Welche Schweiz für morgen? - Andreas Schild - E-Book

Welche Schweiz für morgen? E-Book

Andreas Schild

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Beschreibung

Ist Globalisierung mit direkter Demokratie vereinbar? Die Schweiz steht vor enormem Anpassungsdruck. Das Land zeichnet sich durch eine politische Kultur aus, die über Jahrhunderte gewachsen ist. Direkte Demokratie, Föderalismus und Gemeindeautonomie gehören gewissermassen zu ihrer DNA seit dem Mittelalter. Der moderne Bundesstaat hat Postulate der Aufklärung aufgenommen und hat die Verfassung fortlaufend mit zusätzlichen demokratischen Rechten (Referendum, Volksinitiative) ergänzt. Aussenpolitik war kaum je ein Schwerpunkt der Schweiz. Zu Neutralität kam nach dem 2. Weltkrieg Solidarität, welche aussenpolitisch seit der Gründung des Internationalen Roten Kreuzes von der Zivilgesellschaft praktiziert worden war. Die Globalisierung mit der Notwendigkeit international Normen zu befolgen sowie Klimawandel, Armut, Migration und Zugang zu Ressourcen erfordern von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft einen hohen Grad von Flexibilität. Die Notwendigkeit, von aussen beschlossene Massnahmen nach zu vollziehen nimmt zu. Die demokratischen Prozesse werden durch den Druck von internationalen Erfordernissen unterwandert. Die Einschränkung von Souveränität trifft alteingesessene Rechte der Bürger. Dies schwächt die Basis des Staatsgefüges. Die Schweiz hat sich seit dem zweiten Weltkrieg als robuster Wirtschaftsraum erwiesen. Sie gehört zu den Gewinnern der Globalisierung. Dieser Erfolg hat seinen innenpolitischen Preis: Die Anzahl der Personen und Familien, die von dieser Entwicklung nicht profitiert haben, nimmt zu. Der Neoliberalismus hat zu wachsenden Wohlstandsunterschieden geführt. Das vorliegende Papier fordert eine Verkleinerung des sozialen Grabens, eine Erhöhung der aussenpolitischen Kompetenz der Entscheidungsträger sowie eine aktive Rolle der Zivilgesellschaft. Die Exzesse der Globalisierung sollen reduziert werden und die Schweiz soll sich international für dezentrale und pluralistische Gouvernanz einsetzen.

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Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Andreas Schild

Welche Schweiz für morgen?

 

© 2020 Andreas Schild

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg Umschlagbild: Ambrogio Lorenzetti, Von guter und schlechter Regierung. „Saal der Neun“ im alten Rathaus von Siena (1338)

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-08951-8

e-Book:

978-3-347-08953-2

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung und Übersicht

1 Die Schweiz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

1.1 Die Nachkriegszeit

1.2 Der Kalte Krieg

1.3 Der Übergang ins 21. Jahrhundert

2 Die Schweiz in einer sich rasch wandelnden Welt

2.1 Die Globalisierung

2.2 Die geopolitischen Verschiebungen

2.3 Der Kapitalismus als dominierendes Wirtschaftssystem

3 Die Grenzen der Globalisierung

3.1 Die erwachenden Gegenkräfte

3.2 Die Krise der Weltordnung von 1945

3.3 Die Ohnmacht der liberalen Demokratie

4 Die Herausforderungen für die Schweiz

4.1 Die Schweiz ist wirtschaftlich globalisiert

4.2 Der Neoliberalismus und die Globalisierung

4.3 Die Schwächung des Vertrauens in den liberalen Staat.

4.4 Migration und die Furcht vor dem Fremden

5 Wie kann die Schweiz sich positionieren?

5.1 Was für eine Schweiz wollen wir?

5.2 Der prioritäre Handlungsbedarf

5.3 Wie reformfreudig ist die Schweiz?

5.4 Wer führt uns in das 21. Jahrhundert?

Nachwort, Mitte Mai 2020: Wie viel Globalisierung brauchen wir?

Vorwort

Dieser Bericht entstand vor der Corona Krise und wurde nachträglich nicht überarbeitet. Der Grund liegt darin, dass ich der Meinung bin, dass die Aussagen und Vorschläge durch die Pandemie nicht an Aktualität verloren haben. Im Gegenteil, sie müssten heute noch prägnanter formuliert werden.

Mit der jetzigen Gesundheitskrise ist erstmals eingetroffen, wovon schon lange gewarnt wurde: Eine Viruserkrankung hat die ganze Welt erfasst. Die Gefahr der Pandemie ist Wirklichkeit geworden. Bei Ebola und SARS sind wir in Europa blosse Beobachter geblieben. Jetzt sind wir erstmals auch Opfer geworden. Die Corona Epidemie ist so gesehen eine Art gesundheitlicher Nachvollzug der Globalisierung.

Aus Distanz wird die jetzige Krise eine andere und neue Beurteilung erfahren. Bereits jetzt drängen sich jedoch gewisse Lehren auf:

1. Die Staaten, welche bereits Virus Epidemien erlebt haben, waren jetzt besser vorbereitet. Sie haben ihre Hausaufgaben gemacht und konnten effizient reagieren. Wir wurden für unsere Nachlässigkeit bestraft. Das Hauptkriterium für das erfolgreiche Bestehen war nicht Demokratie oder Diktatur, sondern die Frage, wie gut die Gesellschaft und der Staat vorbereitet waren. Bei uns war das neoliberale Sparen wichtiger als die Gesundheitsvorsorge. Wir müssen also mehr vorsorgen, auch wenn es kostet. Der Präsident von Economie Suisse hat dies in einem Interview deutlich gesagt: Wir haben in einem Monat mehr ausgegeben als wir in den letzten 20 Jahren gespart haben. Vielleicht hätte weniger sparen uns besser geholfen, uns auf eine Pandemie vorzubereiten.

2. Der Service public, an dem wir seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gespart haben muss gestärkt werden. Besonders deutlich ist dies im Gesundheitsbereich. Nachhaltig werden die Nachwirkungen im Bildungswesen sein: Homeschooling zeigt nicht nur die gesellschaftliche Bedeutung der öffentlichen Schulen. Es zeigt auch, dass bildungsferne Familien zusätzlich benachteiligt sind. Homeschooling vergrössert die sozialen Unterschiede und verkleinert die Chancengleichheit.

3. Der Sozialstaat hat Robustheit und Krisenfestigkeit gezeigt. Seine Abwesenheit kann in voller Macht in der Vereinigten Staaten beobachtet werden. Die Konsequenzen werden für die amerikanische Gesellschaft verheerend sein. Sie werden auch die Entwicklung der Weltwirtschaft und der schweizerischen Exportwirtschaft beeinträchtigen.

4. Die Abhängigkeit vom Weltmarkt, ja von wenigen Produzenten für die Grundstoffe wichtiger Medikamente, zeigt die Verwundbarkeit unserer Gesellschaft in Zeiten der Krise. Die spontane Reaktion, Rückzug hinter die nationalen Grenzen, ist keine Antwort. Der Nationalstaat wird jedoch an Bedeutung gewinnen. Wir werden die Globalisierung differenzierter beurteilen und deren Rückbau genauer analysieren müssen.

5. Erschreckend ist das Versagen der internationalen Organisationen, sei es die UNO oder die EU. Allerdings: Die Krise hat nichts Neues zutage gebracht, sondern hat die Grundsituation, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, bestätigt. Die Schwäche der internationalen Solidarität und die Unfähigkeit sich über nationale Egoismen hinweg zu setzen, reduziert aus Sicht des Kleinstaates Schweiz allerdings nicht die Notwendigkeit von internationalen Regeln und einer minimalen globalen Gouvernanz.

6. Das gute Funktionieren der staatlichen Institutionen hat an Bedeutung gewonnen und wird in den kommenden Jahren nachhallen. Die Herausforderung im politischen Prozess wird sein, dass wir die Robustheit und Krisenfestigkeit der Institutionen erhöhen, ohne die Eigenverantwortung der Bürger und das Prinzip der Subsidiarität zu schwächen.

Die Bewältigung der Pandemie und ihrer Folgen sollten uns aber auch eine Warnung sein:

- Unser Wohlstand hängt bedenklich vom Wohlergehen der Welt ab. Praktisch jeder erfolgreiche Zweig der Wirtschaft ist irgendwie mit internationalen Wertschöpfungsketten verbunden. Wir bleiben Teil einer globalisierten Welt.

- Direkte Demokratie, Föderalismus und dezentrale Ausführung kommen ohne eine starke Regierung nicht aus. Sie vertragen sich aber schlecht mit einem grossen Regierungsapparat, der Mikromanagement betreibt. Die Regierung muss in der Lage sein, eine Richtung und eine Strategie vorzugeben. Je mehr sie sich mit der Ausführung befasst, desto mehr werden die Grundpfeiler schweizerischer Politkultur geschwächt.

- Die grossen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, Klimawandel, Armut, Migration und der Zugang sowie das Management der natürlichen Ressourcen wurden kurzfristig in den Hintergrund gedrängt. Wir wehren uns kurzfristig und bekämpfen das Unmittelbare. Wir vergessen dabei das Mächtige und Langfristige. Es wird uns dafür später umso heftiger treffen.

- Es gibt keinen Grund, nicht anzunehmen, dass mit zunehmender Globalisierung, die Risiken für Pandemien zunehmen.

Einleitung und Übersicht

Dem Schweizer Pragmatismus würde eine Vision nicht schaden

Die Schweiz ist ein Kleinstaat mit einer spezifischen und einmaligen Politkultur und entsprechenden Strukturen. Mitbestimmung und demokratische Kontrolle sind zwei Schlüsselwörter. Eigenverantwortung und ein Misstrauen gegenüber übergeordneten Instanzen gehören ebenso zur Grundströmung, wie die unkritische und vertrauensbasierte Haltung gegenüber Personen, welche – politisch wie sozial - als Ingroup bezeichnet werden könnten.

Eine solche Ausgangslage verschreibt sich dem Pragmatismus, den Opportunitäten. Eine Beeinträchtigung der eigenen Freiheit und Autonomie wird nur akzeptiert, wenn es wirklich nicht anders geht. Visionen im Sinne einer politisch strategischen Weitsicht haben da kaum Platz. Ihnen wird mit Misstrauen oder oft einem süffisanten Lächeln begegnet. Da politische Entscheide der Prüfung von Experten und Expertinnen, von Kommissionen, der Verwaltung, in Vernehmlassungsverfahren und schlussendlich unter Umständen noch in einem Referendum bestehen müssen, bleibt für eine Vision und eine langfristige Strategie tatsächlich wenig Raum übrig.

Dies soll aber nicht verhindern, dass sich Bürger und Bürgerinnen, Philosophen und Philosophinnen oder ganz einfach denkende Personen Gedanken über die Zukunft machen. Dabei sind nicht einfach Intellektuelle gefordert. Ich erinnere mich: Als Halbwüchsiger hatte ich – für meine damalige Gefühlslage viel zu oft - die Gelegenheit, meine Verwandten in Brienz zu besuchen. Das oft sonntägliche Vergnügen war eine Qual. Der einzige Lichtblick war stets der Besuch bei einem Vetter meines Vaters. Er war Schnitzler und hat sein ganzes Leben an der Schnitzlerbank verbracht. Ob er je und, wenn ja, wie lange er zur Schule gegangen war, konnte ich nie in Erfahrung bringen. Das Erstaunliche für mich war, dass dieser Schnitzler Meissel und Hammer dazu verwendete, um über die Zukunft und über das politische Geschehen nachzudenken. Er kam zu Folgerungen auf Grund vertieften Nachdenkens, die

mich immer in Staunen versetzten. Noch heute denke ich mit Verwunderung und Bewunderung für meinen Onkel an diese Gespräche.

Das vorliegende Papier war ursprünglich als Manifest gedacht. Mit fortschreitender Arbeit kamen jedoch immer mehr Zweifel auf. Das Schwergewicht sollte doch mehr auf Fragen als auf Lösungen gelegt werden. Am liebsten hätte ich CICERO als Personifizierung republikanischer Werte auf die Frontseite gedruckt; gewissermassen als unbestechlicher Beobachter der politischen Szene. Auf der Frontseite steht nun ein Ausschnitt des Freskos von Ambrogio Lorenzetti aus dem Jahr 1337/38 in Siena. Das Bild entstand vor der Wiederentdeckung der antiken Denker und dem Hype, den die Humanisten daraus machten. Es entstand etwas später als das revolutionäre Gemälde, die Madonna mit Kind, von Duccio, welches die ganze Bürgerschaft des aufkommenden Siena in Begeisterung versetzte. Das Fresko von Ambrogio zeigt den Mitgliedern des Rates der Neun, was es braucht zur guten Regierungsführung. Es ist eines der ersten Bilder des ausgehenden Mittelalters, das nicht Maria, die Heiligen oder Szenen aus der Bibel darstellt. Das Wohl des Volkes, Gerechtigkeit und Tugend waren die Leitideen für seine Entstehung.

Die folgenden Ausführungen sind das Produkt eines interessierten Bürgers mit dem Hintergrund eines Historikers und den Erfahrungen einer Person, welche beruflich mit internationaler Zusammenarbeit viel unterwegs war. Das Schwergewicht des Historikers sollte auf der Analyse liegen. Dazu gehört in diesem Text eine Wertung, deren Ausgangspunkt aber nicht die Wissenschaft ist, sondern das Erlebte und damit auch das Subjektive und Emotionale. Allerdings würde aus dieser Haltung nicht ein Papier entstehen, wenn da nicht auch ein politisches Verantwortungsgefühl, die Sorge eines Bürgers aufblitzen würde: Wie wird sich unsere Welt, die Schweiz, aber auch das persönliche Umfeld verändern?

Es gibt deshalb durchaus Folgerungen, welche aufgrund der Analyse, der persönlichen Erfahrungen und Emotionen recht kategorisch und auch kontrovers ausfallen. Aus der Sicht des Schreibenden weisen die Aussagen aber über das persönlich Empfundene hinaus. Es soll sich hier

um einen Diskussionsbeitrag handeln. Dieser soll anregen und auf Widerstand stossen. Wenn es gelingt, eine Diskussion zu provozieren, ist das Ziel mehr als erreicht. Und der Schreiber glaubt, was er schreibt und will dies auch mitteilen. Seine Sicht soll manifest werden und deshalb trug das Papier zuerst den Titel «Manifest».

Das Magnetfeld für die Schweiz von morgen

Es gibt Treiber der Veränderung, welche schon lange wirken, aber jetzt einen neuen Grad von Wirksamkeit erreicht haben. Es gibt auch globale Herausforderungen, welche genügend erkannt sind, aber immer dringender einer Reaktion bedürfen und nach Handeln rufen. Es gibt zusätzlich kurzfristige politische Veränderungen mit potentiell langfristigen Folgen.

Der dominierende Vektor der Veränderung kann mit Globalisierung zusammengefasst werden. Diese hat sich beschleunigt und bringt uns heute mit der Digitalisierung neue, schnelle Problemlösungen, aber ebenso grosse Unsicherheiten. Neu sind seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts die Reaktionen auf diese Entwicklung.

Nicht direkt mit der Globalisierung verbunden, aber von ihr beschleunigt, sind die grossen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, mit denen die Menschheit bereits heute konfrontiert ist: Es geht um Klimawandel, demographische Veränderungen mit Migration, Armut, Zugang und Management von Ressourcen und Pandemien. Es sind dies globale Probleme mit starker lokaler Wirkung. Sie können nur im Verbund oder mindestens in enger Koordination der Staaten untereinander bewältigt werden. Sie verlangen aber auch Massnahmen, welche das herkömmliche staatliche und gesellschaftliche Gefüge unter Druck setzen. Unsere Demokratie mit Referendum, Föderalismus und Gemeindeautonomie ist in Zukunft ganz besonders gefordert.

Schliesslich gibt es politische Entscheide, deren Folgen wir heute nicht abschätzen können. Der Austritt Grossbritanniens aus der EU verkleinert den Wirtschaftsraum Europa und damit die politische Hebelwirkung Europas gegenüber den Grossmächten. Natürlich können wir insistieren, dass auch wir Europa sind und dass Europa nicht unbedingt mit der EU identisch ist. Es ist ein Argument, das nur für Politiker und Politikerinnen und nur kurzfristig von Belang ist. Geopolitisch wichtiger als Europa ist die Position der Vereinigten Staaten. Für den amerikanischen Präsidenten ist die NATO obsolet geworden. Er hat auch schon einmal die EU für die USA als schlimmer als China bezeichnet. Und es wäre ein Irrtum, diese Aussagen als blossen Gemütszustand einer Person zu ignorieren. In der globalisierten Welt hat Europa an Gewicht eingebüsst. Bereits nach 9/11 handelten die USA alleine, wenn auch mit einer grossen Anzahl williger Staaten im Schlepptau, was einen hohen Symbolgehalt aber kaum Wirkung zeigte. Die NATO-Staaten haben sich in Afghanistan nur für Ruhe und Ordnung interessiert und zum Irakkrieg haben sie sich mit Ausnahme von Grossbritannien ablehnend verhalten. Die USA konnten nicht mehr auf Europa zählen.

Die USA und Europa haben noch viele gemeinsame Interessen und die Amerikaner werden auch in Zukunft froh sei, sich in der Auseinandersetzung mit Russland und China auf Europa verlassen zu können. Wir dürfen uns dabei aber keine Illusionen machen: Die USA verlieren ihr Interesse an Europa und am Mittleren Osten (mit Ausnahme von Israel) und stützen sich nur noch auf Saudi-Arabien ab. Europa muss alleine zurechtkommen.

Die Jahre 2015/16 sind Schlüsseljahre. Deutschland öffnete den Flüchtlingen Tür und Tor und provozierte damit im eigenen Land und in der EU eine Krise. Die USA haben mit Herrn Trump einen antiliberalen Nationalisten gewählt und Grossbritannien stimmte für den Austritt aus der EU und träumt von einer glänzenden Zukunft als Juniorpartner der USA.

Für die Schweiz stellt sich die Frage, wie sie mit den globalen Herausforderungen umgehen soll. Wie sie sich in diesem veränderten Umfeld positionieren kann und welches die innenpolitischen Folgen sein werden. Ist die Schweiz fit für das 21. Jahrhundert? Am Schluss des Papiers werden Vorschläge für politische Anpassungen gemacht. Sie sind bescheiden und die Befürchtung ist berechtigt, dass sie nicht genügen werden.

Die Gliederung des Papiers

Im folgenden Text verwende ich meistens die Wir-Form. Ich gehe davon aus, dass wir als Bürger und Bürgerinnen angesprochen sind. Damit möchte ich uns alle auf die Reise einer gemeinsamen Reflexion mitnehmen.

Im ersten Kapitel versuche ich, die Ausgangslage der Schweiz zu beschreiben und die bestimmenden Faktoren für die innenpolitische Strömungen zu analysieren. Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg hat Grundlagen gelegt, welche die Mentalität und das politische Denken bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts entscheidend beeinflusst haben.

In zweiten Teil werden die wichtigsten äusseren Veränderungen eingefangen, welche den Spielraum der Schweiz im neuen Jahrhundert beeinflussen. Ich verbleibe dabei gewissermassen auf der Metaebene der übergeordneten Faktoren. Ich konzentriere mich nicht auf die starken technisch-materiellen Entwicklungen, sondern auf die mächtigen Veränderungen geopolitischer und gedanklicher Art.

Kapitel drei versucht, die Kräfte der Gegenreaktion aufzuspüren.

Das Kapitel vier fokussiert die Schweiz. Ich will zeigen, wie sich die globalen Entwicklungen auf die Schweiz auswirken.

Das abschliessende Kapitel diskutiert den innenpolitischen Handlungsbedarf, wobei gleichzeitig die Frage gestellt wird, was für eine Schweiz eigentlich wünschbar wäre, und ob wir die Energie und den Willen haben, uns für das neue Jahrhundert fit zu machen.

1 Die Schweiz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Drei internationale Entwicklungen haben die Schweiz und das politische Denken der Schweizer und Schweizerinnen in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts beschäftigt und geprägt: Der Zweite Weltkrieg, respektive die Nachkriegssituation, der Kalte Krieg und die Globalisierung der Welt.

1.1 Die Nachkriegszeit

Das Resultat des zweiten Weltkrieges könnte salopp als «wir sind noch einmal davongekommen» umschrieben werden. Auch wenn wir unsere Neutralität zelebrierten, können wir doch sagen: Wir gehörten zu den Gewinnern des Weltkrieges. Zwar sind die Meriten der Schweiz durchaus umstritten. Vereinfacht gesagt waren der Bürger, die Bürgerin, das Volk, voll engagiert in der potentiellen Verteidigung der Schweiz. Mobilmachung und Aktivzeit haben eine ganze Generation geprägt: In ihrem Bewusstsein bewirkte der Widerstandswille und die Verteidigungsbereitschaft, dass wir verschont blieben. Je höher man die gesellschaftliche Leiter hinaufsteigt, desto zweifelhafter wird, wie tapfer und verteidigungsbereit die Schweiz wirklich war. Unsere Industrie erbrachte für die deutsche Armee wichtige Dienstleistungen, die Banken verwalteten jüdische Vermögen und die Nationalbank wusch fleissig und wohlwissend deutsches Gold, das teilweise aus den Konzentrationslagern gepresst worden war.

Obwohl der Durchschnittsschweizer als Soldat, die Durchschnittsschweizerin als Hausfrau sich mit Überzeugung für das Vaterland ins Zeug legten, muss die Beurteilung der Schweiz als Ganzes durchzogen ausfallen. Trotzdem prägte die Parole von der geistigen Landesverteidigung, mit der Herr und Frau Schweizer geimpft wurden, eine ganze Generation und die Weltanschauung der Schweizer und Schweizerinnen für den Rest des Jahrhunderts.

Die Neutralität, eigentlich nicht viel mehr als eine Überlebensstrategie des Kleinstaates in einer Zeit grosser Bedrohung, war einer der roten Fäden, die uns erhalten blieben. Von aussen betrachtet sah diese Neutralität weniger rosig aus: Für die Siegermächte war die Schweiz nicht einmal eine Kriegsgewinnerin, sondern eine Kriegsgewinnlerin. Unsere Infrastruktur war intakt geblieben, unsere Unternehmen hatten gut verdient, ja einige Unternehmen wurden im Verlaufe des Krieges sogar zu schweizerischen Unternehmen. Für die späteren Siegermächte war die schweizerische Neutralität schon während des Krieges ein Deckmäntelchen, unter dem die Schweiz Profite machen konnte. Schon während der Kriegshandlungen wurde von den Alliierten Druck auf die Schweiz ausgeübt und nach geschlagener Schlacht forderten diese von der Schweiz massive Kompensation, eine Beteiligung am Wiederaufbau Europas und gewissermassen Reparationszahlungen. Nur den geschickten Verhandlungen des schweizerischen Unterhändlers Stucki, und der Konzilianz von Bundesrat Petitpierre ist es zu verdanken, dass wir mit einem blauen Auge davongekommen sind.

1.2 Der Kalte Krieg

Unsere tatsächliche Rettung war allerdings der Kalte Krieg. Er liess die auf Reparationen drängenden Personen in der amerikanischen Administration - vor allem im Finanzministerium - verstummen. Exponenten des Aussenministeriums hatten nun das Sagen. Ab 1948 war der neue Feind die Sowjetunion und es herrschte der Kalte Krieg. Für die Schweiz war klar: Unser Herz schlug für die demokratische Freiheit, von ihr waren wir überzeugt. Wir schlugen uns ins Lager des Westens, blieben aber politisch neutral. Die bewährte Ideologie von der geistigen Landesverteidigung rüstete uns gut für die neue Situation. Die Siegermächte dankten uns dies. Die radikalen Forderungen der Amerikaner verschwanden, respektive fielen, wie sich später zeigen sollte, in einen Dauerschlaf. Wir blieben stramme kalte Krieger und Kriegerinnen bis gegen Ende des Jahrhunderts. Wer sich da nicht einreihte wurde observiert, registriert und womöglich plakatiert. Diese Situation dauerte beinahe bis zum Ende des Jahrhunderts, verlor allerdings in den Augen der nachrückenden Generation viel vom Heiligenschein, mit dem wir uns geschmückt hatten. 1989 glaubten gewisse Kreise, heroisch das 50-Jahr-Jubiläum der Mobilmachung feiern zu müssen, was weder im Ausland noch bei der neuen Generation zu mehr als einem Kopfschütteln reichte. Dass der zweite Weltkrieg bis Ende des Jahrhunderts nachwirkte, zeigte sich beim Thema Rückzahlung der namenlosen Vermögen. Mit dem Ende des Kalten Krieges erhielten in der amerikanischen Verwaltung die Strömungen wieder die Oberhand, die bereits am Ende des Weltkrieges finanzielle Forderungen an die Schweiz gestellt hatten. Der Faden von 1946 wurde wieder aufgenommen und führte zu einer Krise unseres Nationalstolzes, einer gehörigen Verstimmung in der schweizerischen Volksseele - und zu einem unglücklichen Verhalten unserer politischen und wirtschaftlichen Führung. Das Wiedererwachen der amerikanischen Forderungen traf die Schweiz völlig unvorbereitet. Der finanzielle Schaden konnte begrenzt werden, weil er auf die Grossbanken abgeschoben werden konnte. Diese konnten ihn verkraften - sie hatten ja inzwischen international genügend Geld verdient. Aber das ungetrübte Verhältnis des Schweizers, der Schweizerin zu den USA - um nicht zu sagen die Bewunderung - erhielt einen gehörigen Nasenstüber. Wobei allerdings auch - nicht nur im Ausland, sondern auch in den Augen eines Grossteils der schweizerischen Bevölkerung - der Finanzplatz Schweiz einen gehörigen Tolggen im Reinheft fasste. Das Erlebnis des zweiten Weltkrieges und die geistige Landesverteidigung verschafften uns aber innenpolitisch gewissermassen einen lateralen Gewinn. Die innenpolitische Auseinandersetzung zwischen links und rechts wurde in ordentliche, mit politischer Konkordanz versehene Bahnen gelenkt und verlor an Radikalität. Die politische Mehrheit zeigte gesellschaftliche Verantwortung. Der ärmere Teil der Bevölkerung hatte den Krieg besser überstanden als den ersten Weltkrieg. Das Nationale half, die politischen Gegensätze zu relativieren, was in der Nachkriegszeit zu einem sozialen Ausgleich führte. Die beschworene kommunistische Gefahr half uns, den innenpolitischen Solidaritätsschub weiter zu pflegen: Die Sozialdemokratie wurde aktiv an der Regierung beteiligt und die Einführung der AHV ermöglichte der älteren Generation, das Alter besser zu geniessen.

Der innenpolitische Ausgleich war wichtig. Man wollte keine Armut aufkommen lassen, welche die Vernachlässigten in die Arme der Kommunisten getrieben hätte. Der innenpolitische Ausgleich fand seinen Niederschlag auch gegen aussen. Solidarität wurde schon in der Nachkriegszeit auf die Fahnen der schweizerischen Aussenpolitik geschrieben und kam in Darlehen an die kriegsversehrten Nachbarstaaten zum Ausdruck. Engagierte Organisationen der Zivilgesellschaft, interessierte aussenwirtschaftliche Kreise und die verbreitete Furcht vor dem kommunistischen Vorrücken in der «Dritten Welt» bewirkten, dass die Schweiz regelmässig Kredite für die Auslandhilfe bewilligte. Der Ausbau des Sozialstaates machte weiter Fortschritte, führte aber auch zu einer gewissen Entsolidarisierung in der Gesellschaft. In den 80er Jahren wurde die Entlassung von Mitarbeitenden zwecks Erhaltung der Profitabilität einer Unternehmung plötzlich sozialpolitisch akzeptierbar, Profitabilität wurde wichtiger als Vollbeschäftigung.

Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen begannen sich in den 80er Jahren zu verändern. Der Neoliberalismus machte sich breit. Die Idee vom sozialen Ausgleich und der Verteilung der Einkommen wurde ersetzt durch die Ansicht, die Unternehmen müssten gestärkt werden. Das Kapital werde durch erhöhte Rendite Anreize erhalten, Arbeitsplätze zu schaffen. Entwicklungspolitisch war der Auslöser für diese neue Sicht die Finanzkrise Mexikos. Erstmals erklärte ein Staat, dass er die Schulden nicht mehr bedienen konnte. Durch diese Krise wachgerüttelt, wurde die verteilungsorientierte Armutsbekämpfung in Frage gestellt. Strukturanpassungen und makroökonomische Sanierungsmassnahmen rückten nun ins Zentrum.

In den Industriestaaten machte sich die Neuorientierung bemerkbar, indem plötzlich nicht mehr die Vollbeschäftigung ein wirtschaftspolitisches Ziel war, sondern wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen, welche es Kapitalgebern erlaubten, erfolgreich in Unternehmen zu investieren. Diese Tendenz wurde verstärkt durch die zunehmende Automatisierung der Produktion: Man brauchte Kapital, um in die teuren Maschinen investieren zu können, während gleichzeitig der Bedarf an qualifizierten Arbeitern und Arbeiterinnen abnahm. Die Bedeutung des Kapitals und die Kapitaleinkünfte nahmen zu, der Stellenwert der Arbeitenden dagegen ab. Das Lohneinkommen verlor gegenüber den Kapitaleinkünften an Wichtigkeit.