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Achtsamkeit steht hoch im Kurs und scheint so etwas wie ein Allerheilmittel für alle möglichen Anliegen zu sein: ein geschwächtes Ich zu stärken, Selbstoptimierung voranzutreiben, die Arbeit effizienter zu bewältigen, mehr zu verdienen und insgesamt ein besserer Mensch zu werden. Allmählich hat sich die ursprüngliche Idee eines achtsamen Lebens auf Funktionales reduziert. Der Mensch ist fast immer absichtsvoll in Bewegung, oft mit seinem Geist schon beim Ziel. Die Allerwenigsten realisieren noch das Jetzt-Hier. Den jeweiligen Augenblick klarer zu erfahren, ist gleichwohl ein lebenslanger Übungsprozess. Um dieses auch für den Alltag hilfreiche Verständnis zu verdeutlichen, führt Zen-Meister Gerald Weischede zurück zu den traditionellen Wurzeln von Achtsamkeit und leitet daraus die "rechte Praxis" für unser Leben ab.
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Seitenzahl: 342
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Gerald Weischede
Achtsamkeit
verstehen und leben
Über den Ursprung und die Praxis
Vandenhoeck & Ruprecht
Mit 11 Abbildungen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2022 Vandenhoeck & Ruprecht, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe
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Umschlagabbildung: iStock.com/Eoneren
Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISBN 978-3-647-99387-4
Worum es geht
Was ist der jetzige Augenblick?
Zum Aufbau des Buches
Annäherungen – Ein erster Überblick
Achtsamkeit – Grundlegende Prinzipien
Achtsamkeit – Stand der Dinge
Über das menschliche Leiden, Krankheit und Gesundheit
Die Vier Edlen Wahrheiten
Das Problem des Anhaftens
Das Leiden am Geist
Kleiner Ausflug in die Methoden der zeitgenössischen Wissenschaft
Die fünf Skandhas
Das Ich-Selbst
Über die Täuschung
Bewusstsein
Die Krankheiten des Geistes
Der Jetzige Augenblick
1. Der Augenblick im Gegenwartsmoment
2. Der Augenblick in den fünf Skandhas
3. Der Augenblick in den Vijñānas
4. Der Augenblick als Raum
5. Der Augenblick der Fünf Kennzeichen
6. Der Augenblick im Samādhi oder Nullpunkt-Samādhi
Über den Atem
Der Atem als Lebensgrundlage
Die sechs subtilen Methoden
Achtsamkeit – Traditionelle Grundlagen
Die Beobachterposition: Reines Beobachten
Die Konzentration
Der stille Geist in der Achtsamkeitspraxis
Der Atem in der Achtsamkeitspraxis (ānāpānasati)
Die Versenkungen (Jhānas)
Die Meisterschaft: Die praktische Verwirklichung der Jhānas
Schwierigkeiten und Hindernisse in der Achtsamkeitspraxis
Das Auflösen der Hindernisse
Über die Freude und das Glück
Achtsamkeit – Der Körper
Achtsamkeit auf die Körperhaltungen
Das Gehen
Achtsamkeit auf die Körperteile
Achtsamkeit auf die vier Elemente
Die Friedhofsbetrachtungen
Die drei Körper
Der Körper ist das Universum
Der Praxis-Körper
Der Körper der Transformation – Eine Zusammenfassung
Achtsamkeit – Die Gefühle
Die Nicht-Reaktion
Über Emotionen und die Beobachterposition
Die sechs Gefühlseigenschaften
Achtsamkeit – Über den Geist: Die Wirklichkeit als Simulation
Über den Geist
Die Wirklichkeit als Simulation
Über das Bewusstsein
Über die Gegenwart/Über den jetzigen Augenblick
Achtsamkeit – Über den Geist: Die traditionelle Sicht
Yogāchāra
Mādhyamika – Über die Leerheit
Reines Beobachten und Wissensklarheit
Über den Geist
Über das Bewusstsein
Das Feld des Geistes
Kein Geist
Der schweigende Geist als direkte Erfahrung
Der gültige Geist
Die Dharmas
1. Dharma: Das Tor der Erscheinung
2. Dharma: Das Tor der Benennung
3. Dharma: Das Tor der Unterscheidung
4. Dharma: Das Tor des rechten Wissens
5. Dharma: Das Tor der Soheit
Die Entwicklung des Bewusstseins und die fünf Skandhas
Die erste Stufe: Das »Archaische«
Die zweite Stufe: Das »Magische«
Die dritte Stufe: Das »Mythische«
Die vierte Stufe: Das »Mentale«
Die fünfte Stufe: Das »Integrale«
Zum Schluss
Kleine Schriften über den Geist: Die Bewegung des Geistes – Die Stille des Geistes
Literatur
Glossar
Danksagung
Als eine der großen Weltreligionen kann der Buddhismus beschrieben werden als eine, die die eigenen Erfahrungen zur Grundlage von Erkenntnis und Handeln macht. Dadurch unterscheidet sie sich grundlegend von den übrigen Weltreligionen, deren Basis in der Regel der Glaube ist. Darüber hinaus gibt es einen fundamentalen Unterschied, der in zwei Worten zusammengefasst werden kann: Erwachen oder Erleuchtung.
Das Erwachen weist darauf hin, dass der Mensch in der Lage ist, über sein Alltagsverständnis hinaus für sich und seine Mitwelt wirklich wach zu werden, die Welt also nicht über das Verstehen zu erfassen, sondern ganz direkt, ohne die Vermittlung durch das Bewusstsein.
Der Buddhismus nimmt für sich in Anspruch, einen Praxisweg aufzuzeigen, der auf ein Potenzial des menschlichen Geistes aufmerksam macht, das weit über das Vorstellbare dessen hinausgehen kann, was wir normalerweise unter Geist verstehen. Es ist ein Weg zu Erweiterung der geistigen menschlichen Fähigkeiten, der nicht durch das Bewusstsein begrenzt ist. Dies ist sicher eine etwas überraschende Aussage, hat der Mensch doch seinen Verstand und damit sein Bewusstsein zu einem zentralen Wert gemacht. Die Wichtigkeit des Bewusstseins wird nicht in Frage gestellt, es wird aber aus buddhistischer Sicht nicht zum wichtigsten Kriterium geistiger menschlicher Aktivitäten gemacht. Ein Zugang zur Welt, der nicht über Sprache und Bewusstsein beschritten wird, kann möglicherweise ein sehr viel direkterer sein, ein Zugang, der eher als Gewahrsein beschrieben werden kann.
Menschliche Wahrnehmungen sind immer Prozesse von Wahrnehmungen. Damit ist gemeint, dass vom ersten Kontakt mit einem Objekt bis hin zur Bewusstwerdung ein Prozess durchlaufen wird, der mit Sprache verknüpft ist. Die menschliche Sprache basiert auf Symbolen, welche die Wirklichkeit beschreiben, die Wirklichkeit aber nicht sind. Eine solche symbolvermittelte Realität aber ist eine, die letztendlich einen direkten Zugang verhindert. Daher die Forderung aus buddhistischer Sicht, den Wahrnehmungsprozess selbst genau zu untersuchen, man könnte sagen, eine Phänomenologie der Wahrnehmung zu etablieren, um dann die Frage untersuchen zu können, ob eine Wahrnehmung ohne Vermittlung möglich ist und wie die Welt aus einer solchen Perspektive erscheint.
Mit anderen Worten: Es geht um eine Wahrnehmung, die vor der Sprache, also vor einer symbolvermittelten Wirklichkeit, anzusiedeln ist. Die Grundlage für all diese Prozesse ist der jetzige Augenblick. An dieser Stelle kommt die Achtsamkeit in den Fokus, denn sie stellt traditionell den jetzigen Augenblick zentral in den Mittelpunkt. Alles geschieht im jetzigen Augenblick.
In den letzten Jahren ist sehr viel über die Achtsamkeit gesagt und publiziert worden. Es scheint so, als ob die Achtsamkeit so etwas wie ein Allerheilmittel für alle möglichen Probleme geworden ist: ein geschwächtes Ich scheint gestärkt zu werden, die Achtsamkeit kann das Leben funktionaler machen, sie kann bei der Selbstoptimierung helfen, die Arbeit effizienter und erfolgreicher machen, sie kann helfen, mehr Geld zu verdienen und insgesamt ein besserer Mensch zu werden. Dabei werden die Grenzen zu Konzentration, Aufmerksamkeit und Gewahrsein oft verwischt.
Man könnte sagen, die Achtsamkeit ist im Laufe der letzten Jahre ganz in einen Verwertungskreislauf integriert worden, der dafür gesorgt hat, dass die ursprüngliche Idee eines achtsamen Lebens durchweg auf Funktionales reduziert worden ist. Dabei ist sie von ihren eigentlichen Wurzeln mehr oder weniger abgetrennt worden.
Was ist nun mit der Achtsamkeit in diesem traditionellen buddhistischen Rahmen eigentlich gemeint? Was sind die Wurzeln der Achtsamkeit und wie ist sie im Kontext eines Lebens zu bewerten, in dem die Meditation in der Regel keinen Stellenwert hat? Denn das ist der entscheidende Punkt: Meditation ist die Voraussetzung dafür, sich überhaupt mit der Achtsamkeit zu beschäftigen.
Wenn die Meditation, damit ist hier das bewegungslose, stille Sitzen auf einem Kissen, Bänkchen oder Stuhl gemeint, als wichtiger Teil des Tagesablaufs betrachtet wird, so wie es in Klöstern, aber auch bei gar nicht so wenigen Laien der Fall ist, dann stellt sich die Frage, was eigentlich in der Zeit passiert, in der nicht meditiert wird. Und in der Regel nimmt diese Spanne ja die meiste Zeit ein, das stille Sitzen ist, zumindest für einen Laien, nur für eine kurze Zeitspanne möglich. Was geschieht nun während der restlichen Zeit – kann die Meditation aufrechterhalten werden? An dieser Stelle kommt die Achtsamkeit ins Spiel, sie ermöglicht die Fortführung dessen, was auf dem Sitzkissen eingeübt worden ist, nun aber im Rahmen der jeweiligen Alltagstätigkeiten.
Der Mensch ist, so könnte man sagen, grundsätzlich aufmerksam, er ist wach, er ist lebendig. Aufmerksamkeit ist Wachheit und Lebendigkeit. Diese Lebendigkeit setzt der Mensch um, zum Beispiel in Konzentration als die Reduzierung der Aufmerksamkeit auf eine einzige Tätigkeit oder in allgemeine Tätigkeiten, bei denen zwischen mehreren Tätigkeiten schnell hin und her gesprungen wird. Aber auch die Tagträume, die es ermöglichen, ganz aus der jeweiligen Situation auszusteigen, sind Teil der allgemeinen menschlichen Tagesaktivitäten.
Sowohl während der Meditation auf dem Kissen als auch im Alltag nimmt der Mensch den jetzigen Augenblick oft nicht wahr. Was ist damit gemeint? Generell kann gesagt werden, dass alles jetzt in diesem Augenblick stattfindet. Oberflächlich betrachtet ist diese Aussage banal, bei genauerer Untersuchung dieser Aussage muss man jedoch feststellen, dass der Mensch das Jetzt-Hier, den jetzigen Augenblick also, in der Regel nicht realisiert. Er ist fast immer absichtsvoll und zielgerichtet in Bewegung, oft mit seinem Geist immer schon beim Ziel und nicht auf dem Weg dorthin, nicht beim Schritt für Schritt in diesem Moment. Auf dieses Hier-Jetzt zielt die Achtsamkeitspraxis ab.
Der Geist kann sich jederzeit aus dem Augenblick herausdenken oder fantasieren, sich dem Moment also entziehen. Das kann der Körper nicht, er ist immer im jetzigen Augenblick. Eine Achtsamkeitspraxis beginnt daher mit der Frage, in welcher Haltung und in welcher Befindlichkeit der Körper gerade ist, das schließt auch die jeweiligen Gefühle mit ein. Dazu bedarf es einer Schulung des Geistes, die darauf ausgerichtet ist, auch den Geist in den Moment zu bringen.
Stellen Sie sich einen Menschen vor, der geht. Lassen wir ihn den Geher nennen. Aus der Sicht des Alltagsbewusstseins ist dieser Geher aus der Vergangenheit gegangen oder gekommen, geht gerade durch die Gegenwart hindurch und in die Zukunft hinein. Er geht wie auf einem Zeit-Vektor aus der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft.
Nun lassen wir die Vergangenheit einmal weg, die Vergangenheit zählt für einen Moment nicht mehr und auch die Zukunft nicht. Der Geher geht ohne Vergangenheit und ohne Zukunft, er geht einfach im jetzigen Moment und setzt einen Fuß vor den anderen, ohne Vergangenes und ohne Zukünftiges. Das ist der jetzige Augenblick.
Wer nun ist diese Person ohne Vergangenheit und ohne Zukunft? Eine Person ohne Geschichte und ohne Zukunft, eine Person ganz im gegenwärtigen Augenblick. Nicht definiert durch ihr bisheriges oder ein zu erwartendes Leben. Eine Person ganz im jetzigen Augenblick gehend, einen Fuß vor den anderen setzend.
Für eine so gehende Person entfaltet sich das Leben mit jedem Schritt immer wieder ganz neu, nicht bezogen auf Vergangenes und nichts für die Zukunft erwartend. Eine so gehende Person ist frei von Vergangenem, frei von Zukunftsplänen, frei für all das Unvorhergesehene, das sich im jetzigen Augenblick ereignen und eröffnen kann. Aber auch frei von Selbstdefinitionen, Selbstbildern, sie hat ihr Ich-Selbst zurückgenommen und Platz gemacht für die Welt des jetzigen Moments. So kann sich eine Welt zeigen, die sich möglicherweise anders darstellt, als der Geher denkt, dass sie sei.
Für einen Augenblick spürt der Geher eine ungeahnte Grenzenlosigkeit, ein Verbundensein und eine Freiheit, die daraus resultieren, dass er sich ganz im jetzigen Moment aufhält. Von solchen Augenblicken, die jeder Mensch kennt, handelt dieses Buch.
In einem, allerdings oft übersehenen, engen Zusammenhang mit solchen Jetzt-Augenblicken steht die Frage nach der Wirklichkeit. Diese bezieht sich zum einen auf die Wirklichkeit der Dinge, die nicht zu leugnen sind, aber auch auf die Reaktion des Menschen auf diese Dinge. Real für den Menschen werden die Dinge nur dadurch, dass sie über die Sinne wahrgenommen werden, um dann im Geist verarbeitet zu werden. Mit anderen Worten: Die Dinge erscheinen dem Menschen durch diese Verarbeitung in seinem Geist und sind dann seine jeweilige Realität.
Thomas Metzinger nennt diese Erscheinungen im Geist des Menschen Simulationen, Spiegelungen des Wahrgenommenen, innere Vorstellungen oder eine Art »innerer Stellvertreter«. Im Verlauf des Buches wird aus verschiedenen Blickwinkeln des Öfteren die Frage gestellt: Kann die menschliche Wirklichkeit als Simulation oder als Erscheinung beschrieben werden?
Wenn das möglicherweise unsere jeweilige Realität ist, so die Frage aus buddhistischer Sicht, wie nah können wir denn dann der Wirklichkeit kommen? Wenn alles, was der Mensch erlebt, Erscheinungen im Geist sind, sollte es doch Mittel und Wege geben, in diese Prozesse des Erscheinens einzugreifen, möglicherweise sogar sie ganz zu Beginn ihres Entstehens zu unterbrechen? Dazu bedarf es eingehender Untersuchungen dieser wirklichkeitsherstellenden Prozesse. Und auch von diesen Prozessen handelt das vorliegende Buch.
In einem ersten Kapitel wird der Frage nachgegangen, welcher Stellenwert der Achtsamkeitspraxis derzeitig in einem erweiterten gesellschaftlichen Rahmen beigemessen wird.
Dann werden grundlegende Fragen nach dem menschlichen Leiden aufgeworfen und damit zusammenhängend Fragen nach Krankheit und Gesundheit. Das Verhältnis zu Krankheit und Gesundheit ist buddhistisch betrachtet ein anderes als das uns vertraute, schließt es doch Geist und Bewusstsein in die Behandlung von Krankheit mit ein.
Aus buddhistischer Sicht scheint es so zu sein, dass das eigentliche, nämlich das existenzielle Leiden des Menschen, auf drei Grundlagen beruht, die vorläufig so zusammengefasst werden könnten: Der Mensch hat ein grundsätzliches Problem damit, zum richtigen Zeitpunkt loslassen zu können. In seiner problematischen Form zeigt sich dies in der Gier. Darüber hinaus fällt es dem Menschen schwer, seine Emotionen situationsangemessen zu leben. Im schlimmsten Fall führt dies zu Hass und kann mit einem entsprechenden Kontrollverlust zu Verletzung und Tod führen. Die dritte Grundlage dafür, dass der Mensch oft existenziell leidet: Er hat wenig Erkenntnis darüber, wie sein Geist eigentlich funktioniert. Auf einer solchen Grundlage ist es ohne Weiteres denkbar, dass er möglicherweise immer wieder grundlegend getäuscht durch sein Leben geht und daraus entsprechende Formen des Leidens entstehen.
In einem weiteren Kapitel wird der jetzige Augenblick sehr genau in den Fokus genommen. Nach einer ausführlichen Darstellung traditioneller Achtsamkeitspraktiken folgt das Buch im Rahmen solcher Untersuchungen auch hier ganz traditionell den vier Sichtweisen bezüglich der Achtsamkeit: Es werden der Körper, die Gefühle, die Geistesinhalte und der Geist selbst untersucht um so, Schritt für Schritt, einen Zugang zum jetzigen Augenblick zu erhalten.
Aber auch täglich praktizierbare Achtsamkeitsübungen werden vorgestellt, um so einen Weg für direkte Erfahrungen zu eröffnen.
Dies ist ein Buch über das Verstehen der Achtsamkeit, zugleich aber auch ein Buch der Praxis: Es enthält Hinweise und Anleitungen, die jederzeit im Rahmen einer täglichen Achtsamkeitspraxis angewendet und praktiziert werden können.
Die Achtsamkeit ist ein »Projekt ohne Ende«, ein »Work in Progress«. Eine Aufgabe im kontinuierlichen Werden und Vergehen. Praxis, einmal begonnen, ist ohne Ende, sie begleitet den Praktizierenden das ganze Leben lang.
Bei der Entstehung des Buches hat es sich herausgestellt, dass die fünf Skandhas1 mehr und mehr in das Zentrum der Untersuchungen gerückt sind. In der allgemeinen buddhistischen Theorie, aber auch in der Praxis, spielen sie nicht die Rolle, die ihnen eigentlich gebührt. Sie stellen einen gelungenen Versuch dar, die Entstehung des menschlichen Bewusstseins und die Entstehung des Ich-Selbst in fünf klaren Schritten zu beschreiben. In ihrer Einfachheit, aber auch in ihrer gleichzeitigen Praxisorientiertheit wird es möglich, sie auch im Alltag und nicht nur auf dem Meditationskissen, anzuwenden und zu praktizieren.
Das Interessante an den fünf Skandhas ist, dass mit ihnen der jeweils erste Kontakt, den der Mensch über seine Sinne herstellt, in den Vordergrund gestellt wird. Die Art und Weise, wie der Mensch den ersten Kontakt handhabt, entscheidet darüber, was für eine Gefühlswelt entsteht, wie die Reaktionen ausfallen und was für ein Bewusstsein jeweils entsteht. Dieser erste Kontakt, der jetzige Augenblick, der jetzige Moment stehen im Mittelpunkt einer jeden Beschäftigung mit dem Buddhismus, sind der Dreh- und Angelpunkt des hier vorgestellten Achtsamkeitsprojekts und stehen somit auch im Zentrum dieses Buches.
Im Verlauf des Buches wird es oft Wiederholungen geben, im Rahmen eines Gesamtverständnisses der Materie ist dies so gewollt. Wiederholungen, hier auch als Erinnerungen verstanden, ermöglichen in jeweils neuen Kontexten und Zusammenhängen immer neue Blickwinkel und verdichten sich dann im Laufe des Buches zu immer klareren Erkenntnissen. Eine solche Vorgehensweise macht es daher auch möglich, die jeweiligen Kapitel als mehr oder weniger eigenständige zu lesen.
Es tauchen buddhistische Begriffe im Text auf, die im Original übernommen worden sind, da eine entsprechende Übersetzung schwierig ist. Erklärungen liefert das Glossar am Ende des Buches.
Der Buddha, »Der Erwachte«, hat als Person vor etwa 2500 Jahren in Indien gelebt und die Lehren des Buddhismus entwickelt und gelebt. Buddha steht aber auch für die Fähigkeiten eines jeden Menschen, zu erwachen, wach zu werden für den jetzigen Augenblick, denn der Mensch lebt nichts als diesen jetzigen Augenblick.
Das gesamte Buch ist durchzogen von sogenannten Koans.
Koans (chinesisch: öffentlicher Aushang) sind in der Regel kurze Aussagen oder Handlungen eines Zen-Meisters, die meistens verstandesmäßig nicht begriffen werden können. Ein Koan sollte jenseits von Worten erschlossen werden und fordert eine intensive Auseinandersetzung mit dem Text, um grundlegende Sichtweisen wie die der Dualität oder die eines festen Ich-Selbst in direkter Erfahrung als »getäuschte Wahrnehmung« zu erkennen.
»Diese Texte, die ja keine wissenschaftlichen, diskursiven Traktate sind, sondern eher poetisch-assoziative Texte, nimmt der Praktizierende in seine meditative und alltägliche Praxis, indem er seine konkreten Erfahrungen der Lebensereignisse auf dem Hintergrund dieser Texte ›untersucht‹«.
(Zwiebel und Weischede, 2017, S. 45)
In der Begegnung zwischen Lehrer und Schüler, in der solche Koans »bearbeitet« werden, wird der Schüler vom Lehrer angetrieben, über das reine Verstehen hinaus zu denken, um so in einem nichtdenkenden Geist, also jenseits von Worten, in die augenblickliche Wahrheit hinein zu erwachen.
Die Koans sind auch für mich ein wichtiges Werkzeug im Rahmen meiner Praxis. Neben der Meditation auf dem Sitzkissen und der Achtsamkeitspraxis im Alltag benötigt es für die Koan-Arbeit die Beziehung zu einem Lehrer oder einer Lehrerin.
1 Die fünf Skandhas tauchen aus unterschiedlichen Blickwinkeln in den Kapiteln des Buches immer wieder auf. Eine Kurzdefinition findet sich im Glossar. Siehe auch: Weischede und Zwiebel, 2009, S. 79–88 und Zwiebel und Weischede, 2015, S. 59 f.
In diesem Buch geht es um den jetzigen Augenblick.
Es geht immer um den jetzigen Augenblick.
Das Leben findet immer nur jetzt statt.
Alles andere ist entweder vergangen oder zukünftig.
»Wer könnte ganz und gar durchschauen, dass (das Leben) nur aus gegenwärtigen Augenblicken besteht?«
(Dōgen, 2001, Bd. 1, S. 63)
Die Achtsamkeit ist in den letzten Jahren zu einem zentralen Thema in den verschiedenen therapeutischen Feldern geworden. Ausgelöst hat diesen Prozess der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn mit der Anwendung der Achtsamkeit für die Stressreduktion. Er hat im Laufe der Zeit ein wirkungsvolles Konzept entwickelt, das als Mindfulness Based Stress Reduction(MBSR) bekannt geworden ist und über die Therapie hinaus in vielen Gebieten Einzug gehalten hat: in der Industrie, speziell in den Firmen, die in der Informationstechnik tätig sind, bis hin zum Militär, das Achtsamkeitstechniken nutzt, um posttraumatische Störungen von Kriegsveteranen aus den Irak- und Afghanistan-Kriegen zu behandeln, oft mit größeren Erfolgen als mit herkömmlichen Therapieformen.
Was ist unter Achtsamkeit nun zu verstehen und was sind ihre ursprünglichen Wurzeln? Gerade die Frage nach den ursprünglichen Wurzeln ist eine, die in der zeitgenössischen Entwicklung und Anwendung der Achtsamkeit mehr und mehr aus dem Fokus zu geraten scheint. Der Schwerpunkt dieses Buches liegt auf der Darstellung der traditionellen Achtsamkeitspraktiken als einen Weg, der neben der stillen Meditation die Achtsamkeit als eine gerade im Alltag zu praktizierende Übung näher betrachtet.
Achtsamkeit ist, zusammen mit der stillen Meditation, ein Weg des Erwachens. Schon hier wird deutlich, dass die Achtsamkeitspraxis immer schon eingebettet war in einen größeren Rahmen buddhistischer Meditationspraktiken und letztendlich davon nicht getrennt werden kann. Meditation und Achtsamkeit sind zwei Seiten einer Medaille: die stille Seite und die bewegte Seite, das Sitzkissen und der Alltag.
Oft wird Achtsamkeit synonym verwendet mit Aufmerksamkeit, Gewahrsein oder auch Konzentration. Allerdings ist die Achtsamkeit aus der Perspektive einer Praxis weder das eine noch das andere; sie ist vielmehr eine Haltung und ein Geisteszustand, die erlernt und kultiviert werden können.
Neben den bekannten Geisteszuständen des Alltagsbewusstseins und des Schlafes (der Traumschlaf und der nichtträumende Tiefschlaf) ist die Achtsamkeit ein Geisteszustand, der im Alltag den Schwerpunkt auf den jeweiligen Augenblick ausrichtet. Er soll der Tendenz des Geistes widerstehen, sich aus dem Augenblick zu »entfernen«, zu »flüchten«, sei es die Flucht in die Tagträume, die Erinnerungen an die Vergangenheit oder das Flüchten in die Zukunft.
»Der menschliche Geist sträubt sich gegen den Abstieg in die Zeit, er weicht aus vor der Gegenwart und springt ruhelos voraus in die Zukunft oder zurück in die Vergangenheit. Nicht einverstanden mit dem eigenen Rhythmus des Geschehens, versucht er ungeduldig, es zu beschleunigen, das Künftige vorwegzunehmen, oder aber das Entfliehende festzuhalten und das Verlorene wiederzufinden. Der Mensch will sich befreien vom Hier und Jetzt, vom begrenzten, sterblichen Leib und seiner Zeit. Er flieht vor dem Fluss des Lebens selbst, den er nicht kontrollieren kann und der ihn dem Tod entgegenträgt.«
(Thomas Fuchs, zitiert in Bozzaro, 2014, S. 95)
Achtsamkeit dagegen ist eine gelassene, nicht wertende und nicht eingreifende kontinuierliche geistige Haltung von Augenblick zu Augenblick. Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit auf unseren Körper, unsere Gefühle, unsere Gedanken und unseren Geist selbst. Achtsamkeit ist nicht etwas, das wir einfach »haben«, sondern ein Übungsweg, der aus buddhistischer Sicht eine Praxis ist, die erlernt werden kann.
Der Buddhismus als Praxis kann als ein Weg der Transformation beschrieben werden. Grundlegend wird gesagt, dass ein solcher Transformationsprozess von vier Grunderwartungen oder Grundmöglichkeiten ausgeht, ohne die eine Achtsamkeitspraxis nicht »erfolgreich« sein kann:
– Es ist möglich, in den Jetzigen Augenblick hinein zu erwachen.
– Es ist möglich, frei zu sein von emotionalem und mentalem Leiden.
– Es ist möglich, so zu handeln, dass dieses Handeln allen zugutekommt, auch der Gesellschaft.
– Es ist möglich, die Welt so wahrzunehmen, wie sie ist, sodass sich die Menschen im Einklang mit der Wirklichkeit befinden.
Die Basis für diesen Transformationsprozess sind die stille Meditation und die Achtsamkeit.
Diese vier Grundlagen2 sind in den letzten Jahren von Richard Baker Roshi entwickelt worden. Er ist Zen-Meister aus der Lehrlinie von Shunryu Suzuki Roshi und dessen Nachfolger. Shunryu Suzuki Roshi war maßgeblich an der Übertragung des Buddhismus und speziell des Zen-Weges von Japan in die USA und den Westen beteiligt. Rōshi ist die Bezeichnung für einen »alten verehrungswürdigen Meister« (Lexikon d. ö. W., 1986, S. 311).
Zen ist eine spezielle Strömung im Buddhismus, entstanden in China im 6. und 7. Jahrhundert. Das Sanskritwort Dhyana bedeutet »Sammlung des Geistes« und »meditative Versenkung« und wurde bei der Übertragung aus dem Indischen in das Chinesische zu Chan und dann zum japanischen Zen. Das Zazen, »Sitzen in Versunkenheit«, ist zentral in dieser Schule. Zen lässt sich mit folgenden Aussagen zusammenfassen: Die Lehre wird außerhalb der Schriften übertragen. Es ist eine Übertragung von Herz zu Herz und Geist zu Geist. Es ist eine transformative Praxis, die zum Erwachen führen kann.
Seit 1983 bin ich Schüler von Richard Baker Roshi und einer seiner Nachfolger. Sein Denken und Handeln hat die Entstehung dieses Buches maßgeblich beeinflusst und schimmert immer wieder durch.
Dies vorausgeschickt wird es nicht überraschend sein, dass das Thema der Achtsamkeit oft aus der Sicht des Zen betrachtet wird, aber eben nicht nur. Andere Traditionen, wie die des Theravāda-Buddhismus (siehe hierzu im Glossar) haben die entscheidenden Grundlagen für die in diesem Buch vorgestellten Achtsamkeitspraktiken entwickelt. Während in den theravādischen Traditionen die Achtsamkeit als ein Entwicklungsprozess hin zum Erwachen betrachtet wird, steht im Zen der jetzige Augenblick im Vordergrund: »Erwachen in den jetzigen Augenblick« ist sofort und immer möglich, auch ohne lange Vorbereitungen. Dennoch wird die Nähe der beiden Traditionen deutlich: Bei beiden steht die Frage nach dem jetzigen Augenblick und seiner Verwirklichung – nämlich im jetzigen Augenblick– im Mittelpunkt.
Die Achtsamkeit ist ein traditioneller Praxisweg, ein Übungsweg, der ursprünglich in buddhistischen Klöstern entwickelt worden ist und auch heutzutage immer noch weiterentwickelt wird. Sich einem solchen Weg ganz zu widmen, also außerhalb gesellschaftlicher und familiärer Verpflichtungen, ist nur wenigen Menschen möglich. Den allermeisten der Interessierten wird nur eine Laienpraxis vergönnt sein. Das bedeutet, dass nur eingeschränkte Zeiten für eine tägliche Meditation möglich sind und eine sich entwickelnde Achtsamkeitspraxis auch nur in kleinen Schritten vorangeht. Aber sowohl in einem klösterlichen als auch in einem alltäglichen Rahmen gilt die Aussage »Übung macht den Meister«.
Dieses Buch soll sowohl den interessierten Laien als auch die regelmäßig Praktizierende ansprechen. Ein »Buch mit sieben Siegeln« bleibt es vielleicht dort, wo schon grundlegende Praxiserfahrungen vorausgesetzt sind. Möglicherweise kann das Buch gerade dann den Lesenden Mut machen, sich auf ihren Weg der Praxis zu begeben und all das hier Beschriebene auf seinen »Wahrheitsgehalt« hin zu überprüfen.
2 Siehe zu den vier Grundlagen auch Baden, 2021, S. 43.
Abbildung 1: Die vier Erweckungen der Achtsamkeit: Satipatthāna
Diese Abbildung gibt einen generellen Überblick über die Achtsamkeit. Auf der rechten Seite stellt sie die vier Ebenen dar, auf die sich die Praxis der Achtsamkeit bezieht: den Körper, die Gefühle, die Geistesinhalte und den Geist. Auf diese vier Ebenen bezieht sich die in der Überschrift verwendete Erweckung. Durch die Beschäftigung mit der Achtsamkeit wird der Mensch wach dafür, dass er einen Körper hat, aber dieser Körper eben auch ist. Er wird wach dafür, dass er seine Gefühle wahrnehmen und studieren kann, er diese aber gleichzeitig beobachten kann und ihnen somit weniger ausgeliefert ist. Der Mensch realisiert, dass der Geist und seine Inhalte nicht identisch sind und er somit die vermeintliche Identifizierung mit seinen Geistesinhalten, wie zum Beispiel mit seinen Gedanken, aufheben kann. Die linke Seite gibt einen Überblick über die grundlegenden Haltungen, die im Rahmen der Achtsamkeitspraxis erlernt und dann angewendet werden können. Das Nicht-Werten und Nicht-Bewerten, das Nicht-Eingreifen und Nicht-Verändern dessen, was wahrgenommen wird, ermöglichen mehr und mehr ein reines Beobachten, in dem kleine Details im jetzigen Moment studiert werden können.
Achtsamkeit, Satipatthāna (Pali), beinhaltet zwei Aspekte: Es bedeutet zum einen die Fähigkeit, etwas im Geist zu halten, und zum anderen das, was dem Menschen wichtig ist, in seiner Nähe zu halten. Während die Praxis der Meditation zeitlich begrenzt ist, ist Achtsamkeit die Praxis für den Rest des Tages. Da es der größere Rest ist, braucht es eine Methode, die einfach ist und im Idealfall 24 Stunden angewendet werden kann. Meditation findet auf dem Meditationskissen statt, in einem geschützten Raum, zusammen mit anderen Meditierenden oder auch allein. Aber was passiert, wenn dieser Raum verlassen wird, wenn in den Alltag zurückgekehrt wird? Hier beginnt die Praxis der Achtsamkeit.
Achtsamkeit ist eine besondere Form der Aufmerksamkeitslenkung. Dabei wird den aktuellen Erlebnisinhalten die ganze Aufmerksamkeit geschenkt. Augenblick meint den aktuellen Moment, es meint in Kontakt zu sein mit der gegenwärtigen Situation und eben nicht mit der Vergangenheit, also in Erinnerungen, und in Zukunftsplanungen oder Zukunftsgrübeleien gefangen zu sein. Die übliche Erfahrung ist, dass in einer alltäglichen Handlung das Bewusstsein oft mit völlig anderen Inhalten beschäftigt ist, statt mit dem gegenwärtigen Augenblick. Jon Kabat-Zinn nennt dies den »Autopilotmodus«. »Solches Nicht-Bewusstsein-Sein [des gegenwärtigen Augenblicks; G. W.] kann unserem Geist zur Gewohnheit werden, was unser ganzes Leben und alles, was wir tun, beeinträchtigt, angefangen damit, dass wir auf Situationen automatisch, wie ein Autopilot, reagieren, anstatt bewusst zu agieren« (Kabat-Zinn, 2003, S. 37). Während wir arbeiten, so Kabat-Zinn, denken wir über Dinge aus der Vergangenheit oder über Dinge in der Zukunft nach. Wir sind unreflektiert und verfangen in automatisierten Verhaltens- und Erlebnismustern. Dieser Autopilotmodus wird durch die Achtsamkeitspraxis durchbrochen, deren Ziel es ist, das Bewusstsein wieder in den gegenwärtigen Augenblick zu holen.
Ein weiterer Aspekt dieser Haltung ist der des Nicht-Wertens. In der Regel werden alle Informationen sofort bewertet: Sind sie angenehm oder unangenehm? Gefällt mir das, was ich höre und sehe, oder nicht? Mag ich diese Person oder nicht? Achtsam zu sein bedeutet, die auftretenden Bewusstseinsinhalte nicht zu kategorisieren, sie einfach nur wahrzunehmen. Eine achtsame Haltung ist dadurch gekennzeichnet, dass wir möglichst offen gegenüber allen Erfahrungen des gegenwärtigen Augenblicks sind. Wir sind offen gegenüber unseren Gedanken, unseren Gefühlen, unseren Körperempfindungen, seien sie nun angenehm oder unangenehm. Wir schieben nichts weg, fügen nichts hinzu. Wir lassen die Dinge (erst einmal) so, wie sie sind. Praktisch gesprochen bedeutet dies, dass wir achtsam hinsichtlich des ersten, ursprünglichen Kontakts sind. Es bedeutet, und dies ist wichtig zu betonen, dass der erste, ursprüngliche Kontakt nicht auf dem Denken basiert. Wir bleiben beim ersten Kontakt im vorsprachlichen Bereich, im noch-nicht-sprachlichen Bereich. Dies ist eine Fähigkeit, die durch Training oder Schulung erlernbar ist. Der normalerweise ablaufende Prozess vom ersten Kontakt mit einem Objekt bis zum Bewusstsein von diesem Objekt wird im Buddhismus als der Prozess der fünf Skandhas bezeichnet.
ÜBUNG
Suchen Sie einen stillen Ort auf.
Nehmen Sie Ihre Körperhaltung wahr:
Wie fühlt sich Ihr Sitzen (oder Liegen) an, während Sie gerade lesen, jetzt im Augenblick?
Spüren Sie Ihre Sitzhöcker, spüren Sie die Aufrichtung Ihrer Wirbelsäule? Wie fühlt sich die Haltung Ihres Kopfes an?
Geben Sie Ihrem Atem genügend Raum?
Wenn Sie von Ihrem Stuhl aufstehen: Sie beugen den Rumpf nach vorne,
spannen Ihre Beinmuskeln an und stellen sich hin.
So kommen Sie zum Stehen, als einem Prozess der Aufrichtung. Wenn Sie diese stehende Aufrichtung ganz erreicht haben,
ist der Akt des Aufstehens beendet und abgeschlossen.
Halten Sie achtsam für einen Augenblick inne, bevor Sie den ersten Schritt tun.
Sie gehen zu Ihrem anvisierten Ziel.
Dort angekommen, halten Sie wieder einen Augenblick inne und schließen diesen Vorgang ab. Angekommen.
Wenn wir im Zuge der Achtsamkeitspraxis genau hinschauen, werden wir feststellen, dass wir beginnen, unsere Handlungen in kleine Episoden aufzuteilen; denn genau studieren können wir nur kleine Einheiten. Achtsamkeit macht die Details des Lebens sichtbar. Dabei stellen wir fest, dass jedes Detail selbst einen Prozess durchläuft, der als die vier Zeichen bekannt ist: Etwas erscheint in unserem Bewusstsein, es wird sozusagen geboren, es entfaltet sich zu seiner ganzen Größe, dann beginnt ein »Sterbensprozess«, in dem das Objekt sich langsam auflöst und zum Schluss vollständig verschwindet. Damit ist diese Episode in sich abgeschlossen und kann somit Platz machen für ein neues Objekt der Achtsamkeit. Dieser vierteilige Prozess trifft auf alles zu, sowohl Geistiges als auch Materielles. Alles ist diesem Ablauf des Entstehens und Vergehens unterworfen, das eine in sehr kurzen Zeitabläufen, anderes in sehr langen. So reiht sich eine jeweils in sich abgeschlossene Episode an die andere. Verbunden sind diese kleinen Einheiten nur dadurch miteinander, dass sie zeitlich aufeinanderfolgen und dass eine Einheit die Voraussetzung oder Grundlage der nächsten sein kann. Eine Lebensgeschichte ist dies nicht. Den roten Faden einer Lebensgeschichte stellen wir erst später her, indem wir dem Ganzen im Nachhinein einen Sinn und einen Zusammenhang geben. Aus der Sicht der Achtsamkeit bewegen wir uns von einer in sich abgeschlossenen Episode zur nächsten, vom Hier zum Hier. Wir folgen »einfach« der jeweiligen Veränderung (siehe hierzu Weischede und Zwiebel, 2009, S. 63–75).
Achtsamkeit ist ein Prozess, der Schritt für Schritt erlernt werden muss, zu einem Geisteszustand des Gleichmutes führen kann und eine der Voraussetzungen ist für die Meditation als dem stillen Sitzen in Versunkenheit. Die Richtung dieser Meditation ist das Erwachen. Es ist das Erwachen in den jeweiligen jetzigen Augenblick. Achtsamkeit ist somit ein Werkzeug oder eine Praxis, die zu einer grundlegenden Transformation menschlicher Wahrnehmung und somit zu einem erwachten Leben führt. All dies wird in den folgenden Kapiteln nun näher beleuchtet.
Achtsamkeit ist die Bezeichnung für eine Reihe von Übungen, die sich mit dem menschlichen Körper, den Gefühlen, den geistigen Aktivitäten und dem Geist selbst beschäftigen.
Was ist ein wacher Geist? Was ist ein Geist, der vollkommen klar ist? Was ist ein Geist, der gegenwärtig ist? Einen wachen und klaren Geist zu erleben, ist eine Erfahrung, die jeder Mensch kennt, allerdings in der Regel nur für kurze Momente und dann auch eher zufällig. Hier geht es jedoch darum, diesen Geisteszustand zu kultivieren, jederzeit zur Verfügung zu haben und möglicherweise für einen längeren Zeitraum aufrechterhalten zu können. Den jetzigen Augenblick hier jetzt zu erleben und nicht in Gedanken in der Vergangenheit oder Zukunft zu sein, das ist das Ziel.
»Der gegenwärtige Augenblick das Jetzt, ist der einzige Augenblick, in dem wir wirklich leben […] Das Jetzt ist die einzige Möglichkeit, die wir haben, um wirklich zu sehen, wirklich zu handeln, wirklich heil und gesund zu werden […] Das Ziel ist nicht, irgendwo anders hinzugelangen, sondern da, wo man ist, wirklich zu sein, ganz zu sein« (Kabat-Zinn, 2003, S. 43 f.).
Die Grundlage, um sich überhaupt mit dem jetzigen Augenblick zu beschäftigen, ist die Absicht, dies zu tun, die Absicht, sich genau auf diesen Augenblick konzentrieren zu wollen. Auf dieser Grundlage wird das wahrgenommen, was immer gerade jetzt passiert. Idealerweise wird das jeweils Vorgefundene nicht bewertet und nicht verändert. Dies ist nichts anderes, als nicht einzugreifen, sich nicht einzumischen. Dies setzt ein Vertrauen voraus, sich diesem Augenblick überhaupt so stellen zu wollen. Denn nicht alles, was dann wahrgenommen wird, ist angenehm und ruft nach »mehr davon«. Vieles ist eben auch unangenehm und hier besteht dann die Tendenz, es nicht wahrnehmen zu wollen und sich von ihm abzuwenden. Achtsamkeit ist der Entschluss, all dies, was von Augenblick zu Augenblick passiert, vollkommen klar wahrzunehmen, es ist der Entschluss, mit der »Realität« in wirklichen Kontakt zu kommen, ohne vor ihr zu fliehen.
Ganz im jetzigen Augenblick zu sein bedeutet, die Vergangenheit loszulassen. Ebenso ist es die Bereitschaft, die Zukunft auf sich zukommen zu lassen. Zwar ist der Moment zwischen beiden eingebettet, auch von ihnen beeinflusst, aber er ist eben auch für diesen Augenblick von ihnen ganz unabhängig und neu.
Schon hier wird klar, dass es sich nicht um ein einfaches Thema handelt: Nicht nur wird deutlich, wie schwierig es ist, konzentriert beim jetzigen Moment bleiben zu können, denn schon die »einfache« Aufforderung, für länger als zwei Atemzüge beim Atem zu bleiben, ohne in Gedanken abzuschweifen, ist für viele Menschen kaum zu bewältigen.
Darüber hinaus tauchen bei längerer Beschäftigung mit diesem Thema unweigerlich sehr grundlegende Fragen auf: Wem geschieht all dies jetzt in diesem Augenblick? Was ist Wirklichkeit? Was ist Wahrheit? Solche und weitere Fragen werden in diesem Buch, zumindest ansatzweise, beantwortet.
In den letzten Jahren hat sich so etwas wie ein Achtsamkeitsboom entwickelt: Es gibt Achtsamkeits-Apps, Achtsamkeitszeitschriften, Achtsamkeitskurse, Achtsamkeitstherapie-Angebote. Aber auch in die Betriebe und in die Industrie hat die Achtsamkeit Einzug gehalten. Es geht um freundlicheres, aber letztendlich um effektives Arbeiten; »McMindfulness«, »Achtsame Führung«, »Mindful Leadership« sind einige der bezeichnenden Schlagwörter. Der Achtsamkeit wird in einigen Bereichen sogar eine Art Rettungsfunktion zugebilligt: »Ist also im Treibsand von Globalisierung und Digitalisierung, Börsengang und Umstrukturierung, Weltpolitik und Terror, künstlicher Intelligenz und Klimawandel Achtsamkeit die Rettung?« (Jadine, NZZ, 29.7.2017).
Ähnliches kann auch über den Einzug der Achtsamkeit in die Hochschulen gesagt werden. Achtsamkeit soll die Studierenden dazu befähigen, anders und besser mit dem alltäglichen Stress umzugehen. Die Stressursachen und der stark verschulte Universitätsbetrieb werden dabei vornehm ausgeklammert. Beispiele dafür sind Initiativen wie »Achtsame Hochschullehrende«3, die zwar grundsätzlich ein starkes Veränderungspotenzial beinhalten und auch ein mögliches gesellschaftskritisches Potenzial, tendenziell aber nur dabei helfen, die für viele Studierende schwierige Studiumsituation einfach nur besser zu ertragen.
Es gibt einige Gründe für das große Interesse und die starke Verbreitung der Achtsamkeit besonders im Westen. Ein Interesse am Buddhismus ist in Europa schon älter. Für wirkliche Aufmerksamkeit jedoch hat der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn mit seiner MBSR-Methode gesorgt. Kabat-Zinn hatte sich intensiv mit verschiedenen Meditationsformen beschäftigt, im Besonderen aber mit dem Zen. 1979 gründete er die Stress Reduction Clinic, wo er die MBSR-Methode, also Stressbewältigung durch Achtsamkeit, entwickelte. Schwerpunkt dort war und ist die Behandlung von Patienten und Patientinnen mit Schmerzen und Depressionen. Kabat-Zinn löste diese Methode heraus aus ihrem ursprünglichen religiösen Kontext, verband sie mit Stressreduktion – ein Thema, das immer ein guter »Aufhänger« ist – und medizinischen und wissenschaftlichen Fragestellungen.
Die MBSR-Kurse bieten einen Weg, »Menschen in ihrer Stressbewältigung weiterzubilden und ihnen verschiedene Möglichkeiten an die Hand zu geben, darunter die Entwicklung von Techniken, die die Fähigkeit stärken, effektiver mit Stress umzugehen« (Mulligan, 2019, S. 199). Es entstand so eine therapeutisch sehr wirksame Methode, die auch von wissenschaftlicher Seite her großes Interesse hervorrief. Kabat-Zinn entwickelte einen sechswöchigen Kurs, der folgende intensive Praktiken beinhaltet:
Grundlage ist eine regelmäßige Sitzmeditation. Das Aufsuchen des Sitzkissens sollte, so Kabat-Zinn, von einer »persönlichen Vision« begleitet sein, wie dem Wunsch nach innerem Frieden, das Aufgeben selbstgesteckter Beschränkungen und »Vorstellungen von Tatkraft, Gesundheit, tiefer Entspannung, Güte, Frieden, Harmonie und Weisheit« (Kabat-Zinn, 2003, S. 58). »Alles, was es über eine Meditationspraxis zu sagen gibt, über die Zusammenhänge zwischen Geist, Körper, Gesundheit, Krankheit und Stress, all diese Aspekte sind zweitrangig, denn nicht das Reden über Meditation bringt Resultate, sondern einzig und allein das regelmäßige Meditieren« (S. 128).
Einen sogenannten Body-Scan von aufmerksamer Körperwahrnehmung: Dabei wird der Körper in der Vorstellung »abgetastet« und alle Empfindungen in der jeweiligen Körperregion werden wahrgenommen; gleichzeitig werden diese Körperteile »beatmet«. Zweck des Body-Scan ist es, »den bestimmten Körperteil, auf den man seine Aufmerksamkeit richtet, auch tatsächlich zu spüren und darin zu verweilen, während man mehrmals in ihn hinein- und aus ihm herausatmet« (S. 84). Der Body-Scan dient dazu, ein anderes Körperverständnis zu erlangen, größere Konzentrationsfähigkeit bezüglich der Verweildauer an einer Körperstelle zu erarbeiten, die Fähigkeit, den Atem zu verschiedenen Körperteilen zu lenken und den gesamten Körper damit »durchlässiger« werden zu lassen, einen Prozess der Reinigung zu initiieren und Heilungsprozesse zu unterstützen.
Für Kabat-Zinn ist eine der wirkungsvollsten Methoden im Rahmen der körperlichen Bewusstwerdung das Hatha-Yoga
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: Diese Form des Yoga wird langsam ausgeführt, bewusst atmend, stärkt es den Körper, kräftigt die Organe und lenkt die Aufmerksamkeit auf die entstehenden Körperempfindungen und lässt die Praktizierenden sich selbst als »Vollkommenes Ganzes […] erfahren. Yoga, gepaart mit Achtsamkeit, ist Meditation« (S. 99).
Bei allen oben beschriebenen Praktiken steht der Atem immer wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Auf dieser Grundlage scheint eine bessere Stressbewältigung möglich, indem die gewohnte und bekannte Stressreaktion in eine angemessene Stressaktion überführt wird.
Kombiniert wird dieser sechswöchige Kurs mit Gruppengesprächen und Gesprächstherapie. Auf diesem Gebiet erweist sich MBSR weiterhin als sehr effektiv und erfolgreich.
Das große Engagement des buddhistischen Mönches Tenzin Gyatso, auch der Dalai Lama genannt, in den Naturwissenschaften ist ein weiterer Grund für das große Interesse und die starke Verbreitung der Achtsamkeit im Westen. Der Dalai Lama, religiöses Oberhaupt der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus, gründete zusammen mit einigen Wissenschaftlern 1987 das »Mind and Life Institute«. Hier treffen sich regelmäßig Naturwissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen wie der Physik, Evolutionsbiologie, Wirtschaftswissenschaften, Neurowissenschaften und anderen immer wieder zu Gesprächen, die sich mit dem Thema der Meditationserfahrung aus wissenschaftlicher Sicht beschäftigen. Seither gibt es immer mehr – eine fast schon unüberschaubare Menge – empirischer Untersuchungen und Publikationen, die sich mit der Erforschung der Meditation und die durch sie hervorgerufenen Veränderungen befasst. Der Neurobiologe Francisco Varela (1946–2001) war einer der maßgeblichen Initiatoren. Varela hatte sich Zeit seines Lebens intensiv mit der Kognitionswissenschaft beschäftigt und zusammen mit Humberto Maturana (1928–2021) den Begriff der Autopoiese, gemeint ist der Prozess der Selbsterschaffung und -erhaltung eines Systems, geprägt. Die zwei bekanntesten Bücher von ihm sind »Der Mittlere Weg der Erkenntnis« (1992, mit Thompson und Rosch) und »Der Baum der Erkenntnis« (1987, mit Maturana).
Besonders bekannt geworden sind Laboruntersuchungen von Mönchen mit sehr viel Meditationserfahrungen. Es wurden bahnbrechende neurobiologische Entdeckungen gemacht, an denen der Hirnforscher Richard Davidson einen großen Anteil hatte. Schwerpunkt der Arbeiten von Davidson sind die Zusammenhänge von Meditation und Gehirnveränderungen. Er fand zum Beispiel heraus, dass Gammawellen, die im Gehirn für ein einheitliches Bewusstsein sorgen, bei den Meditierenden bis zu 30-mal stärker waren als bei einer entsprechenden Kontrollgruppe (siehe hierzu Goleman und Davidson, 2018).
Parallel zu diesen Entwicklungen etablierten sich in den letzten Jahren die Neurowissenschaften als einer der wichtigsten Wissenschaftszweige. Obwohl in die Erforschung des Gehirns und des Bewusstseins große Anstrengungen investiert worden sind, gibt es nur wenig wirkliches Wissen darüber, wie es aufgebaut ist und wie es funktioniert. Hier verspricht die Meditation einen neuen Zugang zum Bewusstsein und ist ein angesagtes Untersuchungsfeld.
Auch die Achtsamkeit ist in den Fokus der Neurowissenschaften geraten und es gibt viele entsprechende Untersuchungen. Neben Jon Kabat-Zinn, Richard Davidson und Daniel Goleman (amerikanischer Psychologe, bekannt geworden durch seine Untersuchungen über die emotionale Intelligenz, siehe Goleman, 1996) hat sich auch Britta Hölzel aus wissenschaftlicher Sicht mit der menschlichen Aufmerksamkeitsregulation und im Speziellen mit der Achtsamkeit beschäftigt (Hölzel, 2015; siehe auch Raichle, 2010).
Als Default Mode Network (DMN: Ruhezustandsnetzwerk) wird eine Gruppe von Gehirnregionen bezeichnet, die beim Nichts-Tun aktiviert werden. Diese Regionen sind miteinander verknüpft und werden als komplexes Netzwerk betrachtet. Zu der am stärksten beteiligten Hirnregion gehört der mediale präfrontale Cortex (Teil des Frontallappens der Großhirnrinde). Das Ruhezustandsnetzwerk DMN wird dann aktiviert, wenn sich der Mensch in einem wachen Ruhezustand befindet, wenn es also keine spezifischen Aufgaben zu bewältigen gibt. Es ist eine Art Netzwerk-Hintergrundaktivität, die zum Beispiel auch das Tagträumen ermöglicht und ein Denken erlaubt, das reizunabhängig ist. Sobald es Aufgaben zu tun gibt, wird es deaktiviert.
Dieses Netzwerk kann als eine Art Grundzustand oder Grundausstattung betrachtet werden und wird öfter aktiviert, als sich der Mensch dessen bewusst ist. Es ist ein Abgleiten in Tagträume, in Mindwandering, der Geist wandert umher. Der Mensch verbringt einen großen Teil des Wachseins in diesem umherwandernden Geisteszustand. Es kann als eine Art »Werkseinstellung des Geistes« bezeichnet werden, in dem sich das Gehirn in einer Art lockerem Schwingungszustand ausruht. Marcus Raichle beschreibt dieses Ruhestandardnetzwerk sogar als einen Chefdirigenten, der »seine Aufgabe im Hintergrund erfüllt und all die Grundaktivitäten des Gehirns miteinander vereinbart« (Raichle, 2010, S. 66).
Es scheint so, als ob ein großer Teil des Tagesbewusstseins in diesem »Traumzustand« verbracht wird. Dieser assoziative, imaginative, träumerische Zustand wird dann kombiniert und in Bezug gesetzt mit der jeweiligen Situation und den Informationen, die der Mensch über die Sinne erhält. Dieser Geisteszustand ist also keiner, bei dem sich der Mensch abschottet, sondern es werden die jeweiligen Umstände und Umgebungssituationen immer wieder mit einbezogen.5
Das menschliche Leben spielt sich zum großen Teil ab als ein Leben im Denken, Imaginieren, Assoziieren, ein Leben im Fiktiven, ein Leben im Tagtraum. Achtsamkeit und Meditation unterbrechen diese Mechanismen. Die Erzählungen des Ichs, das narrative Ich als Selbsterzählung, werden überführt in die direkten Erfahrungen des jetzigen Augenblicks. Es ist ein Zurückkommen in die Gegenwart, bei der dann Achtsamkeit an die Stelle dieses Netzwerks tritt. Mit Hilfe der Achtsamkeit, aber auch der Meditation, geschieht also das Entscheidende: Das Umherwandern des Geistes wird unterbrochen.
