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Abschied aus dem Arbeitsalltag – gut vorbereitet in den Ruhestand! Der Übergang in den Ruhestand ist mehr als das Ende des Berufslebens – er markiert den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Dieser fundierte Praxisratgeber begleitet Sie Schritt für Schritt auf dem Weg dorthin: Mit zahlreichen konkreten Übungen, umfangreichen Praxisbeispielen und Impulsen hilft er Ihnen dabei, Ihre berufliche Identität loszulassen und eine erfüllende neue Perspektive zu entwickeln. Ob es um den Abschied vom Arbeitsplatz geht, um die Neugestaltung des Alltags oder um das Entdecken neuer Aufgaben – dieses Buch unterstützt Sie dabei, Ihre persönlichen Ressourcen zu aktivieren und Klarheit für Ihre Zukunft zu gewinnen. Ein praktisches Arbeitsbuch, das sich ideal für Einzelpersonen, Paare oder Gruppen eignet – sowie für Coaches und Berater, die Menschen in dieser Lebensphase begleiten.
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Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2025
Eva Dempewolf
vom Berufsalltag
Das Praxisbuch zum gelingenden Start in die neue Lebensphase – damit der Ruhestand nicht zum Stillstand wird!
IMPRESSUM
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN: 978-3-95894-320-9 (Print)
© Copyright: Omnino Verlag, Berlin / 2025
Am Friedrichshain 22 / 10407 Berlin / [email protected]
www.omnino-verlag.de
Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.
Wofür dieses Buch?
Arbeit und Beruf: dasselbe oder etwas ganz anderes?
Eine Einführung mit Anmerkungen zu Boreout, Flow und den Fünf Säulen der Ich-Identität
Boreout, Flow-Erleben und „guter“ und „schlechter“ Stress
Die fünf Säulen der Identität
TEIL I: ANGEMESSEN ABSCHIED NEHMEN
1. Was habe ich verloren oder: Reale und gefühlte Verluste verdienen Beachtung
Vielfältige Verluste
Der Verlust des Arbeitsplatzes ist ein Verlust von Teilen der eigenen Identität
Renteneintritt als ein Fall aberkannter, verborgener Trauer
Wie es andere erlebten
Vera U.: Von heute auf morgen außen vor
Michael A.: Das Geld spielt schon eine Rolle
2. Ageism und andere Ärgernisse oder: Wie Aufmerksamkeitsfokussierung das Erleben bestimmt
Altersdiskriminierung
Alter ist eine individuelle Einstellung
Aufmerksamkeitsfokussierung
Wie es andere erlebten
Siegfried N.: Im Beruf offenbar nicht mehr gefragt
Richard R.: Nur keine Opferhaltung!
3. Phasenmodelle zu Verlustbewältigung und zum Übergang in den Ruhestand oder: Struktur hilft in Umbruch- und Krisensituationen
Die vier Phasen der Verlustbewältigung nach Verena Kast
Die sechs Phasen des Übertritts in den Ruhestand nach Robert Atchley
Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Bewältigungsstrategien
Biografiearbeit
Wie es andere erlebten
Günter S.: Vom Leben auf der Überholspur zum Leben auf der Freizeit-Spur
Anton B.: Die Weichen stellen für die „Zeit danach“
4. Die Welt der Gefühle oder: Warum es sinnvoll ist, der Trauer Raum zu geben
Die Basisemotionen
Gefühle sind immer nur ein Teil unseres Selbst
Eine neue Art der Selbstwahrnehmung
Nostalgie oder: „Früher war alles besser“
Wie es andere erlebten
Karla K.: Luxusprobleme?!?
Kim M.: Die vielfältigen Verlockungen des Lebens
TEIL II: NEUORIENTIERUNG – AUFBRUCH IN EINE NEUE LEBENSPHASE
5. Resilienz und neue Rollen oder: Ein biografiegestützter Blick auf Ressourcen und veränderte Beziehungen
Was habe ich noch? Resilienz, Kohärenz und Salutogenese
Vielerlei Ressourcen
Neue Rollen
Neudefinition von Freizeit
Wie es andere erlebten
Maria H.: Nicht alles ist aus – nur anders
Gerhard K.: Reichlich Übung im Abschiednehmen
6. Rituale und Routinen oder: Was wiederkehrende Handlungen zum Wohlbefinden beitragen können
Die Bedeutung von Übergangsritualen
So werden Verhaltensweisen Routine
Wie es andere erlebten
Christian S.: Jeder Tag ist ein Gewinn – auch wenn nichts erarbeitet wird
Stefanie d’H.: Viel zu früh …
7. „Eigentlich…“ oder: Wie man den inneren Saboteur aufspürt und ins Boot holt
Teilemodelle
Wer in mir sagt das?
Glaubenssätze aus der Kindheit
Wie es andere erlebten
Andreas R.: Ein Zehnjähriger öffnet neue Perspektiven auf den Ruhestand
Johannes S.: Die Zeit ist jetzt da, aber nicht immer die Muße
8. Was ist mir wirklich wichtig? oder: Wissenswertes über Werte, Bedürfnisse und „smarte“ Ziele
Ziele, Werte und Bedürfnisse – was ist der Unterschied?
Zentrale Werte
Zentrale Bedürfnisse
Zielformulierung: präzise und unbedingt positiv
Viele Wege führen nach Rom
Wie es andere erlebten
Walter W.: Loslassen und neu beginnen
Karin D.: „Berührende“ Begegnungen
9. Etwas adäquat Ähnliches finden oder: Frische Ideen und innovative Methoden zur Entscheidungsfindung
Ruhestandsplanung als Projektmanagement
Neue Interessen, Hobbys und Beschäftigungen
Ehrenamt – meist unbezahlt, aber nie umsonst!
Eine zweitbeste Lösung
Entscheidungsfindung – plötzlich ein Problem?
Wie es andere erlebten
Jürgen R.: Einmal Doktor, immer Doktor?!
Susanne S.: Aus heiterem Himmel
10. Heureka! oder: Akzeptanz, Dankbarkeit und die vier Schlüsselphasen des kreativen Prozesses
Die wichtigsten Bewältigungsstrategien
„Ich hab’s gefunden!“
Die vier Phasen des kreativen Prozesses
Wie es andere erlebten
Heinz R.: Lust am Neustart
Rudolf Zirngibl: Kenntnisse und Erfahrungen nutzen und weitergeben
Im Nachklang …
ANHANG
Quellen/Literatur
Das Leben ist eine Reise. Ein Weg voller Höhen und Tiefen, voller Wendungen und Herausforderungen. Einen sehr wesentlichen Bestandteil dieses Weges, sowohl hinsichtlich Zeiteinsatz als auch daraus gewonnenen Ansehens, Wertschätzung und nicht zuletzt Sinnstiftung, bildet für die meisten von uns der Beruf. Nun kommt irgendwann der Punkt, an dem wir uns aus dem Arbeitsalltag, der Erwerbstätigkeit, verabschieden (müssen). Eine gewaltige Umbruchsituation! Und eine, zu der es bereits ein breites Spektrum von Ratgeber-Literatur gibt, die viele gut gemeinte, teilweise auch wirklich hilfreiche Tipps enthält, wie und für was sich die neu gewonnene Freizeit nutzen lässt. Einige davon befassen sich mit konkreten Themen wie Finanzplänen (so gut wie jeder, der in den Ruhestand geht, muss sich auf finanzielle Einbußen einstellen) und gewiss nicht schädlichen Ernährungs- und Gesundheitstipps. Auf all dies gehe ich nicht weiter ein. Es gibt Fachleute, die Sie hier im Bedarfsfall besser unterstützen können.
Als Therapeutin und Coach mit Schwerpunkt Trauma-, Trauer- und Verlustbewältigung möchte ich mit diesem Buch etwas anderes: eine Grundlage schaffen, den neuen Lebensabschnitt überhaupt erst einmal gut angehen zu können. Es wendet sich an Menschen, die sich (so der Idealfall) bewusst auf den neuen Lebensabschnitt vorbereiten möchten, und natürlich an all diejenigen, die bereits mittendrinstecken und kompetent begleitet einen guten bzw. besseren Umgang damit suchen.
Vergangenes will gewürdigt werden, und so gelingt meiner Erfahrung nach jeder Neustart umso besser, je besser von dem Vorhergegangenen Abschied genommen wurde. In den allermeisten Fällen findet sich etwas Angemessenes fast automatisch, wenn das Frühere gut abgeschlossen ist, bzw. überraschend häufig auch schon, während man sich noch auf dem Weg dazu glaubt …
Der Abschied aus dem gewöhnlich sehr durchstrukturierten, regulären Arbeitsleben bedeutet für jeden, der sich mit seiner beruflichen Tätigkeit identifiziert hat, und insbesondere für Manager und Führungskräfte, Freiberufler etc.1 einen großen Umbruch, der mit Verlusterleben verbunden ist. Selbst wenn Sie sich darauf gefreut haben, nicht mehr jeden Tag antreten und sich mit möglicherweise unangenehmen Vorgesetzten, Mitarbeitern oder der Bürokratie herumschlagen zu müssen, und selbst wenn Sie danach (auf selbstständiger Basis) weiterhin tätig sind, so ist es doch ein massiver, ein gravierend lebensverändernder Einschnitt.
Es gilt, von einer jahre-, zumeist jahrzehntelangen Lebensphase und prägenden Routinen Abschied zu nehmen und den Aufbruch in eine neue zu gestalten. Dabei möchte dieses Buch Sie begleiten, immer in Ihrem Tempo und Ihren jeweiligen Bedürfnissen entsprechend. Es gliedert sich in zwei Teile: Zunächst (Teil I) geht es darum, angemessen Abschied zu nehmen, damit wir uns dann (Teil II) gut der Neuorientierung zuwenden können.
Als Erstes machen wir eine Bestandsaufnahme: Was habe ich verloren? Wir sehen uns an, welche Aspekte Ihres Lebens besonders betroffen sind, und Sie erfahren, warum es so schwierig sein kann, diese realen und vor allem gefühlten Verluste angemessen zu betrauern (Kapitel 1). Ageism, das heißt gesellschaftliche Zuschreibungen, mit denen wir ab einem gewissen Alter konfrontiert sind, sowie mögliche eigene dysfunktionale Überzeugungen machen es nicht leichter, sich in der neuen Lebensphase einzufinden. Ein Weg, mit all dem besser umzugehen, ist die sogenannte Aufmerksamkeitsfokussierung, die wir in Kapitel 2 näher betrachten wollen. Weil Struktur in Umbruch- und Krisensituationen immer hilfreich und haltgebend ist, werden anschließend (Kapitel 3) die bekanntesten Phasenmodelle zu Trauer- bzw. Verlustbewältigung und zum Übergang in den Ruhestand vorgestellt und erklärt. Kapitel 4 macht dann einen Ausflug in die Welt der Gefühle, beleuchtet ihre Bedeutung und beschreibt, welche Funktion sie nicht zuletzt für den Abschieds- und Trauerprozess sowie für den anschließenden Neustart haben.
Im zweiten Teil geht der Blick dann bereits in Richtung Zukunft: Welche neuen Rollen mit dem Eintritt in den formellen Ruhestand verbunden sind und was – bei allen Verlusten – weiterhin zur Verfügung steht und gut läuft, ist Thema von Kapitel 5. In Kapitel 6 erfahren Sie, warum Rituale Abschiedsprozesse erleichtern und wie sie Ihnen den Weg in einen gelungenen Neubeginn ebnen können. Unter der Überschrift „Eigentlich …“ kommen dann in Kapitel 7 die inneren Stimmen oder Anteile zu Wort, die – zumeist unbewusst – unser Befinden und Verhalten wesentlich mitbestimmen. Diese leiten gleich über zum nächsten Kapitel 8, das dazu einlädt, die eigenen Werte und Bedürfnisse zu eruieren. Darauf wiederum aufbauend, beschäftigt sich Kapitel 9 – Achtung, jetzt kommen doch ein paar Tipps! – mit Kriterien, die bei der Planung Ihrer weiteren Zukunft nützlich sein könnten. Wie es dann konkret weitergehen kann, das heißt die Voraussetzungen für den faktischen Ideenfindungsprozess bis idealerweise hin zum Heureka-Moment, betrachten wir abschließend in Kapitel 10.
Jedes Kapitel enthält eine Reihe von Übungen zur Selbstreflexion, die ich mit sehr guter Resonanz seit vielen Jahren sowohl in Gruppen als auch in Einzelberatungen einsetze. Zwar ist es etwas anderes, wenn Sie sie ohne professionelle Begleitung machen, aber ich vertraue darauf, dass Sie den rechten Zugang finden und Ihr Unbewusstes Ihnen zieldienliche, hilfreiche Bilder schickt. Bedenken Sie in jedem Fall, dass alles, was kommt, immer nur eine Momentaufnahme ist. Wenn Sie dieselbe Übung ein paar Tage oder auch nur ein paar Stunden später machen, können unter Umständen ganz andere Assoziationen erscheinen. Es hat sich bewährt, dazu ein eigenes Heft oder Büchlein anzulegen und sozusagen ein „Logbuch“ zu führen. Im Schreibwarenhandel gibt es eine breite Auswahl an sehr schönen, hochwertigen Notizbüchern. Suchen Sie sich eines, das Sie optisch und haptisch spontan anspricht, das genügend Seiten für ausführliche Gedankengänge enthält und gut in der Hand liegt. Vielleicht mögen Sie die Gelegenheit auch nutzen, ein besonderes Schreibgerät hervorzuholen. Möglicherweise einen edlen Tintenfüller, der seit langem unbeachtet irgendwo in den Tiefen des Schreibtisches schlummert?
Die Übungen selbst stammen aus unterschiedlichen Quellen, und viele enthalten natürlich auch Überlappungen. Lassen Sie sich davon nicht stören. Ganz oft fällt einem, wenn man mit einer ähnlichen Frage in einem anderen Kontext konfrontiert wird, ja noch einmal etwas Neues dazu ein.
Natürlich passt nicht jede Übung für jeden, doch ich bin sicher, dass Sie das für sich Hilfreiche erkennen. Und wenn man sich einmal hingesetzt und damit begonnen hat, fällt es erfahrungsgemäß ganz leicht – und es erleichtert wirklich!
In Coachings, (Trauer-)Gruppen und Supervisionen zeigt sich immer wieder, dass schon das Gefühl „Ich bin nicht allein“ ausgesprochen hilfreich sein kann. Deshalb habe ich für dieses Buch Menschen gebeten, ihre ganz persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen in Bezug auf den Übergang in den sogenannten Ruhestand aufzuschreiben. Diese Texte finden Sie zwischen den Kapiteln. Viele der Gastautoren merkten übrigens ausdrücklich an, dass sie das Schreiben über den (in zwei Fällen noch bevorstehenden, manchmal mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegenden) Renteneintritt ausgesprochen klärend und hilfreich fanden.
Ein gutes Begleitbuch ist ein bisschen wie ein Kochbuch. Es enthält viele Rezepte, von denen keineswegs jedes für jeden passt. Dennoch entdeckt man eigentlich immer etwas, was einen unmittelbar anspricht und möglicherweise Lust macht, es einfach mal auszuprobieren. Manchmal hat man auch an einem Tag Appetit auf etwas, was einem am Vortag noch gar nicht gemundet hätte. Aus langjähriger Erfahrung vertraue ich darauf, dass jeder zu jeder Zeit das findet, was jetzt gerade für ihn bekömmlich ist. Und ich vertraue auch darauf, dass Sie ein Gespür dafür entwickeln, wen Sie gegebenenfalls einladen möchten, Ihnen bei den Vorbereitungsarbeiten und der Zubereitung zur Seite zu stehen. Fürs Erste reicht es natürlich, etwas Zeit mitzubringen, das Buch durchzublättern, vielleicht da und dort schon ein wenig vertiefter reinzulesen.
Als Zutaten, die ein Erfolgsrezept ausmachen und daher immer zur Hand sein sollten, empfehle ich generelle Neugierde und die Bereitschaft, sich auf etwas bislang Unbekanntes einzulassen, sattsam Vertrauen in die (bisweilen verborgenen oder verschütteten) eigenen Kompetenzen, eine angemessene Portion Humor und Pragmatismus sowie ein gerüttelt Maß Geduld. Und natürlich kann ein gewisser Optimismus nie schaden.
In jedem Fall wünsche ich Ihnen viel Spaß mit der Lektüre und zahlreiche neue Erkenntnisse. Erfolg – das heißt frische Perspektiven, Zuversicht und die eine oder andere konkrete Idee, wofür Sie die neugewonnene Freizeit und Freiheit konstruktiv nutzen könnten – gesellt sich erfahrungsgemäß dann wie von selbst dazu.
1 In diesem Buch wird das generische Maskulinum verwendet, das per definitionem alle Geschlechter umfasst.
Sie kennen vermutlich die gängige Definition von Krise: Vertraute und bewährte Verhaltensweisen und Einstellungen tragen nicht mehr, und etwas Neues ist noch nicht gefunden. Umbruchzeiten sind also immer Zeiten eines „nicht mehr“ und zugleich eines „noch nicht“. Und wie wir gesehen haben, sind vom Übergang eines Lebensabschnittes in einen anderen alle fünf Säulen unserer Identität betroffen. Möglicherweise die eine mehr, die andere weniger. Sehr häufig verlangt das Leben tatsächlich eine vollumfängliche Neuausrichtung und eine neue Antwort auf die Frage: Wer bin ich jetzt?
Wir bestreiten mit Arbeit nicht nur den materiellen Lebensunterhalt. Arbeit leistet sehr viel mehr. Nicht grundlos fühlen sich Menschen, die gegen den eigenen Willen aus dem Berufsleben ausscheiden, häufig auf einer Stufe mit Arbeitslosen.
Erwerbsarbeit erfüllt für Menschen in unserer westlichen Gesellschaft zentrale psychosoziale Funktionen, die allesamt Einfluss auf das persönliche Wohlbefinden haben und mit dem Verlust des Arbeitsplatzes – denn nichts anderes ist der Renteneintritt schließlich – auch allesamt mehr oder weniger verloren gehen. Konkret geht es um:
• Verlust eines geregelten Tagesablaufs
• Verlust eines bestimmten beruflichen Umfelds
• Verlust regelmäßiger gewohnter zwischenmenschlicher Kontakte
• Verlust von Status und Anerkennung
• Verlust von Kompetenzempfinden
• Verlust von Attraktivität
• Verlust von Leistungsfähigkeit
• Verlust finanzieller Spielräume
• Verlust der gewohnten Familien- bzw. Partnerschaftsstruktur
In unserem Kontext wird es sicher nicht bei einem einzelnen Verlustfaktor bleiben, nicht selten sind zahlreiche, wenn nicht gar sämtliche genannten Punkte betroffen. Schauen wir sie uns jeweils ein bisschen genauer an:
• Verlust eines geregelten Tagesablaufs: Die gewohnte Zeitstruktur und Ordnung löst sich auf, und damit verbunden sind auch die sich abwechselnden Phasen von Arbeitszeit und Freizeit nicht mehr vorhanden. Manche Menschen kommen mit diesem Verlust der gewohnten Alltagsordnung gut zurecht, viele ringen jedoch um eine neue Struktur. Ansonsten zerrinnt die Zeit gefühlt zwischen den Fingern.
• Verlust eines bestimmten beruflichen Umfelds (Büro, Werkstatt …): Die Einführung des Homeoffice hat für viele den Übergang möglicherweise vereinfacht, aber natürlich ist es etwas anderes, ob man freiwillig oder übergangsweise keinen festen Arbeitsplatz im Firmengebäude hat oder jetzt realiter ausgeschlossen ist, zumal mit dem offiziellen Austritt ja auch der Mitarbeiterausweis o. Ä. seine Gültigkeit verlor oder abgegeben werden musste.
• Verlust regelmäßiger gewohnter zwischenmenschlicher Kontakte: Mit dem Verlassen der Rolle des Erwerbstätigen schwindet der regelmäßige Kontakt zu Arbeitskollegen. Die Zugehörigkeit zu einem vertrauten Team, zu Arbeitsgruppen und anderen beruflichen Netzwerken geht verloren. Insbesondere Menschen, deren soziales Kontaktfeld sich vorwiegend auf den Arbeitskontext beschränkte, fühlen sich nach der Berentung ausgeschlossen, ausgegrenzt, ja manchmal regelrecht ausgestoßen. Enttäuschung, Trauer, aber auch Entmachtung und Wut sind häufig die Folge.
• Verlust von Status und Anerkennung: Insbesondere Führungskräfte verlieren durch den Pensionseintritt Einfluss und Status sowie in vielen Fällen liebgewordene Privilegien wie Dienstwagen, den „Senator“- oder Vielflieger-Status, den persönlichen Assistenten oder Sekretär, vielleicht sogar Chauffeur. Auch wenn bei vielen Unternehmen schon im Zuge früherer Einsparungsmaßnahmen entsprechend gekürzt wurde: Jetzt ist mit einem Mal alles weg. Härter noch als der Verlust solcher Privilegien trifft die fehlende Anerkennung, der nicht mehr vorhandene öffentliche oder zumindest firmeninterne Applaus. Gleichsam von einem Tag auf den anderen ist man nicht mehr gefragt, fühlt sich aufs Abstellgleis geschoben und nutzlos. Und ist es nicht frustrierend, dass das Unternehmen ohne Sie immer noch funktioniert?! Doch auch Menschen ohne Führungsfunktion sind betroffen und können Statussymbole verlieren, sei es die kostenlose Nutzung digitaler Dienste oder der Zugang zu bestimmten Veranstaltungen. Als schwieriger, emotional belastender Moment wird oft die Rückgabe des Dienstausweises erlebt, der schließlich die Zugehörigkeit zum Unternehmen und damit einen gewissen Status und auch soziale Eingebundenheit symbolisierte.
• Verlust von Kompetenzempfinden: Bei der Bewältigung von Arbeitsaufgaben erwerben wir Fähigkeiten und Kenntnisse und zugleich – das ist ganz wesentlich! – das Wissen um diese Fähigkeiten und Kenntnisse. Dieses Bewusstsein von Handlungskompetenz fehlt, wenn die Herausforderungen des Jobs mit einem Mal wegfallen. Hinzu kommt, dass an den Beruf gebundene Spezialkompetenzen plötzlich nicht mehr gebraucht werden. Gibt es nicht andere Felder (Hobbys, Ehrenämter etc.), die dies kompensieren, kann es zu Gefühlen von Unterforderung (Boreout!), aber auch von Nutzlosigkeit und persönlicher Wertlosigkeit kommen. Kurz: Es droht eine möglicherweise massive Selbstwertkrise.
• Verlust von Attraktivität: Der körperlich sichtbare Alterungsprozess kommt naturgemäß eher schleichend, doch wird man sich der (in den seltensten Fällen als positiv empfundenen) physischen Veränderungen häufig plötzlich geballt bewusst, wenn mit der Entberuflichung zahlreiche anderweitig wertschätzende Aspekte wegfallen. Denken Sie daran, dass Attraktivität ausgesprochen subjektiv und der Verlust derselben in erster Linie gefühlt ist: Falten zu bekommen heißt nicht automatisch, weniger attraktiv zu sein! Außerdem neigen die meisten Menschen dazu, eigene vermeintliche Makel weit stärker wahrzunehmen, als es die Umwelt tut. Ohne etwas schönreden zu wollen (so nach dem Motto „Falten machen erst interessant“): Wir alle wissen, dass es in erster Linie Ausstrahlung, Vitalität und ähnliche Eigenschaften sind, die die Außenwirkung eines Menschen bestimmen. Trotzdem gilt es, irgendwann auch von äußerer Jugendlichkeit Abschied zu nehmen und diesen Verlust ggf. angemessen zu betrauern.
• Verlust von Leistungsfähigkeit: Auch Einschränkungen hinsichtlich Gesundheit und Vitalität gehören für fast alle Menschen ab einem gewissen Alter zum Leben dazu. Und auch sie treten gewöhnlich nicht über Nacht auf. Angehenden Ruheständlern, die bei guter Gesundheit sind, sich generell wohl und körperlich und geistig fit fühlen, fällt es naturgemäß leichter, die anstehenden Veränderungen als Herausforderung zu begreifen und sie mit Energie und Elan anzugehen. Andere haben jedoch bereits körperliche Beschwerden und Einschränkungen und spüren, wie ihre Kräfte nachlassen. In diesem Fall ist Trauerarbeit ein Weg, positivere Bilder für die Lebensphase Ruhestand zu finden.
• Verlust finanzieller Spielräume: So gut wie immer ist der Übergang ins Rentenalter mit finanziellen Veränderungen verbunden, und nicht selten geht auf dem Konto jeden Monat deutlich weniger ein als zuvor. Abhängig vom Finanzpolster können Einschränkungen nötig werden.
• Verlust der gewohnten Familien- bzw. Partnerschaftsstruktur: Mit dem Übertritt in den Ruhestand gehen auch innerfamiliäre Veränderungen einher. War eine Familie etwa gewohnt, dass ein Mitglied aufgrund beruflichen Engagements viel außer Haus war, kann dessen plötzliche ständige Anwesenheit die gesamte häusliche Ordnung auf den Kopf stellen. Das birgt Konfliktpotenzial. In Kapitel 6 werden wir uns näher mit diesem heiklen Thema beschäftigen, das eine komplette Neudefinition der Partnerschaft verlangen kann.
Die Verabschiedung in den Ruhestand ist immer ein Abschied von Aufgabenfeldern, Funktionen und Rollen im Arbeitsleben, die jahre-, vermutlich jahrzehntelang Bestandteil der persönlichen Identität und damit auch des Selbstwertgefühls waren. Schließlich bildet das Bewusstsein, Kenntnisse und Fähigkeiten zu besitzen und einen nützlichen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, die Grundlage für die Entwicklung von Selbstwert- und Selbstwirksamkeitsgefühl. Wir sind „jemand“ durch unsere Arbeit. Der Wegfall des Berufs entzieht uns diese Grundlage, die Identität bröckelt. Je mehr jemand sich über seine berufliche Tätigkeit definiert hat, umso größer ist der Verlust, den es zu bewältigen gilt.
Damit dies gelingt, ist eine beträchtliche Anpassungsleistung nötig. Viel Altes und Vertrautes muss verabschiedet, eine Antwort auf die Frage „Wer bin ich abseits des Arbeitslebens noch?“ gefunden werden, bevor die neue Identität Fuß fassen kann.
Nun geht in gewisser Weise jedem Neubeginn ein klassischer Trauerprozess voraus, der aber vielfach nicht anerkannt wird, insofern in den Bereich aberkannte, verborgene Trauer fällt und nicht selten psychische, unter Umständen sogar die physische Gesundheit belastende Auswirkungen haben kann.
Erst in jüngerer Zeit sind Formen sogenannter aberkannter und verborgener Trauer zumindest ein Stück weit „salonfähig“ geworden. Aberkannte Trauer bezeichnet, dass der dahinterstehende Verlust gemeinhin nicht als schwerwiegend und insofern nicht als trauer-würdig anerkannt wird. Und verborgen bzw. nicht sichtbar heißt, dass sie oftmals absichtlich nicht gezeigt wird bzw. nicht öffentlich gemacht werden soll. Oder dass der Verlust, der erlitten wurde, von anderen sehr zwiespältig gesehen wird. Zumeist betrifft aberkannte, verborgene Trauer den Verlust von Dingen, Status, Heimat, Arbeitsplatz (!), den Tod eines Haustiers, den Abschied von Lebensträumen und Karriereplänen, den Verlust von Attraktivität und/oder Leistungsfähigkeit. Was als Verlust erlebt und bewertet wird, ist ganz individuell!
Was aberkannte Trauer für Betroffene oft besonders schlimm macht: Menschen, die ihre Betrübnis beziehungsweise Trauer nicht offen zeigen wollen oder deren Verlust gemeinhin als nicht trauer-würdig angesehen wird, leiden quasi doppelt: unter dem Verlust selbst und – nicht selten besonders – auch darunter, dass ihr Verlust keinen Raum bekommt. In unserem Kontext: dass sie glauben, ihre innere Leere, ihr Gefühl von Nutzlosigkeit sei nichts, was sie anderen gegenüber äußern könnten oder sollten. In sehr vielen Fällen leider durchaus mit gutem Grund, fürchten sie, auf Unverständnis zu stoßen. Schließlich sollte sich doch eigentlich jeder freuen, den lästigen, anstrengenden Arbeitsalltag endlich hinter sich zu haben! (Mehr zum „Eigentlich“ gibt es in Kapitel 7). Die Folge: Zusätzlich zu allem anderen fühlt man sich also auch noch isoliert.
Fakt ist: Trauer muss gelebt werden dürfen. Darüber zu sprechen – auch wenn es möglicherweise ungewohnt für Sie ist und sogar einigen Mut erfordert – ist wichtig, damit die Trauer nicht versteinert. Wenn Menschen Enttäuschung, Frust und Trauer in sich verschließen müssen, sie nicht offen zu zeigen wagen, werden sie leicht selber starr und hart. Das Leben kann nicht mehr fließen.
Um sich lösen zu können, braucht Trauer Raum und Zeit – und Anerkennung. Wir müssen uns ernst genommen fühlen. Wenn andere uns den Grund zu trauern absprechen oder wir meinen, ihn warum auch immer für uns behalten zu müssen, fühlen wir uns unverstanden, isoliert und erleben uns in unserem Trauererleben zusätzlich alleingelassen. Das erschwert die Verlustbewältigung und das Zurückfinden in ein als sinnhaft empfundenes, erfülltes Leben. Hilfreich ist also das Mitteilen. Wenn dazu keine Person zur Verfügung steht – und deshalb haben Sie ja möglicherweise dieses Buch gekauft –, geht es durchaus auch ohne direktes Vis-a-vis.
Die Texte von Gastautoren, die Sie zwischen den Kapiteln finden, beschreiben, wie diese den Übertritt in den Ruhestand erlebt und gestaltet haben. Vielleicht können sie Ihnen als Anregung dienen. In jedem Fall möchte ich Sie ermutigen, Ihre eigene Lebensgeschichte (natürlich gern auch ausführlicher) schriftlich zu reflektieren. Das Aufschreiben der eigenen Biografie beinhaltet immer eine Neubewertung des Erlebten. Während man die Vergangenheit Revue passieren lässt, leistet man automatisch (Re-)Konstruktionsarbeit. Auch Brüche und Diskontinuitäten finden so meist ihren Platz, Leidvolles wird gewürdigt. So können wertvolle Ressourcen wiederentdeckt werden, Neuordnung und Heilung stattfinden. Wie bereits erwähnt, kann das Aufschreiben des Erlebten und Erinnerten wichtiger Bestandteil des Bewältigungsprozesses sein. Und genau dazu haben Sie ja Ihr Logbuch!
ÜBUNGEN
(nach R. Smeling)
Schreiben Sie in Ihr Logbuch untereinander und mit reichlich Abstand die Wörter:
• Tragen
• Aushalten
• Neu lernen
• Loslassen
• Wandeln
Füllen Sie dann diese „Körbe“ mit Ihren eigenen Worten:
TRAGEN: Nach einem Abschied welcher Art auch immer gilt es viel zu tragen, zu ertragen, aber auch Dinge, die mich tragen.
• Was trägt mich? (z. B. Soziales Netz, Geduld, Rituale, neue Aufgaben …)
• Was muss ich tragen / ertragen? (z. B. innere Leere, Nicht-mehr-Gebrauchtwerden, Statusverlust, Ratlosigkeit …)
AUSHALTEN: Zeiten des Umbruchs sind Grenzerfahrungen. Vieles gilt es jetzt einfach nur auszuhalten.
• Was halte ich noch aus? Was nicht?
• Wer hält mich aus? Wie lange?
• Was gibt mir Halt?
NEU LERNEN: Mit dem Verlust der regulären Berufstätigkeit hat sich ein Vakuum aufgetan, das Leben muss neu strukturiert werden.
• Was habe ich bereits neu gelernt?
• Was muss ich neu lernen?
• Was möchte ich neu lernen?
LOSLASSEN: Den alten Job musste ich gehen lassen.
• Was muss ich mit ihm zusammen loslassen?
• Was muss ich äußerlich loslassen, kann es aber innerlich weiter dasein lassen?
WANDELN: Der Eintritt in den Ruhestand bedeutet Wandel auf vielen Ebenen.
• Was hat sich gewandelt?
• Wo muss ich mich wandeln? Wie kann ich mich wandeln?
• Wohin kann ich (räumlich) wandeln?
• Was kann/muss ich wandeln bzw. anpassen, bis es wieder – zum Neuen – passt?