Abend im Paradies - Lucia Berlin - E-Book
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Abend im Paradies E-Book

Lucia Berlin

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Beschreibung

Sie kennt sie alle. Die Höhen und Tiefen des Alltags, die Momente des Glücks, der Verzweiflung, die Gefühle dazwischen: Lucia Berlin, deren Erzählungen seit ihrer Wiederentdeckung 2015 auf den Bestsellerlisten stehen. In 22 weiteren Storys begegnen wir ihnen wieder, den Ex-Ehefrauen und alleinerziehenden Müttern, den Männern, die sie verlassen haben, den Süchtigen, den Kranken, den Liebenden. Zwischen Texas und Chile, New Mexico und New York ziehen sie hin und her, suchen, wie Lucia Berlin selbst, nach einem Ort, an dem sie zu Hause sein können. Ob ein Sommer voller Sternschnuppen im texanischen El Paso während des Zweiten Weltkriegs, die Angst vor den Drogendealern im mexikanischen Yelapa oder der Verlust eines geliebten Menschen: Immer entfaltet Lucia Berlin ihre einzigartige Fähigkeit, ehrlich und unsentimental, voller Melancholie und dunklem Humor davon zu erzählen, wie sich das Leben anfühlt..

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Seitenzahl: 365

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Lucia Berlin

Abend im Paradies

Storys

Aus dem amerikanischen Englisch von Antje Rávik Strubel

Kampa

Was zählt, ist die Story

Ein Vorwort von Mark Berlin

Lucia war eine Rebellin und eine bemerkenswerte Hand- werkerin, Gott hab sie selig, und zu ihrer Zeit tanzte sie. Ich wünschte, ich könnte all die Geschichten erzählen, darüber, wie sie zum Beispiel Smokey Robinson auf der Central Avenue in Albuquerque abholte und auf dem Weg zu seinem Auftritt in der Tiki-Kai-Lounge einen Joint rauchte. Sie kam spät nach Hause, noch ein bisschen Chanel unter dem Geruch nach Schweiß und Rauch. Auf Einladung eines rangniederen Älteren besuchten wir einen heiligen Tanz im Santo Domingo Pueblo in New Mexico. Als ein Tänzer stürzte, dachte Lucia, es wäre ihre Schuld. Unglücklicherweise war der gesamte Pueblo dieser Meinung, weil wir die einzigen Fremden waren. Jahrelang war das unser Totem fürs Unglück. Unsere ganze Familie lernte, wie man am Strand tanzt, durch Museen, in Restaurants und Clubs, und zwar so, als gehörten sie uns, wie man durch Ausnüchterungszellen und Gefängnisse und Preisverleihungen tanzt, mit Junkies, Zuhältern, Prinzen und Unschuldigen. Würde ich allerdings Lucias Geschichte erzählen, hielte man sie, auch wenn es sich um meine Perspektive handelt (objektiv oder nicht), für magischen Realismus. Niemand würde diesen Mist glauben.

Meine erste Erinnerung an Lucia ist ihre Stimme, mit der sie meinem Bruder Jeff und mir etwas vorlas. Es spielte keine Rolle, um was für eine Geschichte es sich handelte, weil jeder Abend von einer Erzählung in ihrem weichen Singsang erfüllt war, gemischt aus den Sprachmelodien aus Texas und Santiago, Chile. Lieder wie »Red River Valley«. Klug und zugleich wie ein Volkslied, und glücklicherweise ohne das El-Paso-Näseln ihrer Mutter. Ich wäre sicherlich der Letzte gewesen, der mit ihr geredet hätte, und sie las mir ja vor. Ich erinnere mich nicht an das, was sie las (eine Buchrezension, etwas aus den Hunderten von Manuskripten, die die Leute ihr zu lesen gaben, eine Ansichtskarte?), nur ihre klare, liebevolle Stimme, waberndes Räucherwerk, Streifen des Sonnenuntergangs, danach saßen wir beide still da und schauten auf ihren Bücherschrank. Waren uns der Macht und Schönheit der Worte in diesen Regalen bewusst. Etwas, das man genießen und über das man nachsinnen sollte.

Außer ihrem Humor und dem Schreiben erbte ich ihre Rückenprobleme, und wir klagten und lachten im Gleichklang, harmonisch, wenn wir nach mehr Cambozola, einem Cracker oder einer Weintraube griffen. Gejammer über Medikamente und Nebenwirkungen. Wir lachten über das erste Gebot des Buddhismus: Leben ist Leiden. Und über die mexikanische Ansicht, dass das Leben hart ist, ganz sicher aber Spaß machen könnte.

Als junge Mutter schob sie uns durch die Straßen von New York: in Museen, zu Treffen mit anderen Schriftstellern, wollte, dass wir sehen, wie eine Druckmaschine funktioniert und wie Maler arbeiten, dass wir Jazz hörten. Und dann waren wir auf einmal in Acapulco, später in Albuquerque. Die ersten Haltestellen eines Lebens, das im Durchschnitt nie länger als jeweils etwa neun Monate in irgendeinem Lehmhaus verbracht wurde … Aber Zuhause war immer bei ihr.

Das Leben in Mexiko ängstigte sie zu Tode. Skorpione, Würmer im Verdauungstrakt, herabfallende Kokosnüsse, korrupte Polizisten und gierige Drogenhändler; aber als wir am Tag vor ihrem Geburtstag in Erinnerungen schwelgten, hatten wir irgendwie überlebt. Sie überlebte drei Ehemänner und wer weiß wie viele Liebhaber; als sie vierzehn war, hatten Ärzte ihr gesagt, sie würde keine Kinder bekommen und nicht älter als dreißig werden! Sie brachte vier Söhne zur Welt, von denen ich der älteste bin und der, der die größten Schwierigkeiten machte, wir alle waren schwierig zu erziehen. Aber sie tat es. Und gut.

Über ihre Alkoholabhängigkeit gab es viel Gerede, und sie musste gegen die Scham ankämpfen, die es mit sich brachte, aber am Ende lebte sie beinahe zwanzig Jahre nüchtern, Jahre, in denen sie ihre besten Texte schrieb und einen Großteil der jüngeren Generation durch ihren Unterricht inspirierte. Letzteres ist keine Überraschung, da sie seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr immer wieder unterrichtete. Es gab harte Zeiten, auch Zeiten voller Gefahr. Als es ihr richtig schlecht ging, fragte Ma sich laut, warum niemand kam und ihr die Kinder wegnahm. Keine Ahnung, aber wir sind gut geraten. In den Vorstädten wären wir alle verwelkt; wir waren die Berlin-Gang.

Ein Großteil unserer Erfahrung ist unglaublich. Die Geschichten, die sie hätte erzählen können. Als sie beispielsweise in Oaxaca mit einem Malerfreund, von Pilzen berauscht, nackt baden ging. Sie flippten aus, als sie aus dem Wasser kamen, von Kopf bis Fuß grün vom Kupfer im Fluss. Unvorstellbar, wie sie in ihrem rosafarbenen Rebozo ausgesehen haben muss!

Ich versuche gar nicht erst, das Junkie-Rehabilitationszentrum außerhalb von Albuquerque zu beschreiben (siehe ihre Erzählung »Streuner«) 1, aber stellen Sie sich Buñuel und Tarantino vor, die einen Film im Film drehen, in dem sechzig Hardcore-Ex-Knackis, Angie Dickinson, Leslie Nielsen, ein Dutzend Science-Fiction-Zombies und die zuvor bereits erwähnte Berlin-Gang vorkommen.

Meine liebste Erinnerung ist die an einen Sonnenuntergang in Yelapa, der an Buddy Berlins Saxophon verglühte, an Bebop-Wolken und den Rauch vom Holzfeuer, während Ma auf einer Kochplatte aus Ton das Abendessen kochte, ihr Gesicht strahlend im korallenfarbenen Licht, Flamingos in der Lagune draußen auf der Jagd nach Fischen, die ihre Beine in die Hüften gestemmt hatten, das Geräusch der Brandung und das Klopfen der Frösche, das Knirschen des groben Sandbodens unter unseren Füßen. Hausaufgabenmachen beim Licht der Laterne und der kratzigen Billie Holiday.

Ma schrieb wahre Geschichten, nicht unbedingt autobiografisch, aber treffend. Unsere Familiengeschichten und Erinnerungen formten sich langsam um, wurden verschönert und so weit überarbeitet, dass ich nicht sicher bin, was die ganze Zeit wirklich passierte. Lucia sagte, das spiele keine Rolle: was zähle, sei die Story.

 

Mark Berlin, Lucias erster Sohn, war Schriftsteller, Koch, Künstler, Freigeist, er mochte Tiere und alles mit Knoblauch. Er starb 2005.

Spieluhr-Schminkkästchen

»Gehorche der Zucht deines Vaters und verlass nicht das Gebot deiner Mutter. Denn solches ist ein schöner Schmuck deinem Haupt und eine Kette um deinen Hals. Mein Kind, wenn dich die bösen Buben locken, so folge nicht.«

 

Mamie, meine Großmutter, las es zweimal durch. Ich versuchte, mich an die Anweisungen zu erinnern, die ich bekommen hatte. Bohr nicht in der Nase. Aber eine Kette wollte ich trotzdem, eine, die klimperte, wenn ich lachte, wie die von Sammy.

Ich kaufte eine Kette und ging zum Greyhound-Busbahnhof, wo eine Maschine etwas auf Metallscheiben prägte … einen Stern in die Mitte. Ich schrieb LUCHA und hängte sie mir um den Hals.

Es war Ende Juni 1943, als Sammy und Jake mich und Hope an einer Sache beteiligten. Sie redeten mit Ben Padilla und schickten uns zuerst weg. Als Ben gegangen war, rief Sammy uns zu sich unter die Veranda.

»Setzt euch, wir beteiligen euch.«

Sechzig Karten. Auf der Oberseite jeder Karte war die mit Tinte gemalte Abbildung eines Spieluhr-Schminkkästchens zu sehen … Daneben gab es ein rotes Siegel, auf dem NICHTÖFFNEN stand. Unter dem Siegel stand ein Name von der Karte. Dreiunddreißig Namen aus drei Buchstaben mit jeweils einer Zeile daneben. AMY, MAE, JOE, BEA usw.

»Ein Los für einen Namen zu kaufen, kostet fünf Cent. Man schreibt den Namen der Person daneben. Wenn alle Namen verkauft sind, öffnen wir das rote Siegel. Die Person, die sich diesen Namen ausgesucht hat, gewinnt das Schminkkästchen.«

»Verdammt viele Schminkkästchen!« Jake kicherte.

»Halt’s Maul, Jake. Ich kriege diese Karten aus Chicago. Jede ist anderthalb Dollar wert. Ich schicke ihnen für jede einen Dollar, und sie schicken mir die Kästchen. Kapiert?«

»Ja«, sagte Hope. »Also?«

»Also kriegt ihr zwei einen Vierteldollar für jede Karte, die ihr verkauft, und wir kriegen einen Vierteldollar. Das macht uns zu Fifty-fifty-Partnern.«

»So viele Karten können die gar nicht verkaufen«, sagte Jake.

»Klar, können sie«, sagte Sammy. Er gab Hope die Karten. »Lucha hat die Verantwortung fürs Geld. Es ist halb zwölf … legt los … wir stoppen die Zeit.«

»Viel Glück!«, riefen sie. Sie schubsten einander übers Gras, lachten.

»Die lachen uns aus … die glauben, wir können’s nicht!«

Wir klopften an die erste Tür … eine Dame kam und setzte ihre Brille auf. Sie kaufte den ersten Namen. ABE. Sie schrieb ihren Namen und ihre Adresse daneben, gab uns fünf Cent und ihren Bleistift. Reizende Schätzchen nannte sie uns.

Wir besuchten jedes Haus auf dieser Seite der Upson Street. Als wir den Park erreichten, hatten wir zwanzig Namen verkauft. Wir setzten uns vor die Mauer des Kakteengartens, atemlos, triumphierend.

Die Leute fanden uns goldig. Wir waren beide sehr klein für unser Alter. Sieben. Wenn eine Frau öffnete, verkaufte ich das Los. Meine blonden Haare standen in doppelter Breite vom Kopf ab, wie ein großer, gelber Steppenroller. »Ein gesponnener, goldener Heiligenschein!« Weil meine Zähne fehlten, wölbte ich meine Zunge hoch, wenn ich lächelte, als wäre ich schüchtern. Die Damen tätschelten mich und beugten sich herunter, um mich hören zu können … »Worum geht es, Engel? Aber ja, das würde ich liebend gern machen!«

Wenn es ein Mann war, verkaufte Hope. »Fünf Cent … suchen Sie sich einen Namen aus«, sagte sie gedehnt, reichte ihnen die Karten und den Bleistift, ehe sie die Tür schließen konnten. Sie sagten, sie hätte Mumm, und kniffen in ihre dunklen, knochigen Wangen. Ihre Augen unter dem schweren schwarzen Haarschleier blitzten sie an.

Nur wegen der Zeit machten wir uns Sorgen. Es war schwer zu sagen, ob jemand zu Hause war oder nicht. Die Klingelgriffe runterdrücken, warten. Am schlimmsten war es, wenn wir die einzigen Besucher seit »wer weiß wie lange« waren. Alle diese Menschen waren sehr alt. Die meisten von ihnen sind sicher wenige Jahre später gestorben.

Außer den einsamen Menschen und denen, die uns goldig fanden, gab es einige … zwei an diesem Tag … die wirklich glaubten, es wäre ein Omen, die Tür zu öffnen und ein Los angeboten zu bekommen, eine Chance. Sie brauchten am längsten, aber das störte uns nicht … warteten, ebenso atemlos, während sie mit sich selbst redeten. Tom? Dieser verdammte Tom. Sal. Meine Schwester nannte mich Sal. Tom. Ja, ich nehme Tom. Was, wenn er gewinnt?

Wir gingen gar nicht erst zu den Häusern auf der anderen Seite der Upson Street. Den Rest verkauften wir an den Wohnungen gegenüber vom Park.

Eine Uhr. Hope gab Sammy die Karte, ich schüttete das Geld über seiner Brust aus. »Gott!«, sagte Jake.

Sammy küsste uns. Wir wurden rot, grinsten auf dem Rasen.

»Wer hat gewonnen?« Sammy setzte sich auf. Die Knie seiner Levi’s waren grün und nass, seine Ellbogen grün vom Gras.

»Was steht da?« Hope konnte nicht lesen. Sie war in der ersten Klasse sitzen geblieben.

ZOE.

»Wer?« Wir sahen uns an … »Wer war das?«

»Es ist die Letzte auf der Karte.«

»Oh.« Der Mann mit der Salbe an den Händen. Schuppenflechte. Wir waren enttäuscht, es gab zwei sehr nette Leute, denen wir gewünscht hatten, sie würden gewinnen.

Sammy sagte, wir könnten die Karten und das Geld behalten, bis wir sie alle verkauft hätten. Wir nahmen sie mit über den Zaun und unter die Veranda. Ich fand eine alte Brotbüchse zum Aufbewahren.

Wir nahmen drei Karten und den Weg durch die Gasse auf der Rückseite. Wir wollten nicht, dass Sammy und Jake uns für zu eifrig hielten. Wir überquerten die Straße, rannten von Haus zu Haus, klopften an Türen, überall auf der anderen Seite der Upson Street. Eine ganze Seite der Mundy Street hinunter bis zum Sunshine-Lebensmittelmarkt.

Wir hatten zwei Karten vollständig verkauft … saßen auf dem Bordstein und tranken Traubenlimonade. Mr. Haddad stellte Flaschen für uns in den Gefrierschrank, sodass die Flüssigkeit sulzig herauskam … wie geschmolzenes Eis am Stiel. Die Busse mussten an der Straßenecke eine enge Kurve nehmen, kamen gerade so an uns vorbei, hupten. Hinter uns, am Mount Cristo Rey, stiegen Staub und Rauch auf, gelber Schaum in der texanischen Nachmittagssonne.

Ich las die Namen laut vor – wieder und wieder. Wir machten ein X bei denjenigen, von denen wir hofften, dass sie gewinnen würden … Ein O bei den schlechten.

Der barfüßige Soldat … »Ich BRAUCHE ein Schminkkästchen!« Mrs. Tapia … »Na, dann kommt mal rein! Wie schön, dass ihr da seid!« Ein sechzehnjähriges Mädchen, frisch verheiratet, die uns gezeigt hatte, wie sie die Küche in rosa gestrichen hatte, allein. Mr. Raleigh – gruselig. Er hatte zwei Dänische Doggen zurückgerufen, hatte Hope ein sexy Ferkelchen genannt.

»Weißt du … wir könnten tausend Namen pro Tag verkaufen … wenn wir Rollschuhe hätten.«

»Ja, wir brauchen Rollschuhe.«

»Weißt du, was nicht stimmt?«

»Was?«

»Wir sagen immer … ›Wollen Sie ein Los kaufen?‹ Wir sollten sagen ›Lose‹.«

»Wie wäre es mit … ›Wollen Sie nicht eine ganze Karte kaufen?‹«

Wir lachten, glücklich, saßen auf dem Bordstein.

»Lass uns die letzte verkaufen.«

Wir gingen um die Ecke, zur Straße unterhalb der Mundy Street. Es war dunkel, das Licht gedämpft von Eukalyptus-, Feigen- und Granatapfelbäumen, mexikanische Gärten, Far- ne, Oleander und Zinnien. Die alten Frauen sprachen kein Englisch. »No, gracias«, schlossen die Türen.

Der Priester von Holy Family kaufte zwei Namen. JOE und FAN.

Dann kam ein Häuserblock mit deutschen Frauen, Mehl an den Händen. Sie schlugen die Türen zu. Tsch!

»Lass uns nach Hause gehen … das wird nichts.«

»Nein, oben an der Vilas-Schule gibt es viele Soldaten.«

Sie hatte recht. Die Männer waren draußen, in Khaki-Hosen und T-Shirts, wässerten gelbes Bermudagras und tranken Bier. Hope verkaufte. Ihr Haar klebte jetzt wie ein schwarzer Perlenvorhang in Fäden auf ihrem olivfarbenen syrischen Gesicht.

Ein Mann gab uns einen Vierteldollar, und seine Frau rief nach ihm, bevor er das Wechselgeld erhielt. »Gib mir fünf!«, schrie er durch die Fliegengittertür. Ich fing an, seinen Namen aufzuschreiben.

»Nein«, sagte Hope. »Wir können sie noch mal verkaufen.«

 

Sammy öffnete die Siegel.

Mrs. Tapia hatte mit SUE gewonnen, dem Namen ihrer Tochter. Wir hatten bei ihr ein X gemacht, sie war so nett. Mrs. Overland gewann die Nächste. Keiner von uns konnte sich erinnern, wer das war. Der dritte Gewinner war ein Mann, der LOU gekauft hatte, aber eigentlich hätte der Soldat, der uns einen Vierteldollar gegeben hatte, damit gewinnen müssen.

»Wir sollten es dem Soldaten geben«, sagte ich.

Hope wischte ihre Haare nach oben, um mich anzusehen, lächelte beinahe …

»Okay.«

Ich sprang über den Zaun in unseren Hof. Mamie wässerte die Pflanzen. Meine Mutter spielte Bridge, mein Abendessen war im Ofen. Ich las Mamies Lippen wegen der Nachrichten mit H.V. Kaltenborn, die von drinnen zu hören waren. Großvater war nicht taub, er stellte nur laut.

»Kann ich für dich gießen, Mamie?« Nein, danke.

Ich schlug die Eingangstür, geriffeltes Buntglas, an die Wand.

»Komm rin hier!«, schrie er lauter als das Radio. Überrascht rannte ich hinein, lächelnd, wollte auf seinen Schoß klettern, aber er raschelte mich mit einem Zeitungsausschnitt weg.

»Warst du bei diesen schmutzigen Arabern?«

»Syrer«, sagte ich. Sein Aschenbecher glühte rot wie die Buntglastür.

Dieser Abend … Fibber McGee und Amos und Andy im Radio. Ich weiß nicht, warum er sie so mochte. Er sagte immer, er hasste Farbige.

Mamie und ich saßen mit der Bibel im Speisezimmer. Wir waren noch bei den Sprichwörtern.

»Offene Strafe ist besser denn heimliche Liebe.«

»Warum?«

»Egal.« Ich schlief ein, und sie brachte mich ins Bett.

Ich wachte auf, als meine Mutter nach Hause kam … lag wach neben ihr, während sie Käsecracker aß und einen Krimi las. Jahre später wurde mir klar, dass meine Mutter allein während des Zweiten Weltkriegs mehr als 950 Schachteln Käsecracker gegessen hatte.

Ich wollte mit ihr reden, ihr von Mrs. Tapia erzählen, von dem Mann mit den Hunden, wie Sammy uns fifty-fifty beteiligt hatte. Ich legte meinen Kopf auf ihre Schulter, Käsecrackerkrümel, und schlief ein.

 

Am nächsten Tag gingen Hope und ich zuerst zu den Wohnungen auf der Yandell Avenue. Junge Soldatenfrauen in Lockenwicklern, Morgenmänteln aus Chenille, wütend, weil wir sie geweckt hatten. Keine von ihnen kaufte ein Los. »Nein, ich habe keine fünf Cent.«

Wir nahmen einen Bus zur Plaza, stiegen in einen Mesa Bus zum Kern Place um. Reiche Leute … Gartengestaltung, Glockenspiele an den Türen. Das war noch besser als die alten Damen. Texanische Junior League, gebräunt, Bermudashorts, Lippenstift und June-Allyson-Pagenfrisuren. Ich glaube nicht, dass sie jemals Kinder wie uns gesehen hatten, Kinder, die die alten Kreppblusen ihrer Mütter trugen.

Kinder mit Frisuren wie unseren. Hopes Haar floss wie dicker schwarzer Teer an ihrem Gesicht herab, meins stand vom Kopf ab wie ein buschiger, gelber Strandball, der in der Sonne Risse bekam.

Sie lachten immer, wenn sie begriffen, was wir verkauften, gingen hinein, um »Wechselgeld« zu holen. Wir hörten, wie eine von ihnen mit ihrem Mann sprach … »Komm, das musst du dir ansehen. Richtige Straßenkinder!« Er kam wirklich, und er war der Einzige, der ein Los kaufte. Die Frauen gaben uns einfach Geld. Ihre Kinder starrten uns an, blass, von ihren Schaukeln aus.

»Lass uns zum Busbahnhof gehen.«

Dort waren wir schon vor den Karten gewesen … zum Zeitvertreib, um alle küssen und weinen zu sehen, verlorene Münzen zwischen dem Absatz unterm Zeitungsstand aufzuheben. Sobald wir zur Tür herein waren, stießen wir einander in die Seite, kicherten. Warum war uns das nie in den Sinn gekommen? Millionen von Menschen mit Fünfcentstücken, die nichts anderes taten, als zu warten. Millionen Soldaten und Matrosen, die eine Freundin oder eine Frau oder ein Kind mit einem Namen aus drei Buchstaben hatten.

 

Wir machten einen Zeitplan. Morgens gingen wir zum Bahnhof. Matrosen hatten sich auf den Bänken ausgestreckt, die Hüte über ihren Augen gefaltet wie runde Klammern. »Hä? Ach, guten Morgen, ihr Süßen! Na klar.«

Alte Männer saßen herum. Zahlten fünf Cent, um über den anderen Krieg reden zu können, über einen Toten mit einem Namen aus drei Buchstaben.

Wir gingen in den Warteraum für FARBIGE, verkauften drei Namen, ehe uns ein weißer Schaffner an den Ellbogen gepackt hinauswarf. Die Nachmittage verbrachten wir im USO auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Soldaten gaben uns kostenloses Mittagessen, fade, in Wachspapier gewickelte Schinken-Käse-Sandwiches, Cola, Milky Ways. Wir spielten Tischtennis und Flipper, während die Soldaten die Karten ausfüllten. Einmal gewannen wir jede einen Vierteldollar, indem wir auf den kleinen Zähler schlugen, der zählte, wie viele Soldaten hereinkamen, während die Frau, die das normalerweise machte, mit einem Matrosen irgendwohin ging.

Mit jedem Zug kamen weitere Soldaten und Matrosen herein.

Die, die schon da waren, forderten die Neuen auf, unsere Lose zu kaufen. Sie nannten mich Himmel und Hope Hölle.

Der Plan bestand darin, alle sechzig Karten zu behalten, bis sie abverkauft waren, aber wir bekamen immer mehr Geld und extra Trinkgeld und konnten es nicht einmal mehr zählen.

Wir konnten es sowieso nicht erwarten, zu sehen, wer gewonnen hatte, auch wenn nur noch zehn Karten übrig waren. Wir brachten die drei Zigarrenschachteln mit Geld und die Karten zu Sammy.

»Siebzig Dollar?« Verdammt. Sie setzten sich im Gras auf. »Verrückte Kinder. Sie haben es geschafft.«

Sie küssten und umarmten uns. Jake rollte sich von einer Seite auf die andere, hielt sich den Bauch, quiekte »Gott … Sammy, du bist ein Genie, ein Superhirn!«

Sammy umarmte uns. »Ich wusste, dass ihr es könnt.«

Er schaute sich alle Karten an, fuhr sich mit einer Hand durch sein langes Haar, das so schwarz war, dass es beinah nass aussah. Er lachte über die Namen, die gewonnen hatten.

PFC Octavius Oliver, Fort Sill, Oklahoma. »Hey, wo habt ihr diese Typen gefunden?« Samuel Henry Throper, Überall, USA. Das war ein alter Mann im FARBIGEN Teil, der sagte, wir könnten das Schminkkästchen haben, wenn er gewinnen würde.

Jake ging zum Sunshine-Lebensmittelmarkt und brachte uns tropfendes Bananeneis am Stiel. Sammy fragte uns nach all den Namen und danach, wie wir es angestellt hatten. Wir erzählten ihm von Kern Place und den schönen Ehefrauen in Hemdblusenkleidern aus Chambray-Stoff, von USO, den Flipperautomaten, dem schmutzigen Mann mit den Dänischen Doggen.

Er gab uns siebzehn Dollar … mehr als fifty-fifty. Wir nahmen nicht erst den Bus, rannten einfach ins Zentrum zu Penney’s. Weit. Wir kauften Rollschuhe und Rollschuhschlüssel, Zauberarmbänder bei Kress und eine Tüte mit roten, gesalzenen Pistazien. Wir saßen bei den Krokodilen auf der Plaza … Soldaten, Mexikaner, Alkis.

Hope schaute sich um … »Wir könnten hier verkaufen.«

»Nein, hier hat niemand Geld.«

»Außer uns!«

»Am schlimmsten wird es, die Schminkkästchen vorbeizubringen.«

»Nein, wir haben Rollschuhe.«

»Lass uns morgen Rollschuhlaufen lernen … hey, wir können sogar die Talbrücke hinunterfahren und die Schlacke in der Schmelzhütte anschauen.«

»Wenn die Leute nicht zu Hause sind, legen wir sie einfach hinter die Fliegengittertür.«

»Hotellobbys wären ein guter Ort zum Verkaufen.«

Wir kauften tropfende Cony Islands und Rootbeer-Smoothies zum Mitnehmen. Dann war das Geld alle. Wir warteten mit dem Essen, bis wir den leeren Bauplatz am Anfang der Upson Street erreicht hatten.

Der Bauplatz lag auf einem ummauerten Hügel, hoch über dem Gehweg, überwuchert von struppigen, grauen Pflanzen mit lila Blüten. Zwischen den Pflanzen lag überall auf dem Bauplatz zerbrochenes Glas, das die Sonne in verschiedenen lavendelfarbenen Schattierungen gebleicht hatte. Um diese Tageszeit, am späten Nachmittag, traf die Sonne den Platz in einem Winkel, in dem das Licht von unterhalb zu kommen schien, aus dem Inneren der Blüten, der amethystfarbenen Steine.

 

Sammy und Jake wuschen ein Auto. Eine blaue Schrottkarre ohne Dach oder Türen. Wir rannten die letzten Querstraßen, die Rollschuhe polterten in den Schachteln.

»Wem gehört das?«

»Uns, wollt ihr mitfahren?«

»Wo habt ihr das her?«

Sie wuschen die Reifen. »Von einem Typen, den wir kennen«, sagte Jake. »Wollt ihr mitfahren?«

»Sammy!«

Hope stellte sich auf einen Sitz. Sie sah aus, als wäre sie verrückt geworden. Ich verstand es noch nicht.

»Sammy – wo hast du das Geld für dieses Auto her?«

»Ach, von hier und da …« Sammy grinste sie an, trank aus dem Schlauch und wischte sich mit dem T-Shirt übers Kinn.

»Wo habt ihr das Geld her?«

Hope sah aus wie eine uralte blasse gelbe Hexe. »Ihr hinterhältigen Arschlöcher!«, schrie sie.

Da verstand ich es. Ich folgte ihr über den Zaun und unter die Veranda.

»Lucha!«, rief Sammy, mein erster Held, aber ich folgte ihr bis zur Brotbüchse, wo sie sich hinhockte.

Sie gab mir den Stapel ausgefüllter Karten. »Zähl sie.« Es dauerte lange.

Mehr als fünfhundert Leute. Wir schauten die durch, hinter denen wir ein X gemacht hatten in der Hoffnung, dass sie gewannen.

»Wir könnten für einige von ihnen Schminkkästchen kaufen …«

Sie schnaubte. »Mit welchem Geld? Solche Spieluhr-Schminkkästchen gibt’s doch sowieso nicht. Hast du jemals von einem Spieluhr-Schminkkästchen gehört?«

Sie öffnete die Brotbüchse und nahm die zehn unverkauften Karten heraus. Sie war verrückt, kroch im Staub unter der Veranda herum wie ein sterbendes Huhn.

»Was machst du, Hope?«

Keuchend und zusammengekrümmt hockte sie in der Öffnung, die durch die Heckenkirsche zum Hof führte. Sie hielt die Karten hoch, wie den Fächer einer wahnsinnigen Königin.

»Sie gehören jetzt mir. Du kannst mitkommen. Fifty-fifty. Oder du kannst hierbleiben. Wenn du mitkommst, heißt das, dass du mein Partner bist und dein ganzes Leben lang nie wieder mit Sammy reden darfst, oder ich ermorde dich mit einem Messer.«

Sie ging weg. Ich legte mich in den feuchten Schmutz. Ich war müde. Ich wollte einfach nur da liegen, für immer, und nie wieder irgendetwas tun.

Ich lag dort eine lange Zeit, und dann kletterte ich über den Holzzaun in die Gasse. Hope saß auf dem Bordstein an der Ecke, ihre Haare wie ein schwarzer Eimer auf dem Kopf. Vornübergebeugt wie eine Pietà.

»Lass uns gehen«, sagte ich.

Wir gingen den Hügel in Richtung Prospect Road hinauf. Es war Abend … die Familien waren alle draußen, wässerten den Rasen, Gemurmel von den Verandaschaukeln, die so rhythmisch knarzten wie die Zikaden.

Hope stieß hinter uns ein Tor auf. Wir gingen über den nassen Beton auf die Familie zu. Eistee, auf den Stufen sitzen, der Absatz. Sie hielt ihnen eine Karte hin.

»Suchen Sie sich einen Namen aus. Zehn Cent das Los.«

 

Am nächsten Morgen zogen wir zeitig mit dem Rest der Karten los. Wir erzählten nichts von dem neuen Preis oder von den sechs Karten, die wir am vergangenen Abend verkauft hatten. Vor allem erzählten wir nichts von unseren Rollschuhen … zwei Jahre lang hatten wir uns Rollschuhe gewünscht. Wir hatten sie noch nicht einmal anprobiert.

Als wir an der Plaza aus dem Bus stiegen, sagte Hope noch einmal, dass sie mich töten würde, wenn ich jemals wieder mit Sammy sprechen würde.

»Niemals. Willst du Blut?« Wir schnitten uns immer in die Handgelenke und besiegelten Versprechen.

»Nein.«

Ich war erleichtert. Ich wusste, dass ich eines Tages wieder mit ihm reden würde, und ohne Blut wäre es nicht so schlimm.

Das Gateway Hotel wie aus einem Dschungelfilm. Spucknäpfe, klickende Pankhas, Palmen, sogar ein Mann im weißen Anzug, der sich selbst Luft zufächerte wie Sydney Greenstreet. Alle wedelten uns weg, schüttelten ihre Gesichter wieder zurück hinter die Zeitungen, als wüssten sie über uns Bescheid. Menschen, so anonym wie Hotels.

Draußen, über den hitzeweichen Teer der Straße, um einen Omnibus nach Juarez zu erwischen. Mexikaner in rebozos – sie rochen wie amerikanische Papiertüten und Candy Corn von Kress, gelb-orange.

Unvertraute Gegend … Juarez. Ich kannte nur die verspiegelten Bars mit den Fontänen, die »Cielito Lindo«-Gitarrenspieler der Kriegswitwennächte meiner Mutter, als sie mit den »Parker Girls« ausgegangen war. Hope kannte nur die Dirty-Donkey-Filme. Mrs. Haddad schickte sie immer mit, wenn Darlene mit einem Soldaten verabredet war, damit nichts passierte.

Wir blieben auf der in Juarez gelegenen Seite der Brücke, lehnten wie die Taxifahrer, die Verkäufer der Holzschlangen an den Jalousien von Follies Bar, drängten uns nach vorn wie sie, wenn die Touristengruppen, die wippenden Soldatenjungen von der Brücke kamen.

Einige lächelten uns an, unsicher vor Angst, bezaubert zu sein, zu bezaubern. Zu sehr in Eile und zu verlegen, um unsere Karten anzuschauen, schoben sie uns Pennys, Fünfcentstücke, Zehncentstücke zu. »Hier!« Wir hassten sie; als ob wir Mexikaner wären.

Am späten Nachmittag spritzten sie auseinander, verschwanden die Soldaten und Touristen von der Rampe, trappelten den Gehweg entlang in den langsamen, heißen Wind aus schwarzem Tabak und CartaBlanca-Bier, rotgesichtig, voller Hoffnung … was werde ich sehen? Sie strömten an uns vorbei, drückten uns Fünf-, Zehncentstücke in die Fäuste, ohne unsere erhobenen Karten überhaupt anzuschauen oder in unsere Gesichter zu sehen.

Uns war taumelig, schwindlig vom nervösen Lachen, vom Wegtorkeln, blitzartigen Ausweichen. Wir lachten, mutig jetzt, wie die Verkäufer der Holzschlangen und Tonschweine. Unverschämt stellten wir uns ihnen in den Weg, zerrten an ihnen. »Oh, bitte, nur zehn Cent … Kaufen Sie einen Namen, zehn Cent … Hey, reiche Dame, lausige zehn Cent!«

Staub. Müde und verschwitzt. Wir lehnten an der Wand, um das Geld zu zählen. Die Schuhputzerjungs beobachteten uns, machten sich über uns lustig, obwohl wir sechs Dollar verdient hatten.

»Hope, lass uns die Karten in den Fluss werfen.«

»Was, und betteln wie diese kranken Penner?« Sie war aufgebracht. »Nein, wir werden jeden Namen verkaufen.«

»Wir müssen irgendwann was essen.«

»Stimmt.« Sie rief einen der Straßenjungen … »Oye, wo kriegen wir was zu essen?«

»Essen, mierda, gringa.«

Wir verließen die Hauptstraße von Juarez. Man konnte sie hinter uns sehen, sie hören, riechen, ein riesiger verschmutzter Fluss.

Wir fingen an zu rennen. Hope weinte. Ich hatte sie noch nie weinen sehen.

Wir rannten wie Ziegen, wie Fohlen, die Köpfe gesenkt, klapper, klapper über den matschigen Gehweg, dann leichter Galopp, gedämpft. Die Gehwege aus hartem rotem Schmutz.

Ein paar Lehmstufen hinunter ins Gavilán-Café.

 

In El Paso hörte man damals, 1943, viel vom Krieg. Mein Großvater klebte den ganzen Tag lang Ernie Pyle in Einklebebücher, Mamie betete. Meine Mutter arbeitete als freiwillige Helferin im Krankenhaus, spielte Bridge mit den Verwundeten. Sie brachte blinde oder einarmige Soldaten zum Abendessen mit nach Hause. Mamie las mir aus dem Buch Jesaja vor, wie eines Tages alle ihre Schwerter zu Pflugscharen machen würden. Aber ich dachte nicht an den Krieg. Ich vermisste und verklärte einfach nur meinen Vater, der ein Leutnant irgendwo auf der anderen Seite des Atlantiks war … Okinawa. Ein kleines Mädchen, zum ersten Mal dachte ich an den Krieg, als wir ins Gavilán-Café gingen. Ich weiß nicht, warum, ich erinnere mich nur daran, dass ich an Krieg dachte.

Es schien, als wäre jeder im Gavilán-Café ein Bruder, Cousin oder Verwandter, obwohl sie getrennt voneinander an Tischen oder an der Bar saßen. Ein Mann und eine Frau, die diskutierten, sich berührten. Zwei Schwestern, die hinter dem Rücken der Mutter flirteten. Drei Brüder, schlank, in Arbeitskleidung aus Drillich, die gebeugt und mit der gleichen, fallenden Bruder-Haarlocke über ihren Tequillas saßen.

Es war dunkel, kühl und still, obwohl alle redeten und jemand sang. Das Lachen war ungezwungen, privat, intim.

Wir saßen auf Hockern an der Bar. Eine Kellnerin kam, sie trug ein Tablett mit einem blaulila Pfau darauf. Ihr hennagefärbtes, an den Wurzeln schwarzes Haar war zu welligen Hügeln aufgetürmt, festgesteckt mit Kämmen aus Gold, gehauenem Silber und zerbrochenen Spiegeln. Fuchsiafarben vergrößerter Mund. Grüne Augenlider … ein Kruzifix aus blaugrünen Schmetterlingsflügeln glitzerte zwischen ihren konischen, gelben Satinbrüsten. »Hola!« Sie lächelte. Glanz der Goldkopfzähne, roter Gaumen. Umwerfender Paradiesvogel!

»¿Qué quieren, lindas?«

»Tortillas«, sagte Hope.

Die Vogeldame-Kellnerin lehnte sich vor, fegte Krümel mit ihren blutroten Nägeln weg, murmelte uns immer noch in ihrem grünen Spanisch zu.

Hope schüttelte den Kopf … »No sé.«

»¿Son gringas?«

»Nein.« Hope zeigte auf sich. Syrisch. Dann redete sie syrisch, und die Kellnerin hörte zu, ihr fuchsiafarbener Mund bewegte sich zu den Worten. »He!«

»Sie ist eine gringa«, sagte Hope über mich. Sie lachten. Ich beneidete ihre dunklen Sprachen, ihre dunklen Augen.

»¡Son gringas!«, sagte die Kellerin zu den Leuten im Café.

Ein alter Mann kam zu uns herüber, er trug sein Glas und eine Flasche Corona Bier. Aufrecht … er stand und ging aufrecht, spanisch, und trug einen weißen Anzug. Sein Sohn kam in einem schwarzen Anzug mit wattierten Schultern und eng zulaufender Hose hinter ihm her, dunkle Brille, Uhrenkette. Es war die Zeit des Bebop, die Zeit des pachuco … Die Schultern des Sohnes fielen nach vorn, wie es Mode war, der Kopf gesenkt bis hinunter zu Vaters Stolz.

»Wie heißt ihr?«

Hope nannte ihm ihren syrischen Namen … Sha-a-hala. Ich nannte ihm den Namen, den die Syrer mir gegeben hatten … Luchaha. Nicht Lucia oder Lucha, sondern Lu-cha-a. Er sagte allen, wie wir hießen.

Die Kellnerin hieß Chata, weil ihre Nase sich wie eine Regenrinne nach oben bog. Wörtlich bedeutet es »hocken«. Oder »Schieber«. Der alte Mann war Fernando Velasquez, und er schüttelte uns die Hand.

Nachdem sie uns begrüßt hatten, ignorierten uns die Menschen im Café wieder wie zuvor, sie akzeptierten uns in ihrem lässigen Gleichmut. Wir hätten uns an jeden von ihnen anlehnen und einschlafen können.

Velasquez trug unsere Schüsseln mit grünem Chili hinüber an einen Tisch. Chata brachte uns Limettenlimonade.

Er hatte Englisch gelernt in El Paso, wo er arbeitete. Auch sein Sohn arbeitete dort auf dem Bau.

»Oye, Raúl … diles algo … Er spricht gut Englisch.«

Der Sohn blieb stehen, hielt sich elegant hinter seinem Vater. Seine Wangenknochen leuchteten bernsteinfarben über dem Bebop-Bart.

»Was macht ihr Kinder hier?«, fragte sein Vater.

»Verkaufen.«

Hope hielt den Kartenstapel hoch. Fernando schaute sie an, drehte jede von ihnen um. Hope fing mit ihrem Verkaufsspruch zu den Schminkkästchen an … »Der Name, der gewinnt, bekommt ein Spieluhr-Schminkkästchen.«

»Válgame Dios …« Er brachte die Karte zum nächsten Tisch, erklärte sie, gestikulierte, schlug auf den Tisch. Alle sahen die Karte und uns an, unsicher.

Eine Frau in einem Bandana-Turban gab mir ein Zeichen. »Oye, jemand gewinnt die Dosen, oder?«

»Sí.«

Raúl war näher gekommen, schweigend, um sich eine der Karten zu nehmen, schaute zu mir herunter. Seine Augen waren weiß unter der dunklen Brille.

»Wo sind die Dosen?«

Ich sah Hope an.

»Raúl …«, sagte ich. »Natürlich gibt es keine Spieluhr-Schminkkästchen. Die Person, deren Name gewinnt, gewinnt das ganze Geld.«

Er verbeugte sich vor mir mit der Grazie eines Matadors. Hope senkte ihren nassen Kopf und fluchte auf Syrisch. Auf Englisch sagte sie: »Warum haben wir nie daran gedacht?« Sie lächelte mich an.

»Okay, chulita … gib mir zwei Namen.«

Velasquez erklärte das Spiel den Leuten an den Tischen, Chata einer Gruppe von Männern mit starken, nassen Rücken an der Bar. Sie schoben zwei Tische zu unseren heran. Hope und ich saßen jeweils am Kopfende. Raúl stand hinter mir. Chata schenkte allen, die am Tisch saßen, Bier ein, wie bei einem Bankett.

»¿Cuánto es?«

»Ein Vierteldollar.«

»No tengo … ¿un peso?«

»Okay.«

Hope türmte das Geld vor sich zu einem Stapel. »Hey … wir kriegen noch unseren Anteil von einem Vierteldollar.« Raúl sagte, das wäre fair. Ihre Augen glitzerten unter dem Pony, das ihr in die Stirn hing. Raúl und ich schrieben die Namen auf.

Die Namen selbst machten auf Spanisch mehr Spaß, niemand konnte sie richtig aussprechen, und sie hörten nicht auf zu lachen. BOB. Verschüttetes Bier. In drei Minuten war eine Karte ausgefüllt. Raúl öffnete das Siegel. Ignacio Sanchez gewann mit TED. Bravo! Raúl sagte, er verdiente ziemlich genau das Gleiche, wenn er den ganzen Tag arbeitete. Überschwänglich streute er die Münzen und zerknitterten Scheine auf Chatas Pfauentablett. ¡Cerveza!

»Warte …« Hope nahm unseren Vierteldollar Beteiligung heraus.

Zwei Hausierer waren hereingekommen, zogen Stühle an den Tisch.

»¿Qué pasa?«

Sie hielten im Sitzen ihre Strohkörbe im Schoß. »¿Cuanto es?«

»Un peso … ein Vierteldollar.«

»Lass uns zwei draus machen«, sagte Raúl. »Dos pesos, fifty cents.« Die neuen Männer mit den Körben konnten sich das nicht leisten, also beschlossen alle, dass sie diesmal, weil sie neu waren, nur einen setzen sollten. Beide legten einen Peso auf den Stapel. Raúl gewann. Die Männer standen auf und gingen, ohne ein Bier getrunken zu haben.

Als wir vier Karten verkauft hatten, waren alle betrunken. Keiner der Gewinner hatte das Geld behalten, nur weitere Lose gekauft, mehr Essen, jetzt Tequila.

Die meisten Verlierer gingen. Wir alle aßen Tamales. Chata brachte die Tamales in einem Waschbottich, eine Kasserole mit Bohnen, in die wir unsere warmen Tortillas dippten.

Hope und ich gingen zum Plumpsklo hinter dem Café. Stolperten, schützten die Kerze vor dem Wind, die uns Chata geliehen hatte.

Gähnen … man wird nachdenklich beim Pinkeln, reflektiert, wie an Silvester.

»Hey, wie spät ist es?«

»Oh.«

Es war fast Mitternacht. Alle im Gavilán-Café küssten uns zum Abschied. Raúl brachte uns zur Brücke, hielt uns beide an den winzigen Händen. Sanft, wie das Ziehen einer Wünschelrute, brachte er unsere knochigen Körper in den pachuco-Rhythmus seines Gangs, so leicht, langsam, schaukelnd.

Unter der Brücke waren auf der Seite von El Paso die Schuhputzer-Strichjungen, die wir am Nachmittag gesehen hatten, sie standen im schlammigen Rio Grande und hielten Eistüten in die Höhe, um Geld aufzufangen, tauchten im Schlamm danach, wenn es danebenfiel. Soldaten warfen Pennys, Kaugummipapier. Hope ging hinüber ans Geländer. »¡Hola pendejos!«, brüllte sie und warf ihnen Vierteldollars zu. Finger in die Luft. Gelächter.

Raúl setzte uns in ein Taxi und bezahlte den Fahrer. Wir winkten ihm aus dem Rückfenster, sahen zu, wie er schaukelnd in Richtung Brücke ging. Auf die Rampe sprang wie ein Reh.

 

Hopes Vater fing in dem Moment an, sie zu schlagen, als sie aus dem Taxi stieg, peitschte sie mit einem Gürtel die Treppe hinauf, schrie auf Syrisch.

Niemand außer Mamie war zu Hause, die einen Kniefall zum Dank für meine sichere Rückkehr machte. Das Taxi bereitete ihr mehr Sorgen als Juarez. Ohne eine Tüte mit schwarzem Pfeffer fuhr sie nie irgendwo mit einem Taxi hin aus Angst, überfallen zu werden.

Im Bett. Kissen hinter mir. Sie brachte mir Vanillepudding und Kakao, das Essen, das sie den Kranken oder den Verdammten reichte. Der Pudding schmolz wie eine Hostie in meinem Mund. Ich trank das Blut ihrer versöhnlichen Liebe, während sie dastand, am Fußende meines Bettes, und in einem rosafarbenen Engelskittel betete. Matthäus und Markus, Lukas und Johannes.

Manchmal im Sommer

Hope und ich waren sieben. Ich glaube nicht, dass wir wussten, welcher Monat oder auch nur welcher Tag es war, außer es war Sonntag. Der Sommer war schon so heiß und lang gewesen und jeder Tag genau wie der nächste, dass wir uns nicht daran erinnerten, dass es im Jahr zuvor geregnet hatte. Wir baten Onkel John, wieder ein Ei auf dem Gehweg zu braten, daran immerhin erinnerten wir uns.

Hopes Familie war aus Syrien gekommen. Es war unwahrscheinlich, dass sie herumsitzen und über das Sommerwetter in Texas reden würden. Oder erklären würden, dass die Tage im Sommer länger waren, aber dann begannen, kürzer zu werden. In meiner Familie redete man überhaupt nicht miteinander. Manchmal aßen Onkel John und ich zusammen. Meine Großmama Mamie aß mit meiner kleinen Schwester Sally in der Küche. Meine Mutter und Großpapa aßen, wenn sie überhaupt aßen, jeder in seinem Zimmer oder auswärts.

Manchmal waren alle im Wohnzimmer. Um Jack Benny oder Bob Hope oder Fibber McGee und Molly zuzuhören. Aber auch dann redete niemand. Jeder lachte allein und starrte das grüne Auge des Radios an, so wie die Leute heutzutage den Fernseher anstarren.

Was ich sagen will, ist, dass Hope oder ich noch nie etwas von der Sommersonnenwende gehört hatten oder davon, dass es in El Paso im Sommer immer regnete. Niemand redete bei mir zu Hause je von den Sternen, sie wussten wahrscheinlich nicht einmal, dass es im Sommer manchmal Sternschnuppenschwärme am nördlichen Himmel gab.

Schwere Regenfälle überfluteten die Arroyos und die Abflussgräben, zerstörten Häuser in Smeltertown und spülten Hühner und Autos davon.

Als es anfing zu blitzen und zu donnern, reagierten wir mit simpler Angst. Zusammengekauert auf Hopes Vorderveranda, in Decken gewickelt, lauschten wir voller Furcht und Fatalismus dem Krachen und Grollen. Wir konnten allerdings auch nicht wegsehen, drängten uns zitternd aneinander und ließen uns gegenseitig hinschauen, wenn die Pfeile über der ganzen Länge des Rio Grande aufleuchteten und ins Kreuz von Mount Cristo Rey einschlugen, im Zickzack in den Schornstein der Schmelzhütte fuhren, blitz blitz. Wumm. Zur gleichen Zeit brach die Straßenbahn durch einen Kurzschluss in eine Funkenkaskade aus, und alle Passagiere kamen herausgerannt, als es gerade anfing zu regnen.

Es regnete und regnete. Es regnete die ganze Nacht. Die Telefone fielen aus, und die Lichter gingen aus. Meine Mutter kam nicht nach Hause, und Onkel John kam nicht nach Hause. Mamie machte im Holzofen ein Feuer an, und als Großpapa nach Hause kam, nannte er sie eine Idiotin. Der Strom ist ausgefallen, du Dummkopf, nicht das Gas, doch sie schüttelte den Kopf. Das verstanden wir vollkommen. Keiner Sache war zu trauen.

Wir schliefen auf Pritschen auf Hopes Veranda. Wir schliefen tatsächlich, obwohl wir beide schworen, wir wären die ganze Nacht wach gewesen und hätten den Regenvorhängen zugesehen, die herunterkamen wie Fenster aus Glasbaustein.

Wir frühstückten in beiden Häusern. Mamie machte Biskuit und Soße, bei Hope aßen wir kibbe und syrisches Brot. Ihre Großmutter flocht unsere Haare in feste französische Zöpfe, sodass unsere Augen für den Rest des Vormittags nach außen gezogen wurden, als wären wir Asiaten. Wir verbrachten den Morgen damit, im Regen herumzuwirbeln, bis uns kalt wurde, wir uns abtrockneten und wieder hinausgingen. Unsere beiden Großmütter kamen heraus, um zuzuschauen, wie ihr Garten gänzlich weggespült wurde, die Mauern hinab, hinaus auf die Straße. Rotes kalkhaltiges Lehmwasser schwoll rasch bis über den Gehweg an und stieg bis zur fünften Stufe der Betontreppen unserer Häuser hoch. Wir sprangen ins Wasser, das warm und dick wie Kakao war und uns mehrere Seitenstraßen weit mit sich trug, schnell, unsere Zöpfe trieben oben. Wir sprangen raus, rannten im kalten Regen zurück, an unseren Häusern vorbei und bis zum Ende der Straße, sprangen zurück in den Fluss der Straße und wurden wieder fortgerissen, noch mal und noch mal.

Die Stille verlieh dieser Flut eine besonders gespenstische Magie. Die Straßenbahnen fuhren nicht, und tagelang sah man keine Autos. Hope und ich waren die einzigen Kinder in der Straße. Sie hatte sechs Brüder und Schwestern, die aber größer waren und entweder im Möbelladen helfen mussten oder einfach immer irgendwo anders waren. Auf der Upson Avenue wohnten hauptsächlich Schmelzhüttenarbeiter im Ruhestand oder mexikanische Witwen, die kaum Englisch sprachen, frühmorgens und abends in die Holy Family zur Messe gingen.

Hope und ich hatten die Straße für uns allein. Zum Rollschuhfahren und Himmel-und-Hölle und Jacks spielen. Früh am Morgen oder abends gossen die Frauen ihre Pflanzen, aber die übrige Zeit blieben sie drinnen, hielten Fenster und Fensterläden fest geschlossen, damit die furchtbare texanische Hitze, vor allem aber der rote Kalkstaub und der Rauch der Schmelzhütte nicht hineindrangen.

Jede Nacht verbrannten sie in der Schmelzhütte Holz. Wir saßen draußen unter den Sternen, und dann schossen die Flammen aus dem Schornstein, gefolgt von gewaltigen, üblen Ausstößen schwarzer Rauchwolken, die den Himmel verdunkelten und über alles um uns herum einen Schleier legten. Eigentlich war es ziemlich entzückend, die Schwaden und Wogen am Himmel, aber unsere Augen brannten, und der Geruch nach Schwefel war so stark, dass wir würgen mussten. Hope machte das immer, aber sie tat nur so. Damit man eine Vorstellung davon hat, wie beängstigend das jede Nacht war: Als in der Wochenschau im Plaza Kino die erste Atombombe gezeigt wurde, brüllte ein mexikanischer Witzbold: »Mira, die esmelter!«

Der Regen hörte kurz auf, und da geschah die zweite Sache. Unsere Großmütter schaufelten den Sand weg und fegten ihre Gehwege. Mamie war eine furchtbare Haushälterin. »Sie war an farbige Haushaltshilfen gewöhnt, deshalb«, sagte meine Mutter.

»Und du hattest Daddy!«

Sie fand das nicht lustig. »Ich werde meine Zeit nicht damit verschwenden, diese kakerlakenverseuchte Bude sauberzumachen.«

Aber Mamie gab sich Mühe mit dem Hof, fegte Stufen und Gehweg, goss ihren kleinen Garten. Manchmal stand sie direkt dort am Zaun, wo auf der anderen Seite Mrs. Abraham stand, aber sie ignorierten einander komplett. Mamie traute Ausländern nicht, und Hopes Großmutter hasste Amerikaner. Mich mochte sie, weil ich sie zum Lachen brachte. Eines Tages standen alle Kinder in einer Reihe am Herd, und sie gab ihnen kibbe auf frischgebackenem warmem Brot. Ich stellte mich einfach an, und bevor es ihr klar wurde, hatte sie mir ein Stück gegeben. Auf diese Weise wurde auch mein Haar jeden Morgen gekämmt und geflochten. Beim ersten Mal tat sie so, als würde sie es nicht bemerken, sagte auf Syrisch zu mir, ich solle stillhalten, schlug mir mit der Bürste auf den Kopf.

Neben dem Haus der Haddads gab es einen leeren Platz. Im Sommer war er von Unkraut überwuchert, schlimme Disteln, durch die man nicht hindurchlaufen wollte. Im Herbst und im Winter sah man, dass der Platz mit zerbrochenem Glas bedeckt war. Blau, braun, grün. Meistens von Hopes Bruder und seinen Freunden, die mit Luftgewehren auf Flaschen schossen, aber auch von weggeworfenen Flaschen. Hope und ich suchten nach Flaschen, die wir gegen Pfand zurückbringen konnten, und die alten Frauen trugen Flaschen in ihren ausgebleichten mexikanischen Körben zum Sunshine-Lebensmittelmarkt. Aber damals warfen die meisten, wenn sie eine Limonade getrunken hatten, die Flasche irgendwohin. Ständig flogen Bierflaschen aus Autofenstern, gefolgt von kleinen Explosionen.

Ich verstand jetzt, dass es mit der Sonne zusammenhing, die so spät unterging, erst, nachdem wir beide Abendbrot gegessen hatten. Wir waren wieder draußen, hockten auf dem Gehweg und spielten Jacks. Nur wenige Tage lang konnten wir von unserer Position dicht am Boden in dem Augenblick unter das Unkraut auf dem Platz sehen, in dem die Sonne den Mosaikteppich aus Glas traf. Sie schien in einem bestimmten Winkel durch das Glas wie durch das Fenster einer Kathedrale. Diese magische Vorführung dauerte nur wenige Minuten, ereignete sich nur an zwei Tagen. »Schau!«, sagte sie beim ersten Mal. Wir saßen da, gebannt. Ich hielt die Metallsternchen fest umschlossen in meiner verschwitzten Hand. Sie hielt den Golfball hoch in die Luft, wie die Freiheitsstatue. Wir sahen zu, wie sich das Kaleidoskop aus Farben schillernd vor uns ausbreitete, dann weich und verschwommen wurde, dann verschwand. Am nächsten Tag geschah es wieder, aber am Tag darauf wurde die Sonne nur still zu Staub.

Irgendwann, kurz nach dem Glas, oder vielleicht war es auch vorher, machten sie die Feuer in der Schmelzhütte frühzeitig. Natürlich machten sie sie immer zur selben Zeit. Um neun Uhr abends, aber das war uns nicht klar.

Am Nachmittag hatten wir bei mir auf den Stufen gesessen und die Rollschuhe abgeschnallt, als das große Auto vorgefahren war. Ein glänzend schwarzer Lincoln. Ein Mann saß auf dem Fahrersitz, er trug einen Hut. Er ließ das Fenster an unserer Seite heruntergleiten. »Elektrische Fenster«, sagte Hope. Er fragte, wer im Haus wohnen würde. »Sag’s ihm nicht«, sagte Hope, aber ich sagte es ihm. »Dr. Moynahan.«

»Ist er zu Hause?«

»Nein. Niemand ist zu Hause, außer meiner Mutter.«

»Ist das Mary Moynahan?«