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Die junge Frau Ada lebt auf Neufundland und träumt von einem pulsierenden und abwechslungsreichen Leben auf dem Festland. Ihr schlechtes Gewissen gegenüber ihrem querschnittgelähmten Zwillingsbruder lässt sie auf der Heimatinsel verharren. Da trifft sie Meghan, 80, die mit Truck und Trailer unterwegs ist. Sie ist für einen letzten Sommer in ihre Heimat zurückgekehrt, um mit ihrer düsteren Vergangenheit Frieden zu schliessen. Ada und Meghan begeben sich zusammen auf eine Reise durch die Insel. Immer mehr auf ihre innere Stimme vertrauend, findet Ada zu sich selbst.
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2020
Fabrizia Testi
ADA
Roadstory & Reiseführerdurch Neufundland
Fabrizia Testi
ADA
Roadstory & Reiseführerdurch Neufundland
Personen und Handlung sind frei erfunden, die Örtlichkeiten sind real.
1. Auflage, Dezember 2020
© Fabrizia Testi, CH-8497 Fischenthal
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Umschlagbild: Stephan Testi
Umschlaggestaltung: Stephan Testi
Gestaltung Karte: Barbara Metzger
Lektorat: Magdalena Bernath
Satz: Magdalena Bernath
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN: 978-3-347-21691-4 (Paperback)
ISBN: 978-3-347-21692-1 (Hardcover)
ISBN: 978-3-347-21693-8 (E-Book)
Für F.
Ada, eine junge Frau in den Startlöchern: alleinstehend, eine taffe Träumerin, zierlich und stark. Sie ist neugierig auf alles, was ausserhalb ihrer Insel ist. Irgendwann kann sie dem Ziehen in der Herzgegend nicht mehr davonlaufen und bricht deshalb auf, sich und die Welt kennenzulernen. Mit Meghan an ihrer Seite umschifft sie mutlose, verzweifelte Phasen immer besser und schlägt vermehrt Begeisterungs-Purzelbäume. Eine junge Frau geht ihren Weg.
Meghan, eine alte Frau am Ende ihres Lebens: lebensweise, mit einem guten Schuss Humor. Sie hat einen unsicheren Gang, ein krankes Herz und ein junges Funkeln in ihren Augen. Ausserdem trägt sie ein düsteres Geheimnis mit sich … Dieses ist der Grund, weshalb sie nach vielen Jahren in ihre Heimat zurückkehrt.
Eine Roadstoryvom Feinsten. Mit Tiefgang, Leichtigkeit und Schmetterlingen im Bauch. Zwei Frauen, eine am Anfang ihres Lebens, die andere an dessen Ende, bilden den Spannungsbogen. Den Rahmen dazu bildet der schönste Felsen im Atlantik: Neufundland.
1
«Dieser verdammte Wind», schimpfte Ada, «hört der denn gar nicht mehr auf?» Sie gab es auf, sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streichen, und sah über den grossen Platz den davonwirbelnden Papierfetzen nach. «Was für ein Scheisstag! Wieso knall ich nicht Besen, Schaufel und Mülleimer in eine Ecke und verziehe mich nach Hause?»
Ada kickte den Eimer auf die Seite. Er rollte in ein Schlammloch und versank. Das Klingeln des Telefons unterbrach ihre Tirade. Tante Florence war am Apparat. Adas Gesicht wurde weich und ihre Stinklaune verflüchtigte sich. «Hallo Boss, was steht an?», meldete sie sich.
Florence war die Besitzerin des Campingplatzes Princehaven und Ada nahm sie gern auf die Schippe, weil sie so gar nicht dem Bild einer Chefin entsprach. Stets war sie gut angezogen und sah in allen Lebenslagen tadellos aus. Sie war kaum 1,60 Meter gross, trug klassische Blusen mit karierten, knielangen Röcken. Die Blusen peppte sie jeweils mit einer altmodischen Brosche oder der alten Perlenkette der McLeodys auf, die seit Urzeiten von der Mutter an die Tochter vererbt wurde. Ihre leicht angegrauten Haare hatte sie mit Strähnchen aufgefrischt, an ihre Haut liess sie ausser einer Creme von Estée Lauder weder Make-up noch sonstige Kosmetika. Sie war eine Dame. Aber eine, die den Schmutz nicht scheute und hart anpacken konnte. Ada beneidete sie um ihr ruhiges, ausgeglichenes Wesen. Florence war so ganz anders als sie selber: grosszügig und weise und ausnahmslos entspannt. Für jeden hatte sie ein offenes Ohr. Sie muss viel Lebenserfahrung haben, sonst verstände sie mich nicht so gut, dachte Ada.
Über die Vergangenheit der Tante wusste sie nicht viel. Florence sprach nur vage und mit leichter Trauer in den Augen darüber. Dabei rollte sie jeweils nervös die einzelnen Perlen zwischen den Fingern oder, wenn sie eine der Broschen trug, polierte diese ständig. Ada schloss daraus, dass es in Tante Florences Leben doch Dinge gab, die sie beunruhigten, und sie deshalb ihre Hände beschäftigen musste.
Ada wusste von ihrem Vater nur, dass seine kleine Schwester es in ihrer Kindheit nicht leicht gehabt hatte. Es war eine raue Welt gewesen. Die Mutter war früh gestorben und Florence musste mit knapp zehn Jahren den Haushalt übernehmen. Damals wurde die Wäsche in kochendem Wasser in einem riesigen Holzzuber über einer Feuerstelle gewaschen. Wie das kleine Mädchen das geschafft hatte, grenzte für Ada an ein Wunder. Florence hackte auch das Feuerholz und arbeitete im Garten, wenn Vater und Bruder draussen auf dem Meer waren. Kamen die beiden mit reichem Fang zurück, war es ihre Aufgabe, den Fisch weiter zu verarbeiten. Das hiess, Kopf und Eingeweide zu entfernen, die Filets zu salzen und dann, paarweise zusammengebunden an den Schwanzflossen, zum Trocknen auf Holzgestelle aufzuhängen.
Ihre Jugend und die Ehejahre bezeichnete die Tante als eine Qual. Erst nach ihrer Scheidung seien gute Zeiten angebrochen. Sie war auf die Bonavista-Halbinsel zurückgekehrt. Dort hatte sie in einem Kaff einen heruntergekommenen Campingplatz gekauft und ihn mit Hilfe der Familie wieder in Schuss gebracht.
An ihren freien Tagen half Ada ihr gerne aus. So konnte sich die Tante um ihren eigenen Haushalt in Bonavista-Dorf kümmern und ausspannen. Ada wiederum schnupperte auf dem Campingplatz den Duft der grossen, weiten Welt.
Florences Stimme holte Ada in die Gegenwart zurück: «Und, wie sieht es aus? Hat es Überschwemmungen gegeben? Ist das Dach des Bürohäuschens noch dort, wo es sein soll? Und die zwei Wohnwagen, sind die umgekippt?»
«Alles im grünen Bereich», beruhigte Ada sie. «Die Wagen stehen noch, allerdings schwappt der See bis auf zwei Meter an sie heran. Wenn es nochmals regnet, schwimmen sie davon. Und sonst …»
Ada drehte sich um. Immer noch trieb der Wind das Wasser ins Land hinein. Äste und halbe Bäume lagen kreuz und quer herum oder schaukelten auf den Wellen gegen das neu entstandene Ufer. Wo der Boden trocken geblieben war, rollte Unrat von einer Ecke in die andere. Und das dort drüben, beim Bootssteg, war das eine tote Katze? Ada zuckte die Schultern und meinte ins Telefon: «Alles halb so wild.»
«Bist du sicher?», fragte die Tante nach. «Bei uns sieht es fürchterlich aus. Da ging letzte Woche gar nichts mehr. Erst seit gestern Abend sind Strassen und Wasserwege wieder passierbar. In den Nachrichten ist von einem Jahrhundertsturm die Rede. Sie sagen, dass die Wreckhouse-Winde noch nie so gewütet hätten. Du weisst ja, die wehen sogar Lastwagen samt Anhänger von den Strassen. Also wenn du Hilfe brauchst, sag es bitte.»
Ada schaute erneut zu den beiden Wohnwagen hinüber. Sie standen etwas verloren inmitten des verwüsteten Platzes. Anscheinend hatten die Besitzer anderes vor, als sich hier blicken zu lassen. «Vielleicht könntest du mal die Wohnwagenmenschen anrufen und ihnen mitteilen, dass sie bald Bootsbesitzer sind.» Ihr Blick wanderte zu den geborstenen Bäumen. «Wegen den Bäumen: Da bitte ich die Jungs aus dem Dorf um Hilfe. Wenn die ihre Kettensägen mitbringen dürfen, stehen sie ratz-fatz auf der Matte. Gäste erwartest du ja keine. So habe ich genug Zeit, um aufzuräumen.»
«Doch», antwortete Florence zögernd. «Letzte Woche hat sich eine Frau angemeldet. Keine Ahnung, wo sie abgeblieben ist. Ich hoffe, es ist ihr nichts geschehen … Dieses Jahr läuft es nicht gut. Kein Wunder bei diesem Wetter! Es ist schon Mitte Juni und immer noch treiben Eisberge in der Bucht. Wer denkt da ans Campen? Die Einheimischen bleiben zu Hause und die Touristen verkriechen sich in gemütlichen Pensionen. Ich hoffe auf den Südwind, der …»
«… die Reisevögel bringt», vervollständigte Ada den in Neufundland allgegenwärtigen Satz. Und dachte dabei: Der arme Südwind, wenn der wüsste!
«Also dann», sagte Florence, «lasse ich dich weitermachen. See you!»
Ada verstaute das Telefon und fragte sich, ob sie es heute noch schaffen würde, bei Steven und ihren Eltern vorbeizuschauen. Als sie einen hustenden Motor hinter sich hörte, drehte sie sich um. Der Vergaser, dachte sie, oder doch eher die Benzinleitung? Sie beobachtete, wie ein Truck mit Wohnwagen langsam in die Einfahrt rollte. Mit letztem Schwung schaffte es das Gefährt auf den Platz. Hinter der Frontscheibe war niemand zu sehen. What the heck?
Das Seitenfenster wurde hinuntergekurbelt und ein Gesicht tauchte knapp über dem Fensterrand auf. «Hi, bin ich hier richtig auf dem Princehaven-Campground? Ich habe vor knapp zwei Wochen einen Platz reserviert. Allerdings für letzte Woche. Aber die Fähre, oder besser gesagt der Sturm, hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.»
«Ach», sagte Ada, «dann bist du Meghan Nelson? Wir haben uns schon gefragt, ob dir etwas zugestossen ist. Erst mal herzlich willkommen!»
Auf Meghans Gesicht machte sich Erleichterung breit. Sie öffnete die Autotüre. Zuerst wurden geschwollene Füsse in hellrosa Flip-Flops sichtbar, danach entfaltete sich die ganze Person, kugelrund und mindestens 1,80 Meter gross. Eine leicht bläulich gefärbte Dauerwelle zierte ihren Kopf. Die Frau trug eine weite, zeltartige Bluse in einer undefinierbaren Farbe über einer scheusslich abgewetzten, glänzenden, ausgeleierten Trikothose, die knapp über der Wade endete.
«Was bin ich froh, hier zu sein! Ich dachte schon, meine alte Lady», sie tätschelte den Truck, «schafft es nicht mehr. Sag, wo kann ich den Wohnwagen hinstellen?» Forschend schaute sie sich auf dem Platz um. «Viele Möglichkeiten gibt es ja nicht.»
«Such dir einen trockenen Platz, bis das Wasser abgelaufen ist», sagte Ada. «Normalerweise ist die Seeseite sonniger, dafür hat die Waldseite nicht so viel Wind.» Ada musterte den verdreckten Truck. «Woher kommst du bei dem Sauwetter?»
«Direkt vom kanadischen Festland. Wegen des Sturmes musste ich knapp eine Woche am Fährhafen in Sydney warten. Erst gestern Abend durfte das Schiff ablegen.» Meghan verzog schaudernd das Gesicht. «Die Überfahrt war grauenvoll.»
«Und wie lange willst du bleiben?»
«Ungefähr vier Wochen, mal schauen.»
«Brauchst du Hilfe beim Einparken?»
«Nein, nein.» Meghan schaute zum dunklen Himmel. «Ich beeile mich besser. Wenn ich alles angeschlossen habe, komme ich zur Anmeldung ins Büro.»
«Okay. Hast du Lust auf eine Tasse Tee?»
«Das wäre ganz wunderbar, meine Liebe. Bis später.»
Auf dem Weg zum Bürohäuschen sah Ada, dass Meghan bereits im Truck sass und ihren Wohnwagen zügig auf den nächstbesten Abstellplatz manövrierte. Im Büro heizte Ada den kleinen Holzofen ein, setzte Teewasser auf und stellte die Infomappe für Camper zusammen. Währenddessen schloss Meghan sämtliche Kabel und Schläuche an und kam dann, den Pfützen und Ästen ausweichend, zur Anmeldung.
Adas schlechte Laune war wie weggeblasen. Vielleicht hätte Meghan Zeit für einen kleinen Schwatz? Sie war so anders als andere Reisende. Sie war mindestens achtzig Jahre alt. Ihr Gang war schwerfällig und langsam. Sie hatte geschnauft wie eine Dampfwalze, als sie sich erneut in den Truck gehievt hatte. Ihre geschwollenen Beine sahen aus, als würden sie gleich platzen. Einzig ihre Augen blickten … Ja, wie blickten sie? Jung und alt zugleich. Ist das überhaupt möglich, fragte sich Ada. Auf jeden Fall sehe ich eine Menge Lebenslust, Neugier und Weisheit darin.
Sie musterte sich selber im kleinen Wandspiegel auf der Suche nach ähnlichen Merkmalen. Aber sie sah nur eine kleine, zierliche Person in Jeans und Kapuzenpulli, ihrer Dauerbekleidung. In Anbetracht der Wetterlage trug sie statt Turnschuhen rote zerknautschte Gummistiefel. Aus dem riesigen Schalkragen blickte ihr ein blasses, nichtssagendes Gesicht mit hellen Augen entgegen, die weder Frische noch Weisheit ausstrahlten. Die Sommersprossen glänzten je nach Sonnenlicht mal mehr oder weniger auf ihrer Nase. Das einzig Auffällige war ihre sandfarbene, widerspenstige Mähne, die nur einen Kamm sah, wenn Ada als Pflegehilfe im Altersheim unterwegs war. Dann fasste sie die Haare auf der Fahrt ins Heim mit einer Klammer nachlässig zusammen.
«Es gibt nichts Bemerkenswertes an mir», stellte sie fest. «Ich sehe aus, wie mein Leben ist: langweilig.»
Die Türe öffnete sich und Meghan trat ein. «Ist das ein gemütlicher Raum», rief sie verblüfft, «und vor allem schön warm.»
Da hatte sie recht. Das knisternde Feuer im Kamin tauchte das Büro nicht nur in ein warmes Licht, sondern verbreitete auch einen würzigen Duft nach Zedernholz.
«Setz dich doch», forderte Ada sie auf und wies auf die beiden Sessel vor der Feuerstelle.
Meghan liess sich nicht zweimal bitten. Sie streifte ihre Flip-Flops ab und legte die Füsse zum Aufwärmen auf das aufgeschichtete Holz vor dem Ofen. Dann schaute sie sich um. Eine riesige Neufundlandkarte schien sie magisch anzuziehen. «Es ist schon ein schroffer Fels, was? Ein einziger Highway mit unzähligen, endlos langen Stichstrassen; versteckte Ecken; namenlose Inseln; und Campingplätze sehe ich auch fast keine. Ich frage mich …» Meghans Gesicht nahm einen abwesenden Ausdruck an. Sie schien sich in Gedanken zu verlieren. Erst Adas Frage brachte sie in die Gegenwart zurück.
«Die Fahrt hierher? Sie war lang und anstrengend. Die Strassen waren blockiert durch umgestürzte Bäume und wenn es endlich vorwärtsging, musste ich im Zickzack fahren. Ihr habt ja riesige Schlaglöcher hier. Zum Teil erinnerten sie mich an Mondkrater. Wobei, ich war noch nie auf dem Mond. Aber du weisst, was ich meine.» Sie zwinkerte Ada zu. «Eigentlich kosteten die mich am meisten Nerven.» Trotzdem funkelten ihre Augen vergnügt. «Aber jetzt bin ich ja hier.»
Ada reichte Meghan eine Tasse heissen Tee und setzte sich zu ihr. «Du bist das erste Mal in Neufundland, sonst wären dir unsere ‹potholes›, unsere legendären Schlaglöcher, ein Begriff. Ich hingegen kenne nichts anderes.» Leichte Wehmut huschte über Adas Gesicht.
«Ursprünglich komme ich aus St. John’s, lebe aber seit 63 Jahren auf dem Festland», antwortete Meghan.
Ada wartete neugierig auf eine Fortsetzung. Als Meghan stumm blieb, zeigte Ada auf das leichte Schuhwerk, das auf dem Boden lag. «Kriegst du keine kalten Füsse?»
«Ich musste mir die Kälte abgewöhnen. Für meine Elefantenfüsse gibt’s kaum Schuhe. Dafür habe ich diese in sieben verschiedenen Farben. Nicht schlecht, oder?»
In einvernehmlichem Schweigen sassen die beiden Frauen vor dem Feuer. Sie lauschten dem Knacken des Holzes und dem Frühlingssturm, der draussen erneut Anlauf holte.
2
Meghan schüttelte ihre regennasse Jacke aus und liess die Wohnwagentüre hinter sich ins Schloss fallen. Abgekämpft sank sie auf einen Stuhl. Sie war angekommen. Endlich! Als sie die Fähre in Argentina verlassen hatte, waren längst vergessen geglaubte Gerüche in ihre Nase gestiegen und auch der Wind hatte sie wie eine alte Bekannte begrüsst. In einem Schnellimbiss am Highway hatte der eigensinnige Dialekt der «Newfies» ihr Herz erwärmt und ihr ein breites Grinsen entlockt. Zu Hause! Meghan schossen Tränen in die Augen, als sie an ihre Ankunft auf der Insel dachte. Ob vor Erleichterung, dass sie gut angekommen war, oder Glück, konnte sie nicht sagen. Wahrscheinlich war auch ein bisschen Trauer dabei. Auf jeden Fall war sie froh, dass sie die ruppige Überfahrt und die lange Fahrt im aufkommenden Sturm gut überstanden hatte. Sie hatte schon viele Stürme erlebt. Selten war sie aber alleine unterwegs gewesen. Jetzt war sie todmüde. Ihre eingebundenen Beine pochten, ihr Atem ging kurz und ihr Kopf fühlte sich an, als wäre er gegen einen Baum gedonnert.
Rasch putzte sie sich die Zähne und beschränkte sich auf eine Katzenwäsche. Dann schlüpfte sie in ihr weiches Flanellnachthemd. Nur noch schlafen, dachte sie und kuschelte sich in ihre warme Decke. Bevor sie sich auf die Seite drehen konnte, war sie weggetaucht.
Am nächsten Morgen erwachte Meghan in unerwarteter Stille. Der Sturm hatte sich verzogen und einer warmen Brise aus dem Süden Platz gemacht. Der See hatte sich auf sein altes Ufer zurückbesonnen. Einzelne Pfützen glänzten im Morgenlicht. Nur die Äste und Blätter, die verstreut auf dem Boden lagen, zeugten vom Unwetter der vergangenen Tage.
Nach einer ausgiebigen Dusche kletterte Meghan, mit Kaffee und Strassenkarte bewaffnet, aus ihrem fahrbaren Häuschen und sah sich ein erstes Mal auf dem Platz um: Hinter ein paar Bäumen versteckt, lag gleich angrenzend der See und wenn sie sich um 180 Grad drehte und sich auf die Zehenspitzen stellte, sah sie sogar ein Zipfelchen Meer.
«Hier lässt es sich atmen», sagte sie leise und bahnte sich bedächtig einen Weg ans Seeufer. Dort setzte sie sich in einen verwitterten Stuhl und schaute aufs Wasser hinaus. Erst mal musste sie zur Ruhe kommen. Sie musste ihr Projekt langsam angehen, ihre Kräfte gut einteilen. Es wäre doch gelacht, wenn ihr das nicht gelingen würde! Schliesslich hatte sie den ganzen Sommer Zeit. Sie schloss die Augen und liess sich von der Sonnenwärme einhüllen. Die bedrohlichen Geister der Vergangenheit verflüchtigten sich im hellen Tageslicht. Sie würden wie jede Nacht in der Dunkelheit zu ihr zurückkehren.
Als Ada gegen Mittag auf den Platz kam, traf sie eine schlafende Meghan an. Neben ihr lag eine aufgefaltete Karte mit farbigen Punkten. Adas Augen funkelten neugierig, als sie sich darüber beugte. Die Markierungen waren kreuz und quer über die Insel verteilt. Sie hatten verschiedene Farben, einige waren zusätzlich mit einem Ausrufezeichen versehen. Sachte schlich sich Ada davon.
3
Als Ada eine Woche später auf dem Campingplatz vorfuhr, fand sie Meghan, auf einem Holzblock stehend, tief über die offene Motorhaube ihres Trucks gebeugt. Ausser leisem Fluchen war nur das Klimpern der Werkzeuge zu hören. Ada wagte nicht hinzuschauen, so gefährlich sah das Ganze aus.
«Hast du schon den Vergaser geprüft?», fragte sie.
Unverständliche Wortfetzen waren die Antwort.
«Es könnte auch an der Benzinleitung liegen. Soll ich mal?»
Meghan lies den Schraubenschlüssel fallen und sah mürrisch zu Ada hoch. «Kennst du dich denn aus mit Autos?»
«Ja, ich bin ein Profi.»
Meghan reichte Ada schweigend das Werkzeug in die ausgestreckte Hand.
Ada begutachtete das Teil. «Den kannst du vergessen, der ist viel zu gross. Ausserdem brauchst du einen Kreuzschraubenzieher. Mit dem hier machst du nur den Schraubenkopf kaputt.»
«Aha», staunte Meghan. «Bitte sehr, ich überlasse dir meinen Pick-up. Entschuldige bitte meine schlechte Laune. Es macht mich fertig, wenn ich es nicht alleine schaffe. Ich fühle mich so abhängig. Aber bei meiner alten Lady komm ich nicht weiter. Sie hat ihre Tücken, dabei wird sie noch dringend gebraucht diesen Sommer.»
«Lass mich nur machen», tönte Adas Stimme aus den Tiefen des Trucks. «Was hast du denn für Pläne?»
«Ach, dies und das. Ich besuche alte Orte und hoffe, noch diesen oder jenen zu treffen», wich Meghan aus.
«Und das machst du ganz alleine?»
«Nur weil ich alt bin, heisst das noch lange nicht, dass ich auch unselbstständig bin.»
Nach einigen Minuten schloss Ada die Haube und streckte sich. «Lass mal den Motor an. Ich glaube, wir haben es geschafft.»
Tatsächlich brummte der Motor, ohne zu stottern, leise vor sich hin.
Meghan atmete erleichtert auf. «Du suchst nicht zufällig einen Job als Mechanikerin? Ich biete dir Kost und Logis, dazu eine spannende Reise über deine Insel. Erst im Herbst mache ich mich auf den Rückweg nach Ontario.» Meghan erhaschte ein sehnsuchtsvolles Leuchten in Adas Augen.
«So viel zur selbstständigen Frau. Doch ich kann hier nicht weg. Ich zeige dir aber gern, worauf du bei deinem alten Truck achten musst; ich fahre selber einen. Die halten unendlich lange durch, wenn du ein paar Tricks befolgst. Du wirst es schon schaffen. Am wichtigsten wäre wahrscheinlich eine kleine Leiter, damit du nicht vom Holzblock fällst.»
Meghan liess sich nicht abwimmeln. «Bist du nicht neugierig, wie die Insel aussieht, auf der du lebst? Du sagtest doch, dass du noch nie weggekommen bist. Und für mich wäre es unterhaltsamer, Gesellschaft zu haben.»
«Ich habe Verpflichtungen», entgegnete Ada harsch. «Ich kann nicht einfach so verschwinden.»
«Lässt sich so was nicht planen? Wir müssten ja nicht gleich los», wandte Meghan ein.
Sie sah, wie sich abwechslungsweise Wut und Verletzlichkeit auf Adas Gesicht spiegelten. Ada blieb ihr die Antwort schuldig. Mit verschränkten Armen drehte sie sich um und stampfte zu ihrem Auto.
«Warte», rief Meghan, aber Ada war schon in ihren Truck gestiegen und donnerte vom Platz. Meghans letzte Frage schien sie nicht mehr gehört zu haben. «Bist du ein Angsthase, Ada?»
4
Die Möwe verliess ihren Ausguck auf der Spitze des Eisbergs und nahm kreischend Kurs auf das einfahrende Fischerboot. Steven legte enttäuscht den Stift neben die Zeichnung und lehnte sich im Stuhl zurück. Schade, nur wenige Striche hätten ihm gefehlt. Er verglich die Skizze mit seinem Modell in der Bucht: In verschiedenen Formen und zahlreichen Spitzen ragte der Eisberg mindestens 20 Meter aus dem Wasser. Die bizarren Ungetüme übten eine eigentümliche Faszination auf Steven aus. Sobald sich das Frühjahr bemerkbar machte, suchte er das Meer mit einem Fernrohr nach ihnen ab. Denn dann waren sie nicht mehr weit. Auf ihrer Reise gegen Süden schoben sie sich in langen Kolonnen an Neufundlands Ostküste vorbei. «Iceberg alley» nannten die Neufundländer dieses Phänomen. Steven konnte sich nicht sattsehen an ihnen. So vielfältig waren die Eisschichten, so vollkommen ihre Strukturen! Unzählige Male hatte er versucht, das geheimnisvolle Leuchten mit all den Schattierungen aufs Papier zu bannen. Dabei geschah es oft, dass er ins Träumen geriet. Dann sah er sich wieder zur Eisbergspitze hochklettern. Fast spürte er dabei das ewige Eis unter seinen Fingerspitzen. Wie lebendig er sich gefühlt hatte! Die ganze Welt hatte ihm gehört. Gerne hätte er dieses Abenteuer wiederholt. «Das muss ich aber für mich behalten», sagte er sich.
Das Telefon läutete.
«Hi Stevie, was machst du? Hast du Zeit und Lust auf einen Besuch? Der letzte Patient hat abgesagt, ich könnte in anderthalb Stunden bei dir sein.»
«Cate, das wär super! Das letzte Mal ist ewig her.» Im Fenster sah Steven das Spiegelbild seines strahlenden Gesichts.
«Genau 48 Stunden», schnurrte Cate. «Okay, bin unterwegs, bye.»
Steven war glücklich. Nie hätte er gedacht, dass sich eine so wunderbare Frau in ihn verlieben würde. Was fand sie nur an ihm? Gut, abgesehen von seinem Handicap sah er ganz ordentlich aus. Weil er seine Arme ständig brauchte, besass er einen muskulösen Oberkörper. Er liebte es, weiche Baumwollhemden zu tragen, deren Ärmel er aufrollte. In der kühleren Jahreszeit trug er warme Pullis mit Fantasiemustern, die seine Mutter jeden Winter für ihn und seinen Vater strickte. Dazu trug er tagein, tagaus Manchesterhosen. Ada fand seine Hemden sexy und seine Hosen altmodisch. Aber er hatte gelernt, nicht mehr allzu viel Gewicht auf ihre Meinung zu legen; ihm musste einfach wohl sein. Wie seine Zwillingsschwester Ada hatte er eine wilde Mähne und Sommersprossen. Nur trug er die Haare mit einem Gummiband zusammengefasst, damit ihm die Strähnen nicht ständig ins Gesicht fielen. Und im Gegensatz zu seiner Schwester strahlten seine Augen Selbstbewusstsein und Zufriedenheit aus. Jeder sah, dass er sich trotz allem wohl fühlte in seinem Körper. Das war nicht immer so gewesen.
Der Unfall hatte ihn auf dem falschen Fuss erwischt. War ich damals wirklich erst zwölf Jahre alt?, fragte er sich. Ich weiss nur noch, dass ich nach dem Unglück dauernd wütend war und die Welt nur in Schwarz und Dunkelrot sah. Alle, die durch meine Zimmertüre traten, schnauzte ich an oder bewarf sie mit irgendwelchen Dingen. Trümmerfelder habe ich hinterlassen. Was war ich für ein Arsch! Hätte ich diese geduldige Psychotherapeutin nicht kennengelernt, ich weiss nicht, wo ich heute wäre. Dank ihr habe ich die Malerei entdeckt und die hat mich gerettet. Ich habe mein eigenes Universum gefunden und dadurch Frieden. Und trotz meiner Ausraster hat mich meine Familie nie im Stich gelassen.
