Afrika - Leben, Lachen, frei sein - Silas Jäkel - E-Book

Afrika - Leben, Lachen, frei sein E-Book

Silas Jäkel

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Beschreibung

Bisher deutete Silas Leben auf den klassischen 08/15 Lebenslauf eines 21-jährigen hin: Neun entspannte Monate im Bauch der Mutter, 13 Jahre im veralteten deutschen Bildungssystem auf dem Weg zum Abitur, Ausbildung…Fehlten nur noch die Punkte Familie gründen, 40 Jahre in einem Beruf, den man nicht mag, Zeit für Geld eintauschen, in Ruhestand gehen und dann das Nachholen, was man im Berufsleben versäumt hat. Ach ja, ganz vergessen: Sterben und bereuen, nicht gelebt zu haben, fehlte noch. Um seinem Leben vor dem Tod ein bissl Leben einzuhauchen, trifft Silas eine Entscheidung: Er geht nach Afrika, nach Namibia. Er verbringt vier Wochen auf einer Farm mitten im Busch, teilt sich mit Harry Potter und einem Affen die Hütte, steht in einem Gehege mit Hyänen, Geparden, Wildhunden und Pavianen, und riskiert bei einem Erdmännchen sein Leben. Ach ja: Eine Safari durch Namibia mit afrikanischen Massagen gab es ja auch noch… „Ich war frei und am Leben. Wie hatte ich das Gefühl in Deutschland manchmal vermisst.“.

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Afrika - Leben, Lachen, Frei sein

1. Auflage, erschienen 7-2021

Umschlaggestaltung: Romeon Verlag

Text: Silas Jäkel

Layout: Romeon Verlag

ISBN (E-Book): 978-3-96229-802-9

www.romeon-verlag.de

Copyright © Romeon Verlag, Jüchen

Das Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung des Werkes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der Übersetzung, sind vorbehalten. Ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Verlages darf das Werk, auch nicht Teile daraus, weder reproduziert, übertragen noch kopiert werden. Zuwiderhandlung verpflichtet zu Schadenersatz.

Alle im Buch enthaltenen Angaben, Ergebnisse usw. wurden vom Autor nach bestem Gewissen erstellt. Sie erfolgen ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlages. Er übernimmt deshalb keinerlei Verantwortung und Haftung für etwa vorhandene Unrichtigkeiten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.deabrufbar.

Silas Jäkel

AFRIKA

LBEN, LACHEN, FREI SEIN

INHALT

Vorwort

Die Entscheidung

Nervöse Blase

Truthahn, Chicken und der König der Löwen

Fünf rote Löwinnen

Expect the Unexpected

Brutus, Jacobi und Gumbi

30 Volontäre und ein Dieb

Move your Body

AM-Tour with Missy Joe & Co.

Jessi versus Amanda

Sleepout with Enrico

Lagerfeuer mitten im Busch

Schicksalsschläge - Beste Mentoren

54 Schildkröten

Reisebüro Lea

Komplikationen

Der fliegende Bowen

Humor lernt keine Vokabeln

Tränen zum Abschied

Safari Time

Brezel, Eis und Schokolade

Wilde Massagen

Etosha-Nationalpark

3,1415926535

Black Mamba Story 2.0

Circle of Life

Elephants in the Darkness

Papa Olaf

Moro Moro

Presence

Ganz viel Angstpipi

15 Tausend stinkende Robben

Dünenreiten in Swakopmund

Walvis Bay

Langsam, langsamer, Lea

Steinmenschen und Einhörner

Es lebe der Sport

Big Daddy

A Sky full of sta(i)rs

Fast & Furious

Die Antwort

Für alle, die ich in Afrika kennenlernen durfte.

Danke, dass ihr die Zeit so besonders für mich gemacht habt!

Für meine Familie.

Danke, dass es euch gibt. Ich liebe euch!

Für Dennis.

Danke Jung, dass ich mir so viel von deinem Humor und deiner Verrücktheit abschauen konnte.

Für meinen Opa.

Ich habe dir versprochen, dich oben im Himmel glücklich zu machen, indem ich glücklich bin. Ich bin es Opa…

VORWORT

„Ruhig bleiben, wenn alle in Panik geraten.

Bewusst sein, wenn andere durch Angst gesteuert werden.

Vertrauen ins Leben haben, anstatt sich über alles zu beklagen.

Menschen zum Lachen bringen, anstatt sie zu bewerten.

Den Jahren Leben geben, anstatt sie sie zu zählen.

In Dankbarkeit leben und Momente kreieren, die uns glücklich machen und unser Denkmal erschaffen.“

Warum 2020 das geilste Jahr meines Lebens wurde ...

DIE ENTSCHEIDUNG

(CHAPTER ONE)

„Lieber Herr Jäkel,

vielen Dank für Ihre Anfrage. Wir würden uns freuen, Sie als Volontär/ Volontärin begrüßen zu können. Anbei sende ich Ihnen die entsprechenden Informationen zum Projekt sowie ein Anmeldeformular zu. Die Anmeldung ist in dem Fall verbindlich …“

Ich legte mein Handy auf den Schreibtisch und starrte an die Wand. „Verbindlich“ stand in der Mail. Verbindlich. Dieses Wort hatte irgendwie schon so was Verbindliches an sich. Ich musste schlucken. Es löste etwas in mir aus. Ich merkte, wie ich nervös meinen Kuli zwischen den Fingern hin und her bewegte.

„Knack.“ Schon wieder einer, bei dem die Halterung abgebrochen war. Noch nie hatte es eine Halterung mehrere Tage und Wochen mit mir ausgehalten. Hin- und hergerissen kratzte ich mich an der Schläfe. Soll ich es wirklich machen? Du Silas? Irgendwie klangen meine Gedanken jetzt nicht mehr so optimistisch wie noch vor ein paar Tagen. Da hatte ich mit einer Mail mein Interesse an dem Projekt zum Ausdruck gebracht und eine Anfrage an die Organisation abgetippt. Ich konnte es kaum erwarten, mich verbindlich anzumelden. Und jetzt, ein paar Tage später? Als es verbindlich wurde, kamen natürlich wieder die Zweifel. Wie immer bei großen Entscheidungen. Auf ihr Kommen konnte ich mich stets verlassen. Jetzt war ich wieder in meinem Zimmer und beobachtete, wie in meinem Kopf ein negativer Gedanken den anderen ablöste.

Du schaffst das nicht! Du kannst das nicht!

Ich tigerte wild in meinem Zimmer auf und ab. Du machst es eh nicht. Ich kenne dich doch … Ich gab meinen Gedanken recht und ließ mich frustriert in den Stuhl sinken. Wahrscheinlich sollte es so ablaufen wie immer. Wahrscheinlich würde ich ein Leben lang zu den Menschen gehören, die tolle Träume und Visionen haben, aber nichts davon jemals umsetzen werden. Vor allem wenn es verbindlich wird. Irgendwann würde ich es dann bereuen, es nicht getan zu haben. Vor gut zwei Monaten war es auch schon so gewesen, dass Zweifel meine Pläne zunichtegemacht hatten. Auch da hatten sich meine Zweifel durchgesetzt. Ich wollte nach Paris. Allein. Beziehungsweise mit Millionen anderen Menschen. Wie in jedem Jahr sollte auf dem Champs Elysées die letzte Tour de France-Etappe vor einem Millionenpublikum zu Ende gehen und der Gesamtsieger feierlich gekürt werden. Einmal wollte ich in meinem Leben live dabei sein. Vor Ort mit allen anderen. Nur einmal. Zwischen allen jubelnden Zuschauern stehen und die Radprofis mit den dicken Schenkeln und durchtrainierten Waden zum Sieg brüllen. Doch es gab natürlich einen Haken: Es scheiterte an der Umsetzung, an der praktischen Umsetzung. Ein Schritt hatte mir von der Idee bis zur Praxis gefehlt. Nur noch einen Schritt hätte ich machen müssen. Just one step. Sämtliche personenbezogene Daten und Kontonummern hatte ich bei Eurowings auf der Homepage schon eingegeben. Der Sitz war reserviert und der Flugplan stand. Hinflug Samstagmorgens, Rückflug Sonntagabend nach der Etappe, dazwischen eine Übernachtung im Hotel. Zweihundert Euro insgesamt. Doch dazu kam es nicht. Ich traute mich nicht, verbindlich zu buchen. Wie gelähmt starrte ich damals auf den Bestell-Button. Es lag nicht am Geld und den zweihundert Euro. Nein, nein. Mein Respekt und die Angst vor dem Flug und der Reise waren zu groß. Immer wieder redete ich mir Flugangst ein, bis ich schließlich den Buchungsprozess abbrach und aufgab. Angst vorm Unbekannten. Angst vor der Praxis. Angst, meine Komfortzone zu verlassen. Die Sicherheit und meine Zweifel siegten. Es blieb bei dem Traum und der Idee.

Wütend haute ich mit der Faust auf meinen Schreibtisch. Vor lauter Schreck flog das abgebrochene Kugelschreiberteil in hohem Bogen auf den Teppich. Reiß dich diesmal zusammen, Silas, versuchte ich mir einzureden. Es konnte nicht sein, dass ich schon wieder einen Traum aufgab. Du bist 21. Wie lange willst du noch warten? Möchtest du immer davonlaufen, wenn es ernst wird? Come on. Entschlossen schlug ich mir dreimal mit der Faust auf den Brustkorb. Dies tat ich immer dann, wenn ich mich zu irgendwas pushen wollte. Wenn ich positive Energie brauchte. In der Regel klappte das ganz gut. Vor Klausuren im Abitur zum Beispiel. Wütend über meine Unentschlossenheit, fiel mein Blick vom Anmeldeformular im Posteingang auf das Sideboard vor mir. Papa hatte es über meinem Schreibtisch angebracht. Früher hingen dort irgendwelche Vokabeln und Stundenpläne, doch das war lange her. Verdammt lange - zum Glück. Jetzt hing dort neben einem Bild von meiner Familie ein Zettel mit einem Spruch. Diesen hatte ich vor Kurzem in irgendeinem Podcast aufgeschnappt und in krakeliger Schrift aufgeschrieben. Ich hatte schon fast ganz vergessen, dass er da hing. Langsam wanderten meine Augen Wort für Wort am Spruch entlang: „The greatest risk: Dying before you have actually pushed yourself to live. You will either find a way or you will find an excuse. If you can or not, you are right.“

Je öfter ich den Satz durchging, desto entschlossener wurde ich. Dieser Satz war so wahr. Er erinnerte mich wieder, warum ich an dem Projekt teilnehmen wollte. Ich grinste. Ich dachte an meine Unzufriedenheit in den letzten Wochen, Monaten und Jahren. An die Momente, in denen ich mir nichts sehnlicher gewünscht hatte, als aufzubrechen. Als zu starten. Einfach mal raus. Raus aus der Komfortzone, dem Alltag entfliehen und endlich anfangen zu leben. Leben. Lebendig sein. Dinge machen, die sich hinter meiner Angst verstecken. Ich wollte mir wenigstens einmal im Leben beweisen, dass ich es mir selbst wert bin, den letzten Schritt zu gehen. Silas, du bist es wert, Mann. Hörst du? Du bist es wert. Dein Leben ist es wert. Entschlossen ballte ich die Fäuste und klopfte mir auf die Brust. Sie bebte vor Energie und Entschlossenheit. Du wirst es bereuen, wenn du diesen Schritt nicht gehst. Verdammt - Ich wollte nichts mehr bereuen in meinem Leben. Wieder wanderten meine Augen über mein Gekritzel an der Wand:

„Dying before you have actually pushed yourself to live“. Oh Mann. Mir graute es vor dem Gedanken, irgendwann am eigenen Sterbebett zu sitzen, aufs eigene Leben wie auf einen Film zurückzublicken und dann etwas zu bereuen. Keine Bilder in dem Film zu sehen. Vor einer leeren Wand zu stehen und zu denken: Hätte ich doch besser das gemacht … Hätte ich da doch besser nicht gezweifelt, dann hätte ich … Verdammt - ich wollte dieses Szenario nicht erleben. Nicht ich. Nein, nicht ich! Wieder schlug ich mit meinen Fäusten auf die Brust. Diesmal noch entschlossener und kräftiger als davor. Ich merkte, wie ich immer entschlossener in meiner Entscheidung wurde. Wie meine Entscheidung immer verbindlicher wurde. Wie ich immer mehr dahinter stand. Mit meinem Herzen, mit meiner Seele. Ich schloss meine Augen und fing an zu lächeln. Ich nahm ein paar tiefe Atemzüge, spürte, wie das Blut durch meine Brust zirkulierte, und fing an, langsam von fünf rückwärts zu zählen.

„5,4,3,2…“ Bei 1 öffnete ich meine Augen. Meine Mundwinkel, die vorhin noch meine Laune und Stimmung nach unten gezogen hatten, schnellten in Windeseile nach oben. Ich fing an zu strahlen wie ein Stern am Himmel. Ich wurde immer heller und heller. Ich hatte eine Wahl für mein Leben getroffen. Tief atmete ich durch, um sie mir noch einmal bewusst zu machen. Der Gedanke an das bevorstehende Abenteuer packte und euphorisierte mich. Wie ein Flummi sprang ich vor lauter Freude vom Schreibtischstuhl auf, sprang auf mein Bett und ließ einen lauten Schrei los.

„Silas, alles okay?“

„Ja Mama, haha. Alles gut.“ Das Glück überrannte mich und ich wusste gar nicht mehr, wohin mit der ganzen Energie. Ich jubelte wild gestikulierend mit Armen und Beinen, wälzte mich im Bett herum wie ein glückliches Schwein im Matsch und konnte meinen Schritt kaum fassen. Ich streckte mich vom Bett aus zum Schreibtisch und schnappte mir mein Handy. Ich druckte das Anmeldeformular aus und schickte es noch am selben Tag ausgefüllt zurück. Was sich vorhin noch so komisch und falsch angefühlt hatte, fühlte sich jetzt richtig an. Es fühlte sich gut an.

Ab jetzt gab es kein Zurück mehr. Ab jetzt konnte es keine Ausreden mehr geben. Ungläubig schüttelte ich den Kopf.

„Noch fünf Monate“, murmelte ich. Fünf Monate, bis der Flieger geht. Nicht nach Paris. Nicht zur Tour de France. Nach Namibia. Nach Afrika. Verbindlich. Ich hob das abgebrochene Stück vom Kugelschreiber auf. Es landete im hohen Bogen neben meinen Selbstzweifeln im Müll.

NERVÖSE BLASE

(CHAPTER TWO)

Mit angestrengtem Blick saß ich vorne neben meinem Vater im Auto. Er unterhielt sich gerade mit meiner Mutter und meinem Bruder, die beide auf der Rückbank saßen. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, sodass ich gar nicht wusste, worum es gerade ging. Ich wusste nur eines: Noch nie hatte ich eine Entscheidung in meinem Leben mehr bereut … In gut zweieinhalb Stunden sollte mein Flieger gehen. Ich war gut in der Zeit, doch es ging mir dreckig. So richtig dreckig. Ich hatte den Druck meines Lebens auf meiner Blase. Ingwertee - ein Liter. Schlechte Entscheidung. Diesen Liter hatte ich vor gut einer Stunde beim Mittagessen noch in mich reingekippt. Doch anders als ich wollte er nicht auf große Reise gehen. Panisch schaute ich aus dem Fenster und suchte nach diesem blauen P-Schild. Es wollte einfach nicht auftauchen. Tatsächlich passierten wir mehrere blaue Schilder abseits der Autobahn, doch keines deutete auf einen Parkplatz mit Pinkelmöglichkeit hin. Auf einem der Schilder stand bereits Flughafen Düsseldorf.

„Dirk, du musst abfahren“, navigierte meine Mutter von hinten meinen Vater. „Rechts, Dirk, rechts …“

„Jaaa …!“ Papa setzte den Blinker und bog auf die Spur, die am Autobahnkreuz Hahn von der A46 auf die A3 nach Oberhausen führt.

„Ich habe die Ausfahrt doch gesehen …!“

„Papa?“ Ich schaute ihn mit schmerzvollem Gesicht an.

„Alles gut?“, fragte er mich und klatschte mir dabei auf den linken Oberschenkel. „Freust du dich, dass es endlich losgeht?“

„Nein, ich meine ja. Ich meine nein, ich muss dringend pinkeln. Kannst du bei der nächsten Möglichkeit rausfahren? Und mir vielleicht nicht auf den Oberschenkel hauen.“ Ich hatte zwar eine Wechselunterhose im Handgepäck dabei, aber keine Wechseljeans. Er nickte und konzentrierte sich wieder auf die Straße.

„Wie lange fahren wir noch?“ Ich spürte, dass das Zusammenkneifen im Beinbereich nicht mehr lange gut gehen konnte.

„Noch fünfundzwanzig Minuten“, wiederholte ich mit aufgerissenen Augen. Das schaff ich nie. Krampfhaft versuchte ich mich an die Fahrt vor gut vier Wochen zu erinnern. Auch damals ging es zum Düsseldorfer Flughafen. Ich überlegte, ob es davor noch eine Ausfahrt oder einen Rastplatz gegeben hatte. Mit damals meinte ich Silvester. Damals war ich zum ersten Mal in meinem Leben geflogen. Nach Hamburg. Meine Familie und ich wollten dort Silvester feiern und das Musical König der Löwen besuchen. Wir hatten auf den letzten Drücker Tickets bekommen und da kam mir die Idee, dass ich doch einen Testflug machen könnte. Ein Testflug für meine Reise nach Afrika einen Monat später, um wenigstens einmal im Leben davor geflogen zu sein. Um ein Gefühl fürs Fliegen zu bekommen. So kam es dann, dass an jenem Dienstag meine Eltern mit dem Auto nach Hamburg fuhren, während ich um halb fünf morgens aus dem Bett kroch, um mit ordentlich Muffensausen den Testflug über ihren Köpfen in Angriff zu nehmen. Zu meiner Erleichterung klappte damals alles super, sodass ich mich nach der Landung in Hamburg fragte, warum ich mit meinem ersten Flug bis Anfang 20 gewartet hatte. Es war gar nicht so schlimm gewesen, wie ich es mir in Gedanken immer eingeredet hatte.

„Och nein Papa, da war doch eine Ausfahrt“, sagte ich enttäuscht, als wir an einer Ausfahrt vorbeifuhren. Das Parkplatzschild wurde im Seitenspiegel kleiner und kleiner, während die Gefahr eines Malheurs mit jedem Schlagloch größer und größer wurde.

Na toll, dachte ich und versuchte, an etwas anderes zu denken. Noch immer konnte ich nicht richtig glauben, dass es heute losging. Es war Mittwoch und ich hatte seit Montag Urlaub. Unbezahlten Urlaub für fast acht Wochen. Acht Wochen. Der Gedanke daran ließ den Druck in meiner Blase fast verschwinden. Acht Wochen kein Büro, keinen Anzug und keine Krawatte tragen. Keine nervigen, schlecht gelaunten Kunden, die die ganze Welt schlecht reden, in allem Probleme sehen und dich dafür verantwortlich machen, wenn etwas nicht funktioniert. Wieso gibt es auf dem Sparbuch keine Zinsen? Wieso kann ich nicht über mein Geld verfügen? Pfändung? Was ist das? Wieso seid ihr als Bank und Mitarbeiter so scheiße? Auf dieses ganze Rumgejammer und Beschweren hatte ich keine Lust mehr. Im September 2017, vor gut zweieinhalb Jahren, hatte ich meine Ausbildung als Bankkaufmann begonnen. Ein Bild von dem Tag, als ich mit 35 anderen Azubis in glattgebügelten Bankklamotten vor dem Bankgebäude auf einer Treppe stand, hängt noch immer bei meiner Oma in der Küche an der Wand. Stolz hatte sie es aus der Zeitung ausgeschnitten. Ich musste beim Gedanken ans Bild schmunzeln. Zum Glück stand ich damals beim Fotoshooting in der letzten Reihe. So konnte man die wenigen rosa Flecken auf dem weißen Hemd nicht sehen. Zum Glück. Vor Aufregung hatte ich mich nämlich am ersten Ausbildungstag auf der Hinfahrt im Auto übergeben und den Bananen-Haferflocken-Himbeer-Smoothie auf dem gesamten Beifahrersitz verteilt. Und wenige Sprenkel halt auf meinem Hemd. Danach ging es mir besser und dem Auto nach einer Sitzreinigung auch. Nur wenige wussten bisher von dieser Story. Während alle Azubis der Willkommensrede des Vorstandsvorsitzenden bei geschmierten Mettbrötchen lauschten, überlegte ich, wie viel die Sitzreinigung wohl kosten würde.

An jenem ersten Ausbildungstag war noch alles gut. Auch die Wochen und Monate danach. Ich machte meine ersten Erfahrungen am Schalter mit Kunden, zählte ihnen 50er- und 100er-Scheine vor, füllte Überweisungsbelege aus und eröffnete selbstständig Konten und Sparbücher. Es machte Spaß, jeden Morgen zur Arbeit zu fahren und acht Stunden im Büro zu verbringen. Ich war motiviert und tat alles, um Vorgesetzten und Paten zu gefallen, von ihnen ein gutes Feedback zu erhalten und meine Karriere in der Bank zu pushen. Ich hielt vertriebliche Vorträge vor meinem Lehrjahr zum Finanzkonzept und durfte als einer der Ersten einen Einsatz in einer internen Abteilung verbringen. Ein Zeichen dafür, dass man bisher während seiner Ausbildung gut performt hatte. Doch dann kam es zum Bruch:

Der zweite Tag im Electronic Banking sollte alles verändern. Meine ganze Sichtweise über mein Leben. Er bestand aus heftigen Bauchschmerzen, Magenkrämpfe und einer Notoperation am Abend im Krankenhaus. Schwere Blinddarm- und Bauchfellentzündung lautete die Diagnose der Ärzte. Gefolgt von bangen Minuten im weißen Nachthemd auf dem kalten Operationstisch und Gedanken darüber, was ich bisher in meinem Leben erreicht hatte. Was ich vorweisen konnte. Sie änderten mein Denken über Erfolg, Karriere und Geld. Über das Leben an sich, über meine Pläne und Ziele. Die Minuten im Krankenhaus vor der Operation machten mich traurig. Ich merkte, dass ich mein Glück in den letzten Jahren über Dinge, Ziele und Erfolge definiert hatte, die in diesem Moment nichts wert waren. Gar nichts. Sie waren gar nichts wert. Ich bereute, bisher nicht wirklich gelebt zu haben. Ich schwor mir, dass dieser Tag der Wendepunkt in meinem Leben sein sollte. Der Wendepunkt hin zu einem aufregenden, glücklichen und erfüllten Leben.

Noah schien es nicht zu bereuen, dass er mitgekommen war. Er war zum ersten Mal in seinem Leben an einem Flughafen und staunte nicht schlecht, als alle paar Sekunden ein Flugzeug über unser Auto flog und im wolkenbedeckten Düsseldorfer Nachthimmel verschwand. Es dämmerte bereits. Papa fuhr vorbei an mehreren Schranken und Schildern und parkte auf dem Drei-Minuten-Parkplatz vor der Abflughalle. Ich konnte es kaum erwarten, bis das Auto zum Stehen kam. Hektisch öffnete ich die Beifahrertür. Jetzt war Eile geboten. „Ich laufe schnell zur Toilette. Bin gleich wieder da!“

„Aber wir können hier doch nicht so lange parken und Stehenbleiben, Silas“, sagte meine Mutter, doch es war zu spät. Die Tür war noch gar nicht richtig ins Schloss gefallen, da war ich auch schon hinter der Drehtür verschwunden. Ihre Rufe und ihr Fensterklopfen kamen zu spät.

Die Abflughalle war größer, als ich sie in Erinnerung hatte. Passagiere liefen kreuz und quer mit ihren Koffern durcheinander, schauten auf ihre Handys und starrten auf den großen Monitor an der Wand, der sämtliche Flugzeiten und Gates anzeigte. Immer wieder musste ich stehende Menschen umkurven, ehe ich neben einem Check-in-Schalter endlich eine Tür mit einem Toilettensymbol entdeckte.

Endlich, dachte ich und stolperte Richtung Tür. Gefühlt drei Kilo leichter öffnete ich sie nach ein paar Minuten wieder und trat mit erleichtertem Blick hervor. Ich war bereit. Meine Blase war bereit. Jetzt konnte es losgehen.

„Da bist du ja endlich“, sagte meine Mutter, als ich zurück beim Auto war. „Wir dachten schon, du kommst nicht mehr wieder.“ „Hat ein bisschen gedauert“, grinste ich. „Ist den alles in Ordnung bei dir?“, fragte sie besorgt. „Oder ist was mit deinem Magen?“ Prüfend schaute sie mich mit diesem einen Blick an, den jede Mutter draufhat. In der Regel konnte man ihr nichts vormachen. Aber diesmal gab es nichts zu verheimlichen.

„Alles gut, Mama. Wirklich! Mir geht es super.“ Ich ging zum Kofferraum und hievte meinen blauen Koffer auf den Boden. Er hatte schon so manche Reise miterlebt. Zerbeult und zerkratzt stand er auf dem Bürgersteig und wartete, wie es jetzt weitergehen sollte. Mein Vater reichte mir meinen beigen Rucksack, den meine Oma mir gestern für die Reise geschenkt hatte.

„Danke, Papa.“ Ich stülpte ihn auf meinen Rücken und legte das schwarz-grau-karierte Nackenkissen um den Hals. Es hatte eine Massagefunktion, doch die Batterie hatte ich aus Vorsicht zu Hause gelassen. Ich wollte nicht schon wieder aus der Sicherheitskontrolle gewunken werden und mir die Blöße geben. An Silvester hatte schon ein zusammengeknülltes Knoppers-Papier in meiner Jeans dafür ausgereicht. Diesmal hatte ich vorsorglich selbst die kleinste Fluse entfernt. „Hast du alles?“, fragte mich mein Vater. Ich nickte. Jetzt kam der Part, vor dem ich am meisten Respekt hatte. Goodbye zu sagen und von meiner Familie für die nächsten Wochen Abschied zu nehmen. Schon gestern hatte ich einen Kloß im Hals, als meine Oma mir mit Tränen in den Augen an der Tür zuwinkte. Ich musste schlucken, als ich meinen Vater anschaute. Ich nahm ihn in den Arm und versprach ihm wie schon damals vor der Blinddarm-OP, dass ich wiederkommen werde. Er klopfte mir auf die Schulter.

„Hab viel Spaß. Wir sind stolz auf dich!“ Ich ging weiter zu Mama, die neben ihm stand.

„Pass bitte auf dich auf …“

„Ich verspreche es dir, Mama.“ Ich drückte sie ganz fest an mich. So fest hatte ich meine Mama schon lange nicht mehr in den Arm genommen. Es fühlte sich gut an. So vertraut. Ich streichelte ihr mit meiner Hand über den Kopf.

„Melde dich und ruf mal an …“ Ich blickte zu Noah. Er schaute mich an und streckte die Arme zu mir aus. Ich bückte mich zu ihm und hob ihn hoch. „Mach es gut, Pupsi. Und ärgere Paula schön.“ Wie ein Affe klammerte er sich um meinen Hals. Ich küsste ihn auf die Stirn.

„Bring mir was mit“, sagte er, nachdem ich ihn auf dem Bürgersteig abgesetzt hatte. „Vielleicht einen Löwen. So einen kleinen, flauschigen, ja?“

„Ich schaue mal.“ Ich wuschelte ihm durch die Haare. „Bis in vier Wochen.“ Ich ging zu meinem Koffer, klappte den Griff aus und rollte ihn hinter mir her zur Abflughalle. Beim Eingang drehte ich mich noch mal zu meinen Eltern und meinem Bruder um. Sie waren wieder ins Auto gestiegen und winkten, als sie an mir vorbeifuhren. Ich schaute ihnen noch eine Weile nach, bis sie hinter einem Parkhaus nicht mehr zu sehen waren. Jetzt war ich auf mich allein gestellt. Der erste Schritt war gemacht. Das Abenteuer Afrika konnte beginnen …

TRUTHAHN, CHICKEN UND DER KÖNIG DER LÖWEN

(CHAPTER THREE)

„Schöne guete Abig, mini Dame und Herre und es herzlichs Grüezi au no mal vo mir us de Pilotekabine. Min Name isch Franz Huber und zsamme mit minere Crew heiß ich Sie herzlich willkomme an Board. Viele Dank, dass Sie sich uf em Flug vo Düsseldorf nach Züri für Swiss entschiede händ. Mir versuechet, Ihne de Flug so agnähm wie mögli zgestalte. Dä Flug isch öppe mit ere Stund agrächnet. Mir wünschet Ihne en guete Flug und bittet Sie, Ihres Handgepäck unterem Sitz oder i dä dafür vorgsehene Ablageflächi zverstaue.“

Ja Moin. Ich musste innerlich lachen. Ich hatte bis auf den Namen kein Wort verstanden. Wieder meldete sich die Stimme aus dem Lautsprecher im Flugzeug.

„Und jetzt noch einmal für die nicht Schweizerdeutsch sprechenden Passagiere …“

Geht doch, Franz.

„Schönen guten Abend, meine Damen und Herren und ein herzliches Grüezi auch noch mal von mir aus der Pilotenkabine. Mein Name ist Franz Huber und zusammen mit meiner Crew heiß ich sie herzlich willkommen am Bord. Vielen Dank, dass sich auf den Flug von Düsseldorf nach Zürich für Swiss entschieden haben. Wir versuchen, Ihnen den Flug so angenehm wie möglich zu gestalten. Der Flug ist mit einer guten Stunde berechnet. Wir wünschen Ihnen einen guten Flug und bitten Sie, ihr Handgepäck unterm Sitz oder in den dafür vorgesehen Ablageflächen zu verstauen.“

Ich schaute auf meine digitale Uhr, die ich vor ein paar Monaten beim Planspiel Börse gewonnen hatte. 19:55 Uhr leuchtete es auf in weißen Zahlen. Ich freute mich, dass bis jetzt alles nach Plan verlief. Pünktlich setzte sich der Flieger von Swiss in Bewegung und machte sich hinter zwei anderen Fliegern auf dem Weg zur Startbahn. Nein, bis jetzt lief wirklich alles nach Plan. Bei einem Swiss-Schalter hatte ich vorhin meinen Koffer abgegeben. Im Gegenzug überreichte mir die Schweizerdeutsch sprechende blonde Angestellte die Flugtickets. Wie mein Nachbar Wolfgang, der mir an Noahs Geburtstag im Januar noch von seinem Namibia-Urlaub erzählt hatte, staunte sie nicht schlecht, als sie durch ihr System erfuhr, dass ich keinen Direktflug nach Windhoek, der Hauptstadt Namibias, gebucht hatte. Ich zuckte nur lachend mit den Schultern und nahm die drei Tickets dankend entgegen. Jetzt lagen sie gut verstaut in der oberen Tasche meines Rucksacks zwischen den Seiten meines Reisepasses. Bereit, in Zürich und Johannesburg bei den Zwischenstopps rausgekramt zu werden. Vorsichtshalber schaute ich noch mal nach, ob sie noch da waren.

Erleichtert, dass sie immer noch auf meinem Gesicht lagen, schaute ich wieder aus dem kleinen Fenster nach draußen. Das ganze Flughafengebäude war hell beleuchtet. Busse brachten Passagiere zu den wartenden Flugzeugen, während Kleinbusse mit mehreren Anhängern die Koffer hinterherfuhren. Zwischen dem ganzen Gewusel deutete nur der pechschwarze Himmel darauf hin, dass es bereits Nacht war. Ich schaute einige Meter runter zum Boden. Dort entdeckte ich überall Markierungen und Punkte, die in den unterschiedlichsten Farben zu mir aufleuchteten. Ich zückte mein Handy und machte schnell ein paar Fotos. Das Display auf der Kopflehne vor mir leuchtete auf und zeigte in einem einminütigen Video, wie sich eine Frau eine Schwimmweste umlegte und eine Sauerstoffmaske aufsetzte. Digital - wow. Kein Vergleich zu den Sicherheitsanweisungen vorm Abflug nach Hamburg, die zwei Stewardessen mit wilden Handbewegungen im Gang vor allen Fluggästen vorgemacht hatten. Als das Video zu Ende war, gingen mit dem Display auch die Lichter im Flugzeug aus.

„Ready for take off“, hörte ich über die Lautsprecher eine Stimme sagen. Die Triebwerke dröhnten laut auf. Binnen Sekunden beschleunigte Franz das Flugzeug auf mehrere Hundert Stundenkilometer. Die Geschwindigkeit drückte meinen Körper mit voller Wucht in den Sitz, doch anders als an Silvester jagte mir das keinen Schreck ein. Aufgeregt schaute ich aus dem Fenster. Wie ein Gepard eine Gazelle pushte Franz das Flugzeug nach vorne, ehe einige Sekunden später das lang gezogene Gebäude des Düsseldorfer Flughafens immer kleiner wurde, bis es am Boden nicht mehr zu sehen war. Wir flogen eine große Kurve über die Rheinpromenade und den Fernseherturm. Alles kam mir sehr bekannt vor. Vor ein paar Monaten hatte ich dort unten noch neben meinem Fahrrad am Ufer gesessen und Flugzeugen beim Fliegen zugesehen. Jetzt war es umgekehrt und es fühlte sich gut an.

Der Flughafen in Zürich war menschenleer. Gespenstisch leer. Neben meinem Schatten auf dem Gang war nichts los. Es war echt seltsam. Keine Menschenseele war zu dieser Uhrzeit unterwegs. Keine Spur von den Passagieren und Fluggästen, die gerade noch Franz und seinem Co-Piloten nach ihrer sicheren Landung applaudiert hatten. Sie waren wie vom Erdboden verschlungen. Ich hatte das Gefühl, dass ich der Einzige war, der heute noch nach Johannesburg fliegen würde. Ich wunderte mich, dass um neun Uhr bereits alle Geschäfte geschlossen waren. Kein Restaurant, keine Boutique war mehr geöffnet. Kein Vergleich mit dem lebhaften Treiben in der Düsseldorfer Abflughalle, in der man quasi alle zehn Meter einen Bäcker, Restaurant oder Kiosk vorfand. Hätte ich doch besser da noch was zu essen gekauft, dachte ich mir, während ich durchs Schaufenster einer Pizzeria spähte, die längst geschlossen hatte. Mein Magen knurrte und machte sich mehr und mehr bemerkbar. Ich hatte zwar noch eine Banane und zwei Brötchen mit Rührei in meiner Tasche dabei, doch diese waren eigentlich fürs morgige Frühstück vorgesehen. Ich beschloss, erst mal das Gate zu suchen. Bis zum Boarding war noch gut eine Stunde Zeit. Ich schaute auf mein Handy.

„Gate 38. Aha. Gut, dass auf dem Ticket ein anderes Gate steht …“ Ich steckte das Handy zurück in die Hosentasche und schlenderte weiter den Gang entlang. Orientierungslos musste ich auf den Überwachungskameras ausgesehen haben, wie ich immer wieder im Gang stehen blieb und mich um die eigene Achse drehte. Es war das reinste Labyrinth. Die Zeiger wanderten auf der Uhr immer weiter. Langsam wurde ich nervös. Noch immer hatte ich das Gate nicht gefunden. Auch keine Person, die ich hätte um Hilfe bitten können. Mit jeder Minute wurde ich unruhiger, bis mir schließlich ganz schlecht war. Ich brauchte jetzt etwas zu essen. Ich wollte gerade aus der Not heraus meinen Rucksack absetzen und die Banane auspacken, als ich plötzlich einen Lebensmittelladen entdeckte, der zu meiner großen Freude um die Uhrzeit noch geöffnet hatte. Meine Freude wurde leicht getrübt, als ich die Lebensmittelpreise sah. Bei fast jedem Produkt standen zwei Zahlen vor dem Komma. Es war wirklich Wahnsinn, wie viele Schweizer Franken hier für eine Kleinigkeit zu essen verlangt wurden. Ich lief zwischen Obst- und Brotständen her, bis ich schließlich fündig wurde. Zumindest sah es eingeschweißt in Frischhaltefolie so aus.

„Grüß Gott“, sagte ich zu einem älteren Mann hinter der Kasse, der mich freundlich anlächelte. „Ein Truthahn-Tomaten-Rucola-Sandwich für mich, bitte.“ Ich reichte ihm gleichzeitig mit dem Sandwich meine Kreditkarte über den Tresen. Das Brötchen des Sandwiches war recht schmal, dafür aber mit fast zwanzig Zentimetern recht lang. Wie eine Flöte sah es aus. Es fehlten nur die Löcher und das Mundstück zum Reinblasen.

„Hoi. Wenn Sie möchtet, chönnt Sie gern no es zweits Sandwich näh …“Oh Gott, noch so einer. Ich drehte mich um, um sicherzugehen, dass er gerade wirklich mit mir sprach. Er tat es. Sein Schweizerdeutsch war noch schwieriger zu verstehen als das von Franz Huber im Lautsprecher. Ich schaute ein wenig hilflos in sein freundliches Gesicht.

„Mir schließet sowieso in zeh Minute und sind am wegrumme und uffrumme.“ Zeh Minute? Uffruume? Ich verstand nur Bahnhof. Wahrscheinlich schwebten über meinem Kopf gerade lauter Fragezeichen und schlugen Purzelbäume in der Luft. Der Verkäufer griff nach einem zweiten eingepackten Truthahn-Sandwich.

„No, no. Ähn. Nein, Nein.“ Ich wedelte mit meinem Zeigefinger durch die Luft. „Just one, äh, nur eins bitte.“ Er schien mich missverstanden zu haben. Ein Sandwich für sieben Franken reichte mir. Trotz meines Einwandes packte er beide in eine Tüte.

„Das würde dänn insgesamt siebe Franke machen, da Herr.“

„Ahh. Zwei für eins.“ Ich grinste. Erst jetzt hatte ich sein Angebot verstanden. Wieso sagt er das nicht gleich?

„Mit dä Charte? Gern.“ Er nahm meine goldene Karte entgegen und steckte sie in das Kartenzahlungsgerät. Nach einigen Sekunden machte es piep und er gab sie mir wieder zurück. Ich steckte sie in meine Handytasche und griff nach der Tüte mit den beiden Sandwichbaguettes.

„En guete!“, wünschte mir der Verkäufer zum Abschied.

Danke. Ihnen auch. Pfiat di!“ Erst beim Ausgang fiel mir ein, dass „Pfiat di“ ja gar keine schweizerdeutsche, sondern vielmehr eine bayerische Abschiedsfloskel war. Ich musste lachen. Du und deine Sprachskills, Silas … Kopfschüttelnd biss ich beim Gedanken daran in den ersten Truthahn. Das kann ja mit deinen englischen Sprachkenntnissen was werden in Afrika. Gell, Richie?

„Pardon?“ Richie schaute mich fragend an. Er kam aus Südafrika, wohnte in Stockholm und sollte für die nächsten zehn Stunden mein Sitznachbar auf dem Flug nach Johannesburg sein. Zufälligerweise arbeitete er auch in einer Bank, sodass wir gleich ein Small-Talk-Thema hatten. Wir verstanden uns auf Anhieb …

„Sorry Bro, I did not understand …“

„My display does not work!“ Während Richie schon die Mediathek von Swiss nach geeigneten Filmen durchstöberte, war mein Bildschirm an der Kopflehne meines Vordermannes immer noch schwarz. Er schien keine Lust zu haben, mich in den nächsten Stunden unterhalten zu wollen. Das kann doch nicht wahr sein, dachte ich mir. Verzweifelt suchte ich mit meinen Händen den Rand nach dem Power-Button ab.

„Bro, just touching …“

„Pardon?“ Erst als er mit dem Finger über sein Display strich, verstand ich, was er meinte. Ich berührte das Display und nach wenigen Sekunden flackerte das Swiss-Symbol auf. Erleichtert lehnte ich mich nach hinten, um kurz darauf wieder ganz nah mit meiner Nase an den Bildschirm zukommen. Auf dem Display leuchtete jetzt eine große Kugel hell auf. Umrandet von einem weißen Kranz sah ich die Erde und die Flugstrecke, die sich quer vom europäischen Kontinent bis fast zum südlichsten Punkt des afrikanischen Kontinents hinunterzog. Ich staunte. Afrika war im Vergleich zu Europa riesig. Viel größer und gewaltiger, als ich je gedacht hatte. Auf Landkarten sah Europa im Vergleich zu Afrika immer viel größer aus. Nichts da. Der Abstand zwischen Namibia und zu Hause war gewaltig. Auf dem kleinen Bildschirm zwar nur wenige Zentimeter, doch in Wahrheit waren es zehn Flugstunden und Tausende Kilometer.

„Crazy, right?“ Richie hatte mein Staunen über die Erdkugel bemerkt. „Africa is a very big planet, my friend.“ Ich nickte ihm beeindruckt zu.

„Where do you want to fly?“

„Namibia, Windhoek.“

„Why?“ Er grinste und setzte sich interessiert seine Kopfhörer ab, um mich besser verstehen zu können. Von ihm wusste ich bereits, dass er in Südafrika seine Familie besuchen wollte. Zum ersten Mal würde er nach mehreren Monaten und Skype-Calls seine Mutter wieder in die Arme nehmen können. Er konnte den Moment kaum erwarten.

„Why do I fly to Namibia?“ Ich musste kurz grübeln, um zu überlegen, wie ich es ihm mit meinem nicht so ganz perfekten Englisch am besten sagen sollte. „I think I was fifteen years old as I saw TV series about a farm in Namibia. Maybe you know the series. Volunteers worked there with wild animals. Lions, leopards, baboons and cheetahs. They prepared food, cleaned the enclosures of the animals and lived in the bush.“

„I mean I heard of it.“

„I saw this series each day in my holidays. Generally, I like to see documentaries about the African planet. Films about the nature, about wild animals, especially lions …“

„Do you know the lion king?“, unterbrach mich Richie. „It is a film about lions. Very funny. Trust me.“ Er lachte. Wahrscheinlich dachte er gerade wie ich an den furzenden Pumbaa.

„Hakuma Matata, I know“, ich grinste. „The lion king is my favorite film.“

„Same. You know …“, man hörte richtig Richies südafrikanischen Slang raus, „the meaning is very impressive. Taking responsibility for your life and do not run away when life tries to teach you. I mean there are bad times, but you have to go through it.“ Bei Richies Sätzen bekam ich Gänsehaut. Ich dachte an Silvester, als ich neben meiner Familie im Theatersaal saß und bei einigen Szenen fast weinen musste, weil sie so tiefsinnig waren. Bei einigen Liedern und Szenen hatte ich tatsächlich Tränen in den Augen, die mir im zum Glück dunklen Saal über die Wange kullerten.

„I like what you say, Richie. When you are in Germany, you have to visit the Lion King Musical in Hamburg. Trust me. I had the whole time Gänse, ähh, Gänse …“ Meine Vokabellücken klafften zum ungünstigsten Zeitpunkt wieder auf. „Do you know the bird, who …“ Richies Stirn legte sich leicht in Falten. „Who has an orange, you know …“ Ich hielt meine Hand vor den Mund und machte eine Schnabelbewegung.

„Goose?“

„No, Schnabel.“

„Schnabel? Do you mean goose?“ Verwirrt schauten wir uns für einen kurzen Moment schweigend an.

„Goes? What goes?“ Ich konnte mich nicht erinnern, jemals von diesem Wort gehört zu haben.

„Not goes - goose. It is a white bird with an orange lip or muzzle.“ Er machte mit seiner Hand meine Schnabelbewegung nach.

„Ah, okay, goose is Gans“, antwortete ich ihm lachend.

„Ganz? What is that?“

„Goose, the white bird with the orange lip, is called Gans in German“, erklärte ich ihm.

„Ganz, ganz, ganz“, sagte er dreimal schnell hintereinander. Er fing an zu lachen. Es hörte sich echt bekloppt an.

„Haha, yes.“ Ich blickte mich lachend um. Den Leuten um uns herum wurde wirklich großes Sprachkino geboten.

„What I wanted to say … I had the whole time Gänse – äh, goose skin during the musical. The whole time.“ Ich strich mit der Hand über meinen Arm, sodass Richie nachvollziehen konnte, was ich meinte. Er verstand zum Glück. „Yes, I understand. I can definetly imagine how you felt, haha.“ Er nickte mir zu. „You can watch the film during the flight if you want. I found it in the film list.“

„The Disney film or the animation?“ Es gab ja mittlerweile zwei Filme. Die Disney-Variante und den ein paar Monate zuvor erschienenen

„… animation film that was published few months ago.“

„Nice.“ Ich scrollte durch die Mediathek und klickte auf das Filmcover. Mit einer Freundin hatte ich seit Wochen in diesen Film gehen wollen, jedoch hatte sich wegen dem ganzen Prüfungs- und Lernstress keine Gelegenheit für einen König-der-Löwen-Kinobesuch ergeben. Ich schickte ihr schnell ein neidisch machendes Foto und lehnte mich mit Kopfhörern auf den Ohren zurück. Die Musik von „Circle of Life“ ertönte zeitgleich mit den startenden Turbinen des Flugzeugs. Elefanten, Zebras und Giraffen tanzten und liefen wild durcheinander, während das Flugzeug schneller und schneller wurde. Die Musik im Film wurde lauter und lauter. Durch die Geschwindigkeit wurde ich wie die anderen Fluggäste in meinen Sitz gepresst, während Mufasa und Sarabi, gerade Eltern geworden, langsam den Hügel bestiegen. Sie blieben hinter Rafiki stehen, der zur Begeisterung der jubelnden Tiermassen Simba zu lauter Musik in die Höhe streckte. Die Musik von „Circle of Life“ droppte. Zu dem Zeitpunkt befanden wir uns wie Simba längst in der Luft.

Einige Stunden später, Simba hatte längst als Nachfolger seines Vaters den Thron im Regen bestiegen, wachte ich erschrocken auf. Alles ruckelte und schaukelte. Wo war ich? Ich brauchte einen Moment, um mich zu orientieren. Ich schaute auf die Erdkugel. Im Flugzeug, stimmt, ja. Ich richtete das Nackenkissen und trank einen großen Schluck aus meiner blauen Wasserflasche. Diese war noch zu drei Vierteln befüllt. Sollte bis zum Morgen locker ausreichen. Ich schaute wieder auf das Display und auf die kleine Plastikflasche vor mir, die auf dem ausklappbaren Tisch von der einen zur anderen Seite rollte. Irgendein Bio-Wein-Plakat klebte darauf. Sie erinnerte mich an das Abendessen um Mitternacht. Es gab Hähnchengeflügel mit Reis, das zusammen mit einer orangefarbenen Currysauce serviert wurde. Zum Nachtisch gab es dann noch ein kleines Stück Kuchen, das ich Richie zu seiner Freude überließ, da ich vom Truthahn noch ziemlich satt war. Richie … Ich schaute zu ihm, ob auch er durch das ganze Flugzeuggewackel geweckt worden war. Aber er schlief tief und fest, zumindest deuteten die Schnarchgeräusche darauf hin, die leise unter der Decke zu hören waren. Er hatte sich die Decke bis über den Kopf gezogen, sodass nur noch seine Beine und Hände zu sehen waren. Was ein Typ, dachte ich mir. Der kriegt doch so keine Luft. Ich tippte auf den Bordcomputer vor mir. Der hatte sich zusammen mit der Kopflehne ein ganzes Stück in meine Richtung orientiert. Wahrscheinlich war der Herr vor mir jetzt auch fertig mit seinem Film. Sein an der Wand lehnender Kopf bestätigte meine Vermutung.

Das Flugzeug flog gerade über Tunesien hinweg. Ich seufzte. Noch immer lagen mehrere Flugstunden nach Johannesburg vor uns. Wenn wir überhaupt ankommen sollten. Das Flugzeug machte einen Hüpfer nach links. Die Wände knackten und knarrten. Ich versuchte, mich auf meine Atmung zu konzentrieren und nicht panisch zu werden. Eine Frau zwei Reihen vor mir wurde es nämlich gerade. Wieder ruckelte es wild. Eine Windböe hatte das Flugzeug voll erwischt, sodass es kurz absackte, ehe es wieder aufwärtsging. Auf Achterbahn hatte ich jetzt irgendwie gar keine Lust. Auf Loopings schon gar nicht. Ich schob vorsichtig das Abdeckteil vom Fenster ein wenig beiseite und schaute nach draußen. Bis auf Dunkelheit war nichts zu erkennen. Enttäuscht lehnte ich mich wieder zurück. Auf Flugturbulenzen hatte ich mich nicht vorbereitet. Ich war hundemüde und bereute den Wein vom Vorabend, auch wenn es nur ein Viertelliter war. Ich trank eigentlich so gut wie nie Alkohol und ausgerechnet auf einem Zehn-Stunden-Flug musste ich damit anfangen. Ich schaute über den Sitz meines schlafenden Vordermannes zur Toilette. Diese war ungefähr fünfzehn Meter von meinem Platz entfernt. Ein kurzer Hüpfer über Richie, ein schneller Sprint durch den Gang und ein Aufreißen der Toilettentür war bei dem Gewackel und der Truthahn-Chicken-Kombi im Magen ein durchaus realistisches Szenario für die nächsten Minuten. Sofern das Geschaukel nicht aufhören sollte. Ich griff noch mal nach meiner Wasserflasche und nahm einen großen Schluck. Dann wickelte ich mich erneut in meine Swiss-Decke ein und machte es mir bequem. Einige Minuten später und nach einer Durchsage des Piloten, dass wir gerade durch ein tunesisches Wettertief fliegen und es gleich wieder ruhiger in der Luft werden würde, verstummten meine Sorgen, Gedanken und Worst-Case-Szenarien. Sie wurden von einem leisen Schnarchen abgelöst. Diesmal kam es nicht von Richie.

FÜNF ROTE LÖWINNEN

(CHAPTER FOUR)

Mit müden Augen schaute ich verschlafen in den Spiegel der Bordtoilette und beobachtete, wie einzelne Wassertropfen langsam über mein Gesicht kullerten. Ich hatte vielleicht zwei Stunden in der Nacht geschlafen und man sah es mir auch an. Darüber täuschte auch das erfrischende kalte Wasser nicht hinweg, das ich mit mehreren Schüben in mein Gesicht geklatscht hatte. Gefühlt alle paar Minuten wachte ich auf, um dann festzustellen, dass wir immer noch nicht am anderen Ende des afrikanischen Kontinents angekommen waren. Jetzt lag der Flughafen von Johannesburg noch gute dreißig Minuten von uns entfernt. Zeit genug, um sich wie die anderen Passagiere im ein Quadratmeter großen WC frisch zu machen und die letzten Erinnerungen an die Nacht im Gesicht verschwinden zu lassen. Frühstück hatte es bereits gegeben. Ich putzte mir die Zähne und sprühte ein wenig Parfüm auf mein frisches T-Shirt. Das andere hatte ich in der Nacht ordentlich nassgeschwitzt. Ich öffnete die schmale Tür, die ich vor ein paar Minuten kaum geöffnet bekam, und zwängte mich vorbei an der wartenden Toilettenschlange. Zurück in der Sitzreihe drehte sich Richie mit seinen Beinen in den Gang, sodass ich mich an ihm vorbei auf meinen Platz quetschen konnte. Unauffällig stopfte ich dort das müffelnde Shirt in eine leere Seitentasche des Rucksacks. Den Kulturbeutel mit den Zahnputzsachen verstaute ich bewusst woanders. Richie hatte sich wieder hingesetzt und studierte interessiert die Wetteraussichten auf seinem Bordcomputer.

„Weather for today looks good …“ Er hatte sich auf der Toilette bereits eine kurze Hose angezogen und seine Füße mit Flip-Flops dekoriert. Ich dagegen trug immer noch meine lange Jeans.

„How much degrees?“

„27“, antwortete Richie euphorisch. Jetzt bereute ich, dass ich keine kurze Hose im Handgepäck hatte. Schon beim Gedanken an siebenundzwanzig Grad sammelte sich Wasser in meiner Kniekehle. Ich schaute wieder aus dem Fenster und dann sah ich sie: die Sonne. Ihre Strahlen trafen auf mein Gesicht und brachten es zum Lächeln. Zum letzten Mal hatte ich sie vor gut einer Woche gesehen, als ich mit ein paar Freunden in Holland am Meer war. Es tat gut, sie zu sehen und von ihr begrüßt zu werden. Während die Sonne am Himmel immer höher kletterte, verringerte sich unsere Flughöhe mehr und mehr. Autos, Häuser und Straßen tauchten am Boden auf. Kontrolliert leitete der Pilot den Sinkflug ein. Wie auf einer Rolltreppe näherten wir uns immer mehr dem Boden, ehe wir auf der Landebahn aufsetzten und landeten. Ich schüttelte beim Gedanken ungläubig den Kopf. Ich war in Afrika gelandet und hatte den langen Flug problemlos überstanden. Es war kein Traum, in dem ich mich befand. Kein Traum, der durch das nervige Geräusch des Weckers hätte beendet werden können. Ich war wach und näherte mich dem großen Gebäude, auf dem Airport Johannesburg stand. Stolz, den Schritt gemacht zu haben, wartete ich darauf, dass wir unseren Stellplatz erreichten und ich meinen Platz verlassen durfte. Ich konnte kaum erwarten, afrikanischen Boden zu betreten. Die lange Hose war mir dabei jetzt erst mal egal …

„Pardon?“ Das Flugzeug hatte mittlerweile seine Gangway erreicht. Die meisten Passagiere wuselten schon wild durcheinander, zogen ihre Handgepäckstücke aus der Ablage und warteten, bis der Vordermann endlich weiterging. Richie und ich saßen noch auf unseren Plätzen. Wir hatten gerade andere Probleme.

„Pardon?“ Verständigungsprobleme. Richie hatte mich schon wieder nicht verstanden. Ich war gerade dabei, ihm meinen Namen zu buchstabieren, bisher jedoch ohne Erfolg. Immer hörte er einen anderen Buchstaben heraus. Ich versuchte es anders:

„Siegfried, Ida, Leon, Anton, Siegfried, Joachim …“

„Wow, wow, wooow. Bro, that is your Instagram name? So many names?“

„Jesus, no.“ Beim Gedanken an so einen Namen und den dazu von den Behörden auszustellenden Personalausweis musste ich lachen. „I’m only trying to spell my name. Silas - S like Siegfried, I like Ida …“ Richie verstand und tippte den Namen in seinen Notizen auf dem Handy ab.

„Alright, I will add you.“ Er stand auf, stellte sich in den Gang und warf sich seinen Rucksack auf den Rücken. Zusammen trotteten wir mit unseren Rucksäcken hinter den anderen aus dem Flugzeug. Auf dem Gang zu der Passkontrolle verabschiedeten wir uns:

„Enjoy your time in Africa. It was really nice to meet you.“

„I will let you know on insta in my story. All the best for you. Bye Richie.“

„Bye Siles.“ Siles? Hatte er gerade Siles gesagt? Ich musste lachen. Klang irgendwie witzig und lässig - Siles. Entspannt und gut gelaunt schlenderte ich mit meiner Herbstjacke hinter den anderen Fluggästen her über den fliesenbedeckten Flughafengang. Neugierig schaute ich mich um. An den Wänden hingen überall große Bilder und Werbeplakate. Banken, SIM-Kartenanbieter und Safariunternehmen warben mit Tierporträts von den Big Five oder lachenden Kindern für ihre Produkte.

„Get Connected. Explore South Africa.“ Ja, eine Safari würde ich auch gerne mal machen, dachte ich mir, als ich vor einem Nashorn stehenblieb, das mich von der Wand anschaute. Irgendwann mal, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt …

Vor der Passkontrolle bildete sich bereits eine lange Schlange. Nur langsam ging es voran. Die Kontrolleure schienen es nicht eilig zu haben und scannten jeden Ausweis mehr als gründlich. Es dauerte bestimmt fünfundvierzig Minuten, bis ich endlich den ersten afrikanischen Stempel in meinem Reisepass begrüßen durfte. Um ehrlich zu sein, war es auch der erste Stempel im gesamten Pass, schließlich war dieser erst wenige Monate alt und noch nie genutzt worden. Es war zwölf Uhr Ortszeit und ich beschloss, erst mal weiter durch den Flughafen zu laufen. Ich hatte ja keinen Zeitdruck. Der Flug nach Windhoek sollte erst in zweieinhalb Stunden gehen. Vielleicht gab es hier ja ein paar Souvenirläden und Restaurants zu entdecken. War ja auch schon Mittag. Erleichtert stellte ich fest, dass die Restaurants geöffnet waren. Langsam bekam ich auch schon wieder Hunger. Ohne wirkliches Ziel lief ich erst mal den anderen Fluggästen nach und ließ mich in ihrem Sog mit durch die Gänge ziehen. Immer wieder starrte ich beim Laufen auf mein Handy und versuchte, mich mit dem Flughafen-WLAN zu verbinden. Schließlich hatte ich meinen Eltern ja versprochen, mich zu melden, sobald ich in Afrika gelandet war. Doch leider scheiterte es jedes Mal bei der Anmeldung. Nachdem fünften Log-in-Versuch stopfte ich es leicht genervt zurück in die Hosentasche und schaute mich um. Von den anderen Passagieren, die gerade noch eilig vor mir hergelaufen waren, fehlte jede Spur. Ich musste in den letzten Minuten echt schneckenartig unterwegs gewesen sein. Irgendwo würde ich schon gleich rauskommen. Mein Blick fiel auf einen dunkelhäutigen Mann, der sich an eine Säule lehnte. Er trug eine orangefarbene Weste und wie ich eine lange Jeanshose. Er grinste mich freundlich an. Ich grinste zurück und machte mit meiner Hand eine grüßende Bewegung. Wahrscheinlich gehörte er zum Flughafenpersonal und half als Servicekraft umherirrenden Fluggästen, die unter Zeitdruck nach dem nächsten Gate suchten und vor lauter Stress komplett den Überblick verloren. Zum Glück gehörte ich denen in beiderlei Hinsicht nicht an. Der Mann hatte mein Winken gesehen und steuerte mit schnellen Schritten auf mich zu. Bestimmt dachte er, dass ich Hilfe brauchte und ihm deswegen zugewunken hatte.

„Hey, welcome in Johannesburg“, begrüßte er mich und reichte mir seine Hand. Ich schlug dankend ein. „Can I help you, my friend?“ Er dachte wirklich, dass ich Hilfe brauchte.

„No, thank you.“ Das mit dem Flughafen-WLAN würde ich schon irgendwie allein hinkriegen. Und Schilder konnte ich auch lesen. Ich setzte mich mit meinen Sachen wieder in Bewegung. Zu meiner Überraschung lief er neben mir her.

„Where are you from, my friend?“

„Germany.“

„Ahh Deutzland. Hallo, wie gehts?“ Er grinste. „I speak a little bit Deutsch, haha.“

„Your German is good. Nice. Why do you speak German?“ Ich wusste, dass viele Einheimische in Namibia deutsch sprachen, doch Südafrika war mir neu. Ich erfuhr von ihm, dass er sich gerne mit deutschen Touristen am Flughafen unterhielt und mit jeder Begegnung neue Wörter lernte. Ich musste mit meinen Augenringen anscheinend ziemlich deutsch ausgesehen haben. Zumindest hatte er mich direkt als Deutscher erkannt. Ich erzählte ihm, dass meine Familie ursprünglich aus Österreich und den Niederlanden kam in der Hoffnung, dass er vielleicht ein paar Brocken Österreichisch auspackte. Das hätte ich mir witzig vorgestellt. Stattdessen bot er an, mich zur Abflughalle zu begleiten

„What is your gate?“ Ich kramte nach meinem Reisepass, in dem ich die Tickets ja deponiert hatte.

„Boarding time 2 pm from Gate A18.“

„Gate A18, alright.“ Wie aus dem Nichts nahm er mir das Ticket aus den Händen.

„Hey, what are you doing?“

„I will show you the way. Follow me.“ Er beschleunigte seinen Gang. Ich hatte Mühe, ihm zu folgen und wunderte mich, warum er jetzt so aufs Tempo drückte. Ich hatte doch alle Zeit der Welt und wollte noch gar nicht zum Gate. Doch ich wollte nicht unhöflich sein und sein Angebot ablehnen.

„What is your job here at the airport?“

„Helping airport guests is my job“, antwortete er kurz und knapp. Ach echt? Wir steuerten in der Flughalle einen Check-in-Automaten an. Während er sich am Automaten zu schaffen machte, schaute ich mich in der Gegend um. Überall liefen Menschen durch die Gegend, stöberten in Souvenirläden oder blickten gespannt auf die Abflugzeiten auf der Anzeige. Das ganz normale Chaos am Flughafen halt, so wie ich es schon in Düsseldorf erlebt hatte. Nur der Airport Zürich tanzte da aus der Reihe. Insgesamt zählte ich fünf Mitarbeiter mit orangefarbenen Westen, die die Koffer von Passagieren auf Gepäckwagen durch die Gegend rollten. Mein persönlicher Flughafenmitarbeiter tippte derweil noch immer die Flugdaten am Display ein.

„How many colleagues do you have? I can count only five.“ Ich konnte mich echt glücklich schätzen, dass ich einen abbekommen hatte.

„I do not know. We are all self employed. Ah yes.“ Er hielt ein frischgedrucktes Ticket in den Händen und zerriss das alte. „Hey, my ticket. Why do you do that?“, entgegnete ich erschrocken.

„I made the check-in for you. You are welcome.“ Er grinste freundlich und reichte mir das neue Flugticket. Ich nahm es entgegen und steckte es schnell in meine Hosentasche. Sicher ist sicher. „Thank you, but it was not necessary. I already did the check-in in Germany.“

„You have to do that here as well.“

„But …“

„You are welcome. Follow me. I bring you to the gate, my friend.“ Er ergriff meinen Ärmel und zog mich ein Stückchen hinter sich her an den Automaten vorbei. Überrumpelt folgte ich ihm. Wir gingen ein paar Meter und erreichten ein Schild, auf dem mehrere Gates draufstanden.

„Here we are.“ Er deutete auf das Schild mit Gate A18. Ich schaute ihn überfordert an. Wir standen noch immer in der Abflughalle. Das Schild hätte ich locker auch allein gefunden. „Ähm okay.“ Ich nickte und setzte ein gezwungenes Lächeln auf. „Thank you for your help. Have a nice …“ „What is with a tip?“, unterbrach er mich. Er drehte sich hektisch zu allen Seiten um, als sei er gerade auf der Flucht. „Tipp?“ Warum wollte er den jetzt einen Tipp von mir haben? Und vor allem für was? Ich schaute ihn fragend an. Erst als er seinen Daumen und Zeigefinger aneinanderrieb verstand ich, worauf er hinauswollte: Trinkgeld.

„Yes, a tip. For the way to the gate and printing out your ticket, äh, for the check-in.“ Wieder schaute er sich ungeduldig nach allen Seiten um. „Ah, you mean tip. Money. Sag das doch gleich!“ Ich setzte meinen Rucksack ab und holte den weißen Umschlag heraus, in dem ich meine bestellten namibischen Dollar aufbewahrte. Die Scheine schimmerten in allen möglichen Farben. Gelb, grün, lila, blau, rot. Auf den meisten Scheinen waren Springböcke zu sehen, auf manchen waren sogar die Körper von Büffeln und Löwen abgedruckt. Das Geld hier hatte echt seinen Charme. Kein Vergleich zu Euro-Noten, auf denen langweilige Brücken oder Frauen mit Hochsteckfrisuren zu sehen sind.

Ich blätterte durch die Löwen und Büffelköpfe. Ich hatte keine Ahnung, wie viel ich ihm geben sollte. Zumal ich auch gar nicht mehr wusste, wie der Umrechnungskurs von Rand zu Euro war.

„How much do you want?“(-> Fehler Nummer 1 an diesem Tag).

„Five hundred!“ Ohne zu überlegen reichte ich ihm fünf rote Löwinnen. Ein wenig überrascht nahm er die hundert Dollarscheine schnell entgegen und steckte sie in seine Westentasche. „Ähh …“ Ich glaube, er hatte sich mental aufs Handeln und Feilschen eingestellt. „Thank you?“

„You are welcome.“ Ich lächelte und steckte den Briefumschlag mit den restlichen Tieren zurück in die Tasche. Ich hoffte, dass ich ihn und seine aufdringliche Freundlichkeit nun endlich los war. Doch er ging nicht.

„I can bring you to security check.“

„No thank you. I just want to go to the store to buy some …“

„Follow me.“ Er ließ ein Nein meinerseits nicht gelten. Zwanzig Meter hinter dem Gate-Schild blieb er stehen. Wir standen jetzt direkt vor der Sicherheitsschleuse.

„Here we are.“

„Yes, here we are. Thank you. Have a nice day. Bye.“

„Hey, hey, hey. My friend.“ Er grinste. „What is with a second tip? For the way to the security check …“

Es folgt Fehler Nummer 2 an diesem Tag, der ein wenig an Fehler Nummer 1 erinnerte:

„How much?“

„300.“ Er streckte seine Hand grinsend aus. Wieder holte ich den Umschlag aus meinem Rucksack hervor. Ich gab ihm zwei grüne Antilopen und einen lila Büffel.

„Here, but that is the last tip today.“ Er nickte, verabschiedete sich und lief davon. Was ein Typ, dachte ich und setzte meinen spürbar leichter gewordenen Rucksack wieder auf. Wenige Meter später legte ich ihn bei der Sicherheitskontrolle behutsam in eine graue Kiste, mit der er dann auf dem Rollbrett durch den Tunnel zum Scannen geschoben wurde. Auf der anderen Seite des Tunnels durfte ich ihn vor dem Aufsetzen noch mal vor den Augen eines Sicherheitswachmannes ausräumen, ehe es dann mit einer voller Cola-Flasche weniger zum Ausreisestempeln ging.

Fassungslos begutachtete ich meinen Pass. Ich saß auf einer Bank und hatte eigentlich perfekte Sicht auf die Landebahn, doch das interessierte mich jetzt nicht. Dieser eine Stempel auf der zweiten Seite im Reisepass ließ mich nicht los. Gute fünfzig Euro hatte er mich gekostet. Fünfzig Euro oder anders ausgedrückt: Fünf rote Löwen, zwei grüne Antilopen und ein lila Büffel. Achthundert Rand - gut ein Drittel meines Geldes war weg. Dreitausend hatte ich insgesamt mitgenommen. Jetzt waren es nur 2200, und das nach einem Tag. Wie sollte das nur weitergehen? Mit angesäuertem Blick wuschelte ich mit der Hand durch meine Haare in der Hoffnung, eine Erklärung zu finden. Ich war richtig sauer und angepisst. Sauer auf mich selbst, weil ich so naiv war. Wie konnte ich bitte nur so dumm und naiv gewesen sein? Wie konnte ich mich nur so abziehen lassen? Wie? Wie ich es auch drehte und wendete, es ließ sich jetzt nicht mehr rückgängig machen. Kopfschüttelnd verstaute ich den Pass mit dem teuren Stempel-Souvenir wieder in meinem Rucksack und widmete mich meinem Handy. Ich konnte den Pass nicht mehr sehen. Zumindest funktionierte jetzt das Flughafen-WLAN. Wenigstens eine Sache im Vergleich zu meinem gesunden Menschenverstand. Ich ging auf WhatsApp in die Familiengruppe und las die Nachrichten, die ich seit Zürich zugeschickt bekommen hatte.

„Schlaf schön und melde dich morgen, wenn du gelandet bist. Gute Nacht. :*“ (Mama, um 22:30 Uhr).

„Guten Morgen. Hast du schlafen können? Wie war der Flug? Deine neugierige Mutter, hihi. ;D“ (Mama, um 11 Uhr).

„Hey Silas, bist du schon gelandet? Papa.“ Ich starrte auf den Chatverlauf und überlegte, was ich ihnen schreiben sollte. Sie sollten sich bloß keine Sorgen machen und nicht wissen, dass ich gerade abgezogen worden war. Ich beschloss, ihnen die Geschichte mit dem selbstständigen Flughafentypen erst zu erzählen, wenn ich zurück in Deutschland war. Wenn es dazu überhaupt kommen sollte. Wenn mich schon ein einfacher Mitarbeiter am Flughafen übers Ohr haut, was macht dann erst ein echter Löwe oder Gepard mit mir auf der Farm? Während ich leicht verunsichert war und mein Selbstbewusstsein im Keller suchte, deutete meine Nachricht auf das komplette Gegenteil hin:

„Bin gerade gelandet. Mir geht es super. Alles läuft bisher nach Plan. Außer kurzen Turbulenzen über Tunesien keine Vorfälle. Gehe jetzt was essen und melde mich, wenn ich in Windhoek gelandet bin.“ Ein grinsender, fröhlicher Smiley fehlte in der Nachricht. Was sollte ich auch anders schreiben, um meine Eltern nicht zu beunruhigen?

Fröhlich und mit einem breiten Grinsen schaute ich zwei Stunden später aus dem Fenster. Die vielen Wolkenberge hatten meinen Ärger über die 800 Rand vergessen lassen. Große weiße Wolken, die sich zusammengeschlossen hatten und regungslos am Himmel schwebten. Jede Wolke warf einen dunklen Schatten in die sonnige Landschaft. Ein Phänomen, das ich zum ersten Mal in meinem Leben beobachten konnte. Damals nach Hamburg war es bewölkt und dunkel gewesen. Fasziniert knipste ich von dem Wolkentreiben ein paar Bilder. Alles sah so herrlich aus. Das strahlende Weiß der Wolken, der tiefblaue Himmel und die afrikanische Savanne darunter, die von lauter Bäumen und Büschen übersät war. Nur das Geräusch der Turbinen erinnerte einen daran, dass man sich gerade in einem Flugzeug befand und kein Vogel war.

„Sir, do you want to eat or drink something?“ Der Essenswagen war mittlerweile in unserer Sitzreihe angekommen. Es gab irgendein Fleischgericht, dazu Kartoffeln und Gemüse. „Sir?“ Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass der Mann von South African Airlines mit mir sprach. Gedankenverloren hatte ich seit dem Start die ganze Zeit aus dem Fenster geschaut.

„Just a water for me. Thank you.“ Dankend nahm ich die kleine Wasserflasche entgegen. Obwohl ich vor gut einer Stunde noch eine ganze Kanne Rooibostee getrunken hatte, hatte ich jetzt schon wieder einen Höllendurst. Der Geschmack vom Mittagessen lag noch immer auf der Zunge. Zusammen mit frischen Strauchtomaten, sämtlichen Kräutern und Knoblauchöl wurden mir leckere Spaghetti im Restaurant serviert. Sie schmeckten herrlich. Noch nie hatte ich in Afrika so gute Pasta gegessen. Selbstverständlich gab ich der Kellnerin Trinkgeld. Diesmal hatte der Tip eine Null weniger. Zufrieden und noch immer gut gesättigt schaute ich zu meiner Sitznachbarin, die sich gerade ein großes Stück Fleisch mit Soße auf die Gabel schob. Sie war recht stämmig und gut gebaut und trug ein großes Kleid mit verschiedenen Mustern und Symbolen drauf. Ein bisschen sah sie wie ein Pfau aus, zumindest präsentierte sie so voller Stolz ihr Gewand.

„Enjoy your meal.“ Ich lächelte ihr zu. Freundlich lächelte sie mit vollen Hamsterbacken zurück. Sie hatte sich für den Gockel mit Reis entschieden und es schien ihr gut zu schmecken.

„No, no thank you, I do not want.“ Sie hatte ihren Teller in meine Richtung geschoben, doch ich lehnte dankend ihr Angebot zum Probieren ab. „I am full, haha. I had pasta at the airport.“ Sie nickte und widmete sich wieder ihrem Teller. Vor dem Start hatten wir uns ein wenig über meine Reise und das Thema Religion unterhalten. Mary arbeitete für die evangelische Kirche und war auf dem Heimweg nach Windhoek. Sie hatte erzählt, dass sie für die Kirche durch die ganze Welt flog, um Gottesdiente abzuhalten und mitzugestalten. Sogar in Wuppertal sei sie schon mal gewesen und mit dem „flying train“ gefahren. Mit ihrer Frage, ob ich religiös sei, hatte sie mich sehr zum Nachdenken gebracht. Ich wusste es nicht so richtig. Ich ging zwar immer Heiligabend mit meiner Familie in die Kirche, doch als wirklich religiös würde ich mich nicht bezeichnen. Zumindest hat mein Glaube nichts mit Religion oder irgendeiner Ideologie zu tun. Meiner Meinung nach ist Religion ein sehr missbrauchtes Wort, dass mehr spaltet als vereint. Es gibt eine Unterteilung in Christen, Juden oder beispielsweise Muslime, jedoch heißt es in jeder Religion „Wir und die anderen.“ Ich finde es gut und schön, wenn Menschen Kraft, Halt oder eine Aufgabe in ihrer Religion/in ihrem Glauben finden, jedoch sehe ich auch eine Gefahr, wenn man sich selbst zu sehr mit der eigenen Religion und deren Auslegung identifiziert. Siehe Glaubenskriege auf der Welt. Dementsprechend war auch meine Antwort auf ihre Frage etwas differenziert: