Achtsamkeit in der Natur - Verena Schatanek - E-Book

Achtsamkeit in der Natur E-Book

Verena Schatanek

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Beschreibung

Die Natur als Teil achtsamer Begegnung Nirgendwo ist Achtsamkeit leichter als in der Natur, und auf nichts ist die Natur mehr angewiesen als auf die Achtsamkeit der Menschen. An alle, die die Haltung der Achtsamkeit verstehen, lernen oder intensivieren möchten; alle, die sich vorstellen können, die Natur stärker in Therapie, Prävention und Beratung einzubeziehen und alle, die in der Naturpädagogik mit Erwachsenen und Kindern die Beziehung zur Natur weiterentwickeln, wendet sich dieses Buch. Das Buch zeigt, wie man sich Naturerfahrungen öffnen kann. Die Autoren rekonstruieren die bisherigen Bemühungen hierzu in Naturpädagogik, Psychotherapie, Lebensberatung und Naturethik und halten Ausschau nach möglichen Weiterentwicklungen. "Achtsamkeit in der Natur" ist daher sowohl ein Übungsbuch als auch ein Grundlagentext für die weitere Praxis und Forschung auf verschiedensten Arbeitsgebieten. Das Buch wurde für diese neue Auflage auf 101 Übungen erweitert und insgesamt aktualisiert und bearbeitet. "Das Buch ist von vorne bis hinten ein rarer Glücksfall (...). Allen Pädagogen, Trainern oder Therapeuten sei es ans Herz gelegt." – Andreas Sauer, www.fachbuchkritik.de

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Seitenzahl: 506

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Michael Huppertz & Verena SchatanekAchtsamkeit in der Natur

Über dieses Buch

Die Natur als Teil achtsamer Begegnung 

Nirgendwo ist Achtsamkeit leichter als in der Natur, und auf nichts ist die Natur mehr angewiesen als auf die Achtsamkeit der Menschen. Dieses Buch eröffnet in 101 naturbezogenen Übungen vielfältige Zugänge zu einer achtsamen Naturerfahrung. Wer die Haltung der Achtsamkeit verstehen, lernen oder intensivieren möchte, findet hier ebenso anregende Vorschläge wie all jene, die in Therapie, Beratung und Pädagogik mit einem stärkeren Naturbezug arbeiten wollen. Das Buch ist sowohl ein Übungsbuch als auch ein Grundlagentext für die weitere Praxis und Forschung auf verschiedensten Arbeitsgebieten. Es wurde für diese neue Auflage um 17 neue Übungen erweitert und insgesamt aktualisiert. 

„Das Buch ist von vorne bis hinten ein rarer Glücksfall (...). Allen Pädagogen, Trainern oder Therapeuten sei es ans Herz gelegt.“ – Andreas Sauer, www.fachbuchkritik.de

Michael Huppertz, Dr. phil. Dipl.-Soz., Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Veröffentlichungen zum Thema Achtsamkeit und zu philosophischen Aspekten der Psychiatrie und Psychotherapie.

Verena Schatanek, Master of Science in Biologie, Naturpädagogin, Naturschullehrerin und Co-Leiterin der Naturschulen von Grün Stadt Zürich. Zuvor mehrere Jahre im Pro Natura Zentrum Aletsch, zahlreiche Aufenthalte in der Sahara.

Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2015 2., überarbeitete Auflage 2021

Coverfoto: Gustave Courbet, Das Meer bei Palavas (1854)

Fotos © Verena Schatanek

Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2021

ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0195-3

ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0220-2 (EPUB), 978-3-7495-0222-6 (PDF),  978-3-7495-0221-9 (EPUB für Kindle).

Übungsverzeichnis

Blitzlicht

Sharing

Und-Techniken

Vorstellungsrunde „Wir in der Natur“

Der eigene Platz

Versammlungsplatz

4. Rezeptive Übungen

1. Vorschläge zurufen

2. 90-Grad-Drehen

3. Einen Ort sehen

4. Denken, Hören, Schauen

5. Einen Ort hören

6. Mit dem inneren Bild wahrnehmen

7. Nah-Fern-Übung

8. Horizont eröffnen

9. Gehen auf unebenem Boden

10. 3-2-1-Übung

11. Klangspuren

12. Drei Fokusse

13. Sich für einen ungewohnten Sinn entscheiden

14. Zwei-Bäume-Übung

15. Natürliche Berührungen

16. Berührungen der Natur

17. 3-Stufen-Tasten

18. Körperreise mit Baum

19. Frieren

20. Den Wind wahrnehmen

21. Schmecken

22. Riechen und Schnuppern

23. Am Wasser

24. Impulse wahrnehmen und nicht befolgen

25. Bei sich sein – in der Natur sein

26. Auf der Erde liegen

27. Weite Achtsamkeit

5. Erkundende Übungen

28. Panoramaübung

29. Thematisches Erkunden

30. Natur und Kultur

31. Reviere erkunden

32. Der Wechsel der Atmosphäre

33. Das Wetter erkunden

34. Absichtsloses Erkunden

35. Zeitpanorama

36. Baum blind tasten und wiederfinden

37. Jahreszeiten erkunden

38. Suchen und Sammeln

39. Spiegelgang

40. Den Untergrund wahrnehmen

41. Landschaftslinien aus unterschiedlichen Perspektiven

42. Lücken

43. Mit dem Körper die Umgebung erkunden

44. Fotograf und Kamera

45. Sich Raum nehmen

46. Natur als Atemraum

47. Wo kommt es her?

48. Blind führen

49. Tülltuchübung

50. Nomadenübung

51. Gegensätze in der Natur suchen

6. Empathische Übungen

52. Den Tieren in der Natur zuhören

53. Natureindrücke beschreiben und teilen

54. Gemeinsame Wege

55. Bewerten und Nicht-Bewerten

56. Mikrokosmos

57. Einem Tier folgen

58. Sich Tieren nähern

59. Zeitgefühle

7. Spielerische Übungen

60. Tastmemory

61. Mehr und weniger

62. Mit Geräuschen führen

63. Mit Stöcken führen

64. Schleichen

65. Silhouetten Übung

66. Geschwindigkeitsvariationen

67. Baumtelefon

68. Steilhang erklettern

69. Mit Wasser experimentieren

8. Gestaltende Übungen

70. Unscheinbares in Szene setzen

71. Zeichnen

72. Landschaftslinien mit Bewegungen gestalten

73. Miniaturlandschaft

74. Farbpaletten

75. Mit Pflanzensäften klecksen

76. Arrangement auf dem Wasser

77. Naturaquarelle

78. Beleuchten

79. Verfremden

80. Waldnetz oder Mandala

81. Drei Dimensionen

82. Verbinden

83. Aufräumen

84. Archäologiefeld

85. Waldkunst

86. Mein Barfußpfad

87. Borkenkäferäste einfärben

88. Naturkonzerte

9. Kontemplative Übungen

89. Kontemplationen in der Natur

90. Themen und Metaphern

91. Naturerlebnisse

92. Sonnenuntergang oder -aufgang, Dämmerung und Nacht

93. Feuer

94. Kleine Welt

95. Wasser

96. Vorstellen – Erfahren

97. Anfängergeist in der Natur

98. Brückenübung

99. Unter Bäumen

100. Durchschreiten eines alten Waldbestandes

101. Jahreszeiten

Danksagung

Michael Huppertz: Mein Dank gilt meinen Kolleginnen und Kollegen der AG Achtsamkeit in Darmstadt. Ohne ihre Experimentierfreude, ihren Idealismus und ihre Freundschaft wäre dieses Buch nicht entstanden. Außerdem danke ich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern unserer Gruppen und Workshops für Skepsis und Kritik, Rückmeldungen und Anregungen.

Verena Schatanek: Ich danke meinem Mann Marcel, der immer wieder ein kritischer und neugieriger Gesprächspartner und Gegenleser war, und meinen Söhnen. Barbara Gugerli, Rolf Jucker und Matthias Wörne danke ich für die anregenden Feedbacks und Diskussionen. Ein Dankeschön an meine Kollegen Rita Schneider und Roman Thaler für die gemeinsamen Achtsamkeitsanlässe in der Natur. Mein Dank gilt zu guter Letzt allen Kursteilnehmenden und dem ganzen Team der Naturschulen von Grün Stadt Zürich für ihre konstruktiven praxistauglichen Anregungen beim „achtsamen Experimentieren“.

Wir danken beide unserem Verlagsleiter Dr. Stephan Dietrich für sein Vertrauen in dieses Thema und die reibungslose Zusammenarbeit.

Wir wechseln in diesem Text zwischen männlichen und weiblichen Bezeichnungen. Die jeweils anderen Gender sind immer mitgemeint.

„Allerdings hat es keinen Zweck, unsere Schritte zum Wald zu lenken, wenn sie uns gar nicht wirklich dorthin tragen. Bisweilen gehe ich eine ganze Meile in den Wald hinein und bemerke dann erschrocken, dass ich nur körperlich dort bin, im Geiste aber nicht. Bei meiner nachmittäglichen Wanderung möchte ich meine morgendlichen Tätigkeiten und meine gesellschaftlichen Obliegenheiten am liebsten vergessen. Aber nicht immer kann ich unser Städtchen so einfach abschütteln. Der Gedanke an irgendeine Aufgabe schießt mir durch den Kopf, und schon bin ich nicht mehr dort, wo mein Körper ist – ich bin nicht mehr bei Verstand. Auf meinen Wanderungen möchte ich aber gern zu Verstand kommen. Was soll ich im Wald, wenn ich dort an etwas denke, das nicht im Wald ist?“ (H. D. Thoreau, 2013 [1851], S. 17)

„Ich denke, der Mann der Wissenschaft sowie die meisten Menschen begehen einen Fehler: daß sie nämlich ein Phänomen kühl betrachten als etwas, das unabhängig von ihnen existiere und in keinem Bezug zu ihnen stehe. (…) Der Philosoph, der einen Regenbogen restlos erklären kann, hat nie einen gesehen. Diese Gegenstände interessieren mich nicht an sich, wie den Wissenschaftler, sondern von einem Standpunkt aus, der irgendwo zwischen mir und ihnen liegt.“ (H. D. Thoreau, 1996 [1837–1861], S. 211 / 212)

„Mein Leben ist untrennbar mit dem Leben der Welt verwoben; erwache ich frühmorgens und stelle fest, dass sich eine wochenlange Krankheit gelegt hat und meine Kräfte zurückkehren, so strotzt die Welt vor Energie und Tatendrang, wenn ich vor die Tür trete: Schwalben schießen in wildem Flug an mir vorbei, die von der frisch asphaltierten Straße aufsteigenden Hitzewellen treiben mir beißenden Teergeruch in die Nase, und die alte, rote Scheune am Feldrand ragt verwegen steil in den Himmel auf. Legen sich wiederum die Nebelschwaden über das Tal, in dem ich wohne, vernebeln sie auch mein Bewusstsein, legen sich über meine Gedanken, lassen meine Muskeln müde werden und sich nach Schlaf sehnen. Die Welt und ich befinden sich im gegenseitigen Wechselspiel. Die Landschaft, wie ich sie unmittelbar erfahre, ist alles andere als ein determiniertes Objekt; sie ist eine vieldeutige Sphäre, die auf meine Empfindungen antwortet und wieder in mir Gefühle hervorruft.“ (Abram 2012 [1996], S. 53)

Vorwort zur 2., überarbeiteten Auflage

„Nirgendwo ist Achtsamkeit leichter als in der Natur, und auf nichts ist die Natur mehr angewiesen als auf die Achtsamkeit der Menschen.“ Mit diesem Satz haben wir die erste Auflage unseres Achtsamkeitsbuches begonnen. „Auf nichts ist die Natur mehr angewiesen als auf die Achtsamkeit des Menschen“ – der zweite Teil des Satzes drängt sich uns auf, als wir im Sommer 2020 in einem uns vertrauten Wald unterwegs sind. Der Satz hat eine beunruhigende Aktualität bekommen. Dort, wo noch bis vor kurzem wunderschöne Fichtenwälder dazu eingeladen haben, Achtsamkeit in der Natur zu üben, stehen großflächig nur noch dürre oder absterbende Bäume. Die klimatischen Veränderungen betreffen längst nicht nur die Fichten, sondern es steht uns ein viel tiefgreifender Wandel bevor: Die Eschen gehen weiträumig an der eingeschleppten Triebspitzendürre zugrunde, die Buchen leiden an vielen Standorten unter der Trockenheit und selbst die als robust geltenden Ahornbäume kämpfen als Folge der warmen und trockenen Sommer mit verschiedenen Pilzkrankheiten. Das Kreischen der Motorsägen ist allgegenwärtig: Schon den ganzen Sommer über versuchen Forstarbeiter, Wege und Straßen zu sichern und den Borkenkäfer in Schach zu halten. Sie werden weit über das laufende Jahr hinaus alle Hände voll zu tun haben.

Ein Ende ist nicht in Sicht: Das klimabedingte Waldsterben ist in vollem Gange. Viele Gedanken kommen uns in den Sinn: Sie entstehen aus persönlicher, beruflicher und ökologischer Betroffenheit. Unser Blick wandert über die Hügel, Täler, Wälder. Könnte man in dieser Gegend Achtsamkeitskurse in der Natur anbieten? Auch wenn man die Eigenwerte der Natur betont und die Achtsamkeitspraxis in der Natur nicht nur zum Wohle von uns Menschen betreiben will: Möchte man wirklich permanent die Auswirkungen des Klimawandels vor Augen geführt bekommen und in den Ohren haben? Bisher schätzten es Kursteilnehmer, dass sie Achtsamkeit in der Natur an einem Ort erlebten, an dem sie auftanken und sich erholen konnten und an dem sie zugleich berührt wurden von der Schönheit der Gegend.

In den letzten fünf Jahren seit der Erstauflage des Buches haben sich die Angebote erheblich vermehrt, die die Schönheit, den Duft und den Klang der Wälder einsetzen, um mit dem „Patient Mensch“ den „Doktor Wald“ aufzusuchen. Viele stressgeplagte Menschen erleben gerade die Wälder als Heil- und Kraftorte. Wir haben uns gefreut, dass achtsame Anlässe in der Natur, z. B. unter dem Label „Waldbaden“1, regelrecht am Boomen sind. Sie schienen uns eine niederschwellige und durchaus angenehme Möglichkeit, Menschen in Kontakt mit der Natur zu bringen. Gleichzeitig dachten wir aber auch, dass der Ansatz zu einfach ist und dass diese Angebote aus biologischer, naturpädagogischer, aber auch ethischer Perspektive zu sehr auf uns Menschen, unsere Gesundheit und Erholung und unser Befinden ausgerichtet sind. Nun wurde bei der gemeinsamen Erkundung die Frage konkreter: Kann man im Wald „baden“ und den Fichtenduft wegen seiner biochemischen Substanzen einatmen, um die eigene Gesundheit zu stärken, und dabei übersehen, wie angeschlagen die scheinbar vitalen Bäume in Wirklichkeit sind? Man kann es übersehen, wenn man sich vor allem für das interessiert, was das eigene Befinden verbessert. Der Wald wird dann zu einem Anlass, innere Ruhe und Ausgeglichenheit mithilfe der meist positiven Ausstrahlung dieses Lebensraumes wiederherzustellen. Die Terpene, Stoffe, die die Bäume abgeben, sollen nebenbei das Immunsystem in Schwung bringen. Dabei kann man sich durch die Achtsamkeit legitimiert fühlen. Ist es denn nicht ihr Ziel, einen Zustand der Ruhe und Gelassenheit inmitten einer unheilvollen und leidvollen Welt herzustellen? Werden wir nicht dabei aufgefordert, den Weg in die Gegenwart und nach innen zu gehen, wo allein diese Erlösung zu finden ist? Warum dann nicht den Anblick sterbender Bäume meiden und auf gesündere Wälder in der Umgebung ausweichen, denen das Schicksal noch bevorsteht?

Aber ist das ein befriedigender Weg und ist es wirklich ein achtsamer? Wohl kaum. In der vorliegenden 2. Auflage möchten wir im Angesicht des Klimawandels und der Notwendigkeit zu handeln, noch stärker betonen, wie wichtig ein sorgfältiger Umgang mit dem Konzept der Achtsamkeit in der Natur ist.

Das scheint uns auch aus folgendem Grund notwendig: Häufig wird Achtsamkeit heute so beschrieben, als sei sie ethisch neutral, ja als ginge es überhaupt darum, eine neutrale Haltung einzunehmen. Eine Haltung des Beobachtens, des sachlichen Beschreibens und der Distanz zum eigenen Erleben kann tatsächlich hilfreich sein, wenn man zu emotional ist und zu stark auf äußere Ereignisse reagiert. In gewissem Maß gehört dies auch zur Haltung der Achtsamkeit. Wenn aber diese Distanz zu sehr betont und als allgemeine Lebenshaltung empfohlen wird, verlieren wir die emotionalen, lebendigen, teilnehmenden und verantwortungsvollen Aspekte der Achtsamkeit aus den Augen. Weniger zu bewerten und die eigenen Bewertungen durch genaueres Beschreiben infrage zu stellen, hat einen begrenzten praktischen Sinn. Es taugt aber nicht als Lebenshaltung. Nach neueren Untersuchungen konnte mit Achtsamkeitsübungen, bei denen man aufgefordert wird, nicht zu bewerten, das schlechte Gewissen reduziert werden und zwar unabhängig davon, ob es berechtigt war oder nicht. Solche Versuche legen nahe, dass man mit einem falsch verstandenen Achtsamkeitstraining auch die Bereitschaft und Motivation, sich persönlich wie gesellschaftlich zu engagieren, mindern kann.2 Erfahrungen aus der Achtsamkeitsarbeit mit Strafgefangenen in den USA zeigten, dass deren kriminelle Neigungen durch eine Haltung des Nicht-Bewertens eher gesteigert wurden.3 Das Engagement bedeutender Zen-Lehrer für den japanischen Nationalismus und Militarismus hat gezeigt, dass die Achtsamkeit missbraucht werden kann, um Selbstaufgabe, bedingungslose Unterordnung und Gefühllosigkeit zu entwickeln.4 Und wenn Achtsamkeit als wertfreie Praxis aufgefasst wird, müssen wir auch aufpassen, dass der zunehmende Einsatz von Achtsamkeit in Schulen und Unternehmen nicht vor allem der Disziplinierung und der Leistungssteigerung dient.

Die Achtsamkeit in und für die Natur zeigt, wie wichtig es ist, Achtsamkeit nicht als eine Haltung des Nicht-Bewertens und des Sich-Abschottens, sondern als eine Haltung des differenzierten Bewertens und der differenzierten Teilnahme zu verstehen. Wir stellen dies in Kapitel 1 genauer dar. Es ist nicht sinnvoll, Achtsamkeit als wertfreie oder nicht bewertende Haltung zu beschreiben, um dann mit ihrer Hilfe die Wertschätzung der Natur stärken zu wollen. Traditionell war Achtsamkeit immer ein Teil ethisch anspruchsvoller Systeme. Sie war der Ethik nicht übergeordnet, sondern untergeordnet. Niemand hätte in diesen Traditionen verstanden, dass man Achtsamkeit hauptsächlich zur Steigerung des eigenen Wohlbefindens einsetzt. Wir versuchen in Teil 3 des Buches zu zeigen, dass sich die Sensibilisierung für den Wert der Natur aus der Achtsamkeitspraxis selbst ergeben kann und zu welchen Konsequenzen dies z.B. im Bereich der Naturpädagogik mit Kindern und Erwachsenen führen kann.

Bestimmt führt die Achtsamkeitspraxis in der Natur in der Regel zu mehr Wohlbefinden und Gesundheit (s. Kap. 11). Sie ist meist leicht, spielerisch, lebendig, befreiend, oft auch erheiternd. Wir haben viel Freude mit ihr. Sie kann darüber hinaus auch existenzielle und spirituelle Erfahrungen ermöglichen. Wesentliche Werte der Idee der Achtsamkeit sind existenzielle Wahrheit und Freiheit. Wir können durch die Achtsamkeitspraxis in der Natur Einsichten gewinnen in die menschliche Existenz, die immer auch eine ökologische ist. Wir können durch die Achtsamkeitspraxis einfühlsamer werden und unseren existenziellen Horizont erweitern, z. B. indem wir ein anderes Zeitgefühl entwickeln, unsere persönliche Bedeutung realistischer einschätzen oder Dankbarkeit und Verbundenheit mit der Natur entwickeln. Diese Entwicklung kann ihrerseits zu mehr Wohlbefinden, Gesundheit oder gar Glück führen.

Unsere Existenz, die Natur selbst und unser In-der-Natur-Sein sind aber keine reinen Quellen der Freude. Wer in der Achtsamkeit vor allem das Wohlbefinden in der Natur kultivieren will, nimmt die Natur auch entsprechend selektiv wahr: Sie ist wohltuend, sie duftet, ist harmonisch, kennt – anders als die Zivilisation – keine enervierenden Geräusche, sie ist beruhigend, zuverlässig, voller wunderbarer Farben und Formen, schenkt Geborgenheit, segensreiche biochemische Substanzen usw. In dieser Auswahl ist kein Platz für Stechmücken und lärmende Zikaden, Viren, Gifte, Stürme, extreme Hitze und Kälte, gefährliche Strudel, Sümpfe, Wüsten usw. Man muss das alles nicht zur Kenntnis nehmen, aber in der Haltung der Achtsamkeit wäre es schon früher oder später angebracht. Ignoranz passt nicht zu Achtsamkeit. Wenn wir uns für die Bedingungen interessieren, denen menschliche und nicht-menschliche Lebewesen und ökologische Systeme unterworfen sind und mit denen wir alle in der einen oder anderen Form konfrontiert sind, werden wir in der Natur Licht und Schatten mit all ihren Zwischentönen erleben.

Die Natur erleichtert nicht nur die Achtsamkeit, sie fordert uns auch auf, Achtsamkeit zu verstehen. Wissenserwerb, Reflexion und Kritik passen sehr gut zur Achtsamkeit.5 Die Haltung der Achtsamkeit hat viel Ähnlichkeit mit der Haltung der Wissenschaft: Interesse an der Wirklichkeit, Realismus, Selbst-Dezentrierung, Offenheit, Experimentieren, Skepsis, Bereitschaft zur Veränderung von Auffassungen, Perspektivenwechsel, Gesprächsbereitschaft, Kooperation. In der Achtsamkeitspraxis in der Natur wird oft die sinnliche Erfahrung betont, weil sie uns rascher in die Gegenwart führt und dort hält. Aber es ist abwegig, daraus einen Gegensatz zum Denken, zum Wissen und zur Reflexion zu konstruieren. Das Wissen stärkt häufig unseren Kontakt mit der Wirklichkeit und unser differenziertes Wahrnehmen. Wenn wir Bäume, Blumen, Tierstimmen unterscheiden und benennen können, erleben wir mehr, nicht weniger. Gerade für die Integration der Achtsamkeit in die Naturpädagogik ist dies eine wichtige Erkenntnis. Die Haltung der Achtsamkeit fördert das Wissen und das Wissen fördert die Haltung der Achtsamkeit. Wenn sich also Naturpädagogen von der Achtsamkeit wieder abwenden, weil sie angeblich dem Wissenserwerb im Wege stehe, so ist das ein grober Irrtum. Wertschätzung, Bauchgefühle, Intuitionen allein genügen nicht für einen achtsamen Umgang mit der Natur, es braucht auch offene Augen und Fachwissen. Naturzugänge, die lediglich das eigene Selbst erfahren oder gar optimieren wollen, helfen hier nicht weiter, auch wenn sie sehr dem Zeitgeist entsprechen, der das persönliche Glück zu einem zentralen Wert erhebt und die Verantwortung dafür dem Einzelnen aufbürdet.6 Wir können in der Achtsamkeit in der Natur mehr bei uns sein und uns mehr spüren, aber das sollte unserer Auffassung nach im Zusammenhang mit einer verstärkten Zuwendung zur Natur geschehen, in Empfangsbereitschaft, Resonanz und einer Verbundenheit mit dem, was gemeinsam mit uns existiert und für das wir uns engagieren wollen.

Wir haben gerade mehrere Irrtümer über Achtsamkeit beschrieben, die Einfallstore für eine berechtigte Kritik sind:

Die Darstellung, die wesentlichen Ziele der Achtsamkeit seien Wohlbefinden, Gesundheit und Glück.

Die Darstellung, die Achtsamkeit richte sich vor allem nach innen.

Die Darstellung, Achtsamkeit sei eine grundsätzlich nicht-bewertende Haltung.

Die Darstellung, Achtsamkeit favorisiere das Nicht-Denken.

Alle diese Behauptungen finden sich in zahllosen Texten über Achtsamkeit, man könnte fast sagen, sie bestimmen in verschiedenen Kombinationen den Mainstream. Diejenigen Kritiker, die ein Interesse an der Idee bewahrt haben, bedauern, dass es so viele verschiedene Auffassungen von Achtsamkeit gibt und sie benennen manchmal auch diese Schwachstellen. Das ist sehr wertvoll. Wenn man an dem Konzept der Achtsamkeit festhalten will, ist es notwendig, dies – auch gegen den Mainstream und die eine oder andere Tradition – so zu erklären, dass es den berechtigten Einwänden standhalten und gerecht werden und seine volle Wirkung entfalten kann. Es gibt einen wichtigen Kern des Begriffs, der auch ohne die oben genannten Mythen überzeugend ist und zur Suche nach dem beiträgt, was man mit Recht ein „gutes Leben“ nennen kann. Darüber hinaus bietet die Idee der Achtsamkeit, wenn man sie von dem Ballast überzogener Behauptungen und Versprechungen befreit, einen Beitrag zur Vision einer Welt, in der wir leben können und wollen. Zu einer solchen Vision gehört sicher die Achtsamkeit auf die nicht-menschliche Natur, nicht nur weil wir sie als Menschen brauchen, sondern auch weil es für uns Sinn ergibt, die belebte und unbelebte Natur um ihrer selbst willen zu erhalten und zu fördern. Wir werden dies können, wenn wir gelernt haben, ihr auch ohne Absichten zu begegnen und sie so zu achten, wie sie ist.

Im Lauf der Zeit haben wir das Repertoire an Achtsamkeitsübungen in der Natur dank vieler Mitteilungen und Inspirationen erweitern können. So kommen zu den 84 Übungen aus der ersten Auflage einige neue Übungen und viele neue Varianten hinzu. Wir haben im Übungsverzeichnis vermerkt, welche Übungen neu sind und zu welcher Übung wir neue Varianten vorstellen. Zu manchen Übungen gibt es neue Beschreibungen oder neue Namen, die den Kern besser treffen.

Die Einleitung, die einführenden Kapitel und die Empfehlungen für die Achtsamkeitspraxis in der Natur sind im Wesentlichen dieselben geblieben.

Auch die Kapitel 10, 11 und 13 im Teil 3 sind wesentlich überarbeitet und aktualisiert. Spezielle Tipps für die Achtsamkeitspraxis mit Kindern, insbesondere im naturpädagogischen Setting, finden sich im Kapitel über die Naturpädagogik. Die eigenen Erfahrungen und die Erfahrungen unserer Kursteilnehmer, die wir in den letzten Jahren gewonnen haben, konnten in diesen Text einfließen. Wir freuen uns auch in Zukunft über Rückmeldungen und Beiträge!

1  Quing Li 2018, Bernius, Cavelius 2018, Dalchow 2020, Brämswig 2020.

2  Schindler 2020.

3  Tangney et al. 2017.

4  Victoria 1997.

5  Huppertz 2009, Metzinger 2014.

6  Cabanas, Illouz 2019.

Einleitung

Nirgendwo ist Achtsamkeit leichter als in der Natur, und auf nichts ist die Natur mehr angewiesen als auf die Achtsamkeit der Menschen. Achtsamkeit ist die Kunst, in der Gegenwart und in wachem Kontakt mit der Umgebung und mit sich selbst zu sein, ohne weitere Absichten zu verfolgen. Sie ist die Kunst, einfach nur da zu sein. Diese Haltung erlaubt uns, die Natur in Ruhe zu betrachten und der Wirkung, die sie auf uns hat, nachzuspüren, ohne Anstrengung, offen für neue Erfahrungen und ohne währenddessen ein Ziel zu verfolgen. Je mehr wir die Natur auf uns wirken lassen, umso achtsamer werden wir. Aber je achtsamer wir uns in der Natur bewegen, umso differenzierter werden wir sie auch wahrnehmen.

Der Zusammenhang zwischen vielen unserer spontanen Naturerfahrungen und der Haltung der Achtsamkeit ist so eng, dass man sich fragen kann, ob es sich überhaupt lohnt oder nicht vielmehr stört, von „Achtsamkeit“ zu reden und gar ein Übungsbuch zu diesem Thema zu verfassen. Wenn wir hier ein entsprechendes Buch vorlegen, dann deswegen, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass die bewusste Einnahme der Haltung der Achtsamkeit eine große Hilfe sein kann und diese Haltung in unserer Gesellschaft für die meisten Menschen einer Übung bedarf. Dies gilt ganz allgemein, aber auch in der Natur. Es ist hilfreich, ganz bewusst die Haltung der Achtsamkeit einzunehmen, weil wir dadurch mehr Einfluss auf unser Leben erhalten: Wir wissen, was wir wann warum tun, und können unser Leben entsprechend gestalten. Wir können diese Haltung und ihre Folgen diskutieren und weitergeben. Vor allem aber können wir ganz bewusst dem Sog unseres alltäglichen Lebens, der oft in eine entgegengesetzte Richtung führt, eine energische und geduldige Übungspraxis und eine private wie gesellschaftliche Vision entgegensetzen.

Viele Menschen sind gerne in der Natur und genießen ihre Wirkung, aber sie sind in der Natur nicht in erster Linie im Kontakt mit der Natur. Sie beschäftigen sich in der Natur mit Gedanken, Gesprächen, Picknick, Wandern, Sport usw. Die Natur ist oft nur eine Kulisse für andere Aktivitäten. Eine Vorgabe der Achtsamkeitspraxis in der Natur ist: Beschäftige dich nur mit der Natur und mit dem, was sie bei dir auslöst. Unsere Übungen sind Vorschläge, diesen Kontakt herzustellen. Alles, was darüber hinausgeht (Wissen ansammeln, sich wohlfühlen, etwas erleben wollen, etwas leisten, sich erholen, sich weiterentwickeln), spielt allenfalls eine Nebenrolle. Wir stellen daher in diesem Buch auch keine Übungen vor, bei denen die Natur nur Kulisse ist. Wir haben – mit ganz wenigen Ausnahmen – nur Übungen ausgewählt, die ausschließlich oder wesentlich besser in der Natur durchführbar sind.

„Was bedeutet es für dich (Sie), in der Natur zu sein?“

Sie können gerne diese Frage für sich selbst beantworten, bevor Sie weiterlesen. Für dieses Buch haben wir Kolleginnen, Freunden und Teilnehmern an unseren „Achtsamkeit in der Natur“-Gruppen diese Frage gestellt. Wenn wir uns die Antworten anschauen und die Ergebnisse der umweltpsychologischen Forschung hinzunehmen, so ergibt sich ein relativ eindeutiges und gleichzeitig vielseitiges Bild, das sich in 17 Punkten zusammenfassen lässt:

Abstand:

Natur ermöglicht es, „Abstand vom Alltag“ zu gewinnen, „dem Alltag für die Zeit zu entfliehen“

7

. Umweltpsychologen sprechen von „being away“ (Kaplan 1989, S. 189) und meinen damit ein „bewusstes Entfernt sein vom Alltag und dessen Anforderungen und Restriktionen“ (Flade 2010, S. 94).

Sorglosigkeit:

Natur ist ein „Ort, an dem die Sorgen kleiner werden“.

Nicht-Responsivität:

„Es sind keine Ansprüche zu erfüllen.“ „Während des Aufenthalts in der Natur ist es nicht erforderlich, responsiv zu sein; man muss nicht ständig mit anderen interagieren und kommunizieren, wie es im normalen Alltagleben meistens verlangt wird.“ (Flade, 2010, S. 94)

Natur ist ein Ort der

Ruhe

und der Erholung („Insel der Ruhe im stressigen Alltag“, „unbeschwerte Ruhe“, „Nichtstun“). Sie führt zu Regeneration und Entspannung. Dieser Punkt wurde in unserer Umfrage am häufigsten genannt.

Weite:

In der Natur kann man „Weitblick und Aussicht genießen“. „Besonders in Verbindung mit Wasser und Weite komme ich zur Ruhe.“

Sinnlichkeit

:

„Ich habe intensive sinnliche Erlebnisse.“ Menschen staunen über die Vielfalt der Natur, ihre stetige Veränderlichkeit, ihre sinnliche Intensität.

Nicht denken müssen:

„Natur hilft mir (…) Gedanken, die sich im Kreis drehen, loszulassen.“ „Für mich bedeutet es, einen freien Kopf zu bekommen.“

Gut denken können:

„In der Natur sortieren, beruhigen und verändern sich meine Gedanken zum Positiven.“ „Meine Gedanken fließen besser.“ In der Natur ist es leichter möglich, „Ideen entstehen zu lassen“.

Kraft schöpfen:

Die Natur ist „Kraftquelle“, „Kraft- und Entspannungsort“, man kann in ihr „Kraft tanken“. Die Kraft wird aus der eigenen Erholung geschöpft, aber auch aus der Ausstrahlung der Natur.

Schönheit:

„Natur gibt mir die Möglichkeit, mich auf schöne und grundlegende Dinge zu konzentrieren.“ „Für mich bedeutet in der Natur zu sein, die Schönheiten wie Farben, Formen der Blumen bewundern.“ Eine Teilnehmerin berichtet von der „Freude über die Schönheit, die Vielfalt, Trauer über die Zerstörung“.

Stimmigkeit:

Die Natur wird als eine „Vielfalt in ihrem sinnvollen Zusammenwirken“ erlebt, als „Sinnhaftigkeit“ und „heile Welt“. Rachel und Stephen Kaplan (1989, S. 193) sprechen in diesem Zusammenhang von „compatibility“, einer speziellen Resonanz zwischen Naturräumen und den menschlichen Neigungen. Diese Stimmigkeit ist eine der Voraussetzungen dafür, dass Menschen eine Landschaft als eine erholsame Umgebung wahrnehmen.

Das Geheimnisvolle:

„Ich genieße es, unbekannte Landschaften zu erkunden und zu erforschen, Neues herauszufinden, immer ein wenig wie ein Detektiv unterwegs zu sein. Die Natur ist irgendwie immer neu, und es gibt so viel Geheimnisvolles zu entdecken.“ Ein gewisses Maß an Unüberschaubarkeit scheint einen Teil des Wohlbefindens in der Natur auszumachen. Umweltpsychologische Untersuchungen zeigen, dass Menschen gerade die Landschaften als angenehm und erholsam empfinden, die ein ausreichendes, aber nicht zu hohes Maß an „mystery“ aufweisen: gekrümmte unüberschaubare Wege, nicht einsehbare Nischen und Täler, Berge, hinter denen sich etwas verbergen kann. Vielfalt, Komplexität, Unschärfe und auch Unübersichtlichkeit werden bis zu einem bestimmten Ausmaß positiv erlebt, zu viel davon macht eine Landschaft aber aversiv, weil bedrohlich (Kaplan 1989, S. 55 ff.).

Ursprünglichkeit, Wirklichkeit, Dasein:

„Für mich bedeutet in der Natur sein ‚auf festem Boden stehen‘, aus dem Kopf in die Wirklichkeit kommen, in die ‚wahre Welt‘, sich auf das besinnen, was zählt, was wirklich da ist.“ „[In der Natur] habe ich das Gefühl ‚da zu sein‘.“ „In der Natur zu sein bedeutet für mich, das Ursprüngliche erleben, die Elemente des Seins direkt erfassen zu können ‚ohne‘ Eingriff des Menschen, z. B. das Meer, die Wellen kommen und gehen, folgen ihrem Rhythmus, es gibt nichts zu tun.“

Verbundenheit:

„Je mehr ich in die Natur eintauchen kann, ich mich dazugehörig fühle, desto größer ist der Erholungseffekt.“ „In freudigen Situationen fühle ich mich eins mit ihr.“ „Verbundenheit mit dem Wesentlichen, mit der ‚Schöpfung‘, vermutlich, weil ich darin alles finde, was für mich das Leben ausmacht: sehr berührende Schönheit und gleichzeitig ‚Grausamkeit‘, Vergänglichkeit, Tod und Leben, Staunen / Bewunderung, Miteinander und alleine, Symbiose und Trennung, Entwicklung.“

Trost:

„Natur bedeutet für mich: Ruhe, Kraftquelle und Trost im Hinblick auf unsere Sterblichkeit.“ „Oft eine Distanzierung und Relativierung von dem, was mich gerade eng werden lässt im Denken, Fühlen und Handeln, durch das Verbinden mit dem, was auch noch da ist und letztlich das Wesentliche darstellt. Dadurch Freiheit, Ruhe, Gelassenheit, Berührtheit, Trost.“

Vergänglichkeit und Vertrauen in die Zukunft:

Die Zuverlässigkeit, dass sich die Natur stets in ihrem eigenen Rhythmus verändert, kann das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit ebenso anstoßen wie das Vertrauen darin, dass es auch immer wieder Zukunft und Neubeginn gibt. (Linden, Grut 2002)

Freiheit:

„Ich genieße die Freiheit, das Wilde der Landschaft“, „[in der Natur sein bedeutet für mich] Freiheit, Insel der Ruhe im stressigen Alltag“, „ein Gefühl von Freiheit“. Die Freiheit in der Natur spielt auch für Kinder eine besondere Rolle, sie ist eine „erwachsenenfreie“ Zone (Gebhard 2013, S. 90).

„Verändert die Praxis der Achtsamkeit etwas an deinem (Ihrem) Naturerleben?“

Auch diese Frage haben wir unseren Freunden und Bekannten gestellt. Die erste Frage war für alle gedacht, die gerne in der Natur sind, diese zweite nur für diejenigen, die auf irgendeine Weise – nicht notwendigerweise in der Natur – Achtsamkeit praktizieren. Hier sind einige der Antworten:

 „Verändert die Praxis der Achtsamkeit etwas an deinem (Ihrem) Naturerleben?“

„Mir geht [in der Natur] das Herz auf, und ich spüre viel Energie und bin gleichzeitig ruhig, gelassen. Durch Achtsamkeitspraxis ist dieses Erleben stärker geworden, stellt sich schneller ein, und ich kann es auch erreichen, wenn ich vorher nicht gut drauf war, das hat sich durch die Achtsamkeit verändert.“

„Für mich bedeutete die Natur früher eine Art Setting oder Hintergrundfolie für Aktivitäten an der frischen Luft, wie Wanderungen, Gespräche mit Freunden. Funktionalisiert als eine Art erweitertes Fitnessstudio. Schön anzuschauen, aber fremd. Die Natur war ein Anlass, aber nicht der Hauptgrund. Seit ich Achtsamkeit in der Natur gemacht habe, hat sich mein Verhältnis sehr verändert. Ich bin langsamer geworden. Ich nehme mich viel mehr IN der Natur wahr. Ich gestehe mir zu, anzuhalten und sie mit Zeit und offenen Sinnen zu beobachten. Sie ist, wie sie ist, und nicht für mich da. Das heißt: Auch der Respekt ist gewachsen.“

„Dank Achtsamkeit sind alle meine Sinne offen, und ich nehme wahr (ich kann ganz gut durch die Natur gehen und nichts davon wahrnehmen und meine Gedanken kreisen lassen). Deshalb immer wieder zurückkommen zu Achtsamkeit und Gewahrsein.“

„Ja! Die Natur wird viel bewusster erlebt, ich entdecke Dinge, die ich sonst nicht wahrgenommen hätte, die Sinne werden geschärft – die erlernten Übungen sind sehr hilfreich.“

„Die Achtsamkeit hilft mir dabei, mich nicht in unerwünschten störenden Gedanken zu verlieren, dem Grübeln zu entfliehen und mich ganz bewusst und viel intensiver den Dingen, Tieren, Pflanzen, Farben, Gerüchen und Geräuschen, dem Leben, dem Hier und Jetzt zuzuwenden.“

„Ja, ich bin aufmerksamer, nehme mehr wahr, habe dadurch den Eindruck, dass die Natur noch mehr auf mich einwirkt, fühle mich mehr verbunden.“

„Die Achtsamkeitspraxis führt zu differenzierteren Erfahrungen. Das Riechen, Schmecken, Fühlen und Schauen wird intensiver, ich werde langsamer. Ich übertrage nicht mehr so sehr meine Gefühle auf die Natur, sondern das Schauen, Fühlen, Schmecken … kreiert – sozusagen im Dialog – neue Erlebnisse und Gefühle, manchmal auch Erkenntnisse.“

„Die Praxis der Achtsamkeit hilft, ‚leichter‘ in die Wahrnehmung dessen zu kommen, was da ist, und wird somit ‚intensiver‘ erlebt.“

„Der Aspekt der Achtsamkeit hat mein Naturerleben vertieft und intensiviert, z. B. alle Sinne mehr am Naturerleben zu beteiligen und die Natur facettenreicher (‚weiter‘) wahrzunehmen. Durch die Achtsamkeitspraxis in der Natur ist mir noch deutlicher bewusst geworden, dass die Natur viel mehr mit unserem täglichen Leben und unseren Lebenserfahrungen zu tun hat und vieles, was wir in unserem Leben erfahren, in der Natur schon da ist.“

„Durch Achtsamkeit entdecke ich, wie hinter dem Vordergründigen und Offensichtlichen weitere spannende Dimensionen und Welten erfahrbar werden.“

Die Achtsamkeitspraxis scheint das In-der-Natur-Sein auszudehnen und zu verlangsamen, die Natur aus dem Hintergrund in den Vordergrund der Wahrnehmung zu führen und einen direkteren und freieren Kontakt mit der Natur zu ermöglichen. Die Natur erscheint vielfältiger und sinnlicher, und in dieser Annäherung fühlen sich die Teilnehmer selbst vielfältiger und sinnlicher. Die Natur erscheint bedeutsamer, und die Teilnehmer der Gruppen scheinen stärker nachzuspüren, was die Natur in ihnen zum Schwingen bringt.

Für wen ist dieses Buch gedacht?

Das Buch ist sowohl für jeden Einzelnen gedacht, der in der Natur bewusst Achtsamkeit üben will, als auch für Pädagogen, Beraterinnen und Psychotherapeuten, die entsprechende Gruppen anbieten oder einzelne Übungen in ihre Arbeit einbauen wollen.

Die meisten Übungen benötigen keine besonderen Voraussetzungen, es reicht also ein Garten, eine Ecke in einem Park. Einige sind auf bestimmte Umgebungen abgestellt (Gewässer, Hügel, Dunkelheit usw.). Allgemeine Empfehlungen zur Übungspraxis in der Natur finden Sie in Kapitel 3. Dort beschäftigen wir uns auch mit der Frage der Achtsamkeitspraxis in der Natur mit Kindern. Falls Übungen für Kinder besonders geeignet sind, haben wir dies bei den einzelnen Übungen in den Kapiteln 4 bis 9 angegeben.

Wir haben dieses Buch aber auch für Menschen geschrieben, die sich für theoretische Hintergründe, Begriffe und Konzepte interessieren. Die letzten vier Kapitel sind für Leser, die nicht nur praktisch mit diesem Buch arbeiten wollen, sondern sich auch ein Bild über die theoretischen Probleme der an diesem Thema beteiligten Fachgebiete informieren wollen und das theoretische Gerüst verstehen wollen, das dieses Buch trägt. Wir haben diese Kapitel getrennt gezeichnet, weil hier unsere Kompetenzen und die Arbeit sehr unterschiedlich verteilt waren. Daraus ergab sich eine unterschiedliche Verantwortlichkeit. Natürlich haben wir auch über diese Kapitel diskutiert, sie gemeinsam überarbeitet und aufeinander abgestimmt.

Ist Achtsamkeit eine Modeerscheinung?

Achtsamkeit ist bekanntlich kein neues Konzept. Es findet sich mit unterschiedlichen Akzenten in vielen spirituellen und philosophischen Traditionen. Der Buddhismus und die humanistische Tradition, deren Achtsamkeitsverständnis auf die Lebensreformbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts zurückgeht, ragen in der Geschichte der Achtsamkeit hervor, weil Achtsamkeit in diesen Traditionen als expliziter Übungsweg entwickelt wurde. Die neueren Achtsamkeitskonzepte, die vor allem in den letzten 30 Jahren entstanden sind, berufen sich vor allem auf asiatische – insbesondere buddhistische – Achtsamkeitstraditionen, die eine Tendenz zu innerer Achtsamkeit und manchmal auch zur Vergeistigung haben und mit festen und oft schwierigen Übungsvorgaben (längere, statische Übungen) arbeiten. Die achtsame Konfrontation mit unangenehmen Erfahrungen und mit der Abgründigkeit des Lebens (Meditationen über Vergänglichkeit, Verlust, Tod usw.) ist ein wesentlicher Beitrag des Buddhismus zum Konzept der Achtsamkeit. Die westlichen Achtsamkeitstraditionen – jüdisch-christliche Tradition, Gindler-Jacoby-Arbeit, sensory awareness training, Achtsamkeitspraxis innerhalb der Naturpädagogik, Gesprächspsychotherapie, Tanztherapie, Gestalttherapie, Focusing, Konzentrative Bewegungstherapie und andere – verstehen sich eher als eine experimentelle Form des Kontakts mit Situationen, Dingen, Menschen und sich selbst. Sie gehen eher individuell und experimentell vor und bevorzugen bewegte körperfreundliche Vorgehensweisen.8 Was die Achtsamkeit betrifft, so lassen sich beide Traditionen unseres Erachtens in einem reichhaltigen, konsistenten und praktisch breit anwendbaren Achtsamkeitskonzept zusammenführen.9

„Achtsamkeit“ ist derzeit ein beliebtes Thema – so beliebt, dass es sich schon wieder unbeliebt macht. Manche können es nicht mehr hören, andere haben noch immer nichts davon gehört. Es verbreitet sich unter Therapeutinnen und Beratern, in Kliniken, Praxen und Beratungsstellen, in Zeitschriften, Fernsehen, Internet usw. Diese Popularität hat etwas mit einer handlicheren Präsentation des Themas in der Gegenwart und auch mit einem guten Marketing zu tun. Aber das wäre kaum erfolgreich, wenn Idee und Praxis der Achtsamkeit nicht auf gesellschaftliche Entwicklungen und Herausforderungen antworten würden, die zwar auch schon so alt sind wie das Industriezeitalter, sich aber gerade in den letzten Jahrzehnten noch einmal massiv gesteigert haben: Leistungsdruck, Beschleunigung, Flüchtigkeit, Entfremdung, Sucht. Sofern die Sicherung von Überleben und Wohlstand im Vordergrund standen – und das war im vorwiegend katastrophalen 20. Jahrhundert für die meisten Menschen der Fall – und sofern dies heute noch im Vordergrund steht – und dies gilt immer noch für die meisten Menschen auf dieser Erde –, ist Achtsamkeit kein massenwirksames Thema. Wenn Sicherheit und Wohlstand aber halbwegs gewährleistet sind, wird der Verbrauch deutlich, den diese zivilisatorischen Errungenschaften benötigen. Verbraucht werden vor allem menschliche und ökologische Ressourcen. Dieser Verbrauch ist kein Naturgesetz, sondern eine Folge der ökonomischen Prinzipien, die abstraktes wirtschaftliches Wachstum und die Vermehrung des Reichtums kleiner Bevölkerungsgruppen über gemeinschaftliche Güter und die Orientierung an Natur, Gesundheit oder Gerechtigkeit setzen.

Viele Menschen spüren, dass das Leben an ihnen vorbeirauscht, dass sie ständig erschöpft sind, dass sie unter Ängsten, psychosomatischen Beschwerden und dem Gefühl einer sinnlosen Rastlosigkeit oder einer rastlosen Sinnlosigkeit leiden. Sie nehmen an den gleichen Mechanismen Schaden, die auch zu einer rücksichtslosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen führen. Daher sind das Interesse an Achtsamkeit und eine ökologische Orientierung geborene Verbündete und gehen in dem Bewusstsein vieler Menschen auch Hand in Hand. Schon im 19. Jahrhundert hatten Autoren wie Henry D. Thoreau, den wir in diesem Buch gerne immer wieder zitieren, einen Sinn für die enge Verbindung zwischen der Achtsamkeitspraxis und den Natur- wie Menschenrechten. Im 12. Kapitel über die Bedeutung der Achtsamkeit für die Naturethik, die immer auch eine Menschenethik ist, gehen wir diesem Zusammenhang genauer nach.

Wo liegen die Grenzen und Schwierigkeiten der Achtsamkeit in der Natur?

Achtsamkeit ist wie viele grundlegende Entdeckungen ein sehr einfaches Konzept, das wir in vielen interessanten Varianten in den verschiedenen Weisheitslehren und spirituellen Traditionen finden. Achtsamkeit lässt sich in ihrem Kern leicht erklären und verstehen. Etwas Einfacheres, als einfach nur da zu sein, lässt sich im menschlichen Leben kaum finden oder denken. Achtsamkeit wird aus sich heraus nur kompliziert, wenn wir sie nicht konsequent zu Ende denken. Das geschieht, wenn wir sie unnötig beschränken (z. B. auf unsere „inneren Prozesse“ – Gedanken, Körperempfindungen etc.) oder wenn wir ausschließlich schwierige Übungen vorschlagen wie z. B. stilles Sitzen über längere Zeit, lange Fokussierungen z. B. auf den Atem, komplizierte Bewegungsabfolgen. Schwierig wird sie auch, wenn wir ihr heroische und fragwürdige Ziele aufzwingen wie Nicht-Denken oder mystische Erfahrungen (s. Kapitel 13). Gerade die Achtsamkeitspraxis in der Natur ist geeignet, den Ball flach zu halten und die Achtsamkeit zu „erden“. In der Natur wird deutlich, wie wichtig es ist, dass sich Achtsamkeit nach außen und nach innen und auf den Kontakt richtet, den wir mit der Natur haben und herstellen. Das ist nicht schwieriger, sondern leichter, weil wir auf diese Weise nichts ausblenden müssen und uns an das halten können, was wir immer schon erleben – so, wie wir es erleben.

Wenn die einfache, elementare Haltung der Achtsamkeit trotzdem nicht so leicht zu praktizieren und vor allem im Alltag schwer umzusetzen ist, so also nicht, weil sie aus sich heraus kompliziert wäre, sondern weil die gesellschaftlichen und persönlichen Kontexte kompliziert sind, in denen sie realisiert werden soll. Der gesellschaftliche Gegenwind im Sinne von Zeitmangel, Überforderung, Beschleunigung, Reizüberflutung ist erheblich. Achtsamkeit erfordert zwar nicht viel, aber doch ein wenig Zeit. Es gibt aber auch persönliche Hindernisse: ein unzureichendes oder falsches Achtsamkeitsverständnis, mangelnde Motivation, Ungeduld und die Neigung, sich anzustrengen (s. Kapitel 3). Wer die Natur eher als eine Umgebung erlebt, in der er sich einfach wohlfühlt, in der er seinen Gedanken freien Lauf lassen kann oder in der er bestimmten Tätigkeiten nachgehen kann, wird es seltsam finden, wenn er z. B. 10 Minuten seine Aufmerksamkeit nur einem ca. 40 x 40 cm großen Stück Boden schenken soll. Aber die Natur lädt zum Glück dazu ein. Achtsamkeitsübungen schaffen eine Win-win-Situation – die Naturerfahrung hilft der Achtsamkeitspraxis und die Achtsamkeitspraxis der Naturerfahrung. Aus dieser Intuition entstand unsere Zusammenarbeit, als wir uns vor einigen Jahren zufällig in der wunderbaren Landschaft des englischen Lake District begegnet sind und uns von unseren so unterschiedlichen Berufserfahrungen erzählt haben.10 Dieses Buch ist voller Vorschläge, diese Intuition zu überprüfen.

Achtsames In-der-Natur-Sein

Die Wirkung der Natur hängt nicht nur, aber auch davon ab, wie wir ihr begegnen. Die meisten Zugänge zur Natur haben wenig oder nichts mit Achtsamkeit zu tun, weil wir in ihnen einen Zweck verfolgen. Wir wollen also die Natur für Ernährung, Energiegewinnung, Erholung, Wohlbefinden, Selbstfindung oder Selbststeigerung nutzen. Achtsamkeit in der Natur kann dazu führen, dass wir uns entspannen, erholen, weiterentwickeln, aber während wir achtsam in der Natur sind, verfolgen wir solche Ziele nicht, wir wollen einfach nur in der Natur sein und schauen, was geschieht, in der Natur und mit uns. Dieses scheinbare Paradoxon ist für die Achtsamkeitspraxis zentral (s. Kapitel 1). Zur Achtsamkeitspraxis gehört es, wahrzunehmen, wie wir die Umwelt erleben, was sie in uns auslöst, wie sie auf uns wirkt, wie wir gerade ganz persönlich in der Natur sind. Wir können die Natur nicht unmittelbar erfahren, „wie sie ist“. Unsere Wahrnehmungen sind von unseren Praktiken, kulturellen und persönlichen Deutungsmustern geprägt. Sie gestalten im Zusammenspiel mit der Umgebung das, was wir „Wahrnehmungen“ nennen. Die Natur trifft in verschiedensten Formen mit ihren vorgegebenen Eigenschaften auf unsere biologischen, persönlichen und gesellschaftlichen Dispositionen. „Wenn Wahrnehmung das sinnliche Sichbefinden in Umgebungen ist, dann stellt der Wahrnehmende nicht nur quasi aus außerweltlicher Position fest, was in seiner Umgebung passiert, er wird vielmehr durch den Zustand seiner Umgebung affektiv betroffen und wird einer so und so beschaffenen Umgebung in seiner Befindlichkeit bewusst.“ (Böhme 1989, S. 10) Unsere Wahrnehmungen sind trotz dieser kulturellen und persönlich-biografischen Prägung nicht notwendigerweise symbolische oder metaphorische Phänomene. Wenn wir mit einem Spaten hantieren oder einem Vogel lauschen, so tun wir das mit unseren praktischen oder sinnlichen Fertigkeiten, aber wir repräsentieren nicht erst unsere Umgebung in uns, um sie dann in uns wahrzunehmen. Eine Wahrnehmung und eine Tätigkeit sind zunächst einmal Interaktionen.11

Die Bedeutung von Naturphänomenen kann jeden Tag und jede Minute eine andere sein. Sie hängt davon ab, in welcher Stimmung, mit welchen Erwartungen und welchen Phantasien wir ihnen begegnen und wie sie sich selbst zeigen. Die Haltung der Achtsamkeit lässt diese Veränderungen zu und verzichtet auf Vorgaben oder Einschränkungen. Achtsamkeit ist eine Form, mit der Natur zu interagieren. Sie ist natürlich nicht immer angebracht, häufig braucht es Engagement und Veränderung. Achtsamkeit ist nur dann eine adäquate Haltung, wenn wir eine Situation nicht verändern wollen oder nicht verändern können. Dann aber ist sie nicht primär an schönen, angenehmen oder harmonischen Naturerfahrungen interessiert. Natürlich ist es erfreulich, wenn die Natur uns ihr freundliches Gesicht zeigt, aber Achtsamkeit gilt auch gegenüber den Aspekten der Wirklichkeit und des Lebens, die wir gerne vermeiden: Vergänglichkeit, Leid, Ekel, Hässlichkeit, Schrecken, Not, Tod, Fressen und Gefressenwerden, Grausamkeit, Katastrophen. In der Haltung der Achtsamkeit vermeiden wir diese Erfahrungen, Deutungen, Bewertungen und Reaktionen nicht, wir verstärken sie allerdings auch nicht und halten sie nicht fest, z. B. indem wir gegen sie ankämpfen.

In der Haltung der Achtsamkeit nehmen wir uns die Zeit, den verschiedenen Aspekten des In-der-Natur-Seins nachzugehen. Wir sprechen von „innerer“, „äußerer“ und „relationaler“ Achtsamkeit (s. Kapitel 1). Es ist möglich, stärker die „inneren“ Prozesse (Körperempfindungen und mentale Prozesse wie Gedanken, Erinnerungen, Phantasien) oder die objektiven, transsubjektiven Aspekte (das, was auf uns wirkt, die allgemein zugängliche Wirklichkeit) oder das Beziehungsgeschehen selbst zu fokussieren (Interaktion, Kontakt, Kommunikation). Im Idealfall nehmen wir alle drei Dimensionen wahr, indem wir unsere Aufmerksamkeit zwischen diesen Aspekten zirkulieren lassen. Wenn wir einen Berg hinaufsteigen oder mit einem Tier Kontakt aufnehmen, passen wir unser Verhalten dem anderen an und nehmen wahr, was auf uns zukommt, wie wir reagieren und wie sich der Kontakt entwickelt.

Wir stellen in diesem Buch 101 Übungen in der Natur vor und erläutern sie. In diesen naturbezogenen Übungen ist die Natur Teil achtsamer Begegnungen und Folge achtsamer Naturzugänge: Natur macht sinnlich, sie animiert zu Erkundungen, Gestaltungen, Begegnungen mit anderen Lebensformen, existenziellen Betrachtungen und spirituellen Erfahrungen. Diesen Naturzugängen widmen wir uns in den Kapiteln 4 bis 9. Unser Buch zeigt, wie man sich für diese möglichen Naturerfahrungen öffnen kann.

Der naturphilosophische Hintergrund

Wenn wir kritisch nachfragen, was „Achtsamkeit“ ist, was „Natur“ ist und was „Achtsamkeit in der Natur“ sein soll, landen wir ebenso sicher bei philosophischen Fragen, wie wenn wir fragen, welche „Naturpädagogik“, „Achtsamkeitspraxis“ oder „Psychotherapie“ wir vertreten. Philosophie fragt u. a. nach den Bedeutungen von Begriffen und Konzepten. Im Fall der Naturpädagogik: Welches Menschenbild steckt hinter dem jeweiligen Konzept? Wie wird das Verhältnis von Natur und Kultur im Menschen gesehen? Wie natürlich ist die Natur? Wie wird die Beziehung des Menschen zur Natur gedacht? Welche Ziele werden angestrebt? Was kann man realistischerweise von der Naturpädagogik erwarten?

Uns geht es in diesem Buch um „Naturerfahrungen“, nicht um Einflüsse der Natur, die nicht den Weg über die subjektive Erfahrung gehen (wie der Jodgehalt der Luft, die Produktion von Vitamin D, die Wirkungen von Heilpflanzen usw.). Naturerfahrungen aber beruhen auf Interaktionen zwischen Mensch und Natur. Die interaktive Sicht unseres Verhältnisses zur Natur wurde in jüngerer Zeit naturphilosophisch auf verschiedene Weise formuliert.12 Sie ist in philosophischen Strömungen beheimatet, die den Menschen als ein Wesen verstehen, das in der Welt ist und nur aus seinen Beziehungen zur Umwelt und Mitwelt heraus verstanden werden kann.13

Diese naturphilosophische Position ist allerdings nicht selbstverständlich. Es gibt zwei klassische Alternativen, die beide auf verschiedene Weise von dieser Interaktivität abstrahieren: In der ersten Position werden alle Naturerfahrungen als Konstrukte eines Subjekts bzw. einer Gesellschaft (eines sozialen Subjekts) verstanden. Landschaftsbeschreibungen wie „heiter“ oder „majestätisch“, Themen wie „Vergänglichkeit“ oder „Geborgenheit“ werden nach dieser Auffassung einer neutralen und an sich bedeutungslosen Natur von Menschen und Gesellschaften beigelegt. Diese Position kann man als „radikal konstruktivistisch“ bezeichnen. Sie leidet daran, dass sie nicht ausreichend erklären kann, warum wir die Natur so und nicht anders interpretieren. Dass die Beschaffenheit der Natur keine abschließenden Erklärungen für unser Naturerleben bietet, ist klar, aber dass sie überhaupt keinen Beitrag liefern soll, erscheint unwahrscheinlich. Auch sozialkonstruktivistische Autoren kommen zu der Erkenntnis, dass die Dinge ihren Anteil an der Wahrnehmung haben: „Nun wird niemand bestreiten, daß wir etwa das Matterhorn ästhetisch anders wahrnehmen als eine blühende Bergwiese. Die Erscheinungsvielfalt der äußeren Natur macht ja gerade ihren Reichtum und ihren ästhetischen Reiz aus.“ (Groh, Groh 1996, S. 131/2) Auch sie akzeptieren, „daß nicht unsere subjektive Zugangsweise den Gegenstand der Erfahrung allererst konstituiert“ (Groh, Groh 1996, S. 132). Sie verfolgen aber die Frage nicht weiter, wie dies denn geschehen könnte. Historische, umweltpsychologische und phänomenologische Untersuchungen, die die Anmutungen und Atmosphären der Natur auch im Hinblick auf ihre objektiven Bedingungen untersuchen, können hier weiterhelfen. Dabei geht es auch darum, wie die Natur sich selbst historisch verändert, also um die „Gesellschaftlichkeit der Naturverhältnisse oder, genauer noch, der Natur selbst“ (G. Böhme 2005, S. 10).

In der zweiten Position ist die Bedeutung der Natur gar nicht auf Subjekte angewiesen. Die Natur ist schön, harmonisch, vielfältig, gut oder auch wild und chaotisch. Aus dieser Sicht ist aller Sinn schon in der Natur beschlossen, „Materie und Geist“ sind durch „Analogie“ „vermählt“ (Emerson 1982 [1836], S. 49). „Ein harmonisches Leben mit der Natur, die Liebe zur Wahrheit und Tugend, werden dem Verständnis ihres Textes die Augen öffnen. Gradweise können wir so zur Erkenntnis des einfachen Sinnes der beständigen Dinge der Natur gelangen, so daß die Welt wie ein offenes Buch vor uns liegt und jede Form die Bedeutung ihres verborgenen Lebens und letzten Grundes enthüllt.“ (ebd., S. 47) Auf diese Weise wird „das Universum“ „durchsichtig“, und „das Licht höherer Gesetze durchleuchtet es“ (ebd., S. 46). Geistige Prinzipien durchwalten die Natur. „Es scheint eine Notwendigkeit im Geist zu geben, sich in materiellen Formen zu offenbaren.“ (ebd., S. 46) Selbst die Moral findet sich bereits in der Natur. „Die physikalischen Axiome übersetzen die ethischen Prinzipien: ‚Das Ganze ist größer als seine Teile‘.“ (ebd., S. 44)14 Diese Position ist insofern fruchtbar, als sie die Bedeutsamkeit der Natur für den Menschen in vielen Bildern beschreiben kann. Das macht Ralph Waldo Emersons Natur oder John Muirs Beschreibungen zu kraftvollen Texten. Aber die Bedeutung liegt hier ganz aufseiten der Natur bzw. des „Urgrunds“ (Emerson 1982 [1836], S. 42) oder der „universellen Seele“ (ebd., S. 37).

Man könnte dies für eine rein historische Position halten, Ralph Waldo Emerson hat sie immerhin schon 1836 veröffentlicht. Aber sie war nicht nur sehr einflussreich, sondern ist auch immer noch aktuell. „Das Bild vom Nervensystem als Netzwerk bringt eine weitere wichtige Erkenntnis der Systemtheorie zum Ausdruck: Der Geist ist nicht getrennt von der Natur. Geist ist Natur. Geist durchdringt die natürliche Welt als subjektive Dimension in jedem offenen System, wie einfach es auch sein mag, sagt der Systemphilosoph Ervin Laszlo. Geist ist allgegenwärtig in den Kreisläufen der Information der Feedback-Schleifen und lenkt jede Beziehung, sagt Gregory Bateson.“ (Macy, Brown 2011, S. 59) Der Kontext hat in diesem Zitat gewechselt, er ist nicht mehr christlich wie bei Emerson, sondern buddhistisch. Es war und ist in dieser Sichtweise wenig Platz für genuin menschliche und kulturelle Kreativität und Freiheit, für die Komplexität naturethischer Probleme oder eine Spiritualität, die von der Differenz lebt. Eine ausführliche Kritik dieser Identitätsthese finden Sie in Kapitel 7 und 8. Wir werden in diesem Buch versuchen, das Verhältnis des Menschen zur Natur von der Beziehung her zu denken, nicht von einer allmächtigen Subjektivität und nicht von einer allmächtigen Natur her. Wenn wir uns mit der naturethischen Bedeutung der Achtsamkeit in Kapitel 12 beschäftigen und der spirituellen Suche in der Natur folgen (in Kapitel 13), werden wir aber den beiden Extrempositionen des Unbeteiligtseins an der Natur und des Einsseins mit der Natur wieder begegnen und uns ausführlicher mit ihnen auseinandersetzen. Wir werden dabei eine Position zwischen den Extremen der Identität von Mensch und Natur und ihrer völligen Fremdheit einnehmen. Wir sind, wie viele Autoren, die wir für unsere Sache zitieren werden, der Überzeugung, dass das Verhältnis zwischen Mensch und Natur als eine Vielzahl von Beziehungen und Interaktionsformen beschrieben werden kann.

Erst der Blick für die relative Autonomie der Kultur und des Individuums ermöglicht ein Verständnis für die gesellschaftlich-historischen und individuellen Dimensionen des In-der-Natur-Seins. Aus den Interaktionen der Menschen miteinander und mit der Natur entwickeln sich kulturelle Welten, die sich in Begriffen, die der Natur angemessen sind, nicht mehr beschreiben lassen: Sprache, Normen, Technik, Institutionen, Vernunft, intersubjektive Verständigung, Kunst, Spiritualität. Auf diesen Errungenschaften beruht die relative Freiheit des Menschen. Die Kultur schafft uns einen Spielraum gegenüber den Anforderungen unserer inneren und äußeren Natur. Dieser Spielraum ermöglicht es uns nicht nur, immer neue Ziele zu formulieren, sondern auch, uns mit der Wirklichkeit und der Natur zu beschäftigen, ohne stets um unser Überleben kämpfen zu müssen. Sie ermöglicht uns die Kreativität der Kunst, des Spiels, der Achtsamkeit und der spirituellen Praktiken. In solchen Aktivitäten haben wir uns von unmittelbaren Überlebensnotwendigkeiten befreit. Die Achtsamkeitspraxis selbst ist eine kulturell voraussetzungsreiche, besonders erwachsene Haltung, wenn man unter Erwachsensein unter anderem die Fähigkeit versteht, von eigenen Interessen absehen und Verantwortung für andere und anderes übernehmen zu können. Ohne Kultur auch kein Begriff von „Natur“, damit auch keine Sorge für die Natur und keine Sorge um die Rechte der Menschen, die sich immer auch aus der menschlichen Natürlichkeit begründet. Erst durch die Anerkennung der eigenen Natürlichkeit und der eigenen Abhängigkeit, dadurch, dass das Bewusstsein die Bedingungen des eigenen Daseins und damit die äußere wie die innere Natur anerkennt, gewinnt der Mensch seine „Souveränität“ (G. Böhme, 1985, S. 287). Wir sind nicht eins mit der Natur, und nur deshalb können wir in der Begegnung mit ihr von ihr bereichert, inspiriert und manchmal auch geheilt werden.

Achtsamkeit wird oft so verstanden, als ginge es darum, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Das ist bekanntlich schwierig. Vor allem aber ist es unnötig. Die Achtsamkeit in der Natur zeigt uns einen anderen Weg. Wir können auch die Hilfe der Wirklichkeit annehmen, die Begegnung mit anderen Menschen, mit Kunst oder mit der Natur. Wir können die Wirksamkeit der Wirklichkeit nutzen, um ein lebendigeres, gesünderes und vielleicht spirituelleres Leben zu führen. Wir möchten in diesem Buch zeigen, wie die Achtsamkeit ihren Weg über die Wirklichkeit der Natur nehmen kann. Wir lassen dabei die Natur sein, wie sie ist, und uns in ihr sein, wie wir sind. Wir bewegen uns aber in ihr, nehmen ihre Wirkungen auf uns wahr und lassen diese Wirkungen zu: ihre Ausstrahlung, ihre Atmosphären, ihre persönlichen und existenziellen Bedeutungen. All diese Wirkungen liegen nicht in der Natur selbst, sondern sie ergeben sich aus unserer Begegnung mit ihr, aus unserer Offenheit und Resonanz. Mit der Natur mehr oder weniger achtsam umzugehen liegt in unserer Verantwortung – der Natur gegenüber und uns selbst gegenüber. Achtsamkeit in der Natur bedeutet, uns auf verschiedenste Weise auf sie einzulassen, uns von ihr berühren zu lassen, während wir ihre Andersartigkeit respektieren und schützen. Zur Achtsamkeit gehört immer auch Hingabe, nur so ist Begegnung möglich, und nur so kann uns die Natur bereichern. Wenn wir zeigen können, wie dies durch die Achtsamkeitspraxis in der Natur möglich ist, dann kann dieses Buch vielleicht auch zu einem besseren Verständnis der Haltung der Achtsamkeit beitragen.

Wer hauptsächlich ein praktisches Interesse verfolgt, kann nur den Grundlagenteil (Kapitel 1 bis 3) lesen und den Übungsteil (Kapitel 4 bis 9) nutzen. Sie funktionieren auch ohne die darauffolgenden Kapitel 10 bis 13. Wir hoffen, mit den Kapiteln zur Naturpädagogik, zum Wohlbefinden und zur seelischen Gesundheit, zur Naturethik und zur spirituellen Suche in der Natur die wichtigsten Wurzeln und Verästelungen des Themas „Achtsamkeit in der Natur“ aufzeigen zu können. Wir rekonstruieren in diesen Kapiteln die bisherigen Bemühungen um achtsame Naturerfahrungen in der Naturpädagogik sowie in Psychotherapie und Lebensberatung und halten nach möglichen Weiterentwicklungen Ausschau. Wir versuchen zu zeigen, welche Vorteile Achtsamkeit für den Einzelnen, für unsere Kultur, für unsere spirituelle Entwicklung und für die Natur selbst haben kann. Auf den folgenden Seiten dieser Einleitung geben wir einen kurzen Überblick über diese Kapitel.

Achtsamkeit in der Naturpädagogik

In der Geschichte der Naturpädagogik bzw. korrekterweise der „naturbezogenen Umweltbildung“ finden sich immer wieder Elemente achtsamer Naturzugänge. Wir haben uns in diesem Buch nach langer Diskussion für den Begriff „Naturpädagogik“ entschieden, weil er einfach der häufigste ist und der Begriff der „naturbezogenen Umweltbildung“ unhandlich und nur in der Schweiz gebräuchlich ist. Damit ist aber überhaupt nicht gemeint, dass naturpädagogische Arbeit nur Kindern gilt. „Naturpädagogik“ wird aktuell immer mehr im Sinne des Trends des „lebenslangen Lernens“ auf Erwachsene bezogen. In diesem Buch verstehen wir daher unter „Naturpädagogik“ die Vielzahl an naturbezogenen Bildungsbemühungen für Kinder und Erwachsene. In der Praxis werden die durchaus vorhandenen Achtsamkeitselemente in der Naturpädagogik normalerweise nicht sorgfältig herausgearbeitet und von anderen, z. B. stärker wissensvermittelnden Aspekten unterschieden. Dieser achtsame Naturzugang wurde bislang nicht als eigene Herangehensweise definiert.

Die Naturpädagogik als engagierte Disziplin mit unterschiedlichen Strömungen will Kinder und Erwachsene zur Rücksicht auf die natürliche Umwelt (oder „Mitwelt“) ermutigen. Die Achtsamkeitsarbeit kann diese Bildungsarbeit verstärken, indem sie dem Schwund an vielfältigen Sinneswahrnehmungen etwas entgegensetzt und zusätzliche Erlebnismöglichkeiten erschließt. Ein Vorteil der Achtsamkeit ist die Offenheit für alle Erfahrungen, für alle Ansichten der Natur und alle persönlichen Reaktionen. Sie kann nur auf ihre typische indirekte Weise über die Haltung das Ziel eines stärkeren Umweltengagements erreichen, damit aber vielleicht umso wirksamer. Die Forderung, dass wir uns der Natur auf verschiedenste Weise nähern und dass wir auch Kindern diese Möglichkeit geben, wird zunehmend an die moderne Naturpädagogik gestellt. So plädiert Richard Louv dafür, dass Kinder überhaupt wieder in der Natur sind und sie sich dort frei bewegen und agieren dürfen: laufen, klettern, angeln, gestalten, herumstromern oder „strielen“ (wie man in der Schweiz sagt), spielen, sich verstecken, schauen, pflücken, lachen und neugierig sein – ohne irreale Angst und ohne ehrfürchtige Distanz und übermäßige Rücksicht auf die Natur. Dieses Engagement ist eine Herzensangelegenheit vieler Naturschützer und Umweltpädagogen und wir schließen uns ihm ebenfalls an. Ulrich Gebhard formuliert das Anliegen folgendermaßen:

„Vielmehr betone ich den psychischen Wert der äußeren Natur für die innere Natur des Menschen: (…) Auf diese Verbindung von Innen und Außen, von Subjekt und Objekt, von Selbst und Welt setzt die Naturerlebnispädagogik insofern, als durch die Naturerlebnisse eine Änderung der Subjekte im Hinblick auf den Umgang mit der Natur erhofft wird.“ (Gebhard 2005, S. 145)

Vor etwa 70 Jahren klang das bei einem der Pioniere des Umweltschutzes so:

„Wildnisgebiete sind in erster Linie geschützte Gegenden für die Ausübung der ursprünglichen Kunst des Reisens in der Wildnis, insbesondere mit Kanu und Packpferd. Ich nehme an, dass manche erörtern möchten, ob es überhaupt wichtig ist, diese ursprünglichen Künste lebendig zu erhalten. Ich werde es nicht tun. Entweder man spürt es in seinen Knochen oder man ist sehr, sehr alt.“ (Leopold 1992 [1949], S. 141)

Wir schlagen in diesem Buch nicht vor, ein Packpferd zu satteln, aber wir empfehlen ebenfalls, direkt mit der Natur und anderen Lebewesen in Kontakt zu kommen, in Bewegung, mit allen Sinnen, erkundend, spielerisch, gestaltend oder betrachtend. Das ersetzt nicht das Wissen um ökologische Prozesse und Probleme, aber es ergänzt dieses Wissen durch naturnähere, persönliche und häufig sehr emotionale Erfahrungen. Nur wenn weiterhin und immer mehr Menschen auf unmittelbare, sinnlich-praktische, vielfältige, emotionale Weise der Natur begegnen und diese Begegnungen zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Lebensentwurfs machen, ist es wahrscheinlich, dass die Natur auf Dauer genügend Fürsprecher findet.

Die Bedeutung der Achtsamkeit für die Lebensqualität und die seelische Gesundheit

Dass die Natur auf klimatischen, pharmazeutischen oder physiologischen Wegen heilsam wirken kann, wird kaum jemand bestreiten. In diesem Kapitel gehen wir aber der Frage nach, wie Naturerfahrungen die Lebensqualität verbessern und die Gesundheit erhalten oder wiederherstellen können. In diesem Kapitel stellen wir – nach einem Rückblick auf die Bedeutung der Natur in Psychiatrie, Psychotherapie und Rehabilitation – Therapieformen und exemplarisch auch einzelne Projekte dar, die der Arbeit mit Achtsamkeit in der Natur nahestehen.

Die Bedeutung der Achtsamkeit für die Naturethik

Achtsamkeit hat ein ethisches Potenzial. Es zeigt sich, wenn wir die Idee des Nicht-Bewertens als Teil der Achtsamkeit genauer fassen (s. Kapitel 1). Aus der Haltung der Achtsamkeit ergibt sich eine behutsame und stets vorläufige Form des Bewertens, die dazu führt, dass wir die Menschen, Dinge und die Natur um ihrer selbst willen und nicht wegen ihrer Funktionalität wertschätzen. Wir werden in Kapitel 12 auf die aktuelle naturethische Diskussion eingehen und den möglichen Beitrag des Achtsamkeitskonzepts darstellen.

Achtsamkeit und die spirituelle Suche in der Natur

Das Leben in Kultur und Selbstreflexion versetzt uns in einen Grundzustand der Sorge, des Planens, der Vorsorge, der Antizipation, des Lernens aus vergangenen Erfahrungen und der latenten oder manifesten Angst vor dem Tod. In der Haltung der Achtsamkeit können wir uns von diesen Vorgaben und den damit einhergehenden Wahrnehmungs- und Denkmustern distanzieren, auch von der Angst vor dem Tod. Um auch vertraute existenzielle Gewohnheiten wie die Orientierung an Bedürfnissen und Wünschen, die Sorge und die Handlungsorientierung und schließlich die Angst in einer Weise zu überwinden, die auch im Alltag trägt, und sie durch Gegenwärtigkeit, Lebendigkeit, Offenheit und Präsenz zu ersetzen, brauchen Menschen in der Regel eine intensive und langjährige Achtsamkeitspraxis. Diese Praxis ist nicht unabhängig von günstigen Bedingungen. Besonders günstig ist der achtsame Aufenthalt in der Natur. Die Natur ist uns gleichzeitig fremd und verwandt. Sie fordert uns heraus und trägt uns, sie erhebt und verwurzelt uns, sie zeigt uns Grenzen und ungeahnte Möglichkeiten. Die Natur ermöglicht uns eine Distanz zu unserer vertrauten Welt und nimmt uns aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften in einer Welt in Empfang, in der wir Einfachheit, Leichtigkeit, Verbundenheit, Gelassenheit, Vertrauen, Dankbarkeit und Daseinsfreude erleben können.

In Kapitel 13 wollen wir aufzeigen, wie die Erfahrung der Andersartigkeit der Natur und der Verbundenheit mit der Natur dazu führen können, dass die gewohnten Bedingungen des Erlebens transzendiert werden. Auch das spirituelle Potenzial der Natur lässt sich besser verstehen, wenn es als ein mögliches spezifisches Zusammenspiel zwischen Eigenschaften der Natur und einer entsprechenden Ausrichtung des Suchenden selbst verstanden wird. Spirituelle Erfahrungen in der Natur bedürfen einer entsprechenden Interpretation oder Artikulation. Wir setzen uns in diesem Kapitel mit einigen wesentlichen Interpretationen auseinander.

So spannend all diese Fragen sind – die Achtsamkeit in der Natur ist vor allem eine lernbare Praxis. Dies ist ein unschätzbarer Vorteil gegenüber reinen Aufklärungen und Appellen.

7    Alle (exemplarischen) Zitate in diesem Abschnitt stammen aus unserer Umfrage, sofern nicht anders angegeben. Die Originalschreibweise haben wir belassen. Korrespondierende umweltpsychologische Untersuchungen finden sich in Kaplan, Kaplan 1989, Kellert 2002, Flade 2010, Louv 2011 und 2012, Gebhard 2013, s. a. Anmerkung 27.

8    Huppertz 2011, S. 11 ff.

9    Huppertz 2009, 2011, Huppertz et al. 2013.

10  Unser Dank an dieser Stelle an Liz und Tim Melling, die Gründer und Leiter des „nab cottage“, einer Sprachschule und einem Ort der Verständigung und der Inspiration.

11  Böhme 1995, Abram 2012 [1996], Rehmann-Sutter 1998, Gallagher 2005, Gallagher, Zahavi 2008, zur Tradition und Diskussion: Fingerhut u. a. 2013. Offensichtlich interagieren schon Säuglinge, ohne dass sie dafür symbolische Repräsentanzen brauchen. Menschen interagieren von Anfang an, sie sind nicht primär narzisstisch. Die Priorität des In-der-Welt-Seins ist in der Philosophie schon lange bekannt (Husserl, Heidegger, Merleau-Ponty, Wittgenstein, Polanyi, Schmitz, um nur einige einflussreiche Autoren zu nennen). Kinder wie Erwachsene entwickeln psychomotorische und interaktive Schemata, die Teil von Szenen sind. Der Umgang mit Dingen beruht ebenso wie Kommunikation und Empathie auf unmittelbaren Abstimmungen. Sinnliche und atmosphärische Erfahrungen, leibliches Spüren und Sich-in-der-Natur-Bewegen sind im Wesentlichen keine symbolischen Aktivitäten. In der Naturerfahrung spielen symbolische Bedeutungen natürlich eine große Rolle, aber sie bauen auf interaktiven Erfahrungen auf (Lakoff, Johnson 2014 [1980]). Anders sieht es Gebhard 2005, 2013 [1994], der sich ausführlich mit diesem Thema in Bezug auf die Wahrnehmung der Natur beschäftigt. Er bezieht phänomenologische und entwicklungspsychologische Theorien ein, bleibt aber doch der traditionellen psychoanalytischen Vorstellung des permanenten und unverzichtbaren Symbolisierens verbunden (2005, S. 148 ff., 2013, S. 28 ff.). Auch Gebhard stellt klar, dass wir neben allem „Gefühl der Verwandtheit (…) doch ein klares Gespür dafür (haben), dass wir nicht eins sind mit ihr“ (Gebhard 2013, S. 27). Er erklärt dieses Gespür aber durch die Symboltätigkeit des Menschen und eine innere Reproduktion der Außenwelt.

12  Böhme 1989, 1997, Rehmann-Sutter 1998, Großheim 1999, Mutschler 2002, Gebhard 2013.

13  Pragmatismus, Interaktionismus, Phänomenologie, Existenzphilosophie, Dialogphilosophie (M. Buber), Systemtheorie sowie die Entwicklung der letzten Jahrzehnte in der Sozialisationsforschung, der Psychoanalyse und den Kognitionswissenschaften. Eine breite, wenn auch nicht vollständige und leider auch inhaltlich überzogene Zusammenstellung dieser Traditionen bietet Gergen 2009.

14  „Alle Dinge sind moralischer Natur; und in ihren endlosen Verwandlungen haben sie einen unaufhörlichen Bezug zur geistigen Natur. Aus diesem Grunde steht die Natur erhaben da in Form, Farbe und Bewegung, damit ein jeder Stern im entlegensten Himmel, jede chemische Umwandlung vom einfachsten Kristall bis hinauf zu den Gesetzen des Lebens, jede Verwandlung der Vegetation vom ersten Wachstumsprinzip im Herzen eines Blattes bis hin zum tropischen Regenwald und den antediluvianischen Kohleflößen, jede animalische Funktion, von der des Schwammes bis zu der eines Herkules, damit dies alles dem Menschen die Gesetze von Recht und Unrecht verkünde und ihm entgegendonnere, und die Zehn Gebote widerschallen.“ (Emerson 1982 [1836], S. 54)