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Belarus, August 2020. Die Präsidentschaftswahl ist in vollem Gange. Artur Klinau, Schriftsteller und Künstler, erhält einen Anruf: Seine Tochter Marta wurde verhaftet. Er fährt nach Minsk und macht sich auf die Suche. In den überfüllten Gefängnissen der Stadt werden Menschen festgehalten, die gegen massive Wahlfälschungen protestiert haben und nun der Gewalt der Staatsmacht ausgeliefert sind. Erschütternde Berichte über Folterungen dringen nach außen.
Minutiös protokolliert Klinau seine Erfahrung dieser dramatischen Tage. Zugleich setzt er die Ereignisse ins Verhältnis zur jüngeren Geschichte des Landes und erschließt ihren politischen, historischen und lebensweltlichen Kontext. Mit bitterem, spöttischem Strich zeichnet er das Porträt eines Diktators, eines „Künstlers“ sui generis, der seine Werke mit der Axt erschafft.
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Seitenzahl: 243
Veröffentlichungsjahr: 2021
4Foto: © Brigitte Friedrich
5Artur Klinaŭ
Acht Tage Revolution
Ein dokumentarisches Journal aus Minsk
Aus dem Russischen von Volker Weichsel und Thomas Weiler
Suhrkamp
Das Buch wurde aus dem Manuskript übersetzt.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2021
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe der edition suhrkamp 2772.
Erste Auflage 2021edition suhrkamp 2772© der deutschen Übersetzung Suhrkamp Verlag Berlin 2021Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
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Umschlag gestaltet nach einem Konzeptvon Willy Fleckhaus: Rolf Staudt
eISBN 978-3-518-77044-3
www.suhrkamp.de
Artur Klinaŭ
Acht Tage Revolution
Ein dokumentarisches Journal aus Minsk
Aus dem Russischen von Volker Weichsel und Thomas Weiler
Suhrkamp
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Impressum
Prolog
Der Vortag
Samstag, 8. August
Der erste Tag
9. August, Sonntag
Der zweite Tag
10. August, Montag
Der dritte Tag
11. August, Dienstag
Der vierte Tag
12. August, Mittwoch
Der fünfte Tag
13. August, Donnerstag
Der sechste Tag
14. August, Freitag
Der siebte Tag
15. August, Samstag
Der achte Tag
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Epilog
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Hinweise zum eBook
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Der Zusammenbruch einer Diktatur ist ein überwältigendes Schauspiel. Zumal wenn er aus heiterem Himmel kommt. Dein halbes Leben sitzt du schon am Ufer des trägen Gelben Flusses und wartest darauf, dass die Leiche deines Feindes in schwarzem Anzug, weißem Hemd und Lackschuhen vorbeischwimmt, aber die Jahre gehen ins Land, das Wasser fließt und fließt, und er will einfach nicht kommen. Du regst dich nicht einmal mehr auf, die Hoffnung ist dem Halbschlaf gewichen, der Tag der Dämmerung, die Erwartung dem Zweifel. Du hast dich abgefunden, hast dich arrangiert. Fast dein gesamtes Erwachsenenleben hast du mit der Diktatur zugebracht, und sosehr du sie verachtest, sie gehört inzwischen zur Familie. Ihr habt euch zurechtgeruckelt und versteht einander blind, wenngleich es in eurer Beziehung längst weder Sex noch Gefühle gibt, ja nicht einmal mehr Hass. Du weißt, was du tun musst, um sie am Esstisch nicht zu verärgern. Wie du Messer und Gabel zu halten hast, wann es ins Bett geht, wovon du dich fernhalten sollst, mit wem du lieber nicht durch die Kneipen ziehst und was du besser für dich behältst, um keinen auf den Deckel zu kriegen. Auch sie kennt all deine Marotten und lässt dir vieles durchgehen. Es sind ja nur Petitessen, nicht weiter 10bedrohlich. Trink in Ruhe dein Sonntagsbierchen in der Shoppingmall, lies dein Käseblättchen, mach deinem Ärger Luft – aber nicht auf der Straße, nicht mit Fahnen.
26 Jahre sind eine Epoche, ein ganzes Leben. Du hast es in einer Strafkolonie zugebracht, die du längst in- und auswendig kennst. Hier ist das Tor, der Zaun, der Stacheldraht und das Wachhäuschen. Und dort die Zelle. Darin der Kübel und der Tisch, darauf dein Becher, der Aluteller und der Löffel.
Der Sturz eines Diktators ist erst recht irritierend. Er war ja immer mit im selben Raum. Wo ihr zu zweit wart, war er der Dritte, wenn ihr zu dritt wart, war er der Vierte. An jeder Wand hing sein unsichtbares Bildnis. Jeden Abend kam er aus dem Fernseher, beschwichtigte, scherzte, verkündete, belehrte, erteilte Rügen mit finsterer Miene, erzählte von der internationalen Verschwörung. War er milde gestimmt, lächelte er, dann erntete er Wassermelonen, streichelte seinen Spitz, schwang mit Gérard Depardieu die Sense oder spielte Bajan und sang. Wenn er in Rage geriet, drohte er den internationalen Strippenziehern – seine Riesenfaust nahm den halben Bildschirm ein.
Er war Experte auf allen Gebieten: wie man Kartoffeln verwöhnt, Häuser anbaut, Filme errichtet, Kinder anmischt, aus Weidenruten Traktoren schnitzt 11oder die Eier anpacken muss, damit der Zement nicht eingeht. Er war Metallurg, Bergmann, Eishockeyspieler, Ackerbauer. Und dazu noch Schlosser, Bäcker, Traktorist, Ingenieur der menschlichen Seele, Meister des Sports in sämtlichen Kampfkünsten, Mathematiker, Wissenschaftler, Dichter, Logiker, Physiker, Politiker, Ethiker. In letzter Zeit auch noch Arzt. Er kam in jedes Haus und erklärte, wie man sich mit Banja, Wodka und Traktorfahren vor der neuen Seuche schützen kann.
Er war Batka-Jabatka, ein Zweitvater in jeder Familie. Manche verachteten ihn, andere richteten sich ein, wieder andere liebten ihn. Aber rauswerfen konnte man ihn nicht. Als kleiner heidnischer Halbgott, geschnitzt aus einem alten Holzstrunk, saß er am Bett, stand er auf dem Tisch und lugte aus der Ecke. Du konntest ihn im Schrank verstecken, hinter Büchern verschwinden lassen, in einem Glas Galle versenken oder ihn im Ofen verbrennen – im nächsten Augenblick war Batka-Jabatka wieder da, auferstanden aus der Asche. Manche rückten dem hölzernen Götzen mit dem Beil zu Leibe, andere küssten ihn, leckten ihn ab und legten ihn unters Kopfkissen. Aber alle hatten ihn immer und überall ganz in ihrer Nähe.
Ich weiß noch, wie ich ihn in den 90er Jahren hasste. Wenn Er morgens zu mir kam, wollte ich ihn zer12trümmern, zerschlagen, vergammeln lassen, vernichten. Aber ich war Konzeptkünstler. Und er ein hölzerner Phallus. Also porträtierte ich ihn. Mit einem verschlagenen Grinsen saß der Batka in Kustodijews Gemälde Kaufmannsgattin beim Tee und schlürfte Tee von einer weißen Untertasse. Was er mit der Kaufmannsgattin angestellt hatte (Axtmord? Knüppel auf den Kopf? Verhaftet?), blieb außen vor. Bestimmt hatte er sie einfach mit seinen riesigen Bauernpranken gepackt und aus dem Bild geworfen. Um das Ganze noch realistischer erscheinen zu lassen, ließ ich am Himmel über ihm vier rote Hähnchenschlegel in Reih und Glied vorüberfliegen.
Das war sein erstes Porträt. Bis dahin hatte ihn noch niemand gemalt. Auch die offiziellen Batka-Darstellungen sollten erst später folgen. Ich denke, Er wusste das zu schätzen. Jedenfalls sind mir seither alle staatlichen Türen verschlossen. Nie wieder wurde ich ins Fernsehen, zu Veranstaltungen oder zum Zeitungsinterview eingeladen, mein Name stand auf der schwarzen Liste und war aus der korrekten Kultur getilgt. So wurde ich zum Dissidenten auf Lebenszeit, dem nur noch ein Weg offenstand: nach Westen.
Später lernte ich, Ihn zu ignorieren – so ließ es sich leichter leben. Ich betrachtete ihn nur noch als heidnische Halbgottheit, als Idol aus Holz, das auf 13dem Fernseher oder im Buffet hinter der Scheibe stand. Allerdings wurde Er immer wütender. Fortan starrte er mich aus seinem Winkel hinter dem alten sowjetischen Kristall stumm und feindselig an.
Dass auch der Batka Künstler war, ging mir erst später auf. Und die Idee seiner Kunst blieb mir lange verborgen. Was er auch malte, geriet ihm grob, schräg und plump. Ich war Konzeptkünstler, er ein Primitivist, der mit der Axt malte. Das war selbst für meine Verhältnisse zu radikal. Er tauchte die breite Klinge in Farbe und fuhr damit über die Leinwand. Sein Werk war sonderbar, es wurde mit jedem Strich monochromer. Zumal er aus unerfindlichen Gründen lediglich zwei Farben auf seiner Palette hatte: Grün und Rot. Grün neben Rot oder umgekehrt wäre ja noch gegangen. Aber sobald Er sie auf der Leinwand mischte, wurden sie zu Braun. Überhaupt endete alles, was er malte, in 101 Brauntönen. Alles, was er berührte, wurde braun. Manchmal hielt ich ihn selbst für einen verkappten konzeptualistischen Künstler. Er errichtete draußen vor dem Fenster seine sonderbare braune Welt aus Rot und Grün. Wenn ich es nicht mehr mit ansehen konnte, zog ich die Vorhänge zu und wandte mich meinem eigenen Projekt zu.
Einmal brachte ich eine Neujahrskarte mit ihm her14aus, basierend auf dem Bild, aus dem er die Kaufmannsgattin geworfen hatte (oder hatte er sie einfach wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis gesteckt?). Jedenfalls trank er immer noch Tee aus der Untertasse, umgeben von Katze, fliegenden Hähnchenschlegeln und hellblauen Schneeflocken. Unter dem Bild prangte der Schriftzug: »S Nowym godom!« (Frohes neues Jahr), man konnte aber statt »godom« auch »Godot« lesen.
Auf der Rückseite der Klappkarte waren der Name des Künstlers, Titel und Jahr angegeben, außerdem der Hinweis: »Nur im Umschlag versenden«. Wann immer ich sie verschickte, sah ich Ihn vor meinem geistigen Auge, wie er in einem versiegelten braunen Holzumschlag mit Fransen den Gelben Fluss hinabfuhr.
Mein Vater war auch schon Künstler gewesen. Er wohnte nicht bei uns. Ich liebte ihn natürlich, aber als er starb, wollte keinerlei Gefühl aufkommen. Ich weiß noch, wie ich stumpfsinnig an seinem Grab stand und der Leere in mir lauschte. Vielleicht lag es daran, dass ich einen Monat zuvor meine Mutter beerdigt hatte. Als mein Vater dann auf dem Gelben Fluss dorthin fuhr, von wo noch niemand zurückgekehrt ist, überkam mich plötzlich ein heftiger Anfall von Waisenkummer. Weder Mutter noch Bruder noch Vater, noch Großmütter, Großväter oder Tan15ten waren mir geblieben. Ich hatte nur noch meine Tochter Marta.
Im Anfang war die Leere,
und sie stand in einem schwarzen Raum,
finster und kalt war es in ihr,
und ich warf meinen Namen in sie.
Marta wurde am Samstagabend verhaftet. Männer in Zivil waren zu der Schule gekommen, wo sie die Wahl beobachten wollte, und hatten sie aufgefordert mitzukommen. Ich erfuhr es von Natalja, ihrer Mutter. Um 19.37 Uhr schrieb sie mir auf Viber: »Dascha wurde verhaftet.«
Meine Tochter hat zwei Vornamen. Das ist bei uns nicht ungewöhnlich, wenn die Frau orthodox und der Mann katholisch ist. Auf Drängen meiner Schwiegermutter haben wir unsere Tochter mit drei Monaten taufen lassen. Der Pope gab ihr den Namen Darija. Aber als unsere Tochter größer war, entschied sie sich für ihren katholischen Vornamen. So wurde sie zu Marta-Darija. Seither heißt sie bei 17Gleichaltrigen und im Freundeskreis Marta, für uns ist sie immer noch Dascha.
Als ich die Nachricht bekam, stieg ich auf den Hügel, wo der Empfang besser ist, und rief Natalja an. Seit einigen Jahren lebe ich fernab der Hauptstadt in einem Weiler in der Waldeinsamkeit an der litauischen Grenze, im »Wilnaer Vorgebirge«, wie ich die Gegend nenne. Natalja erzählte, es wäre am späten Nachmittag gegen halb fünf passiert, und Marta sei jetzt im Polizeirevier des Kastrytschnizki-Rayon. Außer ihr hätten sie noch mehrere andere Personen mitgenommen und ließen sie nicht mehr raus. Ich machte mich sofort auf in die Stadt, um ihr warme Sachen fürs Gefängnis zusammenzupacken. Marta hatte in den vergangenen Monaten in meiner Minsker Wohnung gewohnt. Natalja hat keinen Schlüssel.
Ich kann nicht behaupten, dass die Nachricht mich schockiert hätte. Irgendwie machte ich mir kaum Sorgen um meine Tochter. Bei den Wahlen vor zehn Jahren wurde sie schon mal geschnappt, beim Plakatekleben. Doch damals war sie noch keine 16 und kam schnell wieder frei. Ich wusste, dass Marta zwar ein ruhiges Naturell hat, aber eben auch einen eigenen Kopf. Nach der fünften Klasse hatte ich für sie einen Platz an einem guten Gymnasium im Zentrum von Minsk gefunden. Nach drei Jahren wollte sie plötzlich ans belarussische Untergrundlyzeum 18wechseln, dessen Unterricht in privaten Räumlichkeiten irgendwo am Stadtrand stattfand. Ich war eigentlich dagegen, aber auch wieder nicht so sehr, dass ich ihr den Wechsel verboten hätte. Drei Jahre lang fuhr sie jeden Tag mit dem Vorortzug zur Schule, anstatt gemütlich zu Fuß zum Gymnasium in der zentralen Straße der Hauptstadt zu gehen, welches seine Reputation mit jedem Jahr verbesserte. Ich war mir also ziemlich sicher, dass ein Aufenthalt in der Zelle Marta nicht würde brechen können, nicht in fünfzehn Tagen.
Sorgen bereiteten mir allerdings die sich häufenden Berichte über unmenschliche Haftbedingungen in den diversen Haftanstalten, Untersuchungsgefängnissen und Isolationszentren. Das Regime stellte sich auf Proteste ein und gab allen vorab zu verstehen, was sie im Gefängnis zu spüren bekommen würden: Sie werden wie Vieh behandelt, werden schmoren oder frieren (je nach dem), in stickiger Luft, im Dreck, ohne Nahrung, fast ohne Wasser, auf stinkenden, schmutzigen, verlausten Matratzen.
Ein derartiger Umgang mit Gefangenen war neu. Wir hatten zwar eine Diktatur, aber nicht die klassische harte Version, sondern die postmoderne Variante: diese seltsame Hybride einer Diktatur, die als Demokratie erscheinen möchte und sich daher das Rechtsstaatsmäntelchen umhängt und gewisse 19Mindeststandards einhalten muss. Und sie wurde von Jahr zu Jahr hinfälliger und liberaler. Doch als im späten Frühjahr die Ersten ihre zwei Wochen abgesessen hatten, klang das, was sie erzählten, gar nicht mehr nach Postmoderne.
Ich wollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass Marta mit einem Bußgeld davonkommen würde, doch auch das würde sicher nicht vor Montag geschehen.
In dem Haus, das der Batka sich gebaut hat, ist der Sonntag heilig. Da ruht nicht allein der Schöpfer, sondern es ruhen auch all die von seiner Hand geschaffenen Handlanger und die Richterschaft sowieso. Wenn also jemand am Freitag verhaftet wurde, kam er vor Montag auf keinen Fall wieder frei. Erst dann hieß es: Bußgeld oder 15 Tage. Ich war mir fast sicher, dass Marta eine Arreststrafe blühte. Einen Tag vor der Wahl am Sonntag würden sie erst recht niemanden laufen lassen. Für das Regime war es sicherer, sie zwei Wochen hinter Gittern zu haben, falls es Proteste gab, die nicht gleich in der ersten Nacht erstickt werden konnten.
Außerdem war Marta unabhängige Wahlbeobachterin, so etwas hasste der Batka. Es störte die Harmonie seiner Schöpfung. Und die Wahlen waren sein Opus Magnum. Hier war er nicht nur Schöpfer, sondern auch ein Alchemist auf der Suche nach dem Lebenselixier. Denn in der Politik wollte er auf ewig 20bleiben. Er schien zu spüren, dass sich an den Ufern des Gelben Flusses die finsteren Massen tummelten, die nur darauf warteten, dass sein Leichnam in schwarzen Lackschuhen aus dem Tor der Gelben Stadt geschwommen käme. Diesen Gefallen würde er ihnen nicht tun. Er musste eine Möglichkeit finden, den Dreck der missgünstigen Stimmen in das Gold des Sieges zu verwandeln.
Einer der finstersten Tyrannen des 20. Jahrhunderts soll gesagt haben, es sei unwichtig, was auf dem Stimmzettel steht, wichtig sei nur, wer die Stimmen zählt. Dies hatte der Batka tief verinnerlicht. Er hatte gelernt, richtig zu zählen, und dies so virtuos, dass noch der letzte Stimmenmist seiner Gegner zu Gold verwandelt wurde. Sein Kniff war die vorzeitige Stimmabgabe. Es musste in jener kurzen Zeitspanne geschehen, in der die Wahlurne (das alchemistische Gefäß der »Demokratie«) für mehrere Nächte allein in einem leeren, verschlossenen, dunklen Raum stand.
Die Fälschung einer demokratischen Wahl ist nicht nur eine schwere Sünde, sie ist ein Kapitalverbrechen. Perfekte Verbrechen werden in aller Stille und ohne Zeugen begangen. Sicher, man hätte die Stimmen auch nach der alten Methode »richtig« auszählen können, wie es der Vater der Völker gemacht hatte, ganz ohne alchemistische Manipulationen. Aber 21dann wären zu viele Menschen involviert gewesen. Die Mitglieder der Wahlkommissionen gingen landesweit in die Zehntausende. Sie wurden zwar alle gründlich überprüft, aber man konnte nie ganz sicher sein, ob nicht doch jemand sich verplapperte, etwas durchsickern ließ und am Ende sogar zu einer eidesstattlichen Erklärung gezwungen sein könnte.
Stalin hatte es leichter gehabt. Damals war es kein großes Problem, 70 000 Mitglieder von Wahlkommissionen zum Schweigen zu bringen. Notfalls wurden sie erschossen. Aber die Zeiten hatten sich geändert, und die alchemistische Formel musste dem demokratischen Schein angepasst werden. Der Batka hat sie perfektioniert. Sie lautet nun: »Was auf dem Zettel steht, ist unwichtig, wichtig ist, wann er in die Urne kommt!« Jetzt konnte man die Stimmzettel sogar korrekt auszählen, sie mussten nur vorher ausgetauscht werden.
So waren nicht mehr Zehntausende am Mysterium des Verbrechens beteiligt, sondern weitaus weniger. Keine Massen unnützer Zeugen mehr, sondern nur noch einige ergebene Gefolgsleute. Die nehmen nachts die störenden Stimmzettel aus der Urne und werfen die richtigen ein. Genial! So etwas konnte sich nur ein wahrer Künstler ausdenken.
Allerdings verstand ich zunächst nicht, wozu der Batka es nötig hatte. Er hätte auch ohne Manipula22tionen bei fast allen Wahlen die Mehrheit der Stimmen geholt, jedenfalls mindestens 50 Prozent. Die Opposition brüllte zwar regelmäßig »Betrug«, aber alle wussten, die Bevölkerung stand hinter ihm.
Erst später wurde mir klar, dass ihm ein normaler Sieg nicht reichte. Er musste triumphieren. Wegen der grenzenlosen Liebe, die er sich selbst zumaß, hätte ihm, dem Großkünstler, ein einfacher Sieg nicht genügt. 52 Prozent hätten ihn vom Sockel geholt und zu einem gewöhnlichen Politiker herabgestuft. Er hingegen musste mit seinen triumphalen 80 Prozent in anderen Sphären schweben.
Den Zauber der vorzeitigen Stimmabgabe hatte der Batka erstmals im Jahr 2001 erprobt. Um seinen Triumph von 1994 zu wiederholen, musste er etwa 20 Prozentpunkte draufschlagen. Später durchschaute ich die alchemistische Zahlenlogik: Der Anteil der vorzeitig abgegebenen Stimmen entsprach in etwa der Zahl der ausgetauschten Stimmzettel. Er lag meist im Bereich von 30 Prozent. Das ergab ein einigermaßen realistisches Bild: Rund 50 Prozent hatten für ihn gestimmt, 30 hatte er draufgeschlagen.
Die Opposition beschwerte sich jedes Mal, die Wahlen seien gefälscht. Und das stimmte ja auch. Nur hätte der Batka auch ohne Betrug gewonnen, allerdings nur mit knapper Mehrheit. Wahrscheinlich hat die Opposition einfach nicht erkannt, dass er ein 23kreativer Geist war. Dabei wollte er nicht einfach nur ein Mann der Kunst sein, sondern ein Künstler von Format.
Doch diesmal war etwas schiefgelaufen. Die üblichen 30 Prozent Zuschlag hätten nur für einen hauchdünnen Vorsprung gereicht. Für einen triumphalen Sieg musste ein unfassbares Plus her: 55 bis 60 Prozent, mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen. Vor allem aber war es diesmal plötzlich schwierig geworden, die Menschen zur vorzeitigen Stimmabgabe zu animieren. Bislang hatte das Volk immer hinter dem Batka gestanden und war anstandslos wählen gegangen. Jetzt aber waren sich sämtliche Politastrologen und selbst die auf Kreml-Tarot spezialisierten Kartenleser einig, dass sich seine realen Zustimmungswerte um die 20 bis 25 Prozent bewegten. Zuverlässigere Quellen gab es leider nicht. Bereits einige Jahre zuvor hatte Er in weiser Voraussicht die Soziologie als Irrlehre und Pseudowissenschaft fast vollständig aus dem Land verbannt. Die Ergebnisse, die der klägliche Überrest ermittelte, wurden sorgsam unter Verschluss gehalten. Realistische Wahlprognosen konnte niemand abgeben, höchstens seine Geheimpolizei.
Doch jetzt rächte sich die Verbannung der Soziologie. Seine Gegner konnten eine x-beliebige Zahl in den Raum stellen und sie als Tatsache ausgeben. So 24kam schon im Mai der Wahlkampfslogan »Sascha 3 %« auf. Die Zahl konnte weder bestätigt noch widerlegt werden. Da aber die Mehrheit nun tatsächlich gegen den Amtsinhaber stand, wurde der Slogan rasch populär. Mehr noch, er wurde zu einem psychologischen Druckmittel, sodass »Saschas« Rating weiter sank. Die Unentschiedenen, die sich stets auf die Seite der Mehrheit schlagen, wussten jetzt, wohin sie sich besser nicht mehr orientierten.
Natürlich standen trotzdem wesentlich mehr als 3 Prozent weiter hinter dem Batka. Auch ohne »Pseudowissenschaft« konnte man sich ausrechnen, wer alles objektiv von Seiner vielleicht sogar verabscheuten Regierung abhängig war, wer etwas zu verlieren hatte und wer schlicht fürchtete, es würde ohne Ihn noch schlimmer kommen. So kam man immer noch auf etwa 20 Prozent. Aber 20 Prozent wären für den Großkünstler ein Fiasko. Als würde bei der Premiere nur ein Fünftel des Publikums applaudieren und die übrigen 80 Prozent buhen, pfeifen und mit faulen Tomaten werfen. Das ist mehr als ein Fiasko – eine Schmach und Katastrophe. Also kam es dieses Mal besonders auf die vorzeitige Stimmabgabe an.
Am Tag vor ihrer Verhaftung hatte Marta mir am Telefon erzählt, die Wahlbeteiligung in ihrem Wahllokal werde verdoppelt oder sogar verdreifacht. 50 Personen seien im Laufe des Tages gekommen, 25im Protokoll stünden aber 130. Hier zeigte sich die Schwachstelle der Methode. Da man so viele Stimmen draufschlagen musste, die Leute aber einfach nicht vorab zur Wahl gehen wollten, konnte der Betrug über die tatsächliche Wahlbeteiligung nachgewiesen werden.
Das über die Jahre bis ins Kleinste ausgeklügelte alchemistische Verfahren funktionierte plötzlich nicht mehr. Bezirksschuldirektor Pjotr Petrowitsch Petrow betrat wie gewohnt in seinem schwarzen Zaubermantel Schlag Mitternacht das Büro, begab sich im Dunkeln ohne Hast zum Safe und steckte 130 »richtige« Stimmzettel in die Urne. Aber die Ketzer, die draußen vor der Schule Wache schoben, wussten genau, dass zuvor nur 50 Zettel drin gelegen hatten.
Deshalb ging die unabhängige Wahlbeobachtung den Pjotr Petrowitschs auch so unsagbar auf die Nerven. Das Mysterium des okkulten Prozesses war transparent geworden. Also mussten die Zeugen beseitigt werden. Zunächst verfolgte man einen so simplen wie effektiven Ansatz – man erinnerte sich plötzlich an das Coronavirus und erklärte, aus Pandemiegründen seien nur noch maximal fünf Beobachter im Wahllokal zugelassen. Das waren in aller Regel die eigenen, bewährten Leute. Alle anderen wurden unverzüglich vor die Tür gesetzt. Aber die »Außen26seiter« ließen nicht locker, sie postierten sich an der Tür, auf der Treppe, vor dem Schultor und zählten durch Lücken im Zaun, durch schmutzige Fensterscheiben und Schlüssellöcher, wie viele Menschen vorab zur Urne gingen.
Das brachte die Pjotr Petrowitschs noch mehr in Rage. Manche von ihnen verlegten sich auf Denunziationen. Sie konnten hanebüchenen Unsinn verzapfen (Hexensabbat am Schultor mit Randale, unflätigen Reden und Besenflügen über das Schulgelände stört das Wahlvolk), sofort war die Miliz vor Ort und räumte auf. Und wenn die »Hexen« protestierten, bekamen sie eine Anzeige wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt. In den Tagen der vorzeitigen Stimmabgabe wurden im ganzen Land Dutzende solcher »Störenfriede« festgenommen. Nun also auch meine Marta.
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte.
Franz Kafka
Dass sie den Batka kaltmachen wollten, wurde schon im Mai deutlich, als der Wahltermin bekanntgegeben wurde.
Ich mag das Wort »kaltmachen« nicht, anders als jener, der gern Leute »auf dem Klo kaltmacht«, Fliegen von Frikadellen fernhält und mit den Kranichen zieht. Auf einmal verunglimpften sie das Batka-Figürchen im Herrgottswinkel als Kakerlake und er28hoben einen Pantoffel zum Symbol des Wandels. Ich ahnte sofort, woher der Wind wehte. Moskau hatte durchblicken lassen, wie die Sache laufen sollte. Der Kreml konnte eine Revolution in Belarus nicht gebrauchen. Pantoffeln stehen nicht für Wandel. Sie vermitteln keinerlei positive Botschaft, sondern besagen höchstens: Komm in die Puschen, nimm den Pantoffel und schlag die Kakerlake tot. Die Marschrichtung war klar. Natürlich nicht Mord, aber in die Ecke sollte er gedrängt werden, wie 2010. Damals war es den Regierenden im Kreml gelungen, die Sache so zu steuern, dass der Batka mehrere Jahre im Käfig saß und Belarus Europa entrissen war. Als nächster Schritt sollte die endgültige Kapitulation folgen, die Aufgabe der Souveränität. Aber ihn komplett zu zerquetschen – das hatte nicht geklappt. Mit dem Krieg in der Ukraine verschob sich die geopolitische Lage, und der Batka konnte aus dem Käfig entwischen.
Bei diesen Wahlen nun sollte er endgültig kaltgestellt werden. Der Starze aus dem Kreml war merklich verstimmt über den lokalen Götzen, daher sein geringschätziger Tonfall. Schon im vergangenen Jahr hatte er den Batka in den Schwitzkasten genommen, um ihm die Zustimmung zur Roadmap für die Integration der beiden Staaten abzuringen. Der hatte sich nach Kräften gewehrt, war nicht eingeknickt 29und hatte damit die Pläne für eine »schöne und elegante« Lebensverlängerung des Starzen um zwei weitere Amtszeiten durchkreuzt, die durch eine Union beider Staaten und eine neue Verfassung herbeigeführt worden wäre. Entsprechend groß war der Frust. Also sollte das eingeübte Stück noch einmal aufgeführt werden, aber so, dass die »Kakerlake« schmählich im Schraubglas festsitzt und endlich der Deckel draufkommt.
Dafür musste man nur Chaos und Massenunruhen provozieren. Demonstrativ hart durchgreifen würde der Batka dann schon von allein. Die altbekannte Tschekistentaktik, erprobt in zahlreichen postsowjetischen Staaten: die Lage destabilisieren, alle einmal mit den Köpfen zusammenstoßen und dann »divide et impera«, bevor der Sturm sich gelegt hat. Oder besser noch, den Batka nicht einfach demütigen, sondern ihn auch noch an seiner empfindlichsten Stelle treffen – seiner Selbstverliebtheit. Schließlich arbeitete Er, das Künstlergenie, seit 26 Jahren an seinem bombastischen Gemälde mit dem Titel Stabilität. Es war sein ganzer Stolz und der Quell seiner Selbstbegeisterung. Ein Monumentalgemälde, 50 × 100 Meter groß, entfernt an Anselm Kiefer erinnernd, nur eben in tausend Brauntönen. Was es darstellen sollte, war nicht zu erkennen – offenbar eine braune Sonne, braunen Himmel, braune Häu30ser, Erde und Menschen. Ein gigantisches braunes Rechteck, ein überdimensionaler Backstein mit Namen Stabilität.
Und nun wollte so ein revolutionäres, vom Kreml geschmiertes Gesindel sein makelloses Bild mit Farben aus anderen Töpfen besudeln: Orange, Gelb und Blau. Der Starze sah die Reaktion des Batka nur allzu deutlich voraus. Er würde seiner Hände Werk mit erhobener Axt verteidigen. Und dem Fernsehen ein Bild bereiten, das CNN und Euronews ihm aus der Hand reißen würden!
Ich hoffte noch auf ein Wunder, damit uns das erspart blieb. Aber die Ereignisse vor den Wahlen sprachen eine andere Sprache. Der Batka witterte Meuterei und schärfte eifrig die Axt. Die ganze Woche über hatte er schon Truppen in Minsk zusammengezogen, als bereite er sich tatsächlich auf Straßenschlachten vor. Am Vortag der Wahl fuhr er höchstpersönlich sämtliche Stoßtrupps ab, als wollte er jedem Kämpfer Auge in Auge die stumme Frage stellen: »Bist du auf meiner Seite? Wirst du mich nicht verraten? Ich habe euch ja erschaffen! Ich habe euch aus Gülle gemacht, aus grauem Straßenstaub, grünem Moos und fauligem Sumpfwasser. Ich habe euch aus den ärmlichen Siedlungen, aus der abgehängten Provinz geholt. Euch Vergünstigungen, Sold und Obdach in der Hauptstadt verschafft! Ich habe 31euch nach meinem Bilde und Gleichnis erschaffen und euch in mein braunes Gemälde gesetzt. Also beweist mir jetzt eure Treue!«
Er wird versucht haben, seine Furcht zu verbergen, und doch werden sie sie bemerkt haben. Nein, nicht die Demonstranten fürchtete er. Der Batka war es gewohnt, die Axt zu schwingen. In seinen 26 Jahren hatte er 101 Möglichkeiten gefunden, jede Form von Protest zu unterbinden. Aber diesmal stand ihm nicht der Minsker Hipster mit einem Topf Acrylfarbe gegenüber. Ein furchteinflößenderer Feind lugte aus der Finsternis hervor. Natürlich hatte man ihm berichtet, Er war bestens informiert. Er wusste, dass auf der anderen Seite der Ostgrenze undefinierbare Truppen versammelt waren. Dass der Kreml Plan А
