Abschied vom Pazifismus? - Johannes Ludwig - E-Book

Abschied vom Pazifismus? E-Book

Johannes Ludwig

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Beschreibung

Will die Friedensbewegung auch in Zukunft eine ernst zu nehmende Stimme in gesellschaftlichen Debatten sein, so muss sie sich dringend reformieren. Die friedensethischen und -politischen Fragestellungen im Zuge des Kriegs Russlands gegen die Ukraine zeigen im Brennglas die Defizite der Bewegung auf, die über Jahrzehnte verschleppt wurden. Das ideologisierte Erbe der Vergangenheit, die mangelnde Rezeption wissenschaftlicher Erkenntnisse und das Abdriften in populistische Diskurse haben sie in die Sackgasse geführt. Auf der Grundlage einer kritischen Standortbestimmung zeigt Johannes Ludwig, welcher Reformen es bedarf, um die Friedensbewegung zukunftsfähig zu machen.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Für Stella

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Crummenauer des Bistums Limburg

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2024

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotiv: © mm7 / shutterstock, © Olha Solodenko / shutterstock

Satz: Barbara Herrmann, Freiburg

E-Book-Konvertierung: Newgen Publishing Europe

ISBN Print 978-3-451-39749-3

ISBN E-Book (E-Pub) 978-3-451-83749-4

ISBN E-Book (PDF) 978-3-451-84749-3

Inhalt

Geleitwort von Wolfgang Thierse

Vorwort

1. Der russische Krieg gegen die Ukraine – eine Zeitenwende für die Friedensbewegung?

2. Der Wandel des Friedensbegriffs: Vom Ende der Geschichte zur unendlichen Geschichte

Der Friede als Ordnungskonzept

Die Universalisierung des Friedens durch Demokratie und Menschenrechte

Friede und Umwelt

3. Die historischen Ursprünge der Friedensbewegung

Die ersten Friedensgesellschaften

Die Friedensbewegung während der Weltkriege

Die deutschen Friedensbewegungen im Kalten Krieg

Die Neue Friedensbewegung

Friedensbewegung und Krieg gegen den Terror

4. Die Friedensbewegung zwischen Dornröschenschlaf und Hirntod

Die Basis der Friedensbewegung

Klein, aber fein?

Wirkungsorientierung

Gespaltene Bewegung – gemeinsames Ziel

Friedensbewegung und Einstellung zur Politik

Zwischen Internationalismus und Isolationismus

5. In der Populismusfalle

Schweigt die Mehrheit?

Die Entmündigung der Leidtragenden

Die Methode des ‚Ja, aber …‘

Wie aus richtigen Daten falsche Informationen werden

6. Eine Friedensethik der Verhältnismäßigkeit

Vom gerechten Krieg zum gerechten Frieden und zurück?

Prämissen einer Friedensethik der Verhältnismäßigkeit

Begründungsanker Menschenwürde

7. Was die Friedensbewegung von der Klimabewegung lernen kann

Patentrezept Fridays for Future?

Aus den Fehlern der Letzten Generation lernen

8. Wege aus der Krise

Anmerkungen

Ausgewählte Literatur

Geleitwort

Wie groß waren unsere Hoffnungen, wie schön unsere Träume von einem goldenen Zeitalter des Friedens, als in den so erstaunlich sanften Revolutionen der Wunderjahre 1989 und 1990 die Einigung Deutschlands und Europas und sogar der Welt möglich wurde, die ideologische und militärische Spaltung in Ost und West überwunden schien! Nur drei Jahrzehnte später erleben wir eine ganz andere und sehr bittere Zeitenwende: Gewalt und kriegerische Konflikte sind wieder und nach wie vor alltägliche Wirklichkeit. Der Aggressionskrieg Putin-Russlands gegen die Ukraine hat unser Vertrauen in eine durch Regeln und Verträge geordnete und sichere Welt, wenn nicht gänzlich zerstört, so doch schwer erschüttert.

Einen Krieg (wenigstens) in Europa zu verhindern, das war das Ziel gewesen, das gute Regierungspolitik und die Friedensbewegung geeint hatte. Das ist misslungen. Was sind die notwendigen Konsequenzen aus dieser bitteren Niederlage? Wer als Pazifist angesichts der Bilder aus der Ukraine ohne Selbstzweifel, ohne Irritation bleibt, der hat wohl kein Herz. Wer allzu schnelle Antworten hat, dem fehlt es vielleicht an Klugheit.

Die Friedensbewegung muss sich der Erschütterung durch diesen Aggressionskrieg stellen und darf nicht einfach und trotzig an den alten Gewissheiten und Glaubenssätzen festhalten. Die tapfere Wiederholung der vertrauten Losung „Frieden schaffen ohne Waffen“ und der festen Überzeugung, „Aufrüstung erhöhe das Risiko eines Krieges“, kann die friedensethischen Dilemmata nicht überspielen, in die Putins Aggression den Pazifismus gebracht hat. Dessen Ambivalenzen sind unübersehbar geworden. Allerdings ist auch die lautstarke und hämische Verabschiedung pazifistischer Argumente und Positionen allzu billig und der wirklichen Herausforderung unangemessen.

Das Konzept des gerechten Friedens, der friedensethische Grundsatz: Konfliktursachen erkennen, bearbeiten, ihre friedliche Lösung ermöglichen – all das ist nicht einfach erledigt. Aber wir haben uns zu fragen, was die alten Konzepte und guten Grundsätze noch taugen angesichts eines völkerrechtswidrigen Krieges. Und ob dieser Krieg nicht die Koordinaten für Friedenspolitik dauerhaft verändert hat. Die Friedensbewegung wird jedenfalls nur glaubwürdig bleiben können, wenn sie sich der bitteren Tatsache stellt: Es waren die Schwäche und Uneinigkeit des Westens und die Schutzlosigkeit der Ukraine, die von Putin als Aggressionsermunterung missverstanden werden konnten. Sollten der Westen und Europa mit Nichtunterstützung der Ukraine auf die Aggression reagieren – um des lieben Friedens willen, um der großen Zahl der Opfer willen? Von sich selbst mag man Wehrlosigkeit verlangen können. Aber von anderen? Das wäre Pazifismus auf Kosten dritter. Das wäre nur eine Solidarität des eigenen Wohlgefühls.

Es geht nicht um Kriegsgewöhnung, gar Kriegsbegeisterung. Beides wäre fatal, wer auch immer einen solchen Mentalitätswandel den Deutschen abverlangen wollte. Schon allein deshalb bleibt ein selbstkritischer und nüchterner Pazifismus notwendig. Man mag es durchaus für eine falsche Wortwahl halten, zu verlangen, unser Land müsse „kriegstüchtig“ werden. Aber man darf sich nicht vor der Antwort auf die Frage drücken, ob Wehrhaftigkeit und Verteidigungsfähigkeit nicht zu den notwendigen Bedingungen von Friedenstüchtigkeit gehören müssen, so wie unbedingt auch zivile Kooperationsbereitschaft, wirtschaftliche Kooperationsfähigkeit, diplomatische Intelligenz und Fantasie und vieles mehr.

Es ist viel zu klären für einen Pazifismus, der glaubwürdig und realitätstüchtig sein will. Viel Stoff für Diskussion zwischen den Alten und den Jungen der Friedensbewegung, denn sie wird weiter gebraucht.

Wolfgang Thierse

30. November 2023

Vorwort

Die Idee, ein Buch über die Zukunft der Friedensbewegung in Deutschland zu schreiben, ist in der Folge der russischen Invasion in die Ukraine entstanden. Einmal mehr wurde deutlich, dass es bei Debatten um Krieg und Frieden nicht um bloße Konzepte geht, dass der Krieg keine weit entfernte Realität ist, sondern in unmittelbarer Nachbarschaft mit brutalsten Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung stattfindet.

Mit dem Wiederaufflammen des Nahostkonflikts infolge der Angriffe der Hamas auf Israel hat die Thematik erneut tragische Aktualität erfahren.

Aus meiner Sicht war und ist es fatal, dass die Stimme der Friedensbewegung in einer Zeit, in der sie am dringendsten gehört werden müsste, zu verstummen droht, weil Teile der Bewegung populistische und teilweise gar verschwörungstheoretische und antisemitische Narrative reproduzieren.

Was die UNESCO in ihrer Verfassung festhält, mag pathetisch klingen, deckt sich aber mit meiner Grundüberzeugung:

„Since wars begin in the minds of men, it is in the minds of men that the defences of peace must be constructed.“

Friedensethische und -politische Diskurse sind nicht nur Abfallprodukt geopolitischen Handelns, sondern haben konkreten Einfluss auf dieses.

Aus dieser Überzeugung heraus habe ich beschlossen, ein Buch über die Friedensbewegung zu schreiben. Ich hätte es mir zu leicht gemacht, wenn ich allein die strukturellen und inhaltlichen Defizite der Bewegung beschrieben hätte. Einerseits ist es leicht, aus der Beobachterperspektive zu kritisieren. Deswegen ist mein Vorstoß vor allem darauf bedacht, aus der Analyse Schlüsse für einen effektiven Friedensaktivismus der Zukunft zu ziehen. Andererseits wäre eine bloße Kritik dem teils jahrzehntelangen Engagement und den Erfolgen vieler namhafter und unbekannter Friedensaktivist:innen nicht gerecht geworden. Die Kritik dieses Buches zielt keinesfalls darauf, ihre Verdienste zu mindern, sondern vielmehr darauf, ihren Ideen und Überzeugungen auf bestmögliche Weise Sichtbarkeit zu verschaffen.

Dieses Buch wäre ohne die vielfältige Unterstützung anderer Friedensbewegter nie geschrieben worden. Es ist insofern weit mehr als bloße Höflichkeitsbekundung, zu Beginn all jenen meinen Dank auszusprechen, die den Prozess von der ersten Idee bis zum fertigen Buch begleitet haben.

Mein erster Dank gebührt Oleksandr, meinem ukrainischen Freund und zeitweisen Mitbewohner, der mir in Gesprächen immer wieder vor Augen geführt hat, dass Debatten über Krieg und Frieden keine intellektuellen Luftschlösser sind, sondern konkrete Auswirkungen auf geopolitische Realitäten haben.

Danken möchte ich auch all jenen, die auf meine ersten Ideen und Entwürfe Resonanz gegeben haben, allen voran Prof. Dr. Daniel Bogner.

Großer Dank gebührt Herrn Clemens Carl vom Herder-Verlag, der von Beginn an großes Vertrauen in mein Projekt gesetzt hat und es mit beeindruckendem Sachverstand und größter Sorgfalt von der ersten Idee bis zur Drucklegung begleitet hat.

Die Grundlage für dieses Buch ist weit vor der Idee entstanden und so möchte ich auch allen meinen akademischen Lehrer:innen in Dresden, Boston, Paris und London danken. Sie haben mir nicht nur das nötige analytische Handwerkszeug mitgegeben, sondern auch die Augen für die Komplexität politischer Fragestellungen geöffnet.

Mein größter Dank gilt meiner Familie. Ohne ihr akribisches Mitdenken und -lesen, vor allem aber den bedingungslosen Rückhalt hätte dieses Buch nicht entstehen können.

Stella stand mir über ihren Enthusiasmus und die unzähligen Gespräche und Rückmeldungen hinaus stets zur Seite. Ihr ist dieses Buch gewidmet.

1. Der russische Krieg gegen die Ukraine – eine Zeitenwende für die Friedensbewegung?

Russlandflaggen, Narrative der Täter-Opfer-Umkehr und ein drohender Schulterschluss mit rechtsextremen Bewegungen: Auf den von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer initiierten Aufstand für Frieden vom 25. Februar 2023 folgt ein öffentlicher Aufschrei. Unter den Demonstrierenden sind Ukraineflaggen ebenso vereinzelt auszumachen wie Solidaritätsbekundungen mit der ukrainischen Bevölkerung auf ihren Transparenten.

Alice Schwarzers und Sahra Wagenknechts Vorstoß mag nur ein Beispiel des Aktivismus einer durchaus heterogenen Friedensbewegung sein. Und doch steht er emblematisch für ihre Glaubwürdigkeitskrise. Die mangelnde Abgrenzung gegenüber rechtsradikalen Kräften, populistische Diskursstrategien und ein angestaubtes Image verhindern zunehmend, dass die Friedensbewegung ihren Zielen gerecht werden kann. Die Antwort der Bewegung auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine bringt dies in aller Deutlichkeit zum Vorschein.

Noch ist unklar, ob die von Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufene Zeitenwende infolge von Russlands Krieg gegen die Ukraine auch zur Zeitenwende für die Friedensbewegung wird. Notwendig wäre sie allemal. Das bedeutet nicht, dass die Anhänger:innen der Friedensbewegung all ihre Überzeugungen über Bord werfen sollten. Es gab und gibt gute Gründe, die Prinzipien der Gewaltlosigkeit, der Priorisierung des Dialogs über Kampfhandlungen und der zivilgesellschaftlichen Stärkung weiterhin aufrechtzuerhalten. Das Handeln und die Gespaltenheit der Friedensbewegung infolge des russischen Angriffskriegs verdeutlichen allerdings den Reformbedarf der Friedensbewegung. Es bedarf dringend auch eines Updates friedensethischer Kalküle und Prämissen, stößt die Friedensbewegung doch angesichts der aktuellen Kriegs- und Krisensituationen immer wieder an ihre Grenzen.

Dies ist kein Buch über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Und doch zeigt sich gerade in der Antwort der Friedensbewegung auf diesen Krieg wie in einem Brennglas, dass der Glaubwürdigkeitsverlust nicht nur drohend bevorsteht, sondern teilweise schon eingetreten ist.

Es gab keine Zeit in der Geschichte, in der der Pazifismus nicht als naiv und verantwortungslos belächelt worden wäre. Auch in der gegenwärtigen Debatte um die Lieferung von Waffen in Kriegsgebiete ist der Begriff des Pazifismus beinahe zum Schimpfwort geworden. Eine Art des Umgangs damit wäre, diese Entwicklung schulterzuckend zu bedauern und in der Selbstviktimisierung verharrend umso vehementer auf der eigenen Position zu beharren. Eine andere, weitaus produktivere Auseinandersetzung damit könnte darin bestehen, die eigene Position selbstkritisch zu hinterfragen und zu schärfen. Nicht zuletzt scheitert der Diskurs allzu oft daran, dass das Anliegen des Friedens bei aller Polarisierung selbst in den Hintergrund gerät. Schlimmer noch, erliegt man selbstreferentiellen Debatten und verliert dabei die Leidtragenden des Kriegs aus dem Blick.

Bei allen friedenspolitischen Debatten darf nicht vergessen werden, dass der Friede kein abstraktes Konzept ist, über das man nach Belieben diskutieren könnte, sondern eine politische und soziale Realität. So sehr seine Anwesenheit die Lebensgrundlagen garantiert, so drastisch und unmittelbar leiden und sterben Menschen an seiner Abwesenheit. Es liegt in der Verantwortung der Friedensbewegung, diese existentielle Perspektive im Blick zu behalten.

Will die Friedensbewegung auch weiterhin dem Anspruch gerecht werden, Sand im Getriebe der Kriegsmaschinerien zu sein, so muss sie wieder zu einem ernst zu nehmenden Mitglied öffentlicher Debatten werden und zu einer neuen Sprachfähigkeit finden. Wie aber kann ein solches ‚Update‘ für die Friedensbewegung aussehen?

Es ist beinahe zur Binsenweisheit geworden, dass die innerstaatlichen, internationalisierten und internationalen Kriege als Neue Kriege gewertet werden müssen. Ob Kriege und bewaffnete Konflikte in der Ukraine, im Jemen, in Äthiopien, in Mali oder in Kamerun: sie alle haben gemein, dass sie durch eine Fragmentierung und Asymmetrisierung des Kriegsgeschehens und der beteiligten Akteure, die Ökonomisierung und in der Folge auch die Verselbstständigung und die Hybridisierung der Kriegsführung geprägt sind. Neue Kriege werden in den seltensten Fällen offiziell erklärt oder beendet; die Grenzen zwischen Kriegs- und Friedenszeiten verschmelzen zunehmend. Davon zeugen die ‚eingefrorenen‘ Konflikte etwa in Transnistrien, Abchasien, Südossetien, aber auch in der Westsahara oder in der Provinz Kaschmir.

Auch wenn plausibel argumentiert werden kann, dass diese Kennzeichen keineswegs neu, sondern seit jeher mehr oder weniger prägende Faktoren des Kriegsgeschehens sind, muss doch konstatiert werden, dass sich die Gewaltförmigkeit moderner Kriege stark gewandelt hat. Umso frappierender ist, dass die Friedensbewegung auf diese neuen Herausforderungen bislang nur unzureichende Antworten gefunden hat und in weiten Teilen jahrzehntealte Mantras wiederholt, ohne diese einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Man möchte beinahe glauben, es bestehe die Angst, dass auf diesen Realitätscheck ein Realitätsschock folgen könnte. Dass ein solcher Realitätscheck nicht längst erfolgt ist, ist nachlässig; dass er auch nach dem Realitätsschock des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine noch aussteht, ist fahrlässig.

Was aber ist zu tun, wenn nicht einmal mehr sicher scheint, an wen man sich mit der Forderung nach Frieden richten könnte? Und welche Rolle kann eine kritische Öffentlichkeit, als deren Teil sich die Friedensbewegung verstehen möchte, überhaupt einnehmen? In den 1950er Jahren formulierten die beiden US-amerikanischen Politikwissenschaftler Gabriel Almond und Walter Lippmann unabhängig voneinander die These, dass die Öffentliche Meinung für außenpolitische Prozesse weitestgehend irrelevant sei. Kern des sogenannten Almond-Lippmann-Konsenses war, dass die öffentliche Meinung viel zu volatil sei, als dass sie auf irgendeine Weise Eingang in die Formulierung der Außenpolitik finden könne. Überhaupt seien außenpolitische Prozesse viel zu komplex, um von einer breiten Öffentlichkeit verstanden zu werden. Was schon damals von vielen Beobachter:innen abgelehnt wurde, erweist sich spätestens seit dem russischen Krieg in der Ukraine als obsolet: Es wird allerorten über hochkomplexe Waffensysteme diskutiert; Frontlinienverläufe können in Echtzeit verfolgt werden. Nie war die Öffentlichkeit informierter über außenpolitische Belange. Gleichzeitig waren auch die Desinformationskampagnen nie umfassender.

Man wird wohl niemanden finden, der ernsthaft bestreiten würde, dass die Öffentliche Meinung nicht einen Einfluss auf die Positionierung eines Staates gegenüber Kriegsparteien, wenn nicht gar auf die Kriegsparteien selbst hätte. Wie aber genau diese Einflusskanäle der öffentlichen Meinung abseits von Social Media-Likes verlaufen, ist hochkomplex und bedarf der vertieften Analyse.

Die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte zeigen eindrücklich, dass das Engagement unzähliger Friedensaktivist:innen durchaus Früchte getragen hat. Will man das Abdriften der Friedensbewegung in die Bedeutungslosigkeit verhindern, so ist eine intensive Auseinandersetzung mit den inhaltlichen und strukturellen Herausforderungen unausweichlich.

Damit die Friedensbewegung in der politischen Debatte eine relevante Stimme bleibt, ist eine Rezeption wissenschaftlicher Erkenntnisse unterschiedlichster Disziplinen dringend notwendig. Klar ist, dass Wissenschaft und Praxis mit unterschiedlichen Zielsetzungen antreten; ohne einer Expertokratie das Wort reden zu wollen, ist aber mindestens ebenso klar, dass der Wissenstransfer deutlich intensiviert werden muss. Die Wissenschaftskommunikation ist in einem Zeitalter der Desinformation wichtiger denn je und von zivilgesellschaftlichen Akteur:innen einzufordern und von der Wissenschaft zu fördern.

Die Gefahr des Glaubwürdigkeitsverlusts wird dadurch erhöht, dass die Friedensbewegung teilweise in populistische Fahrwasser geraten ist oder zu geraten droht und dadurch auch rechtspopulistischen Gruppierungen anschlussfähig erscheint.

Wenn Friedensaktivist:innen auch in Zukunft gesellschaftlichen Einfluss nehmen wollen, so ist eine Auseinandersetzung mit den vielfältigen Populismusfallen unausweichlich. Wenn der Whataboutism sich den Weg bahnt, das beliebige Verknüpfen sachlich richtiger Daten im Kontext zur Falschinformation führt oder wenn in der öffentlichen Debatte lautstark kritisiert wird, die Stimme der Mehrheit – der man zufällig auch selbst angehöre – werde nicht gehört oder unterdrückt, und Medien-Bashing zur guten Praxis wird, kommt der Glaubwürdigkeitsverlust nicht überraschend.

Das Zeitalter der Digitalität ist in dieser Hinsicht ambivalent. Einerseits besteht ein beinahe unbeschränkter Zugang zu Informationen. Andererseits werden die Gefahren und Folgen des Populismus verstärkt. Angesichts der zunehmend hybriden Kriegsführung, die gezielte Falschinformation im digitalen Raum einschließt, ist es für die Friedensbewegung essentieller denn je, populistische Diskurse zu entlarven und für faktenbasierte Debatten einzutreten.

Nun könnte man achselzuckend konstatieren, dass sich die Friedensbewegung mit populistischen Diskursen selbst diskreditiere; fatal ist allerdings, dass dadurch nicht nur sie selbst, sondern auch die Ziele, für die sie antritt, ins Hintertreffen geraten. Auch deshalb ist eine Auseinandersetzung mit den Populismusfallen dringend notwendig.

Wenn im Diskurs vielfach die Befürchtung eines erneuten Aufflammens der Denk- und Konfrontationsmuster des Kalten Kriegs geäußert wird, so kann man sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren, Teile der Friedensbewegung hätten sich von diesen nie gelöst. In jeden Konflikt dieser Erde eine ideologische Konfrontation zwischen den USA und Russland hinzuinterpretieren, führt am Ende zu einer Ideologisierung der Friedensbewegung selbst, die weder der Debatte noch dem Ziel des Friedens zuträglich ist. Im Gegenteil verstärkt sie den Glaubwürdigkeitsverlust und wirkt sich schlimmstenfalls sogar kontraproduktiv aus, weil ernst zu nehmende kritische Stimmen fehlen.

Es geht nicht darum, von der Friedensbewegung einzufordern, ihre Wurzeln zu kappen oder ihr Erbe zu vernachlässigen. Und doch wirkt es teilweise so, als sei das Mitschleifen vergangener Ideologien für die heutigen Verfechter:innen zur erdrückenden Last geworden. Gelänge es der Friedensbewegung, sich von diesem Erbe zu emanzipieren, so könnte sie nicht nur an Agilität und Sprachfähigkeit gewinnen, sondern möglicherweise auch jüngere Mitglieder anziehen. Die Klimabewegung hat eindrucksvoll bewiesen, dass es auch heute möglich ist, junge Menschen für politische Fragen zu mobilisieren. Dass es der Friedensbewegung kaum mehr gelingt, jüngere Mitglieder zu binden, liegt nicht etwa daran, dass diesen der Friede in der Welt nicht am Herzen läge. Allerdings ist bei vielen der Widerwille gegen politische Vereinnahmung und Ideologisierung mindestens ebenso groß wie der Wille, sich für den Frieden einzusetzen. Kurzum: Die Friedensbewegung steht sich und ihren Zielen in vielerlei Hinsicht selbst im Weg.

Statt bei der Analyse der Defizite stehenzubleiben, sollen in diesem Buch Perspektiven für die Zukunft herausgearbeitet werden. Um Wege aus der Krise aufzuzeigen, ist zunächst eine Analyse der historischen Entwicklungslinien des Friedensbegriffs und der Friedensbewegung notwendig (Kapitel 2 und 3). Was ist mit dem Konzept ‚Friede‘ überhaupt gemeint? Ist die Gespaltenheit der Bewegung problematisch oder eher ein Anzeichen ihrer Lebendigkeit?

In einem zweiten Schritt gilt es dann, den gegenwärtigen Zustand der Friedensbewegung zu untersuchen (Kapitel 4). Die historischen Analysen können bei der Einordnung aktueller Entwicklungen richtungsweisend sein. Steht die Friedensbewegung wirklich – so wie viele Beobachter:innen attestieren – vor dem Aus oder handelt es sich bei solchen Bekundungen eher um effektheischenden Alarmismus?

In einem dritten Schritt werden der gegenwärtige friedenspolitische Diskurs und insbesondere die vielfältigen Populismusfallen beleuchtet (Kapitel 5 und 6). Wie kommt beziehungsweise kam es zur Übernahme populistischer Narrative durch die Friedensbewegung? Wie funktionieren diese und noch wichtiger: Wie können sie überwunden werden? Ein Schlüssel für diese Fragen liegt in der Auseinandersetzung mit den friedensethischen Grundlagen des friedenspolitischen Diskurses.

Zuletzt soll vergleichend herausgearbeitet werden, was die Friedensbewegung bei ihrer Neuorientierung von den Erfolgen und Fehlern der Klimabewegung lernen kann (Kapitel 7 und 8).

Ein methodischer Hinweis soll an dieser Stelle nicht ausbleiben. Der Einfachheit wird mitunter von der Friedensbewegung gesprochen. Doch wird man anerkennen müssen, dass es die eine Friedensbewegung nicht gibt. Es handelt sich eher um einen Sammelbegriff für ein äußerst heterogenes Spektrum gesellschaftlicher Akteur:innen, deren Ansichten teils konträr zueinander liegen. So zeigt sich etwa in der Debatte um die Waffenlieferungen an die Ukraine, auf welch unterschiedliche Prämissen die verschiedenen Stimmen der Friedensbewegung ihr Handeln gründen.

Allerdings kann die Vielschichtigkeit der Stimmen und das Zutagetreten grundsätzlicher Differenzen zum Katalysator für eine Neuaufstellung der Bewegung werden.

Der russische Angriffskrieg – und dies wird in der Debatte deutlich – zwingt beinahe jede:n, sich zu friedensethischen Fragestellungen zu positionieren. Möglicherweise werden Trennlinien innerhalb der Bewegung dadurch sicht- und greifbarer. Entstanden sind sie weitaus früher.

Frieden zu schaffen, bedeutet Arbeit, bisweilen harte Arbeit: Arbeit an der Schärfung eigener Positionen, an der Versachlichung der Debatte und nicht zuletzt auch an sich selbst. Es wäre vermessen, ein Patentrezept für die vielfältigen friedensethischen und -politischen Herausforderungen unserer Zeit anbieten zu wollen. Statt verkürzte Antworten auf allzu komplexe Fragen zu geben, will dieses Buch dazu anregen, bessere Fragen zu stellen.

Niemand kann von der Aufgabe und Verantwortung entbunden werden, innerhalb der friedenspolitischen Debatten den eigenen Standpunkt zu finden, zu behaupten und möglicherweise auch zu ändern. Dazu soll dieses Buch eine Orientierungshilfe sein.

2. Der Wandel des Friedensbegriffs: Vom Ende der Geschichte zur unendlichen Geschichte

Das abrupte Ende des Kalten Kriegs muss dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Francis Fukuyama als ebenso unvorhersehbare wie glückliche Fügung vorgekommen sein. Der gesamte weltpolitische Rahmen, innerhalb dessen er groß geworden war und in dessen Analyse er ein herausragender Experte war, hatte mit einem Mal ein jähes Ende gefunden. Vorbei die Zeit der Blockkonfrontation; die Sowjetunion, die jahrzehntelang die größte Bedrohung der USA dargestellt hatte, war plötzlich nicht mehr als ein Relikt der Vergangenheit.

Die Euphorie, die mit dieser Zeitenwende einherging, war so groß, dass Fukuyama 1992 in seinem Buch The End of History and the Last Man gar von einem Ende der Geschichte sprach. Hatte das friedliche Ende des Kalten Kriegs nicht den jahrzehntelang währenden Wettkampf um Fortschritt und Wohlstand zugunsten des Liberalismus entschieden und bewiesen, dass Demokratie und Marktwirtschaft Garantinnen eines menschenwürdigen Lebens waren? Die Geschwindigkeit, mit der sich die „vierte Demokratisierungswelle“1 in den ehemaligen Staaten der Sowjetunion und den Blockstaaten zu vollziehen schien, bestätigten ihn in der Annahme, dass der Siegeszug der den Frieden sichernden Demokratie nun endgültig begonnen hatte.