Achtung! Treiber Püttmann kommt - Wolfgang Bessel - E-Book

Achtung! Treiber Püttmann kommt E-Book

Wolfgang Bessel

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Beschreibung

Über viele Monate strapazierten die Erlebnisse des Ruhrpott-Originals Willi Püttmann in der renommierten Deutschen Jagdzeitung die Lachmuskeln der Leser. Jetzt kommt der Autor dem Wunsch seiner zahlreichen Fans nach und legt ein humorvoll illustriertes Buch zur Serie vor. Püttmanns amüsanter Weg vom Jagdhelfer zum Jungjäger im Ruhrpott-Jargon - das ideale Geschenk für sich selbst und andere.

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Seitenzahl: 214

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Für Maximilian, Niklas und Belinda

Grußwort

Der im Ruhrgebiet geborene und in Rheinland-Pfalz jagende Autor Wolfgang Bessel beschreibt mit viel hintergründigem Humor und erfrischend detailgetreu, welche Ängste den Treiber Wilhelm Püttmann bei seiner ersten Wildschweinbegegnung – „und wat für’n Trümmer“ – sowie bei seiner Vorbereitung auf das „Grüne Abitur“ plagen.

Und ganz so wie im richtigen Jägerleben muss der brave Klempnermeister „Williken“ aus dem Ruhrpott täglich aufs Neue seine unbändige Jagdpassion gegenüber seinem schlauen Eheweib „Bertaken“ verteidigen und sich seine ersten Jagdgelegenheiten zäh erkämpfen. Doch zur Freude des Lesers findet nahezu jede Episode stets ein beneidenswert glückliches Ende.

Ein Buch, das nicht nur Liebhaber lustiger Jagdgeschichten zum Schmunzeln bringen dürfte.

Kurt Alexander Michael

Präsident des Landesjagdverbandes

Rheinland-Pfalz e. V.

Vorwort

Kann sich ein Jäger mit mehr als dreißig Jahren Jagderfahrung überhaupt noch in die Lage und Denkweise eines Zeitgenossen hineinversetzen, der bisher von der Jagd keinen blassen Schimmer hatte? Ich glaube, er kann.

Oft genug habe ich erlebt, dass über grünorthodoxe Themen vor allem jagdlich und ideologisch unverbogene Menschen entlarvenden Klartext sprechen können.

So bin ich denn in die Schwarte des braven Installateurmeisters Willi Püttmann aus dem Ruhrpott geschlüpft und habe die folgenden Schmunzelgeschichten geschrieben – über den genetischen Zwang, Jäger zu werden, und die verschiedenen Widrigkeiten auf dem Weg dorthin. Bei diesem schwierigen Vorhaben hilft meinem Hauptdarsteller nach anfänglicher Ablehnung seine Frau, „dat Bertaken“.

Es war mein Anliegen, dem Leser vor allem ein paar heitere Stunden zu verschaffen, wenn ich den Geschichten auf humorvolle Weise auch etwas versteckte Kritik an Brauchtum, Jägerprüfung, den reifen, unantastbaren Jagdkeilern, militanten Natur- und Tierschützern und vielem mehr übe.

In die Erzählungen habe ich in dankbarer Erinnerung auch eigene Erlebnisse mit lieben Jagdkameraden einfließen lassen.

Wolfgang M. A. Bessel

Die Jagdeinladung

Et war Mitte Oktober. Die Laubbäume färbten sich bunt, und der erste Nachtfrost überzog die Wiesen mit einem weißen Teppich.

Ich kam, wie jeden Abend, mit schwer Kohldampf vonne Arbeit und freute mich auf ’n gemütlichen Feierabend mit ’nem Pülleken Bier vor der Glotze.

Kaum hatte ich meine Schluffen anne Füße, da wedelte meine Frau Berta mit ’ner Postkarte vor meiner Nase rum.

„Berta, wat soll die blöde Wedelei?“

„Willi, wat iss dat hier für ’ne verrückte Karte? Dat iss ’ne Jagdeinladung von einem Karl-August Kuhlenkamp? Auf ’ne Treibjagd bisse eingeladen, als Treiber. Wat soll dieser Unfug schon wieder? Hasse da wat hinter meinem Rücken eingefädelt, um dich hier vor der Maloche zu drücken? Willi, dat kannze dir ma ganz schnell abschminken!“

„Berta, vom Postgeheimnis hasse wohl noch nie wat läuten hören? Man liest nich einfach die Post, die an den eigenen Ehemann gerichtet iss! Deine verdammte Neugierde kann ich nich ausstehen. Merk dir dat und gib Papa endlich die Karte!“

Ich las mit großer Freude die Einladung. Donnerwetter, dat war ja wirklich ’ne Überraschung! Mein Kunde, der Jäger Kuhlenkamp, hatte dat mit der Jagdeinladung nich vergessen!

Berta forschte mich weiter aus, denn sie iss nich nur schrecklich neugierig, nee, auch furchtbar misstrauisch: „Willi, sach ma, wie kommt der Mann ausgerechnet auf dich? Du hass doch mit den Jagdkerlen gar nix am Hut.“

„Berta, dein Ehegatte, der Klempnermeister Wilhelm Püttmann von und zu Herne-Baukau, hat doch letztet Jahr die Heizung beim Kuhlenkamp repariert. Du hass doch bestimmt noch nich vergessen, wie ich mit schwer Schlagseite nach Hause kam! Theater hasse damals genug gemacht! Sogar’n Riesentrara – ich merk mir so wat.

Nachdem ich mit der Maloche fertig war, durfte ich in seinem Wohnzimmer ma ’n Auge auf ’ne riesige Knochenwand werfen. Ich hab ihn unschuldig gefragt, ob er die vielen Tierkes alle selbst geschossen hätte. Ja, Junge, da hatte ich den Kuhlenkamp aber ausse Höhle gelockt. Hätte ich mir doch bloß die Frage verkniffen!

Der peilte mich an, als hätt ich ihn als gemeinen Verbrecher beschimpft. Richtig ösig wurde der Kerl: ‚Püttmann, dat iss doch wohl selbstverständlich! Ein Jäger schmückt sich die Trophäenwand doch nich mit fremden Federn! Dat gibt et bei deutschen Jägern nich, die haben noch Ehre im Balg.‘

Dann hörte er nich mehr auf, seine vielen Jagderlebnisse im In- und Ausland zu erzählen. Jede Trophäe hatte ihre eigene Geschichte. Wo, wie, wann geschossen, wie groß, wie schwer, wie alt dat erlegte Tier war, mit welcher Waffe und mit wat für ’n Kaliber er geballert hatte. Auch die Wetterverhältnisse und Jahreszeit waren ihm wichtig. Allet verklickerte er mir mit leuchtenden Augen und in allen Einzelheiten. Ich musste mir die Storys wohl oder übel anhören. Et war zum Haareraufen. Man merkte, der Mann war voll in seinem Element!

Dat war ja zum Teil ganz interessant, aber mir wurd et bei seinem stundenlangen Vortrag schwindelig im Kopp. Selbst seine Gefühle vor und nach dem Schuss beschrieb er mir haarklein. Dat war ja besonders beeindruckend. Jäger mit Gefühlen! Dat konnte ich mir überhaupt nich vorstellen.

Berta, da ballern die Kerle erst die armen Tierkes ab, dann haben se plötzlich Gefühle. Heulen sogar, wenn se von som Jagderlebnis überwältigt werden. Wie passt dat denn zusammen? Ich konnte mir dat überhaupt nich erklären. Der Mann tat mir sogar ’n bissken leid.“

Berta hatte auch keine Erklärung parat. Sie zeigte mir nur ’n Vogel. Sie hatte überhaupt kein Verständnis für dat Jagdgedöns, geschweige denn – für diese Art von Gefühlsduselei.

„Berta, während seine Jagdberichte haben wir uns herrlich einen verpitscht. Dat war wirklich nich von schlechten Eltern. Mindestens ’ne Pulle Hochprozentigen und zwei Flaschen Rotwein gingen dabei drauf. Ich musste die ganze Zeit den Rand halten und durfte nur seinen Worten lauschen.

Nach einer Stunde bekam ich dat ungute Gefühl, dat der Mann mir einen vom Pferd erzählte. Ich meine – Jägerlatein quatschte. Denn von Schnaps zu Schnaps wurde seine Beute größer, die Schilderungen bildlicher und unwahrscheinlicher. Der Kerl krückte, dat sich die Balken bogen!

Kuhlenkamp warf sich in voller Länge auf den Fußboden, dann auf den großen Wohnzimmertisch. Selbst die Fensterbank musste noch herhalten, um mir einige Schusspositionen zu plausibilisieren. Seine Frau kam ins Wohnzimmer und lud mich zum Mittagessen ein. Sie schüttelte bei den Verrenkungen ihres Mannes nur den Kopp, wagte keinen Kommentar und verzog sich mit viel- sagendem Blick wieder inne Küche.

Nach dem köstlichen Mittagessen mit zartem Wildschweinbraten, Rotkohl und Kartoffelklößen bezahlte er meine Rechnung und lud mich zu seiner Hubertusjagd am 3. November ein!“

Berta konnte sich jetzt wieder sehr gut an diesen Tag erinnern und geriet prompt in Rage. Sie blickte schrecklich verbiestert: „Hömma, Willi, da sachse sofort ab, dat lass ich nich zu, dat dich da im Wald so ’n grüner, jagdgeiler Blindfisch anbleien tut. Ich will mir dat gar nich erst vorstellen, wat se bei dir sonst noch allet abschießen könnten. Die ballern doch auf allet, wat sich noch so eben bewegt!

In Italien werden Jahr für Jahr an die fünfzig Treiber schon am ersten Tag vonne Jagdsaison erschossen und Tausende zum Krüppel geschossen. Dat stand vorige Tage noch inne Bildzeitung, nee, die armen Frauen und Blagen! Tu mir dat bitte nich an, Wilhelm, bleib zu Hause!“

„Berta, du übertreibs ma wieder. Wir jagen doch nich bei den Chaoten im Spaghettiland, sondern im geordneten Deutschland, da kann so wat nich passieren. Also, gib Ruhe!“

Berta pfiff mir wat. Sie hörte und hörte nich auf zu sticheln. „Du, als Treiber über Stock und Stein, durch matschige Felder und finstere Wälder latschen, ich lach mich schlapp! Dat iss wat für junge Hüpper, für Kerle mit Kondition inne Knochen, nich für so’n alten Mann.“

Dat war natürlich ’ne Unverschämtheit und ’ne ganz fiese Kränkung anne Ehre. So Sprüche bewirkten bei mir genau dat Gegenteil.

„Berta, dein alter Mann wird die Einladung annehmen. Verlass dich darauf! Ich zeig dir noch, wer hier alt iss! Berta, dat war ‘ne schwere Beleidigung, dat mit dem ‚alten Mann‘! Und nebenbei: Der Kuhlenkamp iss ’n sehr guter Kunde, den werd ich auf keinen Fall enttäuschen! Übrigens, dat ganze Drum und Dran bei der Jagd interessierte mich schon als Blag. Ich hatte dat nur so ’n bissken aussem Gehirn verdrängt.“

Berta warf dat Handtuch. „Willi, mach, watte willz, komm mir nur nich nachher angeschissen und biss erschossen worden!“

„Mensch, Berta, mal doch nich immer gleich den Deubel anne Wand. Ich bin dein Gemecker leid. Geh ma lieber inne Küche und hau mir endlich wat auf ’n Teller, ich verhungre bald.“

Nach dem Essen rief ich beim Kuhlenkamp an und bedankte mich ganz herzlich und versicherte ihm, dat die Einladung ’ne große Ehre für mich sei.

Kuhlenkamp antwortete kurz und knapp: „Gut, gut, lieber Püttmann, hab nix anderet erwartet, ein Mann, ein Wort, Waidmannsheil und Glück auf, bis Hubertus.“

Ich wollte ihn noch fragen, wie dat bei der Treibjagd so abläuft. Ich hatte doch überhaupt keine Ahnung von dem ganzen Jagdkram. Ich fragte mich ängstlich: „Wat musse als Treiber allet mitnehmen? Gibt et da wat zu beißen und zu süffeln? Oder muss ich da etwa den ganzen Tag Kohldampf schieben?“ Die peinliche Fragerei verkniff ich mir dann aber doch.

Stolz und trotzig schritt ich zu meinem Weibe. „So, Berta, ich hab beim Kuhlenkamp zugesagt, ein Mann, ein Wort. Ich bin jetz der Treiber Wilhelm Püttmann und will von dir nix Gemeinet mehr zu diesem Thema hören. Ich hoffe, dat ich mich klar genug ausgedrückt hab.“ Berta saß inne Küche wie ’n Holzklotz und schmollte.

Je mehr ich mir aber über meine Zusage den Kopp machte, je unsicherer wurde ich. ’Ne Flatter machen lief nich mehr! Dat war mir klar.

Ich musste mir voll in Gedanken noch wat in den Bart gemurmelt haben, ganz leise, also höchstens noch für Frauenohren vernehmbar: „Wat hasse überhaupt für Pflichten als Treiber? Wat brauchse für Klamotten? Musse als Treiber ’nen dicken Knüppel und ’n Rucksack mitnehmen? Mit Sandalen oder Turnschuhen kannze nich durch den Busch ackern. Also besorgse dir ’n Paar Gummistiefel. Wat iss, wenn et ma plästern tut auf Deubelkommraus? Wetterklamotten sind lebensnotwendig und bestimmt musse dir auch so ’n grünen Kiff auf ’n Dez setzen, dass du bei all den Behüteten nich wie so ’n Außerirdischen daherkomms.“

Mein geheimet Selbstgespräch kriegte Berta natürlich voll mit und fing wieder an zu keifen: „Willi, fängse an zu spinnen? Bisse jetz total durchgeknallt? Du sollz da den Treiber spielen, nich den Jäger! Nimm den gelben Friesennerz oben aus Opas Rumpelkiste, der hebt dich farblich gut vom Wald ab. Und wenne Glück hass, krisse mit dem Nerz nich so leicht einen verplättet.

’Ne Wurstknifte und ’ne Käsestulle steckse dir inne Tasche, auch noch ’ne Großpackung Traubenzucker, wenn dir ma wieder die Kräfte schwinden sollten. Wasser schlürfse aussem Bach. Mehr brauchse da nich!“

Et reichte mir: „Pass ma auf, Berta, du kannz mir einen erzählen, du hass doch vonne Jagd überhaupt keinen blassen Schimmer! Also Schluss jetz mit dem neunmalklugen Geschnatter, ich muss mich ab sofort voll auf die Treibjagd konzentrieren!“

Et waren nur noch drei Wochen bis zum 3. November, dem Hubertustag. Junge, Junge, von Tag zu Tag bekam ich mehr Manschetten. Mir kamen Zweifel: Hatte Berta eventuell doch Recht? Bisse mit zweiundfünfzig für so ’n Treiberposten nich doch schon zu alt? Bisse da vielleicht nur ’ne Lachnummer? Hoffentlich haut dat hin!

Vor lauter Aufregung sauste ich erst ma zum Klo. „Willi, du muss dich unbedingt vom Fachmann beraten lassen“, schoss et mir dabei durch den Kopp. Nach dieser erlösenden Erkenntnis zog ich befreit ab.

Treibergrundausrüstung

Einen hoch qualifizierten Fachmann, der in allen Treiberfragen absolut firm war, den musste ich so schnell wie möglich auftreiben. Auf keinen Fall durfte diese Person ’n jagdlicher Stümper sein! Wer war der Retter, der mich von meiner Panik befreien konnte? Ja, et war schlimm. Mich befielen plötzlich Heidenängste vor dieser Treibjagd. Hatte ich vor meiner Berta dat Maul zu weit aufgerissen?

Ha! Da fiel mir jemand ein – nur der Mann kam in Frage: der olle Fohlenberg!

Ich ab zur Firma Fohlenberg inne Kirchhofstraße. Der Inhaber, dat wusste ich, war ’n alter erfahrener Jägersmann. Der kannte mit Sicherheit alle Treibersorgen. In seinem Laden standen sogar richtige Ballermänner, also echte Revolver und Gewehre und ganz tolle Jagd- und Wanderklamotten.

„Glück auf, Herr Fohlenberg, ich bin der Klempnermeister Willi Püttmann vonne Shamrockstraße, ich muss Sie ma ganz dringend in einer wichtigen Angelegenheit sprechen. Ich hoffe, dat Se ’n bissken Zeit haben und Verständnis für meine Lage aufbringen können.“

„Wo brennt et denn, Herr Püttmann, dat kann doch wohl nich so schlimm sein, wenn Se ausgerechnet mich aufsuchen. Sonst wär’n Se doch bestimmt zum Pastor oder so ’n Seelendoktor marschiert.“

Ihm hab ich dann ganz offen und ehrlich meine Ängste und Nöte gebeichtet. Dat fiel mir wirklich nich leicht, dat können Se mir glauben, aber wat sollte ich denn machen?

„Regen Se sich nich auf, Herr Püttmann“, sachte er ganz ruhig, „gut, dat Se direkt zu mir gekommen sind. Dat war genau die richtige Entscheidung. Wir regeln dat mit Ihren Ängsten am besten sofort, dann fühlen Se sich nachher schon viel besser. Sie sind nich der erste Treiber, der meine Hilfe in Anspruch nimmt.“ Ehrlich, mir fiel ’n Stein vom Herzen. Der gute Mann hatte sofort mein vollet Vertrauen. „Herr Püttmann, hör’n Se jetz ma ganz genau zu. Wat ich Ihnen erzähle, iss überlebenswichtig.

Wenn Se zum ersten Mal als Treiber auf ’ner Jagd erscheinen, müssen Se wirklich so einige Dinge ernsthaft bedenken und sich entsprechend ausrüsten, sonst geht dat mit der Treiberei gründlich inne Hose. Sie brauchen zunächst ma dat allen Treibern bekannte und vertraute Universaltreibermesser von Puma, dat mit dem echten Hirschhorngriff. Als Treiber müssen Se ja bekanntlich beim Ausweiden vonne erlegten Tiere mithelfen.“

Ich wurde blass. Ich hatte doch noch nie ’n totet Tier inne Hand gehabt, geschweige mit ’nem Messer daran rumgefuhrwerkt!

„Dat Messer, Herr Püttmann, dat hier für 257 Euro, dat iss schon ma’n Muss. Natürlich hat dat den besonders großen Korkenzieher und auch den speziell gehärteten Flaschenöffner für den harten Dauereinsatz.

Dann brauchen Se natürlich auch diesen herrlich verzierten Treiberstock der Marke ‚Haudropp‘, einen grünen Lodenhut mit rotem Signalband, den Flüsterrucksack ‚Raschelmaus‘ mit den fünf großen Außentaschen für die Kniften und Pullen. ’Ne rote Signallampe mit eingebautem SOS-Notruf und Gummistiefel mit rutschfestem Noppenprofil sind wichtig, und warme Thermounterwäsche müssen Se auch haben. Ja, zu den Stiefeln gehörn natürlich die guten Treibersocken vonne Firma Mauki, die speziell anne Hacken verstärkt sind. ’Nen Gummianzug für dat eventuelle Sauwetter iss in unserem Regenloch unverzichtbar.

Ein gutet Fernglas empfehle ich Ihnen ganz dringend, damit Se die Hasen inne Sasse früh genug eräugen und nich einfach drauftreten oder überrennen. Dat von Zeiss hier sollt et schon sein. Da ham Se wat für Ihr ganzet Leben. Ein Kompass und ’ne Trillerpfeife, wenn Se sich ma im Wald verirren sollten, sind auch ganz nützliche Treiberutensilien, genau wie der Mückenschleier hier und dat Notfall-Versorgungskästchen vonne Malteser.“

„Du liebe Zeit, wat brauch ich denn sonst noch allet, Herr Fohlenberg?“ Die Liste wurde immer länger.

„Herr Püttmann, schau’n Se ma, dieset hervorragende Murmelfett hier unten im Regal, dat iss speziell für Treiberfüße entwickelt worden. Dat iss gegen dicke Blasen anne Hacken, dat müssen Se unbedingt vor der Jagd auf die Quanten schmieren, die Mauken sollten Se sich möglichst vorher gründlich waschen. Wenn Se dat Fett nich auftragen, haben Se vonne Lauferei schnell Blut inne Stiefel.“ – Ich kriegte bald dat arme Dier.

„Und hier, sonne Treiberratsche iss auch nich zu verachten. Mit dem Ding brauchen Se nich den ganzen Tag „hopp, hopp, hopp“ schreien, bisse heiser sind und abends beim Schüsseltreiben keinen Ton mehr rauskriegen. Dat iss also ein drehender Krachmacher, der erledigt dat Aufscheuchen für Sie. Damit bringen Se dat Wild garantiert aufe Läufe. Also, dat allet gehört zwingend zur Treibergrundausrüstung.

Ein Gastgeschenk für Herrn Kuhlenkamp und seine Gattin sollte Ehrensache sein. Die Zinkschale hier, die mit dem röhrenden Hirsch, die hab ich im Sonderangebot für nur 42 Euro.“

Mir wurd et schwindelig inne Birne. Wat waren dat allet für komische Ausdrücke? Ausweiden, Flüsterrucksack, Schüsseltreiben, Sasse, Mückenschleier …

Etwat verunsichert, aber dankbar nahm ich die Empfehlungen von dem alten Hasen an und akzeptierte alle Treiberutensilien ohne Wenn und Aber. Nee, wat war dat für ’ne hervorragende Beratung! Wat hätte ich mich blamiert, wenn ich diesen erfahrenen Mann nich aufgesucht hätte!

Dat waren dann stolze 1.852,23 Euro für so ’n paar Treiberklamotten. Verdammt viel Asche. Aus Angst vor Bertas Unverständnis und Miesmacherei zahlte ich die Rechnung nich mit ’m Scheck, sondern vom Plattgeld.

Gut, mein Exklusivberater hatte an mir bestimmt schwer Reibach gemacht. Dat gute Gefühl und meine innere Ruhe waren mir aber dat Geld wert. Ach, wat sach ich, „Geld wert“? Dankbar war ich und beglückt!

Damit Berta auch wirklich keinen Wind von dem Kauf bekam, ließ ich die Pakete schnell inne Werkstatt verschwinden. – Dat war ein grober Fehler! Mein Lehrling trug in einem unbewachten Moment allet brav inne Wohnung. Er glaubte, der Paketdienst hätte morgens niemanden bei Püttmanns angetroffen.

Abends lagen alle Treiberempfehlungen schön breit ausgelegt auf’m Küchenboden, natürlich lag oben drauf die dicke Rechnung! Ich dachte: „Mensch, Willi, wat bisse für ’n Blödmann, hättesse die Klamotten doch nur im Kofferraum gelassen! Diese Aktion hasse total vermasselt.“

Berta stand pro…, provo…, also herausfordernd mit verschränkten Armen vor mir: „Hömma, Willi, erklär mir ma die teure Jagdausrüstung! Bisse eigentlich total meschugge? 1.852,23 Euro, in Worten ‚eintausendachthundertzweiundfünfzig Euro und dreiundzwanzig Cent‘, für sonne läppische Einladung als Treiber. Ich glaub dat einfach nich!“

Ich fasste mich erstaunlich schnell: „Berta, pass ma gut auf, davon verstehse nix. Ich hatte ’ne exklusive und hoch komplizierte Treiberberatung von einem anerkannten Fachmann. Dat hier iss nur die kleine Treibergrundausstattung, die krisse auch nich für lau! Peil ma auf die hochwertigen Produkte! Berta, übrigens stimmt die Summe nich ganz. Die dreiundzwanzig Cent hat er mir großzügig erlassen. Also, gib Ruhe im Bau! Wat gibt’s zu beißen? Oder muss ich heute Kohldampf schieben?“

Berta gab keine Ruhe.

„Natürlich möchte Herr Püttmann nich im einfachen Friesennerz, sondern als Katalog-Edeltreiber erschossen werden, und wie man dat schon ma bei Todesanzeigen vonne Jäger lesen tut, mit der neuen, grünen Pelle inne ewigen Jagdgründe eingehen. Für dat Geld hätt ich zwei neue Waschmaschinen kaufen können!“ Oh, sie war mächtig wütend.

Ich dachte: „Dat is ja ma wieder typische Frauenlogik, wat will die Frau denn mit zwei Waschmaschinen?“ Meine Lauscher schaltete ich einfach auf Durchzug. Sollte se doch krakeelen, bisse schwatt wurde.

Die nächste große Hürde war meine miese körperliche Kondition. Ja, die hab ich mir höchst diszipliniert dreimal inne Woche in so ’m Fitnessschuppen antrainiert. Immer schön morgens um zehn, damit Berta glaubte, ich wär aufe Maloche.

Denkste! Auch dat hat se spitz gekriegt. Drohend schwenkte se eines Tages die Rechnung von der Muckibude vor meinem Gesicht rum: „Neun Stunden à 65 Euro“, sachte se mit so ’m lauernden Unterton, „Willi, hier stimmt wat nich – wat iss hier im Busch? Hasse da ’ne blonde doofe Tussi in dem Anmachschuppen? Nach so wat drehsse dich doch immer um, meinze, ich merk dat nich? Oder iss dat sogar so ’n perverser Massageclub mit verstecktem Ekstase-Blissi?“

Ich schüttelte nur den Kopp: „Berta, Berta, warum musse immer direkt so wat Gemeinet von mir denken? Darf dein alter Mann nich ma seinen wunderbaren alten Körper stählen? Ich möchte am Hubertustag topfit, also, wie die Jäger sagen, ‚gut aufe Läufe‘ sein! Meinze, ich will in sonner jungen Treibertruppe wie so ’n nasser Sack hinterherhinken? Den ollen Pflaumenaugust da spielen? Ich doch nich! Sehr ernst nehm ich die Einladung. Man soll stolz auf mich sein! Man wird nach der Jagd sagen: ‚Kuck ma, der olle Püttmann, der hat den jungen Treibern in Fitness und Disziplin noch wat vorgemacht!‘“

Berta sachte nix mehr. War auch besser so. Irgendwie hatte ich aber den Eindruck, dat se doch sehr verwundert war. So ’n Ehrgeiz hatte se mir wahrscheinlich nich mehr zugetraut.

Nun halten Se sich fest. Zwei Tage vor der Hubertusjagd kriegte ich plötzlich ohne ersichtlichen Grund wieder schrecklichet Muffensausen. Ich wusste nich, woran dat lag. Die Nerven lagen blank. Ich war drauf und dran, mit ’ner fadenscheinigen Entschuldigung beim Kuhlenkamp abzusagen.

Dann riss ich mich aber zusammen und überlegte: „Willi, du hass doch nich umsonst so viel Kohle ausgegeben und dich drei Wochen im Fitnesscenter geschunden. Bisse eigentlich bekloppt? Viel schlimmer noch, wat würde Berta dazu sagen? Nee, gar nich auszudenken! Außerdem wäre dat ja auch ’ne ganz jämmerliche und erbärmliche Fahnenflucht. Ausgeschlossen!“

Bei dem Gedanken an Fahnenflucht, wat ja im Ernstfall bekanntlich mit Erschießen bestraft wird, dachte ich noch ma kurz an Bertas Hinterbliebenenabsicherung. Falls ja, nur ma so angenommen, sich irgendeine Kugel verirren sollte, und ich dann, wie Berta meinte, inne ewigen Jagdgründe marschieren würde – wat dann? Neben der Kohle ausse Lebensversicherung hätte man natürlich auch den Schlumpschützen beim Wickel. Der olle Fohlenberg hatte mir nämlich fest versichert, dat der uralte Jagdbrauch auch heute noch Gültigkeit hätte und gnadenlos vollzogen würde: „Wer den Treiber erschießt, muss die Witwe heiraten!“ Mit diesen trostreichen Gedanken schlief ich glücklich ein.

Jagdfrühstück

In der Nacht zu Hubertus schlief ich verdammt schlecht. Widerliche Albträume piesackten mich die ganze Nacht.

Hier nur ma ’ne kleine Kostprobe: Als Treiber ritt ich, ’nen dicken Knüppel schwingend, auf ’ner dicken Wildsau durch dat City-Center. Wir wälzten allet platt, wat uns inne Quere kam. Dann nahm mich ein riesiger Hirsch auf sein Geweih und warf mich blutüberströmt in die versammelte Treibergruppe. Die Treiber erschraken, tobten und schlugen mich mit ihren Treiberstöcken halb tot. Meine Berta stand teuflisch lachend dabei und schaute sich schadenfreudig dat Blutbad an. Für ihren lieben Willi in seiner Todesnot rührte sie nich ma im Traum ’n Finger.

Als um sechs Uhr dann der Wecker klingelte, war ich heilfroh, dat ich die Nacht überlebt hatte. Ich fühlte mich wie gerädert. Schweißgebadet zählte ich meine Knochen durch. Mein Balg war noch heil, und zu meiner großen Überraschung sah ich auch keine Blutlache im Bett.

Nach dem Duschen schmierte ich mir die Quanten zweimal mit dem Murmelfett von meinem Exklusivberater Fohlenberg ein und versorgte die Hacken noch zusätzlich mit ’nem Spezialpflaster. Ich zog meine Treiberausrüstung an und betrachtete mich kritisch im Spiegel. Allet saß einigermaßen, doch musste ein Treiber denn wirklich so perfekt aufgetakelt sein?

Berta lachte sich über meinen Anblick kaputt. Beim Frühstück aber peilte sie mich so komisch vonne Seite an, als sähe sie mich heute zum letzten Mal. Die schrecklichen Träume verschwieg ich ganz bewusst. Sie hätte doch nur wieder allet zu ihrem Vorteil gedeutet. Man kennt ja die Weiber bei so wat.

„Pass auf dich auf!“, dat waren ihre einzigen sorgenvollen Worte an diesem besch… Morgen. Selbst der Kaffee schmeckte nach eingeschlafenen Füßen. Et passte heute Morgen nix zusammen. Ich hab schnell noch ’n Bütterken verdrückt und bin dann abgehauen.

Den Flüsterrucksack mit den Treiberempfehlungen vom ollen Fohlenberg hatte ich bereits am Vorabend äußerst gewissenhaft gepackt. Er war prallevoll und drückte schwer aufe Schultern.

So ’n dösiger Nachbar, der schräge Köttelbeck, wünschte bei meinem Anblick „’nen schönen Wanderurlaub“ und fragte scheinheilig: „Et geht doch bestimmt inne Dolomitis, für Karneval isset ja noch zu früh.“ Dat reichte jetz aber wirklich! Noch sonne dämliche Bemerkung von dem A…, dann hättet gerappelt! Ich knallte wütend die Autotür zu und fuhr los.

Draußen goss et in Strömen. Meine Stimmung hatte ihren absoluten Tiefpunkt erreicht. Dat allet ausgerechnet heute bei meiner ersten großen Bewährungsprobe als Treiber beim Jagdpächter Kuhlenkamp!

Pünktlich um acht erschien ich anne verabredeten Sammelstelle, auf’m Parkplatz der Gaststätte „Fuchsbau“. Jede Menge Grünröcke krochen mit ihren Waffen schwerfällig aus dicken Geländeschlitten.

Ein großer, hochbetagter Jäger versuchte sich aus seinem Fahrzeug zu zwängen. Vergeblich. Er brauchte dazu die Hilfe von zwei Treibern. Dieser gebrechliche Waldheini trug karierte Knickerbocker, ’ne dunkelgrün karierte Weste und hatte sich sogar noch so’n grünen Propeller um den Hals gewürgt.

Richtig besehen war dat eigentlich ’ne sehr ehrwürdige Erscheinung mit silbergrauem, gescheiteltem Haar. Der Jagdherr begrüßte ihn mit großem Tamtam und unterwürfiger Geste. Man nannte diesen baufälligen Jäger, der gut aus ’nem schottischen Comic-Heft entsprungen sein konnte, „Hannibal“! Dat musste ’n ganz hohet Tier oder so ’n Adeligen gewesen sein.

War dat auch! Man erklärte mir, dat wär ’n Baron mit zwei Meter Adelstitel, dat wär der Hannibal Hubertus Maximilian von Ritterskamp zu Ausbeutusburg. Hoffentlich kriegte der Mann überhaupt noch seine Flinte hoch!

Grün gekleidete Herrchen und Frauchen machten ihre jaulenden und schnappenden Jagdbestien an den umliegenden Bäumen fest. So viele verschiedene Jagdköterrassen hatte ich vorher nie gesehen.

Eine furchtbar aufgedonnerte Jägerin, mit sonne feudalen Nobelschnauze, nannte ihren Kläffer „Rosalie“. Der arme Fiffi konnte nun wirklich nix dafür, der sah aber tatsächlich aus wie ’ne „Rosalie“, richtig rosa. Frauchen und ihr rosaroter Kläffer schienen total überzüchtet. Sonst sah die Lady aber noch ganz brauchbar aus.

Sieben uniformierte Musiker mit großen und kleinen Blasinstrumenten rannten wie angestochen inne Kneipe rein. Hatten die Kerle jetz schon so ’n Brand, oder ging et denen nur um den Schutz vonne Instrumente?

Zwei schwere Trecker mit angehängten, offenen Leiterwagen standen mit klatschnassen Strohballen direkt am Waldrand. Da sollten wir nachher bestimmt drauf sitzen. ’Ne tolle Vorstellung!

„Waidmannsheil!“ hier und „Waidmannsheil!“ da. Hunde kläfften und zerrten an den Leinen, Kommandos schrie man über den Parkplatz. Junge und alte Treiber mit roten Signalwesten, dicken Knüppeln inne Faust und den abenteuerlichsten Klamotten am Balg, stürmten ebenfalls inne Kneipe.

Einer von meinen neuen „Kollegen“ hatte sogar ’nen Stahlhelm auf’m Kopp, andere trugen schusssichere Westen! Wofür dat denn? „Verdammte Hacke“, dachte ich, „diese Schutzkleidung hätte mir der Fohlenberg doch auch anbieten müssen, warum hat der dat nich?“ Sofort befielen mich neue Ängste.

Dann erschien der Jagdpächter aufe Bildfläche. Er füllte mit seinem dicken Ranzen den ganzen Türrahmen vom Kneipeneingang aus und brüllte über den Parkplatz: „Mistwetter! Alles reinkommen! Frühstücken! Bläser, ‚Schüsseltreiben‘ blasen!“

„Schüsseltreiben“ nennen die Jäger dat Mampfen. Dafür hatten die Hornmusiker extra ’n Signal komponiert. Ich dachte: „Nee, wat ha’m die Jagdkerle für ’ne einprägsame, bildhafte Sprache, die se auch noch musikalisch untermalen tun.“ Ruckzuck folgte ich dieser wohlklingenden Einladung.