Agenda Mensch - Claus Hipp - E-Book

Agenda Mensch E-Book

Claus Hipp

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Beschreibung

Der vielbeschworene «Generationenvertrag» gilt nicht mehr. Bald wird jeder Arbeitnehmer einen Rentner finanzieren müssen – dass das nicht möglich ist, liegt auf der Hand. Dabei sind beide betrogen, die Alten wie die Jungen. Denn immer mehr ältere Menschen werden aus dem Arbeitsleben gedrängt, wir verzichten auf ein ungeheueres Potenzial an Wissen und Schaffenskraft. Zugleich bringen wir die Jungen in eine Opferrolle und zerstören ihre Zukunftsperspektive. Ihr Bedürfnis nach guter Bildung und Ausbildung wird ebenso wenig respektiert wie das der Älteren, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Statt eines sozialen Grundkonsenses herrscht ein Hauen und Stechen, bei dem jeder nur an sich denkt – und damit erheblich zu kurz. Claus Hipp, erfolgreicher Unternehmer und praktizierender Katholik, zeigt in seinem Buch, warum wir einen neuen Generationenvertrag brauchen. Anhand vieler Beispiele schildert er, wie Gier, Egoismus und Elitenwahn uns in eine soziale Sackgasse manövriert haben – und wie es uns gelingen kann, in Deutschland wieder eine solidarische Gemeinschaft zu schaffen, die Abschied nimmt von purem Profitdenken. Ein leidenschaftliches Buch eines Unternehmers, der sich dem ökologisch nachhaltigen Wirtschaften ebenso verpflichtet fühlt wie dem Kampf für eine gerechte Gesellschaft.

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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Claus Hipp

Agenda Mensch

Warum wir einen neuen Generationenvertrag brauchen

Inhaltsverzeichnis

Wer sich im Alter wärmen will, muss sich in der Jugend einen Ofen bauen

I. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht

II. Kurze Verteidigung der sozialen Marktwirtschaft – auch gegen ihre falschen Propheten

Man muss nicht mehr schlachten, als man salzen kann

Warum Gier und blinder Egoismus die soziale Marktwirtschaft ruinieren

Fehlt es am Wind, so greife zum Ruder

Leistung, Eigenverantwortung und Solidarität – richtig verstanden

III. Eine Charta für die junge Generation: Chancengerechtigkeit durch umfassende Bildung

Was Hänschen nicht lernt ...

Schluss mit den Lippenbekenntnissen in der Bildungspolitik!

Wenn du schnell ans Ziel willst, gehe langsam

Der junge Mensch braucht Zeit zum Reifen

Gefährlich wird es, wenn die Dummen fleißig werden

Warum Ausbildung allein keine Bildung ist

IV. Eine Charta für die aktive Generation: Leistungsgerechtigkeit und Förderung der Familie

Eigener Herd ist Goldes wert

Über die Renaissance der Familie als gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Leistungsträger

Je mehr Gesetz, je weniger Recht

Wir brauchen weniger Regulierung – und mehr Menschen, die sich an die Regeln halten

Im Steueralmanach ist keine rote Schrift

Bemerkungen über den Unterschied von Steuersenkung und Steuervereinfachung

V. Eine Charta für die ältere Generation: Anerkennung der Lebensleistung und Wertschätzung der Lebensweisheit

Neue Besen kehren gut – aber die alten kennen die Winkel

Lebenserfahrung als Sozialkapital, mit dem sich wuchern lässt

Das beste Altersheim ist die Familie

Die traditionelle Mehrgenerationen-Gemeinschaft als Lebensmodell

Es ist unmöglich, dass ein Mensch gut sei,

außer er stehe im rechten Bezug zum Gemeinwohl.

Thomas von Aquin

Wer sich im Alter wärmen will, muss sich in der Jugend einen Ofen bauen

Lernen, Leisten, Helfen– Der Dreiklang der Vita activa

Nach einem Jahrhundert schwerer innerer Krisen, die seinem Aufstieg zur beherrschenden Macht des Mittelmeerraums vorausgegangen waren, erlebte Rom unter Augustus eine lange Phase des Friedens. Vor und während der Zeit der Römischen Bürgerkriege zwischen 130 und 30 vor Christus war eine kleine Schicht von Landbesitzern durch Eroberungen, Sklaverei und Geldgeschäfte sehr reich geworden, wogegen große Teile der kleinbäuerlichen Landbevölkerung verarmten. Während der Pax Romana genossen die Bürger Roms, Italiens sowie der meisten Provinzen des Reiches dagegen Stabilität und allgemeinen Wohlstand. Wirtschaft, Kunst und Kultur blühten auf. Allerdings kam es zu einem starken Geburtenrückgang – ein Phänomen, das in der Geschichte sonst nur in Verbindung mit Naturkatastrophen, Seuchen oder Kriegen auftrat. Bis im Zeitalter der Industrialisierung erneut der Wohlstand zu- und die Zahl der Kinder zugleich abnahm.

Augustus versuchte den Bevölkerungsrückgang seinerzeit mit drastischen Maßnahmen zu stoppen. Männer zwischen dem 25. und dem 60.Lebensjahr, Frauen zwischen 20 und 50Jahren wurden gesetzlich zur Eheschließung verpflichtet. Wer nicht verheiratet war, musste eine Geldstrafe zahlen. Frauen mit drei oder mehr Kindern genossen dafür Privilegien: So durften sie etwa besondere Kleider tragen, und sie waren nicht länger der Autorität ihres Gatten, des pater familias, unterworfen. Die stramm konservative Familienpolitik des Kaisers zeitigte freilich wenig Erfolg. Kurzfristig konnte er den Rückgang der Bevölkerung ebenso wenig verhindern wie deren relative Überalterung. Erst in den Jahrzehnten, die seiner Herrschaft folgten, stieg die Zahl der Geburten wieder.

Auch der demographische Wandel in Europa, Nordamerika und Japan ist eine Folge wachsenden Wohlstands. Um die Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert sorgten vor allem Fortschritte in der Hygiene, der Medizin und der Bildung dafür, dass nahezu jedes Kind die Chance hatte, erwachsen zu werden. Danach sank in allen industrialisierten Ländern die Zahl der Geburten pro Frau zunächst von etwa sechs bis sieben auf zwei bis drei, ab Mitte des 20.Jahrhunderts dann auf 1,4 bis 1,9.Zudem übersteigt seit Anfang der siebziger Jahre die Zahl der jährlichen Sterbefälle jene der Geburten. Folge: In nahezu allen Industrieländern schrumpft die Bevölkerung und wird im Schnitt älter. Und ähnlich wie zu Augustus’ Zeiten ist die Politik gegen diese Entwicklung machtlos.

Wir müssen damit rechnen, dass jede künftige Generation um ein Drittel weniger Kinder haben wird. Der vielbeschworene «Generationenvertrag» gilt deshalb nicht mehr. Weil unsere Gesellschaft zunehmend überaltert, müssen künftig immer mehr Ruheständler von immer weniger Berufstätigen versorgt werden. Ebenso werden der Wirtschaft in absehbarer Zeit junge, gut ausgebildete Arbeitskräfte fehlen. Damit droht auch ein Mangel an neuen Impulsen und Ideen. Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft könnten erlahmen. Zugleich drängen wir immer noch viel zu viele Menschen jenseits der Lebensmitte aus dem Arbeitsleben. Damit verzichten wir wider alle Vernunft auf ein riesiges Potenzial an Wissen und Schaffenskraft.

Schlimmer noch: Weil wir zur selben Zeit international den Anschluss in der Bildung verloren haben, hindern wir auch noch die jungen Menschen am Vorwärtskommen. Statt ihre Leistungsfähigkeit und ihre Talente zu fördern und zu fordern, machen wir allzu viele zu gefühlten «Verlierern», die kaum noch eine Chance sehen, zum Wohlstand unserer Gesellschaft etwas Sinnvolles beizutragen. Immer mehr junge Menschen verlassen die Schule ohne Abschluss oder mit einer mangelhaften Grundbildung. Es sind diese schon oftmals am Beginn ihres Erwachsenenlebens schlecht vorbereiteten Menschen, die als Erste in die Arbeitslosigkeit geraten. Statt in ihre Bildung zu investieren, muss die Bürgergemeinschaft dann phasenweise oder sogar auf Dauer für ihren Unterhalt aufkommen. Schon wirtschaftlich können wir uns das nicht leisten. Menschlich ist es ein unverzeihliches Versagen, weil diesen Menschen mit ihrem dringend notwendigen Leistungsbeitrag zugleich Lebenssinn und soziale Anerkennung versagt bleiben.

Hier sehe ich eine Schieflage in den aktuellen Debatten um die Reform unserer Sozialversicherungen, um Deregulierung, Steuerpolitik und andere ordnungspolitische Rahmenbedingungen von Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Wir sprechen viel von System- und Finanzierungsfragen, aber sehr wenig von den Menschen. So wichtig Erstere sind – Wohlstand und Zukunft einer Gesellschaft hängen im Wesentlichen davon ab, dass jeder Mensch den für ihn besten Platz im Gesamtgefüge finden kann, dass jeder das Gefühl hat, sein Bestmögliches für die anderen geben und dafür ein Höchstmaß an Wohlstand und Anerkennung erhalten zu können.

So, wie wir viel von abstrakten «Lösungen», «Maßnahmen» oder «Strukturen» statt von den Menschen und ihren konkreten Lebensumständen sprechen, so pflegen wir auch eine seltsame Vorliebe für die Sollseite eine ganzen Reihe anderer Begriffspaare. Wir gewichten das Eigeninteresse stärker als das Allgemeininteresse. Wenn wir etwas Neues anfangen oder etwas Gewohntes verändern wollen oder müssen, dann betonen wir vorzugsweise die Risiken, statt auf die Chancen zu sehen. Egal ob im persönlichen Alltag oder bei der Beurteilung des Weltgeschehens, wir hegen oft genug mehr Sorgen als Hoffnungen. Oder wir fürchten mehr die Krankheit, als dass wir aktiv etwas für unsere Gesundheit täten. Wir beklagen den Mangel an dem, was wir gerade nicht haben, statt uns lieber an dem zu freuen, was wir haben. Schließlich und endlich legen wir übermäßigen Wert auf das Materielle und vergessen darüber die wesentlichen geistigen Dimensionen des Daseins.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Auch nicht von anderen Konsumgütern und käuflichen Freizeitvergnügungen. Gewiss, echter materieller Mangel beschneidet die Entfaltungschancen des Einzelnen. Vieles von dem, was wir uns leisten können oder wollen ist sicher auch schön und gut. Manch anderes mag eher verzichtbar sein. Wichtig sind dagegen Kunst, Musik, Literatur und all jene «Dinge», die unsere geistige Neugier und unsere spirituelle Sehnsucht anregen und befriedigen.

Lebensqualität ist natürlich etwas ganz Individuelles. Dem einen macht dies Freude, dem anderen das. Deshalb sollten wir jedem zunächst einmal von Herzen gönnen, was er sich leistet. Aber es ist eben ein Unterschied, ob einer all das hat, was er braucht, oder ob jemand versucht, all das zu bekommen, was er will. Der menschliche Wille ist immer grenzenlos, das wusste schon der Philosoph Aristoteles. Er erkannte auch als Erster, dass die an sich völlig abstrakte Geldgier quasi der perfekte, weil durch äußere Umstände kaum zu bremsende Ausdruck der Maßlosigkeit unsere Wünsche und Begierden ist. Dass sie deshalb umso mehr durch Vernunft und Sitte gezügelt werden muss.

Doch zugleich ist unsere beständige Unzufriedenheit mit dem, was ist, ein Motor des Fortschritts. So gesehen gehört der Wille, mehr zu haben, der Wunsch, dass es mir und den Meinen künftig bessergeht, zu unserer Wirtschaft wie das Amen zur Kirche. Sie lebt von diesem Willen. Gerade deshalb braucht jeder Einzelne aber umso mehr die Fähigkeit, ja die Tugend des Maßhaltens. Wir müssen eben manchmal auch mit dem auskommen, was uns tatsächlich im Moment zur Verfügung steht. Wir sollten immer überlegen: Brauche ich das jetzt oder brauche ich es nicht? Wofür ist diese oder jene Sache gut? Was nützt sie mir – und was nützt sie anderen? Wem schade ich unter Umständen damit? Wer dagegen Dinge nur um ihrer selbst willen, gar nur wegen ihres Prestigewertes erstrebt, der begibt sich in ein totes Rennen, ein Rennen zudem, das in einer ziellosen Abhängigkeit endet und nicht in der erhofften Freiheit.

Im Übrigen hat die übermäßige Neigung zum materiellen Konsum und zum Verdienen im Hier und Jetzt auch ganz praktisch eine lähmende Folge: Wir denken zu wenig an Investition und Innovation – und zu wenig ans Dienen, an das Leisten für andere. Nicht zuletzt deshalb hat in den letzten zwanzig Jahren oftmals das schnelle Geld eine größere Rolle gespielt als das Bemühen um langfristige Prosperität – sei es nun die der eigenen Lebensumstände, die eines Unternehmens oder die der Wirtschaft insgesamt. Dass der Finanzsektor, dessen Aufgabe es eigentlich ist, Investitionen, Innovationen und Produktion zu ermöglichen, eine derart dominierende Stellung gegenüber der Realwirtschaft erlangen konnte, ist nur die volkswirtschaftlich sichtbarste und zugleich dramatischste Folgewirkung dieser falschen, kurzsichtigen Perspektive.

In allen genannten Punkten stehen Umkehr und Neuorientierung auf der Tagesordnung. Die großen Themen der Zukunft lauten Leistungsgerechtigkeit, Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Wir dürfen nicht länger nur den Moment sehen. In einer Gesellschaft des langen Lebens müssen wir vielmehr langfristig denken und stets unsere ganze Lebensspanne im Auge haben. Wir müssen Vorsorge betreiben und Kapital bilden. Dabei ist wirtschaftliche beziehungsweise finanzielle Vorsorge ein sicher notwendiger, aber wohl nicht einmal der entscheidende Aspekt. Viel wichtiger sind Vorsorge und Kapitalbildung in einem erweiterten, menschlichen und sozialen Sinne:

Wir müssen soziales Vertrauenskapital bilden. Das geht nicht ohne Ehrlichkeit und Fairness im gesellschaftlichen, also auch im wirtschaftlichen Miteinander. Und es geht nicht ohne klare Werteorientierung.

Wir müssen menschliche Beziehungsvorsorge betreiben. In deren Mittelpunkt sollte immer die Familie stehen. Wer dagegen – aus welchen Gründen auch immer – keine eigene Familie (mehr) hat, der muss sich eine suchen. Er muss sich umso mehr um lebenslang tragfähige Freundschaften bemühen. Dazu gehört, rechtzeitig das Dienen zu lernen. Denn wer sich in seinen jungen und erwachsenen Jahren oder in guten Zeiten immer nur nimmt, der darf im Alter, in der Not oder bei Krankheit nicht erwarten, dass andere für ihn da sein werden. Insofern sind die zahlreichen Werke der Barmherzigkeit, die jeder jederzeit vollbringen kann, auch eine Form der Vorsorge. Nicht im Sinne eines kleinlich berechnenden «Wie ich dir, so du mir». Aber in dem Sinne, in dem keine menschliche Gesellschaft auf Dauer bestehen kann, wenn die Menschen nicht bereit sind, füreinander etwas zu leisten, sich gegenseitig zu dienen.

Wir müssen schließlich Sinnvorräte anlegen, von denen wir in allen Phasen unseres Lebens zehren können: Wissen, Ideen, geistige Interessen, die uns immer wieder neu beflügeln. Das beginnt damit, dass sich jeder um die für ihn bestmögliche Bildung bemüht und sein Leben lang bereit ist dazuzulernen. Dazu gehört, sich bereits in seinen aktiven Jahren zu überlegen, was man im Alter tun will. Und es endet nicht damit, sich um einen möglichst wenig abrupten, flexiblen Übergang zwischen Beruf und Ruhestand zu kümmern.

Wenn ich mit diesem Buch Vorschläge für eine «Agenda Mensch» mache, dann spreche ich gleichzeitig aus drei Perspektiven. Die erste ist die des engagierten Bürgers, der sich um den Zusammenhalt und die gedeihliche Zukunft unserer Gesellschaft sorgt. Meine Meinungen, Vorschläge und vermutlich auch meine Irrtümer aus dieser Perspektive gelten nicht mehr und nicht weniger als die jedes anderen möglichst gut informierten Zeitgenossen.

Meine zweite Perspektive ist die des Unternehmers, der sich sowohl in seiner privatwirtschaftlichen als auch in seiner gesellschaftlichen Verantwortung sieht. Als solcher wünsche ich mir, möglichst viele Leute verstünden erst einmal richtig die Spielregeln der sozialen Marktwirtschaft, bevor sie «das System» oder «die Gier» von Managern und Banken kritisieren – und weitreichende Eingriffe des Staates in die Wirtschaft fordern. Nur wer versteht, wie die soziale Marktwirtschaft wirklich funktioniert, der wird erkennen, warum viele ihrer gegenwärtigen Probleme schlechterdings nichts mit einem Versagen ihrer Grundprinzipien, dafür umso mehr mit deren zeitweiser Nichtbeachtung zu tun haben.

Die dritte Perspektive ist die des gläubigen Christen. Als solcher bin ich überzeugt, dass Gott den Menschen auf eine sehr bestimmte Weise in den Mittelpunkt seiner Schöpfung gestellt hat: um sie weise, umsichtig und nachhaltig zu verwalten, nicht um sie rücksichtslos und eigennützig auszubeuten. Und damit er für seine Mitmenschen wie für seine Nachkommen Sorge trägt – auf dass sie in gleicher Weise wie er selbst an der Schönheit, der Vielfalt und dem Reichtum dieser Welt teilhaben können. Glaube ist gleichzeitig ein Akt des Willens und der Demut: Ich gebe zu, dass mein Wissen begrenzt ist. Ich halte etwas für wahr, das ich nicht weiß, sonst wäre es ja Wissen. Ich bin von etwas überzeugt, das ich nicht sehe. Gerade deshalb kann ich mich immer an Gott orientieren. Er ist der höchste und letzte Maßstab meiner Verantwortung – als Mensch, als Bürger, als Unternehmer, als Christ. Denn ich bin überzeugt, dass wir alle einmal Rechenschaft ablegen müssen. Und da werden wir gewiss nicht danach beurteilt werden, wie viel Geld wir verdient und besessen haben, sondern danach, was wir aus den uns zur Verfügung stehenden Mitteln gemacht haben. Mitnehmen können wir nichts.

I.

Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht

Grundrisse eines neuen Generationenvertrages

«Kinder kriejen die Leute sowwisoo!»

Mit diesem Satz in jovial-rheinischem Tonfall wischte Konrad Adenauer die Bedenken der Fachleute beiseite, als 1957 die umlagefinanzierte Rente eingeführt wurde. Seitdem zahlen in Deutschland die aktiven Erwerbstätigen die Altersbezüge all jener, die aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Deren Höhe hängt von den im Laufe des Lebens eingezahlten Beiträgen und damit vom insgesamt erzielten Arbeitslohn ab. Die Beiträge der gegenwärtigen Rentner dagegen wurden nicht angespart, sondern bereits an die vorhergehende Generation ausgezahlt. Laufende Rentenerhöhungen orientierten sich zunächst an der durchschnittlichen Entwicklung der Bruttolöhne, später der Nettolöhne.

Schon damals warnten die meisten Experten vor den möglichen Risiken des Systemwechsels von der kapitalgedeckten zur umlagefinanzierten Rente. Sollten künftige Alterskohorten merklich größer oder kleiner sein, dann entstünden große Ungleichgewichte – die Anzahl der berufstätigen Beitragszahler könne sinken, während die der Rentenempfänger gleichzeitig steigt.

Genau so ist es gekommen. Bis 1971 wurden in der alten Bundesrepublik jährlich über 1Million Kinder geboren; die geburtenstärksten Jahrgänge 1961 bis 1966 zählten deutlich über 1,3Millionen. Die Zahl der Geburten pro 1000Einwohner lag zwischen 17 und 18 – statt, wie heute, bei 8.Und der Geburtenüberschuss betrug durchschnittlich 450000 pro Jahr. Dann kam der berühmt-berüchtigte «Pillenknick». Seit etwa 1969/​70 sank die Zahl der Geburten dramatisch, auf zuletzt etwa 650000.Bestätigt sich diese vorläufige Schätzung, dann wurden 2009 in Deutschland so wenige Kinder wie noch nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs geboren. Seit 1972 übersteigt zudem die Zahl der Todesfälle Jahr für Jahr die Zahl der Geburten.

In der ehemaligen DDR setzte der Geburtenrückgang schon Mitte der sechziger Jahre ein, und nur kurz konnte die Staatsführung in den Siebzigern den Trend mit umfassenden Förderprogrammen für Familien mit Kindern umdrehen. Nach der Wiedervereinigung und den damit verbundenen wirtschaftlichen Umbrüchen sank die Geburtenziffer in den neuen Ländern auf den historischen Tiefstand von 0,77: Jede dritte Frau zwischen Rostock und Dresden blieb in den Jahren nach der Wende kinderlos. Heute haben sich Ost und West weitgehend angeglichen. Frauen in Deutschland bekommen im Schnitt 1,4Kinder. Um die Bevölkerungszahl stabil zu halten, bräuchten wir aber 2,1Kinder pro Frau.

Nicht ganz so dramatisch stellt sich die Entwicklung dar, wenn man statt Kalenderjahren die Geburtsjahrgänge betrachtet. Die Generation der heute vierzig- bis fünfzigjährigen Frauen hat – und zwar in Ost- wie in Westdeutschland – im Schnitt 1,6Kinder bekommen. Wie sich die Geburtenzahlen der in den siebziger und achtziger Jahren Geborenen entwickeln werden, ist noch nicht vollständig absehbar. Denn Frauen bekommen heute nicht nur weniger Kinder, sie bringen diese auch deutlich später zur Welt.

Alle spitzfindige Zahlenklauberei ändert freilich nichts an der grundsätzlichen Entwicklung: Die deutsche Bevölkerung schrumpft und altert. Stellt man den Altersaufbau unserer Gesellschaft graphisch dar, dann bilden jene Balken, die die überproportional große Altersgruppe der heute Vierzig- bis Sechzigjährigen repräsentieren, dicke Ausbuchtungen in der Mitte. Und da die Lebenserwartung weiter steigen wird, wandern diese Ausbuchtungen in den kommenden Jahrzehnten nach oben. Die Alterspyramide ist zum Pilz geworden, dessen Stängel immer länger und dessen Hut immer schwerer wird. Vor allem ab 2020 wird die Zahl der über 65-Jährigen stark ansteigen – dann erreichen die geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter. 2008 waren 17Prozent der Bundesbürger 65Jahre und älter. 2060 wird fast jeder dritte Deutsche in Rente sein. Diese Entwicklung erschüttert unser System der finanziellen Absicherung im Alter. Der vielbeschworene Generationenvertrag zwischen Jung und Alt, Erwerbstätigen und Rentnern gilt nicht mehr.

Von heute aus gesehen lässt sich daher feststellen: Ob es die soziale Marktwirtschaft war, die Westbindung, die deutsch-französische Aussöhnung oder der Anstoß zur Gründung der EWG, des Vorläufers der heutigen EU – kaum jemand in Deutschland bestreitet heute, dass die wesentlichen Grundentscheidungen Adenauers und seiner damaligen Regierungsmehrheit richtig waren. Doch in der Frage des Rentensystems hat die gesellschaftliche Entwicklung den Kanzler widerlegt: Die Menschen bekommen eben nicht «sowieso» Kinder. Einer der bedeutendsten Befürworter der damaligen Reform, der 1991 verstorbene Jesuitenpater und Vordenker der katholischen Soziallehre, Professor Oswald von Nell-Breuning, hat diesen Irrtum als einer der wenigen offen zugegeben. Er gestand ein, dass es eine Illusion war zu glauben, das Umlagesystem sei unter allen Bedingungen finanzierbar. Mutig forderte er deshalb die Politik zur mindestens teilweisen Abkehr von diesem Erbe der Ära Adenauer auf. Heute wissen wir im Grunde alle: Ein grundlegender Wandel bei der Rentenfinanzierung ist unvermeidlich. Doch vielen Bürgern fehlt noch der Mut, das nicht nur sich selbst im Stillen, sondern auch öffentlich einzugestehen. Und der Politik fehlt dementsprechend der Mut zu den notwendigen tiefgreifenden Reformen.

Die Zahl, mit der sich die wirtschaftlichen Folgewirkungen des demographischen Umbruchs am besten erfassen lässt, ist der sogenannte Altersquotient (AQ): Er gibt das Verhältnis von Personen im Rentenalter zur erwerbsfähigen Bevölkerung an. Legt man, was der heutigen Realität durchaus entspricht, ein durchschnittliches Renteneintrittsalter von 60Jahren zugrunde und definiert die erwerbsfähige Bevölkerung als 20- bis 59-jährig, dann ergibt sich laut Berechnungen des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 1995 ein AQ von 0,37, für 2001 von 0,44.Für die Jahre ab 2020 könnte dieser Wert bei 0,55 liegen, 2030 bei 0,71 und 2050 gar bei 0,78.Sprich: 2020 finanzieren zwei Erwerbsfähige eine Rente, 2050 wären es nur noch knapp eineinhalb. Und da nicht jeder erwerbsfähige Bürger auch tatsächlich erwerbstätig ist, wird praktisch ein Arbeitnehmer für einen Rentner sorgen müssen. Jedes Kind versteht, dass das selbst bei kräftigster Steigerung der Arbeitsproduktivität nicht funktionieren kann.

Diese Entwicklung vollzieht sich keineswegs nur in Deutschland – das Schrumpfen der Bevölkerung und ihre relative Überalterung sind bei uns nur besonders stark ausgeprägt. Doch mehr oder weniger lässt sich der Trend in allen wirtschaftlich entwickelten Ländern beobachten. Im Schnitt wird sich der Bevölkerungsanteil der Rentnerinnen und Rentner dort in den nächsten vierzig Jahren überall verdoppeln.

Gleichzeitig wird die Gesamtbevölkerung in Deutschland schrumpfen. Im günstigsten Fall werden 2050 in der Bundesrepublik 74Millionen Menschen leben, möglicherweise werden es auch unter 69Millionen sein. Gegenüber der heutigen Einwohnerzahl von 82,2Millionen wäre dies ein Rückgang um rund 16Prozent.

Nun muss eine schrumpfende Bevölkerung an sich kein Problem sein, zumal in einem der am dichtesten besiedelten Länder der Erde. Doch zwei Herausforderungen werden wir uns stellen müssen: Zum einen wird das Tempo dieser Veränderung Wirtschaft und Gesellschaft große Anpassungsleistungen abverlangen. Zum Zweiten müssen wir neue Lösungen finden, um das aus der Balance geratende Verhältnis zwischen berufstätiger und nicht berufstätiger Bevölkerung wieder ins Lot zu bringen. Das sollte uns mehr Sorgen machen als unsinnige Befürchtungen, «die Deutschen» würden «aussterben». Denn auf Dauer werden nicht immer mehr Ruheständler von immer weniger Berufstätigen wirtschaftlich getragen werden können. Dass Menschen im Alter finanziell abgesichert sind, ist, neben der möglichst langen Erhaltung der Gesundheit, eines der wichtigsten Güter in unserer Gesellschaft. Weder finanziell noch sozial, geschweige denn menschlich, können wir es uns deshalb erlauben, die Verlässlichkeit der Rente aufs Spiel zu setzen.

Wenn der Generationenvertrag bricht, werden wir alle die Betrogenen sein. Es würde unserer Wohlstandsgesellschaft hohnsprechen, wenn wir die Senioren von morgen sehenden Auges in die Altersarmut abgleiten ließen. Immer mehr Menschen jenseits der Lebensmitte aus dem Arbeitsleben zu verdrängen, das können wir uns eigentlich schon heute nicht mehr leisten – weder auf ihren Leistungsbeitrag noch auf ihr ungeheures Potenzial an Wissen und Schaffenskraft können wir verzichten. Ebenso wenig können wir es uns erlauben, zu viele junge Menschen ohne hinreichende Qualifikation, und damit ohne gute Chancen für ihr Vorwärtskommen, zurückzulassen. Die Bildungsverlierer von heute wären die wirtschaftlich Abhängigen von morgen. Statt ihre Fähigkeiten zum Wohle der Gesamtheit einbringen zu können, wären sie auf den Sozialstaat angewiesen – unter Umständen sogar dauerhaft. Und nicht zuletzt: Wir dürfen nicht weiter tatenlos zusehen, wie Abertausende hochqualifizierter Akademiker aus Deutschland abwandern, während wir uns gleichzeitig gegenüber der Welt abschotten.

Mit einem Wort: Wir brauchen einen umfassenden neuen Generationenvertrag. Viele Details dieses Vertrages mögen noch umstritten sein. Doch seine Grundzüge sind meiner Meinung nach klar. Wenn ich diese im Folgenden skizziere, muss ich durchaus auch ein paar bittere Wahrheiten aussprechen. Doch vielleicht sind sie bei genauerem Hinsehen gar nicht so bitter. Denn manches, was in der öffentlichen Diskussion immer wie eine Drohung klingt, bietet auf der anderen Seite große Chancen. Und wo ein allgegenwärtiger Sozialstaat zusammen mit der gebenden auch die nehmende Hand ein wenig zurückzieht, da entstehen neue Freiheiten der Lebensgestaltung.

Wir müssen mehr arbeiten

Zuerst: Wir werden länger arbeiten müssen, und ein höherer Prozentsatz der Bevölkerung sollte erwerbstätig sein. Die Wochenarbeitszeiten werden wir zumindest nicht weiter verkürzen können – und unsere Lebensarbeitszeit wird sich wieder verlängern. Dazu muss zunächst der tatsächliche Renteneintritt wieder näher an jenen heranrücken, der heute nur auf dem Papier steht. Das heißt: Wir müssen endgültig Schluss machen mit der ein Vierteljahrhundert geübten Praxis, die Frühverrentung als Verschiebebahnhof für den Arbeitsmarkt zu missbrauchen. Wir müssen stattdessen längere und möglichst flexible Übergangsfristen zwischen vollständiger Erwerbstätigkeit und Ruhestand schaffen.

Wie alle entwickelten Industrieländer ist auch Deutschland heute eine Gesellschaft des langen Lebens. Das «Alter», was immer man darunter verstehen will, ist keine Phase von wenigen Jahren mehr, sondern unter Umständen von zwei Jahrzehnten und mehr – es bildet einen eigenen, relativ langen Lebensabschnitt, in dem die Menschen Aufgaben brauchen, die ihnen das Gefühl geben, weiterhin Sinnvolles für die Gemeinschaft zu leisten. Der Ruhestand bleibt gewiss auch in Zukunft wohlverdient. Aber er darf nicht länger schlagartig und vollständig mit dem Glockenschlag des 60., 65. oder 67.Geburtstages einsetzen. Und er muss sinnvoll ausgefüllt werden. Dazu sind nicht nur technische und finanzielle Reformen bei der Rente nötig. Was wir brauchen, ist im Grunde eine neue Lebenskunst für den dritten Lebensabschnitt. Sicher ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass jeder im Alter ohne wirtschaftliche Sorgen leben kann. Aber ihr wesentlicher Kern wird die Fähigkeit jedes Einzelnen sein, mehr Sorge für sich selbst zu tragen.

Das heißt: Jeder muss sich darum kümmern, dass er auch im Alter gut und sinnvoll leben kann. Hier geht es um weit mehr als um Geld. Jeder Mensch sollte das Bestmögliche für die Erhaltung seiner körperlichen und geistigen Gesundheit tun. Jeder Mensch sollte vielfältige kulturelle Interessen pflegen, die ihm sein Leben lang Freude, Inspiration und Sinn spenden. Und mehr denn je muss der Mensch sich im Zeitalter des Individualismus intensiv um den Aufbau und den Erhalt dauerhafter menschlicher Beziehungen bemühen. Wir alle fürchten die möglichen Geißeln des Alters: Armut, Krankheit, Perspektivlosigkeit und Einsamkeit. Dabei liegt es großenteils an jedem selbst, sich rechtzeitig auf die Suche nach dem vierblättrigen Kleeblatt eines erfüllten Lebens zu machen: Wohlstand– Gesundheit– Lebensfreude– Familie und Freundschaft. Ich selbst halte auch noch dessen Wurzel für wichtig: den Glauben.

Doch zurück zu ein paar nüchternen Fakten. 1900 lag die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mannes in Deutschland bei mageren 44,8Jahren, die einer Frau bei 48,3Jahren. Die 1891 eingeführte Rentenversicherung zahlte aber erst ab dem siebzigsten Lebensjahr eine Rente. Als 1916 das Renteneintrittsalter auf 65Jahre gesenkt wurde, verdoppelte sich zwar auf einen Schlag die Zahl der Rentenempfänger. Rein versicherungsmathematisch blieb es gleichwohl ein kalkulierbares «Risiko», dass die Menschen das Rentenalter überhaupt erreichten. Im Jahre 1957, als das Umlageverfahren eingeführt wurde, hatten Frauen eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa 72, Männer von 67Jahren. Statistisch gesehen bezogen die Deutschen also weniger als zehn Jahre lang eine Rente.

Seitdem öffnet sich die Schere immer weiter: Das tatsächliche Rentenalter sinkt, die Lebenserwartung hingegen steigt kontinuierlich an. Heute liegt sie bei Frauen im Schnitt bei 81Jahren, bei Männern bei 75Jahren. Bis 2050 wird sie voraussichtlich auf circa 86 bzw. 81Jahre ansteigen. Während früher durchschnittliche Lebenserwartung und Rentenalter nicht weit auseinanderlagen, erleben Rentner und vor allem Rentnerinnen ihren Ruhestand heute noch fünfzehn bis zwanzig Jahre lang. Da ist es längst nicht mehr nur die Frage, ob die Menschen ein paar Jahre mehr oder weniger Beiträge zahlen oder Renten beziehen. Die Frage ist, bildlich gesprochen, ob es Menschen über zwei Jahrzehnte ausfüllt, Rosen zu züchten, sich ab und an um die Enkel zu kümmern oder beim Arzt zu sitzen.

Ebendeshalb ist es gerade keine Einschränkung unserer Lebensqualität, wenn wir künftig wieder länger arbeiten müssen. Denn das heißt nicht: länger schuften. Es bedeutet, länger etwas Sinnvolles für sich selbst und die Gesellschaft tun zu können. Es heißt nicht: zwei oder fünf Jahre länger in der Mühle zu stecken, sondern bedeutet, selbstverantwortlich den gleitenden Übergang zwischen Arbeit und Ruhestand zu gestalten. Dasjenige zu tun und so viel zu arbeiten, was und wie es einem selbst sinnvoll und zumutbar erscheint.

Das durchschnittliche Renteneintrittsalter beträgt derzeit 63,2Jahre. Nur ein gutes Drittel aller Arbeitnehmer hört erst mit 65 zu arbeiten auf. In Berufsgruppen, die besonders belastet sind, etwa Bauarbeiter oder Krankenschwestern, gehen verständlicherweise viele schon mit 57 bis 60Jahren in Rente. Doch die Beschäftigungsquote in Deutschland, das heißt der Anteil der Menschen mit einer versicherungspflichtigen Stelle, sinkt bereits ab Mitte fünfzig rapide. Bei den 55- bis 58-Jährigen stehen noch knapp 40Prozent voll im Berufsleben. Bei den 58- bis 63-Jährigen sinkt die Quote auf gut 26Prozent, danach auf rund 7Prozent. Wenn wir künftig gute Chancen haben, neunzig zu werden, dann kann das so nicht bleiben. Nur zum Vergleich: Die Beschäftigungsquote liegt in Deutschland insgesamt bei 69,4Prozent.

Natürlich wird in einer alternden Gesellschaft auch die Anzahl chronisch kranker oder pflegebedürftiger Menschen zunehmen. Krankenversicherung und Gesundheitswesen stehen deshalb ebenso vor neuen Herausforderungen. Doch gleichzeitig ändert sich das Bild vom Alter. Nicht dass der lange gepflegte Jugendkult mit den Generationen des Rock ’n’ Roll, Beat, Pop oder Punk nun bruchlos in die reiferen Jahrgänge überschwappen würde. Doch allmählich verschwinden die «Seniorenteller» schon von den Speisekarten. Denn kaum einer will sein Schnitzel noch mit Altersdiskriminierung als Beilage bestellen. Statt überwiegend für Treppenlifte wird in Zeitschriften für reifere Zielgruppen verstärkt für Kreuzfahrten geworben. Und aus der «Generation Kukident» sind im Marketing-Englisch längst die «Best Ager», «Master Consumer» und «Silver Surfer» geworden.

Kein Wunder: Die Menschen bleiben länger als früher aktiv. Viel mehr Leute achten bewusst auf ihre Gesundheit und treiben auch im sechsten, siebten oder achten Lebensjahrzehnt Sport. Die Hobbys der reiferen Jahrgänge beschränken sich nicht mehr allein auf Haus und Garten, sondern decken beinahe das gesamte Spektrum von Freizeitaktivitäten ab. Ruheständler reisen heute öfter und weiter. Und sie engagieren sich auf vielfältige Weise sozial. Vor allem aber: Ein steigender Prozentsatz der Arbeitnehmer übt anspruchsvolle geistige Tätigkeiten aus. Insgesamt bleiben die Menschen im Kopf länger beweglich als früher. Befürchtungen in der Wirtschaft, ältere Mitarbeiter könnten das heutige Tempo von Wandel und Innovation nicht mithalten, haben sich nicht bestätigt.

Beim Thema «Rente mit 67» wird ja oft der Eindruck erweckt, noch der letzte schwer schuftende Arbeiter solle bis zum Umfallen Beiträge zahlen. Das ist natürlich Unsinn. Fluggesellschaften schicken ihre Piloten mit 55 in Pension, die Bergbau-Knappschaften zahlen einem Kumpel unter bestimmten Umständen schon ab 50Rente, und keine Krankenschwester muss bis 65 schwer pflegebedürftige Menschen heben. Immer wird es Fälle geben, in denen Menschen früher mit der Arbeit aufhören müssen oder aufhören wollen. Manche Tätigkeit ist körperlich oder seelisch besonders belastend. Und manch einer ist eben auch zufrieden, wenn er sich ab 63 ganz seiner Leidenschaft für Bridge oder seiner Briefmarkensammlung widmen kann.

Aber wenn wir älter werden und dabei länger gesund bleiben, dann bleiben wir auch länger leistungsfähig. Es gibt genügend Tätigkeiten, die Menschen sehr gut in einem Alter ausüben können, das wir heute noch als Rentenalter definieren. So jammern wir oft, dass es zu wenige Lehrer gibt – dabei gibt es viele, die mit 65 aufhören müssen, obwohl sie gerne bereit wären, länger zu unterrichten, und sei es nur zeitweise. Ich selbst habe lange Jahre Kunstunterricht erteilt, meist in der Abiturklasse. Aber mit 65 fiel für mich das Pensionierungs-Fallbeil. Und was war die Folge? Der Kunstunterricht an meiner damaligen Schule wurde gestrichen! Dabei hätte ich gerne weiter unterrichtet. Dagegen kann ich an der Kunstakademie auch nach der offiziellen Emeritierung weiter lehren, wie alle Professoren.

Also: Einige möchten sicher mit 65 aufhören zu arbeiten, manche vielleicht auch früher. Andere dagegen wollen weiterhin etwas tun, sei es in Vollzeit, sei es in Teilzeit oder sei es in anderen Aufgabenbereichen. Dass wir ältere Arbeitnehmer systematisch zugunsten jüngerer in den Vorruhestand abschieben, das wird uns schon sehr bald wie ein Märchen aus dem Mittelalter vorkommen. Stattdessen müssen wir einen ganzen Strauß an Möglichkeiten für flexible Übergänge schaffen. Wer mit 65 aufhören will, der soll das ohne finanzielle Sanktionen tun dürfen. Wer leistungsbereit und leistungsfähig ist, der sollte freiwillig arbeiten können, solange er will, und zwar in selbstbestimmtem Umfang.

Selbstverständlich würde ich als Unternehmer solchen Worten gerne Taten folgen lassen. Tatsächlich holen wir denn auch gelegentlich für bestimmte Aufgaben erfahrene Kräfte aus dem Ruhestand zurück. Aber die Gesetze können wir natürlich nicht umschreiben. Kehrt jemand in eine Teilzeit-Tätigkeit zurück, dann wird ihm so viel von der Rente abgezogen, dass es sich finanziell für ihn kaum lohnt. Folglich muss die Motivation fast allein aus der Sache kommen. Und wo das so ist – wunderbar! Doch mit größeren wirtschaftlichen Anreizen könnten wir mehr erfahrene Ex-Mitarbeiterinnen und Ex-Mitarbeiter dafür interessieren, länger im Unternehmen mitzuwirken, ihr Wissen und ihre Erfahrung weiter einzubringen. Derzeit versickern da leider große Produktivitätsreserven. Meine ganz konkrete Forderung lautet deshalb: Die Zuverdienstgrenzen für Rentner müssen dringend erhöht werden.

Immerhin stimmt bei Hipp die Mischung: Wir haben viele junge Leute, unter anderem, weil wir stets über den eigenen Bedarf hinaus ausbilden. Aber wir haben auch viele langjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wohl gehen die meisten bei uns zwischen 62 und 65 in Rente, da liegen wir ganz im Durchschnitt. Aber nicht wenige unserer Ruheständler haben bei uns schon als Lehrlinge angefangen. Wir sind ein klassisches Familienunternehmen, und das heißt auch: Unsere Mitarbeiter sind eine Art Familie. Deshalb würden wir die Ausgeschiedenen gerne enger an uns binden als nur im Rahmen festlicher Anlässe oder gelegentlicher Besuche. Immerhin können unsere ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mittags zum Essen in die Firma kommen. So fühlen sie sich weiter dazugehörig – und kommen entsprechend gerne. Weiter gehende Rahmenbedingungen können wir als Unternehmen kaum schaffen. Wir können sie uns, siehe das Thema Zuverdienst, nur wünschen.

Wir müssen unser Rentensystem umstellen

Dafür müssen wir nichts neu erfinden. Aber wir müssen dringend die bewährten Teile des Systems neu austarieren. Mit technischen Korrekturen an der Rentenformel ist es dabei nicht getan, ebenso wenig wie mit der an sich richtigen, aber leider völlig isoliert beschlossenen Anhebung des Rentenalters auf 67.Es geht auch überhaupt nicht um «Rentenkürzungen». Gerade dieser ständig lauernde, aber falsche Verdacht ist es, der die Politik in dieser Frage so mutlos macht. Denn obwohl jede vernünftige Reform lange Übergangsphasen einschließen würde, wird die Diskussion immer sofort ins Licht der Tagespolitik gezerrt. Und obwohl ein Systemwechsel ausschließlich künftige Rentnergenerationen beträfe, regiert die Angst, sich mit den Rentnern von heute, einer starken Wählergruppe, anzulegen. Von daher wären die Verantwortlichen gut beraten, nicht immer nur an komplizierten Details herumzulaborieren, sondern eine klare Vision für ein zukunftsfähiges System zu formulieren. Die Riester-Rente war da ein guter und richtiger Ansatz – leider halbherzig umgesetzt und unzureichend weiterentwickelt.

Der seit langem absehbare demographische Wandel hat uns gezeigt, dass eine reine Umlagefinanzierung nicht mehr funktionieren wird. Dagegen hat uns die Finanzkrise der Jahre 2008/​2009 gelehrt, dass die jahrelang einseitig propagierte Kapitaldeckung ebenso wenig der Königsweg zu einer verlässlichen Alterssicherung ist. Plötzliche Zusammenbrüche der Aktienmärkte oder wacklige Staatsanleihen passen einfach nicht dazu, dass Menschen auf Jahre und Jahrzehnte sicher planen können, wie viel Geld ihnen im Alter Monat für Monat zur Verfügung stehen wird. Die Lösung ist im Grundsatz ein ausbalanciertes Drei-Säulen-Modell aus umlagefinanzierter Rente, betrieblicher Alterssicherung und privater Vorsorge.

Für die Grundsicherung im Alter muss es eine allgemeine und umlagefinanzierte Basisrente geben. Diese ließe sich im Prinzip sowohl in Gestalt der heutigen, beitragsfinanzierten Rentenversicherung organisieren als auch in Form einer steuerfinanzierten Grundrente. Ich persönlich halte Ersteres für vernünftiger. Allerdings muss in diese Versicherung, so wie etwa in der Schweiz, dann auch jeder einzahlen: auch der Unternehmer, auch der Spitzenverdiener, auch der Beamte (eine Neuregelung der staatlichen Pensionen wäre freilich ein Thema für sich). Die für alle Bewohner der Schweiz, wohlgemerkt nicht nur für deren Staatsbürger, verbindliche staatliche Rentenversicherung kassiert einen sehr bescheidenen Beitrag. Dafür ist auch die Rente später nur eine Grundsicherung. Doch wird keiner behaupten wollen, die Schweizer seien ein armes, geknechtetes Volk, das in einem unsozialen Staat lebt.

Damit die Rente zugleich die Leistung eines jeden im Laufe seines Erwerbslebens widerspiegelt, brauchen wir als zweite Säule eine betriebliche Alterssicherung. Doch auch hier hält die Finanzkrise Lehren bereit. Eine lautet, dass viel Geld in den Händen sehr großer Pensionsfonds die Finanzmärkte nicht unbedingt stabilisiert. Die andere, gerade von einigen amerikanischen Großunternehmen vorexerzierte Lehre ist, dass allzu vollmundige Pensionszusagen in guten Jahren eine kriselnde Firma sehr schnell in den Ruin treiben können. Vernünftige Branchenlösungen oder branchenübergreifende Versicherungsfonds können solche Probleme mildern. Aber Betriebsrenten allein sichern ebenfalls nicht vollständig den Lebensstandard der Menschen im Alter.

Eine Sorge ist allerdings unberechtigt: dass der Wert kapitalgedeckter Altersrückstellungen zwingend massiv fallen müsse, wenn plötzlich eine große Zahl von Rentnern das Geld braucht, also entspart. Denn als Käufer solcher Vermögenswerte kommen ja nicht nur die vielleicht zu wenigen Jüngeren im eigenen Lande in Frage. Kapitalanlagen sind weltweit handelbar. Und im Gegensatz zu unserer eigenen ist die Bevölkerung vieler anderer Staaten überdurchschnittlich jung.