5,99 €
Ein Leben in der chaotischen Megastadt Bangkok. Eine Wohnung mitten im Vergnügungsviertel Nana in Sukhumvit, ein Job an der ältesten Universität des Landes. Wie regelt man als Frau die praktischen Dinge, wie organisiert man den Arbeitsalltag? Die Herausforderungen in Thailand sind ganz andere als in der westlichen Welt. Fünf Jahre hat die Autorin in Thailand gelebt, in diesem Buch gewährt sie Einblicke in ein authentisches Leben jenseits von Traumstränden und Nachtclubs.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2020
Where do you go?
Mit Dirndl und Lederhosen
Ein Besuch im Isan
Weihnachten mit Schneewittchen
Karaoke und kühle Nebelschwaden
Schmerz, lass nach!
You are okay?
Sommerurlaub in der Stadt
Psychologen und Akupunktur
Dinner bei der Prinzessin
Von Schlangen und Schweinen
Verliebt in Bangkok
DIE STICKIGE, SCHWÜLE LUFT nimmt mir fast den Atem, als ich aus dem vollklimatisierten Flughafengebäude ins Freie trete. Vom langen Flug übermüdet, steuere ich meinen Gepäckwagen auf den Taxistand zu und reihe mich in die Schlange der Wartenden ein. Aus meinem Rucksack nestle ich die Reservierungsbestätigung für das Hotel und halte sie der jungen Frau am Schalter hin, als ich dran bin.
“A Taxi to Sukhumvit, please. Omni Tower Hotel.”
Sie überträgt die Adresse auf einen kleinen Zettel und winkt mich durch, am Bordstein wartet schon das nächste freie Taxi, das mich aufnimmt. Mein großer Koffer passt nicht in den Kofferraum, der von einem riesigen Gastank fast komplett ausgefüllt wird, also verfrachtet der Taxifahrer ihn umständlich vor den Beifahrersitz, links neben dem Fahrersitz. In Thailand herrscht Linksverkehr, nach englischem Vorbild. Ich steige hinten ein, meinen Rucksack hieve ich neben mich auf die Rückbank. Das Taxi ist uralt, der Rücksitz ist durchgesessen, den Autohimmel zieren buddhistische Segenssprüche.
“Where do you go?” fragt der Fahrer.
“To Sukhumvit soi four, please.”
“You want to go express way? Need to pay express way toll.” erklärt er mir unfreundlich.
Der Weg durch die Stadt dauert sicher länger und ich bin müde, daher bin ich gern bereit, die Autobahnmaut zu bezahlen.
“Yes, please.”
Der Fahrer startet das Taxameter und biegt aus dem Flughafengelände in Richtung Autobahnzufahrt ein. Jetzt bin ich also in Bangkok angekommen, hier werde ich jetzt leben. Und arbeiten. Noch denke ich, dass ich jeden Moment aus einem Traum erwachen könnte. In den Rücksitz versunken nähere ich mich dem Häusermeer der ‚Stadt der Engel‘, wie Bangkok auf Thai genannt wird.
Fünfzehn Jahre sind seit meinem letzten Besuch vergangen. Damals lebte ich in einer ganz anderen Welt, war verheiratet und auf einer Pauschal-Rundreise durch Nordthailand mit anschließendem Badeaufenthalt, zwei Tage in Bangkok machten den Auftakt. Schon bei diesem ersten Besuch verspürte ich den starken Wunsch, länger zu bleiben und das Land nicht nur als Touristin zu erleben. Dass ich einmal die Gelegenheit dazu haben würde, hätte ich allerdings nie für möglich gehalten, bis ich vor etwa vier Monaten die Zeitung aufschlug und mein Blick geradezu magisch von einer Stellenanzeige angezogen wurde. Es war eine Position in Bangkok und beim Lesen wurde mir sofort klar: das ist meine Stelle! Die Ausschreibung passte, als wäre sie mir auf den Leib geschneidert. Schon wenige Wochen später hatte ich, nach einem aufwändigen Auswahlverfahren mit Assessment Center und Interview durch eine große Expertenrunde, die Zusage.
Meine Ehe hatte ich vor einigen Jahren kinderlos hinter mir gelassen, ebenso wie eine allzu unverbindlich gebliebene Beziehung. Jetzt wollte ich es noch einmal wissen. Zu Studienzeiten hatte ich bereits zwei Jahre im Ausland gelebt, ein Jahr Sprachstudium an einer Hochschule in Shanghai und ein weiteres an der Yale University in den USA, wo ich für meine Doktorarbeit forschte und Deutsch unterrichtete. Dank meiner Auslands- und Unterrichtserfahrungen sowie meiner vielseitigen beruflichen Aktivitäten in den letzten Jahren war ich die passgenaue Besetzung für den Job in Bangkok, der neben einer Lehrtätigkeit an der ältesten Universität des Landes auch die Standortleitung für den Deutschen Akademischen Austauschdienst, kurz DAAD, umfasste. Nach über fünfzehn Jahren in Deutschland wollte ich wieder raus und griff die Gelegenheit beim Schopf. Noch einmal wollte ich mich selbst neu erfinden, ganz von vorne anfangen, mich einer neuen Stadt, einer neuen Kultur und vielen neuen Herausforderungen stellen. Also kündigte ich meine Stelle als Marketingleiterin und ließ mich auf das zeitlich befristete Abenteuer in Bangkok ein. Und hier war ich jetzt und fuhr in einem alten Taxi geradewegs in mein neues Leben hinein.
Als Startpunkt für meinen Neubeginn hatte ich mir ein großes Hotel im quirligen Stadtviertel Sukhumvit ausgesucht, das ich noch von meiner Thailandreise her kannte. Von hier aus wollte ich meine neue Heimat erobern. Für zwei Wochen hatte ich dank Langzeitrabatt, der ab zehn Tagen gewährt wurde, ein günstiges, aber geräumiges Zimmer mit gemütlicher Sofaecke und kleiner Kochnische gebucht. In dieser Zeit, so hoffte ich, würde ich mich einigermaßen eingerichtet haben. Als ich jetzt nach einer knappen Stunde Taxifahrt am späten Samstagnachmittag mein Hotelzimmer bezog, war ich recht zuversichtlich. Immerhin hatte ich mich von Deutschland aus so gut es ging vorbereitet und mit dem Hotel offensichtlich eine ganz passable Wahl getroffen. Zwar zeigte es deutliche Gebrauchsspuren, aber wie auf den Fotos im Internet war das Zimmer hell und sehr geräumig. Von der gemütlichen Sitzecke am Fenster hatte ich einen freien Ausblick auf die Straße.
Schon am nächsten Vormittag war der erste Termin mit einer Maklerin vereinbart, um Wohnungen zu besichtigen. Der Wohnungsmarkt in Bangkok präsentierte sich im Internet als recht entspannt. Von Deutschland aus hatte ich mir Webseiten verschiedener Makler in Bangkok angeschaut und eine Vorauswahl getroffen. In den nächsten Tagen würde ich mit vier unterschiedlichen Vermittlern durch die Stadt fahren und Wohnungen anschauen. Das Angebot war groß, selbst in zentraler Lage mit guter Verkehrsanbindung, was die beiden wichtigsten Kriterien für mich waren. Darüber hinaus wollte ich eine möglichst gute Infrastruktur mit Geschäften und Restaurants in unmittelbarer Nähe. Außerdem Ansprechpartner im Haus mit Englischkenntnissen, damit die Kommunikation bei Bedarf funktionierte.
Nach einer ersten Durchsicht der Angebote wurde klar, dass die meisten Mietwohnungen zumindest teilmöbliert, viele sogar voll ausgestattet angeboten werden, inklusive Waschmaschine, Geschirrspüler und westlicher Küche. Traditionell sind Küchen in Thailand im Freien direkt neben oder hinter dem Haus, aber im modernen Bangkok haben sich westliche Standards durchgesetzt. Sehr ansprechend fand ich auch Wohneinheiten mit gemeinschaftlich genutztem Swimmingpool und Fitnessraum. So traf ich bei jedem Makler eine Auswahl von drei, vier Wohnungen, die ich mir ansehen wollte.
Die erste Maklerin holt mich, wie per E-Mail vereinbart, um kurz nach neun Uhr im Hotel ab und wir fahren in ihrem Honda Jazz durch die Stadt. Die erste Wohnung liegt nahe der Hochbahnstation Ari, in nordwestlicher Richtung. Die Hochbahn, die in Bangkok nur Skytrain oder BTS für Bangkok Mass Transit System genannt wird, gibt es seit zwanzig Jahren. Die U-Bahn, kurz MRT für Mass Rapid Transit, kam 2004 dazu. Beide Verkehrsmittel entlasten den Stadtverkehr erheblich und machen die Fortbewegung zeitlich einigermaßen planbar. Allerdings ist das Streckennetz sehr überschaubar, die MRT hat nur eine Linie, die ringförmig die Stadt durchzieht.
Der Wohnblock liegt versteckt im Straßengewirr ganz am Ende einer langen, schmalen Gasse. Die BTS-Station Ari haben wir mit dem Auto vor etwa fünf Minuten passiert. Zu Fuß ist das eine beträchtliche Strecke, die ich morgens und abends zurücklegen müsste.
“The BTS is quite far away from here“, wende ich mich an die Maklerin.
„Oh, don’t worry. You can take a motorbike taxi from your home.“
Am Anfang der engen Gasse, die keinen Gehweg hat, warteten tatsächlich ein paar Motorradfahrer träge im Schatten auf Kundschaft. Ich sehe mich schon morgens und abends im Rock mit schwerer Tasche hinten im Damensitz auf dem Motorrad durch den Verkehr balancieren. Die Gegend ist ein sehr ruhiges Wohnviertel, hohe Mauern säumen die Grundstücke, dahinter liegen abgeschieden gepflegte Gärten und flache Häuser, aber es gibt keine Geschäfte. Und so hake ich die erste Wohnung schon ab, bevor ich überhaupt einen Fuß hineingesetzt habe. Diese erweist sich kurz darauf als voll möblierte Zweizimmerwohnung im vierten Stock, sie ist nett eingerichtet, aber die Lage entspricht nicht meinen Vorstellungen.
Auch die nächsten beiden kommen nicht in Frage, obwohl eine davon verkehrsgünstig an der BTS-Station Thonglor mitten im Geschäftsviertel Sukhumvit mit unzähligen Einkaufsmöglichkeiten und Restaurants liegt. Es ist eine komplette Doppelhaushälfte mit riesigem Wohnzimmer und vier Schlafzimmern auf drei Ebenen und damit viel zu groß für mich. Problematisch ist auch, dass die Wohnung nicht möbliert ist. Die dritte und letzte Wohnung an diesem Tag ist dunkel und muffig. Attraktiv ist allerdings die Lage, ich könnte in zehn Minuten zu Fuß ins Büro gehen. Dorthin muss ich gleich am nächsten Tag, denn keine 48 Stunden nach meiner Ankunft beginnt am Montagmorgen mein erster Arbeitstag.
Das Büro heißt offiziell DAAD Information Center und liegt direkt neben dem Goethe Institut, das gut ausgeschildert ist. Von der MRT Station Sathorn folge ich der Beschilderung und biege von der Hauptstraße ab. Es herrscht viel Verkehr und besonders auf den letzten Metern muss ich aufpassen, denn es gibt keinen Gehweg und die Straße ist eng, immer wieder drängen mich Autos und Motorroller an die Häusermauern. Schließlich komme ich auf das Grundstück, das mit tropischen Pflanzen bewachsen und sehr gepflegt ist. Auf einer Säule lese ich den Hinweis DAAD, kurz darauf stehe ich im kühlen Raum des Büros, der durch bodenhohe Fensterfronten den Blick nach draußen ins Grüne freigibt. Der Raum ist durch Glaselemente zweigeteilt, im vorderen Bereich steht ein ausladender Schreibtisch, der von Papierbergen überquillt. Dahinter sitzt Ploy, der ich vorab per E-Mail meine Ankunft für heute angemeldet habe.
„Hallooo!“, kommt sie grüßend hinter ihrem Schreibtisch hervor und streckt mir die Hand entgegen. „Ich bin Ploy. Herzlich willkommen!“
Ihre Hand ergreifend entgegne ich: „Freut mich sehr! Ich bin Carolin.“
Von der thailändischen Gepflogenheit, sich mit Vornamen anzureden, hatte ich in den Berichten meiner Vorgänger gelesen. Im förmlichen Umgang setzt man noch ein geschlechtsneutrales khun vor den Namen, das die Anrede Herr oder Frau ersetzt.
„Sind Sie gut angekommen? Und haben Sie das Büro gut gefunden? Bitte, kommen Sie. Wir können uns dort an den Tisch setzen.“ Ploy zeigt in den hinteren Raum auf einen großen Tisch mit acht Stühlen.
„Möchten Sie etwas trinken? Kaffee, Tee oder ein Glas Wasser?“
In einer Ecke steht ein Kühlschrank, daneben ein niedriger Schrank mit Kaffeemaschine, Wasserkocher und Geschirr.
„Danke, ich nehme gern ein Glas Wasser.“
Ploy kommt mit zwei gefüllten Gläsern an den Tisch, wir setzen uns. Mein Blick fällt geradeaus durch das Fenster auf den Außenbereich, dort erkenne ich ein langes Schwimmbecken mit markierten Bahnen.
„Wow, das ist ja toll! Arbeiten mit Blick auf einen Swimmingpool. Das ist sicher das coolste DAAD-Büro weltweit!“
Ploy lacht. „Ja, und Sie können ihn auch benutzen, wenn Sie möchten. Unser Büro war früher der Sportraum der Thai-deutschen Kulturstiftung, die oben im ersten Stock ihr Büro hat. Wir konnten den Raum vor ein paar Jahren mieten und haben das Büro eingerichtet. Vorher waren wir in einem sehr kleinen Zimmer nebenan im Goethe-Institut.“
Davon hatte ich ebenfalls in den Berichten gelesen. Und auch, dass das Miteinander und die Arbeitsatmosphäre im Büro sehr ungezwungen ist.
„Ploy“, sage ich daher, „wir kennen uns zwar noch nicht gut, aber wollen wir uns nicht duzen? Ich habe gehört, dass das hier üblich ist. Und für mich ist das völlig okay.“
Ploy ist etwas älter als ich und hat in Deutschland studiert, den Job hier macht sie seit über zehn Jahren. Aus den Berichten weiß ich, dass sie den Laden gut im Griff hat. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist für mich eine wichtige Grundlage.
„Ja, sehr gerne!“ erwidert sie spontan.
In der nächsten Stunde zeigt mir Ploy das Büro und meinen Arbeitsplatz, der direkt hinter der Glastrennwand im hinteren Büro liegt. Durch die Schiebetür, die meist offen steht, können wir unkompliziert miteinander kommunizieren. Auch mein Schreibtisch ist übervoll mit Papierbergen. Das sind noch die Hinterlassenschaften meines Vorgängers, der schon vor einigen Monaten gegangen ist. Von Ploy erfahre ich, dass die Nachbesetzung der Stelle nicht ganz einfach war, eine ausgewählte Kandidatin sagte kurzfristig dann doch noch ab, weshalb der Ausschreibungsprozess von vorne gestartet werden musste, was zu der langen Vakanz der Stelle führte.
„Hast du denn schon eine Wohnung?“
Ich schüttle den Kopf. „Nein, aber gleich nachher um vier Uhr holt mich eine Maklerin hier ab und ich schaue mir noch ein paar Wohnungen an. Die nächsten zwei Wochen wohne ich im Hotel, bis dahin habe ich hoffentlich etwas gefunden.“
Ploy nickt. „Und die Uni fängt erst nächsten Monat an, da hast du noch etwas Zeit.“
In diesem Moment kommen zwei junge Frauen herein. Es ist kurz nach zehn, die Beratungszeit hat begonnen und Ploy muss nach vorne an ihren Schreibtisch. Die Zeit bis zur Mittagspause nutze ich, um mich an meinem neuen Arbeitsplatz zurechtzufinden. Ploy hat schon ein E-Mail-Konto für mich eingerichtet, der Computer ist startklar und ich schreibe die ersten Ankunftsnachrichten an die Zentrale in Bonn. In den nächsten Tagen werde wohl ich die Unterlagen auf meinem Schreibtisch sortieren müssen. Die erste Durchsicht offenbart, dass alles durcheinander liegt, Klausurvorlagen und Übungsblätter für den Unterricht, Dokumente aus Bonn und ausgedruckte E-Mails. Hier ist neben Fleißarbeit vor allem ein Organisationstalent mit Lust auf systematische Ablage gefragt, was nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählt.
Kurz nach zwölf hat Ploy die letzte Beratung abgeschlossen und kommt rüber an meinen Schreibtisch.
„Wollen wir essen gehen?“
Auch mir knurrt schon der Magen. Draußen im Hof ist eine kleine Kantine, die einfache thailändische Gerichte anbietet. Direkt gegenüber, nur wenige Schritte von unserem Büro entfernt, ist außerdem das Restaurant Ratsstube, wo man deftige deutsche Küche wie Schweinshaxe bekommen kann.
An der kleinen Theke in der Kantine stehen Behälter mit verschiedenen Gerichten, ich wähle gebratenes Gemüse, Pilzsalat und ein Spiegelei zum Reis. Ich frage Ploy nach den thailändischen Bezeichnungen und lerne, dass khai dao wörtlich übersetzt Sternenei bedeutet, was ich viel schöner finde als das deutsche Wort Spiegelei. Es wird, neben nitnoi für ein bisschen, zu einem meiner Lieblingswörter auf Thai.
Wir setzen uns an einen der großen Tische im Freien, gegessen wird mit Löffel und Gabel, wobei die Gabel links gehalten wird. Um uns herum sind viele Sprachschüler des Goethe Instituts versammelt. Es sind überwiegend Frauen, die hier ihren obligatorischen Sprachkurs für ein ‚Visum zum Ehegattennachzug‘ absolvieren. Ohne den Nachweis von Grundkenntnissen in Deutsch wird kein Visum für die Einreise nach Deutschland erteilt, für das Sprachinstitut sind diese Schülerinnen eine wichtige Zielgruppe.
Am späten Nachmittag sehe ich mir noch ein paar Wohnungen an, aber es ist wieder nichts dabei, was in die engere Wahl kommt. Entweder sind mir die teuren Appartements zu luxuriös und unpersönlich, oder es sind total abgewohnte oder dunkle Wohnlöcher. Nachdem mich die Maklerin um halb sieben in meinem Hotel abgesetzt hat, laufe ich noch ein Stück bis zum Ende der Straße. Hier beginnt das weitläufige Gelände der Tabakfabrik, das sich bis hinunter zur Rama 4 zieht, einer der großen Hauptverkehrsadern Bangkoks. In diesem ruhigen Teil der Straße gibt es große Anwesen mit imposanten Zufahrten, aber auch ein paar Hochhäuser. An einer Einfahrt hängt ein Schild Apartment for rent. Auf dem Gelände stehen zwei mehrgeschossige Gebäude, graubraun und unscheinbar, bei dem höheren zähle ich 14 Stockwerke. Nur ein schmaler, mit niedrigen Häusern bebauter Streifen trennt das Grundstück von der Schnellstraße, die in südliche Richtung verläuft und die Stadtteile Khlong Toey und Lumphini voneinander trennt. In den Wohnungen ist es sicher ziemlich laut, denke ich mir, aber anschauen kann ich mir das ja mal. Vom Hotel hierher ist es nur ein Stück die Straße runter, eine Besichtigung wäre also kein großer Aufwand.
Gleich nach dem Frühstück mache ich mich am nächsten Morgen erneut auf den Weg dorthin. Neben der Hofeinfahrt liegt das Wächterhäuschen, ein Pförtner sitzt schläfrig auf seinem Posten.
„Sawasdee khaa. Is there an office?“ frage ich ihn.
Er nickt und deutet wortlos nach hinten auf das direkt angrenzende flache Gebäude, an dem ein zweisprachiges Türschild auf die Hausverwaltung hinweist. Öffnungszeit ist ab acht Uhr, das Büro ist bereits mit zwei Mitarbeiterinnen besetzt.
„Sawasdee khaa“, grüße ich und komme, typisch deutsch, gleich zur Sache. „I am looking for an apartment for rent. Do you have one available?“
Die beiden Damen grüßen freundlich zurück, die größere verlässt ihren Schreibtisch und kommt zu mir nach vorne.
„Yes, we have apartments available. Do you want to have a look?“ antwortet sie in passablem Englisch. „Studio, two or three bedroom, what do you want?“ kommt auch sie gleich auf den Punkt.
Mit ihrer direkten Art ist sie mir auf Anhieb sympathisch. Auf ihrem Namensschild lese ich Duang. Eine Wohnung mit drei Schlafzimmern ist mir allerdings zu groß und ein Studio bietet nicht mehr Platz als mein Hotelzimmer.
„I would be interested in a two bedroom apartment. Are they furnished?“
Sie holt einen großen Schlüsselbund aus einer Schublade. „You can choose. We have furniture, if you want.“
Das klingt gut. Ich bin gespannt auf die Wohnung. Gemeinsam gehen wir über den Hof, vorbei an einem kleinen Swimmingpool, auf den Eingang des höheren Gebäudes zu. Die Anlage ist schon in die Jahre gekommen, aber sauber und gepflegt, sie macht einen besseren Eindruck, als man von außen vermuten würde. Im Eingangsbereich steuern wir auf den Fahrstuhl zu, Duang drückt den Knopf für die 14, die vorletzte Etage, die 13 fehlt allerdings. Aberglaube ist weit verbreitetet in Thailand, wie ich noch erfahren werde, kaum ein Hochhaus weist einen 13. Stock aus. Der Aufzug fährt bedächtig nach oben und öffnet sich, vier Wohnungen liegen auf dem Flur. Meine Begleiterin wendet sich nach rechts und öffnet die Wohnungstür. Der schmale Flur geht direkt in ein großes, rechteckiges Wohnzimmer über, das geschätzt an die vierzig Quadratmeter groß ist. Zwei Türen führen an der Längsseite in die hinteren Zimmer, links geht ein Balkon über die gesamte Wohnungsbreite, die geräumige Küche schließt sich nach rechts mit einer Durchreiche in das Wohnzimmer an. Der Parkettboden ist dunkel und zeigt Altersspuren, die hellen Wände könnten einen neuen Anstrich vertragen.
„You can have a look, these are the two bedrooms, each with a separate bathroom. Behind the kitchen, there is a maid room with washing machine.“
Geduldig erklärt sie mir alles, während sie die Balkontüre öffnet. Ein warmer Wind weht herein.
„You can open the kitchen back door and have a nice breeze in the evening.“
Nacheinander schaue ich mir in Ruhe alle Zimmer an. Der Wohnungsschnitt ist symmetrisch, beide Schlafzimmer sind groß und fast quadratisch, die angrenzenden Bäder haben jeweils eine Badewanne und kleine Fenster nach hinten zur Schnellstraße hin. Eines der Schlafzimmer hat einen separaten Ankleideraum mit eingebauten Regalen, Kleiderstangen und einem großen Spiegel, das ist genial! Im zweiten Schlafzimmer gibt es zwei geräumige Wandschränke, außerdem einen eingebauten Schreibtisch. Auf der anderen Seite der Wohnung liegt spiegelverkehrt zum Ankleideraum der maid room, der nur von der Küche aus über einen kleinen Balkon zugänglich ist. Gedacht ist der winzige Raum, in den gerade mal ein schmales Bett und ein Schrank passen würden, für eine Hausangestellte. Hier steht eine ältere Waschmaschine. Von dem kleinen Küchenbalkon führt ein schmaler, abschließbarer Zugang zu einer Feuerleiter die dreizehn Etagen bis nach unten, was ich sehr beruhigend finde, nachdem ich von einer Maklerin erfahren habe, dass die Feuerwehren nur etwa bis zum siebten Stock löschen können. Das ist in etwa auch die Höhe, die Moskitos erreichen. In dieser Wohnung wäre ich also auch vor ihnen sicher.
Die Möblierung im Wohnzimmer ist allerdings ziemlich hässlich, ein schwarzes, abgewetztes Ledersofa und vor der Durchreiche ein großer Esstisch mit sechs fleckigen Stühlen, in den Schlafzimmern steht jeweils ein breites Doppelbett. Als ich auf den Balkon hinaustrete, bin ich von dem Ausblick überwältigt.
Anders als in den Wohnungen, die ich bisher gesehen habe, ist der Blick absolut unverbaut und ich kann kilometerweit über die Stadt in Richtung Osten, Süden und Westen blicken. Nach kurzer Orientierung erkenne ich sogar das Q-House, ein Hochhaus mit imposanter Dachkonstruktion, das auf dem Weg zum Büro an der MRT-Station Sathorn steht. Die Wohnung ist echt interessant.
„How much would the rent be?“
Die Verwalterin überlegt kurz. „You choose a one year contract?“
Mietverträge schließt man üblicherweise für ein ganzes Jahr ab und bekommt dann günstigere Konditionen. Ich nicke.
„Then the rent is 39.000 Baht per month, and one month deposit. Plus electricity, water and UBC, if you want.“ UBC, das habe ich schon gelernt, ist ein Kabel-TV-Anbieter.
„I don’t need UBC, but internet.“
„No problem, we can take care of that.“
Die Miete entspräche nach aktuellem Wechselkurs knapp eintausend Euro, wobei der Umtauschkurs nicht stabil ist und ziemlich schwanken kann. Der Preis ist nicht schlecht für eine Wohnung mit geschätzt 140 Quadratmetern in einer Weltmetropole mit rund zwölf Millionen Einwohnern. Was würde eine Wohnung dieser Größenordnung wohl in New York, London oder Tokyo kosten?
Mein Interesse will ich Duang aber nicht allzu deutlich zeigen, um noch Verhandlungsspielraum zu haben.
„May I show you the other facilities? There is a gym and a pool, and a tuk tuk service free of charge to go to BTS and MRT station. Laundry and cleaning service are available at low cost.“
Swimmingpool, Trainingsraum und kostenloser Shuttle-Service zu den nächstgelegenen Stationen. Das klingt ziemlich gut. Bevor wir zum Rundgang aufbrechen, möchte ich wissen, ob die Wohnung noch renoviert wird und ab wann sie bezugsfertig wäre.
„Yes, we will paint the walls, no problem. It could be ready in a week or so.“ Das wäre geradezu perfekt.
„Okay, that sounds good, but I’m not shure yet. I have made arrangements to see some other apartments. Let me get back to you in some days. Is there any chance to reduce the rent a bit? You see, actually I look for a smaller apartment, I just need one bedroom.“
Kurz überlege ich, dann ziehe ich die Chula-Karte.
„You know, I work as a teacher at Chulalongkorn University, not for a big company.“
Ihr Blick zeigt mir, dass sie versteht, was ich meine. „Oh, okay, let me talk to the manager and see what is possible.“
Im Büro gehe ich mit Ploy die Termine der nächsten Wochen durch. Ploy heißt amtlich gar nicht Ploy. Das ist ihr Spitzname, der einen langen, für westliche Zungen nahezu unaussprechlichen thailändischen Namen ersetzt, und Juwel bedeutet. Auch untereinander reden sich Thailänder nur mit ihren Spitznamen an, häufig sind ihnen die ‚echten‘ Namen der Gesprächspartner gar nicht geläufig. Die Spitznamen sind kurz und eingängig und begleiten ihre Namensträger durchs ganze Leben. Beliebt sind einsilbige Bezeichnungen wie Nam, Nu oder Fa, was Wasser, Maus oder Himmel bedeutet, zunehmend wählen Eltern aber auch englische Namen oder Bezeichnungen, die das Schicksal ihrer Kinder positiv beeinflussen sollen, wie Bank oder Money, auch Studenten mit Namen Guitar, Milk und Toffey sollte ich später noch kennenlernen. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Gegenüber älteren Gesprächspartnern setzt man noch ein phi davor, das für die Anrede älterer Geschwister benutzt wird.
In den ersten Arbeitswochen stehen vor allem Antrittstermine in meinem Terminkalender, ganz vorne der Botschafter und die Kulturreferentin der deutschen Vertretung. Mit der Botschaft werde ich beruflich viel zu tun haben, es gibt regelmäßige Austauschrunden mit den Akteuren der deutschen Kultur- und Spracharbeit. Auch der Wirtschaftsreferent sowie der Leiter der Visaabteilung sind wichtige Gesprächspartner, die ich bald kennenlernen sollte. In regelmäßigen Abständen werde ich zum Wirtschaftskreis eingeladen werden, gemeinsam mit Vertretern deutscher Unternehmen.
Ganz vorne stehen auch Treffen mit dem Direktor des Goethe Instituts und der Leitung der Sprachabteilung. Später werden Besuche bei zahlreichen Hochschulen in Bangkok sowie im ganzen Land folgen. Empfohlen wurde mir auch, Kontakt zu den fünf deutschen parteinahen Stiftungen zu knüpfen, die Büros in Bangkok unterhalten, ebenso wie zur deutschen Außenhandelskammer sowie zur ständigen Vertretung der EU-Kommission. Und dann sind da noch diverse thailändische Institutionen, wie das Royal Golden Jubilee Program oder der Thailand Research Fund, die Stipendien für thailändische Wissenschaftler vergeben, die im Ausland promovieren möchten. Es ist eine lange Liste, die Ploy und ich gemeinsam durchgehen, sie wird die Termine für mich koordinieren und mich auch zu einigen Treffen begleiten.
Übermorgen findet, wie immer am ersten Donnerstag im Monat, abends um sechs Uhr eine Vortragsveranstaltung für Studieninteressierte und ihre Eltern statt. Ploy wird auf Thai das deutsche Studiensystem und das Alltagsleben in Deutschland vorstellen. Ich sollte dabei sein, um die Besucher auf Englisch zu begrüßen und um Fragen zu beantworten. Ploy meint, meine Anwesenheit als Deutsche und Leiterin des Büros würde der Veranstaltung mehr Bedeutung geben. Ich trage mir die monatlich wiederkehrenden Termine gleich in den Kalender ein.
Die erste Woche vergeht unglaublich schnell. Am Freitagnachmittag habe ich die letzten Wohnungsbesichtigungen, aber eigentlich steht meine Entscheidung schon fest, ich werde die Wohnung in der Nachbarschaft nehmen. Am Samstagmittag mache ich mich daher erneut auf den Weg zu Duang. Vor ein paar Tagen ist mir neben der Wohnanlage ein einfaches Restaurant aufgefallen, das ich ausprobieren möchte. Gleich vorne im Eingangsbereich dampft in einem großen Kessel eine verführerisch duftende Suppe mit Rindfleischbällchen, die man mit verschiedenen Nudelvarianten bestellen kann, auf der Speisekarte finden sich außerdem diverse Gerichte mit Ente. Ich bestelle einen Salat mit Entenfleisch. Die zwei kleinen roten Chilischoten auf der Karte machen deutlich, dass das Essen scharf sein wird, drei Chilischoten sind das Maximum. Der Salat wird mit warmem Reis serviert und ist einfach köstlich! Wenn ich die Wohnung nehme, werde ich sicher öfter herkommen.
Die beiden Angestellten der Hausverwaltung sind wieder im Dienst. Duang zeigt mit einem feinen Lächeln, dass sie mich schon erwartet hat.
„How are you?“ begrüßt sie mich, ihrer Sache offensichtlich ziemlich sicher.
„Hello, sawasde khaa!“, entgegne ich. „So I came back to see the apartment again, if you don’t mind.“
Sie ist schon dabei, die Schublade mit den Schlüsseln zu öffnen. „No problem. You decide already?“
So schnell möchte ich meine Karten nicht aufdecken. „Almost. I would like to have another look to make a final decision.“
Beim Überqueren des Hofs sehe ich das hauseigene Tuk Tuk stehen. „The tuk tuk service drives you for free to BTS Nana or MRT Klong Toey station, if you like.“ Das ist echt ein großer Pluspunkt. In der Wohnung sind bereits Handwerker zugange und bereiten alles für einen neuen Anstrich vor.
„Did you have a chance to talk to the manager?“, bereite ich die Mietverhandlungen vor.
„Yes. After he heard you are German lady and work as teacher, he can offer you 36.000 Baht per month for a one year contract.“
Das ist mit etwa 900 Euro pro Monat zwar immer noch viel Geld, aber in den letzten Tagen ist mir klar geworden, wie wichtig es mir ist, dass ich ein Zuhause habe, in dem ich mich wohl fühle. Und von allen Wohnungen und Häusern, die ich in dieser Woche gesehen habe, war das Bauchgefühl hier am besten.
„Okay, I take it. You mentioned you have some furniture I could choose from. I really do not like the black leather couch too much. And would it be possible to get a new mattress in the main bedroom?“
Duang führt mich in das Nachbargebäude, dort stehen in einem großen Lagerraum unzählige Möbelstücke. Ich finde eine stoffbezogene Couch in gutem Zustand, die mir zusagt und die ich mit einer Überdecke noch aufhübschen kann, außerdem einen kleineren Esstisch mit vier Stühlen. Das zweite Doppelbett soll durch ein Einzelbett für Gäste ersetzt werden, damit ich in dem Raum mehr Platz für meinen Arbeitsbereich habe. Außerdem bekomme ich die Zusage, dass das große Bett eine neue Matratze bekommt. Heute in einer Woche werde ich einziehen!
„BAI NAI? WHERE YOU GO?“ Der Taxifahrer hat das Beifahrerfenster heruntergelassen und beugt sich in meine Richtung.
„To Chulalongkorn University.“ Ich reiche ihm meinen Zettel durch das geöffnete Fenster, auf dem die Adresse steht, mit ausgedrucktem Kartenausschnitt von Google Maps. Praktischerweise gibt Google auch die thailändische Schreibweise von Adressen an. Neugierig dreht er das Blatt hin und her.
„Aaah, bai Chula. To Chula. No go, sorry.“ Bedauernd schüttelt er den Kopf und macht eine abwehrende Handbewegung, im Anfahren lässt er das Fenster wieder hoch und fädelt sich in den stockenden Verkehr ein. Mich lässt er verwundert am Straßenrand zurück. Mehrere Versuche, eines der Taxen zu stoppen, die an mir vorbeifahren, schlagen fehl. Keines davon hat einen Fahrgast an Bord, was man an dem rot beleuchteten Schriftzug in der Windschutzscheibe erkennen kann. Aber keines hält an. Langsam wird die Zeit knapp, es ist bereits kurz vor neun.
Heute ist Semesterbeginn und mein erster Arbeitstag an der Uni steht bevor. Für zehn Uhr ist die wöchentliche Konferenz an der Deutschabteilung der Universität anberaumt und damit meine Vorstellung im gesamten Kollegium. Und ich bin mal wieder spät dran, dummerweise ist auch das hauseigene Tuk Tuk unterwegs. Die Alternative wäre, einen knappen Kilometer bis zur BTS-Station Nana zu laufen, dann vier Stationen bis Siam Square zu fahren und von dort aus die noch verbleibende Stecke, die auf der Karte immerhin mit anderthalb Kilometern angegeben ist, zu Fuß zu gehen. Und das bei dreißig Grad im Schatten, in gebügelter, langärmeliger Bluse und langem Rock. Ich sehe mich schon total durchgeschwitzt und abgehetzt in der Runde meiner neuen Kollegen sitzen. Toller Einstieg! Aber es hilft nichts, hier ist kein Taxi zu bekommen, Plan B muss her.
Also laufe ich los, die Straße runter Richtung Sukhumvit Road, eine der Hauptstraßen Bangkoks, die aus der Stadt heraus nach Südosten Richtung Pattaya führt. Das thailändische Straßensystem ist nicht nur für Neuankömmlinge verwirrend, vor allem, weil viele Nebenstraßen im Nirgendwo als Sackgasse an einem Kanal enden. So zweigen von der Hauptader Sukhumvit Road zahllose Nebenstraßen nach Norden und Süden ab, die nummeriert sind und den Adresszusatz Soi für Gasse haben. Meine Straße ist die Sukhumvit Soi 4, sie zweigt ganz am Anfang der Sukhumvit Road nach Süden ab und liegt damit relativ zentral. Alle Soi mit geraden Zahlen gehen in Richtung Süden, die mit ungeraden Zahlen nach Norden. Untereinander sind diese Nebengassen manchmal verbunden, aber verlassen sollte man sich nicht darauf. Unterverästelungen sind dagegen häufig, was es Ortsunkundigen schwer macht, sich zu orientieren und den richtigen Weg zu finden. Selbst Taxifahrer müssen sich oft auf den letzten Metern zu einer Adresse bei Passanten durchfragen, weil nur Bewohner die Labyrinthe durchschauen. Postzusteller in Bangkok zu sein, ist sicher nur was für Orientierungskünstler mit fotografischem Gedächtnis.
Es ist mühsam, auf dem Gehweg voranzukommen. Straßenstände versperren den Weg und zwingen mich zum Ausweichen. Aromawolken von frittierten, gebratenen und gedämpften Leckereien hüllen mich immer wieder ein. Um die Garküchen herum bilden sich Menschentrauben, jeder wartet geduldig, bis er an der Reihe ist. Vor mir laufen, oder besser gesagt schlendern in aller Gemütsruhe Passanten, die ihren Geschäften nachgehen, auf dem Weg zur Arbeit sind, oder Besorgungen machen. Dazwischen Hunde und Katzen, in friedlicher Koexistenz in ihrer ganz eigenen Welt. Von Hektik keine Spur. Ich verlangsame mein Schritttempo, um nicht ständig überholen zu müssen, aber so werde ich nie ankommen. Meine Tasche, die schwer ist von Büchern, halte ich eng am Körper. Langsam fange ich an zu schwitzen. Noch ein paar Meter, dann bin ich an der Hauptstraße. Vielleicht bekomme ich hier ein Taxi?
An der großen Kreuzung warten die Autos vierspurig in langen Reihen, die Ampel steht auf Rot. Sehr hilfreich ist, dass die meisten Ampelanlagen die verbleibenden Sekunden der Rot- und Grünphasen anzeigen. Demnach bleiben mir jetzt noch 48 Sekunden, bis die Ampel auf Grün umspringen wird. Zeit genug, nach einem freien Taxi Ausschau zu halten. In der zweiten Fahrspur erkenne ich ein grün-gelbes Taxi mit erleuchtetem Schriftzug in der Windschutzscheibe. Ich schlängle mich durch die wartenden Autos, im Augenwinkel immer die Umgebung und heranbrausenden Motorroller im Blick, die jede Lücke zwischen den Autos nutzen, um ganz nach vorne direkt an die Kreuzung vorzupreschen. Ich klopfe an die Scheibe und öffne die hintere Autotür, um direkt einsteigen zu können.
„To Chula, Siam Square?“
Der Fahrer zögert einen Moment, nickt dann. Schnell steige ich ein, lasse mich auf den Rücksitz fallen und ziehe die Autotür zu. Glück gehabt. Der Innenraum ist kühl temperiert, im Radio läuft Thaipop. Zwar bin ich noch nicht am Ziel, aber auf dem besten Weg dorthin. Und der Hitze entkommen. Bevor die Ampel auf Grün umspringt, reiche ich dem Fahrer meinen Zettel nach vorn.
„Could you please take me to Chulalongkorn University at Henri Dunant Road?“
Meine Aussprache sorgt für Verwirrung. Henry Dunant, Schweizer Bürger und seinerzeit Gründer des Internationalen Roten Kreuzes, ist exotischer Namensgeber für einen der Boulevards im Herzen Bangkoks.
„Aaahh, Angri Dünang?“, korrigiert mich der Taxifahrer nachdem er Karte und Adresse in der nächsten roten Ampelphase eingehend studiert hat. Ich nicke. Sein „Okeeee!“ signalisiert, dass ich mir jetzt keine Sorgen mehr machen muss. Entspannt lehne ich mich im Sitz zurück. Viertel nach neun. Das schaffe ich locker bis zehn Uhr.
Der Verkehr ist zäh, aber er fließt einigermaßen. Die Straße führt unter der Hochbahntrasse entlang, was mir die Orientierung erleichtert. Es geht immer geradeaus, wir passieren die BTS Stationen Ploen Chit und Chit Lom, auf der linken Seite sehe ich den bei Thai und Touristen gleichsam beliebten Erawan Schrein, auf den vor einigen Jahren ein Bombenanschlag verübt wurde. Dabei kamen zwanzig Menschen ums Leben, mehr als hundert Personen wurden verletzt. In den kommenden Monaten wird mir bewusst werden, dass man in Bangkok, aber vor allem in Südthailand, seit Jahrzehnten mit der Bedrohung durch Bombenattentate lebt. In westlichen Medien sind Anschläge in Thailand jedoch nur dann Thema, wenn Touristen betroffen sind.
An der nächsten großen Kreuzung biegen wir links ab in die Henri Dunant Road. Auf der rechten Seite muss gleich der große Campus der Chulalongkorn Universität kommen. Wir passieren die auf der Karte eingezeichnete Patumwan Demonstration School, links sehe ich das Schild des Royal Bangkok Sports Club, die Pferderennbahn in Bangkok. Hier muss ich aussteigen.
“Could you stop here, please?”, signalisiere ich meinem Fahrer, der prompt an den Straßenrand steuert. Das Taxometer zeigt 55 Baht, umgerechnet knapp ein Euro fünfzig. Taxifahren wird neben der BTS und MRT zu meinem wichtigsten Fortbewegungsmittel in Bangkok werden.
