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Ihr Kind weist eine scheinbar problematische bis krankhafte Internetnutzung auf? Sie sind nicht allein. Eine halbe Million Familien stehen in Deutschland vor dem gleichen Problem. Ratlosigkeit, Stress und Angst dominieren das Verhalten. In diesem Buch finden Sie einen Leitfaden, der Jugendlichen und Angehörigen mit klar definierten Methoden und Techniken aus der Krise hilft. Wer könnte Betroffene und Angehörige besserer verstehen als ein ehemalig Süchtiger? Der Autor Florian Buschmann konnte sich selbst aus der Sucht befreien. Seine persönlichen Erfahrungen, das Wissen von Psychologen und vielseitige Therapieansätze prägen dieses kompakte Buch. Somit halten Sie den Ausweg in Ihrer Hand.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 99
Veröffentlichungsjahr: 2021
Vorwort
Einleitung
Unsere moderne Zeit
Das Krankheitsbild verstehen
2.1 Symptom der Zeit
2.2 Virtuelle Parallelwelt
Spielgenres und ihre Mechanismen
3.1 Rollenspiele
3.2 Multiplayer Online Battle Arena
3.3 Ego Shooter
3.4 Browsergames
3.5 Offline Spiele
Noch Hobby oder schon Sucht?
4.1 Kriterien einer Sucht
4.2 Weitere Formen der Internetsucht
Ein Selbstportrait
5.1 Suchtursachen
5.2 Suchtentwicklung
5.3 Suchtfolgen
Blick über den Horizont
Mechanismen der Abhängigkeit
7.1 Teufelskreislauf
7.2 Leugnen der IST-Situation
7.3 Komfortzone
7.4 Lebenslüge
7.5 Ego-Zentrierung
Resümee und verschiedene Perspektiven
Drei-Schritt-Methode
9.1 Verbesserung: Gute Beziehungen brauchen Vertrauen
9.2 Veränderung: Sensible Reflexion
9.3 Vorfreude: Perspektive schaffen
Präventive Maßnahmen
Nachwort
Danksagung
Literaturverzeichnis
Dr. Kai Müller
Nach meiner persönlichen Ansicht stellt die suchtartige Nutzung von Computerspielen noch immer eine Form psychischer Erkrankung dar, die zu wenig Verständnis erfährt. Kein Wunder, mag man sagen, denn bedenkt man, dass es heutzutage noch immer Menschen gibt, die eine vergleichsweise arrivierte Störung wie etwa die Depression nicht ernst nehmen, wie sollte es sich dann mit einem Phänomen verhalten, das erst seit etwa 15 Jahren zunehmend seriös erforscht wird? Hinzu kommt, dass sich leider noch immer Menschen, die gerne und oft Computerspiele nutzen, jedoch kein Suchtverhalten an den Tag legen, sich durch Meldungen über potenzielle negative Folgen ihres Hobbies angegriffen fühlen. Ebenso wenig förderlich für eine konstruktive öffentliche Auseinandersetzung mit der Thematik sind die steigenden Zahlen von Veröffentlichungen dieser Tage unverhofft auftauchender und oftmals selbsternannter Expertinnen und Experten, die in ihren Ausführungen teils krude Thesen verbreiten.
„Ade Avatar“ hingegen stellt hier eine erfreuliche Ausnahme dar. Das Buch beinhaltet eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Störungsbild Computerspielsucht, allerdings nicht aus akademischer Distanz, sondern aus Sicht eines Menschen, der einst selbst zu den Betroffenen zählte. Unnötig zu erwähnen, dass es Florian Buschmann, dem Autor, somit gelingt, eine Sichtweise der Dinge zu transportieren über die andere bestenfalls aus einer Metaperspektive berichten können.
Erfreulich ist auch, dass das Buch nicht eine weitere Abhandlung zum Thema darstellt, sondern sich explizit an Angehörige oder jene Menschen, die selbst betroffen sind, richtet. Über eine schön nachvollziehbare Kapitelstruktur führt der Autor durch das sehr komplexe Themenfeld und dankenswerterweise verzichtet er auf Allgemeinplätze oder direktive Handlungsanweisungen. Stattdessen wird der Leser durch geschickte Fragen angeregt, sich selbständig mit dem individuellen Fall auseinanderzusetzen, und genau dies ist es doch, was in solchen Ratgebern häufig viel zu kurz kommt – die Berücksichtigung individueller Umstände. Diesem Stil bleibt der Autor über das gesamte Werk hinweg treu. Exemplarisch sei auf das Unterkapitel „Es gibt keine Schuldfrage – sondern nur Verantwortung“ hingewiesen, welches nach meinem Dafürhalten für viele Angehörige einen sanften Augenöffner darstellen dürfte.
Ganz unabhängig von der inhaltlich gelungenen Aufarbeitung freut es mich persönlich, dass ein ehemals Betroffener den Mut aufgebracht hat, sich aktiv mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen und andere interessierte Menschen daran teilhaben zu lassen, ihnen vielleicht sogar ihnen hilfreichen Impuls zu vermitteln, um mit dem Problem fertig zu werden.
Exzessiver Internetgebrauch – eine Volkskrankheit? Nein, eine Verallgemeinerung dieses Verhaltens ist nicht gerechtfertigt. Digitale Geräte unterstützen uns in der Arbeitswelt und dem täglichen Leben. Fahrplanauskünfte, Messenger-Dienste oder Online-Banking sind kaum wegzudenken. Diese sinnvolle Nutzung steht denen entgegen, die ihre gesamte Freizeit am PC verbringen.
Ist es nicht normal ab und an zu spielen? Gaming ist inzwischen „gesellschaftlich akzeptiert“. Egal ob online oder offline, Kinder spielen nun einmal gern. Die digitalen Spielangebote fordern selbst die Kleinsten auf, die virtuelle Welt zu erforschen. Während des Teenageralters intensiviert sich die Nutzung. Langeweile tauschen Betroffene durch einen permanenten Genuss virtueller Vorzüge. Der Wille, sich eigenen sinngebenden Projekten zu widmen, nimmt, neben der Kreativität im echten Leben etwas zu erschaffen, ab.
Je nach Studie variieren die Zahlen der Süchtigen von 1 bis 3 %. Diese steigen durch Krisenzeiten, wie Covid-19, signifikant. Knapp 700.000 Jugendliche weisen im Jahr 2020 eine problematische Internetnutzung auf (DAK Gesundheit, 2020). Dies entspricht einem Anstieg um 75 % im Vergleich zu 2018. Ehemalige Süchtige werden rückfällig und andere suchen eine neue Beschäftigung.
Meist leidet die subjektiv-reale Welt unter einer unangenehmen Überlastung oder einer langweiligen Leere. Vor dieser Dysbalance fliehen Betroffene ins Digitale. So attraktiv diese Beschäftigung sein mag, genauso zerstörerisch wirkt sie. In einem unerbittlichen Teufelskreis gefangen, wünschen sich Jugendliche Unterstützung, Alternativen und vor allem Freiheit.
So war ich mehr als 3 Jahre im virtuellen Netz gefangen. Allein konnte ich mich kaum befreien. Externe Einflüsse ließen mich aktiven gegen diese Missstände handeln. Erst später erkannte ich, dass die erlebten Gefühle nur Schein waren; keine mit wirklicher Relevanz. Die anfängliche Freude und Ausgelassenheit wandelten sich zügig in einen ungewollten Zwang, bis ich alles verlor. Spielte ich nicht, traten negative Gefühle in den Vordergrund. Um diese zu vermeiden tauchte ich stärker in eine Welt ab, die sich nur um mich drehte.
Meine Perspektive ist die eines Jugendlichen, der die Probleme und Wünsche in dieser Lebensphase kennt. Lediglich die Fügung verschiedener Umstände hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Gut möglich ist, dass ich aufgrund einiger Erfahrungen, einen anderen Blick auf das Leben gewann. So erfuhr ich frühzeitig, was es bedeutet, dieses beinahe zu verlieren. Klar ist, dass solche Erlebnisse nicht jedem widerfahren und daher diese Perspektive fehlt.
Meine Erkenntnisse sind in diesem Buch aufgearbeitet und zu einem Leitfaden zur Befreiung ausgearbeitet. Vorrangig richtet sich dies an die Eltern und Angehörigen Betroffener, da Exzessivspieler kaum mit Büchern in Berührung kommen. Zieht der hilfsbereite Leser oder gar der Betroffene selbst gewinnbringende Erkenntnisse aus meinem Buch, erfüllt es seine Funktion und erfüllt mich.
Florian Buschmann
Ein Tag hat 24 Stunden. Eine Woche 7 Tage und damit 168 Stunden. Der deutsche Jugendliche verbringt davon rund 58 Stunden vor dem Smartphone, dem Laptop oder anderen internetfähigen Geräten (Eder, 2019). Ein wahrer Alptraum! Wie kann es dazu kommen, dass Menschen ein reichliches Drittel ihrer Lebenszeit in einer Scheinwelt verbringen? Gruppenzwang? Perspektivlosigkeit? Angst?
Die verschiedensten Zweige der Wissenschaft bestätigen negative Auswirkungen: die gesteigerte Anzahl an Depressionen, das signifikante Wachstum der Suizidgefahr und die allgemein geistige Verarmung sind nur einige der Auswirkungen. Ungeachtet dessen bekommen Kinder im Schnitt mit 10 Jahren ihr erstes Handy. Gegensätzlich in den Hightech Hochburgen des Silicon Valleys: Erst mit 14 bekamen die Kinder von IT-Spezialisten, wie Bill Gates oder Steve Jobs, ein Handy zum Telefonieren und Schreiben (Andreatta, 2019). Diese Menschen wissen, welche Auswirkungen übermäßiger Konsum hat und daher empfiehlt es sich, diesem Beispiel zu folgen.
Sie lesen dieses Buch und haben somit begonnen sich über Probleme, wie Leistungsabfall oder dysfunktionale Emotionskontrolle, zu informieren. Da diese, neben der Entwicklung einer Zweitstörung, keinesfalls zu verantworten sind, fordert dieses Buch zum Handeln auf.
Liebe Eltern und Angehörige, bitte helfen Sie Spätfolgen zu vermeiden!
Gleichzeitig bietet die Mediendebatte in der Familie die Möglichkeit das Eltern-Kind-Verhältnis zu verbessern. Jedes Kapitel endet mit Fragen, welche Sie unterstützen ein Gefühl für die aktuelle Situation zu entwickeln. Im anschließenden Teil, der „Drei-Schritt-Methode“, finden Sie einen konkreten Handlungsplan, um den Jugendlichen loszulösen und eine neue Perspektive zu schaffen. Bevor Sie diesen anwenden, lesen Sie bitte den fachlichen Teil, um die Techniken angemessen einzusetzen. Es handelt sich hierbei keinesfalls um einen schnellen Umbruch, sondern um eine Methode, welche langfristig Veränderungen erreicht. Haben Sie daher Geduld beim Lesen und dem Ausführen.
Dieser Prozess des Wachstums lässt sich mit dem einer Pflanze vergleichen. Bevor sie blüht, braucht es eine längere Phase des Wachstums, in der scheinbar nicht viel passiert. Doch gerade in dieser Zeit benötigt die Pflanze kontinuierlich Wasser, Düngung und Sonne. Durch diese Zuneigung entwickelt sie ein nicht sichtbares Fundament, welches über kurz oder lang eine Blüte offenbart. Genauso ist es bei Ihrem Schützling. Zeigt sich über längere Zeit kein Fortschritt, verwerfen Sie Ihre Bemühungen auf keinen Fall, sondern schenken Sie diesem weiter Zuwendung!
Wann ist exzessiver Konsum kritisch? Es spielt doch jeder, warum sollte ich mich sorgen? Das gesellschaftlich akzeptierte Gaming unterscheidet sich maßgeblich von suchtartigem Verhalten. Sucht bedeutet einem Zwang nachzugeben, wodurch selbstbewusstes, selbstsicheres und selbstbestimmtes Handeln nicht mehr möglich sind. Oft wohnt der Jugend eine Orientierungslosigkeit inne, welche einer Sehnsucht entspringt, diesen Zustand mit allen Mitteln zu beenden. Das Spiel bietet dabei oberflächlich betrachtet, eine verheißungsvolle Option und steigt zum heiligen Gral auf. Dabei gibt es nur eine Antwort: mehr, mehr und mehr. Abtauchen und abschotten. Begleitet von kraftvoll geschlossenen Türen boykottieren Betroffene: „Alles andere ist genauso sinnfrei.“ oder schlichtweg: „Du hast keine Ahnung!“. Genau an diesem Punkt ist die kritische Linie überschritten und der exzessive Konsum rutscht in eine Sucht ab!
Ich auch
Ich war in diesem Punkt nicht anders. Je öfter mein Verhalten gespiegelt wurde, desto mehr ging ich in mich und in meine Welt des Spielens. Im Nachhinein betrachtet fehlte mir der Blick über den Tellerrand, wodurch mir mein eigener Abgrund nicht als ein solcher erschien. In dieser Findungsphase reagierte ich nahezu auf alles gereizt. Gemeinhin beginnen Menschen erst zu handeln, wenn der Schmerz eine gewisse Intensität erreicht hat. Jeder hat einen solchen individuellen Tiefpunkt, an dem es gilt, die Entscheidung zu treffen, sich nie wieder so fallen zu lassen. Allein der Konflikt innerhalb der Familie konnte mein Handeln nicht beflügeln. Der Stein der Erkenntnis begann erst zu rollen, als die Meinungen einiger Freunde außerhalb meines Gaming-Umfeldes hinzukamen. Meist glänzten sie in einigen Tätigkeiten besonders und verkörperten etwas Beneidenswertes. Dadurch erkannte ich eines der wertvollsten Paradigmen des Lebens. Es gibt immer mehrere Wege und jeder entscheidet selbst, welchen er geht.
In den späten 90er Jahren wurden die ersten Smartphones entwickelt. Dennoch schlug Steve Jobs erst 2007 mit der Erfindung des iPhones seine Delle ins Universum. In Windeseile eroberte Apple den Markt und begeisterte die Menschen. Bereits etwas mehr als zehn Jahre später finden wir eine komplett veränderte, gar transformierte Gesellschaft vor. Diese gesellschaftliche Strömung riss nahezu jeden mit sich. Es gehört indes zur unabdingbaren Grundausstattung des modernen Menschen und ist allgegenwärtig. Umso schwerer ist es, über negative Folgen sowie eine bewusste Nutzung aufzuklären. Vielfältige Studien zeigen dies und dennoch ändert sich das Verhalten nicht. Radikale Formulierungen wie: „Du trägst dein selbstgewähltes Gefängnis ständig bei dir“1 stoßen auf immenses Unverständnis. Sicherlich braucht es einige Zeit, um diesen Anstoß mit dem eigenen Verhalten abzugleichen. Diejenigen, die es bereits getan haben, stimmen entweder zu oder quittieren es mit einem müden Schulterzucken.
Veränderung
Suchtartiges Verhalten einzugestehen erfordert einiges an Überwindung. Altgewohnte Denkmuster müssen auf den Kopf gestellt und revolutioniert werden. Zusammenfassend vorab die Worte des österreichischen Psychologen und Neurologen Viktor Frankl: „Lebenssinn ist das Dringendste, was ein Mensch braucht. Der Mensch muss etwas oder jemanden finden, für das oder den es sich zu leben lohnt.“ (Buddhismus Aktuell, 2018).
Eine solche Orientierung oder auch das Erwachen eines Lebenstraums kann einen Monat, ein halbes Jahr oder länger dauern. Unterstützen Sie in dieser Zeit den Jugendlichen mit Motivation und Inspiration.
Entsprechend dieser Reise zu sich selbst, ändert sich das Umfeld, wie Folgendes aus meiner Entwicklung zeigt: Nach einem Event von Startupteens 2 in Dresden tauschten wir unsere Kontakte und begannen eine Gemeinschaft zu entwickeln. Als stolzer Mitbegründer von ProjectPowerMind, kurz PPM (https://www.projectpowermind.com), wuchs ich über meine Probleme hinaus. Jede zweite Woche trafen wir uns, sprachen über Fortschritte, lernten voneinander und motivierten uns gegenseitig. Wir inspirierten unsere Teilnehmer mit Impulsvorträgen und regten sie dadurch an, sich persönlich weiter zu entwickeln. Das schaffte ein produktives Umfeld, indem Schüler und Studenten gemeinsam wuchsen. Gleichartige Gruppen, oftmals staatlich organisiert und geleitet, gibt es vielerorts.
Dieses Beispiel zeigt, dass jeder Mensch eine Bezugsgruppe 3 hat und braucht, welche die persönliche Entwicklung maßgeblich beeinflusst. Ohne diese Gruppe wären wir nicht die Menschen, die wir sind. Auch Tiere kooperieren gemeinsam, um Vorteile bei der Jagd zu erlangen. Unsere Fähigkeiten gehen darüber hinaus. Durch ein kollektives Denken können wir hochkomplexe Zusammenhänge erfassen, verstehen und mit der Kreativität für uns nutzen.
Die Überlegungen des Nobelpreisträgers Elias Canetti, lassen sich auf das Umfeld übertragen. Er setzte sich in seinem Werk:
