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Eine schaurig-schöne Reise durch die Abgründe der Medizingeschichte – rezeptfrei und mit Gänsehautgarantie! Wieselhoden als Verhütungsmittel, Aderlass gegen Blutverlust oder glühende Eisen bei Liebeskummer: Aus heutiger Sicht mögen solche Behandlungsmethoden völlig absurd erscheinen. Aber es gab Zeiten, da glaubte man fest an ihre Wirkung. Entweder weil man wissenschaftliche Erkenntnisse bewusst ignorierte oder die Medizin einfach noch nicht so weit war. Dieses reich bebilderte Buch ist ein ebenso informatives wie unterhaltsames Sammelsurium dessen, was den Menschen im Laufe der Jahrhunderte fälschlicherweise als Heilung versprochen wurde – und nicht selten das genaue Gegenteil bewirkte.
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Seitenzahl: 397
Veröffentlichungsjahr: 2019
Für April, die den Weg frei machte. – NP
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Für meinen Vater und meinen Bruder, zwei der besten Ärzte, die mit Quaksalberei nichts am Hut haben. Und für meine Mutter, deren Liebe so ziemlich alles heilt. – LK
Der Inhalt dieses Buches dient ausschließlich der Information und taugt weder zur Diagnose noch zur Therapie noch als Ersatz für professionelle medizinische Behandlung. Wenn Sie den Verdacht haben, krank zu sein, müssen Sie zum Arzt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/ abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Wichtiger Hinweis
Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.
8. Auflage 2025
© 2019 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2017 bei Workman Publishing Company, Inc. unter dem Titel Quackery. A Brief History of the Worst Ways to Cure Everything © 2017 by Lydia Kang, Nate Pedersen. All rights reserved.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Übersetzung: Max Limper
Redaktion: Kerstin Brömer
Umschlaggestaltung: Janet Vicario, Marc-Torben Fischer
Umschlagabbildungen: Universal History Archive/ Universal Images Group/ Shutterstock/elnavegante (Giftflasche)
Layout: Janet Vicario
Satz: inpunkt[w]o, Haiger (www.inpunktwo.de)
Druck: Florjancic Tisk d.o.o., Slowenien
eBook: ePubMATIC.com
ISBN Print 978-3-7423-0716-3
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0318-6
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.rivaverlag.de
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EINFÜHRUNG
ELEMENTEHeilung aus dem Periodensystem
Quecksilber
Antimon
Arsen
Gold
Radium & Radon
Schandmale der Frauenheilkunde
PFLANZEN UND ERDEHeilung durch Mutter Natur
Opiate
Strychnin
Tabak
Kokain
Alkohol
Erde
Schandmale der Gegengifte
HANDWERKSchnippeln, Schneiden, Schütten und Schröpfen
Aderlass
Lobotomie
Kauterisation und Blasenziehen
Klistiere
Hydropathie und die Kaltwasserbehandlung
Chirurgie
Anästhesie
Schandmale der Männerheilkunde
TIEREUngeziefer, Leichen und die Heilkraft des menschlichen Körpers
Blutegel
Kannibalismus und Leichenmedizin
Tierische Arzneimittel
Sex
Fasten
Schandmale der Gewichtsreduktion
MYSTERIÖSE KRÄFTEWellen, Strahlen und Wunderwirkungen
Elektrizität
Mesmerismus
Licht
Radionik
Königliches Handauflegen
Schandmale der Augenheilkunde
Schandmale der Krebsmedizin
Danksagung
Bildnachweis
Über die Autoren
Jede Menge Pluspunkte: eine Stromdusche aus Russland.
Betrüger. Scharlatan. Quacksalber. Kurpfuscher. Schwindler.
Mit solchen Bezeichnungen hat man lange diejenigen bedacht, die unsere Angst vor Tod und Siechtum ausnutzten, um wirkungslose, schädliche oder sogar tödliche Dinge zu verkaufen.
Aber Quacksalberei ist nicht unbedingt mit Lug und Trug gleichzusetzen. Zwar bezeichnet dieser Begriff im heutigen Sprachgebrauch die Anwendung und Propagierung von absichtlich falschen Heilmethoden, aber er umfasst auch Fälle, in denen Menschen mit Wirkungen werben, an die sie selbst glauben. Weil sie womöglich wissenschaftliche Tatsachen ignorieren – oder sie infrage stellen. Oder weil sie vor Jahrhunderten gelebt haben, als wissenschaftliches Denken im allgemeinen Bewusstsein noch gar nicht angekommen war, oder die Medizingeschichte einfach noch nicht so weit war. Aus heutiger Sicht mögen solche Behandlungsmethoden völlig absurd erscheinen. Wieselhoden als Verhütungsmittel? Aderlass gegen Blutverlust? Glühende Eisen gegen Liebeskummer? Machen Sie sich mal frei.
Aber alle fehlgeleiteten Patienten – seien es Osmanen, die zur Vorbeugung gegen die Pest Lehm aßen, viktorianische Herren, die wegen ihrer Syphilis in Quecksilberdampf badeten, oder Epileptiker im antiken Rom, die Gladiatorenblut schlürften – trieb die gleiche Kraft an: der unglaublich starke Wunsch zu leben. Und dieser Trieb ist ausgesprochen inspirierend: Wir sind bereit, Kadaver zu kosten, uns kochendem Öl auszusetzen und unerhörte Mengen an Blutegeln zu ertragen, alles im Namen des Überlebens.
Dieser Trieb führt auch zu unglaublichen Innovationen. Nach langem, mühevollem Einsatz gegen die hohe Sterberate (und das Geschrei) operieren uns Chirurgen heute nur noch in seliger Ohnmacht. Ein weiterer Vorteil ist, dass ihre Hände nicht vom Eiter des vorigen Patienten triefen. Krebs bekämpfen wir auf molekularer Ebene in einer Weise, von der unsere Vorfahren nicht einmal träumten. Dass Seuchen wie die Syphilis oder die Pocken eine enorme Bürde für die Gesellschaft waren, ist lange her. Man vergisst leicht, dass die Wegbereiter dieses medizinischen Fortschritts verlacht und verleumdet wurden; dass Patienten im Laufe des Innovationsprozesses unter den Fehlern ihrer Ärzte litten und manchmal auch daran starben. Es hätte keine einzige medizinische Errungenschaft gegeben, wenn nicht jemand am Status quo gekratzt hätte.
Aber die Sache hat natürlich auch eine dunkle Seite. Jener Wunsch zu heilen und das Leben zu verlängern, ist ungefähr so suchterzeugend wie Opium. Wissenschaftler suchen mit Ikarus-gleichem Ehrgeiz einander zu übertreffen und immer wirksamere und potentere Arzneien zu entwickeln. Herrscher schicken ihre Alchemisten auf irrwitzige Missionen, um den Schlüssel zum ewigen Leben zu finden. Scharlatane beschließen, einfach mal ein Paar Ziegenhoden zu implantieren. Manchmal sehnen wir uns so verzweifelt nach Heilung, dass uns jedes Mittel recht ist.
Sogar radioaktive Zäpfchen.
Seien wir ehrlich. Schlichte Gesundheit ist vielen von uns nicht genug. Wir wollen mehr: ewige Jugend, vollkommene Schönheit, grenzenlose Energie und die Manneskraft eines Zeus. Und auf diesem Feld blüht die Quacksalberei erst richtig auf. Hier beginnen wir zu glauben, dass uns Arsen als Brotaufstrich Pfirsich-gleichen Teint verleiht und dass ein gebrochenes Herz mit Gold-Elixier zu flicken ist. Rückblickend lässt sich über viele der Heilmethoden in diesem Buch leicht lachen. Aber auch Sie haben bestimmt schon mal Dr. med. Google nach Rat zu irgendeinem Zipperlein gefragt. Niemand ist gegen den Wunsch nach simplen Lösungen immun. Vor hundert Jahren hätten Sie womöglich auch für Strychnin-Tonikum gezahlt.
Offenbar musste uns jemand vor den Quacksalbern schützen – und vor uns selbst. Mit der im 19. Jahrhundert aufkommenden Patentmedizin (unregulierter, massenhafter Arzneimittelproduktion durch Firmen oder Personen, die irgendwann mal eine obrigkeitliche Lizenz (patent) dafür erhalten hatten) geriet Amerika an einen Wendepunkt. Der Pure Food and Drug Act von 1906 ächtete in den Vereinigten Staaten den Etikettenschwindel, die Verwendung gefährlicher Zutaten sowie die Panscherei von Lebens- und Arzneimitteln. 1930 etablierte sich die Aufsichtsbehörde unter dem Namen Food and Drug Administration (FDA). Spätere Gesetze regulierten ab 1938 medizinische Geräte und Kosmetika, und 1962 wurde der Pharmaindustrie wissenschaftliche Sorgfalt auferlegt.
Wurde Amerika durch die Regulierungen von der Scharlatanerie geheilt? Natürlich nicht. Trotz aller Durchbrüche in der Medizin, trotz behördlicher Kontrolle, trotz eines ziemlich guten Allgemeinwissens über die Funktionsweise des menschlichen Körpers streckt das Kurpfuschertum weiterhin seine Tentakeln in fast jeden Winkel des Gesundheitssystems und der Kosmetikindustrie aus. Deshalb enthalten einige unserer Kapitel auch einen Blick auf die gegenwärtige Lage. Manche Irrlehren, beispielsweise die Behandlung mit Blutegeln, haben sich wundersamerweise zu echten, funktionierenden Heilmethoden gemausert. Aber in vielen Fällen (wie beim Verzehren von Bandwürmern zu Diätzwecken) nimmt der Schwindel einfach kein Ende – bis heute.
Um den Scharlatanen das Handwerk zu legen, brauchen wir ein umfassenderes Wissen darüber, wie der menschliche Körper funktioniert und wie Krankheiten entstehen. Wir müssen offen sein für neue Arten der Krankheitsbekämpfung und der Lebensverlängerung. Und schließlich müssen wir auf der Hut bleiben. Es wird immer Quacksalber geben, die die Verzweiflung von Menschen skrupellos ausnutzen, bevor Wissenschaft und Medizin tragfähige Lösungen finden.
Wie wird man denn ein aufgeschlossener und doch skeptischer, urteilsfähiger Patient? Indem man sich bewusst macht, dass die angebliche Wirksamkeit von Quacksalberei oft mit anekdotischer Evidenz oder der Empfehlung eines prominenten Arztes belegt wird. Außerdem sollte man Behauptungen wie »Studien zufolge wirkt XYZ erstaunlich gut« immer hinterfragen. Sollen diese »Studien« irgendeine Wirkung nachweisen, dann müssen sie streng kontrolliert, von unabhängigen Wissenschaftlern begutachtet (Peer-Review) und von verschiedenen Einrichtungen wiederholt worden sein. Und das sind nur wenige. Menschliche Denkfehler – etwa unsere Neigung, eigene Vorstellungen oder Kaufentscheidungen zu bestätigen und sozialen Normen zu folgen, um nur einige zu nennen – haben einen betäubenden Effekt auf unser Urteilsvermögen im Hinblick auf Kräuterhustenbonbons, elektronische Krebsverhinderer oder kostspielige kosmetische Plasmainjektionen.
Am Ende kommt es auf ein paar einfache Fragen an. Glauben Sie, dass tragfähige Nachweise für die Wirksamkeit vorliegen? Sind Sie bereit, die Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen? Und nicht zu vergessen: Wie viel können Sie sich finanziell leisten?
Dieses Buch vermittelt nichts weiter als eine kurze Geschichte der allerübelsten Allheilmethoden aller Zeiten. Aber zweifellos wird es noch viele weitere allerübelste Methoden geben.
ANMERKUNG DER AUTOREN
Dieses Buch ist keineswegs eine umfassende Enzyklopädie aller Behandlungsmethoden, die uns heute lächerlich vorkommen. Wie Sie sehen werden, befassen wir uns größtenteils mit den Kuren der Vergangenheit, nicht der Gegenwart. Auch gab es einige Themenfelder, die wir gern ausführlich bearbeitet hätten, die aber, wie wir finden, ein eigenes Buch mit ganz anderem Tonfall verdienen. Dazu zählen die religiös motivierte Quacksalberei sowie das große Unrecht bei der »Behandlung« von Homosexualität und bei Methoden, die auf rassistischen Vorurteilen beruhen.
Von römischen Göttern, Toilettenarchäologie, sabbernden Geschlechtskranken, einem Möchtegern-Unsterblichen sowie verwechselten Schlangen
Die Hände und Füße des Babys waren eiskalt, rot und angeschwollen. Die Haut schälte sich ab wie bei einer blanchierten Tomate. Die Kleine hatte abgenommen, kreischte zornig und reagierte auf den intensiven Juckreiz mit heftigem Kratzen, bis die Haut aufplatzte. Manchmal stieg ihr Fieber bis auf 39 Grad.
»Wäre sie erwachsen«, schrieb ihre Mutter, »würde man sie für verrückt halten – im Gitterbett sitzend schlägt sie sich mit den Händen gegen den Kopf, reißt sich die Haare aus, schreit und kratzt jeden, der ihr zu nahe kommt.«
Später nannte man ihre Krankheit Akrodynie oder – nach den schmerzenden Händen und Füßen – »Spitzenweh«. Aber 1921 hieß die Krankheit des Babys noch Rosa-Krankheit, und von Jahr zu Jahr traten mehr Fälle auf. Einige Zeit lang rätselten die Ärzte über die Ursachen. Man schob die Schuld auf Arsen oder Mutterkorn, eine Allergie oder ein Virus. Erst 1950 erkannte man in der Vielzahl der Fälle eine Gemeinsamkeit, nämlich Kalomel, einen Stoff, den alle betroffenen Kinder eingenommen hatten.
Eltern, die die Zahnungsschmerzen ihrer Säuglinge lindern wollten, rieben das wunde Zahnfleisch der Kleinen mit einem der vielen erhältlichen kalomelhaltigen Zahnungspulver ein. Sehr gern genommen wurde damals Dr. Moffett’s Teethina, das mit den folgenden Worten pries: »Kräftigt das Kind … Lindert Verdauungsbeschwerden bei Kindern JEDEN ALTERS« und, besonders verlockend, »Macht das Kind fett wie ein Schwein«.
Wer hätte nicht gern so eine Kreuzung aus Baby und Schwein?
Schlimmer als die Werbung für Kalomel, die sich an die Hexe aus »Hänsel und Gretel« zu richten scheint, war allerdings eines seiner Bestandteile: Quecksilber. Jahrhundertelang versprachen quecksilberhaltige Produkte Heilung von den unterschiedlichsten Leiden. Melancholie, Verstopfung, Syphilis, Grippe, Parasitenbefall – was auch immer, irgendwer schwor auf Quecksilber zur Therapie.
Die richtige Schreibung des Markennamens ist unerlässlich, wenn Sie Ihre Kinder korrekt vergiften wollen
Quecksilber wurde jahrhundertelang allerorts und von allen Gesellschaftsschichten verwendet, in flüssiger wie in kristalliner Form. Kalomel, auch Hornquecksilber oder Diquecksilberchlorid genannt, gehörte zur letzteren Kategorie und wurde auch von illustren Persönlichkeiten eingenommen, darunter Politiker wie Napoleon Bonaparte und Andrew Jackson sowie Schriftsteller wie Edgar Allan Poe und Louisa May Alcott. Warum? Das ist eine lange Geschichte.
KALOMEL: ALLES MUSS RAUS
Der Name Kalomel ist aus den griechischen Wörtern für »gut« und »schwarz« zusammengesetzt, denn der Stoff wird im Beisein von Ammoniak schwarz. Vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert war er die Medizin schlechthin. Kalomel hat nichts mit Karamell zu tun, auch wenn es ähnlich klingt und unter den Würgereiz hervorrufenden Bezeichnungen »Wurmkandis« oder »Wurmschokolade« zur Parasitenbekämpfung empfohlen wurde. Kalomel an sich wirkt unscheinbar – ein geruchloses, weißes Pulver. Aber lassen Sie sich nicht täuschen: Es ist so harmlos wie Ihr Tarnfarben tragender Nachbar mit dem Keller voller Knochensägen. Oral eingenommen hat Kalomel stark abführende Wirkung; es leert den Darm gründlich und befördert dessen Inhalt mit voller Kraft in Richtung Toilette. Da Verstopfung schon immer als Zeichen von Krankheit galt, sah man in der Öffnung des rückwärtigen Höllentores einen Schritt zur Besserung.
Manche vermuten, dass das »Schwarz« im Namen von der dunklen Färbung des Stuhls kommt, der ausgeschieden und für ausgeschwemmte Galle gehalten wurde. Indem man die Galle »frei fließen« ließ, stellte man Harmonie und Gleichgewicht im Leib her und brachte Freude in seine Säfte – eine Theorie, die bis in die Zeit von Hippokrates und Galen zurückreicht. Und wenn das Darminnere so dunkel und schleimig war, sollte man solche Gifte dem Körper nicht lieber entziehen?
Das Ausschwemmen oder »Purgieren« fand auch einen anderen Ausgang – in Form von massivem und eher unappetitlichem Speichelfluss, einem der Symptome von Quecksilbervergiftung. Ein Kalomelpatient konnte jedem tollwütigen Hund das Wasser reichen. Was sollte auch falsch daran sein, das ganze schlimme Zeug durch heftige Sabberei loszuwerden? Im 16. Jahrhundert ging Paracelsus davon aus, dass man die »wirksame« (also eigentlich giftige) Dosis an der Ausscheidung von mindestens anderthalb Litern Speichel erkannte. Das ist verdammt viel Spucke. Und da man die Erlösung von allen möglichen Leiden damals in überquellenden Nachttöpfen und Eimern voller Schleim suchte, sahen Ärzte in Kalomel eine vielversprechende Arznei.
Benjamin Rush war ein solcher Arzt. Als amerikanischer Staatsgründer und Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung setzte er sich für die Bildung der Frauen und die Abschaffung der Sklaverei ein. Er war ein Pionier in der menschenwürdigen Behandlung von psychiatrischen Patienten, auch wenn er leider der Meinung war, gegen psychische Beschwerden helfe am besten eine Dosis Kalomel. Zur Behandlung von Hypochondrie empfahl er Folgendes:
Quecksilber wirkt bei dieser Krankheit, 1.) indem es krankhafte Erregung vom Hirne zum Mund abzieht, 2.) indem es die Eingeweide von Verstopfung befreit und 3.) indem es die Klagen des Patienten vollkommen auf die Wundheit des Mundes lenkt. Der Speichelfluss ist von weiterem Nutzen, wenn er im Patienten zudem einen Groll gegen den Arzt oder Vertrauten weckt.
Unmut gegen den Arzt oder den besten Freund – eine tolle Nebenwirkung! In Wahrheit ersetzte Rush die Hypochondrie durch eine Schwermetallvergiftung. Eine weitere Nebenwirkung bestand im Quecksilber-Erethismus, einer neurologischen Erkrankung mit Symptomen wie Depression, Angst, krankhafter Schüchternheit und häufigem Seufzen. Im Paket mit zitternden Gliedmaßen nannte man diese Beschwerden oft Hutmachersyndrom (nach den Hutmachern, die beim Filzen Quecksilber einsetzten). Außerdem litten Vergiftungsopfer an Zahnausfall, Kieferfäulnis und Gangränen, die Löcher ins Gesicht fraßen und den Blick auf die Geschwülste von Zunge und Zahnfleisch freigaben. Rushs Heilerfolg bestand also darin, dass sich seine Patienten in extrem launische Zombie filmkomparsenverwandelten.
»Dosis: eine Tablette zur wiederholten Einnahme« (bis in Ihrer Toilette die Hölle losbricht)
Als das von Mücken übertragene Gelbfieber 1793 Philadelphia erreichte, wurde Dr. Rush zu einem leidenschaftlichen Verfechter von hochdosiertem Kalomel, kombiniert mit Aderlässen (»heroische Entleerungstherapie«). Fallweise wurde das Zehnfache der üblichen Kalomeldosis verordnet. Sogar die aufs Purgieren versessene Schulmedizin wertete dies als übertrieben. Mitglieder der Ärztekammer von Philadelphia nannten Rushs Methoden »mörderisch« und »einem Pferde angemessen«. Schon 1788 hatte der Autor William Cobbett Benjamin Rush als »potenten Quacksalber« bezeichnet.
Benjamin Rush: für die Unabhängigkeit und für exzessiven Durchfall
Damals schätzte Thomas Jefferson die Sterblichkeitsrate beim Gelbfieber auf 33 Prozent. Viel später, nämlich erst 1960, wurde bei Rushs Patienten eine Sterblichkeit von 46 Prozent festgestellt. Hier übertraf also der Onkel Doktor den Gevatter Tod.
Das Ende der Epidemie kam schließlich mit der von Dr. Rush vorangetriebenen Verbesserung des Problems mit den stehenden Gewässern sowie des Hygienezustands von Philadelphia – und mit einem herrlich frühen Frost im August, der den Mücken den Garaus machte. Gründervater Alexander Hamilton, der mit Rush befreundet war, war ebenfalls erkrankt, wandte sich jedoch an einen anderen Arzt, der sanftere Methoden vertrat. »Was seine Theorie des Blutens und der Quecksilbergabe angeht«, schrieb Hamilton, »war ich seit jeher uneins mit meinem Freund … welchen ich überaus gern mochte; welcher jedoch in dem aufrichtigsten Glauben, Leben zu retten, viel Schaden angerichtet hatte.« Hamilton überlebte, Dr. Rushs Ruf dagegen nicht. Zur Jahrhundertwende war seine ärztliche Tätigkeit auf null geschrumpft.
Aber Kalomel wurde weiterhin verwendet. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts gerieten Quecksilberverbindungen aus der Mode, da nun endlich zweifelsfrei erwiesen war, dass eine Schwermetallvergiftung eigentlich, nun ja, schädlich ist.
QUECKSILBER: EINE SCHAUERLICHE SCHÖNHEIT
Die meisten Menschen kennen Quecksilber als diese glitschige, silbrige Flüssigkeit, die früher in sämtlichen Thermometern steckte. Wer vor der Ära der Helikoptereltern und des Bio-Fimmels Kind war, hatte womöglich Gelegenheit, mit dem Inhalt eines zerbrochenen Thermometers zu spielen. Die glänzenden Kügelchen flutschten in alle Richtungen und sorgten für stundenlangen Spielspaß.
Schon immer haftete dem Quecksilber etwas Mystisches an. Sein älterer lateinischer Name – hydrargyrum – drückte die staunenswerte Einzigartigkeit des »Wassersilbers« aus und prägte dessen Kürzel »Hg« im Periodensystem. Es ist das einzige Metall, das bei Zimmertemperatur flüssig ist und dessen Name in vielen Sprachen aus der Alchemie herrührt und von einem römischen Gott (Merkur → mercury) abgeleitet ist.
Daher ist es fast schon verständlich, dass Menschen vom Quecksilber Zauberkräfte erwarteten. Qin Shihuangdi, der erste Kaiser der Qin-Dynastie (246–221 v. Chr.), war einer von ihnen. Um das ersehnte Geheimnis der Unsterblichkeit zu finden, sandte er Forschungstruppen aus, die zum Scheitern verdammt waren. Ersatzweise brauten seine Hof-Alchemisten Quecksilber-Arzneien, da sie in der glänzenden Flüssigkeit die Lösung sahen.
Der Kaiser starb im zarten Alter von 49 an Quecksilbervergiftung. Aber damit nicht genug. Um auch im Jenseits weiterzuregieren, ließ sich Qin in einem riesigen unterirdischen Mausoleum beerdigen. Damaligen Chronisten zufolge strömten dort Quecksilberflüsse unter einer Decke mit aus Juwelen gesetzten Sternzeichen. Außerdem sind dort angeblich Indiana-Jones-mäßige Fallen aufgestellt, die bei Störung Pfeile abschießen. Qin zuliebe und der Nachwelt zum Schrecken wurden seine Konkubinen und die Architekten des Grabes gleich mit ihm lebendig begraben. Brrr. Bis heute ist die Grabstätte wegen des vielen giftigen Quecksilbers, das bei Graböffnung freigesetzt würde, unberührt geblieben.
Als sich Abraham Lincoln viele Jahrhunderte später in die Geschichtsbücher einzuschreiben begann, war auch er ein Opfer der Quecksilbertherapie. Bevor er Präsident wurde, litt er an Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen und Verstopfung. In den 1850er-Jahren notierte ein Mitarbeiter: »Wenn er nicht abführte, hatte er immer schlimmes Kopfweh – nahm blaue Pillen – blaue Masse.« Dieses »schlimme Kopfweh« war auch als »galliges Kopfweh« bekannt und demzufolge durch ein gutes Abführmittel zu kurieren, das auch die schwarze Galle »fließen ließ«.
Abraham Lincoln ohne Bart, ohne Hut, aber mit Quecksilber
Um was handelte es sich wohl bei der geheimnisvollen »blauen Masse«? Um eine Pille von der Größe eines Pfefferkorns, zusammengesetzt aus reinem, flüssigem Quecksilber, Süßholz, Rosenwasser, Honig und Zucker. Da flüssiges Quecksilber schlecht vom Darm aufgenommen wird, ließen Drogisten ihre aufgestauten Aggressionen an den kleinen Silberperlen aus, bis sie fast unsichtbar geklopft waren – ein Verfahren, das sie »Extinktion« nannten. Leider führte die gewaltsame Zerkleinerung dazu, dass das dampfförmige Quecksilber besser vom Darm absorbiert wurde.
Wie bei einem Säufer, der sich mit falsch etikettiertem alkoholfreiem Bier betrinken will, wurden Lincolns Beschwerden von den Pillen nur verschlimmert. Es gibt mehrere Berichte von seinem aufbrausenden Verhalten zu jener Zeit, von Depressionsschüben und Wutanfällen, von Schlaflosigkeit, Zittern und Schwierigkeiten beim Gehen – alles möglicherweise Folgen einer Quecksilbervergiftung. Womöglich litt er auch an Erethismus.
Lincoln, das muss man ihm zugestehen, merkte offenbar selbst, dass ihm die blaue Masse eher schadete als half, und anscheinend nahm er weniger davon ein, nachdem er das Weiße Haus bezog. Und das war ein Glück. Man möchte sich gar nicht ausmalen, wie ein quecksilberverseuchter, krankhaft launischer Präsident die Truppen im Bürgerkrieg befehligt hätte.
»EINE NACHT MIT VENUS, EIN LEBEN MIT MERKUR«
Quecksilber ist seit Jahrhunderten eng mit der Krankheit Syphilis verstrickt. Nachdem die Franzosen im 15. Jahrhundert Neapel erobert hatten, verbreitete sich die Seuche in ganz Europa. Voltaire bemerkte: »Auf ihrem frivolen Weg durch Italien erlangten die sorglosen Franzosen Genua, Neapel und die Syphilis. Dann wurden sie vertrieben und um Genua und Neapel gebracht. Aber alles verloren sie nicht – die Syphilis ging mit ihnen.«
Bald wurde die »Franzosenkrankheit« auf ihrem Weg durch ganz Europa zu einem wahren Ärgernis und einem tödlichen Bettgefährten. Der damalige Stamm des Syphilis-Bakteriums Treponema pallidum war besonders ansteckend. Nach dem Kontakt mit einem infizierten Sexualpartner sprossen Wundstellen im Genitalbereich, die Ausschlag und Fieber nach sich zogen. Im weiteren Verlauf verbreiteten sich übelriechende Abszesse, Pusteln und Geschwüre über den ganzen Körper und fraßen sich in besonders schweren Fällen in die Haut, ins Fleisch und bis in den Knochen. Richtig gelesen. Eine galoppierende Syphilis ist ziemlich widerlich.
Verzweifelt suchte man nach einem Heilmittel. Im 16. Jahrhundert kam die Rettung in Form von Quecksilber, propagiert durch die recht schwülstigen und eindringlichen Lehren des Paracelsus, der sich gegen Galens Viersäftelehre aussprach. Paracelsus glaubte hingegen, dass Quecksilber, Salz und Schwefel aufgrund ihrer geologischen, physiologischen und astrologischen Qualitäten allerlei Heilwirkungen besäßen.
Ein weiteres Quecksilbersalz, nämlich Quecksilberchlorid, machte die Runde. Da es anders als Kalomel wasserlöslich und leicht vom Körper aufzunehmen war, war seine Wirksamkeit (sprich: Giftigkeit) noch eindrücklicher. Äußerlich angewendet verätzte es die Haut (»Es tut weh! Also wirkt es!«), und der üppige Speichelfluss bei Einnahme wurde als Zeichen erfolgreicher innerer Reinigung gewertet.
Syphilispatienten erhielten außerdem Behandlungen, die als die schlimmsten Kuranwendungen aller Zeiten anmuten. Reines Quecksilber wurde in Dampfbädern erhitzt, da Inhalation als heilsam galt – und Quecksilber wird hervorragend über die Atemwege aufgenommen. Quecksilberchlorid wurde mit Fett vermengt und sorgfältig als Salbe auf Wundstellen gestrichen.
Behandlung von Syphilispatienten; man beachte den Speichel-Wasserfall (oben rechts) und das granatenförmige Dampfbad.
LEWIS UND CLARK UND DIE GEWITTERPILLEN (PRIMA BANDNAME!)
Benjamin Rushs Einfluss erstreckte sich weit über die Grenzen Philadelphias. Seine Gallenpillen, eine hauseigene Mixtur aus Kalomel, Chlorin und Jalape (einer Pflanze, deren Wurzel stark abführend wirkt), waren auch als Dr. Rush’s Thunderbolts oder Thunderclappers bekannt, versprachen also »Blitz« und »Donner« am stillen Örtchen. Auf Rushs Empfehlung hin packten Lewis und Clark sie für ihre berühmte Expedition ein. Rush ordnete an, »beim geringsten Unwohlsein … den Verdauungstrakt mittels einer, zweier oder mehrerer Purgierpillen sachte zu öffnen.« Ferner sei »Verstopfung oft ein Zeichen nahender Krankheit … nehmen Sie dann eine oder mehrere Purgierpillen«. Appetitlosigkeit sei zudem »ein Zeichen heraufkommender Indisposition und mit der nämlichen Kur zu beseitigen.«
Zusammengefasst: Wenn irgendwas zwickt? Abführen. Abführen bis die Hölle losbricht.
Pioniere mit Durchfall
Also führten Lewis und Clark nicht weniger als 600 Stück Gewitterpillen mit sich. Moderne Historiker haben festgestellt, dass sich Lewis und Clark in Lolo, Montana, niederließen – im wahrsten Sinne des Wortes. Da ihre Expedition militärisch geführt war, hielten sie sich auch an eine Militärrichtlinie, die einen Abstand von 300 Fuß (das entspricht rund 100 Metern) zwischen Hauptlager und Latrine vorschrieb. Das Hauptlager wurde anhand von Bleirückständen geortet und siehe da: 100 Meter weiter fand man Quecksilber. Ein Meilenstein der exkrementellen Archäologie. Ob Rushs Blitzkügelchen nun Linderung brachten oder nicht, auf jeden Fall hinterließen sie Bremsspuren in der Geschichtsschreibung.
Manchmal gab es Ganzkörper-Rauchbäder, bei denen ein nackter Patient in einem Kasten steckte, der nur den Kopf herausschauen ließ, und unter dem ein Feuer Quecksilber verdampfte. Im 16. Jahrhundert notierte der italienische Arzt Girolamo Fracastoro, dass man nach Quecksilbersalbe und Rauchbädern »spürt, wie sich das Gären der Krankheit im eigenen Munde in einen abscheulichen Strom von Speichel auflöst.«
Syphilistherapie war so was von unsexy. Aber das Schlimmste war, dass die Erkrankten die Behandlungen oft für den Rest ihres Lebens ertragen mussten. Nichts sprach gegen den damals verbreiteten Spruch: »Eine Nacht mit Venus, ein Leben mit Merkur.«
Niccolò Paganini, einer der berühmtesten Geiger aller Zeiten, erlitt nach seiner Syphilisdiagnose wahrscheinlich eine Quecksilbervergiftung. Nicht genug, dass ihm der Erethismus Hypochondrie und übermäßige Schüchternheit bescherte, ihn befiel auch ein derartiges Zittern, dass er sich 1834 von der Bühne zurückzog. Er hatte baumstammdicke Beine und hustete ständig Schleim hoch. Er klagte: »Ich huste locker drei bis vier Näpfe voll Schleim und Eiter aus … Die Beine sind nun bis hinter die Knie angeschwollen, sodass ich nur schneckengleich fortkomme.« Ihm fielen die Zähne aus, seine Blase war ständig gereizt, und die entzündeten Hoden wuchsen bis zur Größe eines »Zierkürbisses«. Na toll, Syphilis, jetzt verdirbst du uns auch noch jede Freude an Zierkürbissen!
Glücklicherweise, oder unglücklicherweise, währte das entsetzliche Leben des armen Paganini mit Schleimauswurf, molluskenhafter Fortbewegung und gemüseförmigem Gehänge nicht mehr lange. Keinen Monat nach seinem letzten Konzert war Paganini tot.
Heute wissen wir, dass Quecksilber und andere Metalle wie Silber im Labor Bakterien töten können. Aber jeder Wissenschaftler weiß, dass das, was in der Petrischale wirkt, im menschlichen Körper nicht unbedingt Gutes vollbringt. Es lässt sich nicht sagen, ob die Quecksilberbehandlung den Syphilitikern Genesung brachte oder ob die Krankheit einfach nur ins nächste Stadium überging, das aus vielen beschwerdefreien Jahren bestehen konnte.
Falls man nicht vorher an Quecksilbervergiftung starb.
DER MERKURSTAB: EINE SCHLANGE ZUVIEL
Kalomel kam nach und nach aus der Mode, da die »heroische Heilung« durch Purgieren durch unschädlichere und wirksamere Heilmittel ersetzt wurde. In den Vereinigten Staaten wie in aller Welt wurde die Quecksilberverwendung in den 1940ern im Filzverfahren und in den 60ern im Gold- und Silberbergbau verboten. Aus dem britischen Arzneibuch verschwand Kalomel erst in den 50ern, als man endlich erkannte, dass Quecksilber Akrodynie verursacht. Heute findet man immer noch Quecksilberthermometer (sie messen genauer als die mit rotgefärbtem Alkohol), aber weltweit sorgen Verbote dafür, dass sie nach und nach verschwinden.
Auch wenn das Element in der Schulmedizin nicht länger eingesetzt wird, hat es sich doch symbolisch in so manche Arztpraxis eingeschlichen. Es ist auf merkwürdige Weise treffend, dass das Wahrzeichen des Gottes Merkur der Caduceus ist: ein von zwei Schlangen umringelter, geflügelter Stab. Er wird weithin aber fälschlich als Zeichen für den Medizinbetrieb verstanden, seit ihn sich das Sanitätskorps der US-Armee im Jahre 1902 irrtümlich zum Signet machte. Bald darauf wurde er zum allgemeinen Zeichen für Heilberufe. Tatsächlich aber steht der Caduceus für Merkur – den Gott des Profits, des Handels, sowie der Diebe und Betrüger.
Den Asklepiosstab, einen einfachen, von einer Schlange umwundenen Stab, hält dagegen der griechische Gott Asklepios oder Äskulap, Beschützer der Gesundheit und der Heilung. Dieser Stab war 1902 eigentlich gemeint und steht heute auf dem Briefpapier vieler medizinischer Fakultäten.
1932 schrieb Stuart Tyson in der Zeitschrift The Scientific Monthly über den Fehlgebrauch des Caduceus: »Merkur ist der Patron des Handels und der dicken Geldbörse … dessen quecksilberne Zunge jederzeit ›das Schlimmere als das Bessere erscheinen lässt‹ … Wäre sein Symbol nicht auch bestens geeignet für … alle medizinischen Quacksalber?« Wie wahr.
Merkur, seinen Stab und eine fette Geldbörse haltend, auf der Welt herumtrampelnd
Vom Abwürgen Oliver Goldsmiths, einem erfundenen Mönch, Käpt’n Cooks Brechnapf und beschissenen Mehrwegmedikamenten
1774 fühlte sich Oliver Goldsmith unpässlich. Der 44-jährige Verfasser von Der Pfarrer von Wakefield hatte Fieber, Kopfschmerzen und vermutlich Nierenbeschwerden. In seinem bisherigen Leben hatte er als Klassenletzter das Trinity College absolviert, ein Medizinstudium in Edinburgh abgebrochen und Europa bereist, nachdem seine Geldmittel ausgeschöpft waren. Schließlich fand er etwas Erfolg als Schriftsteller, auch wenn Kollegen wie Horace Walpole ihn für einen »inspirierten Idioten« hielten.
Was ihn jedoch nun zur Selbstmedikation bewog, waren sein halbfertiger Doktortitel und seine kurz innegehabte Stellung als Apothekergehilfe. Er wollte sich selbst heilen.
Oliver Goldsmith, Autor und »inspirierter Idiot«
Zeit für St. James’s Fever Powder.
Nun, dieses Pulver war seinerzeit berühmt. Erfunden und auf den Markt gebracht hatte es einer der berühmtesten Arzneimittelhersteller des 18. Jahrhunderts. Es sollte gegen Fieber helfen, die mit »Konvulsionen und Schwindel« einhergingen, sowie gegen Gicht, Skorbut und Rinderpest. Dr. Robert James hielt seine Formel so geheim, dass er sie sogar verfälscht in die Patentanmeldung eintrug, weil er Ideenklau fürchtete. Aber die Hauptzutat, ein giftiges Metall namens Antimon, hatte genau die Eigenschaft, von der sich Oliver Goldsmith die Erlösung vom Krankenbett erhoffte.
Er wollte sich erbrechen.
Goldsmith, der sich Doktor nannte, obwohl er keiner war, bat einen Apotheker um die Lieferung von St. James’s Fever Powder. Der Apotheker zeigte sich unwillig und flehte ihn an, doch bitte einen richtigen Arzt zu konsultieren. Doch schließlich bekam Goldsmith, was er wollte.
Nach achtzehn Stunden voller Krampfen, Würgen und Brechen war Oliver Goldsmith tot.
EINE KURZE GESCHICHTE DES REIHERNS
Auf den armen »Doktor« Goldsmith und sein Verlangen nach Antimon kommen wir noch zurück. Aber zuerst finden wir heraus, warum er dermaßen kotzen wollte, dass es ihn umbrachte.
Emesis, oder das Erbrechen, ist der schnellste Weg, auf dem der Körper entgegen der Schwerkraft und der normalen Verdauungsrichtung seinen Mageninhalt loswird. Durch Reizung der Magenwand, Ausschaltung des Würgereflexes und Einschaltung des »Brechzentrums« im Gehirn (ja, das ist eine echte neurologische Region) lässt sich die Fahrtrichtung des Gegessenen umkehren. Brechmittel, oder Emetika, wie Antimon sind Substanzen, die man zum Zwecke des Spuckens einnimmt, und sie haben eine lange und ruhmreiche Geschichte. Herodot berichtet, dass sich die alten Ägypter durch allmonatliche Einnahme von Brechmitteln gesund hielten. Auch Hippokrates empfahl regelmäßiges Reihern. Und diese Ratschläge zogen sich durch mehrere Jahrtausende. Bis vor wenigen Jahrzehnten spielten Emetika eine wichtige Rolle im Arzneischrank.
Der Brechmitteleinsatz geht zu einem großen Teil auf die Viersäftelehre zurück. Man glaubte nämlich, Krankheit entstünde, wenn Blut, schwarze Galle, gelbe Galle und Schleim im falschen Verhältnis stünden. Und daher müssten sie durch Erbrechen, Durchfall, Schwitzen oder Speichelfluss wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Einfach gesagt: Egal, was aus einer Pore quoll oder aus einer Körperöffnung schoss – es stellte das Gleichgewicht her.
Und zu diesem Zweck war das Mittel der Wahl seit 3000 v. Chr. Antimon, ein grausilbernes Halbmetall, das als Bodenschatz überall auf der Welt gewonnen wird. Bekannt ist, dass manche Menschen Brechmittel einsetzten, um sich nach einer Fressorgie zu erleichtern, so zum Beispiel die römischen Kaiser Julius Cäsar und Claudius. Seneca der Jüngere, Berater von Kaiser Nero, berichtete von Römern, die »brechen, um zu essen, um zu brechen, und sich nicht dazu herablassen, ihre aus aller Welt herbeigeschafften Speisen zu verdauen«. Zu diesem Zweck wurde angeblich ein mit Antimon versetzter Wein gereicht. (Übrigens dachte man lange, dass mit dem Begriff Vomitorium ein Raum für jene römischen Festgäste gemeint war, die sich erleichtern wollten. Aber in Wirklichkeit handelte es sich dabei um den Ausgangsbereich eines Amphitheaters, wo die Menge aus dem Gebäude »ausgespien« wurde. Richtig gelesen. Ein architektonischer Fachbegriff, der Menschen mit Kotze gleichsetzt.)
Um den Verdauungstrakt dazu zu bringen, dass er in den Rückwärtsgang schaltet, muss man ihm leider manchmal etwas zuführen, das er unbedingt loswerden will, nämlich Gift. Gelehrte wie Heilkundige erkannten das toxische Potenzial des Antimons. Es führte zu Leberschäden, schwerer Entzündung der Bauchspeicheldrüse, Herzbeschwerden und zum Tod. Dennoch vertraute man darauf, dass Ärzte die tödliche Wirkung des Antimons im Griff hätten. Allgemein glaubte man der Maxime: »Gift ist kein Gift in der Hand eines Arztes.«
Zu schade, dass Oliver Goldsmith sein Antimon bekam, obwohl seine Ärzte sich dagegen ausgesprochen hatten.
MÖNCHSTÖTER ODER WUNDERMITTEL?
Paracelsus, ein prominenter Arzt des 16. Jahrhunderts, baute seine Theorie nicht auf Säfte, sondern auf Mineralien, und vollführte damit eine radikale Kehrtwende im Denken, die ihm reichlich Anhänger und Feinde einbrachte. Erst müsse man die Naturwissenschaft verstehen, bevor man körperliche Leiden ergründen könne, so glaubte er. Erdeigene Stoffe wie Antimon oder Quecksilber seien demnach die perfekten Elemente, um alles ins Lot zu bringen. Besonders Antimon »reinigt sich selbst und zur gleichen Zeit alles, was außerdem unrein ist«, so Paracelsus.
Man sollte meinen, dass eine Empfehlung vom Dr. Hirschhausen der Renaissance gereicht hätte, um Antimon zum Brechmittel der Wahl werden zu lassen, aber erst das Gütesiegel eines legendären Mönchs sorgte für den richtigen Boom.
Der Name Antimon entstammt angeblich einer Geschichte um den Benediktinermönch Basilius Valentinus, der im 15. Jahrhundert im Kloster St. Peter gelebt haben soll und der Legende zufolge erstaunliche 106 Jahre alt wurde. Sein rätselhafter Grabspruch lautete: post CXX annos patebo – »nachdem 120 Jahre verstrichen sind«. Und just zu diesem Zeitpunkt, so die Legende, barst eine der Säulen der Abtei und gab verborgene Schriften des Valen tinus frei, von denen niemand gewusst hatte.
Ganz schön zielsicher!
In einem Buch mit dem Titel Triumph-Wagen des Antimons preist Valentinus die Vorzüge des Stoffes. Er empfiehlt es sogar zum Mästen von Schweinen. Gerüchten zufolge habe er es, nachdem er eine gute Wirkung an Schweinen festgestellt hatte, an Mönchen ausprobiert, die prompt verstarben. Daher der Name Antimon – von »Anti-Mönch« oder »Mönchstöter«. (Dabei handelt es sich wohl kaum um die wahre Wortherkunft. Antimon kommt eher von dem griechischen Wort antimonos für ein Metall, das »nicht allein« gefunden wird, da es in der Natur eine Nähe zu anderen Elementen wie Schwefel hat. Und übrigens: »Basilius Valentinus« klingt auch eher nach Künstlername.)
Die Schriften des Valentinus sind dann auf mysteriöse Weise in die Hände eines gewissen Johann Thölde gelangt, der Salzkocher, Kaufmann und wahrscheinlich der wirkliche Autor der Texte war. Nebenbei war er auch ein fähiger Chemiker. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts verdiente er ganz gut an der Verbreitung von Valentinus’ Werk, und so kam es zu einem Anstieg des Antimongebrauchs.
Und zu einem Krieg der Theorien.
Ärzte, die Galen anhingen und die Viersäftelehre hochhielten, schimpften über jene Doktoren und Chemiker, die Paracelsus und Valentinus folgten und an die reinigenden Kräfte von Quecksilber und Antimon glaubten. Bittere Fehden und Gerichtsprozesse wurden an der Schnittstelle zwischen Medizin und Chemie ausgetragen, und Antimon stand dabei im Mittelpunkt. Die medizinische Fakultät von Paris erklärte Antimon zu einem »grassierenden Gift«. Einer der lautesten Antimonkritiker des 17. Jahrhunderts, der französische Arzt Guy Patin, flehte: »Bewahre uns Gott vor solchen Arzneien und Ärzten!«
Und dennoch glaubten viele, Antimon könne »den Körper vervollkommnen« und alles Unreine, mit dem es in Berührung kam, rein machen. Es wurde gegen alles Mögliche eingesetzt, von Asthma und Allergien bis zu Syphilis und der Pest. Als König Ludwig XIV. 1658 tödlich erkrankte, bekam er eine Dosis. Er genas (erstaunlicherweise), und damit war die Antimonfrage in Frankreich geklärt, und zwar zugunsten des schimmernden Halbmetalls.
Und Thölde? Und der möglicherweise erfundene Valentinus? Niemand scherte sich darum, dass der Salzkocher/Chemiker wahrscheinlich der wahre Autor der Texte war. Dass das Manuskript von einem Mönch des 15. Jahrhunderts stammte, schien unwahrscheinlich, denn dieser »Valentinus« erwähnte Dinge, die erst nach seinem Tod geschehen waren. Aber das änderte nichts am Erfolg seines angeblichen Lieblingsmittels Antimon.
RECYCELTE PILLEN UND BRECHNÄPFE
Auf der Höhe des Antimontrends reichte es den Leuten nicht, ab und an etwas einzuwerfen. Man musste Accessoires besitzen. Im 17. und 18. Jahrhundert waren aus Antimon gefertigte Trinkschalen in Mode, die als pucula emetic oder calicos vomitorii bezeichnet wurden – zu Deutsch etwa »Brechnapf«. In Reaktion mit der Säure des Weins bildete das Antimon des Trinkgefäßes den sogenannten Brechweinstein – Kaliumantimonyltartrat – und bescherte dem Napfbesitzer ein schönes »gesundes« Erbrechen oder wenigstens etwas Durchfall. Einer der noch erhaltenen Antimonbecher soll angeblich Käpt’n James Cook gehört haben, der ihn womöglich auf seinen Weltreisen mit sich führte. Aber Vorsicht bei der Benutzung: Geriet zu viel Antimon in den Wein, entstand ein todbringendes Gesöff. Einer dieser Becher, 1637 in London für 50 Schilling erworben, tötete drei Menschen.
Dann gab es noch Antimonpillen. Die Metallkügelchen waren schwerer als unsere heutigen Einweg-Medikamente und durchliefen den Verdauungstrakt relativ unverändert. Sorgfältig barg man sie aus der Latrine, wusch sie und verwendete sie ein ums andere Mal. Das war noch Recycling damals! Die »ewig währenden Pillen« oder »Wiederkehr-Pillen« wurden oft als Erbstück von Generation zu Generation weitergegeben. Womöglich hieß es dann im Testament: »Und meinem lieben, an Verstopfung leidenden Sohne Jonathan vermache ich meine Kackpillen.«
Wein zugeben, fertig ist das Brechmittel: Antimonbecher mit Futteral, 17. Jhd.
Am Antimonhype verdiente sich manch findiger Kurpfuscher eine goldene Nase. Nachdem der Arzt Joshua Ward im 18. Jahrhundert den ausgerenkten Daumen König Georges II. heile gemacht hatte, war er in den Augen des Regenten unfehlbar. Obwohl er kein Mediziner war und nur spärliches pharmazeutisches Wissen besaß, nutzte Ward seinen Ruhm, um ein Vermögen anzuhäufen. Seine Arzneibestseller? Ward’sPill und Ward’s Drop, die angeblich sämtliche Leiden der Menschheit kurieren konnten, von der Gicht bis zum Krebs. Zu schön, um wahr zu sein? Allerdings. Diese Mittelchen enthielten Antimon in giftiger Konzentration. Und doch wollten alle die Pillen und Tropfen des Herrn Ward im Schrank haben. Als cleveres Verkaufstalent färbte er seine Pillen rot, violett und blau, denn bunt ist besser. Aber anders als Gummibärchen und Smarties enthielten einige von Wards Mixturen auch Arsen. Ward versuchte, seinen Reichtum zum Wohle der Allgemeinheit einzusetzen, und eröffnete sogar sein eigenes Krankenhaus. Er kümmerte sich um die Armen, der Gute. Allerdings gab er ihnen auch oft seine Pillen, der nicht so Gute.
DIE HEILKRAFT DES SCHMERZES: BLASENZIEHEN & AVERSIONSTHERAPIE
Wenn man bedenkt, dass Antimon im Ruf der Widerwärtigkeit stand, mag es verwundern, dass manche Menschen es sich ins Gesicht schmierten. Richtig gelesen. Das gleiche Metall, das Könige kotzen ließ und in Pillenform mehrfach verdaut wurde, diente auch kosmetischen Zwecken. Sein Kürzel im Periodensystem, Sb, steht für Stibnit, einer mineralischen Schwefelverbindung des Antimons. Stibnit ist von hellem, metallischem Grau, das bei Lufteinwirkung schwarz wird. In Ägypten, dem Nahen Osten und in Teilen Asiens wurde es (unter der Bezeichnung Kohl) zum Schminken der Augenpartie verwendet.
Wer sich jetzt mit Stibnit einen Lidstrich ziehen will, sollte erst weiterlesen. Antimon kann der Verdauung übel mitspielen, aber der Haut erst recht. Nach dem Prinzip des Gegenreizes – der Theorie, dass Brandwunden und Verätzungen an einer Stelle die Krankheit von einer anderen Stelle weglocken könnten (siehe »Kauterisation und Blasenziehen«, Seite 159) – wurde Antimon zum Blasenziehen eingesetzt. Eine Londoner Medizinenzyklopädie aus dem Jahr 1832 rät dazu, Keuchhusten und Tuberkulose mit Antimonsalbe zu behandeln. Was übrigens nicht funktioniert. Aber was ist mit der Blase, die dadurch entsteht? Die müsse man am besten offen halten, meinten die Autoren des Nachschlagewerks. Das heißt, sobald sie zu verheilen begann, sollte man den Schorf abreißen und noch mehr Brechmittel auftragen, um »reichliche Eitersekretion zu erhalten«.
Wie eklig. Ob innerlich oder äußerlich angewendet, Antimon ist so oder so zum Kotzen.
POTPOURRI DES WÜRGEREIZES
Brechmittel gibt es viele, die meisten sind mineralischen oder pflanzlichen Ursprungs. Hier eine Übersicht über die übelsten Übelkeitserreger der Geschichte.
Salz. Seefahrer wussten schon seit der Antike, dass das Trinken von Meerwasser zu kräftigem Reihern führt. Die Griechen verwendeten eine Mischung aus Wasser, Salz und Essig. Plinius der Ältere empfahl zu dem Zweck eine Mixtur aus Honig, Regenwasser und Meerwasser, die er thalassomeli nannte. Celsus nutzte Wein mit Meerwasser oder auch gesalzenen griechischen Wein, um »den Bauch zu lockern« – eine nettere Bezeichnung für Kotzen gibt es nicht. Klar, die Einnahme von stark gesalzenem Wasser kann zum Erbrechen führen, aber auch zum Tod.
Bier mit Knoblauch. Philumenus, ein griechischer Arzt aus dem 4. Jahrhundert, glaubte, eine Mischung aus Bier und zerdrücktem Knoblauch könne durch Erbrechen giftige Vipernbisse heilen. Angesichts der Tatsache, dass sich Schlangengift nicht im Magen sammelt, scheint diese Methode nicht nur nutzlos, sondern auch schädlich.
Vitriol (blaues Kupfersulfat). Eine kristalline Substanz mit auffallend blauer Farbe, die seit dem 9. Jahrhundert als Brechmittel verwendet wird. In einer Zeitschrift von 1839 wird blaues Vitriol bei Opium- und Schierlingsvergiftung empfohlen. Dummerweise ist Vitriol selbst giftig: Es lässt rote Blutkörperchen platzen, Muskelgewebe zerfallen und Nieren versagen.
Brechwurz (Ipecacuanha). Die Brechwurzel kam im 17. Jahrhundert nach Europa und kommt nicht in einem Song namens The Girl from Ipecacuanha vor. Brechwurzelsirup wurde seit Jahrhunderten als Schleimlöser und Brechmittel verwendet. Lange Zeit wurde Ipecacuanha auch als Gift eingesetzt und gehörte im 19. und frühen 20. Jahrhundert in jeden elterlichen Medizinschrank. Es ist noch heute erhältlich. Aber moderne Toxikologen wissen, dass es die Aufnahme von Giftstoffen nicht zuverlässig mindert, und in der Hälfte der Fälle führt es nicht einmal Erbrechen herbei. Und das Lied heißt übrigens The Girl from Ipanema.
Apomorphin. Diese halluzinogene Substanz wird aus den Knollen und Wurzeln bestimmter Seerosen (der Gattung nymphaea) gewonnen. Schon die Maya benutzten sie, und die alten Ägypter verewigten es in Grabmalereien. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Droge dann synthetisiert. Und sie war stark. 1971 stellte eine Untersuchung bei Apomorphin eine fast perfekte Erfolgsquote fest, was das Erbrechen angeht, während andere Brechmittel nur 30 bis 50 Prozent erzielten. Leider wurde es auch einmal in der Aversionstherapie gegen Homosexualität eingesetzt, wobei sogar einige »Patienten« starben. Heutzutage wird Apomorphin behutsam in der Tiermedizin verwendet und in seltenen Fällen bei Menschen mit Parkinson.
Hübscher blauer Kandiszucker? Nicht lecken, Kupfersulfat
Getreu dem Motto »Wer nicht hören will, muss fühlen« kamen die Anhänger des Antimons schließlich auf die Aversionstherapie, eine Art der Verhaltenstherapie, bei der etwas Begehrtes (wie das Trinken von Alkohol) mit etwas Verhasstem (wie dem Erbrechen) assoziiert wird. Benjamin Rush, ein Arzt aus Philadelphia, gab einst ein paar Kügelchen Brechweinstein ins Glas eines Mannes, der dem Alkohol übermäßig zugeneigt war. Nachdem dieser sich übergeben hatte, war ihm der Rum zwei Jahre lang zuwider, sehr zur Rushs Freude. Wer daraus nun den Schluss ziehen will, dass Antimon ein gutes Mittel zur Alkoholentwöhnung ist, sollte bedenken, dass es leider übelst giftig ist, und dass Alkoholismus keine Krankheit ist, die mit einem Fingerschnippen kuriert werden kann.
Aber Quacksalber hielten dennoch daran fest. Einem antimonhaltigen Mittelchen namens Mrs. Moffat’s Shoo-Fly Powders for Drunkenness – zu Deutsch ungefähr »Mrs. Moffats Wisch-und-weg-mit-der Trunkenheit-Pulver« – wurde 1941 vor Gericht vorgeworfen, es sei betrügerisch und giftig (von dem albernen Namen ganz zu schweigen). Aber das hielt Menschen nicht davon ab, es als Mittel gegen Alkoholismus zu verwenden. Tatsächlich wird Antimon in manchen Ländern immer noch zu diesem Zweck eingesetzt. 2004 trank ein 19-jähriger Mann guatemaltekisches Soluto Vital, einen Antimontrunk, der ihm Nierenschäden bescherte. Das New England Journal of Medicine erwähnt einen Fall aus dem Jahr 2012, bei dem ein Mann betrunken nach Hause kam und prompt von seiner Frau eine Dosis tártaro emético verpasst bekam. Sie hatte den Brechweinstein aus Mittelamerika beschafft, nachdem ihr erzählt worden war, er führe zum Erbrechen und würde ihrem Mann das Saufen abgewöhnen. Auch dieser Mann landete mit Nieren- und Leberschäden im Krankenhaus.
Heutzutage gibt es immer noch zugelassene Medikamente für die Aversionstherapie, beispielsweise Disulfiram, ein Wirkstoff, der beim Konsum von Alkohol zum Erbrechen führt. Aber er wird nur selten eingesetzt, da Patienten es – oh Wunder! – nur ungern einnehmen. Sozusagen aus Aversion gegen die Aversionstherapie. Und dabei enthält es gar kein Antimon.
AUF NIMMERWIEDERSEHEN, ANTIMON
Dass sich abgesehen von Disulfiram in heutigen Arzneibüchern keine Substanzen finden, die gezielt Erbrechen herbeiführen, hat seine Gründe. Inzwischen haben wir bessere Methoden, um Vergiftungen zu bekämpfen. Heutzutage gibt man zur Absorption von verschluckten Giftstoffen Aktivkohle, und gegen Toxine im Blut hilft die Chelat-Therapie. Das Kotzen kann man sich sparen!
Anhänger von Paracelsus und Valentinus mögen Antimon für ein Wundermittel gehalten haben, aber heutzutage stehen Blasenziehen und Brechreiz nicht mehr hoch im Kurs. In den USA ist Antimon nicht mehr zugelassen, auch wenn damit in manchen Ländern noch Parasitenbefall bekämpft wird. Antimonverbindungen haben neben Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen noch zahlreiche Nebenwirkungen, die denen von Arsen in nichts nachstehen, beispielsweise Mundfäule und Nierenversagen. Und nebenbei sind sie auch noch krebserregend.
Das hätte mal jemand Oliver Goldsmith sagen sollen.
Von Erbschaftspulver, Rattengiftessern, einer Milchmädchenrechnung mit Schönheit und Verderben und vom grünen Tod aus der Tapete
Wer war Mary Frances Creighton? Sie war Ehefrau, Schwester und Mutter und hatte die Gabe zu morden, ohne entdeckt zu werden. Opfer ihres ersten Mordes war 1920 ihre Schwiegermutter. Alle dachten, die wohlhabende 47-jährige Dame wäre an Lebensmittelvergiftung gestorben. Tatsächlich aber hatte Mary ihr einen leckeren, heißen Kakao gemacht, woraufhin der Schwiegermutter speiübel geworden war. Wenige Stunden später war sie tot.
1923 schlug Mary erneut zu. Sie hatte ihren minderjährigen Bruder Charles dazu überredet, bei ihr und ihrem Mann einzuziehen, und als Betthupferl gab es sogar Schokopudding. Charles bekam Bauchweh und einen trockenen Mund. Kurz darauf packte ihn das Kotzen und Zittern und er starb einen schrecklichen Tod.
Herstellung von Arsen, 1704. Das beliebte Mordwerkzeug Arsen wird durch Rösten von Arsensulfid gewonnen.
Man schob es auf einen Mageninfekt. Wie praktisch, dass Charles eine Lebensversicherung über 1000 Dollar hatte, in der Mary neuerdings als Begünstigte eingetragen war. Ein anonymer Brief informierte die Polizei darüber, dass Mary Frances eine Lügnerin sei, und der Junge ein Mordopfer. Leichen wurden exhumiert und forensische Chemiker untersuchten die Überreste von Bruder und Schwiegermutter. Das Ergebnis? Arsen.
Da Arsen stark giftig auf die Leber wirkt und krebserregend ist, kennt man es eher als Tötungs- denn als Heilmittel. Die tödliche Dosis liegt bei rund 100 Milligramm und bringt das Opfer normalerweise innerhalb weniger Stunden um. Vom Mittelalter bis zur Wende zum 20. Jahrhundert schätzte man Arsen als »König der Gifte«, »Gift der Könige« und »Erbschaftspulver«. Schon in der Antike wusste Hippokrates um seine Giftigkeit; er berichtete von Koliken bei Bergleuten, die Arsen zutage förderten. Dem römischen Kaiser Nero kamen diese Eigenschaften nur gelegen, als er seinen Bruder Britannicus mittels Arsen in den Hades beförderte, um sich den Kaisertitel zu sichern.
Warum wurde Arsen zum Gift der Wahl für Hausfrauen wie Weltherrscher? Zum einen ist es praktisch nicht feststellbar. In seiner bekanntesten Form, dem »Weißarsenik«, ist es geruchlos und in Speis und Trank gemischt meist ohne Geschmack. Hilfreich ist auch, dass die Symptome denen einer Lebensmittelvergiftung ähneln. Als der Kühlschrank noch nicht erfunden war, musste es kein Tötungsdelikt sein, wenn ein König plötzliche Bauchkrämpfe bekam, sich die Seele aus dem Leib kotzte und die Nachttöpfe mit Dünnschiss füllte. Im Europa der Renaissance verteilten die Borgias und Medicis großzügig Arsen an alle, die sich ihnen in den Weg stellten. Der englische Essayist Max Beerbohm drückte es so aus: »In Rom konnte niemand behaupten: ›Gestern Abend war ich zum Abendessen bei den Borgias.‹«
Und obwohl Mary Frances Creighton als die »Borgia von Long Island« betitelt wurde, befand man sie in beiden Fällen für nicht schuldig. Tatsächlich vergiftete sie Jahre später noch einen weiteren Menschen mit Arsen. (Warum auch nicht? Hat ja schon zweimal geklappt!) Diesmal war es Ada Applegate, die Gattin des Mannes, der eine Affäre mit Marys minderjähriger Tochter hatte.
Klarer Fall, möchte man meinen – aber es gab einen Grund, warum Marys Verbrechen so schwer nachzuweisen waren: Anfang des 20. Jahrhunderts war Arsen allgegenwärtig.
Mary Frances Creighton, die »Borgia von Long Island«, auf dem Weg ins Gericht
LASSEN SIE SICH ZWEI ARSEN UND KEINEN NEUEN TERMIN GEBEN
Arsen wird seit der Antike als Arznei verwendet. Es ist ein Ätzmittel, das die Hautoberfläche absterben und verschorfen lässt. Es hilft daher in Fällen von abnormal verdickter Haut, beispielsweise bei Schuppenflechte, wurde früher aber bei jedem Hautproblem eingesetzt, egal ob Ausschlag oder Geschwür. Hier ein Tupfer und da ein Tupfer mag ja keinen großen Schaden angerichtet haben, aber zu großzügige oder andauernde Verwendung führte zu chronischer Arsenvergiftung. Und wie viele Medikamente in der Medizingeschichte wurde Arsen gegen alles Mögliche und Unmögliche eingesetzt: gegen Fieber und Bauchschmerzen, Sodbrennen und Rheuma, sowie zur Besserung des Allgemeinbefindens. Ob als Pille, Pulver oder Lutschbonbon– im 18. Jahrhundert war Arsen ein Bombenerfolg in der Quacksalbereibranche.
Ebenfalls erhältlich waren arsenhaltige Mittel gegen Malaria wie Tasteless Ague oder Fever Drops (ihr Verkaufsargument gegenüber der Alternative Chinin: sie waren nicht so bitter). Töteten sie den Malariaparasiten? Das ist ungewiss. Aber einige Ärzte spotteten: »Arsen lindert Fieber, indem es den Patienten tötet.« Ein Arzt namens Thomas Fowler war jedenfalls von der Wirksamkeit überzeugt und brachte seine eigene Rezeptur heraus, die 150 Jahre lang unangefochten als bekanntestes Arsenpräparat galt.
Fowler’s Solution wurde 1786 kreiert, enthielt 1 Prozent Natriumarsenat und war mit Lavendelaroma versetzt, um eine Verwechslung mit Wasser auszuschließen. Angeblich half es gegen Syphilis, gegen die Schlafkrankheit und das Sumpffieber, wie die Malaria auf Deutsch genannt wurde. Da das Fowler’sche Mittel bekanntlich manche Hautveränderungen wegätzte, trugen Ärzte es auf Krebsgeschwüre auf, um sie aufzulösen. Das enttäuschende Ergebnis schilderte 1818 ein Apotheker: »Leider gehen seine guten Wirkungen nicht über ein gewisses Maß hinaus«, und vielen Patienten »fügt es, wie man zugeben muss, Schaden zu«. Die Lösung konnte Thiaminmangel verursachen, der zu Kribbeln in den Gliedern und Herzrasen führte.
Lesen Sie die Gift-und Antidothinweise und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
Als vitalisierendes Tonikum angepriesen, war Fowlers Produkt mehr Schein als Sein. Das enthaltene Arsen weitete die Kapillargefäße der Gesichtshaut. Man bekam daher gerötete Wangen und erweckte den Anschein blühender Gesundheit – fühlte sich aber nicht besser. Und wie bei Quecksilber und vielen anderen Arzneien brachte eine Arsenvergiftung beunruhigende Symptome mit sich, darunter Durchfall und Verwirrung. Arsen zeigte Wirkung, und das nahm man in einer Zeit vor Labortests und bildgebenden Verfahren als Zeichen dafür, dass eine Medizin irgendetwas bewirkte (und wenn es außerordentliche Blähungen waren).
Arsenprodukte wie Fowler’s Solution fanden in großen Teilen des 19. Jahrhunderts breite Verwendung. Sie wurden auf die Haut geschmiert, als Einlaufmittel verwendet und verzehrt. Beliebt war die Methode, Arsen mit Brot zu »Brotpillen« zu drehen. Oder Pfeffer dazu zu essen. Es wurde auch injiziert und als Dampf inhaliert. Ein pharmazeutisches Lehrbuch behauptete, Arsen könne ohne Gefahr stillenden Müttern gegeben werden, die ihre Säuglinge dann mit arsenhaltiger Muttermilch verwöhnen würden. Manch andere nahmen es gegen morgendliche Übelkeit. Die Liste der Krankheiten, die sich durch Arsen angeblich heilen ließen, war endlos. Schlangenbisse! Rachitis! Übelkeit wegen Trunkenheit! Gegen alles half Arsen. Glaubte man jedenfalls.
