Abschied vom Mythos Monogamie - Tim K. Wiesendanger - E-Book

Abschied vom Mythos Monogamie E-Book

Tim K. Wiesendanger

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Beschreibung

Beziehungen authentischer gestalten – zwischen Anspruch und Realität, zwischen Monogamie und Fremdgehen In vielen Beziehungen taucht früher oder später – ob ausgesprochen oder unausgesprochen – das Thema Fremdgehen auf. Doch was heißt es, „treu“ zu sein? Würde es sich nicht lohnen, eine Neugestaltung des bisherigen Beziehungsmodells zu wagen, ohne dass sich Eifersucht und schlechtes Gewissen aufdrängen? Wieso ist sexuelle Ausschließlichkeit in einer Partnerschaft überhaupt erstrebenswert? Könnten nicht gerade wir LGBTs unsere Beziehungen bewusst anders gestalten? Psychologe Tim K. Wiesendanger arbeitet seit gut 20 Jahren überwiegend mit LGBTs und hat im Laufe seines Berufslebens als Therapeut, mit Praxis in Zürich, Paare und Singles immer wieder bei ihrem Ringen um das Thema offene Partnerschaft unterstützt. Deswegen setzt er sich in diesem brandaktuellen Sachbuch für eine vorurteilsfreie und ernsthafte Diskussion rund um den seit Jahrhunderten überlieferten Mythos Monogamie ein. Er plädiert für Wahlfreiheit im Sinne authentischer Beziehungsformen, ob sich diese weiterhin monogam oder aber seriell monogam, polygam oder polyamourös ausgestalten mögen.

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Seitenzahl: 209

Veröffentlichungsjahr: 2018

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© Querverlag GmbH, Berlin 2018

Erste Auflage: März 2018

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schrift­liche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitaleunter Verwendung einer Fotografie von fotolia (© rawpixel).

ISBN 978-3-89656-646-1

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Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, 10823 Berlin

www.querverlag.de

Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre

Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre,

ich bin doch zu schade für einen allein.

Wenn ich jetzt grad dir Treue schwöre,

wird wieder ein anderer ganz unglücklich sein.

Ja soll denn etwas so Schönes nur einem gefallen?

Die Sonne, die Sterne gehören doch auch allen.

Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre,

ich glaub, ich gehöre nur mir ganz allein.

Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre,

ich bin doch zu schade für einen allein.

Wenn ich jetzt grad dir Treue schwöre,

wird wieder ein anderer ganz unglücklich sein.

Ja soll denn etwas so Schönes nur einem gefallen?

Die Sonne, die Sterne gehören doch auch allen.

Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre.

Ich glaub, ich gehöre nur mir ganz allein.

Robert Liebmann / Friedrich Hollaender, 1932

interpretiert von Marlene Dietrich

Vergebliche Liebesmüh? Eine Einführung

„Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“, sang Marlene Dietrich in den 1930er Jahren und war damit ihrer Zeit weit voraus. Was ist falsch daran, jemanden oder auch gleichzeitig mehrere Menschen so lange zu lieben und mit ihnen Eros zu teilen, wie Liebe und Eros tatsächlich fließen, und nicht jemanden für ein ganzes Leben haben zu wollen oder gar haben zu müssen? Was zeugt von mehr Respekt füreinander?

Angesichts erstarkender rechtspopulistischer Parteien und Strömungen, die sich mit unheilvollen nationalistischen Parolen und altbackenen gesellschaftspolitischen Einstellungen aus so finsteren Zeiten vermischen wie damals, als die Dietrich dieses Lied sang, mag diese Frage wohl provokant, aber gerade deshalb umso berechtigter sein.

Es sind jedoch nicht nur Kräfte am rechten politischen Rand, die bis heute die lebenslang ausgerichtete monogame Ehe als Maßstab definieren. Bis weit über die politische Mitte der westlichen Gesellschaft hinaus und bis in welt- und wertoffene Schichten hinein besteht ein allgemeiner Konsens, dass möglichst lebenslange Beziehungsformen anderen vorzuziehen seien.

Freiheitlich Denkende werden zwar nicht generell die klassische, aufs Leben angelegte Ehe als Blaupause für die Beziehungsgestaltung brauchen. Sie schreiben Lebensabschnittspartnerschaften, Patchwork-Familien und selbstverständlich auch gleichgeschlechtlichen Beziehungen ohne Wenn und Aber ebenso die volle Berechtigung zu – Errungenschaften, für die gerade wir LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender) jahrzehntelang gekämpft haben.

Doch wie frei von Wertungen bleiben sie, wenn feste Partnerschaften polygamen oder polyamourösen Beziehungsformen gegenüberstehen? Zumindest insgeheim stünden feste Partnerschaften, die möglichst lange dauern, wohl doch auch bei ihnen als wertvoller da, als wenn zwei, drei oder gar noch mehr Menschen in unterschiedlichen Konstellationen genau so lange zusammenbleiben, wie es für alle auf seelischer und erotischer Ebene tatsächlich stimmig ist.

Auch hier scheinen also zwei Faktoren wenig hinterfragter Wertigkeit zu bestehen, nämlich, dass eine Partnerschaft, je länger sie dauert, umso wertvoller ist, und dass sich diese selbstredend zwischen zwei und nicht mehr Menschen abspielt.

Doch wieso ist dem eigentlich so? Bei strammen Konservativen ist klar, dass dem so ist, weil es angeblich schon immer so war. Oft, wenn auch nicht zwingend, folgt noch der Imperativ, dass Gott es so will.

Abgesehen davon, dass es weder anthropologisch noch historisch stimmt, dass „es schon immer so war“, erschüttern mich Menschen immer wieder, die genau wissen, wo Gott hockt. Wenn jemand religiöse Gebote und Verbote für sich selbst zum Lebenskompass macht, bleibt dies ihre respektive seine freie Entscheidung. Doch wenn ebendiese über andere gestülpt werden und so erstickender, moralischer Druck aufgebaut wird, nenne ich das Machtmissbrauch, egal, aus welcher politischen oder gesellschaftlichen Ecke er stammt, und egal, als wie „normal“ oder „doch nur gut gemeint“ dieser Imperativ daherkommt.

Bei Rechtskonservativen und Frommen werde ich mit diesem Buch gewiss kein offenes Ohr finden. Doch ich hoffe, bei weltoffenen Menschen einiges an Impulsen in den Diskurs über authentische Beziehungsformen einbringen zu können, bei dem klar wird, dass die Grundlage ihrer bisherigen Wertung einem Mythos entspringt, der im 21. Jahrhundert unbedingt durchschaut und hinterfragt werden sollte.

Dieser Mythos heißt Monogamie. Er ist überaus robust und in diesem Sinne höchst erfolgreich. In den verschiedenen Kapiteln dieses Buches wird er nun aber mit gewichtigen biologischen und psychologischen Fakten konfrontiert, die ihn weniger wie ein unangreifbares Ideal erscheinen lassen.

So gehen wir im Kapitel Mythos Monogamie dem grundsätzlichen Wesen von Mythen nach, um das Spezifische an der Langlebigkeit des Mythos Monogamie zu verstehen.

Das Kapitel In der Monogamiefalle? zeigt auf, wie unreflektiert man sich meist dem Mythos Monogamie unterwirft, und hilft zu erkennen, dass der eigene Eros womöglich eine ganz andere Sprache spricht.

Auf diesen gehen wir in Eros – Synergie von Empfindungen und Gefühlen ein. Zunächst lernen wir, die Ebene der Körperempfindungen von der der Gefühlen zu unterscheiden. Diese Analyse verbessert die Eigenwahrnehmung und die Kommunikation. Selbstverständlich gehören beide, Empfindungen und Gefühle, in ihrer Synthese als essenzielle Triebfedern des Menschen in der Gestalt von Eros letztlich wieder zusammen.

Mit dem Kapitel Das Eigene im Fokusbreche ich beherzt eine Lanze zugunsten des Menschenbildes der Humanistischen Psychologie, um so das Vertrauen in die eigene, möglichst unverstellte Wahrnehmung zu stärken. Wir lernen zu unterscheiden zwischen echten Gefühlen auf der Grundlage von Liebe, Freude oder konstruktiver Wut einerseits und eingeredeten „Gefühlen“ auf der Basis von Angst, Scham, Schuld oder Schande andererseits, die gar keine echten Gefühle, sondern letztlich verinnerlichte negative Kognitionen sind.

Ein zentrales psychotherapeutisches Grundgesetz beschreibt die Seelischen Dramen in Kindheit und Jugend sowie ihre Auswirkungen im Erwachsenenleben. Die Tiefenpsychologie zeigt eindrücklich auf, wie sehr uns die Erfahrungen aus der Kindheit und der Jugend unbewusst ein Leben lang prägen und welch enorme emotionale Herausforderung es darstellt, solche „alten Zöpfe“ nachhaltig abzuscheiden. Dabei gilt es, den Spezifika für LGBT im Kindes- und Jugendalter angesichts eines heteronormativen sowie homo- und transphoben Umfelds ein besonderes Augenmerk zu schenken.

Überaus große Verwirrungen und Missverständnisse entstehen namentlich auf der Basis der Dichotomie von Anima und Animus, welche die Prinzipien der beiden Pole Intimität und Autonomie repräsentieren. Wir alle, egal, ob im Körper eines Mädchens oder Jungens geboren, und egal, ob wir hetero-, bi-, homo- oder transsexuell sind, tragen seelisch weibliche (Anima) und männliche (Animus) Anteile in uns. Sich ihrer gewahr zu werden, kommt einer überaus reichen Ernte gleich. Außerdem erklären Anima und Animus unsere naturgegebene Ambivalenz zwischen den Bedürfnissen nach Nähe und Verschmelzung auf der einen sowie nach Autonomie und Seinen-eigenen-Weg-Gehen auf der anderen Seite. Dabei sollten wir aber tunlichst den Fehler vermeiden, Anima mit Frau und Animus mit Mann zu übersetzen, um nicht abermals der ansonsten alles erstickenden Dichotomie zwischen Frau und Mann auf den Leim zu gehen.

Daher der Appell in Prüfe, wer sich (ewig) bindet! Bei Weitem nicht allen Menschen entsprechen lebenslange oder zumindest langjährige monogame Beziehungen. Die gute Nachricht dazu lautet, dass sie diese auch gar nicht eingehen müssen und dass ebendies auch nicht im Geringsten mit einem Entwicklungsdefizit zu tun hat. Für sie ist Monogamie schlicht vergebliche Liebesmüh. Doch schuldbeladen, den Geboten des Mythos Monogamie nicht zu entsprechen, schämen sie sich oft für ihr natürliches Bedürfnis, ihre Liebe und Sexualität mit verschiedenen Partner_innen ausleben zu wollen. In Kombination mit der Unkenntnis ihrer in Anima und Animus begründeten Ambivalenz hinsichtlich Intimität und Autonomie gehen nicht wenige x-mal den Weg in die Sackgasse einer „treuen“ Zweierbeziehung oder befinden sich aktuell gerade wieder in einer solchen. Dieses Kapitel möchte eine Selbsteinschätzung der eigenen Anteile an Anima und an Animus ermöglichen und zwar gesondert für die Sexual- und die Herzenergieebene. Und es möchte animieren, ebendiese Einschätzung auch bezüglich der potentiellen Partner_innen rechtzeitig vorzunehmen.

Auf diese Weise wäre nämlich auch der Griff zum Giftschrank mittels Eifersucht und schlechtem Gewissen vermeidbar. Diese zutiefst (selbst-)destruktiven Erlebens- und Verhaltensweisen sind in Tat und Wahrheit das Gegenteil von dem, was sie für sich reklamieren, nämlich, einen Kompass für wahre Liebe zu sein. Vielmehr legitimieren sich Eifersucht und schlechtes Gewissen durch absurde Besitzansprüche, die sich aus kollektiv nicht aufgearbeiteten Gesellschaftskonzepten rund um den Mythos Monogamie ableiten und „Untreue“ in die Schmuddel- und Schäm-dich-Ecke verbannen. Allen, die in ihrer Kindheit und Jugend keine bedingungslose Liebe erfahren haben – und wen betrifft dies in seiner Absolutheit schon nicht? – und daher unbewusst ihre eigenen Empfindungen und Gefühle nicht zum Gradmesser für ihre Lebensgestaltung machen konnten, steht hierin eine große Arbeit an emotionaler Aufarbeitung bevor, wollen sie sich von ihrer Eifersucht respektive ihrem schlechten Gewissen nachhaltig befreien.

Das Kapitel Was Ernstes? Was Authentisches! versucht einem weiteren Mythos den Wind aus den Segeln zu nehmen, nämlich, dem Gebot nach Beziehungsfähigkeit auf der einen Seite und dem angeblichen Unvermögen dazu auf der anderen Seite. So wird die Beziehungsfähigkeit eines Menschen meist unreflektiert vor dem Hintergrund des Monogamie-Imperativs gemessen. Nur ist dies ebenso abstrus, wie die Farbe Rot daran zu messen, wie blau sie ist. Um in diesem Bild zu bleiben, ist die Welt und sind wir alle rot und blau. Nicht rot die Guten und blau die Bösen. Die entscheidende Frage lautet also keineswegs, wie lange es jemand mit einem anderen Menschen in sexueller Ausschließlichkeit aushält, um daran seine Beziehungsfähigkeit abzuleiten. Vielmehr gilt es, die eigene authentische Form von Beziehung_en – im Singular oder Plural – herauszuarbeiten, auf diesen Erkenntnisgewinn stolz zu sein und darauf sein Beziehungsleben auszurichten.

Einen Ausblick über LGBT hinaus und in die Mehrheit heterosexueller Partnerschaften hinein wagt das Kapitel Mann-Frau-Beziehungen vor dem Hintergrund des Mythos Monogamie und versucht, die Spezifika dieser häufigsten Form von Beziehungen zu ergründen.

Das Kapitel Mut zum befreiten Eros – von der Theorie zur Praxis gibt ein paar Tipps, wie man die Erkenntnisse aus seinem Abschied vom Mythos Monogamie nun konkret umsetzen kann. Es stellt ein Plädoyer dar, im wahrsten Sinn des Wortes zu Sinnen – und zwar zu seinen eigenen – zu kommen. Es ist ein Appell, in sich hineinzuhören und zu spüren, um sich nachhaltig vom kollektiven Leim zu befreien, auf den sehr viele angesichts des allumfassenden Mythos Monogamie von Kindheit an – und nichts Böses ahnend – gegangen sind.

Und schlussendlich lernen wir mit der Geschichte des Huhns Rosa, wie wichtig der Leitsatz Steh zu Deinen rosa Eiern! bei jeglichem Persönlichkeitsentwicklungsprozess ist.

Auf dass wir keine Energie mehr verschwenden für vergebliche Liebesmüh! Und auf dass wir die so eingesparte Energie dafür verwenden, was uns wirklich weiterführt: unseren Eros zu befreien. In diesem Sinne wünsche ich allen Leser_innen sinnstiftende Inspiration.

Tim Wiesendanger

Zürich, März 2018

Mythos Monogamie

Die Kognitionspsychologie kommt – selbst in unserer „aufgeklärten“ Zeit, aber angesichts der jüngsten Renaissance gesellschaftspolitischen Schwarz-Weiß-Denkens auch wiederum nicht weiter verwunderlich – zum ernüchternden Schluss: Wir glauben nur zu gerne das, was wir hören wollen. Oft haben wir dabei wenig Interesse, dem tatsächlichen Phänomen auf den Grund zu gehen.

Überzeugungen sind wichtig für unsere Identität. Daher wollen wir lieber keine Gegenargumente hören oder gar Gegenbeweise sehen und sind oft nicht bereit, diese anzuerkennen, selbst wenn wir sie klar vor Augen haben.

„Postfaktisch“ nennt man dieses Phänomen – das Unwort des Jahres 2016. Je weniger selbständig und selbstbewusst ein Mensch ist, desto mehr braucht er etwas, an das er glauben kann. Damit wird gerade in jüngster Zeit Machtpolitik betrieben, die einen schaudern und für die Zukunft Ungutes erahnen lässt.

„Postfaktisch“ ist zwar ein Begriff der Gegenwart, doch gab es schon immer Irrationales, das Menschen weitergaben, zunächst in mündlicher Überlieferung, später verschriftet. Genau so entstanden auch unsere Mythen: Weltentstehungs-, Offenbarungs- und Heldenmythen.

Und so entstanden Wertesysteme, die zwar viel über das Denken und den Glauben einer Gesellschaft aussagen, dabei jedoch nicht nur unwissenschaftlich sind, sondern auch mehr oder minder zu unseren eigenen Empfindungen und Gefühlen schräg stehen. Dabei sind einige dieser Mythen überaus robust.

Aus den großen Weltenmythen entstanden Religionen und entstehen bis heute Glaubensgemeinschaften und Sekten, die mehr oder weniger militant ihre Überzeugungen zum Besten geben. Auch politische Parteien, vornehmlich aus dem rechten Spektrum, behelfen sich gerne mit Mythen. Gekoppelt an die oben beschriebene Verführbarkeit für Irrationales verankern sie sich leider bei gar nicht wenigen Mitbürger_innen tief in deren Seelen.

Einer der robustesten und hartnäckigsten Mythen ist derjenige der Monogamie. Er besagt, dass die lebenslange Monogamie die einzig richtige Beziehungsform zwischen Mann und Frau ist.

Erfreulicherweise für LGBT wird von einem großen Teil westlicher Gesellschaften heute oft nicht mehr daran festgehalten, was zuvor über Jahrhunderte unhinterfragt galt, nämlich, dass zu einer solchen Beziehung selbstverständlich ein Mann und eine Frau gehören. Doch an „möglichst lebenslang“ und an „zwei“ wird nicht gerüttelt.

Die uns allen bekannten Märchen unserer Kindheit, die zuckersüßen Geschichten von lebenslang glücklichen Paaren in Hollywoodfilmen, in Seifenopern und in der Werbung sowie allen voran die kirchengesteuerte Machtpolitik über Sexualität – wer die Sexualität verwaltet, ist sehr mächtig – mit Bräuten ganz in Weiß und Hundertschaften zujubelnder Zeugen des „Glücklichsten Tags im Leben“, führten bei vielen Menschen zu einem eigentlichen Hinterfragverbot über die angebliche Naturgegebenheit von Monogamie. Es scheint höchst erstrebenswert zu sein, was (fast) alle zelebrieren: glückliche Zweisamkeit fürs Leben.

Gekoppelt ist das eine Gebot, diese Verheißung nicht infrage zu stellen, an das andere Gebot, keine alternativen Erfahrungen gelten zu lassen. Noch besser ist, solche Erfahrungen schon gar nicht geschehen zu lassen.

Dabei wären die ureigenen Empfindungen und Gefühle der beste Kompass fürs Leben (vgl. Kapitel Das Eigene im Fokus). Doch ebendiese sollen hinsichtlich möglicher Alternativen zum Monogamiegebot gefälligst unterlassen werden. Lang lebe der Mythos Monogamie!

Nun will ich niemanden eines Besseren belehren, die oder der glücklich mit ihrer Partnerin oder seinem Partner zusammenlebt, wenn dem auch in Bezug auf das Gebot der sexuellen Ausschließlichkeit so ist. Wenn beide in ihrer Partnerschaft – kraft ihrer Empfindungen und Gefühle – zu dem Schluss kommen, dass genau dies das Richtige für sie ist, weil es ihnen wirklich entspricht, wunderbar.

Doch – Hand aufs Herz – ist dies bei Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, tatsächlich der Fall? Oder anders gefragt: Bei wie vielen Paaren, die sie gut kennen oder kannten, gehen Sie getrost davon aus – oder „wissen“ es –, dass sie sowohl auf der geistig-seelischen wie auch auf der körperlich-erotischen Ebene zumindest über viele Jahrzehnte, besser aber ein ganzes Leben lang, rundum glücklich miteinander zusammen sind oder waren? Mir jedenfalls fallen, wenn überhaupt, nur sehr wenige ein.

Mir fallen hingegen viel mehr Paare ein, die seit jeher oder zumindest seit langer Zeit zusammen sind und eine glückliche Ehe oder Partnerschaft führen, doch bei denen die Sexualität weitgehend eingeschlafen ist oder diese zumindest nicht mehr die lebensbejahende Rolle spielt, die sie – hoffentlich – zur Anfangszeit der Beziehung noch spielte. Auch diesen Paaren will ich nicht absprechen, dass sie glücklich, hoffentlich sogar sehr glücklich miteinander sind. Doch ich würde ihnen die eine oder andere Frage bezüglich Eros, sexueller Zufriedenheit und allfälligen diesbezüglich offenen Wünschen stellen, die wohl längst als unerfüllbare Fantasien vergraben und verdrängt wurden.

Die Scheidungsrate von rund fünfzig Prozent in unseren westlichen Gesellschaften spricht nun wirklich nicht dafür, dass die lebenslange Ehe eine erfolgreiche Institution ist, die in die Zukunft weist. Dabei machen die Geschiedenen nur den sichtbaren Anteil des Eisberges aus, was daher kaum den Umkehrschluss zulässt, die anderen fünfzig Prozent seien glücklich zusammen und führten darüber hinaus eine befriedigende gemeinsame Sexualität.

Die Wissenschaft geht allen möglichen relevanten Fragestellungen nach, welche die Menschheit betreffen. Insbesondere seit der Aufklärung, nochmals rasant beschleunigt seit der industriellen Revolution und in kaum mehr zu überblickender Anzahl von Studien in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten versuchen wir sehr zu Recht und mit großem Engagement, Licht ins Dunkel von Natur, Technik und Gesellschaft zu bringen, um aus den gewonnenen Erkenntnissen klüger zu werden und damit Fortschritte zu erzielen. Doch ein Thema, das uns alle betrifft, scheint selbst Anfang des 21. Jahrhunderts weitgehend ein rotes Tuch geblieben zu sein: die Frage, ob Menschen denn von Natur aus wirklich monogam sind.

Dabei ist diese Frage alles andere als nebensächlich. Immerhin bauen wir einen großen Teil unseres Lebens darauf auf. Mich erstaunt immer wieder, wie wenig sogar gebildete Menschen über die Sinnhaftigkeit von Monogamie vertieft reflektieren oder dieser Thematik nachspüren.

Vielleicht stoßen sie beim „Scheitern“ einer Beziehung auf diese Frage, wobei ich diesen Ausdruck absichtlich in Anführungszeichen setze. „Gescheitert“ ist nämlich nur der Mythos respektive das Korsett, in das wir uns seinetwegen gezwängt haben, nicht jedoch unsere Liebes- und Beziehungsfähigkeit – ein wesentlicher Unterschied!

Wie oft höre ich in Therapiegesprächen zu Unrecht die Schlussfolgerung von Klient_innen, sie seien offensichtlich nicht beziehungsfähig, wenn sie einmal mehr erfolglos ihre_n Partner_in fürs Leben suchten und sich nach mehr oder weniger kurzer Zeit wieder trennten? Sehr oft. Höchste Zeit, Beziehungsfähigkeit neu zu definieren (vgl. Kapitel Was Ernstes? Was Authentisches!).

Selbstverständlich können es auch andere als sexuelle Aspekte sein, wieso ein Paar auseinandergeht. Doch bin ich davon überzeugt, dass fehlende sexuelle Befriedigung sich wie ein Schatten auch auf die anderen Belange einer Beziehung auswirkt.

Oft wird in langjährigen Beziehungen die gemeinsame Sexualität sowieso schon lange begraben oder dieselbe fristet nur noch ein kümmerliches Dasein in Form eines Pflichtprogramms. Von daher würde sich die Frage sehr oft mit Gewinn stellen, wie es um die Zufriedenheit mit der Sexualität in der derzeitigen oder in vergangenen Partnerschaften bestellt ist beziehungsweise war, will man authentisch leben und lieben.

Stellt man sich diese Frage nämlich nicht, läuft man Gefahr, auch in einer nächsten Beziehung wieder einen großen Bogen um die Sinnhaftigkeit des Mythos Monogamie zu machen, um sich bald wieder eingestehen zu müssen, dass es auch mit dem neuen Gegenüber nicht geklappt hat und sie oder er halt nicht die oder der Richtige für einen war. Doch wie soll jemand anderer dies für uns auch sein, wenn wir nicht selber in den Spiegel unserer eigenen Sexualität jenseits von Geboten und Verboten schauen wollen?

Besser, man erkennt in diesem Fall mit Schrecken, dass man sich offensichtlich wieder vom Mythos Monogamie gefangen nehmen ließ, als dass man dieses Faktum abermals tunlichst verdrängt, denn damit pflegt man den Mythos nur weiter und würgt seine wahren Empfindungen und Gefühle aufs Neue ab. Fahrlässig, in vielen Fällen gar grobfahrlässig, steuert man so nämlich immer wieder in die Monogamiefalle hinein.

Im Mythos Monogamie verbinden sich familiäre und gesellschaftliche, vor allem aber religiöse und bis zu einem gewissen Teil gar wissenschaftlich daherkommende Thesen, die suggerieren, die einzig richtige Lebensform zweier Menschen sei die lebenslange Verbindung zwischen Mann und Frau in sexueller Ausschließlichkeit.

Mit ihrem Coming-out haben LGBT den Mythos zwar um die Gleichgeschlechtlichkeit erweitert, doch bleibt in den Köpfen vieler noch immer der Imperativ, die möglichst langjährige monogame Partnerschaft zwischen zwei Menschen sei die richtige, jedenfalls die anzustrebende Lebensform.

Doch „scheitert“ eine Beziehung, so scheitert letztlich nur das dahinter liegende Konzept, also der Mythos Monogamie, nicht jedoch die Liebes- und Beziehungsfähigkeit eines Menschen. Völlig zu Unrecht scheuen wir aber oft wie der Teufel das Weihwasser, wirklich in diesen Spiegel zu schauen, und verdrängen so unbewusst unsere wahren Empfindungen und Gefühle. Dabei würde sich dies in vielen Fällen lohnen.

In der Monogamiefalle?

Meiner Einschätzung nach sitzen viele Menschen in einer regelrechten Monogamiefalle fest. Die meisten von ihnen finden wohl im vollen Glauben – oder zumindest Glauben-Wollen – an den Mythos Monogamie eine Partnerin oder einen Partner, mit der oder dem sie davon ausgehen, ein Leben lang oder zumindest ein langes Stück des Lebenswegs glücklich und in sexueller Ausschließlichkeit zu leben.

Einige von ihnen mögen aus einschlägiger Erfahrung schon zu Beginn ihre Zweifel daran haben, doch nehmen sie das Monogamiegebot trotzdem als Konzept in ihren seelischen Innenraum auf. Viele andere wiederum machen sich schon gar keine vertiefenden Gedanken dazu. Und eine dritte Gruppe würgt jeglichen Ansatz von Zweifeln am Mythos Monogamie gleich im Ansatz ab.

Ganz offensichtlich ist der Mythos Monogamie eine heilige Kuh. In der Psychologie gibt es dafür den hässlichen Begriff des Verdrängens. Hässlich deshalb, weil man auf gar keinen Fall wahrhaben will, was sehr wohl wahrnehmbar wäre.

Von der Theologie ist – sozusagen systembedingt – kaum zu erwarten, dass sie ihrem weiteren Machtverlust auch noch damit Vorschub leisten würde, dass sie dieser Frage nach wissenschaftlichen und nicht nach moralischen Gesichtspunkten nachginge. So ließen sich an dieser Stelle Bücherregale füllend Beispiele abstruser und zumeist frauenfeindlicher und homophober theologischer Argumente anfügen, die alle eine solche wissenschaftliche Herangehensweise tunlichst vermeiden. Da dieses Unterfangen jedoch den Rahmen dieses Buches bei Weitem sprengen würde, kehren wir zu den Wissenschaftsdisziplinen zurück, die uns diesbezüglich auch tatsächlich etwas Substanzielles zu sagen hätten, nämlich, zur Biologie und zur Psychologie. Zumindest sie müssten sich doch des Themas Monogamie versus Polygamie ohne Wenn und Aber annehmen.

Wenn man jedoch in der einschlägigen Literatur der letzten Jahrzehnte nachschaut, ob dieser gesellschaftlichen Gretchenfrage über angemessene Beziehungsformen überhaupt nachgegangen wurde, fällt die Bilanz ernüchternd aus. Wenige Forscher_innen wagten oder wagen sich auf dieses Terrain. Und die, die es doch tun, kamen oder kommen bis in die Gegenwart hinein über teilweise abenteuerliche Argumentationen oder selektive empirische Wahrnehmung meist zum Schluss: Alles gut mit unserem Lieblingsmythos. Vielleicht findet man in Fußnoten Anmerkungen, dass hierzu noch weiterer Forschungsbedarf bestünde oder dass auch polygame Lebensformen existierten, diese jedoch meist pathologisiert, sprich als krankhaft bezeichnet und damit als unbedeutend abgehandelt werden.

Den Mythos Monogamie in seiner Tiefgründigkeit zu hinterfragen und daraus Folgerungen abzuleiten, wagt man sich meist gar nicht oder höchstens in populärwissenschaftlichen Publikationen – wie etwa mit dem Buch, das Sie gerade in Händen halten. Außerdem stellt The Ethical Slut von Dossie Easton and Janet Hardy– (deutsch: Die ethische Schlampe) – einen überaus unterhaltsamen und lesenswerten Beitrag dazu dar. Ebenso empfehlenswert: Boy Crazy – Why Monogamy Is So Hard for Gay Men and What You Can Do About It – (deutsch: Verrückt nach Jungs – Warum Monogamie schwulen Männern so schwerfällt und was man dagegen tun kann) von Michael Shelton. Aber eben alle drei stammen bezeichnenderweise nicht vom Elfenbeinturm unserer Universitäten.

So war es für mich 2010 eine große Entdeckung, auf das – meiner Meinung nach wegweisende, ja epochale – wissenschaftliche Werk der beiden Biolog_innen Christopher Ryan und Cacilda Jathà zu stoßen, das die bisherigen einschlägigen Studien auf einer Metaebene durchforstete und zu einem ganz anderen Schluss kam.

Mit ihrem Werk Sex at Dawn – The Prehistoric Origins of Modern Sexuality, das in den letzten Jahren zurecht viel Aufmerksamkeit erhalten hat, gehen sie ebenso profund wie wissenschaftlich der Frage nach Beziehungsformen bei sozial lebenden höheren Primaten nach und stellen ihre Erkenntnisse ins Licht unserer menschlichen Kulturgeschichte.

Der englischsprachige Buchtitel lässt sich übersetzen mit Sex in der Morgendämmerung – Die prähistorischen Wurzeln moderner Sexualität. Der überaus tiefgründige Titel legt nahe, dass uns langsam dämmert, was man aus den Erkenntnissen über unsere prähistorischen Wurzeln über die heutige Sexualität tatsächlich schließen kann.

Ebendies tun Christopher Ryan und Cacilda Jathà wissenschaftlich, beherzt und mit viel Humor. Und sie kommen zum Schluss, dass es keinerlei biologische Belege für Monogamie bei Menschen gibt. Vielmehr deuten alle Faktoren auf eine in uns allen polygam angelegte Lebensform hin. Punkt.

Doch da wir monogam sein wollen und in unseren Mythos Monogamie verliebt sind, vertreten auch weiterhin nicht wenige Fachleute die These, dass Monogamie schlechthin unsere anthropologische Beziehungsform bestimme. Dies bedeutet allerdings, aus einem Soll – wie es sein sollte – ein Ist – wie es tatsächlich ist – abzuleiten, was natürlich wissenschaftlicher Unfug erster Güte ist. Vielmehr müssen die Thesen, welche behaupten, Menschen seien mono- oder polygam, anhand entsprechender Studien ohne den Filter des sozial Erwünschten unvoreingenommen verifiziert respektive falsifiziert werden.

Doch wie kommen Ryan und Jathà zur These, wir Menschen – und nicht etwa nur Männer – seien allesamt polygam? Die beiden Autor_innen nennen zunächst den Sexualdimorphismus, also die sichtbaren morphologischen Unterschiede zwischen Vagina und Penis als einen eindeutigen Hinweis auf polygam angelegte Sexualität, der aus biologischer Sicht evident ist. Bei allen monogam lebenden Säugetieren sind die morphologischen Unterschiede zwischen den weiblichen und den männlichen Geschlechtsteilen minimal und kaum sichtbar.

Im Weiteren führen sie die Penis- und Hodengröße als Argument an. Diese sind bei monogam lebenden Säugern klein. Bei Männern sind sie hingegen – gemessen an der Proportion zum Gesamtkörper – enorm.

Dies wiederum wird selbstverständlich das männliche Herz freuen. Genau damit prahlen wir Männer zumindest insgeheim ja gerne – egal ob hetero oder schwul. Da es als politisch völlig inkorrekt gilt, das zu sagen – sieht man von bierseligen Männerrunden ab –, geschweige denn, die Freude daran auszuleben, werden wir gehemmt und sollen das Prahlen, „wer den größeren hat“, tunlichst vermeiden.

Doch das Prahlen mit der Schwanzlänge wäre Männern im wahrsten Sinn des Wortes naturgegeben, denn genau daher sind männliche Geschlechtsorgane auch so groß. Damit imponieren sie nämlich potenziellen Sexpartner_innen. Ein Ansatz zur treuen Paarbeziehung leitet sich daraus jedenfalls mitnichten ab. Ganz im Gegenteil.

Was bei Männern der Schwanz ist bei Frauen der Busen. Wären die Brüste ausschließlich zum Stillen des Nachwuchs gedacht, würden sich diese erst gegen Ende der Schwangerschaft in ihrem vollen Volumen ausbilden und sich zum Ende der Stillzeit auch wieder zurückbilden. Ganz offensichtlich dienen also weibliche Brüste auch dem sexuellen Anreiz und zwar unabhängig von einer „Brunftzeit“ oder auch der Menopause. Nicht von ungefähr lassen sich viele Frauen ihren Busen ja auch vergrößern oder straffen. Brüste sind somit ab der Pubertät und – hoffentlich – bis ans Lebensende klar erkennbare Reize der Erotik, was ebenfalls überaus stark für Polygamie spricht.

Dasselbe gilt im Übrigen auch für die männliche Brust. Wer hierfür erotisch empfänglich ist, erfreut sich – ebenfalls unabhängig von der Möglichkeit zur Fortpflanzung – ein Leben lang über deren Anblick. Michelangelos David sei hierfür nur das bekannteste Beispiel.