Abschied von der Solidarität? - Andreas Schild - E-Book

Abschied von der Solidarität? E-Book

Andreas Schild

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Beschreibung

Als Zeitzeuge und Akteur plädiert Andreas Schild für eine neue Orientierung und eine breitere Abstützung der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit. Staatspolitische Interessen, Werte und Eigenheiten der Schweiz sollen vermehrt mit entwicklungspolitischen Anliegen verbunden werden. Weiter fordert er von der internationalen Zusammenarbeit mehr Öffentlichkeit und Transparenz. Seine zeitgeschichtliche Analyse verbindet 40 Jahre praktischer Erfahrung mit strategischer Reflexion. Im ersten Teil beschreibt er persönliche Erfahrungen in Nepal, Ruanda, Afghanistan und Nordkorea. Im zweiten Teil behandelt er drei zentrale Themen der praktischen Entwicklungszusammenarbeit der letzten Jahre: Armutsbekämpfung, die Rolle der zivilgesellschaftlichen Organisationen und Erfolg und Misserfolg der Arbeit. Der dritte Teil verbindet Entwicklungszusammenarbeit mit innen- und aussenpolitischen Überlegungen. Er beschreibt den Wandel von solidarischer Entwicklungshilfe zu staatspolitischer Interessenvertretung und Profilierung.

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Seitenzahl: 492

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Andreas Schild

Abschied von der Solidarität?

Zum Wandel der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

©2015 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich

Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2015 (ISBN 978-3-03810-038-6).

Lektorat: Ingrid Kunz Graf, Schaffhausen

Titelgestaltung: TGG Hafen Senn Stieger, St.Gallen

Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.

ISBN E-Book 978-3-03810-080-5

«Wer nicht weiss, wo er herkommt, kann nicht wissen, wohin er geht, und wer vom Vergangenen nicht loskommt, steht der Zukunft apathisch gegenüber.»

Peter von Matt: Das Kalb vor der Gotthardpost, 2011

Inhalt

Einleitung

Teil 1Entwicklungshilfe – zwischen Solidarität 
und Eigeninteressen

1Nepal – Wiege der schweizerischen 
Entwicklungszusammenarbeit

1.1Nepal als Schweizer Land und Land der Schweizer

1.2Die 1970er-Jahre: ein Höhepunkt der 
schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit

1.3Die 1970er-Jahre aus der Sicht des frühen 
21.Jahrhunderts

1.4Das Fehlen eines Gesellschaftsvertrags

2Ruanda – die Entwicklungszusammenarbeit der Schweiz stösst an ihre Grenzen

2.1Frühe Kontakte

2.2Das Programm der Schweiz

2.3Ruanda aus Schweizer Fernsicht

2.4Der Genozid und der Verlust der 
Glaubwürdigkeit in der Schweiz

2.5Zögerlicher Neubeginn

2.6Der Versuch der Vergangenheitsbewältigung

3INTERCOOPERATION – zwischen Staat und 
Zivilgesellschaft

3.1Ursprung und Zweck

3.2Die Rolle des neuen Geschäftsleiters

3.3Die privaten Organisationen verlieren an Gewicht

3.4Vom Verein zur Stiftung

3.5Das neue Jahrhundert als Zeitenwende für den klassischen Regisseur

4Nordkorea – eine Nische für die Schweiz

4.1Isolation oder Öffnung

4.2Entwicklungszusammenarbeit als Türöffnerin?

4.3Humanitäre Hilfe oder Entwicklungszusammenarbeit

4.4Das Scheitern meines Mandats

4.5Die Lehren

5Afghanistan – auf der globalen Bühne 
wider Willen

5.1Afghanistan nach der Vertreibung der Taliban

5.2Das National Solidarity Programme – vom Notprogramm zum Flaggschiff der Regierung

5.3Leben und Arbeit in Afghanistan

5.4Die Herausforderungen

6ICIMOD – die Herausforderung grenzüber
schreitender Zusammenarbeit im Himalaja

6.1Eine regionale Organisation im Himalaja

6.2Mögliche Bausteine für die Zukunft

6.3Die Bemühungen, die Bergagenda regional 
und international zu dynamisieren

Teil 2Entwicklungszusammenarbeit – 
die Schwierigkeit, aus Lehren zu lernen

7Armutsbekämpfung durch ländliche 
Entwicklung

7.1Ländliche Entwicklung als persönliches 
Schwerpunktthema

7.2Die ländliche Entwicklung als Voraussetzung 
für die Reduktion der Armut?

7.3Schweizerische Erfahrungen mit Integrierter 
Ländlicher Entwicklung

7.4Die ländliche Entwicklung neu definiert: 
Armutsbekämpfung durch Einkommens
förderung

7.5Der Stellenwert der ländlichen Entwicklung
zu Beginn des 21.Jahrhunderts

8Die Suche nach dem richtigen Partner

8.1Regierung und Nichtregierungsorganisationen 
als Vehikel der internationalen Entwicklungszusammenarbeit

8.2Die NGO als Staats- und Privatsektorersatz

8.3NGO ist nicht gleich NGO, ein Versuch der 
Strukturierung

8.4Die schweizerischen NGOs: von Pionieren zu 
professionellen Sozialunternehmern

8.5Staat und NGOs in der internationalen 
Zusammenarbeit des 21.Jahrhunderts

9Möglichkeiten und Grenzen 
der Entwicklungszusammenarbeit

9.1Die wechselnden Perspektiven

9.2Erfolg und Misserfolg ändern ihr Gesicht

9.3Der Versuch, Lehren zu ziehen

Teil 3Internationale Zusammenarbeit in der 
direkten Demokratie271

10Das traditionelle Profil der 
schweizerischen Entwicklungshilfe272

10.1Ein entwicklungspolitischer Sonderfall?

10.2Kulturelle und politische Wurzeln

10.3Die schweizerische Entwicklungs
zusammenarbeit im Spannungsfeld zwischen 
internationalem Mainstreaming und 
Nischentätigkeit

11Die schweizerische Entwicklungszusammen
arbeit im Zeichen der Globalisierung

11.1Neue Rahmenbedingungen zu Beginn der 1990er-Jahre

11.2Die Entwicklungszusammenarbeit zwischen 
Globalisierung und nationalen Interessen

11.3Die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit im Umbruch

12Welche internationale Zusammenarbeit 
der Schweiz im 21.Jahrhundert?

12.1Das mögliche Koordinatensystem, in dem 
sich die Schweiz bewegen wird

12.2Der Bürger als Konsument oder als rationaler 
Mitgestalter des Staats

12.3Eine den schweizerischen Verhältnissen 
entsprechende Antwort

12.4Plädoyer für eine Stärkung der schweizerischen 
internationalen Zusammenarbeit

13

Einleitung

Das vorliegende Buch ist eine persönliche und subjektive Auseinandersetzung mit 40Jahren Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit. Es ist aus der Froschperspektive des Zeitzeugen geschrieben, als eines Mitwirkenden und Beobachtenden zugleich. Der Ausgangspunkt der Betrachtungen ist das Geschehen vor Ort und nur ausnahmsweise eine Zentrale in der Schweiz. Es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Analyse. Vollständigkeit darf nicht erwartet werden, und Ausgewogenheit ist nicht das Ziel. Allerdings erhebe ich den Anspruch auf eine gewisse Repräsentativität der aufgeführten Beispiele.

Ein zentrales Anliegen ist zu zeigen, dass die Schweiz mit ihrer direktdemokratischen Tradition eine starke Verankerung der internationalen Zusammenarbeit in der Zivilgesellschaft braucht. Dieses Thema durchzieht den Text mit sich verändernden Akzenten.

Die Internationale Zusammenarbeit zwischen 
Solidarität und Eigeninteressen

Das Spannungsverhältnis zwischen Eigeninteressen und Solidarität wurde der Entwicklungshilfe gewissermassen in die Wiege gelegt. Als einer ihrer Grundsteine gilt die Vier-Punkte-Doktrin von Präsident Truman. In der Schweiz erkannte Bundesrat Petitpierre nach dem Zweiten Weltkrieg im Grundsatz der Solidarität die Möglichkeit, den Vorwurf von der Schweiz abzuwenden, sie sei eine Kriegsgewinnlerin gewesen. 1968 enthielt das Manifest der Erklärung von Bern sowohl die Anliegen der Solidarität wie der langfristigen Eigeninteressen. Die Entwicklungshilfe blieb allerdings in der Schweiz ein gesellschaftliches und politisches Randthema.

Erst das Gesetz von 1976 machte die Entwicklungszusammenarbeit zur staatlichen Aufgabe, die im Lauf der Jahre zu einem gewissen Automatismus wurde. Solidarität trat allmählich in den Hintergrund. Mit der Globalisierung und dem mit dem Ende der Sowjetunion einhergehenden Zusammenbruch der bipolaren Welt erlebte die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit zwei Phasen der Veränderung, die langfristige Folgen haben werden: zuerst die Zeitspanne vom Beginn der 1990er-Jahre bis 2008. Es war die Periode der Expansion der DEZA als staatliche Struktur. Diese hat gewissermassen im Alleingang den Sprung in die globalisierte Welt gewagt. Sie expandierte in neue Themen und vermochte gegenüber der Zivilgesellschaft, Parlament und Regierung, aber auch gegenüber anderen Teilen der Verwaltung Spielregeln zu diktieren. Die zweite Periode begann 2008. Sie ist verwaltungsintern unter dem Titel REO bekannt. Sie ist dadurch charakterisiert, dass die DEZA entmachtet und die Kompetenzen in die Strukturen des Aussenministeriums integriert wurden.

Infolge dieser Entwicklung ist die internationale Zusammenarbeit zum Instrument der Aussenpolitik geworden. Die Beispiele anderer Länder, die diese Integration bereits früher vollzogen haben, zeigen, dass damit fachtechnische und entwicklungspolitische Kriterien an Bedeutung verlieren. Dominierend werden kurzfristige aussenpolitische Opportunitäten. Eigeninteressen, um nicht zu sagen Eigennutz, drohen die Solidarität endgültig zu verdrängen.

Entwicklungszusammenarbeit muss auch das interne Veränderungspotenzial freisetzen

Die Relevanz der internationalen Zusammenarbeit kann nicht nur an ihrer unmittelbaren Wirkung vor Ort gemessen werden. Die Geschichte, die eigene Kultur, geografische Gegebenheiten und der technologische Fortschritt erweisen sich als solidere Grundkräfte für den Wandel als kurzfristige politische Episoden oder Entwicklungshilfe. Ein aussagekräftiges Beispiel in diesem Zusammenhang ist sicher Ruanda vor und nach dem Genozid 1994. Politiker, Massenmedien und sogar Dichter haben es zum Anlass genommen, mit der Entwicklungszusammenarbeit abzurechnen. Vielleicht wäre es angemessen, Ruanda als Beispiel der Machtlosigkeit der Entwicklungszusammenarbeit zu verstehen. Erfolg und Misserfolg sind oft trügerische Kriterien für die Relevanz der Entwicklungszusammenarbeit. Der Druck zur Erzielung kurzfristiger Erfolge führt zu oberflächlichen Folgerungen. Die professionell kommunizierte Realität entspricht nicht unbedingt der Wirklichkeit. Entwicklungszusammenarbeit ist dann besonders relevant, wenn sie auch im Inland Wirkung erzeugt. Die Förderung des Verständnisses für Anpassung im Inland ist ebenso wichtig wie die Erfolgsgeschichte vor Ort. Die Kommunikation müsste wieder vermehrt den Anspruch auf Erklärung und Aufklärung erheben. Sie darf das schweizerische Publikum nicht in den Sumpf des Infotainments ziehen.

Globalisierung macht internationale Zusammenarbeit zur Innenpolitik

Die internationale Zusammenarbeit ist in mancher Beziehung zur Weltinnenpolitik geworden. Internationale Fragen berühren die Art und Weise, wie wir uns bewegen, wie wir uns ernähren, aber insbesondere auch, wie wir uns politisch organisieren. Direktdemokratische Traditionen und zentrale politische Werte wie Autonomie, Subsidiarität und Föderalismus werden durch die Globalisierung beeinflusst. Bedeutet dies nicht, dass die internationale Zusammenarbeit vermehrt in der Öffentlichkeit diskutiert werden sollte? Haben wir als «politische Willensnation» nicht ein Interesse daran, dass der Bürger möglichst gut informiert ist, Zusammenhänge versteht und Auswirkungen nachvollziehen kann? Dürfen wir diese Aufgabe den staatlichen Vertretern und der Aussenpolitik überlassen? Geht es hier nicht auch um die Frage, welches die Rolle des Kleinstaats Schweiz in einer globalisierten Welt überhaupt sein kann? Vielleicht müssten wir uns von der Idee verabschieden, dass die Schweiz international als Musterschülerin auftritt, die in vorauseilendem Eifer die Resultate der internationalen Konferenzen schnellstmöglich umsetzen will. Vielleicht müssten wir in einer globalisierten Welt Verständnis schaffen für gewisse Besonderheiten. Der Föderalismus ist nicht nur innenpolitisch von Bedeutung. Haben wir nicht auch Interesse an einer föderalistischen Weltordnung? Sollten wir nicht die internationale Zusammenarbeit so betreiben, dass das allgemeine Verständnis der Zusammenhänge und damit die Bereitschaft für eigene Veränderungen grösser wird? Für interne Anpassungen unter Beibehalt unserer Eigenart brauchen wir politische Mehrheiten und dürfen nicht einfach internationales Mainstreaming betreiben. Wir brauchen auch eine Rückkoppelung zum Bürger. Wir müssten wichtige politische Grundsätze, die für die Schweiz typisch sind und sie ausmachen, auch international vertreten und stärken.

Globale Risiken fordern neue Kompetenzen

Braucht die internationale Zusammenarbeit der Schweiz nicht eine zusätzliche Dimension? Globale Risiken wie Klimawandel, Nahrungsmittelsicherheit, Migration, Energie und Pandemien verlangen Veränderungen von den anderen, aber auch von uns selbst. Wollen wir eine nützliche Rolle spielen, aber auch unsere legitimen Interessen vertreten, so müssen wir die enge Optik der Aussenpolitik überwinden. Wir müssen neue Kompetenzen aufbauen und Kenntnisse breit abstützen. Wir benötigen dazu eine aktive Zivilgesellschaft und Kompetenzzentren, die Grundlagen erarbeiten für uns, aber auch für gemeinsame Lösungen mit anderen in einer globalisierten Welt. Wir benötigen aber auch eine Verwaltung, die in der Lage ist, langfristig und strategisch zu disponieren.

Die Integration der internationalen Zusammenarbeit ins Aussenministerium mag dem internationalen Trend entsprechen, ist aber mit den direktdemokratischen Traditionen und den Erfordernissen einer Mehrparteien- und Kollegialregierung schwer vereinbar.

Die Gliederung des Textes

Das Buch umfasst drei Teile. Der erste Teil ist dem Wandel der Entwicklungszusammenarbeit anhand von Schwerpunkten der internationalen Zusammenarbeit gewidmet. Die beiden ersten Kapitel beschreiben die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit in Nepal und Ruanda, zwei Schwerpunktländern für die Schweiz. Nach einem Exkurs in die Welt einer privaten Entwicklungsorganisation in Kapitel drei wird in den Kapiteln vier und fünf Entwicklungszusammenarbeit anhand zweier extremer Beispiele, nämlich Nordkoreas und Afghanistans, beschrieben. Diesen Teil rundet schliesslich die Beschreibung der Rolle von ICIMOD, einer regionalen Organisation mit Sitz in einem Schwergewichtsland der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit, ab.

Der zweite Teil stellt die Frage nach der Wirksamkeit und Relevanz der Entwicklungszusammenarbeit. Erfolg und Misserfolg werden durch verschiedene zeitliche Perspektiven interpretiert. Diese Zusammenhänge werden anhand der Armutsbekämpfung in ländlichen Gebieten dargestellt. Anschliessend wird in ausgewählten Ländern die Entstehung und Bedeutung der Zivilgesellschaft als Ziel und Instrument der Entwicklungszusammenarbeit beschrieben. Das dritte Kapitel soll anhand verschiedener zeitlicher Betrachtungsweisen Grenzen der Wirksamkeit von Entwicklungszusammenarbeit ausloten.

Der dritte Teil beschreibt den Wandel von der solidarischen Entwicklungszusammenarbeit zu einem Instrument der Aussenpolitik. Er handelt vom zeitgeschichtlichen Wandel. Wie wirkt sich dieser auf die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit aus? Hier werden institutionelle und administrative Anpassungen beschrieben, die sich mittel- und langfristig auf die Ziele und die Qualität auswirken werden. Es geht im Wesentlichen um die Integration der Entwicklungszusammenarbeit in die Aussenpolitik. In diesem Teil wird die Bühne der aktiven Entwicklungszusammenarbeit verlassen. Aus der Sicht des Bürgers im Kleinstaat Schweiz wird eine Beziehung zwischen Entwicklungszusammenarbeit und direkter Demokratie hergestellt.

Zur begrifflichen Klärung

Da auf den folgenden Seiten bestimmte Begriffe immer wiederkehren und diese Ausdrücke im Lauf der Zeit mit unterschiedlichem Inhalt versehen wurden, sollen sie einleitend erläutert werden. Es geht um Entwicklungshelfer, Entwicklungshilfe und Entwicklungszusammenarbeit. Es ist aber auch die Rede von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), der schweizerischen Amtsstelle, die zusammen mit dem Seco für die staatliche Entwicklungshilfe verantwortlich ist.

Entwicklungshilfe meinte zu Beginn Fördermassnahmen des Nordens zugunsten armer Länder des Südens. Der Entwicklungshelfer war ein zentrales Medium, durch das die Hilfe ermöglicht wurde. Der Entwicklungshelfer war in der Regel eine Berufsperson, die bemüht war, Wissen und Kompetenzen aus ihrem Fachgebiet nach Süden zu transferieren. Der Entwicklungshelfer sollte bei der Entwicklung helfen oder die Entwicklung fördern.

Der Begriff «Entwicklungshilfe» wurde später als zu paternalistisch empfunden. Deshalb wurde er Mitte der 1970er-Jahre durch «Entwicklungszusammenarbeit» ersetzt. Wie schon das Wort sagt, wollte man damit das Miteinander und die Zusammenarbeit betonen. Damit ist auch das partnerschaftliche Prinzip angesprochen, das implizit angestrebt wurde. Eigentlich wurde damals auch der Ausdruck Entwicklungshelfer obsolet. Die Bezeichnung hatte sich aber inzwischen so eingebürgert, dass man im deutschen Sprachgebrauch schlicht keine bessere fand. Statt der Bezeichnung wurde allmählich die Funktion abgeschafft. Die Partnerländer verfügten über immer mehr eigenes technisch und fachlich qualifiziertes Personal. Dieser Wandel liess die Fachpersonen nicht mehr als Helfer erscheinen. International wurde der Ausdruck «Experte» eingeführt. Romanische Sprachen waren da präziser. Die Entwicklungshelfer wurden als «coopérant» oder «coopérante» bezeichnet. Verglichen mit dem früheren Entwicklungshelfer war der Experte zwar weiterhin eine Fachperson. Er arbeitete aber nicht mehr auf rein technischer Ebene. Er (meistens waren damals noch Männer im Einsatz) war in erster Linie ein Berater, von dem erwartet wurde, dass er seinen Fachbereich in einen breiteren Rahmen stellen und auch strategische Aspekte abdecken konnte. Gerade im schweizerdeutschen Umfeld hielten sich aber in der Umgangssprache weiterhin die Begriffe «Entwicklungshilfe» und «Entwicklungshelfer».

Heute spricht man nicht mehr von Entwicklungszusammenarbeit, sondern von internationaler Zusammenarbeit. Damit wird betont, dass die Aktivitäten der ehemaligen Entwicklungszusammenarbeit nun in einem internationalen Netzwerk umgesetzt werden. Die Bezeichnung «internationale Zusammenarbeit» entstand im Kontext der Globalisierung. Der Experte existiert zwar weiter, aber er hat gegenüber dem Entwicklungsfunktionär an Bedeutung verloren. Diese Funktionäre werden heute teilweise zu Entwicklungsdiplomaten emporstilisiert, arbeiten in der Regel am Sitz der finanzgebenden Organisation oder in einem dezentralisierten Büro, vorzugsweise in einer Botschaft in einem Partnerland. Sie handeln Projekte aus, die mit Rahmenbedingungen (Conditionalities) versehen sind. Die Funktionäre überwachen die Verwendung der Mittel und die Einhaltung der Bedingungen.

Diese Kurzbeschreibung ist nun etwas rudimentär und vereinfachend ausgefallen. In der Realität vermischen sich die alten Zusammenarbeitsformen mit den neuen Bezeichnungen. Es gibt eben nebst den Funktionären immer noch traditionelle Entwicklungshelfer und Experten. Auch gewisse Grundaspekte haben sich nie verändert. Zum Beispiel werden die Bedingungen für eine Unterstützung heute sogar mehr denn je vom Finanzgeber oder von den internationalen Organisationen bestimmt. Die internationale Zusammenarbeit ist eng verbunden mit einem internationalen Mainstreaming. Jede Agentur nimmt auf, was an internationalen Konferenzen diskutiert wird. So haben denn auch alle mehr oder weniger die gleichen Prioritäten und Ansätze. Jedenfalls auf dem Papier. Man könnte dies auch als «Langue de bois» bezeichnen. Unter der Oberfläche geschieht, was schon immer getan wurde. Da nun alle Agenturen sich bemühen, die Ergebnisse internationaler Konferenzen umzusetzen, ergibt sich ein Problem der Erkennbarkeit. Aus politischen Gründen muss diese aber unbedingt vorhanden sein, damit besondere nationale Qualitäten der Geberländer hervorgehoben werden können. In der Schweiz betont man entsprechend die Swissness.

Da im Folgenden aus schweizerischer Perspektive geschrieben wird, taucht oft der DfTZ auf. Diese Abkürzung steht für Delegierter für Technische Zusammenarbeit. Später war vom Dienst für Technische Zusammenarbeit die Rede. Mit der Einführung der entsprechenden Gesetzgebung 1976 konnte diese Agentur bald in eine Direktion übergeführt werden, die DEH (Direktion für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe) genannt wurde. Mit einem neuen Logo versehen, wurde die DEH in den 1990er-Jahren zur Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, DEZA.

Zum Hintergrund des Autors

Entwicklungshelfer?

Vielleicht wurde ich zeit meines Lebens als typischer Entwicklungshelfer, jedenfalls als typischer EZA-Vertreter meiner Generation wahrgenommen. Ich muss aber gleich mit aller Entschiedenheit sagen, dass ich mich nie als solcher fühlte. Ja, ich fühlte mich mit dem Ausdruck «Entwicklungshelfer» nicht ernst genommen. Wurde er auf mich angewendet, fühlte ich mich ausgesprochen unwohl und in eine Ecke gedrängt.

Ich habe mich nie als Helfer gesehen, sondern betrachtete mich viel mehr als Beobachter, vielleicht als Mittelsperson. Andere haben mich eher als Macher wahrgenommen. Mitarbeiter glaubten auch, Ecken und Kanten entdeckt zu haben.

Gegenüber «Entwicklung» mit «Hilfe» habe ich, vermutlich als Historiker geprägt, immer eine gehörige Dosis Skepsis empfunden. Ich habe mich immer viel mehr als einen interessierten Beobachter gesehen, der verstehen und am richtigen Ort stehen wollte. Ich habe mich stets als einen Privilegierten wahrgenommen, der in eine einzigartige Situation versetzt worden war. Dabei war ich meinem eigenen Verständnis nach stets leicht subversiv und versuchte aktiv, den von mir als positiv empfundenen Kräften zum Durchbruch zu verhelfen. Ich war stets fasziniert von der Initiative und dem Durchhaltewillen von Leuten, die unter schwierigsten Bedingungen etwas zustande bringen wollten. Ich versuchte, die enormen Schwierigkeiten meiner Partner zu verstehen und diese gemeinsam mit den Kollegen zu lösen. Demgegenüber hatte ich oft wenig Verständnis für die Schwächen und Unzulänglichkeiten meiner Arbeitgeber in der Zentrale. Ich war ein relativ verständnisvoller Partner vor Ort, aber ein eher garstiger Partner der Zentrale in der Schweiz und anderswo.

Die Sicht des Rückkehrers

Ich schreibe aus der Sicht des Heimkehrers. Das gibt mir eine gewisse Distanz und ein wenig Narrenfreiheit. Als Beobachter von aussen habe ich die Entwicklungen in der Schweiz mitverfolgt, ohne von den sich daraus ergebenden Zwängen des Alltags direkt betroffen gewesen zu sein. Das gab und gibt mir Freiheit in der Betrachtung, setzt mich aber auch dem Risiko einer gewissen Abgehobenheit aus. Gerade als Historiker laufe ich sicher Gefahr, einige Grundelemente der schweizerischen politischen Kultur romantisch zu verbrämen. Meine Kollegen in der Schweiz stellen denn auch hin und wieder fest, dass ich den Druck des Alltags und der täglichen Probleme, dem sie ausgesetzt sind, unterschätze. Entwicklungszusammenarbeit hat mich jedoch gelehrt, dass das Gewicht der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Vergangenheit sowie der eigenen, durch Geschichte und Umwelt geprägten Identität einen stärkeren Einfluss auf die Bewältigung der Zukunft ausüben, als gemeinhin angenommen. Das Gewicht gezielten Handelns und unserer Beeinflussbarkeit wird allgemein überschätzt. Für das Verständnis Nordkoreas ist der Neokonfuzianismus ebenso wichtig wie der Kommunismus. Das Studium des zaristischen Russland hilft uns vielleicht eher, die Haltung von Präsident Putin zu verstehen, als das Wissen über die Leninsche Revolution. Ich gehe deshalb davon aus, dass das schweizerische Handeln ebenso durch die Vergangenheit geprägt ist wie durch die Sachzwänge von heute. Mit anderen Worten: Die Kenntnis der eigenen Vergangenheit hilft uns bei unserer Orientierung für die Zukunft. Dabei mag auch die Distanz des Rückkehrers ganz nützlich sein.

Teil 1

Entwicklungshilfe – zwischen Solidarität 
und Eigeninteressen

1. Nepal – Wiege der schweizerischen 
Entwicklungszusammenarbeit

Neben meiner Tätigkeit als Teamleiter des Entwicklungshelferprogramms (Swiss Technical Assistants Programme) war ich Koordinator für die Vorbereitung des Integrated Hill Development Programme (IHDP) 1973/74 und von 1974 bis 1978 Leiter der SATA (Koordinator DEH und Teamleiter Helvetas).

Zwischen 1982 und 2000 besuchte ich Nepal wiederholt im Auftrag von Helvetas und INTERCOOPERATION.

Von März 2007 bis Ende 2011 leitete ich ICIMOD (International Centre for Integrated Mountain Development) mit Sitz in Kathmandu.

1.1  Nepal als Schweizer Land und Land der Schweizer

Keinem sogenannten Entwicklungsland hat die Schweiz so viel Sympathie entgegengebracht wie Nepal. Für viele Schweizer und Schweizerinnen war es das erste Land, das sie ausserhalb Europas kennenlernten. Es war das erste Land, in dem die Schweiz Entwicklungshilfe leistete, bevor diese überhaupt ein Thema war.

Einige betrachten Nepal als eigentliche Wiege der Schweizer Entwicklungshilfe. Weshalb?

Da nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 in Südasien ein neuer Wind wehte, glaubte das damalige Regime in Nepal, die hermetische Abriegelung zugunsten einer vorsichtigen Öffnung des Landes aufgeben zu müssen. Weshalb ausgerechnet die Schweiz als Türöffner eingeladen wurde, ist nicht ganz klar. Die verschiedenen Erklärungsmodelle sind interessant, weil sie in einen bestimmten historischen Kontext passen: Einig ist man sich, dass der nepalesische Botschafter in London eine wichtige Vermittlerrolle spielte. Ob er nun seinen Vorgesetzten die Schweiz empfahl, weil er sie wie die englischen Touristen kannte oder weil er das Geld der Ranas, der damaligen Herrscher, über Schweizer Banken verwalten liess, ist nicht klar.

In der Schweiz waren verschiedene Kreise erpicht, der Einladung Nepals Folge zu leisten. Wem sollte das Privileg zukommen, in das geheimnisvolle Land zu reisen? Die Alpinisten um den Schweizer Alpen-Club und Vertreter der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) machten sich die Expedition streitig. In Bern war Aussenminister Petitpierre damit beschäftigt, die schweizerische Neutralität in die Nachkriegszeit zu retten. Mit der Mission nach Nepal konnte ein kleines Fenster der Solidarität ausserhalb des europäischen Kontinents geöffnet werden. Den Zuschlag für die erste Reise und für das, was später als Swiss Forward Team bezeichnet wurde, erhielt 1949 die ETH.

So befand sich die Schweiz in Nepal gewissermassen in der Poleposition, und Nepal wurde geradezu zum Prototyp, wenn von den armen Entwicklungsländern die Rede war. Dies war sicher zu einem wesentlichen Teil den ersten Everest-Expeditionen 1952 und 1956 zuzuschreiben. Die Schweizer Expeditionen hinterliessen nicht nur alpinistisch prägende Eindrücke. Sie rüsteten die Sherpas alpin aus und machten damit die Kulis der Engländer zu Alpinisten und Partnern. Das registrierten die Sherpas sehr wohl, und es entstanden persönliche Freundschaften zwischen Bergkameraden, die späteren Expeditionen wie den Engländern unter Hunt verwehrt blieben.

Von grosser entwicklungspolitischer und historischer Bedeutung sollte aber die Arbeit des Swiss Forward Team ab 1949 sein. Das aus vier ETH-Experten bestehende Team formulierte erstmals konkrete Vorschläge, wie sich die Landwirtschaft und andere Sektoren der Wirtschaft Nepals entwickeln könnten. Eine ganz besondere Anerkennung verdient der frühe Nepal-Kenner und Geologe Toni Hagen. Er schuf mit seinen Fotos und einem Nepal-Buch ein bleibendes Bild eines armen Gebirgslandes mit phantastischen Landschaften, einer unversehrten Gebirgskultur und einer gastfreundlichen Bevölkerung. Dieses Nepal-Bild entsprach den positiven Werten, mit denen sich die Schweizer in der Nachkriegszeit identifizierten. Die schweizerischen Pioniere konnten die Lebensumstände der hart um ihr tägliches Brot kämpfenden Bergbauern sehr gut nachvollziehen. Sie suchten nach Lösungen, die sie aus den Alpen kannten, und hinterliessen ihrerseits in Nepal bleibende Spuren.

Wie Werner Schulthess, der erste Projektleiter des Molkereiprojekts, mit Filzhut, wehendem Bart und Rucksack auf seinem Fahrrad von seinem Wohnort in Patan den Pulchowk hinuntergefahren ist, um in der Molkerei Lainchaur seine Arbeit aufzunehmen, nahmen viele junge Nepalesen sehr wohl wahr und erzählten es weiter. Wie die Schweizer in Banepa, 20Kilometer ausserhalb des Kathmandu-Tals, regelmässig Milchsammelstellen kontrollierten, während sich die Amerikaner nicht aus dem Kathmandu-Tal hinauswagten, hielt Kaisar Bahadur K.C. dichterisch fest.

Toni Hagen hat nicht nur dem schweizerischen Publikum mit seinem Nepal-Buch eine neue Welt eröffnet. Auch die nepalesischen Primarschüler lernten ihr Land dank den Informationen von Toni Hagen kennen. Wichtige Tatsachen und Hintergrundinformationen über das eigene Land stammten direkt aus Toni Hagens Büchern und wurden auch so zitiert.

Diesen Anfängen fehlte eine klare, mit Daten unterlegte Analyse. Die Schweizer waren nicht die Entwicklungshelfer der 1970er-Jahre, sondern Praktiker. Sie nutzten ihre Fachkenntnisse und die Erfahrungen aus den Alpen, um konkrete Projekte zu realisieren: Käseproduktion blieb während Jahrzehnten das typische Beispiel für die Arbeit der Schweizer im Himalaja und wirkte noch Jahrzehnte als Aushängeschild der schweizerischen Entwicklungshilfe nach.

Die 1970er-Jahre waren nicht mehr die Pionierzeit in Nepal. Erstmals hatten junge Schweizer an der ETH eine fachliche Vorbereitung in Form von Postgraduate-Kursen erhalten. Es ging darum, auf dem fruchtbaren Boden, den die Pioniere hinterlassen hatten, weiterzuarbeiten. Die jungen Schweizer Entwicklungshelfer und -helferinnen waren mehrheitlich von einer echten Nepal-Begeisterung getragen. Respekt vor der ganz anderen Welt und der Wille, diese zu verstehen, standen im Zentrum. Annemarie Spahr, Miss Spahr, wie sie respektvoll genannt wurde, hatte eine wichtige Brückenfunktion. Sie war vertraut mit den Anfängen und eine bestens vernetzte Nepal-Kennerin. Sie versorgte die «Nepal-Schweizer» regelmässig mit Hintergrundinformationen.

Diese Zeit war die Periode der ersten Entwicklungshelfer, deren Ausbildung durch die Nach-68er-Jahre beeinflusst war. Nepal war damals auch der Pilgerort der internationalen Hippiekultur. Die Zeit der Selbsterfahrung kündigte sich unter den jungen Schweizern an. Diese beförderte oft Widersprüche zutage zwischen der formalen Welt der nepalesischen Beamten, die in traditioneller Bekleidung mit Topi, der traditionellen Kopfbedeckung der Nepalesen, arbeiten mussten, und der Informalität eines jungen Schweizer Ingenieurs, der unbedingt in kurzen Hosen zur Arbeit in den Singha Durbar, den alten Ranapalast, der als Sitz der nepalesischen Verwaltung diente, gehen wollte.

1.2  Die 1970er-Jahre: ein Höhepunkt der 
schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit

Das Profil der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit in Nepal

Die 1970er-Jahre des letzten Jahrhunderts waren für die schweizerische Entwicklungshilfe in Nepal in vielerlei Hinsicht eine Periode des Erntens und des Umbruchs. Einerseits gelang es, frühere Erfahrungen der Pioniere zu bestätigen, andererseits hatte die Schweiz den Mut, Neues anzugehen. Beide Tendenzen legten, begünstigt durch grosszügigere Finanzmittel der Schweiz, die Grundsteine für ein langfristiges Unterstützungsprogramm, das die schweizerische Präsenz bis in die Gegenwart mitgeprägt hat.

Der Beginn der 1970er-Jahre stellte für das schweizerische Programm auch eine Art Zäsur dar. Das alte Jiri-Projekt (Jiri Multipurpose Development Project) in Ostnepal, auf halbem Weg zum Everest, das seit 1956 als Flaggschiff der schweizerischen Präsenz in den Hügeln des Landes galt, wurde 1970 beendet, und die Tibeterprojekte befanden sich in einer Konsolidierungsphase. So wurde das Programm, das bisher auf das Hügelgebiet fokussiert gewesen war, vorübergehend auf Aktivitäten im Kathmandu-Tal konzentriert.

In der Periode von 1973 bis 1978 veränderte sich das Profil der schweizerischen Präsenz stark. Bestehende Projekte wie die Teppichproduktion der Tibeter gewannen dank dem aufkommenden Massentourismus an Dynamik. Die Teppiche entwickelten sich zu einem der wichtigsten Devisenbringer des Landes. SATA (Swiss Association for Technical Assistance), die Dachorganisation schweizerischer Entwicklungszusammenarbeit in Nepal, führte auf technischer Ebene Neuerungen ein. Unter dem Einfluss des Buchs von Schuhmacher, Small is beautiful (1973), das westliche Grossprojekte kritisierte und als Antwort auf die erste Energiekrise die Förderung von erneuerbaren Energien propagierte, wurde angepasste Technologie (Sonnenenergie für Warmwasser, Kleinstkraftwerke usw.) ausprobiert. Die Einführung und die kommerzielle Produktion von Solar-Wasserheizungen vorwiegend im Kathmandu-Tal und der Bau und der Vertrieb von Durchströmturbinen für mechanische und elektrische Energie in den Hügeln waren die Folgen. Die Konstruktion von Hängebrücken wurde ständig vereinfacht und das Programm dynamisiert. Aus dem Hängebrückenbauprojekt entstand ein nationales Programm. Entwicklungspolitisch war die Privatisierung der Balaju-Yantra-Shala-Unternehmungen (BYS) eine Innovation. Neu war die Idee, eine ganze Gegend in Ostnepal (die Bezirke Sidhu Palchowk, Dolakha und Ramechap) «integriert» durch ein Förderprojekt zugunsten der Hügelgebiete (Integrated Hill Development Project, IHDP) mit dem Bau einer 115Kilometer langen Strasse zu erschliessen (Lamusangu-Jiri-Projekt). Dieses letzte Unterfangen stellte die schweizerische Entwicklungshilfe technisch und organisatorisch vor neue Herausforderungen und hatte sogar innenpolitische Auswirkungen. Das IHDP fand in Nepal und international grosse Beachtung. Auch heute noch, mehr als 30Jahre später, werden diese Projekte als innovativ und strategisch beurteilt.

Helvetas und die DEH mit gemeinsamer Leitungsorganisation

Helvetas war unter dem Namen Schweizerisches Hilfswerk für aussereuropäische Gebiete bereits ab 1956 in Nepal tätig. Der Bund, unter dem Namen Dienst für Technische Zusammenarbeit (DfTZ), begann Anfang der 1960er-Jahre mit der Rehabilitation der Tibeter Flüchtlinge sein direktes Engagement. 1970 wurde beschlossen, die beiden Organisationen zu einer gemeinsamen Leitungsorganisation unter dem Namen Swiss Association for Technical Assistance (SATA) – die englische Übersetzung von Helvetas– zusammenzufassen. Ich beurteilte diese Lösung als recht gelungen und erachtete diese Art der Zusammenarbeit von staatlicher Agentur und zivilgesellschaftlicher Organisation gerade vor dem Hintergrund der schweizerischen politischen Kultur nicht nur als effizient und kostengünstig, sondern auch als zukunftweisend. Sie hat sich später unter anderem auch in Bhutan bewährt. Als ich in den 1990er-Jahren eine ähnliche Lösung für die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit in Kirgistan anstrebte, zeigte sich, dass sich die Rahmenbedingungen geändert hatten. Die privaten Organisationen, in diesem Falle Helvetas, suchten mehr Autonomie, und die DEZA wollte ihre Rolle als Vertreterin der Regierung mit eigenem Profil in der Schweiz und vor Ort hervorheben.

Die gemeinsame Leitungsorganisation in Nepal wurde in den 1980er-Jahren aufgelöst. Seit diesem Zeitpunkt operieren die DEZA, Helvetas, Swisscontact und andere Organisationen mit eigener Infrastruktur, Administration und mit entsprechenden Kosten. Sogar im kleinen Bhutan haben sich Helvetas und DEZA nach 2011 getrennt und je ihre eigene Administration aufgebaut. Es ist nicht realistisch, diesen Trend umkehren zu wollen, obwohl es Sinn machen würde, wenn die privaten Partner eher das operative, feldorientierte Geschäft übernehmen und die DEZA sich eher auf die politisch-strategischen Aufgaben konzentrieren würde. Eine solche Arbeitsteilung wäre sicher auch unter einer gemeinsamen Leitungsorganisation möglich. Sowohl die Beispiele Bhutan wie auch Nepal zeigen aber, dass nicht politisch-strategische Überlegungen entscheidend sind: Bhutan wird innerhalb der DEZA von der Abteilung Ostasien betreut (China und Indochina). Akkreditiert in Thimphu ist aber der Schweizer Botschafter in Indien. Bhutan hat nur beschränkte Beziehungen mit Ostasien und unterhält keine diplomatischen Beziehungen mit China. Andererseits ist Bhutan wirtschaftlich gesehen weitestgehend in den indischen Grossraum integriert. Logischerweise sollte Bhutan deshalb in der DEZA zur Abteilung Südasien gehören.

In Nepal kam es zur Auftrennung der Leitungsorganisation wegen Gouvernanzfragen und mangelnder Transparenz in der Auftragserteilung der DEZA und nicht aus politischen oder effizienzbezogenen Fragen.

Helvetas und die DEZA haben übrigens in Nepal nach ihrer Trennung eine ähnliche Projektpolitik betrieben. Erst während des Bürgerkriegs 1996–2006 begann der Vertreter der DEZA in ganz unschweizerischer Art, sich politisch zu engagieren. Mit der Eröffnung einer Botschaft 2010 hat sich die Schweiz nun wie andere Geber stark an friedensfördernden Massnahmen beteiligt. Nun wären die Bedingungen für eine neue Arbeitsteilung gegeben. Die DEZA könnte substanziell Ressourcen sparen, wenn sie die Auslagerung operationeller Aufgaben konsequenter vorantreiben würde.

Die Schweizer Entwicklungshelfer: «Sändeler», 
Macher, Anthropologen und Entwickler

Das starke Wachstum des schweizerischen Programms während der 1970er-Jahre bedeutete für die damalige SATA einen gehörigen Strukturwandel. Wie oben ausgeführt, war das SATA-Programm ab 1970 mit Ausnahme der Einzeleinsätze (des Entwicklungshelferprogramms) Kathmandu-lastig gewesen. Dies spiegelte sich im Profil der Mitarbeiter. Diese hatten mehrheitlich einen technisch-handwerklichen Hintergrund oder eine kaufmännische Ausbildung. Sie arbeiteten in Projekten, in denen der Transfer von technischen Fertigkeiten und die Entwicklung von Technologien im Vordergrund standen: Vermarktung und Design der Tibeterteppiche, Aufbau von Elektro-, Sanitär- und Metallbaufirmen, die Unterstützung der grössten nepalesischen Baufirma, Bau von Hängebrücken usw. waren die Programmschwerpunkte.

Mit der Planung eines regionalen Entwicklungsvorhabens in den Hügeln, des integrierten Hügelentwicklungsprogramms (IHDP), traten neben technischen auch strategische, sozialpolitische, ökonomische und institutionelle Fragen ins Zentrum. Die neu rekrutierten Mitarbeiter hatten nun einen akademischen Hintergrund als Ökonomen, Agronomen oder Kultur- und Forstingenieure. Damit erhielt das SATA-Team innerhalb kurzer Zeit ein neues Gesicht. Dieser Strukturwandel wurde durch zwei Phänomene verstärkt: Die neuen Akademiker hatten einen Post-68er-Hintergrund. Es war eine recht kritische, hinterfragende und diskutierfreudige Generation. Entwicklungspolitische Fragen wurden von da an intensiver diskutiert: Die Forderung nach Mitbestimmung, ein politisches Bewusstsein sowie teilweise ein starkes soziales Engagement prägten die Auseinandersetzungen. Zudem waren die technischen Projekte einem institutionellen Wandel unterworfen: Privatisierung, Verselbstständigung und Restrukturierung waren angesagt. Sowohl die DEZA wie auch Helvetas rekrutierten für diese Projekte nun Leute mit mehr Berufserfahrung und einem leicht veränderten Altersprofil. Waren die Jahre 1973 bis 1975 beherrscht von jungen, frischvermählten Mitarbeitern (es gab 1975 zehn Geburten im SATA-Team!), kamen nun etwas reifere Semester zum Zug. Für sie war der Einsatz in Nepal eine Alternative zu einer Karriere in der Schweiz.

Da die Zahl der schweizerischen Mitarbeiter allmählich auf 60 anwuchs und sich das Aufgabenprofil der Mitarbeiter veränderte, wurde das Team entsprechend heterogener. Als Leiter der Organisation musste ich viel Energie in Teammeetings und Diskussionen zur Lösung von Spannungen und Konflikten investieren. Die einen waren der Überzeugung, die anderen verbrächten ihre Zeit nur mit Diskussionen (die «Sändeler»), während diese ihrerseits der Meinung waren, jene seien bloss Macher ohne das geringste Interesse für soziopolitische Wandlungsprozesse. Wie immer in solchen Fällen lag in beiden Gesichtspunkten ein Kern Wahrheit.

Die Spannung zwischen eher technisch orientierten Machern und entwicklungspolitischen «Sändelern» prägte die Entwicklungshilfe der 1970er-Jahre. Sie hat sich deutlich in Nepal, dem traditionellen Kernland der schweizerischen Entwicklungshilfe, manifestiert, war jedoch ganz generell in allen Länderprogrammen der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit unterschiedlich intensiv festzustellen. In Afrika fand der Wandel mit einer gewissen Verzögerung statt. In Lateinamerika stellte sich die Frage anders: Die ältere Generation wollte sich nicht unbedingt mit einer eher sozialemanzipatorischen Arbeit identifizieren. Sie suchte ihr Heil in der beruflichen Abstützung durch den Ankauf von Land. Das Finden eines Kompromisses zwischen entwicklungspolitischer Glaubwürdigkeit und dem legitimen Anliegen der Mitarbeiter, sich wirtschaftlich abzusichern, blieb der Direktion der DEZA vorbehalten. Sie verbot den Entwicklungshelfern, unter Vertrag Land zu kaufen.

Neu war in dieser Zeit auch die Integration von Sozialwissenschaftlern in die Entwicklungszusammenarbeit. Sie bereicherten diese in den folgenden Jahren in bisher vernachlässigten soziokulturellen und wirtschaftlichen Aspekten. Da die nepalesischen Hügel von verschiedenen ethnischen Gruppen und Kasten bewohnt waren, deren Lebensweise uns nur fragmentarisch bekannt war, lag es nahe, erfahrene Anthropologen nach Beendigung ihrer Doktorarbeit in unsere Tätigkeiten zu integrieren. Ihre Arbeit sollte eine vertiefte Kenntnis der soziopolitischen Verhältnisse liefern. Wir hofften, so eine gute Grundlage für die bevorstehenden langfristigen Programme zur Förderung der Hügelbevölkerung schaffen zu können.

SATA startete zwei Versuche. Im Hügelförderungsprojekt in Ostnepal stellten wir eine Anthropologin an, die einerseits projektbegleitend die Entwicklungshelfer über soziale und politische Verhältnisse, Abhängigkeiten, Machtstrukturen und Entscheidungsmechanismen informieren sollte. Die Anthropologin hatte drei Aufträge zu erfüllen: Sie sollte die tägliche Arbeit begleiten und im Gespräch Empfehlungen formulieren. Des Weiteren sollte sie in einem Gebiet, in dem das Projekt noch nicht lief, die lokale Machtstruktur und den Produktionszyklus analysieren und aus anthropologischer Sicht den Status vor einer Projektintervention beschreiben. Ihr letzter Auftrag bestand darin, zehn Jahre später das Gebiet zu untersuchen und zu dokumentieren, was sich aufgrund der Projektintervention verändert hatte und welches die möglichen Folgerungen für die Entwicklungszusammenarbeit sein könnten. Wir wollten gewissermassen eine Evaluation ex post vorbereiten.

Da die Arbeit der Anthropologin erst einsetzte, als das Entwicklungshelferteam bereits vor Ort war und die Strategien schon festgelegt waren, versuchten wir, in einem anderen Projekt bessere Rahmenbedingungen für ihre Aufgaben zu schaffen. In Westnepal (Distrikt Palpa) hatten die Regierungen der Schweiz, Deutschlands und Nepals beschlossen, das Einzugsgebiet eines Flüsschens (Tinao Khola) zu fördern. Im Zentrum standen der Ressourcenschutz und die Reduktion der Erosion durch angepasste Bewirtschaftungsmethoden. In vier repräsentativen Dörfern (auf verschiedenen Höhenstufen und mit unterschiedlicher ethnischer Zusammensetzung) sollten der landwirtschaftliche Zyklus analysiert, die Bewirtschaftungsmethoden dokumentiert und Folgerungen für die praktische Arbeit formuliert werden.

Beiden Versuchen war ein gemischter Erfolg beschieden. Im ersten Beispiel erwiesen sich die andernorts als «Sändeler» bezeichneten Post-68er als handfeste Praktiker. Die Anthropologin als Wissenschaftlerin hatte grosse Mühe, sich bei den Agronomen und anderen Spezialisten Gehör zu verschaffen. Da sie die landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Terminologie nicht beherrschte, stand sie bald als Unwissende da. Wir mussten ihre Arbeit auf die vorausschauende Analyse konzentrieren. Sie arbeitete allein in einem Tal, das erst einige Jahre später durch eine Strasse erschlossen werden sollte. Hier stand sie unter dem Eindruck der bösen Geister, die offenbar in der Vorstellung der Talbewohner über dem Tama Kosi, dem wichtigsten Fluss der Gegend, ihr Unwesen trieben, womit sie in den Augen der Praktiker buchstäblich von allen guten Geistern verlassen schien. Ihre Glaubwürdigkeit reduzierte sich entsprechend.

Die Verantwortlichen waren überzeugt, mit dem Einsatz von Anthropologen in Westnepal die glücklichere Hand zu haben. SATA hatte eine mit beiden Beinen auf dem Boden stehende Anthropologin rekrutiert und arbeitete eng mit dem entsprechenden Universitätsinstitut in Kathmandu zusammen. Das Timing für den Beginn ihrer Arbeit schien optimal zu sein. Allerdings mussten die Experten, die inzwischen angekommen waren, Strategie und Inhalte für fünf Jahre definieren, bevor die Ergebnisse der anthropologischen Analyse vorlagen. Das Projekt stützte sich so auf sekundäre Quellen, deren Unzuverlässigkeit hinlänglich bekannt war. Damit war der Versuch, Wissenschaft und Praxis, sozialwissenschaftliche Erkenntnis und fachliche Praxis zu verbinden, vorerst fehlgeschlagen.

Hochmut kommt vor dem Fall: die Beispiele von Chialsa/Sallery und Pouwa

Die SATA hatte den Ehrgeiz, führend zu sein in der Anwendung und Verbreitung angepasster Technologien. Wasserheizung mit Sonnenenergie, rauchlose Öfen, Biogasanlagen und ländliche Elektrifizierung waren angesagt. Wassererhitzer und rauchlose Kochherde waren technisch gut umzusetzen. Für die Wasserheizung entstand eine Firma, die mit der kommerziellen Verbreitung sehr erfolgreich war. Heute, 30Jahre später, steht praktisch auf jedem Dach in Kathmandu eine Sonnenheizung. Allerdings werden heute die meisten Anlagen direkt aus Singapur importiert. Für die Einführung der rauchlosen Öfen suchten wir die Glaubwürdigkeit durch Eigenversuche zu erhöhen. Die Unterkünfte der Mitarbeiter in den Hügeln Ostnepals sollten über rauchlose Räume verfügen. Das Experiment mit den rauchlosen Öfen, Smokeless Chulo, lief recht gut an. Probleme entstanden erst im zweiten Jahr, als die Bambusstangen des Dachstuhls zu «schneien» begannen: Da der Rauch nun fehlte, wurde der Bambus nicht mehr imprägniert, sodass sich ungehemmt Ungeziefer entwickeln konnte, das sich zu unserem Leidwesen am Bambus gütlich tat. Womit wieder einmal bewiesen war, dass es keine monokausalen Probleme gibt und die Lösungsfindung entsprechend kompliziert ist.

Bis heute ist das Problem der rauchlosen Herde nicht gelöst. Wir wissen zwar, dass die Reduktion von Russbildung beim Kochen wichtig ist. Russ, den das Kochen, Waldbrände und die Industrie verursachen, ist ausserordentlich gesundheitsschädigend. Wir wissen auch, dass der so produzierte «black carbon» zum Gletscherschmelzen beiträgt. Die technischen Lösungen, die bereitliegen, sind leider nicht kundengerecht oder, anders gesagt, kaum sozialverträglich und werden folglich kaum angewendet. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie technisch billige Lösungen sich nur durchsetzen, wenn sie gut in die Alltagsgewohnheiten der Leute hineinpassen.

Die Experimentierfreudigkeit bei gleichzeitig mangelnder Erfahrung stiess insbesondere im Fall der Elektrifizierung von Chialsa mittels eines Kleinkraftwerks, aber auch im Fall der Hügelkäserei in Pouwa nicht nur an soziokulturelle und organisatorische, sondern auch an technische Grenzen.

Das ursprüngliche Ziel in Chialsa war gewesen, die Färberei und die Produktion der Teppichfabrik in der Tibetersiedlung zu elektrifizieren. Damit wollte man der rapiden Abforstung der Wälder um Chialsa Einhalt gebieten. Eine von BYS, der von der Schweiz aufgebauten Metallbearbeitungsfirma, entwickelte Durchströmturbine sollte zum Einsatz kommen. Die Turbine sollte mit immer gleichbleibender Drehzahl laufen, sodass die Spannung auf konstantem Niveau gehalten werden konnte. Damit war das komplizierte Problem der Regelung der Drehzahlgeschwindigkeit gelöst. Zu dieser Schlussfolgerung war man durch ein jahrelanges Versuchsprogramm gekommen.

Doch dieses einfache Projekt wurde nie realisiert. Der Hauptgrund dafür war wohl, dass nicht sicher war, ob das Projekt technisch umsetzbar sein und ob es den schweizerischen Qualitätsansprüchen genügen würde. Dazu kam, dass der Druck stärker wurde, je mehr man sich der Realisation des Projekts näherte, Sallery, den Distrikthauptort, in die Elektrifizierung mit einzubeziehen. Deshalb wurde ein neues Projekt konzipiert, das dem internationalen Standard entsprach und um ein Vielfaches teurer wurde. Das neue Projekt bedeutete auch eine neue Positionierung der SATA: Die Anlagen sollten technisch einwandfrei sein und Nepal zeigen, mit welcher Präzision Schweizer Arbeit geleistet wurde. Die leitenden Stellen in der SATA wurden neu durch Ingenieure besetzt. Das Projekt Chialsa wurde von Schweizer Seite lange als Vorzeigeprojekt präsentiert, hat aber in dieser Form meines Wissens keinen Nachfolger gekannt. Andererseits haben sich die einfachen Turbinen ohne Regelung anderswo, beispielsweise in Bhutan, durchgesetzt. In Afghanistan betrieben wir im National Solidarity Programme 400Projekte ländlicher Elektrifizierung mit einfachen Durchströmturbinen ohne Regelung.

Im Fall von Sallery stand das Prestige der schweizerischen Glaubwürdigkeit auf dem Spiel, sodass alles unternommen wurde, um das Projekt erfolgreich zu Ende zu führen. Im Käsereiprojekt von Pouwa erwiesen sich die Schwierigkeiten als zu gross. Eine Kritik, die von nepalesischer Seite wiederholt am frühen Käsereiprojekt geäussert worden war, ging dahin, dass die Schweiz nur die Bergkäsereien auf 3000Metern über Meer oder höher unterstützte und in den Hügeln, dem Hauptsiedlungsgebiet, nichts unternehme. Inzwischen hatte die Regierung mit der landwirtschaftlichen Entwicklungsbank Kredite für den Kauf von Wasserbüffeln in den Hügeln lanciert. Es entstanden Nischen mit erhöhter Milchproduktion, ohne dass die Milch vermarktet oder verarbeitet werden konnte. Die Dairy Corporation, die nationale Molkerei-Firma, schuf in diesen Gegenden Sammelstellen und verarbeitete das Milchfett zu Butter. Der Rest der Milch wurde ohne weitere Verwendung entsorgt.

Nach langwierigen Abklärungen war die SATA bereit mitzuhelfen, die Milchverarbeitung in Pouwa zu verbessern. Die nicht vermarktbare Milch sollte zur Käseherstellung verwendet werden. Dabei gab es verschiedene Probleme zu lösen: Pouwa war einen Tagesmarsch von der nächsten Strasse entfernt, und für die Milchverarbeitung fehlte die notwendige Energiequelle. Hinzu kam, dass zur Verarbeitung der Büffelmilch ein neues Produkt entwickelt werden musste.

Das Projekt wurde rasch zu einem Problemfall. Die Molkereifirma leistete ihre Beiträge nicht oder nur mit grosser Verzögerung und schlechter Qualität (Bau der Gebäude und anderer Infrastruktur). Die Wasserversorgung erwies sich als schwieriger als geplant. Die Hauptschwierigkeit war aber, dass die Energieversorgung nicht befriedigend gelöst werden konnte. Die Idee war, den Holzverbrauch (man startete sofort ein Aufforstungsprogramm) mit Biogas zu ergänzen.

Pouwa war das Gegenteil von einem Triple Win (dreifacher Gewinn): Um zum Erfolg zu kommen, mussten drei voneinander völlig getrennte und unabhängige, aber wesentliche Probleme gelöst werden (Energieversorgung, Wasserversorgung, Entwicklung eines marktgängigen Produkts). Die Erfahrung: Der Versuch, zur Zielerreichung verschiedene Probleme auf einmal zu lösen, birgt das hohe Risiko eines Misserfolgs. Ich sehe dies heute als einen der Gründe für den teilweise mässigen Erfolg der Entwicklungszusammenarbeit: Man versucht, zu viele Fliegen mit einem Streich zu töten. Oder noch schlimmer: Die Entwicklungszusammenarbeit versucht, ein punktuelles Problem zu lösen, ignoriert dabei das soziokulturelle und politische Umfeld und nimmt an, die Gesetzgebung und die Landespolitik werden sich in positiver Weise entwickeln.

Beide Projekte, Pouwa und Chialsa/Sallery, zeigten, wie riskant es war, im Rahmen eines Entwicklungsprojekts technisch noch nicht ausgereifte Lösungen anzuwenden. Als Nichtspezialist musste ich dabei selbst die Verantwortung übernehmen. Eine der Konsequenzen war, dass das Pendel in der folgenden Entwicklungshelfergeneration zu stark nach der technischen Seite ausschlug: Man wollte technische Fehlschläge vermeiden, indem in Nepal in den folgenden Jahren vermehrt Ingenieurwissen ins Zentrum gestellt wurde.

1.3  Die 1970er-Jahre aus der Sicht des frühen 
21.Jahrhunderts

Ein Stein des Anstosses: der Schiefer von Alampu

Die Schiefersteine aus Bigu sind ein gutes Beispiel dafür, welche Widersprüche und Herausforderungen von Entwicklungsprojekten ausgehen können, die einen sozialen Wandel zum Ziel haben. Das regionale Entwicklungsprogramm IHDP in Ostnepal unterstützte ein Schulhausbauprogramm. Die Bedachung erwies sich als schwierig. Die Gemeinde (Panchayat) musste das Schulhaus bauen, das Projekt übernahm die Kosten für das Dach. Dabei wollte man auf das kostengünstige Wellblechdach verzichten. Vor dem Monsun wurde es unter diesem Dach unerträglich heiss, und während des Monsuns prasselte der Regen so heftig, dass man das eigene Wort nicht mehr verstand. Man wusste, dass es weit oben in den Bergen Schieferminen gab. Die Dächer sollten mit Schiefer bedeckt werden. Die Minen wurden von der in der Gegend dominierenden Chetri-Familie ausgebeutet. Zu diesem Zweck hatten sie vom Bureau of Mines, der zuständigen staatlichen Behörde, eine Lizenz erhalten. Allerdings hatten die Lizenznehmer ihre Arbeiter, die einer sozial tief eingestuften Gruppe der Tami angehörten, so ausgebeutet, dass diese sich geweigert hatten, weiterhin zu arbeiten. Als Resultat standen die Minen seit einigen Jahren still.

Das Projekt strebte eine Triple-Win-Strategie an: Die Schulhäuser sollten mit Schiefer gedeckt werden, gewissermassen als Rolls-Royce-Lösung, denn dafür brauchte es auch eine ganz andere Dachstruktur als sonst üblich. Die Minen sollten wieder benutzt, die ausbeuterischen Chetri entmachtet und die Lizenz auf die arbeitenden Tami übertragen werden.

Zuerst ging es darum, die Administration der Regierung von den Absichten zu überzeugen. Laut Gesetz war eine Lizenz hinfällig, wenn sie während einer gewissen Anzahl Jahren nicht genutzt wurde. Trotz Widerständen in der Verwaltung und der dominierenden Familien gelang es, die erste Hürde zu nehmen. Das war der erste Win. Bald kamen die Tami mit ihren Lasten zu den Baustellen. Win Nummer zwei. Nach zwei Jahren begann jedoch der Nachschub zu stocken. Was war geschehen? Einer der Tami, es war der erste Tami, der die Schule besucht hatte, hatte sich zum Führer aufgeschwungen und konnte sogar den Khadka, der führenden Chetri-Familie, den Bürgermeisterposten streitig machen. Nun tauchte plötzlich ein Problem auf: Der neue Führer hielt sich nicht an die Vorstellungen von Fairness und Good Governance der Entwicklungshelfer, sondern übernahm das Verhaltensmuster der früheren Herren. Er beutete also seine Tami-Kollegen mit den gleichen Methoden aus, wie dies früher der Feudalherr getan hatte! Konsequenz: Diese waren nicht mehr bereit zu arbeiten. Hier hatte der sozialreformerische Eifer der Entwicklungshelfer seine Grenzen erfahren!

2007, nach 30Jahren, besuchte ich das Projektgebiet wieder. In einem Trekking-Führer stand zu lesen, das obere Tama Kosi, also das Gebiet der Tami, sei während des Bürgerkriegs ein sicherer Hafen der Maoisten gewesen. Das war störend, weil die IHDP-Leute konsequent versucht hatten, die Benachteiligten zu fördern. Es war deshalb naheliegend, verstehen zu wollen, ob es eine Verbindung zur Projektarbeit gab.

Zuerst interessierte zu wissen, wie es dem Tami-Führer ergangen war. Sein politischer Akkulturationsprozess hatte inzwischen offenbar soziale Dimensionen angenommen. Er hatte sich von seiner Frau getrennt und eine Chetri-Frau geheiratet. Später verliess er Bigu, um als Händler im Basar des Distrikthauptorts tätig zu werden. Er war also sozial und wirtschaftlich aufgestiegen.

Zum Erfolg der Maoisten gab es ernüchternde Informationen: Das IHDP hatte seinerzeit ein Stipendienprogramm für Schüler entwickelt, die den ordentlichen Schulabschluss nicht geschafft hatten. Für solche Kandidaten hatte die Schweiz in Jiri eine Berufsschule aufgebaut. Sie konnten eine Ausbildung als Vorarbeiter oder Hilfsschwester absolvieren. Auch dieses Programm war Gegenstand nächtelanger Diskussionen unter Projektmitarbeitern gewesen: Es sollte die benachteiligten Kasten und Volksgruppen bevorzugen. Eine Quelle sagte nun, dass die Tami-Familien von diesem Programm nicht profitiert hätten und dass sie deshalb rasch zu den Maoisten übergelaufen seien.

2008 war die Distriktsekretärin der Maoisten in Dolakha eine junge Chetri-Frau mit dem gleichen Namen wie die oben erwähnten Minenlizenznehmer. Herr Marx lässt grüssen: Für einen echten sozialen Wandel braucht das Proletariat einen Renegaten aus der führenden Elite…

Der Handel mit Schieferplatten in Kathmandu floriert seit 2010 ausserordentlich. Die Platten kommen aus den verschiedensten Gegenden. Diejenigen aus Alampu sind die dünnsten und teuersten! Also Win Nummer drei doch noch erzielt?

Trotzdem die Lehre: Versuche nie, ein Problem punktuell zu lösen. Beispielsweise ist es eine Illusion zu meinen, die Ärmsten der Armen könnten aus der Armut befreit werden, wenn dies nicht Teil einer umfassenden Anstrengung ist, die neben wirtschaftlichen und infrastrukturellen Massnahmen auch politische und kulturelle Dimensionen einschliesst.

Die Lebensumstände in den Hügeln Nepals

Auf der Fahrt von Kathmandu Richtung chinesische Grenze, nach Lamusangu, und weiter nach Charikot sucht der Beobachter 2008 nach den Spuren der Erosion, die in den 1970er-Jahren als Konsequenz der Übernutzung des Landes durch die Bauern angesehen wurden. Er glaubt sich zu erinnern, wo sich in den 1970er-Jahren grosse Erosionsgräben befanden, und will wissen, wie sie sich in den vergangenen 30Jahren entwickelt haben. Nun, das Resultat ist beinahe enttäuschend: Er erhält klar den Eindruck, dass sich die Erosionsgräben nicht vergrössert haben, ja, dass sie inzwischen sogar zugewachsen sind. Das zweite Augenmerk gilt der Qualität der Strasse. Gerade von Lamusangu aus, wo die Strasse bis Nigale von 800 bis auf 2700Meter steigt, erstaunt der ausgezeichnete Zustand des Strassenkörpers. Offenbar ist es gelungen, ein effizientes Unterhaltssystem aufzubauen. Von besonderem Interesse sind die Haarnadelkurven: An gewissen Stellen erkennt man die hohen Drahtkorbmauern kaum mehr, die 1976 gebaut wurden. Die teilweise engen Kurven sind stark bewachsen. Die Bäume, die als Erosionsschutz angepflanzt wurden (Erlen – Alnus nepalensis), haben sich so gut etabliert, dass sie beinahe die Sicht behindern. Diese Eindrücke werden in Gesprächen in Kathmandu bestätigt: Die Lamusangu-Jiri-Strasse gilt allgemein als Vorreiter der Green Roads, die heute propagiert werden: wenig Hangeinschnitt, möglichst wenig Längstransport von Schutt, hohe Priorität für die Entwässerung nicht nur des Strassenkörpers, sondern auch der Hänge, Arbeit mit lokalen Kleinstunternehmen. Dies waren einige der Grundsätze, die rigoros angewendet wurden.

Erstaunlich ist auch, wie sich die kleinen Dörfer und Weiler entwickelt haben. Die Strasse ist zu einem eigentlichen Wachstumspol geworden, was vor 30Jahren nicht unbedingt beabsichtigt war.

Die Projektinfrastruktur in Pakhar – sie war nach Projektende der Regierung übergeben worden, die daraus eine Polizeiausbildungsstätte machte – wurde während des Maoisten-Aufstands vollständig zerstört. Oberhalb von Thulo Pakhar pflegte man früher über übernutzte, magere Weiden zu gehen, wo kaum Gras wuchs. Heute wandert man durch einen hohen Föhrenwald. Überhaupt erstaunt die Zunahme der Forstfläche. Ausserdem ist bei jedem Haus sorgfältig ein Vorrat an Brennholz aufgeschichtet, was vor 30Jahren völlig unvorstellbar war. Damals waren dem Dorf nahe liegende Waldflächen zur Verwaltung und Nutzung übergeben worden. Der Wald war aber Besitz des Staats geblieben. Daraus hat sich im Lauf der Jahre ein System von Community Forestry entwickelt, das im ganzen Hügelgebiet Nepals als Erfolg angesehen werden kann.

Positive Eindrücke ergeben sich auch bei der Betrachtung der Felder: Sie sehen gepflegt aus. Mais erzielt mit Kunstdünger doppelt so viel Ertrag wie vor 40Jahren, und der Anteil an Kartoffeln am Gesamtanbau hat zugenommen. In Kathmandu gelten die Kartoffeln aus der Gegend als Markenzeichen.

Die Häuser sind teilweise frisch gestrichen. An Wegkreuzungen findet man neue und frisch gestrichene Chörten (kleine buddhistische Steinstrukturen). Bei jedem Haus gibt es einen kleinen Unterstand mit einem Wasserbüffel und Langohrziegen. (Sind es Nachkommen der Jamnapari, die im Rahmen des Projekts seinerzeit von Indien eingeführt wurden?) Letztere sind angebunden, und wenn sie geweidet werden, sind sie offensichtlich bewacht.

Als Ganzes bleibt ein sehr erstaunlicher Eindruck. Es ist eine Bestätigung, dass sich in nepalesischen Hügelgebieten viel verändert und dass eine positive Entwicklung stattgefunden hat. Hatten wir eine zu enge Schweizer Sicht auf das Gebiet des IHDP, das seinerzeit das erste Integrierte Ländliche Entwicklungsprojekt war in den nepalesischen Hügeln? Heute muss man das Gebiet als relativ privilegiert bezeichnen. Allerdings lässt sich eine ähnliche Tendenz auch in anderen Gegenden beobachten.

Und trotzdem: Der Wandel und die Produktivitätssteigerung haben offenbar mit den wachsenden Erwartungen nicht Schritt halten können. Wie sonst ist der Erfolg des Maoisten-Aufstands zu erklären? Bei meinem Hügelbesuch fällt mir auf, wie viele Kinder zur Schule gehen und Uniformen tragen. Vor 40Jahren haben nur wenige die Schule besucht, und sie trugen keine Schuhe. Unterwegs trifft man jetzt Frauen, die im Unterschied zu damals offen und direkt Auskunft geben.

Bei den Häusern und auf den Feldern vermisst man die Männer zwischen 16 und 45. Sie sind alle unterwegs im Ausland. Begegnen wir einem Halbwüchsigen, so sagt er, dass er hoffe, bald Arbeit im Mittleren Osten zu finden.

Neben den überwiegend erfreulichen Entwicklungen macht sich beim Betrachter bald auch eine gewisse Ernüchterung breit: Die Fortschritte in der landwirtschaftlichen Produktion sind zwar beachtlich, bleiben aber doch beschränkt. Die kleinen Parzellen an steilen Hängen erlauben keine Mechanisierung, sodass die Steigerung der Produktivität bescheiden ist. Die landwirtschaftliche Diversifikation und die Förderung von vermarktbaren Produkten haben nur in sehr bescheidenem Mass stattgefunden. Kleingewerbe oder verarbeitende Industrie sucht man vergebens. Damit sind der Entwicklung der Hügelgebiete ausserhalb der touristischen Täler enge Grenzen gesetzt, und die Distrikte Sindhupalchowk, Dolakha und Ramechhap werden Auswanderungsgebiete bleiben.

Die Schweiz hat in ihrer Unterstützung den Schritt hin zu Gewerbe- und KMU-Förderung nicht gewagt und hat dafür ab 2009 ein neues armes Gebiet in Okhaldunga und Khotang ausgesucht, wo sie Armutsbekämpfung betreibt.

Erstaunlich ist, dass der ursprüngliche Ansatz der 1970er-Jahre zur Förderung der Selbstversorgung mit Basisnahrungsmitteln respektive der Förderung eines möglichst hohen Grads an Selbstversorgung sich in Ostnepal nicht grundsätzlich verändert hat. Diversifizierung der Wirtschaft, insbesondere der Landwirtschaft, hat nur beschränkt stattgefunden. Die Wertvermehrungskette, die versucht, Mehrwert lokal zu schaffen, hat man erst sehr spät entdeckt.1

Die Gegend wird durch den Bau von Kraftwerken im Tama-Kosi-Tal nun eine neue Belebung erfahren. Die Energie wird vor allem dem Terai, Kathmandu und Indien zugutekommen, wenn es nicht gelingt, dank den neuen Energiequellen die lokale Wirtschaft zu fördern. Inzwischen haben sich einige nicht staatliche Organisationen im Gebiet niedergelassen, die Kleinindustrie und Gewerbe zu fördern versuchen, was die Schweiz nicht mehr unterstützen wollte.

Der Bau der Lamusangu-Jiri-Strasse war in den 1970er-Jahren in der Schweiz sehr umstritten. Von Geldverschleuderung und falschen Prioritäten war die Rede. Auf Initiative des alten Nepal-Kämpen Toni Hagen, der in den Hügeln Nepals keine Strassen, sondern Seilbahnen sehen wollte, beschloss das Parlament sogar, eine Sondermission nach Nepal zu schicken, um das Projekt zu untersuchen. Die Nepalesen haben dies nie verstanden. Bis heute hat sich der Verkehr so intensiviert, dass die Strasse bald auf zwei Spuren ausgebaut werden soll.

Beim erneuten Besuch der Gegend 2013 ergeben sich neue Eindrücke. Charikot, der Distrikthauptort, hat mit seinen mehrstöckigen Bauten nun die Silhouette einer Stadt erhalten. Das anfallende Holz, ein Produkt der erfolgreichen Aufforstungen, wird in einer Spanplattenfabrik verarbeitet. In Suspa-Kschemawati, 20Kilometer flussaufwärts von Charikot, haben die Leute Zugang zu Leitungswasser und Elektrizität (ohne täglichen Unterbruch!). Die wohlhabenden und hochkastigen Familien haben das Dorf seit dem Strassenbau, der Demokratisierung nach 1991 und dem Maoisten-Aufstand zum grossen Teil verlassen und sich in Kathmandu niedergelassen. Über 80Prozent der Bevölkerung gehören nun den Tami an, einer kleinen ethnischen Gruppe, die noch animistische Religion praktiziert. Der Schulleiter aus den frühen 1970er-Jahren erinnert sich, wie der erste Tami die Schule besuchte. Heute stellen sie mit über 80Prozent die Mehrheit der Schüler. Diesem sozialen Emanzipationsprozess steht eine Produktion gegenüber, die sich weitgehend auf die Anpflanzung von Grundnahrungsmitteln beschränkt. Sie hat sich im Wesentlichen nicht verändert. Beachtliche Teile des Landes liegen brach. Die Brahmanen kommen jährlich aus Kathmandu ins Dorf, um ihren Anteil an der landwirtschaftlichen Produktion als Zins einzutreiben. Für die Jungen mit Ausbildung besteht wenig Aussicht, im Dorf eine Zukunft aufzubauen.

Die Tibeter Flüchtlinge

Die Tibeter Flüchtlinge in Nepal waren der Grund für ein direktes Nepal-Engagement der Schweizer Regierung nach dem Aufstand in Tibet 1959. Von der Vielzahl landwirtschaftlicher Fördermassnahmen, die zur Integration der Flüchtlinge initiiert wurden, hat sich keine bewährt. Einerseits hat der Flüchtlingsstatus es den Tibetern nicht erlaubt, Land zu besitzen. Andererseits haben die Schweizer nicht mit der Konkurrenz durch die traditionellen Wirtschaftsformen der autochthonen Bevölkerung gerechnet, und schliesslich waren die Tibeter eher Händler und Gewerbler als sesshafte Bauern.

Mit der Förderung der Teppichproduktion ist der Schweiz aber eine allgemein anerkannte Pionierleistung gelungen. Die Teppichproduktion von der Rohwolle bis zum Fertigprodukt und die Vermarktung wurden in einer vertikalen Organisation aufgezogen. Die Schweiz, vertreten durch ihr Büro in Kathmandu, spielte als Koordinatorin, Finanzgeberin und Mediatorin eine strategische Rolle, die im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit einmalig gewesen sein dürfte.

Dazu brauchte es einige Erfolgsfaktoren: Die Tibeter wohnten in mehr oder weniger geschlossenen Siedlungen, was es erlaubte, alle Mitglieder der Gemeinschaft zu beschäftigen. Die alten und schwächsten wurden mit dem Kardieren (Kämmen) der Wolle beauftragt. Die Frauen (und Kinder) knüpften die Teppiche, und die Männer waren mit dem Färben und Waschen der Teppiche beschäftigt. Die Jungen wurden für Administration und Management ausgebildet. Dabei gab es ein glückliches Zusammenspiel von Umständen: In den ersten Jahren wurden die Produktionsbetriebe und die Handelsfirma in Aktiengesellschaften organisiert. Die Schweizer Regierung war die Mehrheitsaktionärin. Für die Vermarktung sprang eine Schweizer Firma ein, die im Zollfreilager in Zürich ein Verteilzentrum für ganz Europa organisierte. Da der Zugang zu den traditionellen Farbstoffen aus politischen Gründen verwehrt blieb, organisierten die Fachleute die notwendigen Kontakte zur Schweizer Chemie, welche die licht- und waschechten Farben lieferte. Schliesslich waren Schweizer Designer dafür verantwortlich, dass die traditionellen tibetischen Muster und Symbole marktgerecht angepasst wurden. Die ganze Industrie brauchte einen langen Atem: Für einen völlig neuen Teppich musste ein Markt erschlossen werden.

Vor Ort musste die Qualitätskontrolle sicherstellen, dass die Teppiche überhaupt die Hürde des Imports in Europa nehmen konnten. Schliesslich wurden die Gewinne der Produktionsbetriebe und der Handelsfirma in eine Stiftung für Betagte und Sozialfälle kanalisiert. Die Stiftung sollte zur Altersvorsorge dienen und Hinterlassene unterstützen.

Die Grundlagen für das, was füglich als Erfolgsstory bezeichnet werden konnte, wurden bereits in einer Frühphase gelegt, wobei zu Beginn die «Expertenfrauen» eine entscheidende Rolle gespielt hatten. Während die Männer verbissen versuchten, für die Flüchtlinge eine landwirtschaftliche Lebensgrundlage zu schaffen, begannen die Frauen, mit den Tibeterinnen Teppiche zu knüpfen, und halfen damit die Basis zu legen für ein solides wirtschaftliches Einkommen der tibetischen Flüchtlinge in Nepal. Nachträglich gesehen, waren die Tibeterprojekte ein Abenteuer in Public Private Partnership, lange bevor man überhaupt davon sprach.

In den 1970er-Jahren war das System bereits etabliert. Es musste allerdings den neuen Rahmenbedingungen angepasst werden, und die Schweiz spielte im Hintergrund eine wichtige Rolle als Behüter der Unabhängigkeit der Firmen in einem nicht sehr unternehmerfreundlichen Umfeld. Da war einmal die Frage des Nachschubs. Während der ersten Erdölkrise 1973/74 wollte die nepalesische Regierung im Rahmen des grenznahen Verkehrs die von Tibet importierte Wolle plötzlich gegen Erdölprodukte aus der Sowjetunion tauschen, was der ganzen tibetischen Gemeinschaft die wirtschaftliche Grundlage entzogen hätte.

Eine weitere Krise ergab sich mit der lokalen Gesetzgebung, die nicht vorsah, dass Kleinindustrie und Handelsfirmen im Besitz von Ausländern waren. Die Rolle der Schweizer Regierung war rechtlich nicht abgesichert und möglicherweise in Bern nicht in allen Details bekannt. Die Schweizer mussten mit einzelnen Tibetern, die auf verschlungenen Wegen die Staatsbürgerschaft erlangt hatten, Schattenfirmen gründen, damit der Betrieb sichergestellt werden konnte.

Schliesslich waren die Betriebe hoffnungslos unterkapitalisiert. Aus rechtlichen und politischen Gründen war es nicht möglich, neues Kapital einzuschiessen, und die Schweiz war nicht bereit, im rechtlich unsicheren Raum neues Kapital zur Verfügung zu stellen. Die Betriebe mussten deshalb so geführt werden, dass der Gewinn der Firmen als Betriebskapital verwendet werden konnte und nicht in Form von Steuern abfloss.

Ende der 1970er-Jahre war die Teppichproduktion so erfolgreich, dass der Export zur wichtigsten Devisenquelle des Landes wurde. Die Regierung hatte sogenannte Exportboni eingeführt, die es erlaubten, mit dem Export zu beliebten Importlizenzen zu kommen. Da diese durch die Regierung kontrolliert wurden und der Hunger nach Import grösser war als das Exportpotenzial, kam es zu einer Reihe von illegalen Machenschaften, durch welche die Teppiche künstlich verteuert und die Importprodukte verbilligt wurden. Das Ganze endete mit dem Teppichskandal, der drei Minister ihre Funktion kostete und zu einer Reorganisation des Systems der Exportlizenzen führte.

Der Einbruch in der Teppichproduktion erfolgte im Lauf der 1990er-Jahre. Die Einführung von Wandteppichen und Bodenheizung veränderten die Mode und die Bedürfnisse des Marktes. Noch enger wurde es auf dem Teppichmarkt mit der Verbreitung der billigen Laminate. Der Teppichumsatz weltweit, besonders aber derjenige der bekannten Nepal-Teppiche, war in der Folge stark rückläufig. Als Vorteil erwies sich eine gewisse Ausdifferenzierung der Teppichindustrie. Dank Computertechnologie wurde es möglich, seinen eigenen Teppich in Europa zu zeichnen und diesen kundengerecht in Nepal produzieren zu lassen. So entstand eine neue Art von Designerteppichen, die wieder ein Nischenprodukt darstellten.

Die sozialen Unruhen im Zusammenhang mit der maoistischen Bewegung läuteten für die Teppichindustrie in Nepal eine neue Periode ein. Im Gegensatz zu traditionellen Teppichproduktionsländern wie Türkei, Iran, Afghanistan, Pakistan und Indien war die Teppichindustrie in Nepal als Manufaktur in Zentren organisiert und nicht in Heimarbeit. Dies führte dazu, dass zur Zeit der Hochkonjunktur der Teppichproduktion die nepalesischen Knüpfer in frühkapitalistischer Weise in kleinsten Räumen und unter schlechten Bedingungen arbeiteten. Die Teppichzentren wurden so eine Priorität für die gewerkschaftliche Mobilisierung der Maoisten. Die Unruhen in den Produktionszentren nahmen zu, die Produktion stockte. Nach 2005 hatten sich die inzwischen wohlhabenden Tibeter aus der Teppichproduktion weitgehend zurückgezogen. Die Geschichte war immer dieselbe: Die Firma war entweder aufgegeben oder an einen Nepalesen verkauft worden, die erwachsenen Kinder waren in die USA ausgewandert und die Eltern mit der Liquidation der Liegenschaften beschäftigt. Dafür kamen neue Firmen auf, die nepalesischen Bürgern gehörten und die nun dezentral teilweise in den Hügeln in Heimarbeit produzierten.

Wasser als Quelle des Wohlstands

Das Potenzial von Wasser für die Entwicklung des Landes wurde in Nepal schon früh erkannt. Bereits das Swiss Forward Team hatte Vorschläge für Kraftwerke im Einzugsgebiet des Karnali gemacht. Ab Anfang der 1950er-Jahre waren immer neue Initiativen aufgetaucht. Geologische und technische Probleme stellten aber unüberwindbare Hindernisse dar. Heute sind die Wasserressourcen in Nepal unterentwickelt. Das Land leidet an akutem Strommangel. 2008 bis 2011 war die Stromversorgung im Winter in Kathmandu lediglich während sechs bis acht Stunden täglich sichergestellt.

Nepal verfügte 2013 über eine Kapazität zur Produktion von 658Megawatt Elektrizität. Für die gegenwärtigen Bedürfnisse würden mindestens 900Megawatt benötigt. Das von der Weltbank errechnete theoretische Potenzial des Landes liegt bei 42130Megawatt!

Die Schweizer zogen sich nach Beendigung des Sallery-Projekts Mitte der 1980er-Jahre aus der Energieversorgung zurück. Kradolfer, ein Schweizer Einzelgänger, der nicht ernst genommen wurde, missionierte in den 1970er-Jahren vergeblich bei der Regierung und den Gebern für die Realisierung eines Tama-Kosi-Kraftwerks. Posthum wird ihm nun Ehre erwiesen, weil mit ausschliesslich nepalesischer Finanzierung ein Kraftwerk von 420