Verlag: mainbook Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Abgetaucht - Andrea Habeney

Kommissarin Jenny Becker ermittelt im "Abgetaucht"-Fall mit ihrem Ex-Kollegen von der Frankfurter Kripo Lars Gruber ... In ihrer Frankfurter Wohnung wird die beste Freundin des Ex-Polizisten Lars Gruber ermordet aufgefunden. Der mordverdächtige Pilot und Taucher Michael Danner kommt kurz darauf in Thailand ums Leben. Doch Gruber vermutet, dass sein Tod nur vorgetäuscht und Danner in Phuket Abgetaucht ist, was Gruber keine Ruhe lässt. Auf einen Tipp hin begibt er sich in das Urlaubs- und Taucherparadies. Während er den Mordverdächtigen sucht, ermittelt seine frühere Kollegin, die Frankfurter Kommissarin Jenny Becker, in Deutschland und stößt auf einige Ungereimtheiten. Kaum ist Gruber in Phuket angekommen, überschlagen sich die Ereignisse und statt Sonne, Strand und Korallenriffe genießen zu können, wird er mit einer getöteten Prostituierten konfrontiert und ein Tauchgang endet anders als erwartet. Bald ist nichts mehr, wie es scheint ...

Meinungen über das E-Book Abgetaucht - Andrea Habeney

E-Book-Leseprobe Abgetaucht - Andrea Habeney

Die Autorin

Andrea Habeney, geboren 1964 in Frankfurt am Main, in Sachsenhausen aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte sie in Gießen Veterinärmedizin. 1997 folgte die Promotion. Bis 2013 führte Andrea Habeney im Westen Frankfurts eine eigene Praxis. Heute arbeitet sie als Tierärztin für eine Pharma-Firma.

Als Autorin hat sie sich einen Namen gemacht mit ihrer Frankfurter Krimi-Reihe um Kommissarin Jenny Becker: „Mörderbrunnen“ (Frühjahr 2011), „Mord ist der Liebe Tod“ (Herbst 2011), „Mord mit grüner Soße“ (April 2012), „Arsen und Apfelwein“ (2013), „Verschollen in Mainhattan“ (2014) und „Apfelwein trifft Weißbier“ (2015).

Zudem hat Andrea Habeney die Fantasy-Serie „Haus der Hüterin“, die derzeit in 7 Bänden vorliegt und fortgesetzt wird, bei mainbook veröffentlicht. Weiterhin liegen von der Autorin die beiden Fantasy-E-Books „Elbenmacht 1: Der Auserwählte“ und „Elbenmacht 2: Das Goldene Buch“ vor.

Andrea Habeney

Abgetaucht

Ein Frankfurt-Thailand Krimi

eISBN 978-3-946413-72-1Copyright © 2017 mainbook VerlagAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Gerd FischerCovergestaltung und -rechte: Lukas Hüttner

Auf der Verlagshomepage finden Sie weitere spannende Bücher: www.mainbook.de

Für Manfred.Mit dir tauche ich am liebsten ab!

Inhalt

Abgetaucht

„Du gehörst mir“, stieß er hervor und drückte seinen Körper schwer auf ihren. Sie stöhnte auf, was ihn weiter anspornte. „Mir alleine. Du bist mein!“

Clarissa wimmerte leise.

„Wem gehörst du?“, keuchte er und schlug ihr leicht ins Gesicht.

„Dir …“, flüsterte sie gehorsam, gleichermaßen erregt wie verlegen.

Wieder schlug er sie ins Gesicht, diesmal stärker, sodass sie schmerzhaft zusammenzuckte. Sofort hielt er inne und zog sich zurück. „Mein Baby, hab ich dir weh getan?“

Sie schmiegte sich in seine Umarmung. „Nur ein bisschen.“

„Soll ich aufhören?“, fragte er besorgt.

„Nein!“, rief sie erschrocken.

Er lachte und machte weiter, diesmal deutlich zärtlicher. Er zog sie herum, sodass sie mit dem Rücken zu ihm lag, und streichelte sie liebevoll.

Sie wusste nicht, welchen Teil des Sexes mit ihm sie als erfüllender empfand. Den zärtlichen, liebevollen, in dem er sie mit Kosenamen überhäufte. Oder den anderen, dunklen, wie sie ihn insgeheim nannte, wo er sie fesselte und verbal demütigte, ja sogar schlug und würgte.

Während er ihren Rücken küsste, schweiften ihre Gedanken ab …

Sie hatte sich immer nach einem starken Partner gesehnt, doch noch nie hatte sie Lust bei dem Gedanken empfunden, von einem Mann gedemütigt zu werden. Was sie hier mit Michael erlebte, ging weit über Dominanz hinaus. Sie genoss jede Sekunde davon.

Wie konnte es sein, dass sie diesem Mann so bedingungslos vertraute? Immerhin kannten sie sich erst seit etwa vier Monaten.

Kennengelernt hatten sie sich über eine Partnerbörse. Beim ersten Treffen hatten sie sich zunächst über ihr gemeinsames Hobby, den Tauchsport, unterhalten, doch bald schon waren seine Blicke eindringlicher geworden und immer wieder zu ihren Lippen zurückgekehrt. Sie glaubte, nicht richtig zu hören, als er plötzlich, aus dem Nichts heraus, sagte: „Ich möchte dich gerne küssen.“

Wie so oft, wenn es um spontane oder verrückte Ideen ging, schwand jedwede Vernunft aus ihrem Kopf und sie antwortete: „Dann tu‘s doch!“

Michael stieß sie regelrecht ins Schlafzimmer und kurz blitzte ein Gefühl der Angst in ihr auf. Er schob sie zum Bett, streichelte sie zärtlich und raunte „Vertrau mir!“ in ihr Ohr.

In dieser Sekunde entschied sich alles. Auf Messers Schneide zwischen Angst und Vertrauen ließ sie sich fallen und übergab sich ihm ganz.

Der Sex war zuerst zärtlich und liebevoll. Doch dann kippte das Ganze plötzlich und seine Sprache wurde grob.

Zu ihrer grenzenlosen Überraschung erregte es sie. Als er dann noch ihre Arme mit Kraft festhielt, war sie kurz davor zu kommen. Mit einer Hand umfasste er ihren Hals, als wolle er sie würgen, drückte jedoch nicht fest zu. Immer, wenn sie glaubte, es nicht mehr aushalten zu können, hörte er auf. Dann gab es zärtliche Phasen, wo er sie im Arm hielt und liebevoll mit ihr sprach.

Sie schliefen eng umschlungen ein und blieben die ganze Nacht so.

Am nächsten Morgen, nachdem sie sich noch einmal ausgiebig geliebt hatten, redeten sie. So schön der Sex gewesen war, beide hatten nicht das Gefühl, dass mehr daraus werden könnte. Clarissa würde es nehmen, wie es kam. Sie konnte sich nicht vorstellen, diese Art Sex regelmäßig zu haben. Doch gegen ein oder zwei Wiederholungen hatte sie durchaus nichts einzuwenden. Immerhin war sie alt genug und konnte als Single machen, was sie wollte. Niemanden ging es etwas an, mit wem sie ins Bett ging.

Es war etwas Besonderes, das hier zwischen ihnen stattfand. Es gehörten zwei dazu, Grenzen derart zu überschreiten. Zwei Menschen, die sich ergänzten und aus dem anderen mehr heraus kitzelten, als diesem bewusst war, in sich zu haben.

Michel packte sie wieder fester und riss sie aus ihren Gedanken. Er griff nach dem Seil, das neben dem Bett lag. Clarissa hielt den Atem an. Er knotete eine Schlinge und zog sie über ihr rechtes Handgelenk. Dann verfuhr er mit dem linken Handgelenk genauso, sodass beide mit einem kurzen Abstand zusammengebunden waren. Grob zog er ihre Arme über den Kopf. Dann griff er mit der anderen Hand an ihren Hals und würgte sie.

Sie rang nach Luft. Immer fester drückte er zu. Kurz hatte sie das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Aber immer noch hatte sie keine Angst.

Er drehte sie mit Leichtigkeit auf den Bauch. Schläge prasselten auf ihren Po, nicht fest, aber dennoch brannten sie.

Langsam fühlte Clarissa, dass sie sich einer Grenze näherten. Der Grenze, wo der Sex nicht mehr erregend, sondern unangenehm oder sogar beängstigend werden würde. Noch hatten sie sie nicht erreicht, noch schwamm sie auf der Welle seiner Erregung mit.

Doch nach und nach änderte sich das. Er ging immer grober mit ihr um. Irgendwann stöhnte sie vor Schmerz statt vor Lust. „Vorsichtig“, wimmerte sie, aber er ließ in seiner Heftigkeit nicht nach. Sie verspannte sich. Bat ihn, aufzuhören, doch er ignorierte sie.

Sein Gesicht war verzerrt, Schweiß tropfte von ihm herab und benetzte sie. Mit der linken Hand griff er in ihre Haare, die mittlerweile feucht an ihrem Kopf klebten. Mit der rechten drückte er ihr den Hals zu, immer mehr, bis sie keine Luft mehr bekam.

Sie versuchte, den Kopf zu bewegen, doch er hielt sie mit eisenharter Hand. Ihre Augen wurden größer und sie versuchte panisch, ihm zu signalisieren, aufzuhören. Doch diesmal hörte er nicht auf, sondern drückte noch fester zu. Sie begann, sich unter ihm zu winden, doch ihre Bewegung war kraftlos und schwach. Ihr wurde schwindlig, doch er ließ immer noch nicht nach. Dann wurde ihr schwarz vor Augen. Und dann … kam das Nichts …

Lars Gruber, ehemaliger Hauptkommissar der Frankfurter Polizei, saß in seiner Küche und trank den dritten Milchkaffee des Morgens. Zu gerne hätte er dazu eine Zigarette geraucht, doch er versuchte gerade, es sich abzugewöhnen. Unruhig sah er zum wiederholten Mal auf sein Handy. Seit über einer Woche versuchte er, seine beste Freundin Clarissa zu erreichen. Seit er sich von seiner Freundin getrennt hatte, telefonierten sie jede Woche mehrmals miteinander. Doch jetzt hatte er sie seit Tagen nicht erreicht, und sie hatte auch nicht zurückgerufen, obwohl er etliche Sprachnachrichten, SMS und WhatsApp hinterlassen hatte.

Es reichte ihm. Kurzentschlossen trank er den letzten Schluck Kaffee, stand auf und griff nach seiner Lederjacke.

Eine halbe Stunde später bog er in den Eppsteiner Weg, die ruhige Sackgasse, in der Clarissa wohnte. Mit einem Stirnrunzeln registrierte Lars, dass ihr Wagen vor der Tür stand, allerdings am Straßenrand, nicht auf ihrem Stellplatz. Wo sollte sie ohne Auto sein, wenn nicht zu Hause? Sie würde wohl kaum in Urlaub gefahren sein, ohne ihm Bescheid zu sagen? Und selbst wenn, hätte sie doch normalerweise ihr Handy dabei.

Er parkte, stieg aus, ging durchs Gartentor und die Treppe hinauf. Rechts war der Balkon von Clarissas Wohnung. Die Rollläden waren oben, aber es brannte kein Licht, und er konnte nicht hineinschauen. Er klingelte mehrfach, doch nichts rührte sich. Er rief auf dem Festnetz an. Niemand nahm ab. Dann versuchte er es noch einmal auf dem Handy. Auch nichts.

Er klingelte bei den anderen Parteien im Haus. Niemand öffnete. Lars sah sich kurz um. Niemand war zu sehen. Er kletterte über die Brüstung auf den Balkon und versuchte, durch die Scheibe zu schauen, aber der Vorhang behinderte seine Sicht. Probeweise rüttelte er an einem der schmalen Holzfenster. Dann zog er ein Messer aus der Tasche.

Wie oft hatte er ihr gesagt, sie solle sich eine bessere Balkontür zulegen. Mühelos hebelte er das Fenster auf, schob sich hindurch und kletterte ins Wohnzimmer.

Es sah aus, als hätte Clarissa es gerade verlassen. Ein aufgeschlagenes Buch lag auf dem Tisch, und ein Weinglas mit einem Rest Rosé stand ebenfalls dort.

„Clari?“, rief Lars und ging weiter in den Flur. Ein kurzer Blick in Bad und Küche zeigte, dass niemand darin war, dann öffnete er die Schiebetür zum Schlafzimmer …

Es dauerte einen Moment, bis sein Gehirn den schrecklichen Anblick registrierte. Dann jedoch erfasste ihn das Entsetzen mit voller Macht. Ein Schrei entfuhr ihm, er brach zusammen und fiel auf die Knie.

Die Läden vor dem Schlafzimmerfenster waren fast komplett heruntergelassen, und so befand sich das Zimmer gnädigerweise im Halbdunkel. Auf dem Bett lag Clarissa, die Hände gefesselt, die Beine gespreizt, den Kopf grotesk zur Seite gedreht. Auf den ersten Blick sah man, dass sie erwürgt worden war. Ihr Mund stand offen, die geschwollene Zunge quoll heraus, die Augen waren weit aufgerissen und blutunterlaufen. Ihre Hände waren mit einem Seil vor der Brust gefesselt.

Lars zog mit zitternden Händen das Telefon aus der Tasche und wählte die Nummer eines früheren Kollegen von der Mord-kommission. Mit erstickter Stimme sagte er: „Karl, ich bin‘s, Lars. Du musst herkommen. Ich habe hier ein Mordopfer.“

Eine halbe Stunde später wimmelte das Schlafzimmer von Beamten der Spurensicherung. Wie man am Geruch und an den Hautveränderungen erkannte, musste Clarissa bereits seit Tagen tot im Bett gelegen haben.

Karl stand neben Lars und warf ihm immer wieder besorgte Seitenblicke zu. Mit unbewegter Miene sah Lars zu, wie die Leiche abtransportiert wurde. Nach einem Blick auf sein Gesicht hatten die Spusi-Beamten darauf verzichtet, ihn aus dem Zimmer zu schicken.

Er ließ den Blick über das Bett wandern. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld. Die Bettdecke lag zu drei Vierteln auf dem Boden. Das Laken war zerwühlt und voller Flecken. Auf der Fensterbank standen mehrere Kerzen, daneben ein halb gefülltes Glas Wein. Um das Bett herum lagen verschiedene Kleidungsstücke. Ein Beamter hob gerade einen schwarzen Spitzenbody auf und tütete ihn ein.

Karl legte Lars die Hand auf die Schulter. „Komm, lass sie ihre Arbeit machen!“

Lars rührte sich nicht.

„Los, komm jetzt, wir haben auch einiges zu tun! Du musst mir alles erzählen!“

Endlich ging ein Ruck durch Lars. „Du hast recht.“ Er wandte sich an die Spusi-Beamten. „Schaut euch auch gründlich im Wohnzimmer und im Bad um. Vielleicht hat das Schwein Spuren hinterlassen. Und sucht ihren Laptop. Er stand immer auf dem Wohnzimmertisch, aber da ist er nicht. Ihr Handy lag auch meistens dort.“

Die Beamten, die ihn von früher kannten, nickten. „Keine Sorge!“, sagte einer von ihnen mitfühlend. „Wir machen das schon.“

„Sag mal“, begann Karl im Flur, „wenn ihr so gut befreundet wart, müsstest du doch wissen, mit wem sie zusammen war. Sie muss den Täter gekannt haben, wenn sie Wein mit ihm getrunken hat.“

Lars rieb sich mit der Hand die Augen. „Ich wusste, da war jemand, der weiter weg wohnte. Nichts sonderlich Festes, sonst hätte sie mir mehr davon erzählt. Verdammt, ich war so mit mir beschäftigt, dass wir kaum über sie oder diesen Freund gesprochen haben. Sie hat nie einen Namen genannt und hat auch abgewehrt, wenn ich nachgefragt habe. Er muss ihr Mörder sein. Ihr Auto ist auf der Straße geparkt, wahrscheinlich, weil sie ihren Stellplatz für einen Besucher frei gelassen hat. Lass uns in den Nachbarhäusern fragen, ob jemand einen Wagen in ihrer Einfahrt gesehen hat. Hier im Haus scheint ja niemand da zu sein.“

„Wir fragen, nicht du!“, stellte Karl klar. „Du bist nicht mehr bei der Polizei. Halte dich zurück! Ich verspreche dir, dich über alles auf dem Laufenden zu halten.“

Lars fuhr auf. „Als Privatdetektiv habe ich jedes Recht, die Anwohner zu befragen!“

„Sie müssen dir aber keine Auskunft geben“, antwortete Karl ruhig. „Lass uns erst mal unsere Arbeit machen. Was du danach tust, ist deine Sache. Zumindest solange ich nichts davon weiß“, setzte er hinzu.

Als sie sich einen Weg durch den Flur bahnten, in dem die Spurensicherung ihre Gerätschaften aufgebaut hatte, ertönte eine Stimme von der Eingangstür her. „Was ist denn hier los? Ist was mit Clari?“

Mit zwei Schritten war Lars an der Tür. „Wer sind Sie?“

Karl legte ihm die Hand auf die Schulter und schob sich vor ihn. „Hauptkommissar Groß, dürfte ich fragen, wer Sie sind?“

Eine grauhaarige Frau um die sechzig stand in der Türöffnung und sah ihn ängstlich an. „Ich bin die Nachbarin von gegenüber, Rita. Also Rita Kranz. Was ist denn mit Clari?“

Wieder kam Lars Karl zuvor. „Tut mir leid, aber sie ist tot, ermordet.“

Die Frau wurde leichenblass und griff Halt suchend nach dem Türrahmen.

Schnell fasste Karl nach ihrem Arm und stützte sie. Mit einem ärgerlichen Seitenblick auf Lars meinte er: „Können wir vielleicht in Ihrer Wohnung weiter reden?“

Sie nickte, drehte sich um und schloss zittrig ihre Wohnungstür auf. Lars und Karl folgten ihr ins Wohnzimmer und setzen sich ihr gegenüber auf die altersschwache Couch.

„Was ist denn bloß passiert?“, fragte sie. „Vor zwei oder drei Wochen haben wir noch abends ein Glas Wein zusammen getrunken.“

Mit einem Seitenblick zu Lars versuchte Karl eine Erklärung. „Es scheint so, als wäre sie erwürgt worden.“

Rita Kranz schlug die Hände vors Gesicht. „Das ist ja furchtbar!“

Lars stand auf und ging leise aus dem Zimmer und in die Küche. Auf der Spüle stand ein Glas, das er ausspülte, mit Wasser füllte und Frau Kranz brachte. Sie nickte dankbar und trank einen Schluck.

Karl beugte sich vor. „Wissen Sie, mit wem Clarissa Helmer zusammen war?“ Er nickte zu Lars. „Sie war übrigens eine Freundin von Herrn Gruber.“

Die Frau nickte. „Ich weiß, ich habe Sie schon einmal hier gesehen. Ich habe mich oft mit der Clari unterhalten. Wir pflegen hier im Haus eine sehr enge Nachbarschaft. Sie hatte seit ein paar Wochen eine Beziehung zu einem Mann aus Idstein, aber von Anfang an gesagt, dass es nicht gut laufen würde und wahrscheinlich bald wieder vorbei wäre. Ab und zu war er hier, aber nicht oft. Manchmal ist sie wohl auch hingefahren und ich habe dann für sie auf die Wohnung geachtet.“

Gespannt fragte Lars: „Wissen Sie, wie er heißt?“

Sie überlegte. „Ich bin nicht sicher. Irgendwas mit T. Aber er müsste leicht zu finden sein. Er hat einen Elektrogroßhandel und auf seinem Auto war ganz viel Werbung.“

Lars warf einen Blick zu Karl, doch dieser tippte schon in sein Handy. Elektrogroßhandel und Idstein, das dürfte reichen. Kurz darauf blickte er hoch. „Tritsch vielleicht? Elektro-Tritsch?“

Frau Kranz nickte aufgeregt. „Ganz genau. Das ist er. Das stand auf seinem Auto. Er fährt so einen protzigen roten BMW, der kaum in die Einfahrt gepasst hat. Er hatte auch rote Felgen. So was hab ich noch nicht gesehen.“

Karl stand auf. „Danke, Sie haben uns sehr geholfen.“

Die Frau nickte zögernd, als habe sie noch etwas auf dem Herzen.

Er hielt inne. „Ist noch was?“

Verlegen sah sie zu Boden. „Ja. Es ist mir unangenehm.“

Ungeduldig fiel Lars ihr ins Wort: „Es geht hier um Mord! Sie wollen doch sicher auch, dass der Täter geschnappt wird.“

Sie zuckte zusammen und fasste sich dann ein Herz. „Ich glaube, Clari hat noch etwas mit einem anderen Mann gehabt. Sie hat so etwas angedeutet. Ich meine, sie wusste ja, dass ich es sowieso mitbekomme, wenn ein fremdes Auto über Nacht in ihrer Einfahrt steht.“

Lars setzte sich noch einmal hin. „Das ist sehr wichtig! Wissen Sie irgendetwas über den Mann? Haben Sie ihn gesehen? Welches Auto fuhr er?“

Sie sah ihn eingeschüchtert an und schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn nie gesehen. Sie hat auch nichts weiter über ihn erzählt. Das Auto war braun, ich glaube auch ein BMW, aber da bin ich mir nicht sicher. Ich kenne mich nicht so gut mit Autos aus. Mehr weiß ich leider wirklich nicht.“

Karl bedankte sich und gab Lars ein Zeichen. Sie gingen noch einmal zurück in Clarissa Helmers Wohnung, wo ihnen der Leiter der Spurensicherung entgegenkam.

„Habt ihr inzwischen das Handy oder den Laptop gefunden?“, fragte Lars.

„In der Wohnung ist keins von beiden“, war die Antwort.

Lars fluchte. „Egal.“ Er drehte sich zu Karl. „Wir fahren jetzt nach Idstein und schnappen uns den Kerl.“

„Es kann genauso gut der Andere gewesen sein“, wandte Karl ein. „Oder ein dritter. Und wieso wir? Ich verstehe ja, dass es hier um deine Freundin geht, aber du kannst nicht einfach an den Ermittlungen teilnehmen.“

Lars verzog das Gesicht. „Karl, wie lange haben wir zusammen gearbeitet? Lass mich jetzt nicht im Stich. Ich muss einfach herausfinden, wer Clari das angetan hat. Zur Not ziehe ich es alleine durch, aber es wäre einfacher, wenn du mich, sozusagen inoffiziell, dabei sein lässt. Wir beide werden schon herausfinden, welcher von ihren Lovern für diese Schweinerei verantwortlich ist.“

Karl seufzte. „Wenn das herauskommt, gibt es einen Riesenärger. Dir können sie nichts, aber mir.“

„Ich verspreche, ich halte mich im Hintergrund. Niemand wird wissen, wer ich bin.“

Eine knappe Stunde später fuhren sie auf den Parkplatz des Elektrogroßhandels.

„Da steht er!“, bemerkte Karl überflüssigerweise. Ein großer knallroter Touring-BMW, der tatsächlich auch rote Felgen hatte, stand vor dem Hintereingang. Auf der Seite befand sich das Firmenlogo, die Heckklappe war mit verschiedenen anderen Werbebannern bepflastert.

Sie parkten direkt daneben, gingen zur Hintertür und klopften, da es kein Klingelschild gab. Eine junge Frau öffnete und sah sie irritiert an. „Ja? Der Eingang zum Laden ist eigentlich vorne.“

Lars drückte die Tür auf. „Wir wollen zu Herrn Gerold Tritsch.“

„Aber …“, begann sie.

Karl hielt ihr seinen Ausweis direkt unter die Nase. „Sofort“, forderte er.

Sie nickte mit großen Augen, führte sie durch einen Raum, in dem zwei weitere Frauen saßen und die beiden anstarrten, und weiter in einen Flur.

In einem Büro zur Linken saß ein übergewichtiger Mann hinter einem Schreibtisch und sah mit unwirschem Gesichtsausdruck auf.

„Hier sind zwei Herren von der Polizei“, sagte die junge Frau mit unsicherer Stimme.

Lars und Karl hatten sich hinter ihr in das Büro gedrängt. Lars sah Tritsch überrascht an. So hatte er sich Clarissas Freund nicht vorgestellt. Der nicht sehr große Mann hatte einen beachtlichen Bauch und trug ein unvorteilhaft enges, schwarzes Nylon T-Shirt.

Karl warf einen irritierten Seitenblick zu Lars, wies sich aus und fragte: „Sind Sie Gerold Tritsch?“

„Bin ich“, antwortete der Mann sichtlich überrascht. „Und was kann ich für sie tun?“

„Ist es richtig, dass Sie eine Beziehung mit Clarissa Helmer haben oder hatten?“

„Wir waren mal befreundet, ja, aber das ist vorbei. Aber um was geht es denn überhaupt?“

„Clarissa wurde ermordet“, erklärte Lars schonungslos. Karl warf ihm einen unwilligen Seitenblick zu.

Tritsch griff sich unwillkürlich ans Herz. „Was? Aber ich habe sie doch noch … Sie wollte doch …“

„Was wollte sie?“, hakte Karl nach.

Tritsch ließ sich schwer zurück in seinen Schreibtischstuhl fallen. „Wir haben vor ein paar Tagen telefoniert. Sie wollte mir gelegentlich meine Sachen bringen. Ich hatte noch zwei T-Shirts bei ihr. Einen Rasierer …“ Seine Stimme versagte.

„Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen?“

Tritsch überlegte einen Moment. „Vor zwei Wochen. Da war ich von Freitag auf Samstag bei ihr. Wir waren aus, essen.“

„Danach nicht mehr? Sind Sie sicher?“

„Ganz sicher“, bekräftigte der Mann. „Wie gesagt, wir haben nur noch einmal telefoniert. Ich glaube, Sonntag.“

Karl kam Lars zuvor. „Warum haben Sie sich getrennt?“

Tritsch sah auf seinen Schreibtisch und hob dann die Schultern. „Es hat einfach nicht gepasst.“

„Wer hat Schluss gemacht?“, fragte Lars.

„Ich habe ihr am Tag nach dem letzten Treffen geschrieben, dass es keinen Sinn mehr hat.“

„Sie haben ihr eine Mail geschrieben?“, fragte Karl.

Tritsch nickte. „Ja genau.“

„Dann können Sie sie uns ja sicher zeigen?“

„Sicher doch“, erklärte der Mann. Er tippte ein Moment auf seinem Laptop herum, dann drehte er den Monitor zu den beiden Männern. „Hier.“

Lars las die seitenlange Mail langsam durch. „Sie werfen ihr vor, dass ihr Ihre Bettwäsche nicht gefallen hat?“

Tritsch sah ein Moment verlegen aus. „Das war doch nur ein Beispiel. Es gab viel größere Differenzen.“

Lars versuchte einen Schuss ins Blaue. „Wussten Sie, dass sie noch einen anderen Liebhaber hatte?“

Tritsch starrte ihn an. „Was? Ganz bestimmt nicht!“

„Wieso sind Sie da so sicher?“

Der Mann schüttelte den Kopf, dass sein Doppelkinn wackelte. Dann überlegte er eine lange Zeit. Lars und Karl beobachteten ihn und warteten ab.

Endlich sprach er. „Vielleicht, weil unser Sex so fantastisch war.“

Lars schonte ihn nicht. „Vielleicht war er nur für Sie fantastisch? Vielleicht empfand Clarissa das nicht so? Es gibt sichere Anzeichen, dass sie in den letzten Wochen einen weiteren Liebhaber hatte. In der Nacht ihres Todes hatte sie in jedem Fall Sex. Und zwar die Art Sex, bei der Handschellen und Fesselseile zum Einsatz kommen.“

Karl zischte wütend: „Lars! So geht das nicht!“

Tritsch sah Lars entgeistert an. „So etwas haben wir niemals benutzt. Das würde Clarissa nie tun!“

„Hat sie aber“, setzte Lars gnadenlos nach.

Der Mann war eine Weile still. „Jetzt wird mir auch klar …“

„Was?“, setzte Karl nach.

„Beim letzten Treffen hatte sie überall Blutergüsse und konnte mir nicht wirklich eine Erklärung dafür geben. Und keine Lust auf Sex!“ Der letzte Satz klang geradezu empört.

„Und da schöpften Sie keinen Verdacht?“, fragte Lars ungläubig.

„Eigentlich nicht. Naja, kurz kam mir schon der Gedanke, dass sie fremdgegangen wäre. Aber ich konnte es mir nicht vorstellen.“

„Wären Sie bereit, uns Ihre Fingerabdrücke und eine DNA-Probe zum Abgleich zur Verfügung zu stellen?“

Tritsch zögerte nur kurz. „Natürlich. Wenn es hilft.“

Karl stand auf und warf Lars einen warnenden Seitenblick zu. „Wir werden in Kürze wieder auf Sie zukommen. Überlegen Sie sich schon einmal, wo Sie in den letzten Tagen waren. Sobald wir den genauen Todeszeitpunkt kennen, werden wir Sie nach Ihrem Alibi fragen. Schönen Tag noch.“

Vorbei an der jungen Frau, die blass am Türrahmen lehnte, verließen sie das Zimmer.

Kaum standen sie vor dem Gebäude legte Karl los. „Sag mal, spinnst du? Seit wann erzählen wir möglichen Verdächtigen, wie der Mord passiert ist? Wer ermittelt hier eigentlich? Du vergisst, dass du nur unter der Voraussetzung mitkommen durftest, dass du dich zurückhältst!“

„Reg dich ab“, murmelte Lars und starrte verbissen aus dem Fenster. Dann setzte er nach: „Der Kerl regt mich auf mit seiner Selbstgerechtigkeit.“

Karl antwortete nicht.

Einen Moment später lenkte Lars ein. „Du hast ja recht. Tut mir leid, es kommt nicht wieder vor. Clarissas Tod …“

Karl nickte knapp. „Schon okay.“

Sie schwiegen, bis sie wieder auf der A3 waren.

Karl ergriff als Erster das Wort: „Merkwürdige Geschichte. Aber seine Mail belegt ja eindeutig, dass er Schluss gemacht hat.“

Lars blieb einen Moment still. Dann sagte er langsam: „Trotzdem möglich, dass er wusste, dass sie einen Anderen hatte und sich im Nachhinein rächen wollte. Merkwürdig, dass sie überhaupt etwas mit ihm angefangen hat. Immerhin ist er nicht der schlankeste.“

Karl sah auf seinen eigenen sich leicht vorwölbenden Bauch. „Aber das ist doch kein Grund, mit jemanden nichts anzufangen.“

„Für Clarissa schon“, erwiderte Lars. „Sie mochte schlanke Männer. Er macht einen sehr dominanten Eindruck, wahrscheinlich hat sie das beeindruckt.“

„Stand sie auf Machos?“, erkundigte sich Karl erstaunt.

„Machos vielleicht nicht direkt, aber Männer, die wissen, was sie wollen. Macher. Keine Weicheier.“

„Hm“, war alles, was Karl dazu zu sagen hatte.

Lars dachte weiter laut nach. „Wir müssen schnellstens die Identität ihres anderen Liebhabers herausbekommen.“

„Kennst du niemanden sonst aus ihrem Umfeld?“, fragte Karl. „Vielleicht hat sie jemanden von ihm erzählt. Einer Freundin zum Beispiel.“

Lars nickte. „Daran habe ich auch schon gedacht, ich weiß auch einen Namen: Petra. Sie wohnt in Niederrad, gar nicht weit von meiner Wohnung in Schwanheim entfernt. Wenn wir nur Clarissas Handy hätten. Schon seltsam, dass der Täter ihr Handy und ihren Laptop mitgenommen, aber sonst alles unverändert gelassen hat. Die Weingläser, das Seil, die Handschellen. Wenn er keine Handschuhe getragen hat, müssten sich in jedem Fall Fingerabdrücke finden lassen.“

„Die uns nur helfen, wenn er irgendwo registriert ist“, setzte Karl den Satz fort. „Vielleicht war er in Panik. Möglicherweise wollte er sie gar nicht umbringen.“

Lars‘ Gedanken drehten sich fortwährend im Kreis. Stand Clarissa auf diese Art Sex, oder hatte sie sich nicht gegen den Mann zur Wehr setzen können? Sie hatten nie über das Thema gesprochen. Warum hatte sie sich überhaupt mit so vielen Männern eingelassen? Er wusste, dass sie einmal eine große Enttäuschung erlebt hatte. Seitdem hatte, zumindest nach seiner Kenntnis, keine ihrer Beziehungen länger als ein paar Monate gedauert.

„Frag doch noch mal, ob die Telefonverbindungen inzwischen da sind. Und wenn ja, sollen sie gleich nachschauen, ob Frankfurter Nummern darunter sind.“

Karl telefonierte, zog dabei seinen Block heraus und schrieb mehrere Nummern auf. Lars versuchte, während des Fahrens auf den Block zu schielen. „Da: sechs sieben sieben, das ist Niederrad. Stell mal auf freisprechen.“

Karl wählte und kurz darauf meldete sich eine weibliche Stimme. „Reichert?“

Lars stellte sich vor. „Hier ist Lars Gruber, ein Freund von Clarissa. Bist du Petra?“

Überrascht antwortete sie: „Ja klar. Du bist doch der Polizist, oder? Ist was mit Clarissa?“

Lars sagte mit belegter Stimme. „Sie ist ermordet worden. Ich habe sie heute in ihrer Wohnung gefunden.“

Am anderen Ende war es lange still. Dann erklang Petras erstickte Stimme. „Ermordet? Aber … Wie denn? Und … von wem denn?“

Lars atmete tief durch. „Wir wissen noch nichts Genaues. Weißt du vielleicht, mit wem sie ein Verhältnis hatte?“

Petra zögerte. „Da war dieser Gerold aus Idstein, aber soviel ich weiß, war mit dem Schluss. Sie hatte seit zwei oder drei Wochen ein Verhältnis mit einem Piloten. Aber das war wohl nur so locker. Da ging es wohl mehr um Sex. Irren Sex, wie sie es formulierte.“

Aufgeregt fragte Lars: „Du weißt nicht vielleicht seinen Namen oder sonst irgendetwas, wodurch wir seine Identität herausfinden können?“

Ihre Stimme versagte immer wieder. „Irgendetwas mit M. Ich glaube, ja, Michael war es. Und er fliegt für eine CargoFirma in Hahn. Das weiß ich genau, sie haben sich manchmal da getroffen. Sie hat ihn übrigens über Partnership kennengelernt. Darüber kann man ihn doch bestimmt identifizieren.“

„Diese Dating-Agentur? Das hilft uns sehr. Hat sie noch irgendetwas über ihn erzählt?“

Petra zögerte diesmal lange. „Ich weiß nicht, ob das irgendwie wichtig ist. Sie hatten, wie gesagt, ziemlich heftigen Sex. Er war sehr dominant. Sie war selbst total überrascht, dass es ihr gefallen hat. Sie hat mir hinterher blaue Flecken gezeigt, die waren heftig.“

Lars biss die Zähne zusammen. „Und weißt du auch etwas über diesen Gerold Tritsch? Angeblich hat er mit ihr Schluss gemacht.“

„Das war sowieso nichts Richtiges zwischen den beiden. Auch ein Partnership-Mann übrigens. Sie haben gar nicht zusammen gepasst, und Clarissa hat auch schon zweimal einen Ansatz gemacht, sich zu trennen. Sie hat es aber nicht geschafft. Sie hat es einfach so weiterlaufen lassen. Ein bisschen traurig war sie, als sie seine Abschieds-Mail bekommen hat, aber es hat nicht lange angehalten. Sie hatte ja Ablenkung.“

Lars nickte. So hatte er sich das Ganze gedacht. Also hatte wirklich Tritsch die Trennung eingeleitet.

„Ach“, fügte sie hinzu. „Mir fällt noch etwas ein: Dieser Pilot wohnt wohl im Hunsrück. In einem kleinen Ort. Irgendwas mit Barden oder Baden vorne.“

„Danke Petra. Ich halte dich auf dem Laufenden, sobald wir etwas Neues herausfinden.“

Lars bat Karl, über das Frankfurter Kreuz nach Sachsenhausen hinein zu fahren und den Weg nach Niederrad zum Gerichtsmedizinischen Institut einzuschlagen. Karl sah ihn erstaunt von der Seite an. „Es ist doch erst wenige Stunden her, dass sie sie hergebracht haben. Wahrscheinlich haben sie sie noch nicht einmal angeschaut.“

Lars warf ihm einen Seitenblick zu. „Doc Schwind ist ein alter Freund von mir. Ich habe ihn vorhin angerufen. Er wollte sofort mit der Obduktion beginnen.“

Karl hatte noch andere Sorgen: „Du wirst doch wohl nicht die Obduktion an einer Freundin von dir anschauen wollen. Das ist ja entsetzlich. Du wirst ein Leben lang Albträume haben.“

Lars winkte ab. „Erstens wird er schon fertig sein, und zweitens bin ich ihr das schuldig.“

Doktor Schwind erwartete sie in seinem Büro. Mit ernstem Gesicht stand er auf und streckte Lars die Hand entgegen. „Es tut mir furchtbar leid.“ Dann begrüßte er Karl.

Lars nickte knapp und setzte sich. „Was hast du?“

Der Gerichtsmediziner fuhr sich unbehaglich mit dem Finger in seinen Kragen und weitete ihn. „Willst du dir das wirklich antun? Es ist ziemlich unschön.“

„Leg los!“, war die knappe Antwort.

Schwind ordnete noch einen Moment die Blätter auf seinem Schreibtisch, dann setzte er mit unpersönlicher Medizinerstimme zu sprechen an. „Sie wurde zweifelsfrei mit bloßen Händen erwürgt. Der Tod dürfte irgendwann Montagnacht eingetreten sein. Vermutlich am späten Abend. Wir konnten Fingerabdrücke feststellen, also musst du nur jemanden finden, der dazu passt. Bei solcherart extremen Sex besteht auch die Möglichkeit, dass sie durch einen Unfall zu Tode gekommen ist, wenngleich ich es nicht glaube. Sie ist schon öfter gewürgt worden, es gibt alte und neue Blutergüsse an der Kehle und am Kiefer. Ebenso an fast allen anderen Körperteilen. An den Oberarmen hat sie massive Biss-Spuren, die teilweise auch schon älter sind. Älter im Sinn von ein paar Tagen. Ebenso finden sich Fesselspuren an den Handgelenken und von dem Seil verursachte Verletzungen an Brust, Rücken und Oberschenkeln.“ Er machte eine Pause und wischte sich die Stirn. Nach einem kurzen Blick zu Lars fuhr er fort. „Entweder ist der Mann sehr stark gebaut, oder er hat einen großen Gegenstand benutzt, um sie zu penetrieren. Sie weist Verletzungen an der inneren und äußeren Vagina auf.“

Lars war totenblass. „Noch etwas?“

„Auf ihrer Brust und ihrem Bauch fanden sich große Mengen Sperma. Die DNA-Untersuchung läuft. In ihrer Vagina konnte kein Sperma nachgewiesen werden.“

„Rektal?“, fragte Lars.

Der Gerichtsmediziner schüttelte den Kopf. „Es gibt keine Anzeichen für Analsex.“

„Wenigstens etwas“, murmelte Lars. Dann stand er abrupt auf. „Gut, lass uns den Schweinehund schnappen.“

Karl sprang ebenfalls auf. „Was hast du vor?“

„Mit den Informationen, die wir von Petra erhalten haben, dürfte er leicht zu identifizieren sein. Bitte kontaktiere vom Präsidium aus diese Cargo-Firma, finde heraus, wer er ist und wo er sich zur Zeit befindet. Und dann schnappen wir ihn uns.“

„Das mit dem Schnappen überlässt du mal schön uns!“

„Sicher“, stimmte Lars scheinbar bereitwillig zu, „solange du dich beeilst. Hoffentlich hat er sich noch nicht ins Ausland abgesetzt. Der Mord war immerhin schon vor vier Tagen. Als Pilot stehen ihm alle Optionen offen.“

Während Lars nach Hause fuhr, machte sich Karl auf den Weg ins Präsidium, um die erforderlichen Beschlüsse zu besorgen. Er suchte sich die Adresse der Fluggesellschaft heraus, für die der mysteriöse Michael flog. Es gab nur eine Cargo-Gesellschaft, deren Heimathafen Hahn war. Cargoflex.

Zuerst telefonierte er mit der örtlichen Polizei und bat sie um Amtshilfe. Der Kollege, mit dem er sprach, war, nachdem er Einzelheiten gehört hatte, sofort zur Kooperation bereit. „Legen Sie mir das Ersuchen einfach aufs Fax, und sobald es da ist, fahre ich rüber zu Cargoflex und versuche, die Identität Ihres Michaels herauszufinden. Ich brauche eine Telefonnummer, unter der ich Sie erreichen kann. Ich melde mich dann.“

Lars tigerte zwischenzeitlich in seinem Wohnzimmer auf und ab. Er stand unter Strom und die erzwungene Untätigkeit machte ihn wahnsinnig. Außerdem stiegen jetzt, wo er nicht mehr beschäftigt war, die Gedanken an Clarissa in ihm hoch. Er rieb seine Hände. Dann bog er in die Küche ab und öffnete einen der Hängeschränke. Seit er den Polizeidienst quittiert hatte, rauchte er nur noch ab und an. Irgendwo musste noch ein Päckchen sein. Er fand eine zerdrückte Packung Marlboro, die noch drei eingetrocknete Kippen enthielt. In der offenen Balkontür stehend, rauchte er zwei davon und starrte in den einsetzenden Regen.

Es dauerte eine Stunde, bis das Telefon klingelte. Lars griff so schnell danach, dass er es fast vom Tisch stieß. „Karl?“, meldete er sich.

„Es war einfacher als gedacht“, erklärte sein ehemaliger Kollege. „Sie haben sich in der Cargofirma zunächst geziert, aber als sie den Beschluss gesehen haben, war es für den Hahner Kollegen eine Sache von Minuten, den Namen unseres Freundes herauszufinden. Der Pilot heißt Michael Danner, hat Dienstag ganz normal seinen Dienst angetreten und hält sich momentan in Bangkok auf. In zwei Tagen wird er zurück erwartet. Sie konnten mir nichts Persönliches über ihn sagen, jedoch, dass er oft mit einem Co-Piloten namens Heinz von Bruford fliegt, der in Wiesbaden wohnt. Dieser von Bruford hat dienstfrei. Ich dachte, wir unterhalten uns mal mit ihm. Natürlich nur, wenn du mitwillst.“ Er diktierte die Adresse.

„Hol mich ab!“, bat Lars. „Ich komme runter.“

Er holte seine Waffe, eine KK P30, aus dem kleinen Wandtresor. Wenn er sich diesen Wichser doch nur sofort vorknöpfen könnte. Er hatte ein ganz schlechtes Gefühl, dass sich der Pilot ausgerechnet in Thailand aufhielt. Er musste vermuten, dass sie seine Identität herausfinden würden. Immerhin war es nicht allzu schwer gewesen.

Eine knappe Stunde später parkten sie vor einem kleinen Einfamilienhaus in einem Wiesbadener Vorort. Sie klingelten und ein etwa fünfzigjähriger Mann mit kurz geschnittenen, grau melierten Haaren öffnete ihnen.

Karl wies sich aus und stellte Lars mit Namen vor. „Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen zu einem Ihrer Kollegen stellen. Dürfen wir reinkommen?“

Von Bruford öffnete die Tür. „Natürlich. Zu einem meiner Kollegen? Zu welchem denn?“

Sie folgten ihm in ein großes, modern eingerichtetes Wohnzimmer. Er bot ihnen einen Platz und etwas zu trinken an.

„Für mich nichts zu trinken, danke“, erklärte Karl, „es geht um Michael Danner.“

„Michael? Was ist mit ihm?“

Karl machte keine großen Umschweife. „Er wird verdächtigt, eine Frau umgebracht zu haben.“

Von Bruford starrte ihn ein Moment verständnislos an. „Eine Frau? Umgebracht? Michael?“

„Seine Freundin. Oder eher … sein Verhältnis. Zumindest besteht, wie gesagt, der Verdacht, dass er der Täter sein könnte.“

Von Bruford schluckte. „Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Michael ist so ein netter Kollege. Immer korrekt. Hilfsbereit. Ich meine … Mit den Frauen …“

Karl wurde hellhörig. „Ja? Was ist mit den Frauen?“

Von Bruford rutschte unbehaglich auf der Couch hin und her. „Naja, sie wissen ja, was man uns Piloten nachsagt. Bei einigen trifft es tatsächlich zu. Michael hat … Wie soll ich es ausdrücken … nichts anbrennen lassen. Er hatte in vielen Städten ein Verhältnis oder einfach nur wahllosen, schnellen Sex.“

„Und Sie?“, konnte Lars sich nicht verkneifen, was ihm einen mahnenden Blick von Karl einbrachte.

Danners Kollege sah einen Moment entrüstet aus, senkte dann jedoch den Kopf. „Ich verstehe, dass Sie das fragen. Aber ich bin tatsächlich sehr glücklich verheiratet und würde das nicht aufs Spiel setzen, selbst wenn ich das Bedürfnis dazu verspüren würde, was ich nicht tue.“

„Danner ist aber nicht verheiratet?“, fragte Karl.

„Doch“, entgegnete von Bruford, als wäre er selbst verwundert darüber. „Er lebt allerdings schon seit einigen Jahren getrennt von seiner Frau. Keine Ahnung, warum sie sich nicht scheiden lassen.“

„Ist die Ehe an seinen Seitensprüngen gescheitert?“

„Vermutlich“, bestätigte von Bruford. „Aber genau weiß ich es nicht.“

Karl überlegte seine nächsten Worte sorgfältig. „Ist Ihnen jemals etwas bezüglich seiner sexuellen Vorlieben zu Ohren gekommen?“

Von Bruford sah ihn überrascht an. „Wie meinen Sie das?“

„Manchmal bekommt man doch irgendetwas mit. Hatte er vielleicht besondere Neigungen? Stand er auf jüngere Frauen, Kinder, Sadomaso, irgendetwas?“

„Wissen Sie“, meinte von Bruford, „da ich an diesen Aktivitäten nicht teilnehme, unterhalten sich die Kollegen mit mir auch nicht unbedingt darüber. Ich habe keine Ahnung, welche sexuellen Vorlieben Michael hat. Ich vermute, ganz normale. Sein Trieb scheint ziemlich ausgeprägt zu sein. Es muss ja richtiggehend anstrengend sein, diesen vielen Frauen gerecht zu werden. Ich weiß, dass er auch mehrere, länger andauernde Verhältnisse hatte, teilweise zeitgleich. Er wollte sogar einmal mit einer Frau nach Singapur ziehen, das hat sich dann aber wohl zerschlagen.“

Karl seufzte. Das brachte sie nicht wirklich weiter. „Wissen Sie vielleicht, wie ich seine Exfrau erreichen kann?“

Von Bruford verneinte. „Ich weiß nur, dass beide im Hunsrück wohnen. Michael in einem winzigen Ort namens Badenhard und sie in einem Ort in der Nähe. Leider kann ich mich nicht mal an ihren Vornamen erinnern.“

Alle drei schwiegen einen Moment.

Plötzlich zog ein seltsamer Ausdruck über von Brufords Gesicht.

„Was ist?“, fragte Lars.

„Ich erinnere mich gerade an eine merkwürdige Geschichte. Vor etwa zwei Jahren kam in Bangkok die Polizei zu uns an Bord. Sie suchten einen Mann, der sich als Pilot ausgegeben und eine Prostituierte schwer misshandelt hatte. Sie hatten eine Phantomzeichnung dabei, die allerdings sehr undeutlich war.“

„Danner wurde nicht identifiziert?“, fragte Karl.

„Michael war gar nicht an Bord. Er hatte sich ein Magen-Darm-Virus geholt und musste noch zwei Tage in Bangkok bleiben.“

„Hatte das Bild denn Ähnlichkeit mit ihm?“, fragte Lars gespannt.

Von Bruford sah unbehaglich drein. „Ich erinnere mich nicht mehr genau. Der Ersatz-Pilot deutete damals so etwas an.“

Karl warf Lars einen Blick zu, bedankte sich noch einmal, und sie verließen das Haus des Piloten. Vorher befahl Karl ihm strengstes Stillschweigen. Als sie aus der Tür traten, kam ihnen eine ausgesprochen schöne, extrem magere Frau entgegen und hielt erstaunt inne. Von Bruford rief von der Tür her. „Die Herren gehen gerade. Ich erkläre dir alles, Liebling.“

Sie nickte ihnen zu und ging an ihnen vorbei ins Haus. Sekunden später schloss sich die Tür hinter ihr.

Am Auto hieb Lars mit der Faust gegen das Wagendach. „Wir haben ihn, den Dreckskerl. Das hat er nicht zum ersten Mal gemacht.“

Karl sah ihn zweifelnd an. „Das kannst du nicht sicher wissen.“

Lars wischte den Einwand beiseite. „Ich hab es im Gefühl. Und es passt alles zusammen. Du musst eine Anfrage an Interpol stellen, wo auf der Welt es in den letzten Jahren zu Misshandlungen von Prostituierten kam.“

Karl schüttelte den Kopf. „Weißt du, wie viele Fälle wir da finden?“

„Sicher weiß ich das“, winkte Lars ab, „aber du kannst es auf Städte, die Frachtflughäfen haben, eingrenzen und als zusätzliches Auswahlkriterium Fesseln und Würgen angeben. Das dürfte die Sache erheblich einschränken. Dann müssen wir uns nur noch seinen Flugplan aus den letzten Jahren besorgen und alles abgleichen.“

„Und dann müssen wir ihn noch erwischen“, erklärte Karl. „Ich hoffe nur, dass er wirklich nach Deutschland zurückkommt.“

Gegen Mittag des nächsten Tages hatten sie erste Ergebnisse. Die Hahner Kollegen hatten sich noch einmal als hilfreich erwiesen und die Flugpläne der letzten zwei Jahre beschafft. Über das internationale Ausschreibungssystem der Interpol wurden sie mit den Parametern Prostituierte, Misshandlungen, Fesseln und Würgen abgeglichen. Die Übereinstimmungen waren enorm. Fast vierteljährlich gab es einen Fall, der zeitlich mit der Anwesenheit Michael Danners übereinstimmte. In manchen Fällen ging es nur um schwere Misshandlung, in mindestens drei Fällen jedoch war das Opfer zu Tode gekommen. Jedes Mal auf ausgesprochen brutale Weise.