Abenteuer als Konzept - Andreas Gruschkus - E-Book

Abenteuer als Konzept E-Book

Andreas Gruschkus

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Beschreibung

Was bewegt Menschen dazu, hohe Berge zu besteigen, mit winzigen Booten auf wilden Flüssen zu paddeln oder unwirtliche Gegenden zu durchqueren, wenn sie auch gemütlich zu Hause auf dem Sofa sitzen können? Der Autor geht in diesem Buch der Frage nach, warum wir scheinbar ohne Not Abenteuer suchen. Er beschäftigt sich auch damit, wie unsere Vorstellungen von Abenteuer sich historischen entwickelten, welche gesellschaftlichen Funktionen Abenteuer hat, und wie es physiologisch und psychologisch überhaupt zustandekommt. Dabei findet er heraus, dass es ein grundlegendes menschliches Bedürfnis nach Abenteuer gibt, das in dem Einen stärker ausgeprägt ist als in dem Anderen. Mit dieser Erkenntnis möchte er die Leser ermuntern, sich auf Abenteuer einzulassen. Er fordert zudem eine Pädagogik, die dem Abenteuer den Stellenwert einräumt, den es verdient und nicht mit dem Übergang ins Erwachsenenleben endet.

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Seitenzahl: 166

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Wenn Du glaubst, das Abenteuer sei gefährlich,

versuche Routine. Sie ist tödlich.

Paulo Coelho de Souza

Inhalt

1 Einleitung. 1

2 Was ist eigentlich Abenteuer?. 1

2.1 Definitionen. 1

2.2 Fragestellungen. 1

3 Geschichte des Abenteuers. 1

4 Soziologische Aspekte des Abenteuers. 1

4.1 Das Sicherheitsangebot der Gesellschaft 1

4.2 Kehrseiten der Sicherheit 1

Kehrseite 1: Langeweile. 1

Kehrseite 2: Mangelnde Selbstwirksamkeit 1

Kehrseite 3: Soziale Unsichtbarkeit 1

4.3 Abenteuer als Selbstermächtigung. 1

5 Physiologische und psychologische Aspekte des Abenteuers. 1

5.1 Ein Ereignis und unsere Reaktionen darauf 1

5.2 Angst 1

5.3 Mut 1

5.4 Stimulation. 1

5.5 Der schützende Rahmen. 1

5.6 Unsere persönlichen Zonen. 1

5.7 Lernen. 1

Lernen als Persönlichkeitsbildung. 1

Lernen durch Wagnis und Abenteuer 1

5.8 Langeweile. 1

6 Gefahrlose Stimulation. 1

6.1 Sport 1

Kategorien des Sports. 1

Besondere Bereiche des Sports. 1

6.2 Spiel 1

6.3 Miterleben: Abenteuer aus zweiter Hand. 1

Die Abenteuererzählungen. 1

Der Abenteuerroman. 1

Die Gruselgeschichte. 1

Der Abenteuerfilm.. 1

7 Das Abenteuer in der Pädagogik. 1

7.1Erlebnispdagogik vs. Abenteuerpädagogik. 1

Erlebnispädagogik. 1

Prinzip Herausforderung und Bewährung. 1

Der große Bruder der Bewährung: Das Scheitern. 1

Das Tor zum Lernen: Die Reflexion. 1

Kritik an der Erlebnispädagogik. 1

Abenteuerpädagogik. 1

7.2 Wann endet Pädagogik?. 1

8 Zusammenfassung. 1

Quellen. 1

1 Einleitung

Am 14. Juli 2024 sendete die ARD im Rahmen ihres Nordseereports einen Beitrag mit dem Namen „Abenteuer an der Oste“. Das interessierte mich. Gleich nachdem die Lage des Flusses beschrieben worden war, sagte Britta von Lucke, die durch den Film führte: "...und eins kann man hier wirklich gut: die Ruhe genießen."

Ich war irritiert, hatte ich doch einen Abenteuerbegriff im Kopf, der so gar nichts mit dem Genuss von Ruhe zu tun hatte. Ich hatte Abenteuer bisher mit aufregenden, vielleicht sogar gefährlichen Aktionen verbunden. Ich dachte an Abenteuerreisen durch den Dschungel, an Expeditionen durch die Arktis oder die Besteigung hoher Berge. Unwirtliche Umwelt, blutgierige Insekten und Lebensgefahr schienen mir eher die Herausforderung durch Abenteuer als Ruhe. Was war los mit mir? Hatte ich den Überblick verloren?

Wie immer, wenn ich nicht Bescheid weiß, bemühte ich die Suchmaschine meines Vertrauens und begab mich im Internet auf die Suche nach „Abenteuer“. Die Liste der Suchergebnisse führten Werbeanzeigen an. Zwei davon waren von Firmen, die Events anboten. Das passende Bild dazu waren Tandemsprünge mit dem Fallschirm. Ein anderer Eintrag bewarb Reisen mit dem Bild einer hochalpinen Wanderung. Der nächste Eintrag bot Tickets für ein Musical mit Abenteuer im Namen und Schlagern im Inhalt an.

Die regulären Einträge führten 5 Definitionen verschiedener Lexika auf, aufgelockert durch Seiten von Eventfirmen, einem Verlag mit einem Werk über Abenteuer und einer Videoplattform.

Ich hoffte inständig, dass der Besuch des Musicals kein Abenteuer wäre. Das würde ich als Besucher ebenso wenig zu schätzen wissen wie Abenteuer bei der Baufinanzierung oder im Restaurant und widmete mich dem Studium der diversen Anbieter von Abenteuerurlauben und Events. Welche Vorstellungen von Abenteuer bedienten sie? Hier bot sich mir ein ambivalentes Bild. Ein Anbieter schrieb im allgemein gehaltenen Teil seiner Seite: „Eigentlich wartet das Abenteuer ja an jeder Ecke, auf jeder Wiese und auch im Stadtpark.“ Und weiter unten: „Grundsätzlich müsst ihr den Massentourismus hinter euch lassen, um ins Abenteuer zu starten. Was jetzt aber nicht bedeuten soll, dass ihr abends auf die Zivilisation verzichten müsst. An vielen Orten, gerade in Europa, könnt ihr das Abenteuer wunderbar mit Komfort verbinden.“ Komfort war eigentlich auch nicht der Begriff, der mir bis dahin zum Thema Abenteuer eingefallen war. Wie passte das alles zusammen?

Eine weitere Idee dazu bekam ich im weiteren Verlauf der Seite: „Abenteuer beginnt immer da, wo der Alltag endet, wo man sich nicht mehr auskennt und dazulernt(1)."

Dieser erweiterte Abenteuerbegriff schien auch anderen Einträgen zugrunde zu liegen. Ein Eventanbieter hatte nämlich auch Städtetrips in seinem Abenteuerportfolio. Dabei wurde eine Luxusunterkunft in Zentrumsnähe und reichhaltigem Frühstücksbuffet feilgeboten. Meine Fantasie, welche Abenteuer dort stattfinden sollten, wäre wohl ohne diesen neuen Blickwinkel mit mir durchgegangen. Allerdings brachte mich diese Überlegung nicht wirklich weiter auf dem Weg, das Abenteuer zu verstehen. In meinen Augen war es einfach nur Ausdruck einer Verwahrlosung von Sprache durch inflationären Gebrauch von Schlüsselbegriffen, die auch schon das Erlebnis ereilt hatte. Wie oft wurde ich, wenn ich eine Kleinigkeit im Internet bestellt hatte, mit der Frage belästigt, wie mein Einkaufserlebnis war. Wie sollte ich erklären, dass ich kein Erlebnis bei der Bestellung hatte, sondern einfach nur einen Gegenstand in meinen Besitz bringen wollte.

Was die Sache zusätzlich kompliziert gestaltete war die Tatsache, dass verschiedene Begriffe synonym verwendet wurden. „Abenteuer“ hießen an anderer Stelle „Erlebnisse“ oder „Gefahren“, „Gefahren“ wurden als „Risiken“ oder „Wagnisse“ bezeichnet, und dann war da noch der „Kick“. Ich wurde daraus nicht mehr schlau und wollte es nun genau wissen. Ich wollte nicht nur dem Wesensgehalt des Abenteuers auf den Grund gehen, sondern auch wissen, woher der Begriff stammt, wie er sich im Laufe der Zeit entwickelte und welche Aspekte er in verschiedenen Zusammenhängen hat. Und sobald ich damit fertig wäre, wollte ich mir Gedanken darüber machen, inwieweit all dieses neu erworbene Wissen nützlich ist. Mir ist wohl bewusst, dass Wissen einen Wert in sich trägt, aber mit meinem beruflichen Hintergrund hatte ich so eine Ahnung, dass das Wissen um die Geheimnisse des Abenteuers für die persönliche Entwicklung des Menschen hochinteressant sein könnte. So brach ich also auf zur Expedition in die Gedanken, Ideen und Tatsachen zum Abenteuer. Das Ergebnis dieser Expedition halten Sie heute in Händen.

Kritische Geister werden bemerken, dass ich immer die männliche Schreibweise verwende. Ich weiß, dass die Tatsachen und Zusammenhänge, um die es hier geht, Männer, Frauen und alle anderen Menschen in gleicher Weise betreffen. Ich selbst nehme aber Formulierungen wie „Kolleginnen und Kollegen“, Binnenkapitale oder Asterixe beim Lesen als störend wahr. Um zu vermeiden, dass solche Dinge die Vermittlung der Inhalte beeinträchtigen, benutze ich die männliche Schreibweise und setze ich mich damit dem gerechtfertigten Vorwurf aus, „von gestern“ zu sein.

2 Was ist eigentlich Abenteuer?

Herr Meier bucht bei einem renommierten Reiseveranstalter einen Abenteuerurlaub. Es soll eine Trekkingtour durch das Hardangervidda sein, ein einsames Hochland in Norwegen. Der Prospekt verspricht „Abenteuer pur“. Ein erfahrener Führer bringt alles notwendige Material und die Ortskenntnis mit; Herr Meier muss lediglich angemessene Kleidung (eine Liste liegt der Anmeldebestätigung bei) und passende Schuhe selbst dabeihaben. Die Reisegruppe fährt gemeinsam mit der Bahn zum Ausgangspunkt und läuft von dort aus in täglichen Etappen von 4 bis 5 Stunden zum Zielpunkt. Dort fährt sie wieder mit der Bahn nach Hause. Unterwegs können sie unter anderem wildlebende Rentierherden beobachten. Die Tour dauert insgesamt 10 Tage. Der Guide hat neben Kartenmaterial, Kompass, GPS-Gerät, Erste-Hilfe-Tasche auch ein Satellitenhandy dabei. Mit dem Veranstalter ist vereinbart, dass die Reisegruppe im Falle eines gravierenden Ereignisses jederzeit mit einem geländegängigen Fahrzeug erreicht werden kann.

Für Herrn Meier als geübten Wanderer hält sich die Anstrengung der Tour im Rahmen. Er genießt die Natur, die Unterhaltungen in der kleinen Reisegruppe und macht viele schöne Fotos. Das Übernachten in den kleinen Zelten ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, spielt sich aber schnell ein. Der Guide hat die Verpflegung klug nach Größe und Gewicht eingekauft, so dass jeder Reiseteilnehmer nicht übermäßig viel zusätzliches Gewicht zu tragen hat. Trotzdem schmeckt es allen gut.

Nach Rückkehr lädt Herr Meier Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen ein und erzählt von seinem Abenteuer. Er berichtet, dass die Reise wirklich hervorragend organisiert war und keinerlei unliebsame Überraschung auftrat. Auch seien die körperlichen Anforderungen nicht übermäßig groß gewesen. Er könne den Veranstalter und diese Tour uneingeschränkt empfehlen.

Frau Müller arbeitet bei einem großen Elektronikkonzern. Ihr Abteilungsleiter möchte die Zusammenarbeit in der Abteilung verbessern und beauftragt einen Anbieter von Events mit einem, wie es auf der Internetseite dieser Firma heißt, „Mikroabenteuer“. Die 18 Mitarbeiter der Abteilung machen eine Funkleitnavigation durch das nahe Mittelgebirge. Dabei werden sie in zwei Gruppen aufgeteilt, die jeweils eine topografische Karte, einen Kompass und ein Funkgerät bekommen. Auf der Karte sind die Wege eingezeichnet, die es zu finden gilt. Am Ziel sollen sich beide Gruppen treffen. Wie sich vor Ort herausstellt, hat jede Gruppe nur den Weg der jeweils anderen Gruppe auf der Karte, kennt den eigenen Weg aber nicht.

Den Umgang mit den Funkgeräten haben die Kollegen schnell im Griff, die topografischen Karten stellen einige Teilnehmer allerdings noch länger vor Herausforderungen. Hier können die Guides, die mit den Gruppen laufen, helfen. Im Rahmen der veranschlagten Zeit kommen die Gruppen am gemeinsamen Ziel an und tauschen ihre Erfahrungen aus. Die Stimmung ist gut.

In einer Feedbackrunde mit dem Abteilungsleiter am nächsten Tag in der Firma zeigen sich alle Kollegen zufrieden. Sie hatten einen schönen, vom Arbeitsalltag abweichenden Tag. Das habe neuen Schwung in die Abteilung gebracht, meinen sie. Als Abenteuer hätten sie es aber nicht empfunden; es sei ja zu keiner Zeit gefährlich gewesen.

Familie Schulz macht am Sonntag einen Ausflug auf einen Abenteuerbauernhof. Neben einem Streichelzoo mit Ponys, Meerschweinchen und Ziegen gibt es auch einen Spielplatz mit einigen ungewöhnlichen und sehr fantasievoll gestalteten Spielgeräten. Außerdem können die Kinder unter Aufsicht und Anleitung eine Runde auf einem der Ponys reiten und mit einem kleinen Planwagen fahren, der ebenfalls von einem Pony gezogen wird. Für die Erwachsenen gibt es einen Biergarten. Die Kinder sind begeistert. Während Benjamin, der Jüngste, von den Tieren nicht genug bekommt, sind Klara und Phillip nicht von den Spielgeräten wegzubekommen. Klara traut sich sogar das erste Mal, auf einer hölzernen Plattform in mehr als drei Metern Höhe zu stehen, um von dort mit einer Rolle an einem Stahlseil abzugleiten. Natürlich ist sie dabei angeseilt, und ein Mitarbeiter des Bauernhofs erklärt ihr freundlich und geduldig die Sicherungsmethode. Auf der Fahrt nach Hause quengeln die Kinder, dass sie am kommenden Sonntag wieder dorthin möchten.

Familie Schulz erzählt bei Abendessen den Großeltern vom Ausflug. Die Kinder können sich vor lauter Eindrücken kaum gegenseitig ausreden lassen. Benjamin hatte sich getraut, einem Pony etwas zum Fressen zu geben, obwohl er Angst hatte, es könne ihn aus Versehen beißen. Die Großen erzählen, welche Spielgeräte es dort gegeben habe, die sie zuvor noch nie gesehen hätten, wie geschickt man habe sein müssen, um nicht herunterzufallen, und welche Höhe die Geräte teilweise gehabt hätten. Das sei, so meinen sie, ein richtiges Abenteuer gewesen.

Unter welchen Bedingungen Aktionen als Abenteuer empfunden werden, scheint recht unterschiedlich zu sein. Für die einen hat es damit zu tun, Ängste überwunden zu haben, für die anderen ist es der Unterschied zum Alltag. Wieder andere machen sich einen Abenteuerbegriff zueigen, der durch Fernsehberichte, Zeitungsartikel oder die Werbung verbreitet wird, und deuten die eigenen Aktivitäten in diese Richtung.

Wir wollen uns dem Abenteuer anhand dieser Beispiele nähern. Dazu müssen wir uns darüber klar werden, was dieser Begriff und einige andere verwandte Begriffe bedeuten und wie sie sich voneinander unterscheiden.