Agent of Joy - Milka Loff Fernandes - E-Book

Agent of Joy E-Book

Milka Loff Fernandes

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Beschreibung

Du brauchst kein Coaching. Du brauchst Klarheit. Und ein Journal. Weil das hilft.

In einer Gesellschaft, die Leistung feiert und Erschöpfung normalisiert, ist es ein radikaler Akt, Freude ins Rampenlicht zu stellen. Doch wenn wir nicht selbst dafür sorgen, dass wir Freude in unserem Leben haben, wer macht es dann? Also werde zu deinem eigenen Agent of Joy und entwickle eine Vision von deinem ganz persönlichen Glück! Folge dem Aufruf, ganz feierlich und ohne schlechtes Gewissen wieder in Verbindung mit dir selbst zu treten.

Mit berührenden persönlichen Geschichten, klarem Blick und alltagstauglichen Ritualen hilft dir Milka Loff Fernandes dabei, Freude zu kultivieren und als festen Bestandteil in deinen Alltag zu integrieren. Das hier ist kein Happiness-Ratgeber, sondern eine Einladung, dir selbst wieder zu vertrauen. Mit vielen Reflexionsfragen und Platz für deine Journaling-Antworten.

Du bekommst:
* Tools für mehr Selbstfürsorge und Klarheit
* praktische Joy-Rituale für jeden Tag
* eine neue Perspektive auf Selbstwert, Körper und Mitgefühl 
* Kraft für dein Nein und Mut zum eigenen Ja
* Inspiration als Agent of Joy

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Milka Loff Fernandes

Agent ofJoy

Für Anna und Olivia

Für Mama

Inhalt

Vorfreude

Kapitel 1

Freude als innere Orientierung

Kapitel 2

Fake Freude

Kapitel 3

Wenn Freude ins Stolpern kommt

Kapitel 4

No shit, Sherlock! Der Körper lügt nicht

Kapitel 5

Im Schatten der Freude

Kapitel 6

Niemand muss müssen – auch Mamas nicht

Kapitel 7

Freude und Selbstwirksamkeit

Kapitel 8

About Suc(k)cess

Kapitel 9

In der Freude ankommen

Kapitel 10

Wenn niemand klatscht

Kapitel 11

Warum nicht?!

Kapitel 12

Freude in Beziehung

Kapitel 13

Agent of Joy: Dein Manifest

Danksagung

Endnoten

Vorfreude

»Freu dich nicht zu früh!« Bestimmt hast du diesen Satz auch schon mal gehört. Er klingt wie Fürsorge, hält uns aber eigentlich nur davon ab, in unseren Leben die Play-Taste zu drücken. Was passiert denn, wenn ich mich vorab auf etwas freue? Im Grunde genommen nichts anderes, als dass ich ein paar Stunden oder sogar Tage besser gelaunt auf die Straße gehe als sonst. Ich bin sicher, wir alle könnten das Leben leichter nehmen, wenn wir es uns zum Prinzip machen würden, uns ganz früh zu freuen.

Doch wie bereits Sigmund Freud schrieb, streben wir eher danach, Schmerz zu vermeiden, als Freude zu gewinnen.[1]

Aus Angst vor Enttäuschung schieben wir Freude auf – und tragen dafür eine unsichtbare Matratze über dem Kopf, die verhindern soll, dass, was immer uns auch erwartet, uns zu hart trifft. Eine solche Matratze wiegt schwer, ist unhandlich und betrübt unseren Gang. Auch wage ich zu bezweifeln, ob sie im Fall der Fälle wirklich so hilfreich wäre. Angst, so Freud weiter, ist in uns eingebaut. Als eine Art Frühwarnsystem. Freude nicht. Freude braucht unsere Entscheidung.

Neurologisch ist das leicht nachzuvollziehen. Angst ist den Grundeinstellungen in unser Stammhirn (die Amygdala) eingespielt. Schließlich soll sie unser Überleben sichern. Freude hingegen brauchen wir zum Überleben nicht. Um dieses Gefühl zu empfinden, müssen verschiedene Hirnareale (der präfrontale Kortex, das Belohnungssystem und der sogenannte Hypothalamus) koordiniert zusammenspielen. Das ist komplexer und passiert auch nicht ganz so reflexhaft wie bei der Angst.[2] Deswegen ist hier Training und manchmal auch Unterstützung (im Zweifel sogar medikamentöse) gefragt. Wenn Angst also unser Default ist – dann ist Freude Design. Sie muss geübt werden.

Während Angst uns beschützen soll und dafür unsere Welt so klein und kontrollierbar wie möglich halten will, macht Freude uns neugierig, offen und beziehungsbereit. Sie motiviert uns zu sozialen Kontakten und Exploration. Überall auf der Welt kann man kulturübergreifend einem Menschen ansehen, ob er oder sie sich freut oder nicht. Die Mundwinkel gehen nach oben, die Augen lachen mit. Menschen klatschen zum Beispiel spontan in die Hände, wenn sie sich freuen, und auch jedes andere Körperteil an ihnen scheint in dynamischen Bewegungen mitzufeiern. Menschen, die sich freuen, wirken überall auf der Welt offen und frei. Deswegen beschreibt man Freude in der Psychologie auch als eine Basisemotion.[3] Dieses verbindende Element der Freude könnte man sich getrost mal bei einem G7-Gipfel zunutze machen. Und etwas in mir hofft, zum Wohle aller, dass das auch tatsächlich passiert, wenngleich die Nachrichten im Moment anderes zu berichten haben.

Gesellschaftlich haben wir uns an die Angst gewöhnt. Wir trainieren sie täglich: durch Leistungsdruck, Zukunftssorgen, Multitasking und regelmäßige Neuigkeiten aus der Hölle. Ich kenne kaum noch Menschen mit einem komplett entspannten Nervensystem – welches jedoch eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass Freude im Gehirn überhaupt entstehen kann. Dafür brauchen wir nämlich Sicherheit, Gegenwärtigkeit und Vertrauen. Doch die meisten von uns haben einen anstrengenden Job, ständig Termine und eine kaputte Waschmaschine, wenn die Notfallkasse gerade eh leer ist. Freude fällt in solchen Situationen dann nicht nur schwer. Sie wird zur Seite geschoben und abgetan – als naiv, egoistisch, unproduktiv, unwichtig. Als etwas, auf das man problemlos verzichten kann.

So haben wir kollektiv verlernt, Freude ernst zu nehmen. Wissen nicht mehr, wie wir sie in uns entstehen lassen können. Wir verorten sie im Außen, koppeln sie an Bedingungen und merken kaum noch, dass uns unsere permanente Aufschieberitis erschöpft. Freude gilt in unseren patriarchalen Strukturen als weiblich konnotierter Luxus, nicht aber als legitime Kraft.

Diese Konnotation wirkt sich für alle negativ aus. Doch besonders Frauen in einer bestimmten Lebensphase spüren, dass ihnen diese Kraft fehlt, obwohl sie sie doch so gut gebrauchen können. Spätestens mit dem Eintritt in die Perimenopause oder Menopause merken sie, dass sich etwas verschiebt. In ihrem Körper und ihrem Selbstverständnis. Wo früher selbstverständliches Einverständnis mit den gegebenen Kräfteverhältnissen war, finden jetzt Millionen von Frauen neben Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, Reizbarkeit, depressiven Episoden und einem Gefühl der inneren Entfremdung einfach nur … nichts. Keine fundierte medizinische Auseinandersetzung. Kein wertschätzendes Narrativ. Kaum ehrliche Geschichten mit echten Identifikationsfiguren.

Studien zeigen, dass das Risiko für depressive Symptome bei Frauen zwischen 45 und 55 deutlich ansteigt[4] – und dennoch wird das kaum thematisiert. Die hormonellen Umstellungen beeinflussen Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin – also genau jene Botenstoffe, die für unsere Freude, unsere Motivation und unser seelisches Gleichgewicht zuständig sind. Doch statt Unterstützung oder Wissen sind für viele Frauen nur Floskeln (»Das ist halt jetzt das Alter«) und/oder Unsichtbarkeit im Angebot.

Wenn du dich also gerade fremd in deinem eigenen Körper und deinem eigenen Leben fühlen solltest, sage ich dir hiermit laut und deutlich: Du bist nicht allein. Wenn du gerade Angst haben solltest vor dem, was dich erwartet, möchte ich, dass du weißt, dass ich das absolut verstehe. Und gleichzeitig möchte ich, dass du dich zusammen mit mir einlässt. Dieses Buch ist für dich eine Einladung zum Neubeginn. Dazu, dich neu auszurichten. Auf das, was Freude bringt. Nicht oberflächlich. Sondern tief. Vielleicht ist das dann auch der wahre Sinn der Menopause: dass wir lernen, uns selbst wieder zuzuhören. Unsere Kräfte schätzen zu lernen und neu zu ordnen. Und dass wir lernen, Freude nicht mehr aufzuschieben, sondern sie aktiv zu kultivieren. Genau jetzt. In diesem Sinne: schön, dass du da bist.

Mit meinem Eintritt in die Pubertät bis tief in meine 20er-Jahre hinein litt ich an einer langen, schweren Depression und habe einige Zeit in einer psychosomatischen Klinik verbracht. Weil die patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft auch mich bis zum buchstäblichen Erbrechen gestresst hatten, gab es keinen anderen Weg. Dort lernte ich, Freude nicht nur als Kraft, sondern auch als Ressource zu sehen. Eine Ressource, die ich selbst immer wieder aktiv für mich anzapfen kann. Als Teil meines Heilungsprozesses rief ich in der Klinik eine Initiative ins Leben: Jeden Sonntag traf ich mich mit anderen Patient*innen, um über Glück zu sprechen. Bei einer dieser Versammlungen – wir meditierten gemeinsam – spürte ich, wie mich ein Gefühl der Freude erfasste. Dabei war ich weder aufgedreht noch ekstatisch. Dieses Gefühl kam eher still und leise zu mir. Als eine Art heitere Gelassenheit. In jenem Augenblick bemerkte ich deutlich, wie die Lebensenergie, die ich schon so lange vermisste, wieder durch meine Adern zu strömen schien, während ich mich dankbar und verbunden fühlte. Dieser eine kurze, aber erhabene Moment brachte eine Ahnung von Gewissheit und auch Grenzenlosigkeit mit sich. Die Gewissheit, dass ich ganz sicher gut genug bin, in meiner bloßen Existenz als Mensch; und die Grenzenlosigkeit, die die Frage »Welchen Beitrag will ich leisten?« mit sich bringt. Das war der Moment, in dem ich tief in mir wusste, dass ich meine Depression endlich besiegen würde. Denn nun hatte ich etwas gefunden, an dem ich mich orientieren konnte.

Wir brauchen Freude als inneren Kompass. Freude weist uns den Weg zu unserem ureigenen Beitrag in dieser Welt. Freude macht unser Leben erst für uns lebenswert. Freude sorgt dafür, dass wir heil und verbunden bleiben können. Nach Freude sollten wir streben.

In der Klinik habe ich mein Leben auf Freude ausgerichtet, obwohl ich da noch nicht wusste, wie und ob sie sich konkret bei mir zeigen würde. Ich habe mich gesehnt und gesucht und schließlich gefunden. Mit dieser Sehnsucht im Herzen war ich unbewusst schon eine Agent of Joy geworden. Eine Agentin der Freude.

Agent:in. Das Wort stammt vom lateinischen »agere« ab, was mit »handeln«, »treiben«, aber auch mit »vermitteln« übersetzt werden kann. Mit einem/einer Agent*in verbinden wir in der Regel eine Person, die in treuester James-Bond-Manier Geheimaufträge der Regierung durchführt. Im Showbiz oder Sport sind Agenten Menschen, die Künstler*innen oder Sportler*innen Engagements vermitteln. Agenten gibt es auch in der Wirtschaft, im Callcenter oder als Bestandteil einer Software. Was alle Agenten jedoch gemein haben, ist der Faktor Proaktivität. Das heißt, ein Agent führt initiativ eigene Aktionen aus und lässt die Dinge nicht einfach nur geschehen. Ein Agent handelt für etwas Größeres – er agiert, wo andere reagieren. Ein Agent of Joy ist demnach jemand, der sich aktiv für Freude entscheidet und einsetzt. Nicht als Belohnung für alle Lebensmühen. Sondern als inneres Prinzip und verbindende Kraft.

Ich hatte und habe kein perfektes Leben. Aber ich habe immer und immer wieder Dinge gefunden, die mir die Erinnerung an Freude als meine Ressource ins Gedächtnis rufen. Ich nutze die Werkzeuge, die mir helfen, sie wieder auszugraben, sollte meine Freude mal verschüttgegangen sein. Und ich kenne die Mittel und Wege, die mich dorthin zurückführen, wo ich mich lebendig fühle. Was ich damit sagen will, ist, dass ich die Weisheit auch nicht mit Löffeln gefressen habe. Ich finde mich oft ganz geil, aber manchmal auch echt doof. Ich kriege einiges hin und setze noch mehr total in den Sand. Wenn es um Freude geht, bin ich auch heute noch eine, die auf der Suche ist – und wohl auch bis zum Ende ihrer Tage bleiben wird. Doch genau das ist es, was einen Agent of Joy ausmacht. Jetzt, mit 45 und mitten in den Stürmen meiner eigenen Perimenopause, sorgt mein Fokus auf die Freude dafür, dass ich auf Kurs bleibe.

Dies ist kein normales Buch. Dies ist deine und meine kleine feierliche Versammlung, in der ich dir zeigen will, wie du Freude wieder in dir selbst kultivierst. Nicht als Happiness-Ratgeber – Himmel hilf! Eher als Einladung, dir selbst wieder zu vertrauen. Ich erzähle dir von meinen Erfahrungen und zeige dir einige der Tools, die auch ich in meinem Alltag gern gebrauche. Ich weiß, dass du vermutlich wenig Zeit hast und solche Sachen zwischen Tür und Angel erledigen müsstest. Deswegen habe ich bewusst darauf geachtet, dass alle Tools praktisch, umsetzbar und niederschwellig bleiben. Du brauchst nichts weiter als einen Stift. Wenn du dieses Buch am Ende komplett vollgekritzelt und mit Eselsohren versehen hast, wenn einige Seiten Dellen haben, weil du sie nicht rechtzeitig mit einem Taschentuch vor deinen Tränen hast bewahren können, oder wenn du an ganz besonders guten Tagen Smiley-Sticker mit reinklebst, weil du zum Beispiel einen gedanklichen Durchbruch hast, dann hat das Buch seinen Zweck voll erfüllt.

Ich wünsche mir sehr, dass ich dich mit meinen Worten ein Stück begleiten kann, damit wir gemeinsam eine neue Perspektive auf unseren Selbstwert und unser Leben bekommen können. Ich wünsche dir Kraft und Mut für diese Reise, während der wir uns in Selbstfürsorge üben werden und mehr Mitgefühl für unseren Körper entwickeln, der schlussendlich das Gefäß ist, durch das die Freude in unser Leben findet. Ich wünsche dir, dass du am Ende eine Agent of Joy voll glasklarer Gewissheit bist, welchen Beitrag du in dieser Welt mit deinem Leben leisten willst. Und natürlich wünsche ich dir viel Freude dabei. Jetzt schon. Vorfreude eben. Einfach weil ich weiß, dass es richtig derbe geil wird. Weil – warum nicht?!

Also, schieben wir die Matratze beiseite und nehmen den Stift in die Hand.

Denn: Whatever happens, happens – let’s go!

Kapitel 1

Freude als innere Orientierung

Bevor wir beginnen, müssen wir eine Sache klären. Wir sprechen im Folgenden von Freude als einem Gefühl. Nicht aber von Freude als Emotion. Im Alltag werfen wir diese beiden Begriffe gern mal in einen Topf. Wissenschaftlich betrachtet, gibt es jedoch eine wichtige Unterscheidung, und diese hat einen Einfluss auf die Art und Weise, wie wir mit Freude umgehen. Emotionen sind die blitzartigen unmittelbaren Reaktionen deines Körpers auf äußere oder innere Reize. Uns krabbelt eine Spinne über den Arm, und wir zucken vor Schreck und Ekel zusammen. Wir erwarten, dass nur der Postmann geklingelt hat, dabei steht die beste Freundin steht nach einer langen Reise plötzlich vor unserer Tür. Überraschung! Freude! Oder aus irgendeinem Grund steigt die Erinnerung an unseren heiß geliebten, aber verstorbenen Opa in uns hoch, und wir sind traurig. Darüber haben wir nicht weiter nachgedacht. Das war unser limbisches System, vor allem die Amygdala, ein kleiner Bereich in unserem Gehirn, der dafür sorgt, dass da innerhalb von Millisekunden Hormone wie Adrenalin oder Cortisol durch unseren Körper jagen. Bevor wir überhaupt bewusst über das nachdenken können, was wir tun, haben wir schon reagiert. Beispiele für solche Emotionen sind Angst, Freude, Wut, Traurigkeit oder Überraschung. Eine reine Emotion dauert physiologisch gesehen höchstens einige Minuten. Manche Neurowissenschaftler*innen wie Jill Bolte Taylor sprechen davon, dass sie im Schnitt 90 Sekunden anhalten.[5] Denn so lange braucht dein Körper, um den emotionalen Reiz zu verarbeiten. Was danach bleibt, hängt stark davon ab, wie wir die Situation gedanklich bewerten. Denn dann wird daraus ein Gefühl oder eine anhaltende Stimmung.

Gefühle entstehen also, wenn dein Gehirn anfängt, zu analysieren, mit was es da gerade zu tun hat. Genau genommen: dein präfrontaler Kortex. Der ist zuständig für komplexes Denken und Bewerten und macht aus der blitzartigen Körperreaktion eine innere Erfahrung, die du bewusst wahrnimmst und sprachlich benennen kannst. So wird aus der kurzen emotionalen Reaktion »Angst« zum Beispiel ein länger anhaltendes Gefühl von »Unsicherheit«, »Angespanntheit« oder »Unwohlsein«. Aus der Traurigkeit, die dich überkommt, wird die Trauer, die nicht vergehen will. In gewisser Weise sind Gefühle die Geschichten, die du dir über deine Emotionen erzählst. Sie halten deshalb deutlich länger an, manchmal stunden- oder tagelang. Oder Wochen oder auch Monate. Zum Beispiel, wenn du einen geliebten Menschen verloren hast.

In anderen Worten: Emotionen passieren uns. Gefühle können wir gestalten.

Besser noch: Indem wir achtsam mit ihnen umgehen und unsere innere Haltung verändern, können wir langfristig auch unsere emotionalen Reaktionen regulieren. Wir sind unseren Gefühlen nicht machtlos ausgeliefert, sondern durchaus in der glücklichen Lage, aktiv Einfluss auf sie zu nehmen.

Auch Freude ist in ihrer ursprünglichen Form erst einmal eine Emotion. Sie hält nur kurz an, nämlich solange im Gehirn Dopamin und Serotonin – die primären Botenstoffe der Freude – ausgeschüttet werden, und passiert auf emotionaler Ebene in der Regel als Reaktion auf eine angenehme Erfahrung. Deine Kolleg*innen haben trotz Termindrucks einen Geburtstagstisch für dich vorbereitet, und schon erhellt sich deine gestresste Miene. Deine Nationalmannschaft macht den entscheidenden Siegtreffer. Du springst auf, reißt die Arme hoch und schreist vor Glück. All das sind spontane, körperlich unkontrollierte Reaktionen der Freude. Das Gefühl der Freude entsteht danach. Nämlich dann, wenn wir Freude bewusst wahrnehmen, reflektieren und in uns weitertragen. Dann sprechen wir von einem anhaltenden Zustand, zum Beispiel Zufriedenheit oder Glücksempfinden, der länger in uns präsent bleibt, und sagen Dinge wie »Ich bin glücklich, weil meine Freundin wieder da ist«. Diese Freude, also die, die wir bewusst pflegen und als eine Art Lebenszustand in uns errichten können, ist die Freude, über die ich mir in diesem Buch mit dir Gedanken machen will.

Joy-Journaling

Schreibe über eine Situation, an die du dich erinnerst, wenn du an Freude denkst.

Ich muss vielleicht acht oder neun Jahre alt gewesen sein, als ich an einem frühsommerlich warmen Vormittag durch die Gegend streifte und nicht wusste, was ich mit mir anfangen sollte. In den späten 1980ern war es nicht ungewöhnlich, wenn ein Kind allein unterwegs war. Keine Mutter machte Playdates aus, und überhaupt war ich nicht so verplant wie meine Kinder heute. Kaum ein Kind war das, und wenn, hatten alle anderen Mitleid.

An diesem Tag hatte ich bereits bei all meinen Freund*innen geklingelt, um zu fragen, ob sie mit raus zum Spielen kommen wollten. Ohne Erfolg. Einige mussten noch Hausaufgaben machen, andere hatten vielleicht andere Verpflichtungen, eine hatte mich schlichtweg hängen lassen. Allein und frustriert kickte ich Kieselsteine vor mir her und sammelte hier und da bunte Glasscherben, wie man sie damals fast überall auf dem Asphalt fand, weil PET-Flaschen einfach noch kein Ding waren. Irgendwann beschloss ich, das »Baumhaus« zu besuchen. Dieses »Baumhaus« war kein echtes Baumhaus aus dem Baumarkt, sondern ein Platz rund um einen Baum in einem Gebüsch an einer weitläufigen Wiese. Als Kinder konnten wir einfach auf den Baum klettern. Seine Äste waren stark und hingen tief, und die vielen Gabelungen machten es uns leicht, uns auch mal gemütlich reinzusetzen. An der Baumwurzel hatten wir mit Stöcken oder unseren bloßen Händen vier etwa gleich große Löcher in die Erde gegraben, die den Herd darstellen sollten. Mit irgendwelchen Bändern, die wir aus dem Müll gezogen hatten, wurden »Küchenutensilien« aufgehängt, und an einem anderen Strauch hing eine alte, löchrige Gießkanne als »Dusche«. Ich trug die Scherben, die ich wie Sterntaler fleißig zusammengeklaubt hatte, in meinem Pulli vor mir her. Denn mein Plan war, den Herd in der Küche damit zu verzieren. Fein säuberlich drückte ich still – Scherbe für Scherbe – ein in der Sonne glitzerndes Mosaik in den Boden und stieg nach getaner Arbeit in den Baum, um mich auf meinen Lieblingszweigen auszuruhen.

So lag ich in der hellgrün im Wind schimmernden Baumkrone und sah den Wolken beim Vorbeiwandern zu. Der Duft von Frühling strömte aus der Rinde. Es war friedlich. Die Straße war zu weit weg, um sie zu hören, und kaum ein Mensch verirrte sich an diesem Tag in diesen Teil der Grünanlage. So passierte eine sehr lange Zeit – nichts. Kein Spatz, der sich über mich aufregte. Kein Käfer, dem ich im Weg lag. Alles ging seinen Lauf, und ich hing seelenruhig mittendrin. Nichts stupste, nichts drängte, nichts und niemand zwang mich, in irgendeiner Form auf etwas zu reagieren. In diesem Moment gab es nur mich und diesen Baum, der mich hielt. Der hellblaue Himmel über mir und von meinen Freunden und mir bearbeitete Erde unter mir. Alles war gut und durfte so sein. Das Rascheln der Blätter klang wie Applaus.

Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass dieser Zustand nicht allzu lange angehalten hat. Schließlich musste ich zum Abendessen wieder zu Hause sein. Oder ich hörte im Geiste meinen Bruder nach mir rufen, der sich mit mir zanken wollte. Oder mir wurde schlicht irgendwann langweilig. Oder meine Blase hat gedrückt. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr. Auf jeden Fall blieb das Gefühl nicht.

Schon der chinesische buddhistische Gelehrte T’ien-t’ai machte im 6. Jahrhundert in seinen Schriften darauf aufmerksam, dass wir alle jeden Tag unsere Gefühlsklaviatur ein paarmal durchspielen.[6] An einem Tag sind wir ganz ausgeschlafen und gelassen, nur um dann zu merken, dass wir einmal zu oft die Snooze-Taste unseres Weckers gedrückt haben. Uns entweicht ein ärgerliches »Scheiße!«, und wir hetzen ohne Frühstück zur Bahn. Dort sitzt uns eine wunderschöne Mittzwanzigerin mit Wespentaille gegenüber, und wir bemerken, wie etwas Neid in uns hochsteigt. Bei der Arbeit angekommen, halten wir unsere Präsentation und haben es den Kollegen aus dem Konkurrenzteam damit »mal richtig gezeigt«. Von den Mädels aus dem Sales-Department können wir allerdings noch einiges lernen. Wir machen gleich einen Termin aus. Zu Hause angekommen, schalten wir erschöpft den Fernseher ein und heulen bei unserer Lieblings-Romcom Rotz und Wasser. Wie kann es eigentlich sein, dass wir immer noch Single sind?, fragen wir uns. Denn keine feste Partnerschaft zu haben, empfinden wir als die Hölle.

T’ien T’ai erkannte, dass Gefühle nicht statisch sind und unabhängig voneinander existieren. Im Gegenteil. Sie durchdringen einander oft. Außerdem stellte er fest, dass wir uns alle auf ein bestimmtes Gefühl einzuschießen scheinen, quasi als eine Art individuelle Betriebstemperatur. Manchen Menschen platzt bei der geringsten Irritation die Hutschnur, und zwar ständig. Andere sind durch nichts aus der Ruhe zu bringen, aber eben auch etwas lethargisch. Allerdings nannte T’ien-t’ai die Gefühle damals anders – nämlich Lebenszustände. Der Lebenszustand der Freude kommt in seiner Aufzählung zweimal vor. Das, was er als »vorübergehende Freude« bezeichnete, könnte man gleichsetzen mit dem, was ich als Freude als Emotion beschrieben habe. Dieser Lebenszustand beschreibt Momente, in denen wir Genuss, Erleichterung oder Glück erleben – etwa nach einem Erfolg, beim Verliebtsein oder wenn ein Wunsch erfüllt wird. Diese Freude ist intensiv, aber vergänglich, weil sie an äußere Bedingungen geknüpft ist. Sobald diese verschwinden, schwindet auch das Glücksgefühl. Wäre zum Beispiel an jenem Baumhaustag doch noch jemand aufgetaucht, der mit mir hätte spielen wollen, hätte ich sicherlich diese spontane Art von Freude empfunden. Jedoch nicht die tiefe Freude, dieses Gefühl von vollkommener Freiheit und höchster Verbundenheit, das T’ien-t’ai in seiner Abhandlung als Buddhaschaft beschreibt. Ich weiß nicht, ob sich die Buddhaschaft tatsächlich so ausdrückt, würde aber sagen, ich war close enough, um behaupten zu können – so kann es gewesen sein. Zumindest mir selbst gegenüber. Und das ist das, was an dieser Stelle zählt.

Mit acht oder neun Jahren dachte ich nicht, dass dieses Gefühl jemals irgendeinen Wert für mich haben sollte. Auf die Frage meiner Eltern, was ich den lieben langen Tag so getrieben hatte, antwortete ich mit hundertprozentiger Sicherheit: »Nichts!« und hätte noch nicht einmal gelogen. So ging dieses Gefühl früh verloren. Wohl auch, weil ich mich davon überzeugt hatte, es zähle nicht. Es wäre nicht so wichtig. Es war doch einfach nur ein Nachmittag mit mir allein, an dem niemand Zeit für mich hatte. Und doch lebte diese Erinnerung wie eine glimmende Fackel in meinem Herzen und erinnerte mich so in meinen dunkelsten Stunden an dieses Gefühl von: »Alles ist gut und darf so sein.«

Joy-Journaling

Was ist dein (Rest-)Zweifel daran, dass du Freude auch ohne »Erfolg« oder Resonanz fühlen darfst? Was, glaubst du, braucht Freude, um berechtigt zu sein?

Ja, Freude beginnt als Emotion, und wenn wir sie so gut pflegen wie ich damals meine Baumkücheneinrichtung und meine innere Zufriedenheit im Baumwipfel, wird sie zu einem Gefühl, das ein revolutionäres Potenzial hat, an das wir uns in jeder Lebenssituation zurückerinnern können. Auf das wir uns berufen können. Wenn wir unser Selbstverständnis in diesem Gefühl verankern, beleuchtet es auch den Rest unseres Lebens in einem gütigen, vor Hoffnung schimmernden Licht.

Kapitel 2

Fake Freude

Doch seien wir ehrlich: Solche reinen, gelassenen und heiteren Momente, wie meiner im Baum, sind eher rar. In unserem Alltag überwiegen meist solche, die im besten Fall langweilig, manchmal aber auch nervenaufreibend, stressig oder schlicht schmerzhaft sind. In den allermeisten Fällen ist die emotionale Lage zu diffus, um genau sagen zu können, was gerade stimmt oder nicht stimmt. Uns fällt also die Einordnung und die Bewertung schwer. Hinzu kommt, dass die meisten von uns bereits als Kinder gelernt haben, dass negative Emotionen nicht erwünscht sind. Und wie es kleine Kinder gibt, die beim Versteckenspielen die Hände vors Gesicht schlagen und glauben, sie seien unsichtbar, gibt es auch Menschen, die sich sehr gut einreden können, dass Gefühle, die man sich nicht anschaut, auch nicht da sind. Emotional stimmt das sicher nicht. Denn wir erinnern uns. Emotionen sind, wie gesagt, eine reflexartige