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Die Bewegung Black Lives Matter hat die Lebenswelten Schwarzer Menschen auch in Europa in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Doch was die Geschichte anbelangt, bleibt die Schwarze Präsenz auf dem Kontinent weiterhin ausgespart. Mit ihrer fulminanten historischen Gesamtdarstellung, die von Schweden über Deutschland bis nach Griechenland führt, füllt Olivette Otele endlich diesen allzu weißen Fleck in der Geschichtsschreibung Europas. Otele erzählt von Personenschicksalen und Schauplätzen der Begegnung, vom engen Austausch zwischen Afrika und Europa, der mit den römischen Expansionsbewegungen begann und im historischen Verlauf heute oftmals vergessene Schwarze Heilige, Herrscher und Intellektuelle hervorbrachte. Auf diese Weise macht sie die Konjunkturen der mitnichten immer gleichbleibenden Unterdrückung Schwarzer Menschen fassbar: den Terror der Sklaverei, Schwarze Körperlichkeit und ihre Exotisierung, ebenso aber auch die Schwarzen Widerstandsbewegungen und Bruderschaften, die für die Freiheit kämpften und die Vorgeschichte der Proteste unserer Tage darstellen. Mit politischer Verve, aber mit Blick für die Ambivalenzen zeichnet Otele das revolutionäre Bild eines immer schon »afrikanischen« Europas, das nötig ist, um die Auseinandersetzungen der Gegenwart und der Zukunft zu verstehen.
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Seitenzahl: 404
Veröffentlichungsjahr: 2022
Die englische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel African Europeans bei C. Hurst & Co. Publishers Limited in London.
Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert im Rahmen des Programms »NEUSTART KULTUR« aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des Institut français und des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der Französischen Botschaft in Berlin.
E-Book-Ausgabe 2022
© Olivette Otele, 2020
Authorized translation from the original C. Hurst & Co.
Publishers Ltd. Edition. German edition published by arrangement with Eulama Lit. Ag.
© 2022 für die deutsche Ausgabe: Verlag Klaus Wagenbach
Emser Straße 40/41, 10719 Berlin www.wagenbach.de
Covergestaltung Julie August unter Verwendung eines Gemäldes von Annibale Carracci (Öl/Lw, 1580) / ART collection / Alamy stock photo
Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.
Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.
ISBN: 9783803143372
Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 3712 8
www.wagenbach.de
Über Schwarze Lebensgeschichten und Erfahrungen in ganz unterschiedlichen geografischen Kontexten sind bereits unzählige wertvolle Bücher geschrieben worden.1 Allerdings behandelt nur ein relativ geringer Teil von ihnen speziell die Erfahrungen von Menschen afrikanischer Abstammung im Europa vor den Weltkriegen. Zwar sind eine Handvoll individueller Lebensschilderungen am Rande in die europäische Geschichtsschreibung integriert worden, diese stehen aber zumeist in Verbindung mit der Geschichte der Versklavung oder mit kolonialen Begegnungen ab dem 15. Jahrhundert. Die bisher veröffentlichten Arbeiten kombinieren den Begriff »Schwarze Präsenz« oftmals mit einem spezifischen geografischen Gebiet. Von der »Schwarzen Präsenz in Europa« bis zur »Schwarzen Präsenz in Wales« skizzieren diese Werke das Leben von Menschen afrikanischer Abstammung an den jeweils genannten Orten.2 Außerdem handeln die verfügbaren Bücher häufig von bekannten Männern und Frauen. Selbstverständlich verdienen solche Individuen Forschung, und die Biografien liefern interessante Interpretationen und werfen ein neues Licht auf ihre Lebensgeschichten. Beispielsweise widmeten sich in den letzten Jahrzehnten mehrere Werke ehemals versklavten Personen. Von Olaudah Equiano bis Mary Prince, die beide in Großbritannien lebten, scheint der Fokus dabei auf Abolitionist*innen des 18. Jahrhunderts und ihren Verbindungen zu verschiedenen anderen gesellschaftlichen Gruppen zu liegen.
Schwarze Abolitionist*innen und andere Schwarze Männer und Frauen wurden betrachtet in Bezug auf ihre Rollen als Modelle für berühmte Gemälde oder als Bedienstete, die in der Reiseliteratur und anderen künstlerischen Werken auftauchen. Werden diese Männer und Frauen individuell untersucht, dann erscheinen sie generell als Ausnahmefiguren, deren Leben durch komplexe Begegnungen mit europäischen Menschen transformiert wurden. In solchen Berichten wird ihre »Einzigartigkeit« als plausible Erklärung für ihren Ruhm angegeben. Einige dieser Geschichten sollen aufgrund ihres außergewöhnlichen Beitrags zu den europäischen Gesellschaften überlebt haben. Über weitere Aspekte ihres Lebens, wie etwa die enge Verbindung, die sie zu anderen Menschen afrikanischer Abstammung gehabt haben mochten, wurde dagegen nur wenig bekannt gemacht. Manche Geschichten sind dem Vergessen anheimgefallen oder in ihrer Bedeutung unterschätzt worden. So werden etwa der afrikanische Widerstand gegen die Versklavung an den afrikanischen Küsten oder der Kampf gegen den transatlantischen Sklavenhandel in Afrika in Werken über die Versklavung in der europäischen Kolonialgeschichte kaum erwähnt. Dabei war Widerstand nichts Ungewöhnliches, die Beispiele umfassen etwa die beeindruckende Geschichte der Königin Nzinga im 17. Jahrhundert, die zahlreichen Sklavenrevolten auf den Schiffen entlang der afrikanischen Küsten und die Sabotage des Plantagenlebens durch Maroons und versklavte Menschen, die in der Nähe ihrer Herren lebten. In der Geschichte des Schwarzen Widerstands gegen die Versklavung gibt es ein Kontinuum, das einen Bestandteil dessen darstellt, was Cedric J. Robinson als die »Wurzeln des Schwarzen Radikalismus«3 begreift. Laut Robinson brachte der Westen Schwarze Körper durch Gewalt unter seine Kontrolle, um Reichtum zu schaffen, zugleich kündigte sich damit jedoch auch das Ende der kapitalistischen Staaten an. Tatsächlich sei in die Mittel zur Anhäufung von Reichtum die Saat der Zerstörung bereits eingebettet gewesen.
Jene Schwarzen Figuren, an die erinnert wird, sind ihm zufolge immer nur ein Teil der größeren Geschichte des Kampfes gegen die Ausbeutung. Die Verbindungen zwischen diesen verschiedenen Geschichten sind in Vergessenheit geraten, da die physische Unterwerfung nicht nur von einem Umschreiben der Geschichte der Unterdrücker begleitet wurde, sondern auch die Geschichte der Unterdrückten prägte. Robinson untersucht, auf welche Weise bestimmte Geschichten übersehen worden sind – selbst solche, die bereits lange vor der transatlantischen Sklaverei von wichtigen Denkern enthüllt wurden. So erinnerte sich etwa der klassische Historiker Herodot an Begegnungen mit Äthiopiern und Kolchern, von denen er glaubte, sie stammten von den Ägyptern ab.4 In Robinsons Analyse stellen jene Begegnungen fehlende Puzzleteile dar, die zwar von Historiker*innen aufgezeichnet wurden, jedoch im Globalen Norden der Moderne und Gegenwart größtenteils unerzählt blieben. Am Beispiel der amerikanischen Sklaverei demonstriert Robinson ebenfalls, wie frühe europäische Reisende die gesellschaftlichen, kulturellen und agrarwirtschaftlichen Systeme protokollierten, die sie in Gegenden von Westafrika sahen. Dennoch prägte im 18. Jahrhundert das Narrativ von den unkultivierten »Negroes« die Ideologie der Kolonialisten. Robinson bemerkt, »die Zerstörung der afrikanischen Vergangenheit« sei ein Prozess gewesen, der mehrere Stadien durchlief.5 Beispielsweise spielte die Namensgebung eine wichtige Rolle im Prozess der Auslöschung. »Das Konstrukt des Negro verwies, anders als die Begriffe ›Afrikaner‹, ›Maure‹ oder ›Äthiopier‹, auf keine Situiertheit in der Zeit, also der Geschichte, oder im Raum, also der Ethno- oder politischen Geografie. Der Negro verfügte über keine Zivilisation, keine Kultur, keine Religion, keine Geschichte, keinen Raum und schließlich keine Menschlichkeit, die hätte berücksichtigt werden müssen.«6 Robinson weist darauf hin, dass »die Erschaffung des Negro, die Fiktion eines unintelligenten Lasttiers, geeignet ausschließlich zur Versklavung, in einem engen Zusammenhang stand mit den ökonomischen, technischen und finanziellen Erfordernissen der westlichen Entwicklung vom 16. Jahrhundert an«.7 Afrikaner*innen, die wertvoll genug waren, um erinnert zu werden, waren jene, die demgegenüber als Ausnahmen galten.
Die Vorstellung des Exzeptionalismus ist allerdings dennoch ein interessantes Werkzeug, um Geschichte zu verstehen. Mit ihm lässt sich in der Historiografie Aufschluss über Entwicklungen geben, in denen sich Klasse, Gender, Religion, race und so weiter überschneiden. Ein Fallstrick dieses Begriffs liegt gleichwohl in der ihm impliziten Behauptung, eine Geschichte, ein Umstand oder eine Figur stünde über einer anderen. Allerdings können diese Vergleiche, wie Philippa Levine argumentiert, Platz schaffen für transnationale, interkulturelle Analysen, die dazu beitragen mögen, zwischen verschiedenen Geschichten und Ländern Brücken zu bauen, um gegensätzliche Ideen zu vereinen.8 Das Problem liege stattdessen vielmehr in den verallgemeinernden Aspekten, die viele vergleichende Studien begleiten und die implizieren, wir zögen unsere Lehren aus den Geschichten aufgrund von Leitprinzipien, die wir angeblich alle teilten. Nach Levine versucht der Exzeptionalismus an mancher Stelle, eine Geschichte, einen Kontext oder eine Figur zu »humanisieren«, wie man beispielsweise an Niall Fergusons Darstellungen des British Empire sehen kann. Ebenso kann er eine Geschichte »dämonisieren«, wie Studien zu Diktatoren wie Hitler zeigen.9 Gleichwohl ist die Anziehungskraft der Einzigartigkeit unbestreitbar, wenn man der großen Anzahl von Büchern Glauben schenken darf, die ihre Schilderungen als einzigartige Darstellungen spezifischer regionaler, nationaler oder globaler Aspekte von Geschichte präsentieren.
Die Vorstellung von Einzigartigkeit spielt auch eine wichtige Rolle in Untersuchungen von race, Rassismus und race-Beziehungen. Laut Dienke Hondius stellt der Exzeptionalismus das letzte von fünf Mustern dar, die die europäische Geschichte von race und race-Beziehungen prägten. Ihr zufolge entwickelte sich Europa von »Infantilisierung, Exotismus, Bestialisierung, Distanzierung und Ausgrenzung zu Exzeptionalismus«.10 Indem die Infantilisierung postulierte, Afrikaner und Asiaten seien im Grunde Kinder, brachte sie die stark diskutierte Vorstellung des »Paternalismus« hervor, der zufolge Afrikaner betreut oder gar vor sich selbst und ihresgleichen beschützt werden müssten – und die etwa in Rechtfertigungen der Sklaverei im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts Anwendung findet.11 Exotismus wiederum stand im Zusammenhang mit der europäischen Faszination für Unterschiede und für Schwarze und Braune Körper, Gedanken und Kulturen. Ebenso wichtig war in der Geschichte der europäischen Hierarchisierung außereuropäischer Gesellschaften die Vorstellung von Bestialität, die im Zusammenspiel mit den beiden vorherigen angeblichen Eigenschaften wirkte. Sowohl die Anziehungskraft des als exotisch wahrgenommenen Körpers als auch die Angst, die er auslöste, waren mit dieser Idee von Rohheit verwoben. Afrikaner wurden gleichgesetzt mit wilden Tieren, ungezähmt und gewalttätig. Assoziiert mit dem Bösen, müssten Afrikaner »domestiziert« werden, damit die Europäer, die mit ihnen in Kontakt kämen, sich sicher fühlen und auch sicher sein könnten. Undomestiziert gelte es, sie auf sicherer Distanz zu halten, möglichst fern von Europa.
In diesem Kontext muss der Exzeptionalismus gemeinsam mit anderen Aspekten betrachtet werden, wie etwa mit der Beziehung zwischen Afrikaner*innen und Europäer*innen und mit dem Afrikaner*innen aufgezwungenen europäischen Blick. Der Exzeptionalismus wirft mehrere Fragen dazu auf, wessen Ansichten den Entwicklungsverlauf einer Gruppe prägten und wessen Position zu race und Rassismus den gesellschaftlichen Status bestimmter Afroeuropäer*innen festlegte. Mit einem Verweis auf den afroamerikanischen Schriftsteller Richard Wright stellt Hondius fest: »Rassismus ist hauptsächlich ein weißes Problem, da Weiße die Bedingungen schufen, durch die der Diskurs über race erst aufkam und weiter fortbesteht«.12
Das Leben bestimmter Bevölkerungsgruppen in einem sorgfältig verpackten und wiedererkennbaren Wort wie »Empire« zusammenzufassen oder die eigene Fallstudie auf das Leben eines Individuums zu stützen, hilft uns zu verstehen, dass Exzeptionalismus so spezifische wie komplexe Kontexte umfasst. Das Erkennen dieser Kontexte ermöglicht in den historischen Darstellungen eine umfassende Analyse all der Scheidewege und Unterbrechungen und schafft außerdem Platz für die Untersuchung lokaler und internationaler Entwicklungen. Exzeptionalismus ermöglicht eine ausführliche Auswertung der Spannungen zwischen dem Vergessenen, das am Rande des Diskurses lauert (jene verdrängten oder unerzählten Geschichten), und der Art der Präsentation und Vermittlung von Geschichte aus unterschiedlichen gesellschaftlichen, kulturellen und selbstverständlich politischen Gründen.
Ausnahmegeschichten erfüllen einen Zweck in der Konstruktion von Identitäten. Im Fall der in diesem Band vorgestellten Geschichten von Afroeuropäer*innen sind sie die Ausnahme, weil sie dem Vergessen getrotzt haben und in europäische Berichte aufgenommen wurden. Allerdings existierten viele dieser Geschichten bereits außerhalb der europäischen Hagiografien. Einige bildeten das Herzstück von Schilderungen aus hebräischen, arabischen und aramäischen Zivilisationen. Eine Unmenge jener Geschichten informiert uns über die Natur und das Erbe von Begegnungen zwischen unterschiedlichen Welten. Die folgenden Kapitel reichen von wohlbekannten Individuen, die häufig als einzigartig aufgefasst werden, bis hin zu jenen Kontexten, die Gelegenheit für die Anerkennung und gar das Feiern dieser Individuen boten. Teilweise folgen diese Geschichten einer chronologischen Ordnung, in anderen Fällen erkundet die Erzählung moderne und gegenwärtige Erfahrungen an einem bestimmten Ort, ehe sie frühere Geschichten von Menschen afrikanischer Abstammung in demselben Land oder in derselben Stadt betrachtet. Der chronologische Ansatz hilft uns, historische Veränderungen in ganz Europa und ihre Auswirkungen auf Afroeuropäer jener Zeit zu verstehen, oder auch, wie diese Gruppen von Menschen dazu beigetragen haben könnten, spätere Mentalitäten zu prägen. Die Entscheidung, sich auf bestimmte Orte, Individuen oder Gruppen zu konzentrieren, wurde diktiert von der Zugänglichkeit von Quellen und von der Relevanz dieser Geschichten für heutige Fragen interkulturellen Zusammenwirkens, von Identität und so weiter. Die Episoden reichen vom 3. bis zum 21. Jahrhundert. Dieses Buch basiert auf dem Wissen jener, die zu verschiedenen Aspekten der Lebensgeschichten von Menschen afrikanischer und europäischer Abstammung geforscht haben, und fügt diese Studien auf eine umfassende und neuartige Weise zusammen, die darüber hinausgeht, die Schwarze Präsenz in Europa zu kartografieren, um so in Themen wie Identität, Staatsbürgerschaft, Resilienz und Menschenrechte einzutauchen. Afroeuropäer*innen werden als Reisende definiert und wahrgenommen. Sie sind Weltbürger*innen, was manche Menschen dazu veranlasst hat, sie zu beschuldigen, »Bürger von Nirgendwo«13 zu sein.
Menschenrechte und Staatsbürgerschaft scheinen auf den ersten Blick moderne Konzepte zu sein. Die Rechte von Männern und später die von Frauen sind jedoch von jeher an bestimmte Bedingungen geknüpft gewesen. In Europa ist die Geschichte der Rechte eng verbunden mit politischen, ökonomischen und philosophischen Entwicklungen. Vom antiken Griechenland bis zur Reconquista übte die Frage nach Rechten immer wieder Einfluss auf die europäische Geschichte aus. Doch vom 15. Jahrhundert an, als Europa sich langsam vom Feudalismus entfernte, erwuchs aus ihr ein drängendes Problem. Mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 musste Frankreich die stattgefundene Veränderung und die Forderung der Bevölkerung nach mehr Rechten und Freiheiten anerkennen, worauf auch der Rest Europas rasch folgte. Besonders relevant in dieser Geschichte der Menschenrechte und der Staatsbürgerschaft ist die Frage nach den Rechten außereuropäischer Menschen, deren Körpern lediglich als Werkzeugen zur Erschaffung von Wohlstand Relevanz zugesprochen wurde. Versklavte und afrikanische Körper, die in europäischen Städten kaum geduldet wurden, warfen die Frage nach Zugehörigkeit, Identität und Freiheit auf, wie wir in den nächsten Kapiteln sehen werden. Bei Afrikanern, die in Europa ein gewisses Maß an Freiheit genossen, ging man davon aus, dass sie ihre Rechte und Privilegien verdient oder gewährt bekommen hatten, was sie zu Ausnahmeerscheinungen machte, die sich exklusiver Rechte erfreuen konnten. In einigen Fällen führte diese Exklusivität dazu, in die Mehrheitsgesellschaft aufgenommen zu werden, in anderen sicherte die Anerkennung ihrer Existenz jenen Afroeuropäern jedoch keine allseitige Akzeptanz. Akzeptanz wurde wiederum manchmal durch einen Prozess erreicht, der von ihnen verlangte, ihr Erbe oder eines ihrer Elternteile zu verleugnen. Doch auch dies führte nicht immer zur Inklusion, wie die Erfahrungen zahlreicher Afroeuropäer in Frankreich demonstrieren.
Fragen von Inklusion und Akzeptanz stehen auch in Verbindung mit Themen der Staatsbürgerschaft und mit Integrationsmodellen für Minderheiten in Europa. Frankreichs Assimilationsmodell etwa unterbindet institutionalisierten Rassismus nicht und ändert auch keine rassistischen Mentalitäten auf individueller Ebene. Tatsächlich basiert das französische Assimilationsmodell auf Ansichten, die anti-rassialistisch sind, wie David Theo Goldberg betont:
Antirassismus erfordert ein historisches Gedächtnis, eine Erinnerung an die Bedingungen der rassifizierten Erniedrigung und eine Verknüpfung heutiger mit historischen und lokaler mit globalen Umständen. Wenn ein antirassistisches Engagement Gedenken und Erinnern erfordert, dann legt Antirassialismus Vergessen nahe, ein Darüberhinwegkommen und Weitermachen, ein Wegwischen der Bezeichnungen, bestenfalls (oder schlimmstenfalls) das kommerzialisierte Gedenken anstelle einer Aufarbeitung und Wiedergutmachung der Bedingungen von Erniedrigung und Entwertung.14
Die Erfahrungen von Afroeuropäern in Bezug auf Staatsbürgerschaft und Menschenrechte variieren stark und werden von verschiedenen historischen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Umständen beeinflusst. Verbunden mit diesen Ideen ist eine Vorstellung von Identität, die von Schwankungen anderer Vorstellungen, wie etwa race, Erbe und Kultur, über Zeit und Raum hinweg abhängt. Demzufolge variiert auch die in diesem Buch verwendete Terminologie. Ich werde Begriffe benutzen und zitieren wie etwa Afrikaner, Negroes, Afroamerikaner, Afroeuropäer, mixed race, dual heritage und so weiter; nicht als austauschbare und zeitlose Kategorien, sondern als Wörter, die an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten in der Geschichte Bedeutung tragen.
Der Begriff »Afroeuropäer« ist daher eine Provokation für all jene, die leugnen, dass ein Mensch mehrere Identitäten und sogar Staatsbürgerschaften haben kann, sowie für jene, die behaupten, »farbenblind« zu sein. Er ist auch eine herausfordernde Einladung, neu zu denken, wie wir europäische und afrikanische Geschichten nutzen und lesen und wie wir Begriffe wie Staatsbürgerschaft, gesellschaftlicher Zusammenhalt und Brüderlichkeit definieren, die die Grundlage der heutigen gesellschaftlichen Werte in Europa bilden. Außerdem hinterfragt er die Verwendung solcher Begriffe als Werkzeuge zur Ausgrenzung verschiedener Gruppen. In Europa lebende Afroeuropäer*innen stehen am Scheidepunkt verschiedener sich kreuzender Identitäten. Ebenso angemessen wäre es gewesen, den Begriff »Euroafrikaner*innen« zu verwenden, um auf Menschen afrikanischer Abstammung zu verweisen, die in Europa geboren wurden, aber die meisten von ihnen werden von anderen oder auch von sich selbst als Erstes über ihre Verbindung mit dem afrikanischen Kontinent definiert. Diese Verknüpfung und Identifikation wird in den folgenden Kapiteln näher untersucht. Dieses Buch hat sich zum Ziel gesetzt, über die Zeit und den Raum gespannte Verbindungen zu verstehen, hartnäckige Mythen zu widerlegen und das Leben von Afroeuropäer*innen wiederzuerwecken und zu feiern.
Kapitel eins stellt Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart her, indem es die Geschichte der Begegnungen zwischen Römern und Meroiten, Ägyptern und Äthiopiern in den mediterranen Regionen untersucht. Damit wird ein Licht auf die Vorstellungen des Christentums über arabisch-muslimische Welten und die in den religiösen und ethnischen Identitätskonstruktionen zum Tragen kommenden Dynamiken zwischen dem Jahr 20 vor unserer Zeitrechnung und dem 17. Jahrhundert geworfen. Diese Dynamiken erlaubten es Afroeuropäern wie dem heiligen Mauritius, der Königin von Saba, Kaiser Septimius Severus und anderen, weniger bekannten Individuen, in unterschiedlichen Welten zu existieren.
In Kapitel zwei reisen wir weiter in der Zeit entlang der Mittelmeerküste und entdecken, dass das südliche Europa im 16. Jahrhundert eine beträchtliche Schwarze Bevölkerung aufzuweisen hatte. Einige von ihnen, wie der erste Herzog von Florenz, Alessandro de’ Medici, kamen zu Ruhm, während andere ihr Dasein in Unterwerfung fristeten. Auch wenn einzelne Individuen in Freiheit lebten, war die große Mehrheit versklavt und arbeitete in den ländlichen Gegenden von Italien oder Spanien oder als Hausdiener in wohlhabenden Haushalten. Indem wir anhand des Lebens von Juan Latino und anderen, oftmals namenlosen versklavten Männern und Frauen analysieren, wie verschiedene Gruppen im Europa der Renaissance miteinander interagierten, lässt sich zeigen, wie Konzepte wie Rassismus und Rassialismus konstruiert wurden.
Kapitel drei untersucht das Leben von Afroeuropäern in West- und Mitteleuropa. Europa florierte im 16. und 17. Jahrhundert durch den Handel, und die Beteiligung Westeuropas am transatlantischen Sklavenhandel und an der Plantagensklaverei prägte die Beziehungen zwischen Afrika, Europa und Amerika. Bis zum 18. Jahrhundert hatte der europäische Wettbewerb um Waren und Sklavenmärkte die Beziehung zwischen Europa und Afrika transformiert, wie das Leben des afroniederländischen Geistlichen Jacobus Capitein beispielhaft verdeutlicht. Das 18. Jahrhundert war eine Zeit, in der die Schwarze Präsenz streng kontrolliert und eine wissenschaftliche Klassifizierung verschiedener Spezies herangezogen wurde, um eine rassifizierte Hierarchie zu begründen. Darüber hinaus war es die Ära, in der Schlüsselfiguren wie Joseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges, auftraten und solche Klassifizierungen infrage stellten.
In Kapitel vier richten wir unsere Aufmerksamkeit auf jene, die in Afrika mit afrikanischem und europäischem Elternteil geboren wurden, und auf die Rolle Schwarzer Frauen bei der Herausbildung von Identitäten. Dieses Kapitel behandelt Geschlechterrollen und Handelsinteressen in afrikanischen Küstenstädten. Es untersucht, wie verschiedene europäische Händler sich niederließen, ein Vermögen anhäuften und Kinder von doppelter, afroeuropäischer Abstammung hinterließen. Außerdem analysiert es das Verwischen rassifizierter Hierarchien und Grenzen an Orten, an denen eine europäische Abstammung große ökonomische und gesellschaftliche Vorteile bot, exemplarisch dargestellt am Leben der Signaren in Gorée und Saint Louis in Senegal und der Ga-Frauen in Ghana. Zusätzlich erkundet das Kapitel die Vermächtnisse dieser Geschichten in der heutigen dänischen Gesellschaft.
Kapitel fünf widmet sich den Territorien Brandenburgs als Beispiel für eine historische Amnesie und betrachtet die Prozesse, die zum Erinnern und dann Vergessen der Vergangenheit dieser Region führten und die Deutschland damit gestatteten, sich selbst als »unbefleckt« vom Sklavenhandel darzustellen. Die deutsche Kolonisation Afrikas und insbesondere Kameruns ist allerdings gut dokumentiert, und diese Aufzeichnungen geben uns die Möglichkeit, die Geschichten von Afroeuropäern wie Manga Bell auszuwerten. Afroeuropäische Geschichten sind transkontinental, und es ist wichtig zu sehen, wie sie mit den Geschichten von bedeutenden afroamerikanischen und in der Karibik, in Senegal oder Deutschland geborenen Individuen verwoben sind.
Kapitel sechs befasst sich mit den Wegen von Afroeuropäer*innen im 20. und 21. Jahrhundert und vergleicht die Erfahrungen von Afroitaliener*innen und Afroschwed*innen, insbesondere in Bezug auf die Frage der Staatsbürgerschaft. Das Kapitel setzt seine Erkundung afroeuropäischer Geschichten fort, indem es bekannte Persönlichkeiten wie Abraham Petrowitsch Hannibal und Alexander Puschkin in Russland betrachtet und darlegt, dass Verbindungen zu Afrika keinen positiven gesellschaftlichen Blick auf die Fragen von race und interethnischem Zusammenwirken mit sich bringen mussten. Das Kapitel endet mit einem Beispiel für Widerstand und Resilienz von Afroeuropäer*innen im 20. und 21. Jahrhundert: dem afroniederländischen Wissenschafts- und Graswurzelaktivismus.
Kapitel sieben reflektiert, wie Identitäten und Identitätsmarker im heutigen Europa funktionieren. Das Kapitel führt verschiedene Konzepte zusammen, wie etwa race, Rassismus, Rassialismus, Staatsbürgerschaft, Schwarze radikale Befreiung und Aktivismus. Es betrachtet, inwiefern Gender und insbesondere der Afrofeminismus eine wichtige Rolle bei der Herausbildung afroeuropäischer Identitäten spielen. Außerdem beleuchtet es, wie organisierte Räume geschaffen werden, um zu heilen und Strategien für den Kampf gegen soziale Ungleichheiten zu entwerfen. Dieses Kapitel wirft ein Licht auf die Diskrepanzen innerhalb der Europäischen Union im Umgang mit Diskriminierung, dargestellt am Beispiel von Polizeikontrollen in Spanien oder den Erfahrungen von Afrogriech*innen. Daraufhin würdigt es die umfassende Arbeit, die in Großbritannien zum Thema Afroeuropäer*innen geleistet wurde, und die verschiedenen Wege Schwarzer Briten*innen im 21. Jahrhundert, gegen rassistische Diskriminierung, Ungleichheit und Marginalisierung anzukämpfen. Das Kapitel endet mit der Betrachtung von Gemeinsamkeiten in den Geschichten von Afroeuropäer*innen und zeigt, auf welch unterschiedliche Weise diese in transnationale, europäische, afrikanische und amerikanische Geschichten eingebettet sind.
Während sie Erzählungen von Begegnungen, Erfahrungen und Identitätsbildung aus der Vergangenheit aufdecken, berichten diese Episoden uns auch von den kreativen und rasch hervorgebrachten Antworten der verschiedenen Communitys auf negative Auffassungen gegenüber Menschen afrikanischer Abstammung im Globalen Norden des 21. Jahrhunderts. Heute bauen Afroeuropäer*innen unentwegt transnationale und transkontinentale Allianzen auf, die auf kraftvolle Weise inklusiv sind. Afroeuropäer*innen der Generation Z brennen darauf, die ermächtigenden Geschichten ihrer Vorfahr*innen wiederzubeleben. Sie suchen aktiv nach diesem Wissensschatz, indem sie in virtuellen Lernräumen, Onlinedebatten, Social Media und so weiter aktiv sind. Darüber hinaus erzeugen sie neue Narrative der Resilienz und stürzen sich in einen Aktivismus, der zum Handeln drängt gegen den Klimawandel, für die Gleichstellung der Geschlechter und LGBTQ-Rechte sowie für den Abbau von Rassismus, Islamophobie, Antisemitismus und anderen Formen der Diskriminierung.
Diese Energie und aktive Beteiligung am Kampf für soziale Gerechtigkeit erreichten mit der überwältigenden weltweiten Reaktion auf die Ermordung des Afroamerikaners George Floyd im Mai 2020 einen neuen Höhepunkt. Die von Black Lives Matter angeführten Massendemonstrationen und die darauffolgenden Debatten über Rassismus haben sowohl die Notwendigkeit, das Wissen über die Geschichten von Menschen afrikanischer Abstammung auszuweiten, als auch die Dringlichkeit betont, mit der wir den Unterricht über Kolonialgeschichte im Globalen Norden überarbeiten müssen.
Afrikanische Europäer versteht sich als eine Antwort auf diese Bedürfnisse. Es möchte zahlreiche Geschichten als Ausgangspunkte liefern, um mehr über die Vergangenheit zu erfahren und rassistische Unterdrückung in der Gegenwart abzubauen. Das Buch demonstriert, welch machtvolle, vorwärtsweisende Praxis das interkulturelle Engagement für den Kampf gegen Diskriminierung darstellt. Vor allen Dingen zelebriert es lange zurückreichende Geschichten – afrikanische, europäische und globale – von Zusammenarbeit, Migration, Resilienz und Kreativität, die jahrhundertelang unerzählt geblieben sind.
Das heutige Äthiopien versammelt diverse Geschichten von Exil oder Migration, die über Jahrhunderte zurückreichen. Allerdings kennt man unter Forschenden und Studierenden heute vor allem jene Geschichten, die entweder mit den Königreichen und der Kolonisation oder mit Äthiopiens Rolle in den Weltkriegen im Zusammenhang stehen. Darunter befinden sich auch Geschichten über die italienisch-äthiopischen Kriege. Das Exil des Kaisers Haile Selassie ist ein Beispiel für eine Kolonialgeschichte, die zu einer europäischen Lokalgeschichte wurde – in diesem Fall bezogen auf die englische Stadt Bath in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Italienische und abessinische Streitkräfte zogen im Oktober 1935 gegeneinander in den Kampf, und 1936 wurde die Hauptstadt Äthiopiens, Addis Abeba, von Italiens faschistischen Truppen besetzt. Der regierende Kaiser Haile Selassie musste das Land im selben Jahr verlassen und blieb bis 1941 im Ausland. Selassie ließ sich in Bath nieder und machte die Stadt für einige Jahre zu seinem Zuhause. Man könnte behaupten, er sei für eine Weile zu einem adoptierten Afroeuropäer geworden. Seine Verbundenheit mit Bath war so groß, dass er anlässlich seiner Rückkehr nach Äthiopien seinen Wohnsitz Fairfield House an die Stadt übergab, damit die lokale Community ihn nutzen konnte. Dieses positive Beispiel eines afroeuropäischen Zusammenwirkens ist in Großbritannien in guter Erinnerung geblieben, insbesondere bei der britischen Rastafari-Community in Bath und dem Rest des Landes.15 Diese Gemeinschaft ist zusammen mit den Menschen, die in der unmittelbaren Nachbarschaft des Hauses leben, maßgeblich daran beteiligt, Haile Selassies Haus, seine Geschichte und die Erinnerung an ihn zu bewahren. Die Verbindungen zwischen dem heutigen Äthiopien und Europa – insbesondere Italien – wurden jedoch schon lange vor den Kolonialkriegen im 19. und 20. Jahrhundert geknüpft. Diese Geschichte begann mit der Beziehung zwischen Meroe und Ägypten, speziell zwischen äthiopischen Königinnen und Ägyptens römischem Statthalter im Jahr 23 vor unserer Zeitrechnung.
Die Geschichtsschreibung über das antike nubische Königreich Kusch und seine Hauptstadt Meroe belegt deutlich, dass viele der Begegnungen, die vor Jahrhunderten zwischen Europa und Afrika stattfanden, alles andere als friedlich verliefen. Der griechische Geograf Strabon von Amaseia (ca. 62 vor unserer Zeitrechnung bis 24 unserer Zeitrechnung), Autor der siebzehnbändigen Geographika, die Geschichte und Topografie Tausender Orte umfasst, ist einer der wenigen Erzähler, deren Werk uns detaillierte Schilderungen der Beziehungen zwischen den Kuschiten und dem Römischen Reich liefert. Einer von Strabons in dieser Hinsicht wichtigsten Beiträgen betrifft die Kandaken (oft bekannt als Königinnen von Äthiopien), die gegen die römische Invasion kämpften. In einem seiner Bände schildert er auf bemerkenswerte Weise, wie der Römer Gaius Petronius zum Angriff auf die Stadt Napata, dem königlichen Sitz der Kandake, schritt, nur um festzustellen, dass sie diesen bereits für einen sichereren Stützpunkt verlassen hatte.16 Begleitet von einer Armee aus Tausenden Männern unternahm die Kandake einen Angriff auf die römische Garnison, aber Petronius konnte die Invasion verhindern, indem er die Festung besetzte und sicherte, ehe die Königin und ihre Armee darüber herfielen. Lokale Inschriften haben gezeigt, dass es sich bei dieser Königin aller Wahrscheinlichkeit nach um Amanirenas (regierte ca. 40 bis 10 vor unserer Zeitrechnung) handelte. Von Strabon erfahren wir, dass die Kuschiten römische Siedlungen in Ägypten bedroht hatten. Vor diesem Angriff war es Amanirenas mit Unterstützung des kuschitischen Prinzen Akinidad gelungen, die römischen Truppen in der Stadt Syene und auf den Inseln Elephantine und Philae zu besiegen. Als Reaktion darauf hatte Petronius die Festungsstadt Premnis besetzt und eine Burg erobert, ehe er auf Amanirenas’ Armee traf.
Es folgte eine bemerkenswerte Reihe von Verhandlungen, in deren Verlauf die Kuschiten Gesandte schickten, um sich mit den Römern auseinanderzusetzen. In diesen forderte Petronius, dass die umgestürzte Caesarenstatue wiedererrichtet würde. Irgendwann kapitulierten die Kuschiten. 21 bis 20 vor unserer Zeitrechnung unterzeichneten sie schließlich ein Friedensabkommen. Diese Begegnungen demonstrieren, dass das Römische Reich in bestimmten Teilen des afrikanischen Kontinents gut etabliert war und man die Bewohner*innen dieser Gebiete als Afroeuropäer bezeichnen könnte. Die Episode mit Amanirenas zeigt auch, dass das Machtverhältnis nicht konstant zugunsten des Römischen Reiches ausfiel.
Was Geschlechterrollen angeht, stellen die Geschichten über die Kandaken bestimmte Annahmen infrage. Die Kandaken hatten die meroitischen Königreiche stets tapfer und genauso erbittert verteidigt wie Könige. Auch wenn der Begriff »Kandake« sich auf die Mutter eines Thronerben oder auf eine königliche Ehefrau bezieht, waren diese Frauen selbst Kriegerinnen. Neben Strabons Bericht über Amanirenas finden sich weitere Geschichten in den Schriften des griechischen Historikers Cassius Dio und im Alexanderroman.17 Amanirenas war bei Weitem nicht die einzige Kandake, die bis zum Letzten für die Integrität ihrer Königreiche kämpfte. Die darauffolgenden Kandaken von Kusch, Amanishakhete und Amanitore, traten in ihre Fußstapfen.
Diese Geschichten liefern uns Erkenntnisse darüber, wie die Beziehung zwischen Europa und Afrika im Laufe der Zeit in Gegenden aufgebaut wurde, in denen keine strikte Abgrenzung zwischen den beiden Kontinenten vorherrschte. Der Begriff »Europa« wurde von Händlern, Soldaten und Wissenschaftlern benutzt, wenn diese auf ihre Reisen in verschiedene Gebiete verwiesen, die unserem modernen Verständnis des Kontinents grob entsprechen. Er kam im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung auf und umfasste auch die Regionen rund um die Ägäis. Das Wort »Afrika« hat viele mögliche Etymologien, aber eine der frühsten Verwendungen datiert auf 146 vor unserer Zeitrechnung, als es in dem Begriff »Africa Proconsularis« auftauchte. Dieser bezeichnete eine römische Provinz im heutigen Tunesien, Algerien und Libyen. Der Disput um die Etymologie des Wortes ist deshalb von Bedeutung, weil der Begriff auf einen Stamm zurückgehen soll, der im Norden des Kontinents, auf dem Gebiet des heutigen Libyens, lebte. Wenn das zutrifft, erscheint die von mehreren Gelehrten vorgetragene Hypothese über den lateinischen oder griechischen Ursprung des Namens ideologisch zweifelhaft und romano- oder grecozentrisch. Ungeachtet solcher Debatten definierten die wirtschaftlichen, kriegerischen und politischen Kooperationen, durch die die Bevölkerungen dieser Kontinente miteinander in Kontakt traten, allesamt die geografischen Grenzen ihrer Welt. Sie prägten auch die Wege der verschiedenen historischen Figuren in diesem Buch.
Wenn wir die Geschichte dieser Orte und ihrer Bewohner*innen studieren, nimmt die in dieser Forschung stets präsente Frage nach dem Anderssein unterschiedliche Formen an. Dabei spielen Anderssein und othering (»Verandern«) bei der Abgrenzung geografischer Räume eine wichtige Rolle. Die Regionen, die als Lateinischer Westen bekannt waren, worunter Nordwestafrika, Gallien und Italien fielen, umfassten auch mehrere muslimische Gesellschaften. Im 11. Jahrhundert hatte man diese Gesellschaften jedoch zu Einheiten gruppiert, die die Vielfalt ihrer Glaubensrichtungen und gesellschaftlichen Praktiken verschleierten. Geraldine Heng merkt an, dass zwar Namen wie Agarener, Ismaeliten, Mauren und Sarazenen verwendet wurden, um Araber zu bezeichnen, christliche Araber jedoch nicht auf dieselbe Weise definiert wurden. Der Begriff »Sarazenen« erhielt sich über die Jahre und wurde zusehends mit negativen Eigenschaften belegt.18 Heng behauptet, jene, die aufgrund ihrer Religion als Sarazenen kategorisiert wurden, hätten ihrerseits nicht mit der Homogenisierung aller Christen reagiert, sondern stattdessen die Diversität der vom Christentum geprägten Regionen und Gesellschaften anerkannt. »Die islamische Historiografie in arabischer oder in einer anderen Sprache scheint weiterhin territoriale, nationale und ethnische Unterschiede abgegrenzt zu haben, wenn sie die Europäer als ›Römer, Griechen, Franken, Slawen‹ und so weiter bezeichnete.«19
Der nächste Schritt hin zu einer Rassifizierung vollzog sich in der Zuschreibung bestimmter Charakterzüge für Gruppen von Menschen. Dies wurde mit der Behauptung untermauert, die Geburt des Islam basiere auf einer Lüge und der Prophet sei »ein gerissener, hinterlistiger, ehrgeiziger, habgieriger, unbarmherziger und liederlicher Lügner«.20 Diese den Propheten charakterisierenden negativen Attribute wurden dann auf alle Muslime übertragen. Darstellungen dieser Natur waren im gesamten Mittelmeerraum anzutreffen.21 Im 11. Jahrhundert wurden Muslime entweder als schreckliche Tiere dargestellt, wie im französischen Versepos Rolandslied, oder als anfällig für beschämende sexuelle Ausschweifungen.22
Auch jene, die sich selbst zuerst und zuvorderst als Christen verstanden, schrieben ein Narrativ fort, das die Rassifizierung prägte. Die Kreuzritter, bemerkt Heng, trugen ihre Verbindung zu Christus auf dem Banner, wobei sie sich selbst als »christliche race« betrachteten und definierten. Der Schritt von der Rassifizierung durch Religion zum othering aufgrund der Hautfarbe fand auch in der Literatur statt. Heng führt mit dem mittelenglischen Ritterroman The King of Tars ein vielsagendes Beispiel dafür an. In der Geschichte wird eine hellhäutige Prinzessin gezwungen, zum Islam zu konvertieren und einen muslimischen König zu heiraten. Das aus dieser Verbindung entstandene Kind entpuppt sich als ein Monster, das erst durch die Taufe gerettet und körperlich verwandelt wird. Der als Schwarz bezeichnete Vater wird nach der Taufe ebenfalls weiß und beschließt, seine Untertanen ebenso bekehren zu lassen.23 Interkulturelle Heiraten waren keine rein fiktive Praxis. Erst in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts wurden Ehen zwischen weiblichen europäischen christlichen Adligen und muslimischen Königen weniger üblich. Christliche Sklavinnen wurden jedoch noch immer in Harems gehalten, und zwar mit solcher Regelmäßigkeit, dass fünf der Nasridensultane von Granada versklavte Christinnen als Mütter hatten. Die meisten dieser Frauen waren entweder während islamischer Eroberungen versklavt oder durch einen Sklavenhändler verschleppt worden, der speziell nach Frauen mit weißer Haut Ausschau hielt.24 Die Händler kamen aus verschiedensten Regionen: Die Wikinger versklavten und verkauften irische Menschen, die Engländer verkauften Menschen an die Franken, und die Venezianer handelten mit Menschen aus Zentraleuropa. Einige dieser versklavten Menschen landeten in den Regionen entlang des Mittelmeers, und eine große Anzahl von ihnen wurde nach Ägypten gebracht.25 Die Vorstellung von Afroeuropäern erhält also eine andere Bedeutung, wenn wir die Herkunft und die Bewegungslinien aller Personen dieser Gruppe bedenken.
In derselben Periode lieferten die Europäer auch Jungen, die ursprünglich aus Zentraleuropa, Eurasien und dem Kaukasus stammten, an die islamischen Herrscher. Die auf diesem Wege Verschleppten wurden dazu erzogen, sich den Streitkräften anzuschließen, die hauptsächlich aus versklavten Personen bestanden. Die von ihnen gebildete Truppe war bekannt als Mamluken. Im Laufe der Zeit stiegen sie zu Mitgliedern einer elitären Gruppe auf, die ihre eigenen Mamluken kaufen und Sklavinnen heiraten konnten, welche aus ihrem Heimatland kamen oder wiederum Töchter von Mamluken waren, wodurch sie eine »militärische race« erschufen.26 Heng demonstriert, in welchem Umfang das vormoderne Ägypten von muslimischen tscherkessischen Mamluken bestimmt wurde. Innerhalb weniger Jahrhunderte wurden sie zu den Herrschern Ägyptens und setzten eine strenge Trennung durch zwischen ihnen selbst, als eine einzigartige Kategorie von Menschen aus dem Kaukasus, und anderen ethnischen Gruppen, wobei Ehen über diese ethnischen Grenzen hinweg verboten waren. Die Nützlichkeit der Mamluken war unbestreitbar. Sie waren ethnisch unterscheidbare, skrupellose Krieger, deren Präsenz im neuzeitlichen Ägypten gefördert wurde. Reisende aus dem 15. Jahrhundert liefern Berichte über in Kairo lebende Mamluken aus Ungarn, Deutschland und Italien.27 Allerdings verwischten die Mitglieder dieser Gruppe durch ihre bloße Existenz die rassifizierenden Markierungen, die Europäer und Afrikaner größtenteils charakterisieren. Nach heutigen Begriffen waren sie weiße afrikanische Muslime europäischer Abstammung.
Die Mamluken waren nicht die einzigen Soldaten, die Grenzen überschritten und verschiedene Welten beeinflussten. Die Legende des heiligen Mauritius liefert uns eine interessante Linse, durch die wir die menschliche Geografie besser begreifen können. Im 3. Jahrhundert war die römische Präsenz in der Gegend von Theben durch die Eingliederung eroberter Bevölkerungen in die römische Armee gestärkt worden. Ihr Einfluss weitete sich in den Süden aus, und das Erbe jener Ära nimmt verschiedene Formen an. Die Figur des heiligen Mauritius ist in dieser Hinsicht besonders aufschlussreich. Eine der berühmtesten Darstellungen von Mauritius findet sich in Form einer Statue im Dom von Magdeburg. Die Statue stammt aus dem 13. Jahrhundert, lange nach der Lebenszeit des heiligen Mauritius im 3. Jahrhundert.
Zu begreifen, wie Mauritius als Heiliger bekannt wurde, wirft ein Licht auf die Herausbildung der europäischen Hagiografie. Außerdem liefert es uns interessante Informationen über den Platz, den Heilige in der mittelalterlichen Kunst einnahmen. Die Geschichte des heiligen Mauritius wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Über die Jahrhunderte erreichte er den Status einer Legende, dennoch kennen Historiker*innen nur sehr wenige Details seines früheren Lebens, ehe er sich den römischen Truppen anschloss. Man geht davon aus, dass Mauritius im Umkreis des heutigen Ägyptens geboren wurde und sich bei der an der heutigen sudanesischen Grenze stationierten Thebaischen Legion meldete. Angeblich wurde er damit beauftragt, als Kommandeur der römischen Truppen einen Aufstand in Gallien niederzuschlagen. Dabei sollte er sichergehen, dass seine Truppen vor der Schlacht ihren Verpflichtungen gegenüber dem Gott Jupiter nachkamen, wie es von allen römischen Soldaten erwartet wurde.28 Zunächst willigte er ein, änderte dann jedoch seine Meinung, weil er sich sträubte, an der Christenverfolgung teilzunehmen. Kaiser Maximian sandte daraufhin Truppen zur Verhaftung von Mauritius und dessen loyalsten Soldaten. Sie alle wurden im Jahr 287 hingerichtet. Die Ursprünge des Heiligen sind Inhalt umfassender Forschungstätigkeiten gewesen. Die meisten Arbeiten betrachten eher die Transformation der Legende im Laufe der Zeit, eine bescheidenere Anzahl von Untersuchungen studiert jedoch auch ihre Grundlage.
Den Ausgangspunkt dieser Geschichte stellt ein um 450 verfasster Brief von Bischof Eucherius von Lyon an einen anderen Bischof namens Salvius dar. Eucherius berichtete von den thebaischen Soldaten, die auf Befehl Maximians in den Alpen ermordet worden seien.29 Die Richtigkeit dieser Darstellung ist jedoch angezweifelt worden. Denis van Berchem weist darauf hin, dass es einen Soldaten namens Mauritius von Apameia gegeben habe, dessen Märtyrertod in Syrien fälschlicherweise mit der Unterdrückung eines Aufstands in Gallien unter Maximians Herrschaft vermischt wurde. Diese Geschichte hätte mit der des Mauritius von Theben verwechselt worden sein können.30 Weitere Erklärungen finden sich in militärhistorischen Werken. Die von Eucherius erwähnte Thebaische Legion könnte in die Irre geführt haben – er schreibt von Thebaei, was der Name einer speziellen italienischen militärischen Einheit im 4. Jahrhundert war.31 Von Eucherius erfahren wir auch, dass die ursprüngliche Geschichte von Theodor stammte, der im späten 4. Jahrhundert Bischof von Octodurum war. Eucherius nahm Theodors Geschichte und machte sie zu seiner eigenen. Historiker*innen vermuten, der Bericht über Mauritius könnte eine von Theodor erschaffene politische Legende gewesen sein, die Menschen dazu ermuntern sollte, gegen Usurpatoren zu rebellieren.32 Eine Verbindung zu Theben (Thebais) wird zumindest durch in Ägypten nahe Syene (dem heutigen Assuan) gefundene Inschriften untermauert, die von thebaischen Soldaten unter dem Kommando eines Mauritius ausgeführte Taten um 367–375 dokumentieren. Es wäre nicht weiter ungewöhnlich, hätte man denselben Mauritius mit seinen Truppen nach Norden in Richtung Osteuropa geschickt. Die Legende von Mauritius verbreitete sich ebenfalls in Richtung Norden und erreichte das Rheintal, wo sie in die dortigen Regionalgeschichten Einzug fand.
Um zu verstehen, wie die Legende nordwärts reiste, müssen wir betrachten, auf welche Weise politische und religiöse Bestrebungen die Geschichte dieses Raums veränderten. Auf die Erosion des Römischen Reiches und die Invasion der römisch regierten Provinzen durch die Goten, die Langobarden und die Franken folgte im Zuge der Thronbesteigung Karls des Großen im Jahr 800 eine Phase relativer Stabilität. Nach Karls Tod wurden seine Territorien in jene Gebiete aufgeteilt, die heute in etwa Frankreich und Deutschland entsprechen. Das Ostreich expandierte in den folgenden dreihundert Jahren bis an die Südspitze Italiens, blieb aber durch Machtkämpfe geprägt, die König Friedrich II. – König von Sizilien, selbsternannter König von Jerusalem und von 1220 an Kaiser des Heiligen Römischen Reiches – durch Verwaltungsreformen teilweise zu befrieden vermochte. Er bleibt aber auch in Erinnerung als ein kosmopolitischer Monarch, der Juden, Türken, Araber und Afrikaner an seinem Hof willkommen geheißen haben soll. Seine Reise durch die germanische Region des Reiches im Jahr 1235 soll aufgrund der beträchtlichen Anzahl an afrikanischen Soldaten in seiner Armee Aufsehen erregt haben.33 Friedrich ernannte gar den Afrikaner Johannes Morus zum Kämmerer des Königreichs Sizilien.34 Schwarze Musiker, Bedienstete und hochrangige Gäste dürften zu dieser Zeit neben der Legende vom heiligen Mauritius den europäischen Blick auf Afrikaner beeinflusst und neu definiert haben. Die afrikanische Präsenz an europäischen Höfen während der Kreuzzüge war vom Umfang her bescheiden, aber beständig und dauerhaft genug, um erinnert und auf verschiedenen Gemälden dargestellt zu werden. Effrosyni Zacharopoulou gibt jedoch zu bedenken, dass dieser eher positive Blick auf den Einfluss von Mauritius und anderen Schwarzen Menschen an den europäischen Höfen nicht eine andere Realität verschleiern sollte: Dass einzelne Gelehrte und angesehene Gäste die Macht der christlichen Kirche akzeptierten und erkannten, änderte nichts daran, dass das christliche Äthiopien, nur weil es sich dem Einfluss Roms entzog, durch den Papst und die Kardinäle mit dem Verdikt der Häresie belegt wurde. Das christliche Nubien gelangte 1323 schließlich unter die Herrschaft eines von den Mamluken unterstützten muslimischen Königs.35
In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts tauchten Darstellungen von Mauritius dem Afrikaner im von Kaiser Otto I. beherrschten Norden auf. Der Kaiser, auch bekannt als Otto der Große, besiegte 955 die Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfeld und begann eine Bekehrungskampagne, die später mit der Gründung des Erzbistums von Magdeburg eine entscheidende Wende nahm. Durch das Aufstellen einer Statue des heiligen Mauritius im 13. Jahrhundert unterstrich der Magdeburger Dom seinen Stellenwert als Knotenpunkt und spirituelles Zentrum für die Expansion und Zelebrierung des christlichen Glaubens sowie als ein machtvolles Symbol für den Status der römischen Kirche. Der heilige Mauritius, mittlerweile ein Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches, stand für das, was noch kommen würde. Abgesehen von solchen religiösen und politischen Erwägungen sollte Magdeburg auch zu einem Mittelpunkt für Landwirtschaft und Handel werden. Die Figur des Mauritius im Kettenhemd mit einer Reproduktion der Heiligen Lanze in der Hand, einem Emblem der Reichsinsignien, sollte die von den europäischen Rittern des Mittelalters verkörperten Traditionen beschützen. Seine afrikanischen Züge stellten für Zeitgenoss*innen kein Problem dar, da er Ausdruck der grenzüberschreitenden gemeinsamen Werte war, die durch das starke Römische Reich verkörpert wurden. Der Schutzheilige war so beliebt, dass der Name Mauritius auch unter den herrschenden Eliten in Mode kam und Erstgeborene häufig nach ihm benannt wurden. Auch Stadtzentren und verschiedene andere Orte nahmen den Namen Mauritius an.36
In allen Darstellungen wird Mauritius als Afrikaner gezeigt, und seine Züge wurden bewahrt. Stefan Lochners Altarbild Dreikönigsaltar (ca. 1440, Köln), Rogier van der Weydens Bladelin-Altar (1452–55) und später Albrecht Dürers Anbetung der Könige (1504) bringen die Geschichte der Heiligen Drei Könige mit der Figur des heiligen Mauritius zusammen. Auf jedem dieser Gemälde ist einer der drei Könige ein Berber, ein Maure oder ein Schwarzer Afrikaner. Die Anbetung der Könige und jene von Mauritius verbinden sich in Lochners Gemälde, auf dem ein Afrikaner zu sehen ist, der eine »Mauritius-Flagge«37 hält. Balthasar erscheint auf mehreren Gemälden im 16. Jahrhundert als Schwarzer König, darunter in den Werken von Bartholomäus Bruyn dem Älteren und anderen Meistern, während der heilige Mauritius in Matthias Grünewalds Erasmus-Mauritius-Tafel (ca. 1520–25) erneut auftaucht. Die Verehrung sowohl Mauritius’ als auch der Heiligen Drei Könige hielt an und führte zu zahlreichen lokalen Darstellungen dieser Figuren in deutschen Regionen. Später schritt Magdeburg erneut voran, als die Stadt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf Weisung Kardinal Albrechts von Brandenburg eine Büste von Fidis, der imaginären Schwester des heiligen Mauritius, anfertigen ließ.
Diese Darstellungen von Herkunft, äußerer Erscheinung und Hautfarbe in den mittelalterlichen und frühmodernen Künsten könnten als Hinweis auf eine Akzeptanz des Anderen interpretiert werden. Parallel zu solchen Darstellungen schien die Gleichsetzung von »schwarz« mit »böse« eher mit moralischen Vorstellungen zusammenzuhängen als mit Schwarzen Afrikanern. Allerdings verschob sich die Wahrnehmung in der nun anbrechenden Ära. Wissenschaftler*innen haben argumentiert, die im 19. Jahrhundert definierte Vorstellung von race sei bereits im Mittelalter hervorgebracht worden. David Theo Goldberg behauptete, am Ende des Mittelalters sei
race eher im Entstehen begriffen [gewesen], ohne bereits voll ausgebildet zu sein, und wurde in den Anfängen der nationalen Entwicklung vermehrt zur Flankierung der Nationenbildung heraufbeschworen. Damals bildete sich ein rassifizierendes Bewusstsein aus einer Mischung – die von diesem später wohl übernommen, wenn nicht gar ersetzt wurde – aus öffentlicher religiöser Verfassung, der Symbolik und Beschaffenheitsvorstellung des Blutes, den naturalisierenden Traditionen – der Metaphysik – von hierarchischen Ketten des Seins und den ontologischen Ordnungen in Bezug auf eine angeblich vererbbare Vernunft.38
Andere Forscher*innen haben bemerkt, dass auch eine Stadt wie Nürnberg, die im 15. und 16. Jahrhundert eine lebendige Entwicklung auf dem Gebiet der Technik, der Mathematik und der Navigation erlebte, paradoxerweise von einer relativ konservativen religiösen Interpretation der Geschichte und der Herangehensweise an sie beherrscht wurde. Man ging davon aus, die Weltbevölkerung sei in mehrere Hauptteile aufgespalten, die ihre Existenz der Abstammungslinie Noahs verdankten. So glaubten beispielsweise viele, Noahs Sohn Ham, der den nackten Körper seines Vaters sah und daraufhin mit einem Fluch belegt wurde, sei der Vorvater aller Nordafrikaner. Allerdings verband man seine Hautfarbe nicht mit einer Vorstellung von Unterlegenheit. Dürers Porträt eines Afrikaners (1508) und Porträt der Afrikanerin Katherina (1521) sind deswegen künstlerische Leistungen, weil der Zeichner in der Lage war, die Nuancen der Gesichtsausdrücke von Afrikanern festzuhalten, die sich zuvor oftmals nur durch die Färbung ihrer Gesichtszüge unterschieden. Der Zusammenhang, der zwischen »böse« und »schwarz« hergestellt wurde, war zwar offensichtlich, aber böse Charaktere wurden im 16. Jahrhundert nicht notwendigerweise mit afrikanischen Gesichtszügen dargestellt.
Dennoch regulierte das mittelalterliche Europa die Leben jener, die es als »anders« und als eine Gefahr für die Mehrheitsgesellschaft ansah, wie nicht zuletzt die gut dokumentierte Verfolgung der jüdischen Gemeinden im Mittelalter demonstriert. In England wurde beispielsweise eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, die die jüdische Gemeinde sichtbarer machen sollten. 1215 verlangte die englische Kirche, dass Juden und Muslime Kleidung trugen, die sie von Christen unterschied. Ab 1218 mussten Juden ein Abzeichen tragen. 1222 wurde dann eine überarbeitete Version jenes Abzeichens verpflichtend, das die englische Obrigkeit geschaffen hatte, und 1290 waren sie schließlich gezwungen, England zu verlassen. Man lastete der jüdischen Gemeinde Ritualmorde an christlichen Kindern an, wobei sich Hinweise auf jene Rituale in fiktiven Geschichten fanden, die häufig mit der Realität vermischt wurden und verheerende Auswirkungen für Juden hatten. Beispielsweise wurden 1255 nach dem tödlichen Unfall eines kleinen Jungen 91 Juden gefangen genommen und einer von ihnen auf Befehl von König Heinrich III. hingerichtet. Auch wurde die jüdische Gemeinde durch die Vorstellung physischer Attribute verändert, wie dargestellt in den King’s Remembrancer Memoranda Rolls.39 Die offiziellen Schriftrollen präsentierten die Juden als eine erkennbare Gemeinschaft, die anhand von »jüdischen Gesichtern«, die stark an Karikaturen erinnerten, identifiziert werden könne.
Geraldine Heng betont, dass die Frage der race grundlegend für die Herausbildung einer europäischen Identität war. Sie stellt fest, dass das kulturelle Schaffen in der mittelalterlichen Periode mit dieser Herausbildung im Einklang stand. Zum Beispiel zeigten mappae mundi aus dem 13. Jahrhundert, wie etwa die Hereford-Karte, nicht nur Orte, sondern auch Gegenstände, Tiere und Menschen. Ihre Darstellungen von Europa sind charakterisiert durch städtische Zentren, Kathedralen und Beispiele von Stadtplanung, während diese im Rest der Welt auffällig fehlen. Asien und Afrika sind dagegen bevölkert von Ungeheuern, Menschen mit sichtbaren Gebrechen und Kreaturen, die teils Tier, teils Mensch sind, sowie von »Troglodyten, Kynokephalen, Skiapoden« und anderen Bevölkerungen, die für Europäer als abscheulich galten.40 Die Europäer wurden jedoch auch keineswegs als eine homogene Gruppe angesehen, die die Vorzüge eines höheren Intellekts genoss. Irland und seine Bewohner*innen stellte man als eine niedere race dar, die eine starke Hand benötige, um sich zu bessern. Heng weist darauf hin, dass in der Prämoderne und der Moderne verschiedene Ausgestaltungen von race und auf race basierenden Hierarchien existierten. Das mittelalterliche England hatte spezifische Ansichten über seine Nachbarn.
Karikiert als ein primitives Land – ein unentwickelter Globaler Süden westlich von England –, wurde Irland dementsprechend positioniert als ein Projekt, das evolutionärer Verbesserung und Anleitung bedurfte, um die ›wilden Iren‹ zu zwingen, […] eines Tages aus ihrem barbarischen Kokon herauszutreten in einen Zustand aufgeklärter Zivilisation.41
Die Farbe Schwarz als ein einheitliches Merkmal, das Unterlegenheit sowie die Hässlichkeit der menschlichen Erfahrungen auf der Erde repräsentierte, war ein Bestandteil der christlichen Vorstellungen von Gut, Böse und der rettenden Aussicht auf Erlösung durch die Sühne für die eigenen Sünden. Afrikanische Menschen waren Schwarz oder hatten dunkle Haut. Sie hatten die Farbe des Bösen, konnten jedoch Buße tun, Rettung erfahren und gar zu Schutzheiligen werden. Die Darstellung von Afrikanern variierte stark zwischen verschiedenen Schauplätzen in Europa. Eine der Fassaden der Kathedrale Notre-Dame in der französischen Stadt Rouen zeigt eindeutig die Hinrichtung von Johannes dem Täufer durch einen Afrikaner. Das Bildnis stammt aus dem Jahr 1260. Es bildet einen starken Kontrast zu Die Enthauptung Johannes des Täufers, einem Gemälde Caravaggios aus dem Jahr 1608, auf dem ein weißer Mann zu sehen ist, der nach einem Messer hinter seinem Rücken greift, während er den Kopf des Heiligen auf den Fußboden drückt.
Gleichzeitig tauchten Schwarze Heilige im 12. und 13. Jahrhundert in ganz Europa auf, insbesondere in Form von Skulpturen. Erin Kathleen Rowe hat das Aufkommen und die Bedeutung Schwarzer Heiliger in der mittelalterlichen und frühmodernen Kirche untersucht und sich dabei besonders den Schwarzen Madonnen wie etwa Unseren Lieben Frauen von Montserrat, Guadalupe, Tindari und Le Puy gewidmet.42 Die Entstehung dieser Heiligenbilder ist Thema langer Debatten unter Wissenschaftler*innen gewesen. Während einige behaupten, die Madonnen seien ursprünglich weiß gewesen, im Laufe der Zeit habe Zersetzung aber die Originalfarbe verändert, erklären andere, dass jene Heiligen nach der Veränderung ihrer Farbe auch als Schwarze Jungfrau Maria verehrt wurden. Weitere Forscher*innen gehen davon aus, die Madonnen seien bewusst Schwarz erschaffen worden, während andere Versionen der Maria weiß mit schwarzen Händen seien, um die Verwandlung von der Sünderin zur Heiligen zu symbolisieren, den Kampf aller Gläubigen und die transformative Kraft der katholischen Kirche – oder einfach, dass spirituelle Schönheit auch mit »weniger ästhetisch ansprechender« Schwarzer Haut einhergehen konnte.43 Rowe demonstriert, dass diesen weiblichen Darstellungen tatsächlich bereits in der Spätantike männliche Schwarze Heilige vorausgegangen waren. Im 4. Jahrhundert in Abessinien geboren, wurde Moses, auch bekannt als Moses der Schwarze, der Äthiopier und so weiter, zu einer wichtigen Figur in Westkastilien. Sein früheres Leben als Dieb und Sünder wurde genutzt, um zu zeigen, wie ein Schwarzer Mann weiß und gerettet werden konnte, nachdem er Buße getan hatte. Rowe begutachtet die sorgfältige Bearbeitung von Moses’ Geschichte und legt nahe:
Die Autoren nutzten die Erzählung, um eine bestimmte Sicht auf die Ästhetik des Schwarzseins zu stärken, und ihre Entscheidung, Moses’ Leben zu einem Narrativ über das Schwarzsein, über Demut und Selbstverleugnung zu simplifizieren, unterstrich den geringeren Status – und gar die geringere Menschlichkeit – des Heiligen. Die hier widerhallenden Themen – Vorurteile gegenüber schwarzer Haut, die Verbindung von Schwarzer Heiligkeit mit übermäßiger Demut, das Zusammenspiel von Innerem und Äußerem – fand sich auch in den frühmodernen Hagiografien Schwarzer Heiliger wieder.44
Ein langsamer Wandel trat ein, als viele Europäer öfter mit Afrikanern in Kontakt kamen. Geschichten über die Rolle des äthiopischen Priesters Johannes, ein legendärer König, der über eine östliche christliche Nation geherrscht haben soll, fanden Verbreitung und boten eine hoffnungsvolle Grundlage für die Ausweitung des Christentums. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nahm die Repräsentation Schwarzer Heiliger eine neue Wendung. Vorstellungen über das Schwarzsein von Sündern, wie es in den Skulpturen von Schwarzen Heiligen dargestellt wurde, oder die Anerkennung der Rolle Schwarzer Figuren wie den Heiligen Drei Königen als Grundlage des Christentums wurden allmählich durch eine weltlichere Schwarze Präsenz ersetzt. Auslöser dafür waren das Knüpfen von Verbindungen zwischen äthiopischen Mönchen und Rom, Konstanz und Florenz und die Möglichkeiten von Allianzen zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche, die von Papst Eugen IV. unterstützt wurden.45 Im 16. Jahrhundert sah Südeuropa das Aufkommen einer ganzen Reihe von Schwarzen Heiligen, darunter die sizilianischen Franziskaner Benedikt von Palermo und Antonio da Noto.
Benedikt von Palermo, auch bekannt als Benedetto da San Fratello oder Benedictus de San Philadelphio, wurde als Kind subsaharischer Eltern in Sizilien geboren. Seine Mutter war eine freie Frau, sein Vater dagegen ein versklavter Afrikaner. Beide waren fromme Christen und erzogen ihre Kinder dazu, sich an christliche Werte zu halten und der Kirche ergeben zu sein. Infolgedessen wurde der junge Benedikt zu einem Eremiten und schloss sich dann einer franziskanischen Bruderschaft an, ehe er in ein Kloster in der Nähe von Palermo eintrat.46
