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Im Februar 2003 startete die damals 31-jährige Andrea Michel zu ihrer Solo-Überquerung des Skandinavischen Gebirges. Von Grövelsjön bis Treriksröset wanderte die zähe Schweizerin mit Skiern, Pulka und Zelt ausgerüstet über den schwedischen Teil des Gebirges. Nach 62 Tagen erreichte sie als erste Frau, die diese 1200 km lange Wanderung alleine unternommen hat, ihr Ziel. In ihrem spannenden Expeditionstagebuch schildert die Abenteurerin ihre Erlebnisse in der Wildnis und Einsamkeit Schwedens und lässt den Leser teilhaben an ihren unzähligen herrlichen Erlebnissen draussen in der Natur, den Begegnungen mit Einheimischen, aber auch an Momenten, wo sie sich mit Schneestürmen und anderen Gefahren konfrontiert sah.
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Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2015
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„Allt detta är mitt hem dessa fjordar älvar sjöar kölden ljuset det hårda vädret. Viddarnas natt och solsida glädje och sorg systrar och bröder. Allt detta är mitt hem och jag bär det i mitt hjärta.“
Nils Aslak Valkespää
All dies ist meine Heimat diese Fjorde, Flüsse, Seen Die Kälte, das Licht und das stürmische Wetter. Die Nächte auf den Weiten und die Sonne Freude und Sorge Schwester und Brüder. All dies ist meine Heimat und ich trage sie mitten in meinem Herzen.
Diese Worte schmetterten mir jedes Mal entgegen, wenn ich von meinem Plan erzählte, Schweden im Winter auf Skiern zu durchqueren. Manchmal wurde mir ja selber mulmig zumute, wenn ich an mein Vorhaben dachte. „Ja, ich bin verrückt!“ gestand ich mir schmunzelnd ein. 1200 Kilometer durch den Schnee ziehen, bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt zelten, und das alles ganz alleine. Das ist bestimmt nicht jedermanns und wahrscheinlich noch weniger jedefraus Sache.
Du bist verrückt! – Die Länge der Tour, die Kälte, die harten Winde, die Bären und anderen wilden Tiere, die Einsamkeit und die Stille sind nur einige der möglichen Gefahren, die zu diesem harten Urteil führten. Oder ist es die Angst, die eigene Angst in einem jeden von uns, sich etwas zuzutrauen und die Angst vor dem Unbekannten, so dass man eine solche Idee am liebsten so schnell wie möglich vergessen und in die Schublade „Marotte“ verschwinden lassen möchte?
Angst hatte ich keine. Aber Respekt: vor der Kälte und vor den verschiedensten körperlichen und seelischen Herausforderung, die eine so lange Tour an mich stellen würde. Doch war es eine positive Art von Respekt, die mir Kraft und Energie gab, das alles durchzustehen und mich zu einer sorgfältigen Vorbereitung führten.
Die Phase der Vorbereitung trägt entscheidend zum Gelingen einer Expedition bei. Planen, planen, planen heisst erst einmal die Devise. Es beginnt mit der Route und geht weiter mit Essen, Material, Kocherbrennstoff, Depotstops, Unterkunft, Medikamenten, Reparaturmaterial, Reserveteilen usw. Dann Training: Darunter versteht sich nicht nur Kraft- und Konditionstraining, sondern auch Übungen mit dem Material, insbesondere mit demjenigen, das man erstmals verwendet. Und so übte ich, mein Zelt aufzustellen und zwar im Schnee, bei Schneefall und stürmischem Wind, dasselbe Programm auch im Dunkeln. Während ich plante und trainierte, stiegen meine Nervosität und die Anspannung, denn seit Wochen schon hatte ich nur für das eine Ziel gelebt.
Nun aber genug von grauer Theorie, denn ich hatte ausreichend geplant, geübt und trainiert. Jetzt galt es ernst. Doch: Wetten, dass alles anders kommen würde als geplant?
Ein Depot für Winterwegmarkierungs-Stangen auf dem Weg von Klinken zur Fältjägarstugan
Gerade hatte ich eine wunderschöne Sommer-Zelttour in Lappland hinter mir. Das Wetter war fantastisch gewesen: zwei Wochen lang nur Sonnenschein, blauer Himmel, nur wenig Wind und Temperaturen um die 20°C. Der Jahrhundertsommer in Lappland, während Mitteleuropa die Jahrhundertunwetter erleben musste. Ich sass im Zug nach Hause und dachte an die Erlebnisse und die netten Menschen, die ich kennengelernt hatte. Während der Tour hatte ich auch immer wieder an meinen Traum gedacht, einen ganzen Winter im Fjäll zu erleben, vielleicht von Grövelsjön im Süden nach Treriksröset, dem nördlichsten Punkt Schwedens zu wandern. Gleichzeitig kamen mir auch meine anderen Träume und Pläne, die ich schon seit Monaten in mir herumtrug, in den Sinn: den Winter als Hüttenwartin irgendwo im Schwedischen Fjäll zu verbringen oder richtig in Schweden zu leben, Arbeit zu suchen und auszuwandern.
Noch auf der Heimfahrt von dieser Wanderung erreichte mich im Zug der Anruf eines Personalvermittlungsbüros in Stockholm, das mich zu einem Interview einlud.
Kaum war ich zu Hause angekommen, hatte ich meinen Rucksack von übelriechenden Socken befreit und die Waschmaschine ordentlich gefüllt, packte ich schon wieder die Koffer, um zum Vorstellungsgespräch an der noblen Kungsgatan, mitten in Stockholm, zu fliegen.
Ich genoss die herrlichen, milden Herbsttage in Stockholm, doch musste ich schon am Abend nach dem Interview eine Absage entgegennehmen. Die Enttäuschung war gross! Ich heulte und schluchzte zunächst eine halbe Stunde lang meinen Frust heraus, danach ging ich an die frische Luft, spazierte dem Söder Mälarstrand entlang, bewunderte einen herrlichen Sonnenuntergang und beruhigte mich langsam. Am andern Morgen war die Sache schon halb vergessen. Ich hatte noch einen freien Tag in Stockholm, genoss das Leben, ging zu einem meiner Lieblingsplätze, ins Freilichtmuseum Skånsen und begann, meine Ziele zu überdenken und meine Lebenssituation zu betrachten.
Während des Fluges in die Schweiz dachte ich wieder an die lange Wintertour in Schweden. Was schon viele Monate in meinem Kopf herumgespukt hatte, wuchs zu einem Ziel heran: Nächsten Winter würde ich von Grövelsjön nach Treriksröset, über das ganze Schwedische Fjäll wandern!
Das Ziel war gesteckt? Seit mir die Idee auf der Zugfahrt vom Hohen Norden nach Stockholm im April 2001 gekommen war, waren mehrere Monate vergangen. Doch wie von einem Virus angesteckt, liess dieser Gedanke mich nicht mehr los. Von der einst kleinen Idee, frisch und blass, ohne viel Inhalt noch, wuchs eine ziemlich präzise Vorstellung heran. Und jedes Mal, wenn ich wieder im Fjäll unterwegs war, dachte ich wieder an diese Tour, natürlich besonders auf der letzten Wintertour, wo die Zweifel besonders hart an meiner Seele nagten und mein „innerer Schweinehund“ mich bei jeder Gelegenheit mahnte: „Nein, es ist doch viel zu kalt um im Winter im Zelt zu schlafen“, „nein, Andrea, es ist doch einfach zu lang, stell Dir vor, sechs deiner normalen Wintertouren aneinandergereiht durchzuziehen…“. Mein Innerstes war wieder für einen Moment lang ruhiggestellt. Spätestens am Ende einer Tour waren alle diese Gedanken wieder verflogen, weit weg und der Wunsch, die Tour durchzuziehen, wuchs stetig.
Ich wollte mir etwas Klarheit darüber verschaffen, was es denn wirklich hiess, über die ganzen Skanderna zu wandern. Ich nahm meine „Röda Kartor“, die Übersichtskarten Schwedens zur Hand und fing an, die Route abzustecken. Drei Monate ungefähr braucht man für die Tour, ohne die Hilfe eines Lastenhundes, mit einem Tagesdurchschnitt von etwa 18km; das war das Ergebnis der ersten Grobplanung.
Ich legte die Pläne wieder zur Seite. In mir brannte noch ein anderer Wunsch, der einer beruflichen Veränderung. Ich schrieb Bewerbung um Bewerbung und erntete Absage um Absage. Und dann das Interview in Stockholm! Der Höhepunkt und gleichzeitig auch der Tiefpunkt meiner Bemühungen. Eine Woche später war ich fest davon überzeugt, dass der Zeitpunkt gekommen war, das Abenteuer "across skanderna" zu starten!
Das Ziel war gesteckt! Es setzte ein geschäftiges Treiben ein: Zuerst musste ich meinen Arbeitgeber um Erlaubnis bitten, drei Monate der Arbeit fernzubleiben. Als nächstes bestellte ich 15 Stück Fjäll-Karten, um die Detailplanung in Angriff nehmen zu können. Ich warb um Sponsoren, plante Ausrüstung und Verpflegung, Unterkunft und Nachschubmöglichkeiten für Benzin und Essen. So herrschte emsige Geschäftigkeit und der Wille, das Ziel zu erreichen, festigte sich von Tag zu Tag.
Auf dem Weg zur Sitasjaurestugan auf der fünften und längsten Etappe
Selbstverständlich nahm ich auch das körperliche Training auf. Da ich es sehr schätze, möglichst vielseitig zu trainieren, packte ich meine Wanderschuhe und die Teleskop-Stöcke ein und brach zu einer Wanderung von Nods auf den Chasseral auf, meinem Trainingsberg, Sommers wie Winters. Ich schaffte die Strecke vom Parkplatz zum Hotel in neuer Rekordzeit! Doch auf dem Rückweg plagten mich bereits nach den ersten 300 Höhenmeter Abstieg stechende Knieschmerzen. Am nächsten Tag ging ich zum Arzt. Er untersuchte mich kurz und riet mir, zwei Wochen kein Lauftraining zu machen, statt dessen auf dem Rennrad zu trainieren. Die Schmerzen gingen zurück und auch das Wasser im Knie verschwand. Vorsichtig wagte ich mich ans weitere Training, immer mit dem Ziel vor Augen, den Winter in Schweden zu verbringen, 1200km Skiwandern!
Auch eine gewisse Nervosität stellte sich ein. Ich hatte das Glück, Sponsoren für mein Unternehmen zu gewinnen. Doch mit Sponsoren zusammenzuarbeiten, bedeutet auch, Verpflichtungen zu haben. Plötzlich ist das Unternehmen nicht mehr nur eine Privatsache! Und an diesen Gedanken musste ich mich zuerst gewöhnen. Gleiches gilt für die Pressearbeit, die zu leisten ist, die Homepage, die erstellt werden muss u.s.w. Mit dem Gedanken, dass dies nun auch zu meiner Tour gehörte, konnte ich die Nervosität wieder ablegen und mich voll auf meinen Teil konzentrieren, die Vorbereitung und Durchführung der Tour.
Ich setze mir ein Ziel. Dieses steht fortan im Mittelpunkt meines Lebens. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Ich muss voll und ganz von meinem Ziel und dessen Durchführung überzeugt sein, ob es nun eine Ski-Expedition ist, den Bau eines lange ersehnten Eigenheims oder das Bestehen der Segelprüfung. Ich muss mit Haut und Haaren wollen! Auf mein Ziel bezogen, hiess das auch Mentaltraining, in dem ich mich geistig in Situationen versetzte, die auf der Tour auftreten könnten: Schneestürme, Tiefschnee und nirgends eine Spur (= Schwerstarbeit mit der Pulka im Schlepptau!), ein Bär, der von seinem Winterschlaf aufgeweckt war oder einfach erbärmliches Frieren. Dank dieser Methode konnte ich den Problemen unterwegs gelassener entgegensehen, denn ich hatte ja alles schon einmal im Kopf durchgespielt, mit allen Gefühlen, die dabei auftauchen.
Fjäll, -et
Berg(e); Gebirge
Stug-a, -n, -or, -orna
Hütte / Hütten
Vandrarhem, -met, -
Jugendherberge, die in Schweden grundsätzlich von Leuten jeden Alters, insbesondere auch von Familien genutzt wird
an
Fluss; zum Beispiel Enan,
å
Fluss
älv, -en, -ar
Fluss
Ädno / Eatnu
Fluss
Jåkk, Jokk
Bach
Johka
Bach
Luoppal
Fluss, der sich zum See verbreitert
Luokta
Bucht
Sjö, -n, -ar, -arna
See /-n
Jávri
See
Vatten, -et, -
Gewässer (oft im Zusammenhang mit See gebraucht), in anderem Zusammenhang auch (Trink-) Wasser
Láhku
Hochebene
Vággi
U-Tal
1. Etappe: Grövelsjön – Storlien/Storvallen, 169km
Endlich war der Tag gekommen, wo ich die letzten Sachen packte, mich vom warmen Wohnzimmer verabschiedete und den Schlüssel im Schloss der Wohnungstüre mit etwas mehr Aufregung als sonst drehte. Doch vor meinem Aufbruch irrte ich ziemlich nervös in der Wohnung umher, bis ich mir sagte, dass ich wohl weder ungeduldig noch nervös zu sein brauchte, denn vor mir lagen doch nicht weniger als 13 Wochen Urlaub und Abenteuer!
Via Zürich – Stockholm reiste ich nach Mora, wo ich mich logistisch auf die rund 70 geplanten Wandertage vorbereitete. Weil es ziemlich umständlich ist, mit einer Pulka (Expeditions-Schlitten zum Transport von Ausrüstung, wird durch den (Ski-)Wanderer selber gezogen) zu reisen, hatte ich sie zusammen mit einigen grösseren Ausrüstungsgegenständen per Post nach Mora geschickt. Ausserdem wartete noch ein Paket mit 8kg Schokolade auf mich.
So war mein Aufenthalt in Mora auch gleichzeitig ein „Einlaufen“ für die kommenden Strapazen: von meiner Unterkunft unmittelbar beim Ziel des berühmten „Vasa-Loppets“, einem 90km langen Langlaufrennen, bis zur Post und den Lebensmittelläden im Zentrum war es ein gutes Stück zu gehen. Und diese Strecke absolvierte ich über den Tag verteilt einige Male. Einmal mit der Pulka und insgesamt 21kg auf der Achsel, denn es lag zu wenig Schnee, als dass ich die Pulka hätte ziehen können. Dann mit den 8kg Schokolade und 3lt Reinbenzin (Brennstoff für den Kocher), später wieder mit Essen für 14 Tage beladen, dann mit zwei Paketen, die ich nach Gäddede und Vuoggatjålme schickte, zwei Etappen-Zielen, zurück zur Post. So verging der Tag im Flug, doch es blieb noch Zeit, das Vasa-Loppet-Museum zu besichtigen. Ich war beeindruckt von den Läufern, die an einem Tag 90km zurücklegten. Für diese Strecke sollte ich auf meiner Tour etwa 3-4 Tage be-nötigen.
Am nächsten Tag reiste ich per Bus nach Grövelsjön weiter, wo die südlichste Fjällstation Schwedens steht, dem Ausgangspunkt meines 1200km langen Marsches über die Skanderna.
Fragt man Fjällwanderer nach den optimalen äusseren Bedingungen für eine Tour im Winter, wird man folgende Antwort erhalten: Blauer Himmel, windstill und –5°C. Und mit eben diesen Bedingungen startete ich in mein Abenteuer!
Der erste Tag auf einer längeren Trekkingtour ist für mich immer ein spezieller Tag, voller Vorfreude, aber auch immer mit etwas Respekt vor dem, was noch aussteht. Doch heute Morgen war alles ganz anders! Ein völlig neues Gefühl, den ersten Tag einer Tour in Angriff zu nehmen, die zu lange dauert, als dass man es irgendwie fassen könnte. Zwei, drei Wochen Ferien im Fjäll sind überschaubar. Drei Monate? Obwohl ich meine 1200km lange Tour in sechs Etappen eingeteilt hatte, schien es unendlich lange.
Nach einem stärkenden Frühstück in der Fjällstation packte ich die Pulka und beförderte sie aus meinem Zimmer vor den Eingang der Unterkunft. Viele Leute staunten ob meinem riesigen Gepäck. Und die Teilnehmer eines Foto-Kurses freuten sich über das neue Sujet…
Gleich vom ersten Meter an wurde ich gefordert, denn mich erwartete der lange Aufstieg zu den Jakobshöjden hinauf. Die Birkenwaldgrenze lag bald hinter mir, doch das Ziehen der vollbeladenen Pulka, die mit Essen und Brennstoff für 12 Tage etwa 58kg wog, war gewöhnungsbedürftig. Ich musste erst lernen, wie ich mich am effizientesten mit der schweren Pulka bewegen konnte, damit es nicht allzu sehr ruckte zwischen den einzelnen Schritten. Während ich mir das kräftesparende Aufsteigen beibrachte, huschten Tagesausflügler mit leichtem Rucksack lockeren Schrittes an mir vorbei. Manche fragten mich neugierig nach dem Ziel meiner Wanderung, da ich doch den ganzen „Hausrat“, wiesiebemerkten, mitführte.
Als ich die 200 Höhenmeter Aufstieg geschafft hatte, genoss ich erst einmal die herrliche Aussicht über Grövelsjön und die norwegischen Berge im Hintergrund und schwelgte in schönen Erinnerungen an Winterferien in einem typischen Dalarna-Blockhaus bei Grövelsjön. Nachdem ich mich mit Fruchtsuppe und belegten Broten gestärkt hatte, ging es auf die erste kurze Abfahrt dieser Tagesetappe, die ich wegen der schweren Pulka vorsichtig anging. Dann folgte 5km flaches Terrain bis zur Windschutzhütte Särsjöbacken, wo ich nochmals das herrliche Wetter und meinen ersten Tag im Fjäll in vollen Zügen genoss. Ein Traumstart!
Nach einer etwas längeren Abfahrt kam ich beim See Hävlingen an und stand kurz darauf vor den Hävlingsstugorna, wo ich nach kurzen 13km Marsch meine erste Übernachtung geplant hatte. Ich wollte bewusst am ersten Tag nicht allzu weit gehen und auch nicht schon im Zelt übernachten, um mich langsam an die Kälte und an die körperliche Anstrengung zu gewöhnen. Aus meiner Erfahrung wusste ich, dass es sinnvoll ist, sich nach und nach an die strenge Kälte zu gewöhnen, da man anderenfalls schnell mit Lungenproblemen (stechenden Schmerzen beim Atmen) kämpft.
Die anderen Betten in den Hävlingsstugorna blieben leer. Wen wundert’s? Mitte Februar ist es noch bitter kalt; die Tage sind ziemlich kurz und deshalb nur vereinzelt Wanderer auf Mehrtagestouren unterwegs. Um 18 Uhr ist es bereits stockdunkel, und vor 8 Uhr ist noch nicht ans Wandern zu denken. Meine erste Nacht im Fjäll wurde dann auch bitter kalt: -18°C zeigte das Thermometer. Um mich gut an die Kälte zu gewöhnen, heizte ich nicht. Am Morgen war es dann nur noch +1°C „warm“ in der Hütte!
Dieser erste Abend draussen im Fjäll auf meiner so lange herbeigesehnten Tour war speziell: Ich kämpfte gegen eine Art innere Unruhe und einem völlig neuen Zustand in meinem geliebten Fjäll. Schon als ich einen langen, in allen Farben schimmernden Sonnenuntergang bestaunte, merkte ich, dass ich völlig aufgedreht war: Mir wurde erst richtig bewusst, was ich nun vor mir hatte: fast drei Monate draussen im Schnee zu leben, allen möglichen Wetterbedingungen zu trotzen und dabei noch etwa 1200km zurückzulegen. Alleine.
Plötzlich war alles keine „Planerei“ auf einer schönen Excel-Tabelle mehr. Nun war ich da, draussen im Schnee, die ersten Kilometer bereits hinter mir. Mich erfasste ein unheimliches Gefühl, mir wurde sogar übel vor Aufregung. Mitten in der Nacht ging ich um die Hütten, um mich zu beruhigen. Vielleicht war dieses „Bewusstwerden“ eine heilsamer Schock?
Nach einem weiteren traumhaft schönen Tag schlug ich mein Zelt am Ufer des Rogen (See) auf und hatte freie Seesicht: platt und weiss, so weit das Auge reicht! Ausserdem schien der Mond direkt in mein Zelt. Auf meiner mit Daunen gefüllten Luftmatratze sitzend, in Daunenschlafsack und –Jacke sowie in warme Wollmütze und Handschuhen gehüllt, genoss ich diese romantischen Augenblicke – bei weniger romantischen –20°C. Doch dies machte mir erstaunlich wenig aus, obwohl ich erst gerade den zweiten Tag in der Kälte verbrachte. Einzig das Brummen des Benzinkochers störte die Stimmung ein wenig. Schneeschmelzen gehört fortan zu meinen allabendlichen Beschäftigungen: Zuerst kochte ich mir eine nahrhafte Mahlzeit, die Hauptmahlzeit des Tages, dann wurden die Thermosflaschen aufgefüllt und während diesem Ritual achtete ich auch darauf, dass ich die verlorene Körperflüssigkeit ausglich, zum Beispiel mit Pulverkaffee, Cappuccino aus dem Beutel oder Früchtetee.
Nicht nur der Zeltplatz war sehr schön gelegen, auch die ganze Tagesetappe führte durch eine traumhafte Landschaft. Als ich die Hütte am Hävlingen verliess, lag über dem See ein Hauch von Nebel, und die Bäume waren mit dickem Raureif überzogen. Der Weg verlief über das Seensystem des Rogen im Grenzgebiet zu Norwegen. Im Sommer ist dieses Gebiet ein Paradies für Wasserwanderer mit Kanu oder Seekajak. Mir boten die Seen ein leichtes Vorankommen auf mit stets flauschigem Neuschnee bedecktem Eis. Die herrliche Landschaft liess in mir nun wirklich alle Ängste und Zweifel vom vorigen Abend verfliegen. Nun war es da, das einmalige Gefühl, nun eine schier unendlich lange Zeit – den ganzen Winter – draussen in meinem geliebten Fjäll zu sein und jeden Tag neue Landschaften zu entdecken. Ich fühle mich grossartig und vogelfrei!
