Abenteuer Vertrauen - Maike Maja Nowak - E-Book

Abenteuer Vertrauen E-Book

Maike Maja Nowak

4,8
9,99 €

oder
Beschreibung

Von der einzigartigen Hundeflüsterin - einfühlsam und stark.

Von der einzigartigen Hundeflüsterin – einfühlsam und stark.


Ein Hund ist von Natur aus vollkommen – wenn er auch oft nicht perfekt zu unseren Erwartungen passt. Das gilt auch für Menschen: Auch wir erfüllen oft nicht die Anforderungen unseres modernen Lebens und sind dennoch vollkommene Wesen, solange wir im Einklang mit unserer Natur stehen. Maja Nowaks Erlebnisse mit dem Leithund Raida stehen im Zentrum dieses Buches und machen deutlich, wie Hunde uns lehren können, unsere Wahrnehmung zu schulen und zu dem zurückzugehen, was in jedem von uns vollkommen ist.

Weitere Infos und Videos finden Sie unter: www.vdu-wegbereiter.de oder www.mosaik-verlag.de

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 398




Buch

Ein Hund ist von Natur aus vollkommen – wenn er auch oft nicht perfekt zu unseren Erwartungen passt. Das gilt auch für Menschen: Auch wir erfüllen oft nicht die Anforderungen unseres modernen Lebens und sind dennoch vollkommene Wesen, solange wir im Einklang mit unserer Natur stehen. Maja Nowaks Erlebnisse mit dem Leithund Raida stehen im Zentrum dieses Buches und machen deutlich, wie Hunde uns lehren können, unsere Wahrnehmung zu schulen und zu dem zurückzugehen, was in jedem von uns vollkommen ist.

Autorin

Maike Maja Nowak ist Wegbereiterin für Mensch-Hund-Kommunikation und leitet das Dog-Institut Berlin. Sie ist Autorin mehrerer Bestseller über die Beziehungen zwischen Menschen und Hunden, Protagonistin der ZDF-Serie »Die Hundeflüsterin« und international als Seminarleiterin und Referentin tätig.

Außerdem von Maike Maja Nowak im Programm:Die mit dem Hund tanztWanja und die wilden HundeWie viel Mensch braucht ein Hund

Maike Maja Nowak

Abenteuer Vertrauen

Vollkommen, aber nicht perfekt

Was Menschen von Hunden lernen können

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1. AuflageOriginalausgabe April 2016© 2016 Wilhelm Goldmann Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenUmschlaggestaltung: *zeichenpool, MünchenUmschlagfoto: © Ulrike BalhornInnenteilfotos: Abb. 1, 2, 3, 4, 5, 6 © Kristin Höfer; Abb. 7 © Noah’s Ark; Abb. 8, 9, 10, 11, 12, 13ff., 14, 15, 16, 17, 18 © Ulrike Balhorn; Abb. 19 © Michael Tzschopp. Alle weiteren Fotos: © Maike Maja NowakLektorat: Karen-Susan FesselSatz: Uhl + Massopust, AalenJE · Herstellung: IHISBN 978-3-641-15849-1V001www.mosaik-verlag.de

Inhalt

Vorwort

Teil 1 – Anfühlen

Einleitung

Das Duell

Ist ein Anführer ein guter Untergebener?

Erste Berührungen

Der Mauerweg

Präsenz braucht keine Hände

Kräftemessen

Kann ich dir vertrauen?

Im Moor

Listen

Das erlebte Wir

Der blinde Fleck

Ins Leben rudern

Teil 2 – Entdecken

Der Sprung

Die Gebetsmühle

Der innere Schalter

Mitschwingen lernen

Freiräume

Coming-out für Hundehalter

Hundebegegnungen

Raida, der Blitzer

Puzzleteile

Teamwork

Echtheit

Neue Facetten

Die drei Temperamente

Teil 3 – Erkennen

Vorwärtsdrängende Hunde – die Extrovertierten

Der autonome Leithund

Der halbautonome Kundschafter

Der nichtautonome Wächter

Nachschwingende Hunde – die Introvertierten

Der autonome Leithund

Der halbautonome Kundschafter

Der nichtautonome Wächter

Der pulsierende Zentralhund

Speed-Dating am Zaun

Übergänge

Teil 4 – Weitergehen

Was bin ich?

Die Musiker stimmen

Statt eines Schlusswortes:

Wie Träumende auf einem schlafenden Löwen

Wir sitzen uns’rer Seele

wie einem Hokuspokus gegenüber.

Wir fühlen etwas tausendmal

und erkennen es doch nie wieder.

Wir sind aus einem Leib gemacht

und innen ganz zerrissen –

uns fehlt schon so viel Wichtiges

dass wir nur Tand vermissen.

Wie Träumende auf einem schlafenden Löwen …

Zu feige auch allein zu gehen

halten wir uns zusammen.

Unser Denken hat den Herdentrieb

gedankenlos übernommen.

Uns’re Sucht ist übermächtig

in der Sehnsucht uns’rer Liebe.

Wir steh’n atemlos und meist zu spät

am Schnellimbiss uns’rer Gefühle.

Wie Träumende auf einem schlafenden Löwen

fühlen wir unser Gewissen.

Noch heben wir die Dirigentenhände

vor den letzten Bäumen.

Noch können wir in uns versunken

über das alles weinen.

Noch gilt ein Kinderglaube

den wir selbst in uns vermissen.

Noch gibt es die Todesstrafe nicht

für unser verdrängtes Wissen.

Wie Träumende auf einem schlafenden Löwen

fühlen wir unser Gewissen.

Doch irgendwann wird der Löwe wach

und wir werden ihn hören müssen.

Liedtext von Maike Maja Nowak, 1990

Vorwort

Es gab Marathonstrecken in meinem Leben, die mir heute kaum noch gegenwärtig sind, und rasante Sprints, die in meiner Erinnerung ohne Nachhall verpufften. Immer präsent jedoch sind mir die Kreuzungen, an denen ich eine Richtung wählen musste. Diese Entscheidungen markieren meinen Lebensweg.

Dieses Buch nun habe ich in einer Außenbahn zu schreiben begonnen und wähnte es am Anfang ganz einfach, zu erzählen, was ich von den Hunden auch über uns Menschen erfahren habe. Beim Schreiben aber spürte ich, wie sich das Manuskript wehrte und versperrte, als ich zu allgemein blieb, also ohne mich selbst mit in dieses Abenteuer hineinzunehmen. Als ich mich dann dazu entschloss, begann mich das Buch wie eine Zwiebel Schicht für Schicht abzuschälen. Anders erlaubte es mir nicht, es zum Wachsen zu bringen. Je mehr ich es zuließ, echt zu sein, umso mehr konnte das Buch wachsen.

Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, mich perfektionieren zu müssen, weil ich nicht in dem willkommen geheißen und ermutigt wurde, was ich tatsächlich bin. Diese Idee, nicht zu genügen, können nur wir Menschen uns gegenseitig vermitteln.

Hunde dagegen verhelfen uns zu dem Gefühl, wertvoll und liebenswert zu sein, denn sie zeigen sogar Freude an dem Ungenügenden, das wir ihnen oft bieten. Jeder, der ehrlich zu sich selbst ist, wird sich schon einmal gefragt haben, warum sein Hund ihm immer zugewandt bleibt, obwohl seine eigene menschliche Verfassung Schwankungen unterworfen ist und der Hund vielen misslichen Situationen nicht aus dem Weg gehen kann.

Vielleicht beziehen sich die Hunde einfach auf unseren inneren Kern, der ja wie bei ihnen selbst stets wertvoll und liebenswert ist.

Von Hunden könnten wir also wieder lernen, an uns selbst zu glauben, so wie sie an uns glauben, und ein Streben nach einer Perfektion aufgeben, die ohnehin nur eine Illusion ist.

Auch die Natur käme niemals auf die Idee, eine Kiefer zu optimieren, weil sie in anderer Form vielleicht hübscher aussähe und mehr Anerkennung fände. Sie würde ihr auch keinen Motor einbauen, damit die Kiefer sich fortbewegen kann. Sie hat die Kiefer so geschaffen, dass sie vollkommen ist.

Wenn wir hinschauen, was uns die Natur und die Tiere zu sagen haben, erwarten auch uns wieder Wunder, die wir nicht selbst erfinden müssen, weil sie da sind. Schon immer. Und jeden Tag aufs Neue.

Wie können wir wieder zu unserer Echtheit zurückfinden und lernen, auf unsere natürlichen Ressourcen zurückzugreifen?

Wie kann aus einer Gesellschaft von Individualisten eine echte Gemeinschaft werden, die zusammensteht? Wo sind die Gaben, die wir nicht mehr genutzt haben, verborgen?

Mein persönliches Lebensgeschenk war ein Hund, der mich mit seiner starken Verwurzelung im Authentischen auf eine Lehrreise mitgenommen hat, bei der ich Verlorenes von mir selbst wiederfinden durfte. Ein Hund, der einen langen Weg zurücklegte, um mich auf meinem Weg zu begleiten.

Ich möchte Sie nun einladen, mir in ein Abenteuer zu folgen, das Vertrauen heißt. Bei allem, was Sie noch tun, wünsche ich Ihnen stets viel Sehnsucht nach sich selbst.

Teil 1 – Anfühlen

Einleitung

Auf den ersten Blick ist an der Nachricht nichts ungewöhnlich.

»Hallo liebe Frau Nowak,

anbei für Sie ein Link zu einer Seite des Tierheims Koblenz mit der sehr aussagekräftigen Beschreibung eines Hundes, der offensichtlich ein geborener Rudelführer ist und entsprechende menschliche Führung sucht. Ich habe an Sie denken müssen, obwohl ich nicht weiß, ob Sie gerade einen Hund suchen, und natürlich möchte ich Sie auch nicht belästigen. Vielleicht möchten Sie es ja einfach mal lesen, ich finde es sehr berührend.

B. R.«

»Nein«, denke ich sofort. »Ich möchte nichts lesen. Ich habe gerade den Tod meines Hundes Viktor verarbeitet, und ein neuer Hund ist eingezogen. Es gibt keinen Grund, mir einen weiteren Hund anzusehen. Nein, in den kommenden Monaten stehen viele Seminare an und ich weiß, wie intensiv sie jedes Mal werden. Da ist weder Zeit für einen neuen Lehrmeister noch zum Lernen«, beende ich die Diskussion mit mir selbst und schalte den Computer aus.

Ein paar Tage später bekomme ich eine weitere Nachricht:

»Entschuldigung, zweiter Versuch, mit dem nun hoffentlich richtigen Link zum richtigen Hund, nämlich Raida, der Coole, und nicht, wie Ihnen wohl versehentlich geschickt – Bob, kein Baumeister.«

Wenn die Frau wüsste, dass ich »Bob, kein Baumeister« nicht einmal angesehen habe, denke ich mit einem fast schlechten Gewissen. Dann stutze ich. Der originelle Titel macht mich neugierig. Ich klicke auf den Link von Bob und will wissen, warum er kein Baumeister ist.

Klick.

Der Link öffnet sich nicht.

Klick, klick.

Nichts.

Überrascht blicke ich auf die unveränderte Browseroberfläche des Bildschirmes. »Nun ist es aber wirklich gut«, denke ich. Ich danke der Frau für ihren Tipp und erkläre ihr, dass der Link sich nicht öffne, aber mein »Hundeboot« sei ohnehin voll.

Am Abend schreibe ich eine Kolumne für eine Zeitung, und nachdem ich sie von meinem Mailaccount abgesendet habe, öffne ich eine Suchmaschine und verfolge, wie die Worte »Raida, der Coole, Tierheim Koblenz« im Suchfenster erscheinen. Meine Finger haben sie mit großer Selbstverständlichkeit in die Tastatur getippt.

Ein Foto erscheint. Darauf sieht man einen Pfleger in einem Zwinger auf dem Boden sitzen. Quer über seinem Schoß liegt ein großer, blonder Hund, der auf den ersten Blick einem kräftigen Labrador ähnelt. Auf den zweiten Blick fallen seine ungewöhnlich hellen und durchdringenden Augen auf und die beige-weiß gescheckte Färbung seines Fells. Der Mann lacht freundlich, er hält den Hund von hinten liebevoll umschlungen. Trotz dieser Szenerie erweckt der Hund nicht den Eindruck eines Schoßhundes. Im Gegenteil. Seine Pose besitzt weder den Ausdruck der Hingabe noch der Entspanntheit. Er okkupiert den Mann mit einer lässigen Bestimmtheit und hat den Blick gezielt auf den Fotografen gerichtet.

»Klar gucke ich lieb in die Kamera. Da freut ihr euch immer«, würde ich diesen Blick beschreiben. Im selben Moment erscheint es mir absurd, einem Hund so einen Gedanken zu unterstellen.

Aber der Eindruck bleibt.

Ich beginne das Portrait der Tierheimleiterin Kirstin Höfer zu lesen:

»Raida ist ein wirklich ungewöhnlicher, besonderer Hund. Er hat eine außergewöhnliche Begabung: seine überaus hohe soziale Kompetenz mit seinen Artgenossen. Das geht weit über die normale Verträglichkeit mit anderen Hunden hinaus … Er ist ein Lehrer, ein guter Onkel, ein Tröster, ein Schlichter, ein Kontrolleur, ein echter Hundechef, ein Truppenbeauftragter und für uns ein zuverlässiger Kollege. Raida ist cool, souverän, von echter, wahrer und überaus guter Dominanz. Tolerant, konsequent, gelassen, souverän, mutig, weise, albern, erfahren, unmittelbar, gerade und motiviert. Sämtliche Jungspunde hat er in die Spur gebracht, zurechtgerückt, bespaßt und erzogen. Allen Schnöseln, die bei ihm eingezogen sind, hat er sofort die Regeln erklärt, konsequent umgesetzt und wie ein gutmütiger Onkel die Erfolge belohnt. Raida ist für uns kaum zu ersetzen. Aber auch Raida soll einmal ein schönes Leben mit eigenen Menschen haben.

Jetzt kommt es … das große A B E R. Raida ist erfahren, er kann Menschen lesen wie kaum ein anderer Hund. Nicht nur lesen, auch manipulieren, er hat sie, die ganz seltene wunderbare Dominanz. Das heißt aber auch, Raida geht seinen Weg, lebt sein Leben nach seinem Kopf. Er ist überaus kooperativ, so wird der normale Hundefreund gar nicht merken, wer hier den Ton angibt. Raida hat eine sehr feine, überaus subtile Körpersprache, mit der er Menschen zu etwas bewegen kann. Gibt es etwas, was gar nicht in seinen Lebensplan passt, z. B. der Besuch vom Tierarzt, dann kann er schon sehr deutlich ruppig werden. Hier braucht es dann einen echten Chef, der ihm klarmacht: ›Das ziehen wir jetzt durch!‹

Obwohl Raida extrem belastbar und tolerant ist, möchten wir ihn nicht zu ganz kleinen Kindern vermitteln. Raida würde sich in die Erziehung einmischen und Ihre Kinder so erziehen wie seine Hundefreunde. Mit Spaß und Toleranz, aber eben auch kernig und grob. Raida ist wachsam ohne Kläfferei, er steht einfach da! Wie ein Fels, wie ein Ausrufezeichen! Raida kann der lustigste, witzigste und albernste Hund des ganzen Tierheims sein. Aber auch einer, der einem einen Blick zuwerfen kann, der sagt: ›N.E.I.N.‹ Da braucht es Menschen, die das NEIN noch konsequenter aussprechen können, noch gerader sind, echte Chefs … keine Chefchens … Raida kommt aus Malta, aus unserem Partnertierheim, seine besondere Art hat aber nichts mit seiner Vergangenheit zu tun. Sie ist angeboren, diese wunderbare Art, die diesen Hund zu einem Goldstück macht.

Wer wäre also nun der Richtige für Raida?? Raida sollte seine Fähigkeit, seine Artgenossen erziehen zu können, ausleben können. So wäre er der ideale Zweit-, Dritt- oder Vierthund. Gerne zu jungen Rüden oder Hündinnen, die über die Stränge schlagen und eine Orientierung brauchen. Raida braucht hundeerfahrene besondere Menschen, eigentlich Menschen, die genau so sind wie er. Die eine ganz natürliche Autorität besitzen, cool sind, ein bisschen das Abenteuer lieben, naturverbunden sind, neugierig, offen und robust, aber auch fein und sensibel. Die mit ihrem Hund eine Einheit bilden wollen, die Freiheit lieben und gewähren können. Raida ist kein Hund für eine Etagenwohnung, er braucht Raum für Körper und Seele – ein Hof oder ein Garten, das sollte es schon sein. Raida, der coole Freigeist – Sie sehen, wir geben ihn gar nicht gerne her … ;-) Wir hoffen dennoch, dass sich bald diese ganz besonderen Menschen melden für diesen ganz besonderen Hund.«

Auf der einen Seite habe ich selten ein so nuanciertes Portrait über einen Hund gelesen und bin tief beeindruckt sowohl vom Text als auch vom Hund. Auf der anderen Seite zieht sich etwas in mir zurück. Ich möchte nicht schon wieder Veränderungen. Ich möchte einfach einmal durchschnaufen dürfen. Ich habe gerade einen Rückzugsort gefunden und bin vom Berliner City-Viertel Prenzlauer Berg weg in ein Haus am Stadtrand gezogen. Ich gewöhne mich daran, als Hundetrainerin mit einer eigenen TV-Staffel eine öffentliche Person zu sein und doch bei mir selbst zu bleiben. Ich möchte keine weiteren neuen Bewegungen um mich herum und auch innerlich gerade nicht neu bewegt werden.

Der Tod meines hündischen Seelengefährten Viktor und das Hinzukommen des jungen Hundes Mitja hat dem Puzzle unserer Gemeinschaft eine neue Form gegeben, deren Teile sich gerade erst wieder harmonisch zu verbinden beginnen.

Ich habe Sehnsucht nach Ankommen und nicht nach Aufbruch.

Am nächsten Morgen bereite ich mich auf die Termine der kommenden Woche vor. »Lesung Köln« steht in meinem Kalender.

»Das ist doch nicht so weit weg von Koblenz, oder?«, höre ich eine Stimme in mir.

»Hm«, verselbständigt sich der Gedanke weiter, »andere fahren sehr weit, um sich einen Popstar anzusehen. Da kann ich mit meinem Berufshintergrund ja auch eine Stunde weit fahren, um mir einen echten Hundekünstler anzusehen.«

Die Entscheidung, ihn einfach nur zu besuchen und zu beobachten, setzt Adrenalin bei mir frei. »Genau. Das ist doch eine gute Lösung«, denke ich nun ganz zufrieden.

Ich rufe im Tierheim an und kündige meinen Besuch an. Ein wenig Verwirrung entsteht um die Aussprache des Namens: Im Portrait steht der Name Raida, den ich zweisilbig, nämlich »Ra-ida«, ausspreche. Aber Raida ist, wie ich erfahre, die lautmalerische Übersetzung des ursprünglich englischen Namens Radar, den die Tierheimleiterin dann auch so ausspricht – nämlich »Raydar«. Dass der Name Radar bei diesem Hund durchaus Sinn macht, werde ich später noch erleben.

Das Duell

Morgens sitze ich im Regionalzug von Köln nach Koblenz. Ich habe das Gefühl, ohne Erwartung und Druck in diese Begegnung zu gehen. Ich bin ja nur angereist, um einen Künstler live zu erleben, dessen Bühne gerade ein Tierheim ist.

Im Zwinger will ich den Hund nicht kennenlernen, eher in einer Situation, in der er sich frei bewegen kann und mehr Raum hat. Deshalb führt mich die Leiterin Kirstin Höfer zu einem eingezäunten Auslauf. Ich wähle den hinteren Bereich des Geländes, um den Hund zu erwarten, während die Tierheimleiterin sich auf der Außenseite des Zaunes mit einem Fotoapparat postiert.

Kurze Zeit später wird der Hund von einer Mitarbeiterin gebracht. Mit erhobenem Kopf und gelassener Gangart läuft er auf das Gelände zu. Bei ein paar weiteren Mitarbeitern des Tierheimes, die sich als Zaungäste versammelt haben, stoppt er und wedelt eine weiche Begrüßung mit seiner imposanten Rute.

Als die Mitarbeiterin erst die Tür zum Gelände und dann den Karabiner der Leine öffnet, geht ein freudiger Ruck durch den Hund. Leichtfüßig springt er herein und macht ein paar Sätze, die eher an einen unternehmungslustigen Riesenwelpen erinnern als an einen souveränen Rudelführer.

Ich trete auf einen Zweig, der unter meinem Fuß zerbricht. Bei diesem Knacken fährt der Kopf des großen blonden Hundes zu mir herum, und unsere Blicke kreuzen sich. Seine gerade noch entspannte Haltung verändert sich abrupt. Er richtet sich zu seiner vollen Größe auf und fixiert mich in starrer, aufgebauter Haltung von oben bis unten. Dann wirft er den Oberkörper herum und setzt in kraftvollen, weiten Sprüngen auf mich zu. Ich spüre, dass er mich, den Eindringling auf diesem Gelände, maßregelnd anspringen will.

Schnell lasse ich mich in die Hocke fallen und gebe vor, eine Grasstelle am Boden zu untersuchen, ohne auf seinen Vorstoß zu achten. Damit will ich ihn ins Leere laufen lassen und überraschen. Der Hund stoppt seinen Lauf mit einer solchen Bestimmtheit, dass es mir schwerfällt, ihn nicht erstaunt anzusehen.

»Was ist passiert?«, denke ich und schiele zu ihm hinüber.

Er hat die Nase gesenkt und atmet geräuschvoll das Aroma dessen ein, was er da vorgeblich gefunden hat. Ich bekomme Gänsehaut.

Ganz offenbar ist ihm meine Inszenierung aufgegangen, stelle ich ernüchtert fest.

Ein paar Minuten lang geben wir beide das Stück »Du interessierst mich überhaupt nicht, aber ich habe hier etwas entdeckt, das dich unbedingt interessieren sollte«. Dann beginnt sich die Sache festzufahren. Ich stehe auf und schlendere wie bei einem Einkaufsbummel über den eingezäunten Platz des Tierheims. Meine gelangweilte Haltung muss überzeugend sein – selbst einige Beobachter hinter dem Zaun gähnen.

Drei Meter neben mir sehe ich jetzt aus den Augenwinkeln den Hund an mir vorbeiziehen. Demonstrativ hebt er das Bein, markiert eine Hundewippe und sieht mich an wie ein Schachspieler, der auf meinen Gegenzug wartet. Was das Markieren betrifft, bin ich nicht konkurrenzfähig, also beginne ich zu pfeifen. Nach einem mehrminütigen Wettkampf aus Markieren und Pfeifen beginnt diese Runde ebenfalls auf ein Unentschieden hinauszulaufen. Auch der Hund scheint das zu spüren, denn er bringt sich plötzlich genau auf meine Höhe, lässt einen wohldosierten Abstand von ungefähr zwei Metern zwischen uns und gleitet dann in gerader Linie seitlich von mir weg. Daraufhin betrachtet er mich mit einem Blick, der sagen könnte: »Ich habe gerade meinen Abstand zu dir vergrößert – und du?«

Ich bin verblüfft und will überprüfen, ob dieser »Zug« tatsächlich so gemeint war. Deshalb entferne ich mich ebenfalls, ohne unsere gemeinsame horizontale Linie zu verlassen. Dabei setze ich meine Schritte betont langsam und gelassen von ihm weg.

Eins … zwei … drei … vier.

Ich bleibe stehen und blicke zum Hund hinüber, der unschlüssig im Gras herumschnüffelt und mich kaum wahrnehmbar aus den Augenwinkeln heraus beobachtet. Dann richtet er sich auf, betrachtet meine zurückgelegte Distanz und entfernt sich seinerseits weiter von mir. Cool wie ein Cowboy, der einen Duellanten beeindrucken will, setzt er dabei seine riesigen Pfoten lässig auf.

»Wer ist denn in diesem Hund zu Hause?«, frage ich mich und spüre einen Schauer. Weil ich nicht glauben kann, was da gerade stattfindet, teste ich abermals seine Reaktion und entferne mich noch einmal von ihm.

Ein Schritt. Zwei Schritte. Drei Schritte. Zaun.

Ich habe mich so auf den Hund konzentriert, dass ich eines nicht bedacht habe: Der Zaun ist mir viel näher als ihm, und so hat er hat deutlich mehr Platz als ich. Ich verarbeite diese Erkenntnis und würde mir am liebsten vor Überraschung die Augen reiben. Wie sollen Hunde im Voraus denken können?

Das Telefongespräch mit der Chefin des Tierheimes fällt mir wieder ein. »Also ich kenne mich wirklich gut mit Hunden aus, aber Raida kann einem jederzeit das Gefühl geben, man sei vollkommen minderbemittelt«, hatte sie gesagt. »Ich bin gespannt, wie Sie damit umgehen.«

Jetzt ist der Blick von Kirstin Höfer durch das Objektiv des Fotoapparats auf uns gerichtet, und ich denke: Ja, ich bin auch gespannt, wie das hier weitergeht.

Ein unerwarteter Fund kommt mir in diesem Moment zu Hilfe. Versehentlich trete ich auf einen Tennisball, der sich im dichten Gras versteckt hält. Blitzschnell bücke ich mich und bringe ihn als Ressource ins Spiel. Wer unter Hunden Ressourcen behaupten kann, führt. Das weiß ich von den Hunden selbst.

Bumm! Ich donnere den Ball an einen Betonsockel, der aus der Wiese ragt. Er prallt von dort ab und landet wieder in meinen Händen.

Wie elektrisiert springt der Hund zu mir herum und setzt in großen Sprüngen herüber. Seine Coolness ist von ihm abgefallen, und Interesse hat sich über sein Gesicht ausgebreitet wie ein Fächer. Mit zum Sprung bereiter Haltung wartet er auf den nächsten Flug des Balls.

Ich werfe ihn erneut an den Kasten, und der Hund setzt ihm nach. Zu meinem Glück fliegt der Ball nach seinem Aufprall knapp am Maul des Hundes vorbei und landet auf dem Boden. Schnell setze ich meinen Fuß davor, wie auch Hunde ihre Pfote vor etwas setzen, das sie zu ihrem Eigentum erklären.

Der Hund bremst den Sprung ab und blickt auf meinen Fuß. Zum ersten Mal seit unserer Begegnung scheint er überrascht zu sein. Seine Augen wandern wie in Zeitlupe an meinem Bein entlang zu mir hoch, als ob sein Gehirn unterwegs noch etwas verarbeiten müsse.

Dann sieht er mir direkt ins Gesicht. Seine gelben, durchdringenden Augen haben einen Ausdruck, den ich nur schwer deuten kann: »War das jetzt Zufall, oder weißt du wirklich was über uns Hunde?«

Ich antworte ihm mit einem zweifachen Dribbler des Balls über den Boden und setze abschließend wieder meinen Fuß davor.

Er setzt sich hin und kratzt sich mit der Hinterpfote am Kopf. Dann erhebt er sich und setzt eine Marke an den Kasten. Ich bleibe beim Ball stehen und ignoriere den Kasten, an dem ich schließlich kein Interesse habe. Abwartend richtet der Hund seinen Blick auf mich und wirkt unschlüssig. Ich nutze die Gelegenheit, um ihn zu einem Kontakt einzuladen, in dem ich jedoch weiter die Regeln vorgebe. Seine Vermittlung aus dem Tierheim wird davon abhängen, ob er im Alltag führbar ist oder nicht. Mich interessiert, ob es mir gelingt, ihn zum Nachgeben zu bewegen.

»Bitte«, lade ich ihn ein und kicke den Ball zu ihm hin. Der Hund erfasst das Spielzeug im Sprung und kaut darauf herum. Dann spuckt er es aus. Der Ball scheint, von mir freigegeben, seinen Reiz für ihn verloren zu haben. Er wendet die Nase in meine Richtung und öffnet dann das Maul, um sich den Geruch, der von mir ausgeht, besser zu erschließen. Es wirkt, als sauge er mit dem Maul die Luft an und schmecke darauf herum. Sein Blick landet auf meiner Hosentasche. Mit Vorbedacht habe ich eine weitere Ressource eingesteckt.

Äußere Ressourcen werden von Leithunden oft spielerisch eingesetzt, um ihre eigenen inneren Ressourcen darzustellen. So fordern sie zum Beispiel gern einen anderen Hund auf, genau das haben zu wollen, was sie selbst gerade besitzen, nur um dann sagen zu können: »Du bekommst es aber nicht, und ich zeige dir jetzt, wie gut ich das umsetzen kann.« Der andere Hund kann sich also einen Eindruck davon verschaffen, welche inneren Ressourcen der Leithund hat. Muss er viel oder wenig aufwenden, um die äußere Ressource zu behalten? Kommt er schnell in Rage, oder bleibt er souverän, wenn er in Bedrängnis kommt? Was setzt er ein – körperliche Kraft, Intelligenz, Gewitztheit oder Präsenz? Wo liegen seine Stärken und Schwächen?

All diese Informationen sind entscheidend für einen Hund, der sich einem Leitwesen anvertrauen soll oder will. Dabei ist nicht wichtig, ob der Entscheidungsträger ein Hund oder ein Mensch ist. Das Prinzip bleibt dasselbe.

Wie gestalte ich nun aber so ein Beziehungsspiel, wenn ich als Mensch ein Entscheidungsträger bin und mein hündisches Gegenüber ganz augenscheinlich selbst ein Leithund ist?

Ich sehe auf den Hund vor mir und fühle mich von dieser Frage wie von einer Dampfwalze überrollt. Schlagartig wird mir klar: Ich habe keine Ahnung davon, wie das gehen soll. In der Kultur, in der ich lebe, ist es schlichtweg nicht von Interesse, dass es auch unter den Haushunden autonome Führer gibt und nicht nur Hunde, die eine Führung brauchen.

Mein Herz schlägt schneller.

»Wie würden denn zwei Leithunde den Dialog jetzt fortsetzen?«, frage ich mich beunruhigt, während der Hund vor mir weiter meine Hosentasche fixiert. Leere in meinem Kopf. Auch das weiß ich nicht. Ich habe ja nur wenige echte Leithunde kennengelernt wie den wilden Hund Wanja aus Russland.

Erst später werde ich die Erkenntnis gewinnen, dass ich die Leithunde unter den Haushunden gar nicht hinreichend habe erkennen können, weil sie durch eine früh praktizierte Dressur keine authentischen Leithunde mehr waren.

Obwohl ich mich durch diese Gedanken sehr verunsichert fühle, taste ich mich weiter vor und hole ein Stück Futter aus meiner Hosentasche.

»Phhh.« Mit diesem Laut, der wie ein weiches Ausprusten klingt, kommentiere ich den Flug des Hühnerbruststreifens auf den Boden. Der Hund ignoriert sowohl den Warnlaut als auch meine präsente Körperhaltung, stürzt auf das Futterstück zu und landet genau auf meinem Fuß, den ich blitzschnell vor das Futter gestellt habe. »Das ist mein Eigentum. Ich kann es an dich freigeben oder behalten. Dieses Stück hier behalte ich«, ist mein innerer Untertext. Ungerührt sehe ich ihn an und warte ab, wie er sich entscheidet.

Verdutzt schaut der Hund auf und mir direkt in die Augen.

Ich habe in viele Hundeaugen geblickt – liebe, traurige, rührende, flehende, genervte, gestresste, müde, wache, kluge, schläfrige Hundeaugen.

Aber noch nie waren Augen wie diese dabei.

Raidas Augen

Weise. Wissend. Uralt. Erfahren. Kühl berechnend. Klar. Kraftvoll. Während ich in diese Augen hineinschaue, komme ich mir vollkommen lächerlich vor mit meinem Versuch, ihm gegenüber in dieser Weise Position zu beziehen.

Der Hund tritt jedoch einen Schritt zurück und ist damit auch von seinem Anspruch abgerückt.

»Bitte«, lade ich ihn jetzt in freundlichem Tonfall und offener Körperhaltung ein und werfe ein anderes Futterstück, das ich damit freigebe. Er schießt darauf zu und saugt es auf wie ein Staubsauger.

Ich lege nun eine ganze Hand voll Futter auf den Boden und belege es mit einem »Phhh!«, um zu kennzeichnen, dass es weiter mir gehört.

Es scheint unter der Würde des Hundes zu sein, daraufhin überhaupt zum Futter zu sehen. Er sitzt einfach da, wartet ab und blickt mich an.

Ich gehe daraufhin los und werfe Futterstücke von mir weg, die ich immer vorher akustisch mit einem Tabu oder einer Erlaubnis kennzeichne.

Für das Tabu nehme ich Laute wie »Phhh!« oder aber kurze Wortlaute wie »Hooo!« oder »Hey!«. Das Wichtigste dabei ist, dass sie meine Energie transportieren und nicht rein technisch verwendet werden, weil sie dann nichts bewirken. Den Laut »Scht!« habe ich mir abgewöhnt, denn wie die Praxis zeigt, fällt es vielen Hundehaltern schwer, »Scht!« im Klang variabel einzusetzen und ihn weniger scharf zu gestalten.

Der Laut selbst ist jedoch vollkommen egal – entscheidend ist nur, welche Energie man mit ihm transportieren kann. Deshalb ist praktisch jeder Laut verwendbar. Auch ein Laut wie »Nein« kann gut funktionieren, wenn der Mensch darauf achtet, ihn nicht als Beginn einer endlosen Sprachschleife zu gebrauchen, wie zum Beispiel: »Nein! Pfui! Aus! Lass das!«, und sich nicht auf den Wortinhalt verlässt, sondern auf den Ausdruck der eigenen Energie.

Die Erlaubnis eines Futterstückes gestalte ich mit einem Laut, der mich weich werden lässt und meine Freigabe auch ausdrückt. »Okay!« oder »Haaaaa!« sind gute Laute für mich.

Bevor ich ein Futterstück abwerfe, informiere ich den Hund also über meine Absicht mit dem jeweiligen Laut. Verletzt ein Hund einen Tabu-Laut, setze ich meinen Körper ein und stelle den Fuß davor. In Ausnahmefällen, wenn ein Hund meine körperlichen Grenzen verletzt, setze ich einen Abschnapper mit dem Finger als Konsequenz. Dazu lasse ich die Fingerkuppen kurz an der Breitseite des Hundes zusammenschnappen, wie ein Maul ohne Zähne.

Der große Blonde respektiert jedoch meine Tabus und Einladungen ohne Einschränkung und wirkt jetzt weicher und zugewandter.

Sollte es mit ihm doch so einfach sein?

Aus dem gemeinsamen Laufen heraus drehe ich mich mit einer knappen Bewegung meiner Schulter zu ihm ein und stoppe ihn: »Phhh.«

Seine Ohren gehen zurück. Er setzt sich überrascht. Ich wende den Blick von ihm ab und entferne mich.

Nach einer Distanz von vielleicht vier Metern drehe ich ihm den Kopf zu und lächle ihn an. Er versteht diese Einladung sofort und kommt leichtfüßig herangelaufen.

Es beeindruckt mich sehr, wie fein er jetzt mitzuschwingen beginnt. Mir ist jedoch vollkommen klar, dass dies alles nur Fingerübungen auf einem eingezäunten Gelände sind, auf dem gerade nichts weiter passiert. Das wirkliche Leben ist es nicht.

Der Hund sitzt jetzt vor mir und wartet auf den Fortgang unseres Dialoges. Jede Zweideutigkeit ist aus seinem Blick verschwunden. Seine Augen wirken klar und einladend wie eine unberührte Flusslandschaft. Plötzlich verspüre ich Müdigkeit. Eine Anspannung, die ich vorher gar nicht wahrgenommen habe, fällt von mir ab. Mir wird bewusst, dass ich hier niemandem etwas beweisen muss. Nicht den Zuschauern hinter dem Zaun, nicht dem Hund und auch nicht mir selbst.

Raida und Maja beim Kennenlernen im Tierheim Koblenz

Wie von selbst rutsche ich in die Hocke und möchte dem Hund jetzt einfach nur nahe sein, ohne etwas mit ihm zu leisten.

»Du bist ein beeindruckendes Wesen«, sage ich, und sein Blick wandert über mein Gesicht, als würde er mich gerade zum ersten Mal wahrnehmen.

Sehr nah kommt er heran, bis sich unsere Nasen berühren.

Mit leicht geöffnetem Maul schnüffelt er intensiv an meinem Mund und an meinen Nasenlöchern. Er scheint dort Informationen zu sammeln, die für ihn wichtig sind. Seine Nähe fühlt sich überraschend vertraut und sehr besonders an.

Raida und Maja beim Kennenlernen im Tierheim Koblenz

Raida und Maja finden zusammen

Gedanklich richte ich die Frage an ihn, wegen der ich da bin, auch wenn ich es mir nicht eingestehen wollte:

»Als ich von dir hörte, habe ich gedacht, mit dir könnte ich weiter wachsen. Ich habe mich nicht getäuscht. Möchtest du mich begleiten, so wie ich dich begleiten könnte?« Der Hund tritt einen weiteren Schritt auf mich zu und legt vorsichtig seinen Kopf auf meine Schulter.

Während ich mit meiner aufsteigenden Rührung kämpfe, lässt er sich auf den Boden fallen, legt seinen Kopf zwischen meine Füße, umfasst mit beiden Pfoten meine Beine und streckt mir den Bauch entgegen.

Raida auf dem Rücken

»Wir sehen uns bald wieder, Ra-ida«, sage ich und spreche den Namen des Hundes auf diese Art aus, weil die Magie darin für mich besser zu ihm passt.

»Jetzt fehlt nur noch die Filmmusik«, höre ich in diesem Moment Kirstin Höfer hinter dem Zaun sagen.

Ich sehe zu ihr hinüber, und tatsächlich: Diese große resolute Frau, die wirkt, als könne sie nichts umhauen, hat Tränen in den Augen.

»Möchtest du noch erleben, wie er mit Hunden umgeht?«, fragt sie über den Zaun hinweg.

Tatsächlich hat mich die Begegnung mit ihm so gefangen genommen, dass ich mein eigentliches Anliegen ganz vergessen habe. »Ja, natürlich möchte ich ihn mit einem Hund erleben«, entfährt es mir begeistert.

»Dann bringen wir Amadeus, mit dem lebt er gerade zusammen in einem Zwinger. Amadeus war völlig durch den Wind, als er zu uns kam, und Raida hat ihm schon ordentlich Manieren beigebracht.« Kirstin Höfer winkt einem Helfer, der losgeht, um den Hund zu holen.

Sie selbst und zwei ihrer Mitarbeiter kommen auf das Gelände und werden von Raida mit einem freundlichen Schwanzwedeln empfangen. Als die Menschen sich auf einen Balken gesetzt haben und alle Augen auf ihm ruhen, schnappt er sich einen Stofffetzen vom Boden und hält ihn vorsichtig mit den Schneidezähnen fest. Den Kopf weit zurückgelegt, beginnt er nun trippelnd vor der Menschengruppe auf und ab zu laufen.

Alle klatschen.

Als Antwort schüttelt Raida das Stoffteil so stark, dass es laut knallt in der Luft. Aus den Augenwinkeln heraus überprüft er die Wirkung seiner Zugabe. »Bravo, bravo«, ruft eine junge Mitarbeiterin. Es ist deutlich spürbar: Alle möchten dem Hund mit ihrer Anerkennung etwas Gutes tun.

Raida drückt die Gelenke durch, und sein Blick wirkt nachsichtig. »Okay, wenn das schon reicht, euch zu begeistern …« Er kann breit grinsen, wenn er will, das ist nicht zu übersehen.

Die Tür zum Gelände öffnet sich, und Amadeus schießt herein. Der Malinois rast ungebremst in alle Richtungen und sieht sich hektisch um. Offenbar versucht er, die Situation auf dem Gelände einzuschätzen.

Raida hat sich zu seiner vollen Größe aufgebaut und sieht mit fassungsloser Miene auf den Malinois. Der Stofffetzen hängt ihm dabei aus dem Maul wie ein unpassendes Lätzchen. Jetzt wendet sich Amadeus vom Gelände ab und den Menschen zu. Er beginnt, über die sitzenden Personen zu springen und dort aktiv Aufmerksamkeit einzufordern. Als jemand ihn wegschiebt, scheint ihn das nur zu neuen Distanzlosigkeiten herauszufordern.

Eine Mitarbeiterin steht deshalb auf, als der Hund auf sie klettert, und hebt ihn mit sich nach oben, so dass er den Boden unter den Pfoten verliert.

Ich sehe zu Raida, dessen Gesichtsausdruck sagen könnte: »Der Kerl hat eine viel deutlichere Grenze verdient, damit er runterkommen kann.«

Als Amadeus diesen Blick bemerkt, wird er tatsächlich ruhiger. Wieder auf dem Boden angekommen, stellt sich der Malinois abseits von der Gruppe und beobachtet uns.

Mit unübersehbarem Schelm im Blick klatscht Raida mir daraufhin seinen Stofffetzen auf den Schoß.

»Oh, danke.« Erfreut nehme ich das Teil in die Hand.

Raida tritt zurück und sieht auffordernd auf den Fetzen. »Kein Geschenk, Mensch! Werfen sollst du das«, ist seinem Gesichtsausdruck zu entnehmen.

Amadeus und Raida

»Mein Lieber, auch wenn du deine Kommandos sehr freundlich verpackst, nimm es einfach wieder zurück.« Ich halte ihm den Stoffrest hin. Der Malinois taucht so plötzlich auf, dass ich meine Hand nicht mehr zurückziehen kann, bevor er mir den Fetzen wegschnappt.

Raida schießt Amadeus entgegen und starrt ihm direkt ins Gesicht.

»Das! Gehört! Mir!«, signalisiert er mit Nachdruck. Diese offensive Form der Grenzsetzung legt bei dem Malinois einen Schalter um. Seine Augen werden hart, die Lefzen wandern nach oben, und er schießt auf seinen Widersacher los. Raida fängt ihn ab, wuchtet ihn auf den Rücken und stellt sich über ihn. Der Malinois beginnt sich wie ein Irrer unter dem großen Hund zu winden und nach dessen Lefzen zu schnappen, bis ein kleines Blutrinnsal an Raidas Schnauze zu sehen ist. Dessen Augen sind weit aufgerissen. Sein Brustkorb hebt und senkt sich. Ein tiefes Knurren entfährt ihm immer wieder. Man sieht ihm das Unverständnis an, das ihm das Verhalten des Malinois bereitet. Ich erwarte, dass er sich zu wehren beginnt, doch er steht weiter nur über ihm.

Die Bisse des Malinois gehen jetzt abgeschwächt in die Luft, aber seine Augen sind dunkel vor Wut.

Raida wartet wie eine Wand.

Eine Minute.

Vier Minuten.

Der Malinois bewegt sich nicht mehr.

Fünf Minuten.

Sechs Minuten.

Raida tritt zur Seite und gibt den Angreifer frei. Der springt auf und entfernt sich eilends auf die andere Seite des Geländes. Ohne Übergang nimmt Raida den Stoffrest wieder ins Maul und läuft, die Beute präsentierend, hin und her.

Seine Verletzung erweist sich bei einer Begutachtung durch die Mitarbeiter als harmloser Kratzer. Immer wieder staune ich, wie vorsichtig und achtsam Hunde ihre Waffen einsetzen, um Verletzungen zu vermeiden.

Ein paar Wochen später werde ich erfahren, dass Amadeus nun bei einer Polizistin lebt, die von seinen Fähigkeiten als Drogensuchhund und seiner Leichtführigkeit begeistert ist. Raida hat offenbar ganze Arbeit geleistet.

Im Flieger zurück nach Berlin sitze ich zwischen zwei kräftigen Männern auf dem Mittelsitz. Mit angezogenen Ellenbogen fühle ich mich eingeklemmt, während ein Gefühl der Berührung mich überrollt, das Platz bräuchte. Tränen schießen mir immer wieder in die Augen, und ich muss mich sehr beherrschen, um nicht herauszulassen, was mich bewegt. Was für eine Begegnung, denke ich, und eine Tür öffnet sich in mir. Ich weiß nur noch nicht, in welchen Raum sie führt.

Ist ein Anführer ein guter Untergebener?

Ich bin geübt darin, eine Hundegruppe zu führen, Sicherheit zu vermitteln, Harmonie herzustellen und Gruppenregeln zu finden, die allen dienen. Der Weg dazu begann 1991 im russischen Dörfchen Lipowka, in dem ich mit zehn urtümlichen Hunden in ihrem natürlichen Lebensraum zusammenwohnte. Damals noch Liedermacherin, veränderte die Beobachtung ihres Zusammenlebens meine Wahrnehmung von Hunden grundsätzlich. Wie sehr sich das Verhalten von dressierten, angepassten Haushunden in Deutschland von einem natürlichen Lebensausdruck bei freilebenden Hunden unterscheidet, wäre mir ohne diese Vergleichsmöglichkeit nie aufgefallen.