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Unheilvolles Business der Barmherzigkeit 17 Jahre war der deutsche Diplomat Volker Seitz auf Posten in verschiedenen Ländern Afrikas. Überall konnte er beobachten, wie wenig zielführend die praktizierte Entwicklungshilfe ist, wie wenig Hilfe zur Selbsthilfe sie bietet. Warum läuft sie ins Leere? Weil die korrupten Eliten und Regierungschefs ihre Macht missbrauchen und die reichlich fließenden Mittel verschwenden bzw. in ihre eigene Tasche stecken können, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Volker Seitz plädiert dafür, den Aufbau eines kompetenten, unbestechlichen, den Interessen der Bevölkerung dienenden Staatsapparats zu unterstützen, statt eine Helferindustrie mit bürokratischen, intransparenten Strukturen aufrechtzuerhalten, an der die Falschen gut verdienen.
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Seitenzahl: 373
Veröffentlichungsjahr: 2014
Siebzehn Jahre war der deutsche Diplomat Volker Seitz auf Posten in verschiedenen Ländern Afrikas. Überall konnte er beobachten, dass Hilfsmittel versickern, ohne diejenigen zu erreichen, die am dringendsten darauf angewiesen sind. Verantwortungslose, auf den eigenen Vorteil bedachte Regierungschefs und ihre Clans sind die eigentlichen Profiteure.
Volker Seitz plädiert dafür, auf bombastische Konferenzen zu verzichten, den Geldfluss zu kontrollieren, den Machtanspruch der Herrschaftscliquen mit Konsequenzen zu belegen und auf die Afrikaner und Afrikanerinnen zu hören, die wissen, was für ihren an Ressourcen reichen Kontinent gut ist. Statt eine Helferindustrie mit bürokratischen, intransparenten Strukturen aufrechtzuerhalten, an den die Falschen gut verdienen, muss der Aufbau eines kompetenten, unbestechlichen, den Interessen der Bevölkerung dienenden Staatsapparats unterstützt werden
Volker Seitz
Afrika wird armregiert
oder Wie man Afrika wirklich helfenkann
Mit einem Vorwort
von Rupert Neudeck
und Asfa-Wossen Asserate
Nicht das Bestehende muss verändert werden,
sondern das Verkehrte.
Joachim Fest
Über die Armut braucht man sich nicht zu schämen, es gibt mehr Leute, die sich über ihren Reichtum schämen sollten.
Johann Nestroy
To speak clearly is not being colonial.
Gladwell Otieno, Bürgerrechtlerin aus Kenia
Die meisten Glaubenslehrer verteidigen ihre Sätze nicht, weil sie von der Wahrheit derselben überzeugt sind, sondern weil sie diese Wahrheit einmal behauptet haben.
Georg Christoph Lichtenberg
Zaire [heute Kongo] muss mächtig sein.
Ich habe noch nie so viele Mercedes gesehen.
Muhammad Ali
Immer wieder finden sich Eskimos, die den Afrikanern sagen, was sie zu tun haben.
Stanislaw Jerzy Lec
The only thing that matters is governance, governance, governance.
Mo Ibrahim, sudanesischer Mobilfunkunternehmer, dessen Stiftung vorbildliche ehemalige afrikanische Staatschefs auszeichnet
Diesem Buch liegen meine persönlichen Erfahrungen aus allen Aufenthalten in Afrika zwischen 1965 und heute zugrunde. Es enthält zahlreiche Einschätzungen und Wertungen, die ausschließlich meine persönliche Meinung und nicht die des Auswärtigen Amtes oder der Bundesregierung widerspiegeln. Ich möchte vor allem dazu beitragen, dass vermeintlich unergründbare Fragen nicht mit einem Schulterzucken und der Erklärung »Das ist eben Afrika« beantwortet werden. Dieses fröhliche, traurige Afrika hat mich über vierzig Jahre nicht losgelassen.
Das Buch ist den Afrikanerinnen und Afrikanern gewidmet, deren Leben sich in der alltäglichen Misere des harten Überlebenskampfes abspielt. Ihr ehrenhaftes, mutiges Verhalten und ihre Würde habe ich in siebzehn Jahren auf Posten in Afrika schätzen gelernt. Dort hatte ich mit vielen Menschen zu tun, deren Handeln ausschließlich von den Gesetzen der Anständigkeit und Integrität bestimmt ist.
Volker Seitz, Bonn
Inhalt
Vorwort von Rupert Neudeck
Vorwort zur Neuausgabe 2018 von Asfa-Wossen Asserate
Einführung
Kritik der reinen Unvernunft
Der Kolonialismus ist nicht die Ursache des Elends
Wettlauf der Wohltäter
Irrgarten Entwicklungshilfe
Wenn Hilfe lähmt
Afrika ernst nehmen
Budgethilfe
Entschuldungsinitiative
Potemkinsche Dörfer
Behauptungen in Politik und Medien
Prinzip Verantwortung
Das Chefproblem
African Ownership
»Babysitting Africa«
Korruption
Mehr Waffen als Wasserhähne
»Big Oil«
Good Morning Africa
Fußball
Demokratie und Marktwirtschaft
Entwicklungshindernisse
Menschenrechtsverletzungen
Mangelndes Zeitgefühl und Ineffizienz
Verschwendung und Missbrauch der Ressourcen
Migration, »Braindrain« und vernachlässigte Hochschulbildung
Energieversorgung
Verkehrswege und Infrastruktur
Zensur und Pressefreiheit
Kapitalflucht und Schattenwirtschaft
Landflucht und Elendsviertel
Umweltverschmutzung und Müll
Sklaverei
Diskriminierung und mangelnde Solidarität
Fehlende Zusammenarbeit der afrikanischen Länder
Die Wahrnehmung Afrikas im Ausland
Lehrstoff Entwicklungshilfe
Archäologie der Entwicklungshilfe
Entwicklungspolitischer Freiwilligendienst
Die Entwicklungshilfeindustrie
Selbstkritik der Entwicklungshelfer wird sanktioniert
Die UNO als globale ABM-Maßnahme
Afrika-Politik Chinas
Ein Rechnungshof für Entwicklungshilfe
Was muss sich ändern?
Entwicklungspolitik muss ein Bestandteil der Außenpolitik werden
Die Landwirtschaft muss unterstützt werden
Es müssen Kleinkredite vergeben werden
Unternehmer müssen gefördert werden
Die Frauen müssen gefördert werden
Familienplanung darf kein Tabu bleiben
Friedenseinsätze müssen professioneller organisiert werden
Die Hochschulbildung muss verbessert werden
Die Kultur Afrikas muss einen anderen Stellenwert bekommen
Wir müssen die Länder unterstützen, die eine gute Regierungsführung haben
Die Schlüsselrolle im Kampf gegen die Armut müssen die afrikanischen Regierungen selbst übernehmen
Beispiele mit Vorbildcharakter
Ausnahmestaat Ruanda
Frischer politischer Wind aus Äthiopien
Leuchttürme der Entwicklungshilfe
Dossier der Hoffnung
Anhang
Abkürzungsverzeichnis
Begriffserläuterungen
Literaturhinweise und Internetadressen
Personen-, Landes- und Ortsregister
Vorwort
Ich kann mich noch an den Moment erinnern, als mir in Khartoum Anfang der 90er Jahre der damalige deutsche Botschafter Dieter Simon sagte, die Entwicklungshilfe hätte die Korruption in seinem Land Sudan, in dem er die deutschen Interessen vertrat, erheblich angeheizt. Ich war ja nun mit der Milch der entwicklungspolitischen Korrektheit aufgewachsen, die in Abwandlung von Immanuel Kant sagte: Es gibt nichts innerhalb der Welt wie auch außerhalb derselben, was allein als politisch gut bezeichnet werden kann, denn die Entwicklungshilfe. Ich bin auf diesem Humus aufgewachsen. Und bin darin jetzt bis in meine politischen und intellektuellen Wurzeln verunsichert.
Das Wort Schuldenerlass hatte auch ich wie eine theologische Vokabel für richtig gefunden. Wie wir nach der Vaterunserbitte von Gott die Vergebung, also den Erlass der eigenen Schulden, erbitten, so konnte dieser Entschluss der eigenen Regierung ja nur bedeuten, dass sie auf eine moralisch richtige Politik eingeschwenkt sei. Dass sich die Korruption afrikanischer Regierungen, die sich zu Unrecht Vertreter der tapferen und unglaublich fleißigen Bauern, Nomaden und Landwirte nennen, bis nach Deutschland erweitert hatte, sagte mir schon 1995 ein Angolaner, Ricardo de Mello, der geniale Herausgeber und Redakteur des sogenannten »Imparcial Fax«. Das war ein wöchentlicher Fax-Dienst in Angolas Hauptstadt Luanda, so gefürchtet, wie ich es selten in meinem journalistischen Berufsleben erlebt habe. Warum? Weil dieser de Mello alle Korruptionsskandale offenlegte, über die in der Hauptstadt Angolas zwar gesprochen, aber nicht geschrieben wurde. Z. B., dass Angolas Botschafter in Deutschland eine Flotte von 20 Mercedes Silberpfeil für seine Regierung bestellen sollte. Er machte diese Bestellung unter der Bedingung, dass er einen eigenen Wagen der Luxusklasse für sich dazubekam, und stellte die zweite Bedingung, dass eine Rechnung von Mercedes nicht über 20, sondern über 21 Luxuskarossen erstellt wurde. So dass er den Wagen und noch einmal den Gegenwert in Dollar oder damals DM bekam. Wenige Tage, nachdem mir de Mello das erzählt hatte, lag er ermordet vor der Wohnungstür im dritten Stock des Hauses in der Nähe der Uferpromenade in Luanda, in dem er damals wohnte.
Ich war dabei, als der UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, im Mai 1980 zusammen mit deutschen Helfern auf drei LKWs von Dschibuti durch die Wüste bis nach Hargeisa ins Dam Camp fuhr. Dort bauten wir mit eigenen Händen die Zelte auf, die die armen Teufel, die Flüchtlinge aus dem äthiopischen Ogaden, ganz dringend brauchten. Heute sagt Volker Seitz: »Längst ist die UNO ein Teil des Entwicklungsproblems.« Den Schlusspunkt meiner radikalen Ernüchterung hat dieses Buch von Volker Seitz gesetzt, der mit einer unbestechlichen Klarheit (fast) alle Säulen der entwicklungspolitischen Korrektheit schleift. Es gibt viele Bücher über das Scheitern dessen, was wir mit einem falschen Wort Entwicklungshilfe nannten. Dieses Buch gibt dem Gebäude einen letzten Stoß, es muss nach seiner Zerstörung etwas ganz anderes aufgebaut werden. Volker Seitz, so muss man dem Leser erklären, weiß besser als viele, was es mit Afrika und seinen Problemen auf sich hat. Er hat 17 Jahre nicht hintereinander, aber in zeitlichen Abständen in afrikanischen Ländern gearbeitet und das falsche System erlebt. Überall geht es mit schlechtem Gewissen darum, dass der »Mittelabfluss« gewährleistet werden muss. Geld war immer eher zu viel da. Geld hat die Verantwortlichen noch träger gemacht. Und das Gefühl, dass die Entwicklung eines Landes nur mit ausländischem Geld gemacht wird, befördert. Es sind die Kräfte der Eigeninitiative und der Selbsthilfe geradezu verdorrt unter unserem Ansturm, mit dem wir uns gar nicht genug tun können, um immer wieder alles so zu gestalten, wie wir es für richtig halten.
Die Staaten Afrikas lassen Ärzte, Ingenieure, Krankenschwestern ausbilden, was ja sowohl Geld kostet als auch ein Kapital für das Land und seine Kultur darstellt. Seitz stellt fest, dass etwa 20 000 Ärzte und Pflegekräfte jedes Jahr Subsahara-Afrika verlassen, und fügt hinzu: Viele leistungswillige Afrikaner würden gern ihre Arbeitskraft in den eigenen Staat investieren, aber bei der momentanen Verfassung ihrer Länder sehen gerade besonders engagierte junge Afrikaner keine Zukunft in ihrem Land. Es sei nicht so, dass diese jungen Afrikaner, für manche die besten des Kontinents, nur auf schnelles Geld aus sind. Es seien vor allem die Unsicherheit für sich und die Familie, die mangelnden Möglichkeiten der professionellen Weiterbildung, schlechte Arbeitsbedingungen, Mangel an Schulen und Krankenhäusern.
Seitz sieht die Potenziale der Völker und der jungen Menschen in Afrika. Er nennt auch die paar Staaten, in denen der richtige Weg schon beschritten wurde, Botswana, Mauritius, Benin. Afrika hat aber 52 Staaten, die unabhängig und in der UNO sind, und einen failed state, der als Staat schon wieder von der Landkarte verschwunden ist: Somalia am Horn von Afrika. Wir investieren in scheiternde Systeme. Schlimmer, wir machen die Regierungen sicher, dass sie so weiterwursteln dürfen.
1992 fand ich bei unserem von der deutschen Botschaft voll mitgetragenen Versuch, Minen zu räumen, in ganz Luanda nur einen einzigen Vizeminister, der sich dafür interessierte, was wir da vorhätten. Alle anderen Ämter waren ausschließlich daran interessiert abzukassieren. Dass im Süden des Landes in Cunene täglich die eigenen Bürger auf diese schrecklichen Teufelswaffen traten und verstümmelt und verkrüppelt wurden, das interessierte niemanden in Luanda. Zu dieser Zeit erfuhr ich aus Deutschland, dass der damalige Minister des BMZ (Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), Carl Dietrich Spranger, gesagt habe, Angola brauche keine Entwicklungshilfe, weil es so (erdöl-)reich ist. Und in der Tat, es ist ein Ölland und könnte sich bei einer tüchtigen Regierung schon längst zum Tiger à la Südkorea oder Taiwan entwickelt haben. Aber daraus wurde nichts. Das Instrument Entwicklungshilfe dient immer noch den eigenen Bataillonen an höchstbezahlten Helfern (auf 100 000 schätzt Seitz sie in seinem Buch), die wenig mit Entwicklung zu tun haben und auch den außenpolitischen Interessen des eigenen Landes nicht unbedingt förderlich sind, warum sollten sie?
Aber das Entscheidende wird nicht geleistet mit dieser Form vergeudeter Mittel: Die Völker und ihre Vertreter werden nicht ermutigt und gefördert, die Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen. »Es ist nicht so, dass das reiche Europa gegenüber seinem ›armen‹ Nachbarn Afrika bis heute eine Almosenpolitik betreibt, sondern dass die Milliarden der Entwicklungshilfe weiter in den Taschen politischer Funktionsträger der Entwicklungsländer verschwinden. Kaum einer investiert im eigenen Land und schafft dadurch Arbeitsplätze.« Es kommen Entwicklungen auf uns zu, die uns zu einer Änderung der Politik veranlassen sollten.
China hat sich auf dem Kontinent eingenistet, so fest, dass wir Europäer darüber empört sind: Was hat China auf unserem Kontinent eigentlich verloren? Der Kontinent gehört uns, ist uns als Aufgabe zugewiesen wie den Eltern ein Baby. Ja, aber vielleicht haben wir 50 Jahre verpennt und das Falsche gemacht. Jetzt kommt China und macht es anders, als wir immer behauptet haben, dass es richtig wäre. Das einzig Positive: Wir haben einen Tritt vor das Schienbein bekommen und müssen unsererseits beherzt das Richtige tun. So wie die Entwicklungspolitik läuft, läuft sie in die Irre. ›Tödliche Hilfe‹ hat vor 23 Jahren Brigitte Erler ihre Streitschrift überschrieben, die erst jüngst in 14. Auflage erschienen ist. Sie hatte zwei Fehler: Erler schrieb ehrlich über einen Teil des falschen Ganzen (pars pro toto), den Fall Bangladesch, in dem sie damals für das Bundesministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit tätig war. Und sie ließ für alle Experten und Festangestellten der Entwicklungszusammenarbeit ein großes Schlupfloch. Sie meine mit ihrer Kritik nicht die Nothilfe. Also machten künftig alle Nothilfe.
Von allen Seiten wurde sie darauf hingewiesen, dass sie den Ausnahmefall Bangladesch nicht verallgemeinern dürfe. Willy Brandt, der große Patron der Solidarität mit der Dritten Welt, sagte damals nur, das sei alles »übertrieben« (›Die Zeit‹, 8. 11. 1985). Doch nachweislich hat diese Streitschrift für die wissenschaftliche Debatte um die Entwicklungszusammenarbeit oder die Entwicklungspolitik und die semantische Diskussion darum eine große Bedeutung – bis heute. 24 Jahre später kommt jemand, der die Serie beendet. Jetzt haben wir kein Schlupfloch mehr. Wir müssen unser politisches Verhalten ändern, auch in unserem eigenen politischen und außenpolitischen Interesse.
1. Wir müssen bescheidener werden und nicht meinen, dass wir die Länder mit unseren europäischen Segnungen und unserem Besserwissen ändern und auf den richtigen Weg bringen. Deshalb zitiert Seitz die neuen Stimmen aus Afrika, die uns den Kopf waschen, was uns meist beleidigend vorkommt: Denn wie kann ein Afrikaner oder gar eine Afrikanerin uns den Kopf waschen? Da wollen wir doch die Kleiderordnung eingehalten haben. Volker Seitz räumt damit auf. Wir müssen auf die kritischen Afrikaner hören. Und wenn wir für Afrika etwas tun wollen, dann so, dass die Landbevölkerung, die Kleinbauern und Halbnomaden etwas davon haben. Nicht nur die vom Stamme der Wa Benzi.
2. Steuergelder werden überall vergeudet, aber hier werden sie als Budgethilfe geradezu aus der Luft abgeworfen. Bildlich und übertragen. Die »Regierungen« Afrikas müssen wieder ihren Auftrag erfüllen. Es sollten nur noch Regierungen (und damit Länder und Völker) unterstützt werden, die nachprüfbar Korruption bekämpfen. Das Territorium mancher sogenannter Regierungen ist zwar auf der Landkarte markiert, aber sie haben das Entscheidende und Spezifische einer Regierung noch nicht. Sie müssten sich angestrengt um das Überleben ihrer Bevölkerung und um das Wachstum der eigenen Wirtschaft kümmern. Sie müssten aktiv sein für ihre Bevölkerung, an deren Spitze sie sich entweder selbst gesetzt oder wohin sie per Akklamation oder noch besser per richtiger Wahl gesetzt worden sind. Aber Anstrengen, das Wort haben die vom Stamme der Wa Benzi noch nicht gehört. Anstrengung, Schweiß, Ärmel aufkrempeln, wo man doch zu der Klasse derer gehört, die einfach »His Excellency«, Seine Hoheit oder Seine Exzellenz sind, und sich auf dem Parkett der höchstbezahlten diplomatischen Wohlanständigkeit tummeln kann!
3. Muhammad Yunus, der Gründer der Grameen Bank für Mikrokredite und Friedensnobelpreisträger des Jahres 2006, hat den entscheidenden Schritt vorgemacht. Die Ärmsten der Armen, zumal die Frauen, sind die besten Unternehmer ihres eigenen Geschicks. Gebt ihnen, zumal den Frauen in den afrikanischen Gesellschaften, das Geld, und sie werden damit arbeiten, sie werden damit wuchern und es umsetzen, damit sie mehr daraus machen. Sie sollen mit den Talenten wuchern, so wie das Evangelium es sagt. Das ist auf jeden Fall eine Lösung des Problems, gebt den Menschen die Mittel in die Hand, unter ganz klaren Bedingungen, die nichts mehr mit unserer Weihnachtsmann-Attitüde zu tun haben. Und dieser Muhammad Yunus hat auf dem Kirchentag 2007 in Köln einen beeindruckenden Auftritt gehabt: Das haben die Deutschen noch nicht erlebt, einen Nobelpreisträger, der nicht seinen Ruhm wie eine Monstranz vor sich herträgt, sondern bescheiden geblieben ist. Er hat uns von dem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel berichtet, die nach Heiligendamm für einige Stunden auf den Evangelischen Kirchentag kam. Er war positiv überrascht. Er, Yunus, habe noch keinen Staatsmann oder keine Staatsfrau erlebt, die so viele Fragen an ihn gehabt hätte. Eine Politikerin, die nicht alles wusste, fügte Yunus schelmisch hinzu. Sonst ist er mit den großen Leuten zusammen, und die haben eine verderbliche Eigenschaft: Sie wissen schon alles. Merkel hatte eine gute Voraussetzung für das Thema dieses Buches. Auch in der Entwicklungspolitik ist sie noch positiv beeinflussbar.
4. Bildung, Grundbildung, Berufsausbildung – das sind Felder, da könnten wir von Europa den Menschen in Afrika, die das wollen, unter die Arme greifen. Aber da müssen wir in den zu unterstützenden Ländern eine bessere Staatlichkeit und Bürokratie bekommen. »Bedenklich ist die Tendenz zu zahlen, damit man helfen darf«, schreibt Volker Seitz. Er fährt fort: In sämtlichen Ländern, in denen er gearbeitet habe, müssen Tagegelder, sogenannte »per diem« gezahlt werden, »damit sich Beamte mit Helfern an einen Tisch setzen«. So kam es, dass die bestwilligen Helfer auf ein Wartesofa gesetzt werden, so lange, bis sie meinen, sie wollten etwas von dem Staat, in den sie nur deshalb gekommen sind, weil die Bevölkerung dort von ihrem Staat nichts, aber auch gar nichts hat.
Der ganze Kontinent wird zum Almosenempfänger, nicht wegen der Menschen und Völker, sondern weil sie Regierungen haben, die faul, raffgierig und größenwahnsinnig sind. Manchmal machen solche Regierungen, wie in Simbabwe und möglicherweise künftig auch in Südafrika oder Namibia, die eigene Landwirtschaft systematisch kaputt. Nach dem Kalten Krieg muss die Entwicklungspolitik vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Vor 24 Jahren hat Brigitte Erler die politische, aber auch wissenschaftliche Debatte angeregt und durcheinandergewirbelt, die ja meist vom akademischen Schreibtisch aus geführt wird. Was sie versuchte, gelang ihr nicht, denn das Ministerium hatte seine eigenen Bataillone und Agenten in der Wissenschaft und den Akademien untergebracht. Doch der Kalte Krieg, der das politische Instrument der Belohnung und Bestrafung von Regierungen war, wenn sie in die falsche Richtung guckten oder schielten, ist vorbei. Und 50 Jahre als Erfahrung sind genug. Die Debatte in den interessierten politischen und wissenschaftlich-politologischen Zirkeln bekommt durch das Buch ganz neue Nahrung. Endlich spricht jemand mit Erfahrung vor Ort. Denn das fehlt uns seit dem großen Schweden und Wirtschaftsexperten Gunnar Myrdal. Hier schreibt uns jemand etwas ins Stammbuch, das keine Interpretation und Extrapolation von Erfahrungen hierzulande oder in Ausschüssen des Ministeriums und der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit darstellt. Volker Seitz stellt die Entwicklungspolitik vom Kopf wieder zurück auf die Füße. Wenn sie denn Sinn machen soll, dann soll sie nicht den Süden entwickeln und den Menschen vorschreiben, wie sie zu leben und zusammenzuleben haben, sondern ihnen ein gutes Beispiel der Partnerschaft geben. So wie es das Bundesland Rheinland-Pfalz mit dem afrikanischen Land Ruanda getan hat. Dort sind Two-way-Projekte und Partnertaten in Gang gekommen zwischen zwei Völkern.
Afrika ist stark und hat ein großes Potenzial. Auch darauf weist Volker Seitz hin. Ich selbst habe es immer wieder unmittelbar erlebt. Es ist mir unvergesslich, wie ich einmal in einem Kampfgebiet mitten im entsetzlichen ugandischen Befreiungskrieg Sphärenklänge hörte. Es war ein Schulchor, der von einem Adunga-Orchester begleitet wurde und himmlisch schöne Lieder sang. Am unverwüstlichsten ist der afrikanische Humor. Wie betete der Führer vom Stamme der Grikua vor der Schlacht mit den Afrikaandern, den südafrikanischen Weißen, 1876:
»Gott! Trotz zahlreicher Gebete an Dich verlieren wir ständig unsere Kriege.
Morgen werden wir neuerlich in eine Schlacht ziehen, die man groß nennen kann.
Wir benötigen dringend Deine Hilfe.
Diese morgige Schlacht wird keine
leichte Sache sein.
In der wird man Kinder nicht brauchen können.
Daher habe ich eine Bitte an Dich:
Sende uns nicht Deinen Sohn zu Hilfe.
Komm selber!«
Rupert Neudeck,
Juni 2009
Vorwort zur Neuausgabe 2018
Afrika ist die Urheimat von uns allen. Die Wissenschaft ist heute überzeugt: Der Homo sapiens entwickelte sich in der ostafrikanischen Savanne. Hier ist der Ausgangspunkt für unsere Menschwerdung zu finden. In Afrika schlossen sich unsere Vorfahren zuerst zu Gruppen von Jägern und Sammlern zusammen. Hier bildeten sie die ersten Stämme und Gemeinschaften. Hier lernten wir Menschen Werkzeuge herzustellen und zu benutzen und das Feuer zu bändigen. Wir entwickelten die ersten Sprachen, begannen Tiere zu züchten, Pflanzen anzubauen und errichteten Städte, Staaten und Reiche. Von Ostafrika aus verbreiteten sich die Menschen über den gesamten afrikanischen Kontinent und schließlich über die ganze Welt. Historisch gesehen bilden wir alle zusammen eine einzige große Familie. Auch wenn sich viele Europäer heute nicht mehr daran erinnern – wir alle haben einen afrikanischen »Migrationshintergrund«.
Gegenwärtig wird Afrika wieder einmal neu entdeckt. Neben dem armen Hilfsempfänger Afrika entdeckt man nun auch in Europa ein Afrika mit Ressourcen und neuem Selbstbewusstsein. Dank seiner gigantischen Rohstoffvorkommen und dem wachsenden Rohstoffhunger der Industrienationen erlebt der Kontinent eine geostrategische Renaissance. Das Auftreten Chinas und anderer Schwellenländer wie Indien hat aus afrikanischer Sicht viele positive Seiten. Die Konkurrenz belebt das Geschäft. Die Preise für Rohstoffe steigen. Und nicht nur das: Die Entwicklungsländer emanzipieren sich von den alten Kolonialmächten, weil sie die Möglichkeit haben, auch mit anderen Ländern zu verhandeln. Doch waren bis vor kurzem die meisten Afrikaner überzeugt, dass Demokratisierung nach westlichem Vorbild auch der Schlüssel für wirtschaftlichen Erfolg ist, so beginnen heute mehr und mehr Staatsschefs in Afrika mit dem politischen Modell Chinas zu liebäugeln, dessen wirtschaftlicher Aufstieg vom armen Entwicklungsland zu einer der führenden Wirtschaftsmächte mit totalitären politischen Strukturen ein verlockendes Vorbild ist.
Die Versuchung, China als Afrikas Retter zu umarmen, ist groß. Aber die Afrikaner sind sich bewusst, dass dies ein Trugschluss ist. Die Chinesen kommen nicht als Wohltäter. Sie präsentieren ihre Rechnung in Form von langfristigen Verträgen für die Ausbeutung von Rohstoffen. Nach dem Prinzip ›keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates‹ buhlen sie dabei auch sehr erfolgreich um die afrikanischen Ressourcen. Doch die Europäer sollten sich davor hüten, angesichts der Konkurrenz durch China demokratische Standards in Afrika wieder zu verraten. Sie würden ihre letzte Glaubwürdigkeit verlieren.
Afrika ist für Europa eine riesige Herausforderung. Bewusst ist das den meisten Europäern spätestens, seit Tausende von afrikanischen Flüchtlingen an die Tore Europas klopfen. Eine Einsicht hat sich inzwischen verbreitet: Wenn man den Strom der Flüchtlinge reduzieren will, muss man die Lebensverhältnisse der Menschen vor Ort, in ihren Heimatländern, verbessern.
Ich bin überzeugt: Ein Afrika ohne Hunger ist heute möglich. Wir wissen jedoch, um dieses Ziel zu erreichen, werden enorme Anstrengungen und auch Investitionen nötig sein, beispielsweise in die Infrastruktur des Kontinents und in die Energieversorgung. Über allem steht für mich die Schaffung von Arbeitsplätzen für die junge Bevölkerung in Afrika, die 85 Prozent der gegenwärtig 1,2 Milliarden Menschen dieses Kontinents umfasst. Nur wenn es uns gelingt, die perspektivlose afrikanische Jugend in Brot und Arbeit zu bringen, können wir sie dazu bringen, in ihren Heimatländern zu bleiben.
»Die Deutschen sind hilfsbereit und spenden gerne«, schreibt Volker Seitz in diesem Buch. »Wer zu Spenden für notleidende Völker und Regionen, z. B. in Afrika aufruft, kann sicher sein, dass er auf offene Ohren stößt. Man ist erschüttert von dem Elend, über das berichtet wird, und will helfen.« Ich selbst kann Volker Seitz’ Analyse der Hilfsbereitschaft in Deutschland aus eigener Erfahrung nur bestätigen.
Auch die staatlichen Organisationen der Industrieländer, allen voran Europas und hier wieder insbesondere Deutschlands, leisten seit Jahrzehnten in großzügiger Weise Entwicklungshilfe. Vorsichtigen Schätzungen zufolge sind in den letzten sechzig Jahren rund zwei Billionen US-Dollar, das sind unvorstellbare zweitausend Milliarden, vom sogenannten entwickelten Teil der Welt in den unterentwickelten Teil geflossen, davon ein Großteil nach Afrika.
»Umso erstaunlicher ist es«, bemerkt nun Volker Seitz, »dass die Frage, ob und wie Entwicklungshilfe wirklich hilft, auf so wenig Interesse stößt. Entwicklungshilfe wird ja ebenfalls durch die Bevölkerung finanziert, und sie wird ständig erhöht. Doch die schlechten Nachrichten aus Afrika werden nicht weniger. Da liegt es eigentlich auf der Hand nachzufragen, was mit diesem Geld geschieht, wofür es eingesetzt wird und was damit erreicht wird.«
Genau diesen Fragen geht Volker Seitz in diesem Buch nach. ›Afrika wird armregiert – Wie man Afrika wirklich helfen kann‹ ist inzwischen in die Riege der Klassiker unter den Sachbüchern über Afrika aufgestiegen. Der Autor überzeugt mit großer Eloquenz und einem reichen persönlichen Erfahrungsschatz. Insgesamt 17 Jahre wirkte Volker Seitz für das Auswärtige Amt in verschiedenen Ländern Afrikas, zuletzt, von 2004 bis2008, als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz im kamerunischen Jaunde.
Volker Seitz ist nicht nur ein Kenner des Kontinents, sondern auch ein scharfer Beobachter und kritischer Begleiter der afrikanischen Politik und Wirtschaft. Lebendig, farbig und detailgetreu beschreibt er die Zustände und Herausforderungen, mit denen sich Afrika konfrontiert sieht. Doch trotz der anspruchsvollen Thematik ist das Buch für interessierte Laien ebenso bereichernd wie für ein Fachpublikum.
Seitz beschreibt das schwere Erbe des Kolonialismus in Afrika und zeigt Wege auf, wie Afrikaner heute die große Aufgabe der Globalisierung meistern können. Afrika ist in einer Zeit des Umbruchs. Die fundierte Darstellung der historischen und aktuellen Rahmenbedingungen in Afrika, mit ihren sich rasch verändernden Strukturen und neuen Gefahren für die afrikanisch-europäischen Beziehungen, machen dieses Buch für mich besonders wertvoll.
Afrikas Presse ist schlecht. Unsere Medien zeichnen Afrika vorwiegend als Kontinent der verheerenden Ks: Kriege, Krisen, Katastrophen und Korruption. Davon hebt sich Volker Seitz’ Analyse, mit seinen Erfahrungen eines Insiders vor Ort, wohltuend ab. Er weiß auch um die Vorzüge von Europas südlichem Nachbarn: »Afrika ist ein faszinierender Kontinent, der von freundlichen, dem Leben zugewandten Menschen bewohnt wird.« Afrika ist auch der Kontinent beeindruckender Landschaften, reicher Kulturen und gastfreundlicher Menschen.
Volker Seitz ist einer der prominenten Wortführer des »Bonner Aufrufs« von 2008 und des »Bonner Aufrufs Plus« von2009, der sich für »eine andere Entwicklungspolitik« einsetzt. Darin heißt es: »Vielen Menschen in Afrika ist durch die Entwicklungshilfe der letzten fünf Jahrzehnte geholfen worden. Unter anderem wurden Krankheiten bekämpft, Bildung vermittelt und wirtschaftliche Impulse gegeben. Dennoch ist es mit Hunderttausenden Projekten, die viele Milliarden Dollar gekostet haben, nicht gelungen, Afrika zu einem selbsttragenden, seinem Bevölkerungswachstum entsprechenden wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt zu verhelfen. Die Mehrheit der Menschen in den meisten Ländern Afrikas hat heute keine besseren Lebensbedingungen als vor 50 Jahren. Zugleich hat das System der Entwicklungshilfe den Regierenden ermöglicht, politische, soziale und wirtschaftliche Reformen zu unterlassen und allzu oft nur nach Mehrung der eigenen Macht und des persönlichen Reichtums zu streben.«
Volker Seitz macht sich insbesondere stark für ein unabhängiges Kontrollgremium, das die Verwendung der Hilfsgelder und die Wirksamkeit von Entwicklungsprojekten auf einen objektiven Prüfstand stellt: »Die größte Herausforderung in den kommenden Jahren wird sein, die Entwicklungshilfe – dort wo notwendig und sinnvoll – so zu gestalten, dass nicht Gewinnmaximierung für wenige, sondern soziale Gerechtigkeit für alle das Ziel ist«, schreibt er. Dies kann ich nur unterstützen: »Diktatoren sollte der Geldhahn zugedreht werden!«
»Ein Land kann nicht von außen entwickelt werden«, erklärte der britisch-US-amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Angus Deaton: »Länder entwickeln sich von innen. Dazu braucht es eine Regierung und eine Bevölkerung, die gemeinsam auf Entwicklungsziele hinarbeiten.« Dies wäre in meinen Augen die wichtigste Aufgabe für Europas Regierungen: Sie müssen begreifen, dass wirtschaftliche Entwicklung ohne politische Entwicklung nicht zu haben ist – auch nicht in Afrika. Europa muss endlich Schluss machen mit der fatalen Appeasement-Politik gegenüber Afrikas Potentaten. Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, den Regierenden vorzuschreiben, wie sie ihr Land zu führen haben, oder ihnen das Staatsmodell der westlichen Demokratien zu oktroyieren. Aber man sollte doch die Einhaltung der Grundsätze einfordern, die Afrikas Staaten selbst als verbindlich anerkannt haben. Sie alle haben die Grundrechtecharta der Vereinten Nationen unterzeichnet und sich zu den Menschenrechten und zum Prinzip der Rechtsstaatlichkeit bekannt. Wer in Afrika nicht bereit ist, diesen Grundsätzen zu folgen, dem sollte die Unterstützung gestrichen werden. Afrikas Staaten sind nun seit mehr als fünfzig Jahren unabhängig. Sie erwarten zu Recht, dass der Westen sie als gleichberechtigte Partner wahrnimmt. Dazu gehört aber auch, dass man Kritik zulässt. Regierungen, die das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit missachten und die Menschenrechte mit Füßen treten, verdienen keine Unterstützung. Was für jedes Land der Welt gilt, gilt auch für die Länder Afrikas: Sie können sich nur entwickeln, wenn sie eine gute Regierung haben.
Die Europäische Union muss, um glaubwürdig zu bleiben, ihre Wirtschafts-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik mit Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit in Einklang bringen. Dies halte ich nicht nur für moralisch unabdingbar, sondern auch für realpolitisch sinnvoll. Europa muss an einer nachhaltigen Entwicklung seines Nachbarkontinents interessiert sein, allein schon um die immer schneller wachsenden Flüchtlingsströme aus Afrika einzudämmen.
»In Afrika ist der Ausweg aus den Verirrungen unserer Zeit zu suchen«, formulierte der Urwalddoktor Albert Schweitzer schon im Dezember 1954 in einem Brief an Albert Einstein. Man kann diesen Satz auf vielfältige Weise interpretieren. Ich glaube, es ist unsere größte Aufgabe im 21. Jahrhundert, die Forderungen des Marktes wieder mit der Menschlichkeit zu versöhnen.
Für mich sind es auch die Menschlichkeit und Empathie für die Menschen in Afrika, die in diesem Buch von Volker Seitz auf jeder Seite hindurchschimmern und es darum so wertvoll machen. Es sollte Pflichtlektüre sein für alle, die um das Wohlergehen Afrikas und seiner Menschen ringen, für Politiker und Wirtschaftsführer genauso wie für Wissenschaftler und generell für alle, die an Afrika Interesse haben.
Asfa-Wossen Asserate,
Mai 2018
Einführung
Afrika ist ein faszinierender Kontinent, der von freundlichen, dem Leben zugewandten Menschen bewohnt wird. Afrika ist nicht nur der Kontinent der Kriege, Krankheiten und Katastrophen, sondern auch der Kontinent beeindruckender Landschaften, reicher Kulturen und gastfreundlicher Menschen. Für mich ist Afrika der Kontinent der improvisierten Problemlösungen und der Heiterkeit auch am Abgrund. Gerade in den wirklich armen Ländern des Sahel überrascht die meist positive Einstellung und die intensive Lebensfreude der Menschen. Es war großartig, dass ich Afrika in vielen Facetten erleben und zu einem kleinen Teil vielleicht auch verstehen lernen konnte. Ich habe 17 Jahre auf Posten in Afrika verbracht, in sieben Ländern, von denen ich vier – Guinea, Niger, Benin und Kamerun – sehr intensiv bereist habe. Dabei lernt man die kulturellen Unterschiede kennen und auch traditionell geprägte Ursachen für bestimmte Phänomene.
Nach meinem Dienstantritt 2004 machte ich auf einer Reise in den Nordwesten Bekanntschaft mit dem traditionellen Kamerun. Viele Orte sind nur über holperige Pisten erreichbar, voller Schlaglöcher, Geröllhaufen und Rinnen. In Foumban erwartete mich nach einer solchen Fahrt der dortige Chef, der Sultan, im Sessel vor dem Eingang seines Hauses. Er rechnete offenbar damit, dass ein Deutscher pünktlich ist. Er zeigte mir sein Palastmuseum. Es war 1917 gebaut und 1984 von der UNESCO renoviert worden. Dort werden Thronsessel, Tanzmasken, Kostüme, Waffen, Kalebassen aus den Unterkiefern besiegter Feinde und Palmweingefäße aus den Schädeln getöteter Widersacher ausgestellt. Einer der Vorgänger des Sultans war besonders klein geraten. Deshalb wurden allen Notabeln, die größer waren als er, die Beine gebrochen. Das Museum verfügt über einen Koffer voller Fotos aus der deutschen Kolonialzeit (1884–1916). Die deutschen Kolonialoffiziere haben offensichtlich eifrig fotografiert.
Auch in Bafut führte mich der König durch seinen »Palast« und zeigte mir die Stelle, an der bis zum Einmarsch der deutschen Kolonialtruppen Kinderopfer gebracht wurden. Man habe das auch nach dem Verbot durch die Deutschen heimlich weitergemacht. Heute würde man sich mit Tieren begnügen. Er sei übrigens ein armer Herrscher. Er könne sich nur sechs Ehefrauen leisten. Sein Vater habe noch 300 und sein Großvater 1500 Frauen besessen.
Anlässlich einer Feier unseres Vertrauensarztes wiederum wurde mir klar, warum es in Jaunde so viele Reinigungen gibt. Er hatte einen kamerunischen Verdienstorden erhalten. Der Orden wurde am Anzug mit Champagner übergossen. Damit sollte sichergestellt werden, dass bald die nächste Auszeichnung verliehen wird.
Magie ist in ganz Afrika verbreitet, insbesondere der Glaube an Amulette. Es gibt zwar keine verlässlichen Statistiken, aber es sterben fast so viele Afrikaner durch Autounfälle (und von Zeit zu Zeit durch Flugzeugabstürze) wie etwa durch Malaria. Viele Autofahrer verlassen sich auf die magische Kraft ihrer Amulette. Dementsprechend ist der Zustand der meist überladenen Wagen. Je mehr die Menschen auf die Macht des Übersinnlichen bauen, desto weniger kümmern sie sich um real existierende Probleme wie den Zustand von Bremsen, Reifen oder Motor. Es gibt keine Wartung, sondern nur improvisierte Pannenbeseitigung.
In Kamerun besuchte ich auch den Parlamentspräsidenten. Er ist ebenfalls zugleich traditioneller Chef. Als solcher sitzt er nach altem Brauchtum einem örtlichen Gericht vor. Die häufigsten Fälle beträfen »Frauenraub«. Ich wisse doch, dass Frauen bei Palmwein leicht zu verführen seien. Und schon wechselten sie den Mann. Das Gericht müsse dann entscheiden, wo die Frau jetzt hingehöre. Es war ein nettes Gespräch, und am nächsten Tag berichtete die Regierungszeitung ›Cameroun Tribune‹: »Jaunde und Berlin stärken ihre Beziehungen.«
Es ist eine andere Welt, eine Welt, in der der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten selten eine Gerade und Geduld eine lebensnotwendige Tugend ist. Afrikaner sind in der Regel verwundert, wenn jemand aus dem Westen sich über all die »Unannehmlichkeiten« aufregt. Sie betrachten Ungeduld und sparsamen Umgang mit Zeit als typische Eigenschaften von Europäern und Amerikanern. Sie selbst sehen keinen Grund zur Eile. Die bei uns übliche Höflichkeit, jemanden, mit dem man verabredet ist, nicht warten zu lassen, ist in Afrika nicht verbreitet – im Gegenteil, oft ist es umgekehrt: Erscheint man pünktlich, bringt man den Gastgeber in Verlegenheit. Afrikaner haben keine Eile, aber oft ein überraschend gutes Gedächtnis. Das geht wohl auf die afrikanische Tradition der »Griot«, der Geschichtenerzähler, zurück. Insbesondere auf dem Land sind die Griots das »Gedächtnis des Volkes«. In ihnen leben die Menschen und Ereignisse weiter und das oft über Jahrzehnte. Im westafrikanischen Benin sagt man, wenn ein weiser Mann stirbt, »brennt eine Bibliothek ab«.
Mein erster Botschafterposten war in Benin. Ich habe in diesem wirklich armen Land wunderbare Menschen kennengelernt, Künstler, Journalisten und Universitätsprofessoren. Die Beniner haben eine besondere Fähigkeit zur ironisch-distanzierten Selbstbetrachtung und viel Humor. Wenn sie etwa die Stadt Ganvie mit ihren Lagunen und schilfgedeckten Pfahlhütten als »Venedig Afrikas« bezeichnen, geschieht das mit einem guten Schuss Ironie und einem Augenzwinkern. Humor und Gelassenheit sind vielleicht auch die Schlüssel zu dem vergleichsweise sehr friedlichen Zusammenleben vieler verschiedener Ethnien in diesem kleinen Land.
Meine Erfahrungen und Erlebnisse haben zu meiner Einschätzung der Entwicklungsmöglichkeiten Afrikas und der oft unseligen Rolle von Entwicklungshilfe geführt. Entwicklungshilfe wird reichlich gegeben und als gute Tat für die Armen nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil, bei einer Umfrage im Auftrag der Hilfsorganisation OXFAM sagten 71 Prozent der Befragten, sie befürworteten eine Verdopplung der Entwicklungshilfe. Wenn man vor Ort ist, sieht man die Dinge nach kurzer Zeit etwas anders. Schon 1992, nach drei Jahren im Niger, schrieb ich in mein Tagebuch: »Nur aus der Distanz sind Antworten einfach. Schön wäre es, wenn mit mehr Kapital die Probleme der ökonomischen Unterentwicklung Nigers gelöst werden könnten. Oberstes Ziel darf nicht länger ein Mehr an Entwicklungshilfe sein, das die Kräfte der Selbsthilfe lähmt, sondern so wenig Geld wie irgend möglich, nur so viel wie dringend nötig. Entwicklung, daran habe ich keinen Zweifel, kann nur über die tatkräftige und überzeugte Mitwirkung und Eigeninitiative eines jeden Einzelnen stattfinden.«
Meine Einschätzung wird von vielen Afrikanern geteilt. »Natürlich mögen Helfer hie und da humanitäre Erfolge erzielen, indem sie ein hungerndes Dorf retten oder an anderer Stelle sauberes Trinkwasser zur Verfügung stellen, gleichzeitig zerstören sie jedoch den wichtigsten Mechanismus, der langfristig die Armut beseitigen könnte. Die Hilfe untergräbt die Entwicklung eines kompetenten, unbestechlichen und den Interessen der Bevölkerung dienenden Staatsapparates.« Dies sagt der ugandische Journalist Andrew Mwenda. Er saß wegen seiner Kritik an afrikanischen Regierungen und ihrer Abhängigkeit von Hilfsgeldern schon oft im Gefängnis. James Shikwati, Gründer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft »Inter Region Economic Network« in Kenia, der unter anderem für deutsche Medien wie den ›Spiegel‹ oder die ›FAZ‹ schreibt, übt ebenfalls massive Kritik an der klassischen Entwicklungshilfepolitik: »In den Industriestaaten wird immer der Eindruck erweckt, ohne Entwicklungshilfe würde Afrika untergehen … Dem verheerenden europäischen Drang, Gutes zu tun, lässt sich bisweilen leider nicht mit Vernunft begegnen … Wenn die Entwicklungshilfe eingestellt würde, wären die politischen Eliten das erste Opfer, weil ihre Machtstrukturen dadurch gesprengt werden. Die Frage nach einer eigenständigen afrikanischen Lösung wäre dann auf dem Tisch … Eine Einstellung der Hilfe wird an den Tag bringen, dass die meisten internationalen Agenturen die afrikanische Misere dazu genutzt haben, um Spenden zu sammeln, um sich einen humanitären Anstrich zu geben.« Diese Auffassung vertritt auch die kamerunische Intellektuelle Axelle Kabou in ihrem in Afrika berühmten Buch ›Weder arm noch ohnmächtig‹. Es ist eine Streitschrift gegen schwarze Eliten und weiße Helfer. Sie wurde dafür so heftig angegriffen, dass sie sich seither in Frankreich verstecken muss. Aber welche Rolle spielen schon die Meinungen von Afrikanern, wenn Weiße beschließen, ihnen zu »helfen«? Es sind unbequeme Wahrheiten – nicht zuletzt, weil die internationale Medienwelt das Elend der Bevölkerung systematisch als Ressource nutzt.
Doch von wenigen Ausnahmen abgesehen haben Entwicklungsgelder weder dauerhaft für mehr Wachstum gesorgt, also indirekt den Lebensstandard aller angehoben, noch das Los der Armen gebessert. Sie haben es eher verschlechtert. Der Abstand zwischen Superreichen und Bettelarmen wird immer größer. Was kümmert es den autoritären Staatsapparat, dass es an Trinkwasser mangelt, Stromausfälle an der Tagesordnung und die hygienischen Zustände für die hohe Kindersterblichkeit verantwortlich sind? Selbst wenn Entwicklungsgelder zweckgebunden ausgegeben werden müssen, finden sie per Umweg doch den Weg in die falschen Kassen. Wenn andere Krankenhäuser, Schulen und Straßen bauen, Kinder impfen lassen, muss es ja die Regierung nicht tun. Sie kann das Geld stattdessen für Luxusgüter ausgeben: Die afrikanischen Eliten sind Weltmeister im Champagnertrinken, ihre Autokorsos zeichnen sich durch eine erstaunliche Mercedesdichte aus (die Scheiben sind verdunkelt, damit die Insassen möglichst wenig von dem Elend mitbekommen). Die Leute nennen diesen Typus von Führern gerne »vom Stamme Wa Benzi«. Die meisten Verantwortlichen haben Luxusvillen in zahlreichen Ländern. Es gibt Staatschefs, die in einer Woche New York für sich und ihre Entourage schon mal das Jahresgehalt eines europäischen Regierungschefs ausgeben. Erheben Medien tatsächlich einmal entsprechende Vorwürfe, meinen sie, sie mit dem Totschlagargument »Das ist Rassismus« entkräften zu können.
Es kümmert die afrikanischen Eliten nicht, wenn ihre Staatsbürger zu Zehntausenden unkontrolliert und chaotisch auswandern und sich anderen Ländern zuwenden, in denen sie ein besseres Leben als in der Heimat zu finden hoffen. Verantwortungsbewusste Regierungen sollten ihre Landsleute auffordern, im Lande zu bleiben, und ihnen die Verbesserung der Verhältnisse in Aussicht stellen. Nichts dergleichen geschieht. Im Gegenteil, einige afrikanische Regierungen fordern ein Recht auf Migration. Für sie ist die Auswanderung kein Alarmzeichen, sondern ein Ventil. Sie werden die unzufriedenen jungen Bürger los, die bereits in großer Zahl die afrikanischen Zentren bevölkern und keine Chancen haben, dort einen Arbeitsplatz zu finden. Mit dem Export der Arbeitslosigkeit sinkt die Dringlichkeit eigener Entwicklungsanstrengungen.
Bei einer ehrlichen Bestandsaufnahme stellt man fest, dass das Gros der Hilfe unter der Sonne Afrikas verdunstet ist. Mangels guter Regierungsführung, d. h. Transparenz, Verantwortlichkeit, Effizienz, demokratischer Teilhabe an den Entscheidungen und vor allem Rechtsstaatlichkeit, haben die meisten Länder Afrikas auch nach fast 60 Jahren Unabhängigkeit den Kampf gegen Armut und Korruption und die Überwindung ihres Stillstands nicht angepackt. Es gibt unverändert unglaubliche Armut und Not. Gleichzeitig nimmt das Vermögen der Oberschicht oft märchenhafte Dimensionen an. Wir stehen als Betrachter vor einem teuren Scherbenhaufen, doch niemand muss sich dafür rechtfertigen, wie wenig die hohen Ausgaben letztlich bringen. Wie vor Wahlen gut zu beobachten, glaubt die Bevölkerung ohnehin nicht mehr, dass die Politik im Land X etwas mit ihrem Leben zu tun hat. Parolen verpuffen wirkungslos. Die Leute haben sich längst abgewendet und entwickeln ihre eigenen Überlebensstrategien. Die betroffenen Regierungen sehen in der Korruptionsbekämpfung in erster Linie eine Einmischung in interne und politisch sensible Angelegenheiten. Man erwartet von uns, dass wir das Wohl der Wohlhabenden nicht durch unbequeme Fragen nach dem Volkswohl stören. Was wir bei unseren eigenen Regierungen für selbstverständlich erachten und kritisch beobachten, fordern wir in Afrika nicht ein: Zu einer guten Regierungsführung gehört zuallererst, den Regierten den gebührenden Respekt entgegenzubringen und die eigene Bevölkerung nicht zu missachten.
In den meisten afrikanischen Staaten, die ich kenne, gibt es immerhin eine freie Presse, die ab und zu die Verhältnisse geraderückt. So hat eine Zeitung in Kamerun, ›Le Front‹, unwidersprochen eine »Hitparade der Diebe« veröffentlicht. Es handelt sich um Minister und Beamte, die teils Millionen von Euro veruntreut haben und sich in einer Parallelwelt gegen die Bevölkerung abschotten. Ein sehr wichtiges Medium ist nach wie vor das Radio. Witz und Mut der Afrikaner zeigt ein Sender in Mali, der seine Hörer morgens mit »Guten Morgen, ihr korrupten Minister und Beamten« begrüßt. Es gibt ein anderes Afrika als das korrupte. Dieses Afrika müssen wir unterstützen.
Zu den Kernaufgaben für den Leiter einer Botschaft oder seinen Stellvertreter gehört die Antwort auf die Frage, ob die Unternehmen seines eigenen Landes an seinem Standort investieren sollen. Warum sich so wenige Unternehmen in Afrika südlich der Sahara – mit Ausnahme Südafrikas und Nigerias – engagieren, kann ich am Beispiel Kamerun erläutern: Die Bürokratie ist überbordend, die Korruption endemisch, das Fiskalsystem behindernd. Wie fast alle afrikanischen Staaten hat Kamerun ein Problem mit häufigen Stromausfällen. Die mangelnde Versorgungssicherheit ist ebenfalls ein Hindernis für Investoren. Große multinationale Unternehmen aus Europa und Nordamerika, deren Investitionen den höchsten Nutzen durch Technologietransfer, intensive Nutzung lokaler Ressourcen und hohe Gehälter bedeuten, halten sich immer mehr zurück. Stattdessen findet man unter den Neuankömmlingen mehr und mehr Firmen aus Schwellenländern, vor allem aus Asien. Diese bieten jedoch oft nur einen schwachen Technologietransfer und nutzen lokale Ressourcen wenig. Bis 2009 war nur eine größere deutsche Firma in Kamerun tätig: die Brauerei Warsteiner, die in Duala unter dem Namen Isenbeck sehr erfolgreich Bier herstellte. Doch am Anfang hatte die Firma große Probleme. Die Ursache war ein kamerunischer Geschäftsführer, der seine Position zur Selbstbereicherung nutzte und das Unternehmen binnen kurzer Zeit herunterwirtschaftete. Warsteiner hat unter Aufbietung enormer Kräfte erfolgreich die Situation gemeistert. Vorher musste der deutsche Generaldirektor allerdings handstreichartig mit Hilfe der kamerunischen Gendarmerie die Brauerei zurückerobern. Dennoch scheinen die Erwartungen sich nicht erfüllt zu haben. 2009 wurde die Brauerei in Duala an die französische Castel-Gruppe verkauft.
Fast 80 Prozent des deutschen Wirtschaftsengagements in Afrika entfallen auf nur zwei Länder: Südafrika und Nigeria. Erfreulicherweise hat die deutsche Wirtschaft ab 2008 zahlreiche neue Delegiertenbüros in Afrika eingerichtet, z. B. in Nigeria, Angola, Kenia, Tansania und Ghana. Deutsche Mittelständler versuchen aber auch immer wieder, auf eigene Faust Geschäfte zu machen. Die allgegenwärtige Korruption und das undurchsichtige Gewirr der Formalitäten kann einem das rasch verleiden. Man kann sich auf die Echtheit von Urkunden nicht verlassen. Zur Erlangung von Genehmigungen sind immer Sonderzahlungen notwendig. Die Gesetzgebung ist voller Mängel und Widersprüche und zudem intransparent. Das betrifft Unternehmensanmeldung, Steuern, Grunderwerb und Ähnliches. Die zuständigen Behörden kombinieren mangelnde Sachkenntnis mit einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber dem Investor. Dazu braucht man einen alteingesessenen Partner, der mit »Lokalfürsten« gut vernetzt ist. Der muss über die notwendigen Hintergrundkenntnisse, Kontakte und Beziehungen verfügen. Damit fängt man sich nicht selten einen Wolf im Schafspelz ein, der den Investor kräftig ausnimmt. Ohnehin muss jeder Investor oft Pionierarbeit leisten.
Das Bildungssystem in Afrika südlich der Sahara ist oft schlecht. Das bedeutet, dass es auf allen Ebenen schwierig ist, Mitarbeiter mit den nötigen Fähigkeiten zu finden. Erfolgreiche ausländische Unternehmen haben ihr afrikanisches Management mit Führungsqualitäten selbst ausgebildet. Es ist schwer, im Ausland ausgebildete Manager und geschultes Personal ins Land zurückzuholen. Die afrikanische Diaspora zählt vermutlich 100 Millionen Menschen. Sie sind eine Quelle von Wissen und Talent. Die Rückkehr der Diaspora könnte neue Ideen und Kapital für den Start neuer Unternehmen bringen. Sie hätte das Expertenwissen und Geschäftsmodelle aus der industrialisierten Welt. Bessere Business Schools können wichtige Werkzeuge sein, die zum Wirtschaftswachstum in den afrikanischen Staaten beitragen. Zurzeit gibt es nur etwa 100 Wirtschaftshochschulen für den ganzen Kontinent. Ein Versäumnis der Machteliten, weil ihre eigenen Kinder ohnehin in Europa oder den USA studieren sollen.
Hervorragend sind die Initiative der Deutschen Wirtschaft SAFRI, vom Afrika-Verein, dem Bundesverband der Deutschen Industrie und dem Deutschen Industrie- und Handelstag, die im südlichen Afrika junge Unternehmer und Manager in moderner Unternehmensführung ausbildet. So werden die Verbesserung von Organisation und Leistung, unternehmerisches Know-how, Wettbewerbsfähigkeit und regionale Integration gefördert. Es ist die Aufgabe der Afrikaner, die Entwicklung voranzutreiben, aber es ist unsere Aufgabe, dort, wo Eigenverantwortung im Vordergrund steht, daran teilzuhaben. Den richtigen Weg weist auch das »10 000 Frauen Programm« von Goldman Sachs, das benachteiligten Frauen aus Entwicklungsregionen eine betriebswirtschaftliche Ausbildung finanziert.
Ich verkenne nicht, dass es eine Besserung gibt. Die Zahl der autoritären Regime hat sich seit 1990 leicht verringert. Ein friedlicher Machtwechsel nach knappem Wahlausgang wie in Ghana war früher undenkbar. In Ghana und Sambia wurde er schon mehrmals geschafft. Freedom House, eine amerikanische Organisation, die jährlich den Stand der bürgerlichen und politischen Freiheiten misst, zählt heute acht der 55 Staaten in Afrika zu den Demokratien (Mali, Ghana, Benin, Südafrika, Namibia, Botswana, Lesotho und Mauritius), in denen faire Wahlen durchgeführt werden und Regierungswechsel möglich geworden sind. Die Bereitschaft, Niederlagen bei demokratischen Entscheidungen hinzunehmen, scheint noch nicht weit entwickelt zu sein. Wir wissen, dass ein freiheitliches Regierungssystem eine tiefe kulturelle Verankerung in der Gesellschaft benötigt. Die über Generationen hinweg wachsen muss. Das müssen wir uns bei der Debatte über den Aufbau von Demokratien in Afrika vor Augen führen.
Nach Ende des Ost-West-Konflikts fiel die Rückendeckung der Blöcke für afrikanische Diktaturen weg. Fortan mussten Wahlen abgehalten werden, um an westliche Hilfsgelder zu kommen. Auch autoritäre Regime singen das Lied, das wir hören wollen, damit unser Geld fließt. Immerhin, in den meisten Staaten genießen die Bürger mehr Freiheiten als vor 1989. Afrikas Bevölkerung forderte ihre Regierenden heraus und die Mächtigen versprachen Mehrheitsparteiensysteme. Es entstanden sogenannte Zivilgesellschaften, die heute weniger gegängelt werden als noch vor 20 Jahren. Das ist ein unbestreitbarer Fortschritt, auch wenn die Demokratisierung kaum wirtschaftliche Verbesserungen gebracht hat.
Gefährdet sind diese Fortschritte durch die Neigung einiger Staatschefs, ihre Söhne mit Hilfe ihres Clans als Nachfolger aufzudrängen. Im Kongo, in Togo und in Gabun wurde jeweils der Sohn nach dem Vater Präsident. Selbstverständlich wurde das demokratische Mäntelchen einer Wahl gewahrt. Jeweils gab es eine klare Mehrheit, aber nicht die berüchtigten 99 Prozent der autoritären Regime. Die größten Rückschritte sieht die Organisation in Mauretanien, dem Kongo, Nigeria und Simbabwe. Die Liste der umstrittenen Urnengänge ist lang. Sie reicht von Togo, Nigeria, Kamerun, beiden Kongos, Kenia, Äthiopien, Simbabwe bis Gabun. EU-Kommissar für Entwicklungspolitik de Gucht sprach anlässlich einer Konferenz der EU mit dem Kongo im Dezember 2009 von einem enormen Trümmerhaufen, der aus dem Kongo entstanden sei. »Ein Land, in dem alles wieder neu aufgebaut werden muss, zuallererst der Staat. Denn dessen Abwesenheit bildet den Kern des Problems.« Das hat sich bis heute nicht geändert.
Der ghanaische Wirtschaftswissenschaftler George Ayittey hat ein treffendes Bild gefunden. Er bezeichnet die Jugend Afrikas als »Geparden-Generation«, weil sie sich schneller bewegt als die »Flusspferd-Generation«, die vielerorts noch an der Macht ist. »Flusspferde beklagen sich noch über den Kolonialismus und Imperialismus, während die schnellen Geparden Demokratie, Transparenz und ein Ende der Korruption fordern.«
Nicht nur weil die Bevölkerung Afrikas immer jünger wird, sollten wir uns künftig mehr für Geparde interessieren. Die Geparden-Generation zeigt sich nach meinem Empfinden mehr und mehr entschlossen, eine gerechtere Verteilung des Reichtums zu erzwingen. Die Jugend bedient sich mit größter Selbstverständlichkeit moderner Kommunikationstechnologie, und wenn sie glaubhafte Führungsfiguren findet, wird es den alten Regimen schwerfallen, sie noch lange zu unterwerfen. Der Volksaufstand in
