteilen, daß es die Möglichkeit einer Hilfe gibt.

Ich bin die letzte Zeit vor meiner sehr geglückten Therapie nur noch weinend zu Hause gesessen, vollkommen ratlos und hoffnungslos, zutiefst deprimiert, weil meine beiden älteren Kinder aus dem Haus geflohen waren – als »Zwangsmutter« war ich für sie untragbar geworden. Ich war 27 Jahre zwangskrank und hatte keine Ahnung von der Möglichkeit einer Verhaltenstherapie. Ich hatte zwar spät davon gehört, aber aus falscher Information nicht den Mut zu einer Therapie.

Mein viel zu langer Leidensweg und meine ursprünglich falschen Vorstellungen von der Therapie drängen mich zum Schreiben.

Ich weiß, es braucht schon viel Entschlußkraft, sich auch nur zu einer Behandlung anzumelden. Man schiebt das vielleicht wirklich solange hinaus, bis man die Hoffnung auf eine Besserung aus eigener Kraft aufgegeben hat oder bis einem »das Wasser bis zum Halse steht«. Für viele mag bereits der Weg zum Therapeuten eine große Schwierigkeit sein. Nicht nur ich hatte Probleme, den Weg dorthin zu überwinden, im Wartezimmer zu sitzen, im Zimmer des Therapeuten Platz zu nehmen. Ich hatte das seinerzeit wegen meiner Berührungsängste nur mit einem schützenden Mantel und mit Handschuhen geschafft, und das im Monat Mai!

Welcher Art auch Ihre zwanghaften Probleme sein mögen, Sie haben wahrscheinlich Angst und Sorge, den alten, zwar schweren, aber doch bekannten Weg zu verlassen. Sie haben sich – oder besser: der Zwang hat Ihnen – eine Welt geschaffen, die trotz aller Beschwernisse und Leiden auch Ihre Welt ist. Der Zwangskranke, so sehr er leidet, hängt am »Althergebrachten« und fürchtet die Veränderung. Er glaubt, vielleicht könnte es »einfach so« wieder einmal besser werden. Mir hatte seinerzeit jemand vom Fach gesagt, es würde im Alter einmal besser werden. Auch daran hatte ich mich geklammert. Heute weiß ich, daß die Krankheit wohl bessere Abschnitte bringen kann, daß die Tendenz aber meist kontinuierlich fallend ist.

Lassen Sie es nicht darauf ankommen. Wenn Sie den Schritt zu einer Behandlung wagen, dann sind Sie nicht mehr allein. Die Zeit der geistigen Isolierung hat mit dem Beginn der Therapie ein Ende. Sie werden im Therapeuten oder in der Therapeutin einen Partner finden, der durch seine Berufserfahrung und sein Wissen Ihr »merkwürdiges« Denken und Verhalten kennt, versteht und sich einzufühlen versucht. Hier dürfen Sie sich ganz ohne Scham so geben und zeigen, wie Sie sind: zwangskrank, auf der Suche nach Hilfe.

__ Die Entwicklung meiner Zwangserkrankung bis zum Beginn der Therapie

Die Erkenntnis, an einer Zwangserkrankung zu leiden, hatte mich wie ein Faustschlag getroffen. Das war etwa zwei Jahre nach der massiven Verstärkung meiner Symptome zur Zeit des Berufseintritts. Da habe ich in irgendeinem Winkel einer Buchhandlung heimlich und verstohlen in einem Fachbuch gelesen. Bei der Beschreibung meiner Symptome ist es mir kalt über den Rücken gelaufen, denn jetzt wußte ich endlich, worunter ich litt – unter einer Zwangserkrankung. Jetzt hatte ich die Gewißheit, daß die Einengung meines Handelns, meine Ängste nicht nur vorübergehende Symptome waren, die wieder einmal vergehen würden, so schleichend, wie sie gekommen waren. Nein, ich litt unter einer wirklichen, womöglich schweren psychischen Erkrankung.

Gedanken drängten sich mir auf, deren ich mich nicht erwehren konnte, obwohl sie mir wesensfremd schienen. Ich fühlte mich zu Handlungen gezwungen, die von Unruhe, Anspannung oder sogar von Angst diktiert waren. Die Ausführung erleichterte mich kurzfristig, aber die Beruhigung war nie von Dauer. An guten Tagen schien mir das alles irgendwie verrückt; ich würde das Problem schon wieder in den Griff bekommen – glaubte ich. Aber war es wirklich verrückt? Ich hatte mir da Gesetze geschaffen, die für mich ihre Gültigkeit hatten, auch wenn alle Welt das Gegenteil behauptete und sich völlig anders verhielt.

Ich bin im Supermarkt gestanden und habe alle beneidet, die den Einkaufswagen ganz normal vor sich herschieben konnten, ohne riesige Angst vor dem Kontakt mit der Haltestange zu haben. Aber ich habe gewußt, daß dieses eigentlich ganz normale Verhalten der anderen für mich absolut nicht in Betracht kam. Würde ich mich wie die anderen verhalten, hätte ich als Folge eine unerträglich lange Kette von Reinigungsritualen zu ertragen.

Eigentlich konnte ich vor der Therapie das Unsinnige beziehungsweise Sinnvolle meines belastenden Denkens und Handelns im allgemeinen nur sehr diffus definieren. Ich habe es schon erwähnt: Je günstiger die Begleitumstände waren (= gute Stimmung, ein Erfolgserlebnis, Anerkennung durch andere), desto irrealer schienen mir die Befürchtungen. Jetzt noch habe ich gewisse Schwierigkeiten, meine damalige Zerrissenheit zu erklären.

Heute gehe ich von meinem Wissen aus, daß ich als Zwangskranke »absolute« Ansprüche hatte. Das heißt also: Wenn es etwas überhaupt nicht gibt (keinen Schmutz, kein Gift, keine Gefahr, keine Verantwortung für Leben, keine Schuld …), dann brauche ich auch nichts zu befürchten. Also wünschte ich mir eine männerlose Welt, weil diese meiner Meinung nach weniger Hygienebewußtsein haben als die Frauen. So gab es wenigstens weniger Schmutz. Letzte Konsequenz wäre wohl eine Welt mit mir als einziger Bewohnerin gewesen. Ich stellte mir eine Welt ohne Geld vor, denn dann hätte ich ein Riesenproblem weniger. Wenn nichts