Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Achtsame Erziehung auf Augenhöhe
»Damit Kinder zu den Menschen heranwachsen, die sie werden sollen, müssen wir lernen, auch selbst so zu sein, wie wir es gerne hätten. Dieses wunderbare Buch wird Ihnen auf diesem Weg unglaublich helfen!« – KJ Dell’Antonia, Bestsellerautorin
Die Kinder eskalieren: Wutausbrüche, Ausraster, Geschrei … und Sie schreien mit. Aber warum eigentlich? Sie hatten sich doch vorgenommen, ganz anders zu reagieren. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, gibt es einen ganz einfachen und doch revolutionären Ansatz: Fangen Sie bei sich selbst an! Finden Sie heraus, was Sie triggert, und begegnen Sie nicht nur Ihren Kindern mit Freundlichkeit, Mitgefühl und Geduld, sondern auch sich selbst.
Achtsamkeit statt Ausraster steht in den USA seit Jahren auf der Bestsellerliste – mit Recht! Denn hier erfahren Sie, wie Sie
- auch im größten Chaos gelassen bleiben und trotzdem Grenzen setzen,
- alte Gewohnheiten und festgefahrene Verhaltensmuster ablegen,
- stressige Situationen in der Familie entschärfen oder sie gar nicht erst entstehen lassen,
- eine dauerhafte, stabile Beziehung zu Ihren Kindern aufbauen.
Dieser leicht umsetzbare Ratgeber unterstützt Sie mit psychologischem Hintergrundwissen, zahlreichen Praxisbeispielen sowie kurzen, alltagstauglichen Achtsamkeitsübungen. Werden Sie zu den Eltern, die Sie sein wollen!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 311
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Hunter Clarke-Fields
ACHTSAMKEIT STATT AUSRASTER
Wie Kinder durch respektvolle Erziehung selbstbewusst heranwachsen
Hunter Clarke-Fields
Achtsamkeit statt Ausraster
Wie Kinder durch respektvolle Erziehung selbstbewusst heranwachsen
1. deutsche Auflage, 2024
ISBN: 978-3-96257-339-3
© 2024, Narayana Verlag GmbH
Titel der englischen Originalausgabe:
Raising Good Humans: A Mindful Guide to Breaking the Cycle of Reactive Parenting and Raising Kind, Confident Kids
Copyright © 2019 by Hunter Clarke-Fields
Narayana Verlag GmbH edition
This edition is published by arrangement with New Harbinger Publications Inc., Oakland, USA
Übersetzung aus dem Englischen: Bärbel und Velten Arnold
Satz: Buch&media GmbH, München
Coverdesign: Sara Christian
Unimedica im Narayana Verlag GmbH,
Blumenplatz 2, D-79400 Kandern
Tel.: +49 7626 974 970–0, E-Mail: [email protected]
www.unimedica.de
Alle Rechte vorbehalten. Ohne schriftliche Genehmigung des Verlags darf kein Teil dieses Buches in irgendeiner Form – mechanisch, elektronisch, fotografisch – reproduziert, vervielfältigt, übersetzt oder gespeichert werden, mit Ausnahme kurzer Passagen für Buchbesprechungen.
Sofern eingetragene Warenzeichen, Handelsnamen und Gebrauchsnamen verwendet werden, gelten die entsprechenden Schutzbestimmungen (auch wenn diese nicht als solche gekennzeichnet sind).
Die Empfehlungen in diesem Buch wurden von Autorin und Verlag nach bestem Wissen erarbeitet und überprüft. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Weder die Autorin noch der Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gegebenen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.
Der Verlag schließt im Rahmen des rechtlich Zulässigen jede Haftung für die Inhalte externer Links aus. Für Inhalte, Richtigkeit, Genauigkeit, Vollständigkeit, Qualität und/oder Verwendbarkeit der dargestellten Informationen auf den verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.
Für meine Töchter – wunderbare Lehrerinnen,
nie versiegende Quellen der Liebe und Freude und Wunder
des Universums, über die ich gar nicht genug staunen kann. Danke.
Vorwort
Einleitung
Teil 1: Den Teufelskreis der Reaktivität durchbrechen
1 Ruhe bewahren
2 Auslöser entschärfen
3 Mitgefühl praktizieren – es beginnt mit Ihnen
4 Der Umgang mit schwierigen Gefühlen
Teil 2: Freundliche, selbstbewusste Kinder erziehen
5 Durch Zuhören helfen und heilen
6 Die richtigen Worte finden
7 Probleme achtsam lösen
8 Ein friedliches Zuhause schaffen
Danksagungen
Literaturverzeichnis
Stimmen zum Buch
Meine ersten Jahre als Mutter waren ein einziges Chaos. Ich war ausgelaugt, reizbar und komplett verwirrt. Ja, ich hatte durchaus schöne Momente mit meinen Töchtern, aber ich verlor auch oft die Beherrschung. Sehr oft. Während andere Mütter Attachment-Parenting betrieben, also eine bindungsorientierte Form der Erziehung, oder als Tigermütter galten, also sehr leistungsorientiert waren, war ich offenbar eine Mutter, deren Erziehungsstil allenfalls als »unberechenbar« und »wenig förderlich« bezeichnet werden konnte. Bäh!
Schließlich fand ich mich auf einer Reise wieder, die der Entwicklung ähnelte, die Hunter Clarke-Fields am Anfang dieses Buches beschreibt. Ich sog jeden Erziehungstipp auf, den ich irgendwo entdeckte. Ich las Bücher, meldete mich bei Webinaren und virtuellen Expertenveranstaltungen an und erstellte Erziehungspläne, die so ausgeklügelt waren, dass sie selbst die Pläne professioneller Veranstaltungsplaner in den Schatten stellten. Ich wollte mich ändern.
Aber ich änderte mich nicht.
Damals war es mir noch nicht bewusst, aber ich brauchte nicht noch mehr Informationen, sondern Erkenntnisse und Strategien, die auf diesen Informationen beruhten. Ich musste erst einmal verstehen, warum ich die Geduld verlor, und lernen, wie ich soweit die Ruhe bewahren konnte, um all die Ratschläge und Tipps umsetzen zu können, auf die ich stieß.
Schließlich fand ich den Weg zu Achtsamkeitskursen.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich war äußerst skeptisch. Ich dachte, Achtsamkeit sei eine vorübergehende Modeerscheinung und somit im Hinblick auf meine Herausforderungen als Mutter nicht relevanter als die Trommelkreise, über die ich mich in meinen Collegezeiten oft lustig gemacht hatte. Doch so skeptisch ich auch war, ich war verzweifelt auf der Suche nach etwas Neuem, nach etwas, um meine Probleme bewältigen zu können, nach irgendetwas, das mir dabei helfen würde, in schwierigen Erziehungssituationen ruhig zu bleiben. Also gab ich mir einen Ruck und probierte es aus.
Im Laufe der folgenden Monate und Jahre lernte ich, dass Achtsamkeit nichts mit Trommelkreisen, Kombucha oder der Reinigung meines Geistes zu tun hatte.
Es ging darum, wahrzunehmen – wahrzunehmen, was in jedem einzelnen Moment in mir und um mich herum passierte. Anstatt das, was auch immer ich bemerkte oder entdeckte, zu beurteilen oder mir darüber den Kopf zu zerbrechen, lernte ich, gegenüber dem, was ich wahrnahm, Neugier zu entwickeln. Am wichtigsten aber war vielleicht, dass ich lernte, in den wirklich schwierigen Momenten meines Mutterseins Mitgefühl für mich selbst zu entwickeln. Denn eines ist gewiss: Egal, wie achtsam man auch sein mag, es wird immer Situationen geben, in denen das Mutter- oder Vatersein schwierig ist.
Das Praktizieren von Achtsamkeit hat meine Erfahrungen im Hinblick auf die Erziehung meiner Töchter stark verändert. Je mehr ich meditierte, desto weniger reaktiv verhielt ich mich. Je öfter ich merkte, dass ich im Begriff war, die Geduld mit meinen Kindern zu verlieren, desto weniger wahrscheinlich war es, dass ich tatsächlich ausrastete. Anstatt mir wegen meiner Fehler Vorwürfe zu machen, rief ich mir in Erinnerung, dass das Elternsein für jeden schwer ist und es in Ordnung ist, auch mal Mist zu bauen. Ich kann immer wieder von vorne anfangen.
Als ich gelernt hatte, wie ich mich beruhigen konnte, wurde ich mir dessen bewusst, dass ich ein ganz neues Problem hatte. Ich hatte keine Ahnung, was ich meinen Kindern sagen sollte, statt sie anzuschreien. In Wahrheit wollte ich ja immer noch, dass sie aufhörten zu weinen oder zu streiten oder sich gegenseitig zu ärgern. Doch jetzt, da ich ihren Gefühlsausbruch nicht mehr mit meinem eigenen übertrumpfte, fehlte es mir an Worten. Ich musste mich erneut in Erziehungsratgeber vertiefen, um im wahrsten Sinne des Wortes eine neue Sprache zu lernen.
Wie sehr wünschte ich mir doch, Hunter Clarke-Fields hätte Achtsamkeit statt Ausraster schon zehn Jahre früher geschrieben. Aber die Sache ist ja die, dass sie das Buch damals noch gar nicht hätte schreiben können, weil sie sich noch gar nicht auf ihrer eigenen Reise als Mutter befand; einer Reise, die meiner eigenen ähnelte, die jedoch auch einzigartig war, wie es Reisen immer sind. Die Tatsache, dass Hunter die Freuden und Herausforderungen des Mutterseins ebenfalls durchlebt hat (und es immer noch tut), ist nur einer der Gründe dafür, warum Achtsamkeit statt Ausraster so ein überzeugendes Buch ist.
Die anderen Gründe haben alle damit zu tun, wer Hunter Clarke-Fields ist und woran sie glaubt. Vieles davon ist in meinem Lieblingszitat aus dem Buch zusammengefasst: »Wollen Sie bei Ihrer persönlichen Reifung ein großes Stück vorankommen? Dabei können sechs Monate mit einem Vorschulkind effektiver sein, als jahrelang alleine auf einem Berggipfel zu verbringen.«
Um es ganz klar zu sagen: Hunter Clarke-Fields nimmt ihre Arbeit mit Eltern sehr ernst. In ihren Kursen, Online-Seminaren, Einzelcoachings und jetzt in Achtsamkeit statt Ausraster scheut sie sich nicht, andere Eltern dazu zu ermuntern, nach nichts Geringerem zu suchen als nach einem großen Stück persönlicher Reifung. Sie lehrt uns, dass Selbstfürsorge nicht nur etwas ist, wofür man sich entscheiden kann, sondern etwas, das tatsächlich ein wesentlicher Bestandteil unserer Verantwortung als Eltern ist. Sie hält uns dazu an, zu meditieren, uns mit unseren unbehaglichen Gefühlen auseinanderzusetzen und uns ernsthaft damit zu befassen, was für eine Rolle unsere Erziehungsmethoden – vom Anschreien bis hin zum Bestrafen – möglicherweise dabei spielen, wie unsere Kinder sich verhalten.
Doch Hunter Clarke-Fields speist uns nicht mit vagen oder allgemeinen Ratschlägen ab. Dieses Buch steckt voller Fragen, die bezwecken sollen, dass die Leserinnen und Leser ihre eigenen Schlussfolgerungen ziehen und zu ihren eigenen Erkenntnissen gelangen. Darüber hinaus werden jede Menge nachweislich bewährte Praktiken und Techniken angeboten, zum Beispiel Achtsamkeits- und Liebevolle-Güte-Meditationen, sich von seinen negativen Gedanken zu lösen, die Kraft des Ja-Sagens zu seinen Erfahrungen sowie spezielle Techniken des reflektierten Zuhörens. Und Gott sei Dank gibt es all dies, denn es ist genau das, was so viele von uns brauchen. (Ich hätte es damals definitiv gut brauchen können!)
Aber ein ernstgemeinter Aufruf zum Handeln ist nicht das Einzige, was überforderte Eltern benötigen. Wir brauchen auch jemanden, der uns daran erinnert, dass die Aufgaben der Elternschaft zwar ernst zu nehmen sind, wir sie aber auch nicht zu ernst nehmen sollten. Ich bin Hunter Clarke-Fields dankbar für ihren gelassenen, heiteren Ton und die mitfühlende Art und Weise, in der sie uns daran erinnert, dass wir nicht immer so hart arbeiten müssen – und dass es Wege gibt, das Ganze leichtzunehmen und wir einfach nur entspannt den Moment genießen sollten, wann immer das möglich ist.
Die Liste der Erkenntnisse, Vorschläge und Anregungen aus Achtsamkeit statt Ausraster, die ich an Sie weitergeben möchte, ist so lang, dass ich am Ende wahrscheinlich das ganze Buch noch einmal neu schreiben würde, wenn ich sie alle hier aufführen müsste. Wenn Sie in Achtsamkeit statt Ausraster eintauchen, ermuntere ich Sie, sich mit den folgenden entscheidenden (genau genommen bahnbrechenden) Fragen zu beschäftigen, die Hunter Clarke-Fields in ihrer Einführung stellt:
Was wünschen Sie sich für Ihre Kinder? Und setzen Sie diese Dinge in Ihrem eigenen Leben um?
Wenn Ihre Antwort auf die zweite Frage anders lautet als ein klares und nachdrückliches »Ja«, dann machen Sie sich bitte keinen Stress. Hier sind Sie richtig. Egal, ob Sie einen Wutanfall aushalten oder alleine auf einem Berggipfel sitzen: Hunter hat den Wegweiser, den Sie brauchen.
Carla Naumburg, PhD
Autorin des Buches How to Stop Losing Your Sh*t with Your Kids (Deutsch: Ausgemotzt: Wie Sie es schaffen, Ihr Kind ohne Schimpfen und Schreien zu erziehen)
»Wenn wir Eltern werden, sehen wir uns oft als Lehrer unserer Kinder, aber schnell erkennen wir, dass unsere Kinder auch unsere Lehrer sind.«
Daniel Siegel und Mary Hartzel
Meine größten Triumphe als Mutter habe ich in Momenten des Scheiterns errungen. Erlauben Sie mir, Ihnen von einem der größten zu berichten:
Ich saß in der oberen Etage im Flur und weinte. Ich weinte nicht still und leise vor mich hin, ich schluchzte laut, und mir strömten große Kullertränen über die Wangen. Es war die Art von Weinen, die mein Gesicht rot werden und geschwollen aussehen ließ. Als ob ich einen Profiboxkampf hinter mir hätte. Noch schlimmer war: Ich fühlte mich, als ob ich innerlich k. o. geschlagen worden wäre. Hinter einer geschlossenen Tür weinte meine zweijährige Tochter ebenfalls, weil ich sie mit meiner Wut erschreckt hatte. Der Klang ihres Weinens bohrte sich in mein Herz und führte dazu, dass ich von einer weiteren Welle heftiger Schluchzer geschüttelt wurde. Ich kauerte mich auf dem Holzboden zusammen und vergrub mein Gesicht in den Händen.
Wer hat gesagt, dass sich das Elternsein so anfühlen würde? Niemand. Es sollte doch eigentlich mit klischeehaften, wie weichgezeichneten Momentaufnahmen gefüllt sein, in denen ich liebevoll mein Kind betrachte, oder? Was stimmt also nicht mit mir?
Ich fühlte mich elend. Doch nach einiger Zeit gestand ich mir ein, dass dieser ganze Erziehungskram nun einmal hart war. Mit der Erkenntnis, dass ich mein unschuldiges Kleinkind in Angst und Schrecken versetzt hatte, richtete ich mich im Sitzen langsam auf. Mein Handeln hatte unsere Beziehung beschädigt. Es wäre leicht gewesen, ihr die Schuld zu geben und einfach darüber hinwegzugehen. Aber ich war so geistesgegenwärtig, mir dessen bewusst zu werden, dass ich mich stattdessen auch dafür entscheiden konnte, noch mal neu anzufangen.
Ich wischte mir mit den Ärmeln die Tränen aus dem verquollenen Gesicht. Mein Körper fühlte sich ausgelaugt und zittrig an. Ich atmete einige Male tief ein, stand auf und öffnete die Tür zum Zimmer meiner Tochter, um sie zu trösten.
An jenem Tag, auf dem Flur in der oberen Etage unseres Zuhauses, begann meine Reise.
Es wäre viel einfacher, diese Geschichte zu erzählen, wenn dies mein einziger großer Moment des Aufwachens und der Erkenntnis gewesen wäre. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich mich unmittelbar nach diesem Zwischenfall zusammengerissen und geschworen hätte, meine Kinder nie wieder anzuschreien und seitdem eine glückliche Mutter war und das bis ans Ende meiner Tage sein würde. Die Wahrheit ist, dass ich bereits viel zu oft ausgerastet war, um die Male zählen zu können, und dass ich es auch nach diesem Zwischenfall noch viele weitere Male vermasseln würde.
Auch wenn ich es mir damals nie und nimmer hätte vorstellen können, ist die Beziehung zwischen mir und meiner Tochter, die jetzt an der Schwelle zum Teenageralter steht, enger denn je. Natürlich bin ich manchmal frustriert, aber ich schreie sie oder ihre jüngere Schwester nur selten an. Tatsächlich kooperieren meine Kinder ohne Drohungen oder Strafen (in 98 Prozent der Fälle).
Wie ist es dazu gekommen? Indem ich mich mir selbst gegenüber verpflichtet habe, praktische Strategien anzuwenden, die auf Achtsamkeit, mitfühlender Kommunikation und dem Willen zur Konfliktlösung basieren. Und genau darum geht es in diesem Buch. Auf den folgenden Seiten erfahren Sie, wie Sie sich von einer gestressten Mutter oder einem gestressten Vater in eine nette, selbstsichere Mutter oder einen netten, selbstsicheren Vater verwandeln können: zu einem geerdeten, ruhigen, kompetenten Elternteil. Die Methoden und Techniken, die ich hier zusammengetragen habe, haben Hunderten anderer Eltern geholfen, die von Freundlichkeit geprägten, kooperativen Beziehungen zu ihren Kindern aufzubauen, die sie sich wünschen.
Von diesen Tagen an, die nahezu ständig von Frustration geprägt waren, begab ich mich auf eine epische Suche, die dem Ziel dienen sollte, mich selbst und meine Tochter zu verstehen. Ich las Bücher, experimentierte mit verschiedenen Techniken und Methoden, nahm an Kursen teil und erwarb alle möglichen Zertifikate, um meine Gewohnheiten zu ändern. Ich vertiefte meine in jahrelanger Beschäftigung mit dem Thema erworbenen Kenntnisse über Achtsamkeit und integrierte sie in meinen Alltag als Mutter. Ich lernte nicht nur, wie ich es schaffe, nicht mehr die Fassung zu verlieren, sondern auch, wie ich starke Beziehungen aufbauen kann. Heute ziehen meine Kinder mit mir an einem Strang, weil sie sich aus freien Stücken dazu entscheiden – und nicht, weil ich ihnen drohe. Mit diesem Buch hoffe ich, Sie mit auf eine Abkürzung zu nehmen, Ihnen den Umweg über die vielen Jahre des Studiums, der Kurse und des Ausprobierens zu ersparen und Ihnen jene acht grundlegenden Fähigkeiten zu vermitteln, die nach meiner Erfahrung am meisten bringen.
Bevor Maggie geboren wurde, hatte ich alle möglichen Ansichten darüber, wie man Kinder erzieht. Ich stellte mir vor, dass mein Kind immer bereitwillig tun würde, was ich von ihm verlangte, und mir nie widersprechen würde. Ich würde liebevoll sein, aber bestimmt, und wir würden gut miteinander klarkommen. Ich stellte mir vor, wie wir in harmonischer Eintracht gemeinsam durch Kunstmuseen streiften (ja, nur zu, lachen Sie ruhig).
Die Realität des Kleinkindalters traf mich hart. Meine Tochter hörte nicht nur nicht auf mich, sie widersetzte sich auch aktiv nahezu allem, was ich von ihr wollte. Wir gerieten jeden Tag aneinander. Mein von Natur aus gelassener Mann und ich fingen an, sie als eine kleine tickende Zeitbombe zu sehen. Alles konnte plötzliche Wutausbrüche auslösen, zu Geschrei und Gebrüll führen, und das (gefühlt) stundenlang. Tag für Tag mit ihr zu Hause zu sein, stresste und erschöpfte mich. Was stimmte nicht mit meinem Kind? Warum war es so? Es dauerte nicht lange, bis ich als Mutter meine eigenen Wutanfälle hatte. Was für ein Chaos!
Wenn ich heute zurückblicke und mir die Fotos anschaue, dann sehe ich, was für ein süßes Kind meine Tochter war – und ich erinnere mich, was für eine unglaublich schwierige Zeit wir damals hatten. Wir erlebten wunderbare, lebensverändernde Glücksmomente miteinander, und sie drückte Knöpfe in mir, von denen mir nicht einmal bewusst war, dass sie existierten. Zu jener Zeit wusste ich nicht, dass ich die Wutausbrüche meines Vaters nachahmte und dadurch ein Muster fortführte, das von Generation zu Generation weitergegeben worden war.
Wenn Sie gereizt, frustriert und desillusioniert sind und sich schuldig fühlen, wenn Sie schreien, mit den Füßen aufstampfen oder weinen … dann sind Sie nicht alleine, versprochen. Als meine Tochter klein war, war ich ebenfalls gereizt und erschöpft, ich schämte mich für meine Wut und hatte ihr gegenüber ein total schlechtes Gewissen.
An jenem Tag, als ich im Flur auf dem Boden saß, hatte ich zwei Optionen: Ich konnte mich schämen, mir die Schuld geben und mental in ein tiefes Loch fallen – oder ich konnte akzeptieren, was geschah, und daraus lernen. Also nahm ich meine Wut hin und nutzte sie als Lehrmeister. Ich versuchte zu ergründen, warum meine Wut ausgelöst wurde. Ich wurde mir dessen bewusst, dass ich, um als Mutter so gut zu sein wie nur irgend möglich, ruhiger werden musste und weniger reaktiv und dass ich meiner Tochter mit einer angemesseneren, geeigneteren Sprache begegnen musste; nicht mit tadelnden Worten, die die Situation nur noch verschlimmerten.
Die gute Nachricht lautet: Wenn ich es geschafft habe, mein Chaos aus sich ständig wiederholenden Fehlern und Misserfolgen in den Griff zu bekommen und starke, liebevolle, durch Verbundenheit geprägte Beziehungen zu meinen Kindern aufzubauen, dann können Sie das auch.
Es ist nicht einfach. Uns wird als Eltern vermittelt, dass wir immer wissen müssen, was zu tun ist. Wir sollen in der Lage sein, mühelos gesunde Mittagessen zuzubereiten, unseren Kindern ein stets aufgeräumtes, ordentliches Zuhause zu bieten, dafür sorgen, dass alle immer bestens organisiert sind, und bei alldem sollen wir auch noch gut aussehen. Und selbstverständlich soll die Beziehung zu unseren Kindern immer ganz wunderbar sein, denn »perfekte Eltern« sind immer liebevoll, geduldig und freundlich.
Aber die Realität sieht so aus, dass wir unsere Kinder in manchen Situationen nicht einmal mögen, und manchmal sind wir ungeduldig, schreien und sind gemein. Bei den meisten von uns löst es eine fast unerträgliche Scham aus, wenn wir an solche Fehltritte denken. Sie können sich entweder in dieser Scham suhlen und sie in sich hineinfressen, oder Sie können sie als Katalysator nutzen, um zu lernen, sich zu verändern. Ich lade Sie dazu ein, Letzteres zu tun.
Was wünschen wir uns für unsere Kinder? Ich möchte, dass meine Mädchen glücklich und selbstbewusst sind und dass sie gute Beziehungen zu anderen Menschen haben. Vor allem aber wünsche ich mir, dass sie sich in ihrer eigenen Haut wohlfühlen – dass sie sich selbst akzeptieren.
Was wünschen Sie sich für Ihre Kinder? Nachdem Sie diese Frage beantwortet haben, stellt sich die entscheidende Frage: Setzen Sie das, was Sie sich für Ihre Kinder wünschen, in Ihrem eigenen Leben um?
Ihnen ist wahrscheinlich auch schon aufgefallen, dass unsere Kinder dazu neigen, ganz und gar nicht das zu tun, was wir ihnen sagen, aber sehr gut darin sind, das zu tun, was wir selbst machen. Durch die Art und Weise, wie wir mit ihnen umgehen, bringen wir Kindern vom Säuglingsalter an bei, wie sie mit anderen interagieren. Die Art und Weise, wie wir in jedem einzelnen Moment auf das Verhalten unserer Kinder reagieren, prägt ein Verhaltensmuster, das unsere Kinder möglicherweise ihr ganzes Leben lang beibehalten. Deshalb ist es an uns, uns so zu verhalten, wie wir wollen, dass unsere Kinder sich verhalten.
Was für ein Familienleben wünschen Sie sich? Wie möchten Sie sich fühlen? Vielleicht wünschen Sie sich innere Ruhe. Oder Sie wünschen sich, weniger von irgendwelchen äußeren Faktoren gesteuert zu werden und mehr Zutrauen in Ihre Entscheidungen zu haben. Wahrscheinlich wünschen Sie sich mehr Kooperation. Ich lade Sie ein, Ihre Antworten auf diese Fragen im Rahmen der folgenden Übung zu erkunden. (Es ist die erste schriftliche Aufgabe in diesem Buch. Ich empfehle Ihnen dringend, ein Achtsamkeit statt Ausraster-Tagebuch anzulegen, um alles, was Sie im Laufe dieses Buches niederschreiben, an einem Ort zu haben.)
Besonderer Hinweis:
Liebe Leserinnen und Leser, ich weiß ganz genau, wie es ist, wenn man in einem Buch an eine Stelle kommt, an der man aufgefordert wird, eine Übung zu machen. Man beschließt, sich vielleicht später damit zu befassen und erst einmal weiterzulesen. Doch in diesem Buch ist es wirklich wichtig, dass Sie aktiv mitarbeiten, wenn Sie eine signifikante Veränderung erleben wollen. Sollen wir uns darauf einigen, dass genau das unser Ziel ist? Betrachten Sie dieses ganze Buch als eine Übung darin, in eine erfüllendere Art des Elternseins einzutauchen. Die folgende Übung ist sozusagen Ihr erster Schritt beim Sprung ins kalte Wasser. Sie können es! Und jetzt legen Sie sich einfach ein Notizbuch bereit.
Übung: Wie soll Ihr Verhalten als Mutter oder Vater aussehen?
Es ist wichtig, dass Sie sich darüber im Klaren sind, wie Sie sich Ihr alltägliches Familienleben vorstellen und welche Veränderungen Sie sich wünschen. Nehmen Sie sich ein wenig Zeit, um über die folgenden Fragen nachzudenken. Schreiben Sie zu jeder Frage so viel nieder, wie Sie für erforderlich halten. Versehen Sie diese Seite mit einem Datum. Es ist eine Momentaufnahme, die beschreibt, wie Sie sich jetzt gerade fühlen und verhalten – und wie Sie sich wünschen, dass Sie sich in Zukunft fühlen und verhalten.
Wie empfinden Sie Ihren Erziehungsstil aktuell?
Was frustriert Sie?
Wie würden Sie sich stattdessen im Hinblick auf die Erziehung Ihres Kindes/Ihrer Kinder gerne fühlen?
Was würden Sie gerne an Ihrem Verhalten ändern?
Dieses Buch hilft Ihnen dabei, einen ruhigeren, von rücksichtsvolleren Interaktionen geprägten Umgang mit Ihrem Kind zu pflegen. Sie werden lernen, so kompetent zu kommunizieren, dass Ihre Kinder aus freien Stücken mit Ihnen an einem Strang ziehen. Sie üben, auf die Auslöser zu achten, die bei Ihnen selbst bestimmte Reaktionen hervorrufen, sodass Sie Ihren Kindern wiederum beibringen können, wie diese mit ihren starken Gefühlen umgehen können. Und Sie werden lernen, Ihren Kindern das vorzuleben, was Sie ihnen beibringen möchten.
Vielleicht haben Sie schon mal gesehen, wie eine Mutter oder ein Vater ein Kind angeschrien und aufgefordert hat, leise zu sein (oder vielleicht haben Sie es auch selber schon gemacht). Unsere Kinder durchschauen so eine Scheinheiligkeit sofort. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder andere (uns eingeschlossen) freundlich und respektvoll behandeln, müssen wir ihnen ebenfalls freundlich und respektvoll begegnen. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer nehmen, müssen wir ihnen zeigen, dass wir ihre Bedürfnisse wirklich ernst nehmen. Wenn wir wollen, dass sie höflich sind, müssen wir überlegen, ob wir bei unserer Wortwahl gegenüber unseren Kindern ebenfalls darauf achten, uns höflich auszudrücken. Wir müssen unsere Kinder so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Wir sollten uns so verhalten, wie wir wollen, dass sie sich verhalten. So einfach ist das – und doch ist es alles andere als einfach.
Leider herrscht in unserer Kultur die Gewohnheit vor, Kinder als minderwertig zu behandeln – und allzu oft erwarten wir von ihnen ein Verhalten, das wir ihnen nicht wirklich selbst entgegenbringen. Wir erwarten von Kindern, dass sie sich respektvoll verhalten, doch wir kommandieren sie ständig herum. Wir stellen Anforderungen an sie und sind dann überrascht, wenn sie im Gegenzug Ansprüche stellen und Dinge verlangen. Wir schreien sie an, drohen ihnen, bestrafen sie und zeigen ihnen damit, dass Macht und Zwang unsere Mittel der Wahl sind.
Wie nicht anders zu erwarten ist, führt dies zu einer Entfremdung in der Beziehung. Die Kinder beginnen, sich über ihre Eltern zu ärgern. Wenn sie in die Pubertät kommen, haben sie diese Art der Behandlung satt und rebellieren. Das führt dann dazu, dass wir den Einfluss auf unsere Kinder verloren haben, wenn sie ihn am dringendsten benötigen, nämlich in den Teenagerjahren. Manchmal bleiben die Beziehungen zu unseren Kindern bis in ihr Erwachsenenalter irreparabel gestört.
Ich lade Sie ein, eine bessere Option in Betracht zu ziehen: Begegnen Sie Ihrem Kind mit der gleichen freundlichen und respektvollen Kommunikation, die Sie ihm beibringen wollen. Verhalten Sie sich in einem bestimmten Moment weniger reaktiv und reagieren Sie auf Ihr Kind bedacht und rücksichtsvoll. Achten Sie darauf, dass Ihre eigenen Bedürfnisse erfüllt werden, setzen Sie Grenzen und kommunizieren Sie diese, und zwar ohne zu tadeln, zu schimpfen und zu drohen. Verhalten Sie sich wie der gute Mensch, den Sie aus Ihrem Kind machen wollen.
Auf den folgenden Seiten erfahren Sie etwas über schädliche Muster, die in Ihrer Familie womöglich über Generationen hinweg weitergegeben wurden. Wenn Sie Ihre Augen gegenüber diesen Mustern öffnen, lassen Sie zu, dass diese Sie inspirieren und Sie etwas von ihnen lernen.
Nachdem ich bereits einige Jahre lang an meinem Problem gearbeitet hatte, dass ich meine Kinder immer wieder anschrie, setzte ich mich mit meinem Vater zusammen. Er erzählte mir, unter welchen Umständen er aufgewachsen war. Seine Eltern hatten ihn mit einem Gürtel geschlagen. Das Verhalten meiner Großeltern, das man heute als traumatisierende Misshandlung bezeichnen würde, wurde in der damaligen Zeit als normal angesehen. Mein Vater versohlte mir seinerseits den Hintern.
Ich befand mich nun auf einer Mission, die Dinge zu ändern. Ich bestrafte meine Kinder nicht nur nicht körperlich, ich bemühte mich darüber hinaus, sie auch nicht anzuschreien. Wir sahen beide die Verbesserungen, die sich von Generation zu Generation entwickelten, aber für mich war »nicht zu schreien« nicht genug. Ich wollte zu meinen Kindern Beziehungen aufbauen, die auf Kooperation und Respekt basierten – und das tat ich auch. Die alten Muster von Härte, Wut und Entfremdung haben sich in meiner Familie gewandelt.
Sie werden in diesem Buch keine Vorschläge finden, wie Sie bei der Erziehung Ihrer Kinder am besten auf Drohungen oder Bestrafungen zurückgreifen. Und zwar aus einem guten Grund: Zum einen lernen unsere Kinder, wenn wir ihnen drohen, dass es in Ordnung ist, andere so zu behandeln. Zum anderen sind Drohungen und Bestrafungen ein viel ineffektiveres Erziehungsmittel als kompetente Kommunikation.
Stattdessen lernen Sie in diesem Buch Mittel und Methoden der Erziehung kennen, deren Wirksamkeit auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert und die dem Wohlbefinden aller Beteiligten dienen. Wenn Sie eine bessere Beziehung zu Ihrem Kind haben, wächst auch Ihr Einfluss auf Ihr Kind. Es ist keine Zauberei und es bedarf harter Arbeit, aber die positiven Effekte werden ein Leben lang anhalten. Ich habe dies bei den Teilnehmern meines Kurses Mindful Parenting (»Achtsame Erziehung«), den ich entwickelt habe und dessen Prinzipien ich lehre, immer wieder erlebt. Sie können die schädlichen Muster ändern, sodass künftige Generationen davon profitieren.
Als meine erstgeborene Tochter noch klein war, schienen wir jeden Tag Probleme miteinander zu haben. Es fiel mir nicht nur extrem schwer, mit ihren schwierigen Gefühlen umzugehen, darüber hinaus verschlimmerte meine Art, mit ihr zu kommunizieren, das Ganze noch. Doch mithilfe der Techniken und Methoden, die ich Ihnen in diesem Buch vermitteln werde, ist es mir gelungen, all das zum Guten zu wenden. Heute sind wir in der Lage, Konflikte so zu bewältigen, dass dabei weniger Frustrationen entstehen und wir uns schneller wieder davon erholen. Mein Mann und ich erleben jetzt sehr viel mehr Kooperation vonseiten unserer beiden Kinder.
Die meisten Erziehungsratgeber verschweigen Ihnen, dass all die guten in ihnen enthaltenen Ratschläge wertlos sind, sobald Ihre Stressreaktion einsetzt. Denn ab diesem Moment haben Sie im wahrsten Sinne des Wortes keinen Zugang mehr zu den Bereichen Ihres Gehirns, in denen die guten neuen Techniken und Methoden, die Sie gelernt haben, gespeichert sind. Deshalb zeigt Ihnen dieses Buch, wie Sie Ihre Stressreaktion – diese reaktive wütende Furie in Ihrem Inneren – beruhigen und wie Sie mit Ihrem Kind effektiv kommunizieren können, sodass sie bei ihm nicht mehr so viel Widerstand auslösen.
Anhand von acht Techniken und Methoden lernen Sie, wie Sie weniger reaktiv handeln und effektiver kommunizieren können. Diese können Sie ab sofort auch in Ihrem hektischen Lebensalltag abseits der Kindererziehung anwenden:
• Achtsamkeitsübungen, um nicht mehr so impulsiv zu reagieren
• Bewusstsein für Ihre eigene Geschichte
• Selbstmitgefühl
• Sich um schwierige Gefühle kümmern
• Achtsames Zuhören
• Kompetente Sprache
• Achtsames Lösen von Problemen
• Förderung eines friedvollen Zuhauses
Viele Eltern nehmen im Hinblick auf die Erziehung von Kindern die damit verbundenen Herausforderungen, Ärgernisse und Frustrationen wahr und geben den Kindern die Schuld dafür. Wenn wir unsere Kinder doch nur »in den Griff« bekommen könnten, wäre unser Leben besser. Doch anstatt Ihrem Kind die Schuld zu geben – oder sich selbst –, lade ich Sie ein, den Stress und die Schwierigkeiten, die mit der Kindererziehung einhergehen, als etwas zu betrachten, von dem Sie lernen können – und nicht als etwas, von dem Sie sich wünschen, dass es einfach verschwinden möge.
Dieses Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil geht es um die grundlegende Arbeit an Ihnen selbst, die Sie leisten können, um Ihre Reaktivität zu reduzieren. Der zweite Teil ist einer kompetenten Kommunikation und dem Herstellen und Erhalten eines friedlichen Zuhauses gewidmet. Bitte überspringen Sie nicht den ersten Teil dieses Buches! Die innere Arbeit ist eine wesentliche Voraussetzung für die Arbeit an Ihrer Kommunikationskompetenz.
In Teil 1 lernen Sie die Technik der Achtsamkeit kennen, die Ihnen helfen wird, Ihre Stressreaktion zu mildern und Mitgefühl für sich selbst zu entwickeln. Im nächsten Schritt werden Sie sich Ihrer eigenen Geschichte bewusst und identifizieren die Auslöser, die bei Ihnen zu Stressreaktionen führen. Sodann geht es um Selbstmitgefühl, die wesentliche Haltung, die die Voraussetzung für positive Veränderungen ist. Wir beenden den ersten Teil mit der wichtigen Fähigkeit, mit schwierigen Gefühlen umzugehen.
In Teil 2 lernen Sie kommunikative Fähigkeiten, die zu einer besseren Kooperation vonseiten Ihres Kindes und zu einer besseren Beziehung mit ihm führen werden. Sie werden erfahren, wie Sie Ihrem Kind richtig zuhören, um ihm zu helfen, seine eigenen Probleme zu lösen. Sie lernen, wie Sie mit Ihrem Kind reden können, ohne so viel Widerstand in ihm auszulösen. Sie werden erfahren, wie Sie Probleme bewältigen können, ohne auf Drohungen zurückzugreifen, sodass die Bedürfnisse aller Beteiligten (einschließlich Ihrer eigenen!) befriedigt werden. Schließlich werden Sie die Praktiken und Gewohnheiten erlernen, die erforderlich sind, damit der neu gewonnene Friede in Ihrem Zuhause gefördert und aufrechterhalten wird.
Ich habe mein Konzept aufgrund der Kämpfe entwickelt, die ich in meinem eigenen Leben durchstehen musste. Als Mutter hatte ich das Gefühl, bei der wichtigsten Aufgabe meines Lebens zu versagen. In zahlreichen Erziehungsratgebern gab es großartige Tipps, die ich jedoch nicht umsetzen konnte, weil ich so frustriert und gestresst war. Ich musste meine Achtsamkeitsübungen wieder aufnehmen, um mich zu erden. Doch sie halfen mir nicht dabei, die richtigen Worte für meine Tochter zu finden, ohne dass diese Worte Widerstand in ihr auslösten.
Letztendlich kamen diese beiden Dinge zusammen, weil mir klar wurde, dass das eine ohne das andere unvollständig war. Ich benötigte beides, und die Eltern, mit denen ich arbeite, benötigen ebenfalls beides. Achtsamkeit und kompetente Kommunikation sind die beiden Flügel, die es uns ermöglichen zu fliegen.
Verlassen Sie sich nicht auf mein Wort. Probieren Sie es selbst aus. Nehmen Sie sich nicht nur die Zeit, darüber, was es mit diesen Konzepten auf sich hat, zu lesen, sondern setzen Sie sie in Ihrem eigenen Leben um. Das bedeutet, aktiv zu werden – indem Sie schreiben, praktizieren und die Übungen tatsächlich ausprobieren. Es bedeutet auch, Stille zu praktizieren, was anfangs beängstigend sein kann, aber letztendlich eine bereichernde Erfahrung ist. Sie werden das aus diesem Buch herausholen, was Sie bereit sind zu investieren, deshalb ermuntere ich Sie, sich wie ein Wissenschaftler zu verhalten und die vorgestellten Techniken und Methoden in Ihrem eigenen Leben auszuprobieren.
Mit diesem Manifest der achtsamen Elternschaft beende ich diese Einführung. Wie Sie sehen werden, ist es das inspirierende Leitmotiv, das dieses Buch durchzieht.
Manifest der achtsamen Elternschaft
Achtsame Eltern gehören einer neuen Generation von Müttern und Vätern an. Sie sind präsent, ruhig, authentisch, frei und entwickeln sich weiter.
Achtsame Eltern lehnen die Vorstellung ab, dass etwas oder jemand »nicht gut genug« ist. Sie wissen: Wenn wir uns von unnötigem Stress und allem, was uns einschränkt, befreien, dann zeigt sich unser authentisches, gelassenes Wesen.
Achtsame Eltern praktizieren Selbstmitgefühl und sehen herausfordernde Situationen nicht als Makel an, sondern als etwas, aus dem sie lernen können.
Achtsame Eltern schätzen Weisheit mehr als reaktives Handeln, Einfühlungsvermögen mehr als Gehorsam und sie beginnen jeden Tag aufs Neue, ohne auf Vergangenes zurückzublicken.
Achtsame Eltern leben ihren Kindern vor, was sie ihnen beibringen wollen, weil sie wissen, dass der beste Erziehungsstil darin besteht, ein gutes Vorbild zu sein.
Achtsame Eltern gehen in sich und werden ruhig, um Zugang zu ihren Kräften zu finden.
Achtsame Eltern sind präsent, machen ihre eigenen Erfahrungen, nehmen Unvollkommenheiten mit offenen Armen an und lieben sich selbst.
Achtsame Eltern sind motiviert, weil sie wissen, dass sie mit jedem Schritt für die künftigen Generationen Veränderungen bewirken.
Ich bin eine achtsame Mutter oder ein achtsamer Vater.
»Du kannst die Wellen nicht stoppen, aber du kannst lernen zu surfen.«
Jon Kabat-Zinn
Stellen Sie sich vor, es ist 8 Uhr morgens. Sie haben einen vollgepackten Tag vor sich, und Ihr Kind muss um 8.15 Uhr in der Schule sein. Die Schulleiterin hat Ihnen bereits eine Ermahnung geschickt, weil Ihr Kind schon zu oft zu spät gekommen ist. Ihr Kind lässt sich jede Menge Zeit, zieht sich immer wieder um und hat sich noch nicht einmal die Zähne geputzt.
Sie rufen einige Male nach oben: »Schatz, beeil dich, sonst kommen wir zu spät!«, doch Ihr Kind kommt nicht nach unten. Als Sie schließlich in sein Zimmer gehen, um nachzusehen, was los ist, wirft es sich auf den Boden und schreit: »Ich gehe nicht in die Schule!«
Was haben Sie beim Lesen dieses Szenarios gedacht? Was haben Sie in Ihrem Körper gespürt? Ich merke, wie sich mein Puls beschleunigt. Es fühlt sich an, als würde sich mein Blut erhitzen. Mein Kiefer verspannt sich. Gefühle von Hilflosigkeit, Ängsten und Frustration kommen in mir hoch. Gedanken der Ungeduld schießen mir durch den Kopf, meine innere Stimme tobt und wütet angesichts dieser Situation.
Das Entscheidende bei dem Ganzen ist: All diese Reaktionen passieren einfach von selbst. Wir entscheiden uns nicht bewusst dafür, frustriert zu sein, uns hilflos zu fühlen und unsere physiologischen Stressreaktionen zu spüren. Wir reagieren in diesen Momenten sozusagen auf Autopilot. Unser Stress übernimmt das Ruder und diktiert unsere Reaktion. Unsere Worte fliegen einfach so aus unserem Mund heraus. Oft ist unser Drehbuch für das, was wir ohne nachzudenken sagen, nur eine Wiederholung dessen, was unsere Eltern früher in ähnlichen Situationen zu uns gesagt haben.
Wenn wir uns im Reaktionsmodus befinden, sind wir, was unsere Fähigkeiten bei der Erziehung angeht, am schlechtesten. Stellen Sie sich Folgendes vor: Anstatt auf Autopilot zu gehen (und zu hören, wie die Worte Ihrer Mutter aus Ihrem eigenen Mund kommen), reagieren Sie in diesen Momenten überlegt und mit Bedacht. Wie würde das die Dinge womöglich ändern?
In diesem Kapitel befassen wir uns zunächst mit dem Nervensystem und sehen uns an, wie es unser Erziehungsverhalten untergraben kann. Im weiteren Verlauf lernen Sie Techniken und Methoden, die Ihnen dabei helfen können, diesen Verhaltensweisen entgegenzuwirken und weniger reaktiv zu handeln.
Sie können sie spüren. Ihr Herz schlägt schneller, ihr Blutdruck steigt und ihre Atemfrequenz erhöht sich, wenn Sie unter Stress sind. Diese nahezu augenblicklich stattfindenden Reaktionen im Körper sind dazu bestimmt, Ihnen dabei zu helfen, eine Bedrohung zu bekämpfen oder alternativ zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen. Die Stressreaktion half unseren Vorfahren zu überleben, wenn sie schnell auf Gefahren reagieren mussten. Der Zugang zum oberen Bereich unseres Gehirns, der klar denken und Probleme lösen kann, wurde dabei unterbrochen. Denn dieser würde uns sonst nur in die Quere kommen und unsere Reaktion verlangsamen. Unsere Vorfahren hätten es nicht geschafft, ihre Kinder vor einem Säbelzahntiger zu retten, wenn sie erst einmal innegehalten und darüber nachgedacht hätten, wie sie das am besten bewerkstelligen sollen. Doch in der heutigen Welt bringen uns diese automatisch ablaufenden Stressreaktionen oft in Schwierigkeiten.
Es gibt biologische und evolutionsbedingte Gründe, warum wir ausrasten. Wenn man es aus einer evolutionsbiologischen Perspektive betrachtet, würde ich sogar sagen, dass es nicht einmal Ihre Schuld ist. Wir rasten aus, wenn wir automatisch reagieren, weil unser Gehirn fälschlicherweise eine Bedrohung wahrgenommen hat. Konflikte mit unseren Kindern können diese automatischen Reaktionen auslösen. Wir entscheiden uns nicht bewusst dafür, so zu reagieren. Aber wie wir sehen werden, können wir uns durchaus dafür entscheiden, die Auswirkungen dieser Reaktionen zu mildern.
Wir entscheiden uns auch nicht bewusst dafür, uns auf die Probleme zu fokussieren. Aufgrund unserer Verdrahtung, die darauf ausgerichtet ist, zu überleben, haben wir alle eine angeborene Neigung zur sogenannten Negativitätsverzerrung, also dass wir vor allem mögliche Bedrohungen und Gefahren wahrnehmen. Der untere Bereich des Gehirns stellt sicher, dass wir Negatives leichter bemerken, weil das beim Kampf ums Überleben hilfreich ist. Doch in der heutigen Zeit kann die Negativitätsverzerrung die Verbindung zu Ihrem Kind beeinträchtigen; diese Verbindung ist sozusagen der Klebstoff, der uns das Elternsein und die Erziehung erleichtert. Wir bemerken vor allem, wenn sich unsere Kinder unkooperativ verhalten – aber was ist mit den Momenten, in denen sie kooperativ sind? Wir sehen ihren Egoismus – aber übersehen vielleicht ihre Großmütigkeit. Unser Blick auf unsere Kinder kann eng, voreingenommen und verzerrt sein.
Wenn wir sie nicht hinterfragen und kontrollieren, richtet unsere Biologie es so ein, dass wir das Elternsein und die Erziehung als ein negatives Erlebnis wahrnehmen. Aber das muss nicht so sein. Ich zeige Ihnen bewährte Techniken und Methoden, die dafür sorgen, dass Sie es stattdessen als etwas Positives erleben.
Sehen wir uns zunächst ein wenig genauer an, was in einem »ausrastenden« Gehirn passiert, und beginnen wir mit der Stressreaktion. Das ganze Gehirn besteht zwar aus miteinander verbundenen Netzen, aber es ist hilfreich, sich die tiefsten Bereiche – den Hirnstamm und das limbische System – als diejenigen vorzustellen, die vor allem für unsere Stressreaktion verantwortlich sind, nämlich die berühmte Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktion.
