Ainias Rache - Dani Aquitaine - E-Book

Ainias Rache E-Book

Dani Aquitaine

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

"Mein Herz begann panisch zu klopfen. Ich wich zurück, stolperte, weil meine Beine schlapp machten. Weil ich seine Gestalt erkannte. Weil ich seine Stimme kannte. Weil ich zwar Ninjas mit meinen Sandaletten besiegt hatte, gegen ihn jedoch machtlos war." Ainia wurde aus Themiskyra verbannt und verlässt die Amazonenstadt. Nach dem Verlust Kassians am Boden zerstört, wird sie vom geheimnisvollen Undercover-Agenten Duke bei sich aufgenommen. Bei ihm findet sie Trost und Geborgenheit, während sich in der Welt bereits die Vorboten der drohenden Apokalypse bemerkbar machen, denn mit der weltweiten Erschöpfung der Erdölressourcen beginnt das Gefüge der modernen Gesellschaft zu bröckeln. Als sich die Lage zusehends zuspitzt, beschließen die beiden, in Ainias alte Heimat zurückzukehren. Aber ist Duke wirklich der, der er vorgibt zu sein?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2019

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für Suzan,die sich an Nia erinnert hat.

DANI AQUITAINE

Band 2

Ein Themiskyra-Roman

AUFGEPASST:

Ein Glossar mit Begriffserklärungen befindet sich am Ende des Buches.

WEITERE BÄNDE DIESER REIHE:

Ainias Geheimnis (Band 1)

Ainias Schweigen (Band 3)

Ainias Heimkehr (Band 4)

WEITERE THEMISKYRA-ROMANE:

Themiskyra – DIE BEGEGNUNG (Band 1)

Themiskyra – DAS VERSPRECHEN (Band 2)

Themiskyra – DIE SUCHE (Band 3)

Finger weg! Pollys Aufzeichnungen

© 2019 Dani Aquitaine

Umschlaggestaltung: Dani Aquitaine

Verwendetes Bildmaterial:

Amazone: © Coka, Fotolia

Faltenwurf: © inarik, Fotolia

Goldbogen: © vik_y, Fotolia

Schwert: © Paul Fleet, 123rf.com

Floraler Hintergrund: © mohaafterdark, DeviantArt

Verwendete Schriften:

Liberation Serif unter der SIL Open Font License

La Portenia de la Boca by Diego Giaccone, Angel Koziupa & digitized by Alejandro Paul

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7469-5949-8

Hardcover:

978-3-7469-5950-4

e-Book:

978-3-7469-5951-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

KAPITEL 1

Ich lief den gesamten Weg. Zwar hatte ich in den letzten zwei Nächten kaum geschlafen, in den Wochen zuvor mein Training arg vernachlässigt und, zugegeben, Padmini hatte recht, ich war faul. Aber wenn mein Ziel Kassian, beziehungsweise ein märchenhaftes Happy End an seiner Seite war, dann überwand ich jegliche Trägheit. Außerdem hatte ich keine Zeit. Kassian wollte heute abreisen.

Und ich war heute aus Themiskyra verbannt worden. Weil ich ziemlich viel Mist gebaut hatte, zum Beispiel einen großen Diamanten zu klauen (was zwei Gangsterbanden auf den Plan rief), eine Tasche voll Geld mitgehen zu lassen (die eigentlich Atalante gehörte), einen Steuerfahnder zu verärgern (der daraufhin ganz Themiskyra auf den Kopf stellte, um fehlende Zahlungen aufzudecken), und, ach ja, eine Beziehung zu einem unglaublich attraktiven, humorvollen, ideen- und steinreichen ’Shim zu führen. Leider hatte ich Kassian bei unserer letzten Begegnung ziemlich vor den Kopf gestoßen und ihn, zu seiner eigenen Sicherheit, in Gegenwart all meiner Schwestern gebeten, mich zu vergessen und Themiskyra zu verlassen.

Schnapsidee. Und weil die unbeugsame Atalante mir mein geliebtes Aspa Xanthos weggenommen hatte, da ich entsprechend irgendwelchen öden, alten Regeln nur behalten hatte dürfen, was ich am Leib trug und was ich selbst hergestellt hatte, rannte ich nun zu Fuß durch den verregneten Wald, mein Bündel und meine Pfeile auf dem Rücken, mein Schwert an meiner Seite, meinen Bogen in der Hand.

Es waren nur ein paar Kilometer durch den Wald und über die Felder bis nach Goldvelt und dann noch mal ein kleines Stück bis zu Kassians Villa, aber ich kam nicht rasch genug voran, denn die Wege waren rutschig vom ständigen Regen; ich schlitterte über Steine, wurde vom Matsch festgesaugt und das dampfige Grün klebte mir die langen, dunklen Locken an der Haut fest …

Dann, endlich, sah ich das hohe Tor des Jugendstilanwesens zwischen Büschen und Bäumen auftauchen. Mit letzter Kraft drückte ich den Klingelknopf auf dem Messingschild mit den geschwungenen Lettern Devinter.

„Bitte sei da, sei da, sei noch da, bitte, Artemis, lass ihn noch da sein …“

Paradox, in dieser Angelegenheit zur Göttin zu beten, die ihren Anhängerinnen Jungfräulichkeit abverlangte, und mich sicherlich schon lange ad acta gelegt hatte. Ich hatte, wohlgemerkt, meine Jungfräulichkeit jedoch noch nicht ad acta gelegt – zum einen, weil ich mich einer geschickten Verzögerungstaktik bedient hatte, zum anderen, weil uns immer etwas dazwischengekommen war, zum Beispiel Melissas Partysucht oder die Entführung durch einen Gangsterboss. Übrigens just dem, dem ich den Diamanten entwendet hatte.

Melissa war eine alte Freundin von Kassian, die ihm nach Goldvelt gefolgt war, als er auf der Flucht vor Paparazzi hierherkam, um nach einer gescheiterten Beziehung mit einem Filmsternchen an seinem Herzensprojekt weiterzuarbeiten. Nein, nicht an mir, sondern an einem Fon, das fast keinen Strom brauchte, und dessen Prototyp er mich hatte testen lassen, bevor er mir von Atalantes Wächterinnen abgenommen worden war. Sonst wäre ja alles kein Problem gewesen. Ich hätte ihm schreiben oder ihn anrufen können, oder in der Karten-App seinen Standort per Satellitenortung finden können. Aber so war ich abgeschnitten von meinem Liebsten und musste mich auf antiquierte Kommunikationsmethoden berufen. Meinen Finger. Auf der Klingel. Wieder. Und wieder.

„Ja, bitte?“, ertönte schließlich die distinguierte Stimme des Butlers durch die Gegensprechanlage.

„Herr Humboldt!“, rief ich erleichtert. „Ich bin’s. Ainia!“ Ich winkte in die Kamera, die über der Torangel angebracht war.

„Frau von Themiskyra“, stellte er fest. Ich trug keinen Nachnamen und hatte mir noch kein Epor erworben, da ich noch keinen Feind getötet hatte. Für den Butler, der das natürlich nicht wissen konnte, war meine Herkunft einfach mein Name.

„Ja!“, bestätigte ich und drückte gegen die schmiedeeisernen Torflügel. Nichts tat sich. Kein Summen, kein Nachgeben.

„Ich bedaure, Herr Devinter ist bereits abgereist.“

„Nein“, flüsterte ich. „Bitte nicht.“ Warum nur hatte ich immer solches Pech? Ich hatte doch extra Padmini losgeschickt, um ihm auszurichten, dass ich ihn liebte! Ich musste sichergehen.

„Bevor er abgereist ist, war da ein schwarzhaariges Mädchen in meinem Alter zu Pferde hier?“

„In der Tat, sie tauchte etwa gegen 10 Uhr auf.“

Das hieß, Kassian war wirklich sauer auf mich. Sonst hätte er doch sicherlich gewartet!

„Wohin ist er gereist?“, wollte ich wissen.

„Darüber Auskunft zu erteilen bin ich nicht befugt. Ich danke für Ihr Verständnis und wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag.“ Damit war das Gespräch beendet; Herr Humboldt reagierte auch auf meine weiteren Klingelversuche nicht mehr.

„Angenehmen Tag, du mich auch“, schnaubte ich. Ich sah aus wie einer Kuh durch den Hintern gezogen. Nass und schlammig und unendlich erschöpft. Ich stolperte ein paar Schritte rückwärts und ließ mich auf einen der großen Findlinge fallen, die die Toreinfahrt links und rechts begrenzten, rutschte vom nassen Stein ab und rappelte mich fluchend wieder auf.

Ich erwog meine Optionen: Erstens: Einbrechen und dem Butler unter Androhung von Gewalt die gewünschten Auskünfte entlocken. Nachteil: Das würde Kassian nicht gutheißen. Zweitens: Abwarten, bis Kassian zufällig selbst wieder hier auftauchte. Nachteil: Konnte Jahre dauern, wenn es blöd lief. Und natürlich würde es blöd laufen. Drittens: Kassian auf gut Glück suchen. Nachteil: Erfolg fragwürdig. Viertens –

Jemand näherte sich. Ich hörte ein feines Brausen auf dem Kiesweg und ließ mich instinktiv wieder hinter den Findling rutschen. Wenige Sekunden später tauchte ein sehr eng und sehr bunt gekleideter Mann auf einem Fahrrad auf. Auf dem Kopf trug er einen futuristisch anmutenden Helm, auf dem Rücken einen neongelben Rucksack. Immer noch angemessen verzweifelt, aber auch mit gewisser Neugierde sah ich zu, wie er vor dem Tor, also nur etwa zwei Meter von mir entfernt, abstieg. Ob Humboldt den Kerl auch so fies abkanzelte wie mich? Oder war er nur zu mir gemein, weil Kassian ihn diesbezüglich instruiert hatte? Oh Artemis, hoffentlich nicht …

Der ’Shim kramte im Rucksack herum, bis er ein braunes Päckchen herausholte. Es war mit einem groben Hanfstrick verschnürt und … ich traute meinen Augen kaum. Atalantes großes Siegel prangte mitten auf der Vorderseite, verklebte zuverlässig die Schnur mit dem Packpapier.

Viertens. Ich handelte instinktiv. Sicher würde Kassian das auch nicht gut finden, aber ich setzte den Kurier mit zwei Handkantenschlägen und einem Kick außer Gefecht, und ehe er auch nur begriff, was ihm widerfuhr, hatte ich ihm schon das Päckchen entrissen und war im Wald verschwunden.

Einen halben Kilometer weiter kauerte ich mich hinter einen dicken Baumstamm zwischen feuchte Farne und zerbrach eilig das Siegel, bevor ich das Päckchen aufriss. Ich hatte keine Zeit gehabt, groß darüber nachzudenken, aber mir war sofort klar gewesen, was darin sein musste: genau. Mein Fon! Was sonst sollte die Unbeugsame an Kassian schicken, dem sie ja nur einmal kurz begegnet war.

Glücklich fuhr ich das holographische Display aus, wischte hinüber auf die Telefon-App, und rief meinen einzigen Kontakt auf, den ich hatte – neben Pawlow’s Parlor natürlich, meinem favorisierten, aber mittlerweile für mich unbezahlbaren Schönheitssalon. Mein Finger schwebte über dem AnrufButton, der direkt unter dem Foto von Kassian angezeigt wurde.

Sein markantes Gesicht war zu einem breiten Lächeln verzogen, sonnengesträhnte Haare fielen ihm in die strahlend blauen Augen, die mich aufzufordern schienen:

Jetzt drück schon! Aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Entschuldige, sorry, ich habe mich geirrt, vergiss mich doch nicht? Nein, ich konnte nicht so mit der Tür ins Haus fallen, der ’Shim würde ja denken, ich sei total verrückt. Vielleicht war es besser, ihm eine Nachricht zu schreiben. Die ganze Sache schriftlich zu erklären, mit bedachten Worten … Nur wie? Denn dann musste ich natürlich auch den Diamantenraub und die Tasche voller Geld und das Gemetzel vor den Toren Themiskyras erklären, dessen Zeuge Kassian mehr oder weniger geworden war. Und natürlich meine wahre Identität preisgeben. Ich hatte es immer noch nicht übers Herz gebracht, ihm anzuvertrauen, dass ich eine Amazone war, weil ich befürchtete, dass ihn meine Herkunft abstoßen würde. Vielleicht hatte Padmini ihm irgendetwas darüber erzählt und er war deswegen so überstürzt abgereist …?

Ich fing an, einen Text an Kassian zu verfassen, aber als ich die ersten paar Sätze las, löschte ich sie wieder. Völlig verworren.

Noch mal.

Zu armselig.

Wieder von vorne. Jetzt klang es, als sei ich stolz auf meine Taten, aber das stimmte nicht. Ich wollte niemals, niemals, niemals wieder etwas stehlen. Diese Lektion hatte ich nun wirklich gelernt. Erneut löschte ich alles. Ich biss auf meiner Unterlippe herum und war mittlerweile geistig so gehemmt, dass ich keinen ganzen Satz mehr zustande brachte.

Oh Artemis. Ich war einfach zu müde für diese Aufgabe. Unkonzentriert wischte ich einen Bildschirm weiter auf meine Galerie. Schon besser. Kassianbilder heiterten mich immer wieder auf. Vielleicht konnten sie mich auch inspirieren. Kassian im unvergnüglichen Vergnügungspark, das Riesenrad im Hintergrund, Kassian im Pearl, dem angesagtesten Club in Urba, Kassian und ich auf zwei Schaukeln im Park, ein Bild, das Melissa von uns aufgenommen hatte. In der Bar, in der Fußgängerzone, auf dem Balkon der Jugendstilvilla mit einem großen Eisbecher … Ein alarmierendes Piepsen riss mich wieder aus der Nostalgie.

Akkuwarnung, stand da. 5 % Akkuladung verbleibend.

Verdammt. Schnell schloss ich das Galerieprogramm. Wann hatte ich das Ding zuletzt an mein Solarladegerät gehängt? Vor zwei Wochen? Es lud sich auch über die Solarfolie, die den gesamten Korpus des Geräts bedeckte, aber in den letzten beiden Tagen war es, ob es nun in Atalantes Schublade oder der Asservatenkammer gelegen hatte, sicherlich nicht an die Sonne gekommen. Und hier im grünen Zwielicht des Waldes war auch nicht viel Energie zu holen.

Was nun? Ich konnte jetzt Kassian anrufen, versuchen, ihm in Windeseile zu erklären, was los war, und hoffen, dass der Strom dafür reichte. Zu riskant. Ich hatte eine bessere Idee. Ich öffnete die Einstellungen, stellte die Ortungsfunktion an und ließ mir die Karte anzeigen. Wenn ich die Möglichkeit hätte, persönlich mit ihm zu reden, würde ich alles klären können. Dann hätte ich auch alle Zeit der Welt. Und den positiven Überraschungseffekt. Und Missverständnisse hätten keine Chance im Gegensatz zu dem dämlichen Hin- und Hergeschreibe unter Verwendung der elenden kleinen gelben Schmunzel- und Heul- und Tränenlachgesichter.

Da war er. Kassians blauer Pfeil. Ich zoomte hin, betete, dass der Akku noch reichte …

Piep! 4 % Akkuladung verbleibend.

In Urba. Im Norden der Stadt. Ich zoomte weiter.

Piep! 3 % Akkuladung verbleibend. Nur Notrufe möglich.

Das Display wurde mit einem Ruck dunkler und schlechter aufgelöst. Das Fon würde sich jetzt immer weiter herunterfahren, bis nur noch die Kernfunktionen verblieben. Dazu gehörte, dass immer genug Ladung für einen Notruf vorhanden blieb. Kassian hatte seine Schwester bei einem Überfall verloren, der sie vielleicht nicht das Leben gekostet hätte, wenn der Akku ihres Fons nicht während des Gesprächs mit der Polizei schlapp gemacht hätte. Damit so etwas nie wieder passieren konnte, hatte er seitdem all seinen Elan, sein Geld und seine Ideen in eine Firma gesteckt, die ein Fon entwickelte, das auf solche Notfälle vorbereitet war. Ich hielt den Prototyp in Händen.

Seemarkt, las ich. Das war das Viertel von Urba, in dem sich Kassian gerade aufhielt. Entschlossen stellte ich die Ortung ab und fuhr das Display ein. Das musste für den Moment genügen. Unterwegs würde ich das Gerät, sooft es ging, ins Tageslicht halten und hoffen, dass ich somit genug Strom sammelte, um Kassian zu finden.

Mit diesem Entschluss joggte ich los. Mit dem Thunderbird hatten wir Urba immer in eineinhalb bis zwei Stunden erreicht, je nach Verkehrslage. Zu Fuß müsste ich für diese Strecke an die zwei Tage ununterbrochen laufen, was natürlich utopisch war, zumal ich jetzt schon vor Erschöpfung dauernd strauchelte. Ich rannte also erst mal zur Landstraße und hielt meinen Daumen raus. Das hatte ich schon öfter bei anderen gesehen.

Die Leute waren sehr unhöflich. Einige hupten, drei machten mir unangemessene, zweideutige Angebote, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, der Großteil ignorierte mich einfach, aber alle, alle, alle bespritzten mich mit Schlamm und Regenwasser aus der Gosse. Damit wurde natürlich meine Chance auch mit jedem Vorbeifahrenden geringer, überhaupt noch eine Mitfahrgelegenheit zu finden – wobei ich glaube, dass es vor allem das Schwert war, das meine potenziellen Chauffeure abschreckte.

Irgendwann hatte ich die Autobahn erreicht und schleppte mich mehr, als dass ich lief, den Grünstreifen jenseits der Leitplanke entlang. Ein riesiges Schild verhieß 170 km bis nach Urba – und das, obwohl es schon später Nachmittag und ich den halben Tag unterwegs war. Ich bin bekanntermaßen keine Heulsuse, aber in diesem Moment musste ich schon schlucken. Ein paar Kilometer weiter kam ich an einer weitläufigen Koppel vorbei, auf der eine Pferdeherde graste. Es wäre so einfach gewesen. Von klein auf an die Tiere gewöhnt, hätte ich nicht mal einen Sattel gebraucht. Ich hätte nur hinüberlaufen, mich mit einem der Aspahet befreunden und losgaloppieren müssen …

Der Gott Pan erschien auf meiner Schulter. Er war ein kleiner frecher Kerl, halb Mensch, halb Widder, mit Ziegenbart und Hörnern, der stets versuchte, mich vom rechten Wege abzubringen. Jeder Mensch, der halbwegs bei Verstand ist, ignoriert einfach am besten, was er ihm einflüstert. Ich jedoch war nicht immer so schlau gewesen, denn Pan wusste stets, wie er mich mit süßen Worten und treffenden Argumenten verleiten konnte. Zum Stehlen. Zum Lieben. Zum Lügen.

Aber ach. Ich wollte nicht mehr stehlen. Ich wollte ein neues Leben anfangen. Also ließ ich die Weide und Pan links liegen. Und ein bisschen schien Artemis oder das Universum oder was auch immer meine Entscheidung gutzuheißen, denn es hörte endlich auf zu regnen, und ein Stückchen weiter gelangte ich an eine Raststätte mit Lkw-Parkplatz. Der unverschämte ’Shim an der Kasse des kleinen, nach altem Fett stinkenden Bistros weigerte sich, mir den Toilettenschlüssel auszuhändigen, also lauerte ich missmutig vor der Klotür herum, bis jemand mal musste. Als dann eine rundliche Truckerin mit hellblonder Kakadufrisur wieder aus der Toilette herauskam, schlüpfte ich hinein und behauptete, den Schlüssel gleich zurückzubringen. Es war ein grässlicher Ort, aber ich konnte mir den Schlamm von der Haut waschen und meine Haare neu verzopfen. Danach prüfte ich meinen Fon-Akku. Immer noch nur Notruf-Status. Trüber Tag, trübe Aussichten. Anschließend verließ ich die übel riechende Räumlichkeit, pfefferte den Schlüssel pfeifend ins nächstbeste Gebüsch, ohne abgeschlossen zu haben, und stapfte weiter.

Durst, Durst, Durst, sang ich bei jedem Atemzug; bei jedem Magenknurren wechselte die Strophe auf Hunger, Hunger, Hunger. Dann dachte ich an Kassian, dachte Liebe, Liebe, Liebe, und dann schließlich: Will.

Vor mir parkte ein langer Lastwagen, auf dem Parson’s Cargo stand. Will Parson war ein junger ’Shim, der Kassian und mich nach der erwähnten Entführung von Urba nach Goldvelt zurückgebracht hatte. Kassian hatte ihm zwar ein fürstliches Gehalt gezahlt, das ich ihm nun nicht bieten konnte, aber vielleicht hatte er uns nett genug gefunden, um mich diesmal kostenlos mitzunehmen.

Ich klopfte an die Fahrertür, bis mir die Knöchel wehtaten und ein weißhaariger Schopf im Fenster auftauchte.

Nicht Will, diagnostizierte ich. Mist.

„Was?“, knurrte der Mann, den ich offensichtlich geweckt hatte. Er trug eine leicht speckige, dunkle Lederjacke mit Firmenlogo und eine feine Brille mit Metallgestell, die viel eher zu einem Gelehrten gepasst hätte, als zu einem Lastwagenfahrer.

„Ich suche eine Mitfahrgelegenheit“, erklärte ich und versuchte dabei, mein Schwert hinter mir zu verstecken.

„Und? Steht da Taxi?“ Er wies auf die Lkw-Plane.

„Nein, aber ich bin eine Freundin von Will“, behauptete ich. Und ein Taxi könnte ich mir sowieso nicht leisten, ergänzte ich in Gedanken.

Er musterte mich eingehend von Kopf bis Fuß. „Ich habe dich aber noch nie gesehen.“

„Wir kennen uns noch nicht so lang“, gab ich zu.

Der ’Shim gähnte und warf einen Blick auf sein Armaturenbrett, während er sich die Brust kratzte. „Wo musst du denn hin?“

„Urba.“

„Ah, was soll’s. Ich hätte sowieso in einer halben Stunde weiterfahren müssen. Steig ein.“

Jetzt konnte ich mein Schwert nicht mehr verbergen. Der Mann wirkte leicht irritiert, doch er streckte mir die Hand entgegen, sobald ich neben ihm Platz genommen hatte. „Eric Parson.“

Ich ergriff sie. „Oh. Dann sind Sie sein … Vater?“

„Ganz genau.“ Er ließ den Motor an und rangierte das riesige, bebende Gefährt vom Parkplatz.

„Und du?“

„Ai …“, begann ich. Besann mich. Zeit für einen Namenswechsel. „Nia. Nur Nia.“

„Einianurnia.“

Ich seufzte. „Ganz genau.“

Er lachte und zündete sich die erste von etwa dreißig Zigaretten an, die er im Laufe der Fahrt konsumieren würde.

Vor mir auf der Ablage wackelte eine halbvolle Tüte Chips bei jedem Holpern knisternd auf und ab. Eine Wasserflasche rollte verheißungsvoll gluckernd im Fußraum hin und her. Mein Mund wurde bei dem Geräusch so trocken, dass ich Mühe hatte zu fragen: „Entschuldigen Sie, aber darf ich vielleicht einen kleinen Schluck –“

Er wedelte mit der Hand. „Nur zu.“

Ich stürzte mich darauf, schüttete den gesamten Liter in mich hinein. „Und die Chips –“

Diesmal grunzte er lediglich, was mir aber Aufforderung genug war.

„Was ist dran?“, erkundigte ich mich, während ich knusperte. Mir war das Telefongespräch eingefallen, das Will mit seinem Vater geführt hatte, als wir mit ihm im Lkw unterwegs gewesen waren.

„Woran?“

„An dem Gerede vom Ende der Welt.“

Er schnaufte. „Ziemlich viel, wenn du mich fragst. Wir zahlen derzeit für einen Liter Sprit dreimal so viel wie vor einem Jahr. Irgendwann wird uns das ganze System um die Ohren fliegen, soviel ist sicher. Aber du bist ja gut ausgerüstet. Schwert, Bogen, du bist vorbereitet, was?“

Ich verstand nicht, was mein Schwert mit dem Benzinpreis zu tun hatte, also schwieg ich.

„Was transportieren Sie?“

Er nickte in Richtung der Tüte in meinen Händen. „Heute Konrads Chips. Und anderes Knabbergebäck.“

„Von Goldvelt nach Urba?“

„Nein, von Tvorni nach Citey.“

„Citey?“, echote ich entsetzt und sah mich nach einem Straßenschild um. Hatte ich mich nicht klar ausgedrückt, als ich eingestiegen war? Oder war das schon wieder eine Entführung? Ich hatte doch überhaupt nichts mehr von Wert …

„Keine Sorge, ich fahre dich nach Urba, wie ausgemacht.“ „Aber das liegt doch überhaupt nicht auf der Strecke!“

„Du bist nicht wie die anderen Mädchen von Will. Du tust ihm sicher gut. Ich will nicht, dass du vor die Hunde gehst, nur weil du hier zu Fuß durch die Gegend stromerst und dich niemand mitnimmt.“

Für einen Moment war ich sprachlos. „Das ist … wahnsinnig nett. Aber Sie haben mich missverstanden, wir sind kein Paar.“

„Das ist auch gar nicht nötig.“ Er lächelte mir knapp zu. „Es ist kein großer Umweg und du hast mich so früh geweckt, dass er mich nicht unnötig Zeit kostet. Entspann dich.“

Ich wollte noch widersprechen, aber dann klappte ich den Mund und die Augen zu und ließ mich vom sanften, tiefen Brummen und Rütteln des Lastwagens in einen intensiven zwei-Stunden-Schlaf schaukeln.

„Wohin musst du genau?“, riss mich Eric Parsons Stimme irgendwann aus einem Traum von einem Wal mit Kakadufrisur, in dessen Bauch ich gestrandet war, nass und schlammig …

Ich setzte mich auf, rieb mir Realität in die Augen, versuchte nachzudenken. „Ähm, ich muss erst noch einmal nachsehen.“ Konnte gut sein, dass Kassian schon wieder woanders war, und ich wollte den Trucker nicht noch länger aufhalten. Ich spähte nach draußen, erkannte hinter einer nebligen Regenwand graue Vorstädte. „Lassen Sie mich einfach irgendwo aussteigen, wo es gerade passt.“

„Damit du hier herumstromerst und vor die Hunde gehst? Sicher nicht. Ich lasse dich an der ersten Metro-Station heraus. Von da aus kommst du halbwegs sicher überallhin – zumindest zu dieser Uhrzeit.“

„Okay. Danke.“ Dass ich nicht mal das Geld für ein U-Bahn-Ticket hatte, erwähnte ich nicht. Ich hatte Angst, dass er mir dann die nötigen Taler dafür zustecken würde, und mich überforderte seine Nettigkeit jetzt schon. Und dass ich, wohlbewaffnet, wie ich war, mich vor den Gefahren der Stadt schon lang nicht mehr fürchtete, ersparte ich ihm auch.

Meine Kleidung hatte gerade angefangen, ein kleines bisschen zu trocknen. Doch bereits der kurze Weg von der Straße zum Metroabgang durchnässte mich wieder. Unten stellte ich fest, dass mein Fon immer noch kaum Strom und außerdem keinen Empfang hatte. Also stapfte ich wieder die Treppen hinauf, setzte mich in einen überdachten Hauseingang und wartete auf genügend Netz und Sonnenenergie für die Karten-App.

Pling! Ein Taler landete vor meinen Füßen. Ich blickte auf und sah gerade noch eine ältere Dame mit feinem, aprikosenfarbenem Sommermantel und passendem Schirmchen davonstöckeln.

Halt!, wollte ich rufen, ihr nachlaufen und das Geld zurückgeben. Ich bin doch keine Bettlerin! Ich sitze nur zufällig hier und bin schmutzig! Stattdessen steckte ich den Taler mit rotem Kopf ein.

Piep! 3 % Akkuladung verbleibend. Nur Notrufe möglich.

Immerhin. Das sollte für einen kurzen Karten-Check reichen. Ich rief das Programm auf und fahndete nach Kassians Pfeil. Er zeigte immer noch, oder wieder, auf denselben Punkt. Ich zoomte mich weiter in das Viertel hinein. Wiener Allee 8. Unweit der Metro-Station Seemarkt. Schnell versuchte ich, mir alles gut einzuprägen, dann steckte ich das Fon weg und eilte zur U-Bahn hinunter. Nur um dort festzustellen, dass ein Ticket für diese Strecke an die vier Taler kostete. Und ich hatte genau einen.

Nur … wer wird merken, ob du ein Ticket hast oder nicht?, flüsterte mir Pan ins linke Ohr. Warum solltest ausgerechnet du kontrolliert werden? Genau heute? Genau jetzt?

Ich stand schon am Bahnsteig, da sah ich das schwarze Plakat, direkt gegenüber, riesig groß und mit fetter weißer Schrift: Schwarzfahren ist Diebstahl! Wer ohne gültiges Ticket Metro fährt, fährt auf Kosten anderer. Darunter irgendein bürokratischer Kauderwelsch bezüglich erhöhtem Beförderungsentgelt von 60 Talern, das Vlad Westermann, Steuerfahnder meiner persönlichen Missgunst, sicherlich hätte in Begeisterungsstürme ausbrechen lassen. Ich biss auf meiner Unterlippe herum, bis die Metro einfuhr. Und dann … ließ ich sie einfach vorbeisausen. Und – plopp! – Pan löste sich in Luft auf. Mit hängendem Kopf, aber reinem Herzen schleppte ich mich die Treppe erneut nach oben und machte mich zu Fuß auf den Weg. Ich hatte es schon so weit geschafft, da sollte das letzte Stückchen auch kein Problem mehr darstellen.

Leider hatte ich nur eine vage Vorstellung von der Stadt, da ich mich immer nur auf Kassian konzentriert und verlassen hatte, wenn wir früher in Urba unterwegs gewesen waren, und mein Fon-Akku schwächelte, sodass ich die Karte nur alle Kilometer aufrufen konnte.

Happy End, Happy End, skandierte mein Gehirn im Schritttempo, aber ich war nicht mehr zu besonders viel Euphorie fähig, während ich Richtung Nordwesten durch eine Wohngegend, ein Büroviertel und eine Einkaufsmeile mit diversen Fressbuden trabte, deren widerstreitende Düfte mich vor Hunger fast taumeln ließen. Ich kaufte mir für meinen Taler eine halbe Tüte fettiger Pommes, die ich aus Rache an dem geizigen Imbissbesitzer komplett mit Gratis-Ketchup auffüllte. Die Folge war, dass ich beinahe einen Zuckerschock erlitt und wie die einzige Überlebende einer Zombieapokalypse aussah, weil ich gemeint hatte, während des Laufens essen zu können.

In ebendiesem Zustand griff mich Duke auf: Verzweifelt, albern, und über und über voll mit roter Sauce.

„Hey.“ Er fuhr mit einem mattschwarzen Angeberauto langsam neben mir her und hatte das Fenster der Beifahrerseite heruntergefahren. Das hatte ich mit einem Blick aus dem Augenwinkel in Erfahrung gebracht; gemeinhin war ich augenblicklich der Auffassung, dass er mich nicht sehen konnte, wenn ich ihn nicht sah … und ganz ehrlich: Ich wollte nicht, dass mich irgendjemand in dieser Verfassung sah.

„Hey“, murmelte ich nur, ohne aufzusehen, musste aber über meine Logik leise kichern.

„Geht’s dir gut?“

„Klar, warum?“

„Weil du, wie soll ich sagen, aussiehst wie die einzige Überlebende einer Zombieapo–“

„Jajaja“, unterbrach ich ihn. Da kam mir eine phantastische Idee und ich blickte doch zu Duke hinüber. „Kannst du mich mitnehmen?“

„Sicher. Wo musst du hin?“

„Zu Kassian. Ich muss ihm sagen, dass ich ihn liebe.“ Wieder entfuhr mir ein Kichern. Aber vielleicht war es auch ein Schluchzen.

„So? In diesem … Aufzug?“

Ich sah an mir herab. Betrachtete mein Oberteil, meinen Umhang, meine Hände, den Schlamm, die Nässe, das Ketchup. Schnupperte ganz vorsichtig und möglichst unauffällig an mir.

„Nein“, gab ich zögernd zu. „Wahrscheinlich nicht.“

Er reichte mir eine Packung Papiertaschentücher durchs Fenster. „Mach dich sauber und steig ein.“ Auf meinen zweifelnden Blick hin ergänzte er entschuldigend: „Ist nicht mein Auto. Sonst dürftest du es natürlich einsauen.“

Hätte mich auch gewundert, wenn er sich so ein Auto hätte leisten können. Duke Ibro arbeitete im Kriminalamt Urba und untersuchte den Fall eines Antiquitätengeschäfts, das vor ein paar Wochen in die Luft gegangen war. Nicht meine Schuld! Allerdings war ich dafür verantwortlich gewesen, dass zuvor der besagte Riesendiamant und eine Tasche voller Taler aus dem Verkaufsraum verschwunden waren. Leider hatte ich bei der Aktion mein Fon dort vergessen, und als ich zurückkehrte, um es zu suchen, hatte Duke es schon gefunden und bei der Übergabe erfolglos versucht, mich auszuhorchen. Seither war er immer wieder in meiner Nähe aufgetaucht, hatte sich bemüht, Informationen aus mir herauszubekommen. Es stellte sich heraus, dass er ein Bekannter von Melissa war, da sein Vater bei Melissas Vater als Sicherheitschef gearbeitet hatte. Es stellte sich außerdem heraus, dass er neben dem explodierten Laden auch an dem Fall Kawaji Ryu dran war. Ryu war einer der Köpfe des organisierten Verbrechens in Urba und rein zufällig der Herr, dem ich den Edelstein entwendet hatte. Duke war es auch, der Kassian und mich befreit hatte, nachdem wir von Ryu entführt worden waren. Und ihn hatte ich angerufen, als wir von ein paar maskierten Ninjas überfallen worden waren. Es lässt sich also durchaus sagen, dass er mir schon ein paar Mal echt aus der Patsche geholfen hatte. Und es lässt sich sagen, dass er ein gut aussehender ’Shim war, groß und schlank und gut gebaut, dunkle Mandelaugen in einem scharf geschnittenen Gesicht, dunkle, halblange Haare, dunkle Kleidung, dunkle Aura. Nicht, dass es mich interessierte. Aber es lässt sich sagen.

„Stimmt was nicht?“, fragte er und gab Gas.

Ich konzentrierte mich schnell wieder auf die Straße vor uns, die Pfützen, in denen das orange Licht der Straßenlaternen in konzentrischen Kreisen tanzte, und die Menschen, die weghüpften, wenn Duke durch ebendiese Pfützen fuhr, und sich das Regenwasser in Fontänen über den Bürgersteig ergoss. Ein Polizist sollte so etwas nicht machen, fand ich. Aber ich wollte seinen Fahrstil nicht kritisieren.

„Fahr einfach weiter.“

KAPITEL 2

Offenbar verdienten die Kriminalbeamten doch ganz ordentlich, dachte ich mir, als ich zwanzig Minuten später in Dukes Wohnung trat. Ich zog mir die Stiefel von den Füßen, legte Schwertgurt und Bogen ab, und ließ mein durchnässtes Kleiderbündel auf den Boden fallen, bevor ich neugierig durch die Räumlichkeiten spazierte.

Die Decke der im obersten Stockwerk gelegenen Wohnung war bestimmt vier Meter hoch. Dunkelgraues Parkett zog sich durch die Zimmer, ein paar riesige, abstrakte Gemälde verzierten die ansonsten leeren Wände. Hier und da standen ein paar schlichte, funktionale Möbel herum, wohnlich wurde es eigentlich nur durch einen dicken weißen Teppich im Wohnzimmer, die warme Beleuchtung und das von Orchideen und Grünpflanzen überquellende Fensterbrett vor der riesigen Scheibe, an die ich nun trat. Es war inzwischen ganz dunkel geworden, doch das Lichtermeer der Stadt funkelte zwischen den Regentropfen hindurch. Definitiv viel, viel besser als Themiskyra. Einen Moment lang dachte ich an Padmini, die heute Nacht alleine in ihrem Zimmer würde schlafen müssen. Wahrscheinlich würde sie bald eine neue Zimmergenossin zugeteilt bekommen. Einen Moment lang vermisste ich sie. Einen Moment lang spießte mir das Heimweh ins Herz. Dann sah ich meine Spiegelung und verzog angewidert das Gesicht.

„Du hattest etwas von einer Dusche gesagt?“, erkundigte ich mich bei Duke, der aus seiner Lederjacke geschlüpft war und mir Wasser in ein feines, dünnwandiges Glas einschenkte. Ich riss es ihm fast aus der Hand und stürzte den Inhalt hinunter. „Mehr.“

Er füllte mir solange nach, bis mein Durst gelöscht war, dann folgte ich ihm mit gluckerndem Wasserbauch ins Bad.

„Dort im Regal sind Handtücher. Nimm, was du brauchst. Und hier sind die Waschmaschine und der Trockner für deine Kleidung. Soll ich dir erklären, wie sie funktionieren?“

Ich winkte ab. Den Monat zuvor hatte ich in Themiskyras Wäscherei meinen Dienst versehen und jeden Tag viele Stunden Waschkörbe geschleppt, Maschinen befüllt, Kleidung und Tischwäsche gewrungen, aufgehängt, gemangelt, bis meine Hände rot und rissig waren. Wenn’s ums Waschen ging, bedurfte ich sicherlich keiner Hilfe.

„Dann viel … Erfolg!“ Damit überließ er mich mir selbst. Ich sperrte ab und drehte mich im Kreis, während ich mich umsah und auszog. Schwarzer Marmorboden, weiße Kacheln, alles schlicht, edel und großzügig, wie der Rest der Wohnung.

Ich duschte. Oh, Artemis, wie ich duschte. Lang und heiß. Danach säuberte ich meine Lederhose und den Wildlederumhang mit einem Schwamm und kondensiertem Wasser aus dem Trockner und hängte beides über einen Kleiderständer in Heizungsnähe. Die restliche Kleidung warf ich in die Waschmaschine, setzte mich in flauschige Frotteehandtücher gehüllt auf den Badteppich und sah der Trommel beim Drehen zu, während ich mich kämmte, bis es irgendwann vorsichtig an der Tür klopfte.

„Ainia? Geht’s dir gut oder bist du ertrunken?“

„Ich heiße jetzt Nia.“

„Okay. Kommst du irgendwann wieder raus?“

„Ich warte auf die Wäsche.“

„Das dauert doch Stunden.“

Wirklich? Lahme Maschinen hatten die hier im Märchenland. Jetzt verstand ich auch die rückwärts zählende Anzeige auf dem Display. Ich hatte doch keine Zeit! Und lediglich in Handtüchern würde ich das Bad sicherlich nicht wieder verlassen. Duke deutete mein Zögern richtig und ließ verlauten: „Ich hänge dir ein paar Sachen an die Türklinke.“

Wenig später kam ich zurück ins Wohnzimmer, bekleidet mit einer Hose und einem langärmeligen Oberteil ähnlich meinem Taekwondo-Anzug aus Themiskyra, aber in Schwarz und aus unvergleichlich weichem Material. Es floss um mich herum und wenn mich der Zeitdruck nicht hibbelig gemacht hätte, hätte ich mich sofort darin auf dem Flauschteppich zusammengerollt und ein paar Stündchen geschlummert. Stattdessen nahm ich Duke gegenüber auf der Couch Platz, der auf einem Sessel saß, einen schwarz glänzenden Laptop auf den Beinen, den er nun zuklappte.

„Kassian hat mich angerufen“, sagte er unvermittelt und ich war froh, dass ich saß, sonst wäre ich aus den nicht vorhandenen Latschen gekippt.

„Was? Wann??? Warum hast du nicht –“

„Am Freitag. Nicht heute. Er faselte irgendeine wilde Geschichte von einem Gemetzel vor einem alten Kraftwerk, und dass du gefangen gehalten würdest von einer Hexe.“ Er schüttelte den Kopf. „Er war außer sich.“

Angst schloss sich wie eine kalte Faust um meinen Magen. Wenn die Polizei sich Themiskyra nun auch noch vornahm, würden sie es zerstören. Die Amazonen würden an die Öffentlichkeit gezerrt werden und die anderen Gemeinschaften sich von unserer Siedlung abwenden, um sich selbst zu schützen, auch wenn Atalante nichts falsch gemacht hatte. Die Frauen von Themiskyra würden sich in alle Winde zerstreuen, um irgendwie, irgendwo neu anzufangen. Eine Katastrophe.

Ich wusste nicht, warum ich überhaupt noch Solidarität für Themiskyra empfand, es hätte mir egal sein können, aber ich fühlte mich entsetzlich schuldig.

„Zuerst dachte ich, er hätte was eingeworfen und sei auf irgendeinem abgefahrenen Trip. Ich konnte ihn nicht ernst nehmen. Aber ich musste natürlich hinfahren und der Sache nachgehen, zumal es dort nachweislich einen größeren Notarzteinsatz gegeben hatte und Kassian meinte, dass auch Kawaji Ryu und seine, wie er sie nannte, Ninjas dort gewesen seien.“

Ich schluckte. „Und dann?“

„Keine Spur von Ryu. Klar.“

„Klar“, brachte ich hervor.

„Stattdessen jede Menge Reifenspuren, blutgetränkter Boden und ohne Ende Patronenhülsen.“

Atalantes Aufräumtrupp hatte offenbar ganze Arbeit geleistet.

„Außerdem ein Haufen Steuerfahnder.“

Ich knabberte an meinen Fingernägeln herum.

Duke beobachtete mich ganz genau, schien meine Reaktion abschätzen zu wollen. „Und eine kleine Stadt voller Frauen.“

„Was hast du gemacht?“, fragte ich bang.

„Nichts.“

„Nichts?“

„Ist dir das nicht lieber so?“

„Doch, doch, natürlich …“, gab ich verwirrt zurück. Nur, seit wann kümmerte es die Polizei, was mir lieb war und was nicht?

„Ich habe natürlich Blutproben und Patronenhülsen ins Labor geschickt und die Verletzten befragt; immerhin hat dort eine Auseinandersetzung zwischen zwei rivalisierenden Gruppierungen des organisierten Verbrechens stattgefunden, aber die Angelegenheit hatte offensichtlich nichts mit den Bewohnern des alten Heizkraftwerks zu tun. Und Kassian mag dich zwar vermisst haben, aber du weißt sicherlich, dass Personen mindestens 24 Stunden lang weg sein müssen, bevor sie als vermisst gemeldet werden dürfen.“

Das wusste ich nicht. „Inzwischen sind aber mehr als 24 Stunden vergangen.“

„Inzwischen bist du aber wieder da. Und Kassian hat sich nicht mehr bei mir gemeldet.“

Vielleicht vermisste er mich auch nicht mehr. Autsch.

„Ich hatte ihm gesagt, dass er erst mal untertauchen solle, bis die Sache geklärt ist. Falls das wirklich Ryus Leute waren, werden sie nicht scharf auf Zeugen sein, und ich hielt es für sicherer für ihn, vorerst von der Bildfläche zu verschwinden. Und die Amazonenstadt und dein Name tauchen nirgendwo in den Akten auf.“

„Okay. Danke“, sagte ich verwirrt. War jetzt alles gut? Moment mal – „Wieso denkst du, das sei eine Amazonenstadt?“ „Ein Haufen gut bewaffneter Frauen und kein Mann in Sicht? Das liegt wohl auf der Hand.“

Es freute mich irgendwie, dass er uns erkannt hatte und nicht wie die anderen dachte, dass wir grobschlächtige Ungeheuer in Tierprint-Bikinis waren. Und es machte mir Angst. Er wusste zu viel. Die alte Ainia hätte vermutlich wieder die Messer gewetzt und versucht, Duke um die Ecke zu bringen, so wie sie es auch mit Kassian vorgehabt hatte, bevor sie sich verliebt hatte. Aber der neuen Nia konnte sein Mitwissen egal sein. Ich zwang mich dazu, meine Sorgen ziehen zu lassen. Meine Schwestern waren soweit in Sicherheit. Duke hatte mir schon wieder geholfen. Nur – warum?

„Erzählst du mir jetzt endlich, was du mit dem Antiquitätengeschäft zu tun hattest, das in Rauch und Asche aufgegangen ist?“

„Aha, deswegen.“

„Was?“

Ich hatte schon wieder laut gedacht. Nun, ich war nicht bescheuert. „Ich habe rein gar nichts mit diesem Laden zu tun.“

Er legte den Laptop auf einem Beistelltischchen ab und setzte sich neben mich. „War nur ein Spaß. Der Fall ist geklärt.“

„Wirklich?“

„Ja, wie vermutet. Gasleck.“

„Ach so.“

„Ja.“

Wieso löste sich gerade alles in Wohlgefallen auf? Und warum fühlte sich das nicht gut, sondern gefährlich an? Wahrscheinlich wegen Dukes Nähe. Die machte mich manchmal ganz … zum aus der Haut fahren. Ich stand auf. „Ich sehe mal nach der Waschmaschine.“

„Musst du nicht. Die schickt mir eine Nachricht auf mein Fon, wenn sie fertig ist.“

„Praktisch“, meinte ich zweifelnd und setzte mich langsam wieder hin. „Wie schaffst du es eigentlich immer, mich zu finden?“ Ich verschränkte die Arme, während ich ihn mit frisch erwachtem Misstrauen musterte. „In dieser Stadt wohnen doch bestimmt ein paar hunderttausend Leute – und du tauchst immer auf, wenn ich in Schwierigkeiten stecke? Unwahrscheinlich.“

Er lachte auf. „Ich frage mich eher, was du an meinen Tatorten zu suchen hast. Oder auf meinem Nachhauseweg von der Arbeit, über und über bekleckert mit Ketchup.“

„Hm.“

„Und das eine Mal nach dem Überfall hast du mich selbst angerufen.“

„Hm.“

„Nicht zufrieden? Was möchtest du denn hören? Ich habe dich verfolgt, weil ich dir verfallen bin?“

„Na, das sicher nicht“, sagte ich und schüttelte mich.

„Grrrroooooaaaaaaaaarrrh“, sagte mein Magen und verkrampfte sich.

„Hast du Hunger?“

„Da fragst du noch? Nach diesem infernalischen Knurren?“

Er lächelte mir knapp zu und stand auf, um im Kühlschrank der offenen Küche nach etwas Essbarem zu fahnden. Es handelte sich um ein immenses Gerät, zweitürig, mit Eiswürfelbereiter und Minibarfach. Aber sein Inhalt war mehr als dürftig. Ich spähte an Duke vorbei und sah ein Netz Zitronen, eine Plastik-Box mit dem Aufdruck eines asiatischen Restaurants und eine Flasche Bier. Er öffnete den anderen Türflügel, hinter dem sich der Gefrierschrank verbarg.

„Eiswürfel“, murmelte er, „Crushed Ice, Eiswürfel, Eiswürfel … Eiswürfel mit Minzblättern.“

Ich sackte enttäuscht auf der Couch zusammen.

Er kickte die Tür wieder zu und wandte sich zu mir um. „Ich kann dir Sushi von vorvorgestern anbieten. Oder ein Bier mit Zitronenschnitz an Minzeiswürfel.“

„Nein, danke.“ Ich musste einen klaren Kopf bewahren, wenn ich mit Kassian alles klären wollte. „Was bist du, ein Vampir? Wie kann jemand einen so leeren Kühlschrank haben?“

Duke zuckte mit den Schultern. „Ich esse meist unterwegs.“ Er wedelte mit einem gefalteten Papier, das er hinter dem Toaster hervorgezogen hatte. „Wir bestellen einfach etwas. Was möchtest du?“

Ich hatte ihm den Wisch schon aus den Händen gerissen und überflog die Seiten. „Alles. Einmal alles, bitte!“

Wir bestellten nicht alles. Aber eine hübsche, kleine Auswahl. Meeresfrüchte, gebackenes Huhn, gebratene Nudeln, gebrutzeltes Gemüse mit Tofu, zum Abschluss Sesameis, verschiedene Nüsse und exotische Früchte. Zeitgleich mit der Lieferung war die Wäsche fertig gewesen; ich hatte gleich den Trockner angeworfen, der sich nun mit einem Piepsen meldete, als ich mich gerade satt und zufrieden auf der Couch zurückgelehnt hatte.

Duke war kein Vampir. Ich hatte ihn essen sehen, wenn auch nur einen Bruchteil der Menge, die ich vertilgt hatte. Die meiste Zeit über hatte er mich verhalten amüsiert beim Reinspachteln beobachtet. Das war mir gleich, in seiner Gegenwart musste ich keine gute Figur machen oder befürchten, dass mich irgendwelche Käseblätter ablichteten, wenn ich mir gerade den Magen vollschlug.

Jetzt rappelte ich mich mit einiger Mühe wieder auf und schleppte mich ins Bad. Bedauernd ließ ich den bequemen schwarzen Anzug zurück, nachdem ich mich wieder mit meinen eigenen, jetzt duftenden, warmen Gewändern bekleidet und mir einen langen, dicken Zopf geflochten hatte. Im Gang zog ich mich fertig an. Stiefel. Schwertgurt. Umhang. Köcher. Ich straffte meine Haltung. Der Spiegel des Garderobenschranks zeigte wieder eine Amazone, nicht das debile Ketchupmonster. Gut so.

Duke trat in den Flur, lehnte sich groß und dunkel mit verschränkten Armen an den Türrahmen und sah mir dabei zu, wie ich mein Bündel verschnürte.

„Willst du wirklich jetzt noch los? Es ist schon spät.“

„Soll ich etwa hierbleiben?“ Das war undenkbar und rhetorisch gemeint, aber Duke zuckte mit den Schultern.

„Es gibt genug Platz. Außerdem regnet es immer noch. Weißt du überhaupt, wo du genau hinmusst?“

Ich Idiotin! Statt die Zeit und die Gelegenheit zu nutzen, hatte ich ganz vergessen, mein Fon hier an der Steckdose zu laden. Aber der Akku würde noch reichen für eine kurze Ortung von Kassian. Und es war besser, wenn Duke gar nicht erst erfuhr, dass es sich bei dem geheimnisvollen Objekt, das er vor ein paar Wochen aus dem verwüsteten Antiquitätengeschäft geborgen hatte, um ein Fon handelte.

„Ja, ich denke schon.“ Ich hängte mir mein Bündel zum Köcher über die Schulter.

„Soll ich dich fahren?“

Was, bei Artemis, war los? Warum wollten denn alle so nett zu mir sein? Will Parsons Vater, die Dame in Apricot, jetzt Duke … Na ja, das war’s eigentlich schon. Der Tankwart und der Pommesmann waren gemein gewesen. Der Stallbursche in Themiskyra auch ein bisschen, als ich mich von Xanthos verabschiedet hatte. Atalante auch. Jacintha sowieso. Wahrscheinlich war mir einfach ein normaler Durchschnitt an Fiesheiten und Freundlichkeiten zuteil geworden.

„Nein. Danke.“

„Wie kann ich dich erreichen?“

Ich schnaubte. „Gar nicht.“

„Kommst du zurecht?“

„Sicher. Und wenn nicht, tauchst du sicherlich wieder zur rechten Zeit auf.“ Ich gestattete mir ein winziges Lächeln, und auch Duke hob einen Mundwinkel, den er aber rasch wieder senkte, als er auf mich zutrat. Er hielt mich sanft an den Oberarmen fest und sah mich eindringlich an. „Pass auf dich auf. Es passieren … Dinge. Wahrscheinlich wird es bald zu Veränderungen kommen, die –“

„Der Benzinpreis schießt in die Höhe und das Geld verreckt. Ja ja, ich weiß.“

Er ließ mich überrascht los. Wahrscheinlich wirkte ich nicht wie der Typ Frau, der sich über wirtschaftliche Themen Gedanken machte. Na ja, machte ich mir ja auch nicht, es heulten mir nur in letzter Zeit alle die Ohren darüber voll, dass die Welt unterging. Panikmache. Was juckten mich Benzin und Geld, ich hatte ohnehin keines von beiden.

„Und wenn etwas sein sollte –“, setzte er erneut an.

„– habe ich deine Fonnummer.“

„Gut.“

„Gut. Dann … danke für die Dusche und die Waschgelegenheit. Und das Essen.“

„Brauchst du einen Schirm?“

Ich schnaubte erneut. Zog meine Kapuze über. Packte meinen Bogen. Duke öffnete mir die Wohnungstür. In dem Moment, als ich an ihm vorüberging, hielt er mich noch einmal kurz fest und drückte mich an sich. Ich konnte seinen Herzschlag hören und sein Aftershave riechen und alles fühlte sich plötzlich furchtbar persönlich an. Er gab mir einen schnellen Kuss auf die Stirn, bevor er mich auf den Gang schob. „Versuch zu überleben, Ainia.“

„Nia“, knurrte ich.

„Genau.“

Als ich auf den Aufzug wartete, wandte ich mich noch einmal zur Tür um, doch sie war schon wieder geschlossen. Immer noch ein bisschen verwirrt trat ich in die Liftkabine. Ich kam nicht hinter Dukes Beweggründe. Mit ihm fühlte sich alles seltsam an. Nichts passte so richtig. Wenn er mir den Hof gemacht hätte, hätte ich damit umgehen und seine Avancen abweisen können. Kein Problem. Aber so … wusste ich nie, was ich genau zu tun und zu sagen hatte. Am einfachsten war es da, sich hinter einer gewissen Pampigkeit zu verstecken, die ich aber gar nicht empfand. Und die mich nicht weiterbrachte.

Himmel, Artemis, Duke Ibro war gerade mein geringstes Problem. Ich hatte meinen Liebsten zu finden und ein Happy End einzuheimsen. Unten im Foyer des Hauses überprüfte ich kurz Kassians Standort, dann eilte ich hinaus in den Regen.

Glücklicherweise waren die schlimmsten Wolkenbrüche vorbei. Während der eineinhalb Stunden, in denen ich zu Kassians blauem Pfeilchen marschierte, ließ der Regen immer mehr nach, bis der Himmel schließlich an einigen Stellen aufbrach und weißes, kaltes Mondlicht auf die Erde schickte.

Etwa auf halbem Wege stieß ich auf ein Fahrrad. Es stand unversperrt an einem Zaun und sah durchaus verkehrstüchtig aus. Und es rief mich. In Nullkommanichts würde ich in Seemarkt und bei Kassian sein, wenn ich es mir einfach schnappen und in die Pedale treten würde. Drei Dinge hielten mich davon ab. Erstens: Ich wollte dem Rufen widerstehen. Ich hatte mit meinen Diebstählen so viel Mist gebaut – ich hatte nicht vor, da wieder hineinzugeraten. Zweitens: Pan hatte sich schon wieder auf meiner Schulter materialisiert und ich hatte beschlossen, den lästigen kleinen Gott und seine Einflüsterungen mit Missachtung zu strafen. Drittens: Ich konnte nicht Fahrrad fahren. Pedale sind hochgradig unheroisch. Also ignorierte ich das Rufen des Dings und ging daran vorbei. Um nicht zu viel darüber nachzudenken und am Ende doch noch schwach zu werden, dachte ich an Kassian. Unsere erste Begegnung, als er mich im Elektroladen dabei erwischte, wie ich für Polly einen GemPlayer mitgehen lassen wollte. Unsere zweite Begegnung, als ich ihn töten wollte und mich stattdessen in ihn verliebte. Nun, vielleicht nicht gleich an diesem Abend, aber bei jedem Treffen ein bisschen mehr. Ich dachte an seine leuchtenden Augen, wenn er mich anlächelte, ich dachte an seine Komplimente, seine Großzügigkeit, wie wir zusammen lachten, feierten, Spaß hatten. Mit jedem Schritt wuchsen meine Vorfreude und meine Verliebtheit.

Endlich bog ich in die Wiener Allee ein. Überall Villen, Parks, verschnörkelte Straßenlaternen, breite Einfahrten, hohe Hecken. Ich begann zu laufen, sah nach einigen Schritten schon den Thunderbird vor der Nummer 8 parken. Mein Herz schlug schneller, als ich vor einem großzügigen Anwesen zum Stehen kam, das von einer etwa zwei Meter hohen, weißen Mauer umgrenzt wurde. Ein paar der Fenster waren noch beleuchtet. Ich trat schon vor das Tor, streckte den Finger nach dem Klingelknopf aus, da besann ich mich eines Besseren. Was, wenn auch hier ein Herr Humboldt mich von meinem zukünftigen Glück zu trennen suchte? Nein, das würde ich nicht noch einmal zulassen. Ich versteckte meinen Bogen, den Pfeilköcher und mein Bündel in der Hecke des Nachbargrundstücks und schwang mich an der am weitesten von der nächsten Straßenlaterne entfernten Stelle über die Gartenmauer. Zu spät dachte ich an mögliche Anti-Einbruchssysteme wie beispielsweise Selbstschussanlagen, Dobermänner oder Sicherheitspersonal, und verharrte in der Hocke, in der ich auf dem Rasen gelandet war, während ich rasch die Umgebung kontrollierte. Keine auf mich zuhechelnden Ungetüme. Keine sich automatisch ausfahrenden Waffen. Keine Security.

Ich huschte durch den von einigen kleinen Lampen erleuchteten Garten, von Schatteninsel zu Schatteninsel, vorbei an ein paar gepflegten Blumenbeeten und einem kleinen Schuppen zur Rückseite des Hauses. Die Kellertür … war verschlossen. Mist. Aber bei der Küchentür hatte ich Glück. Sie war gekippt, und es kostete mich nur eine geschickte Handbewegung mit meinem Schwert, um das Schloss zu entriegeln. Die Küche lag im Dunkeln vor mir, durch den Gang jedoch fiel ein Streifen Licht auf die Terrakottafliesen. Das Personal hatte sich offenbar schon zurückgezogen, die Arbeitsflächen waren sauber, die Spülmaschine gurgelte vor sich hin.

Lautlos schlich ich hinaus auf den Flur. Eine Glasschirmlampe auf einer Konsole vor einem Spiegel verströmte schummriges Licht. In einer Schale dort lag Kassians Schlüsselbund; seinen Schlüsselanhänger hätte ich jederzeit wiedererkannt: Eine kleine Platine, wie er mir einmal erklärt hatte, die mich fasziniert hatte, da sie wie eine Miniaturstadt von oben aussah, mit Häusern, Straßen, Parks, Stadion …

Als sich plötzlich von hinten eine Hand auf meine Schulter legte, wäre mir vor Schreck fast das eben noch so vorfreudig trommelnde Herz stehen geblieben. Augenblicklich im Kampfmodus wirbelte ich herum, Arme in Abwehrstellung, Füße kickbereit. Ich weiß nicht, wen ich erwartete, einen Butler, eine Haushälterin, einen Sicherheitsbeauftragten; es hätte ohnehin sicherlich keinen guten Eindruck gemacht, einen von diesen Leuten auf die Matte zu schicken. Ganz sicher nicht erwartet hatte ich jedenfalls …

„Chiara?“

Sie trug einen Strohhut mit Schweißerbrille auf dem Kopf, einen Fünf-Liter-Wasserkanister in der Hand und war mindestens so überrascht über mich, wie ich über sie.

„Was machst du hier?“, fragten wir gleichzeitig leise, mussten dann lächeln und umarmten uns ein bisschen verlegen. „Was willst du mit dem Wasser?“, setzte ich erneut an.

„Es stehen schlimme Zeiten bevor. Wir müssen uns wappnen“, teilte sie mir, gemessen am Inhalt ihrer Worte, recht heiter mit. „Wenn das Trinkwasser erst einmal verseucht ist, werden wir alt aussehen.“

„Und deswegen beklaust du Kassian?“ Anders konnte ich mir ihr Herumschleichen im fremden Haus nicht erklären.

Sie sah mich nur völlig verständnislos an. „Warum?“

„Ja, warum?“, fragte ich. Dann zuckte ich mit den Schultern. War ja auch egal, das bisschen Wasser konnte er sich sicherlich leisten. „Hast du deine Tabletten genommen?“ „Nein“, flüsterte sie. „Ich habe sie gebunkert. Sie gehen bestimmt bald aus. Wusstest du, dass Erdöl auch in Arzneimitteln ist?“

„Ähm.“ Sie war definitiv in keiner guten Verfassung, aber ich konnte mich nicht die ganze Nacht mit Chiara aufhalten. „Du hast sicherlich recht, aber jetzt solltest du wirklich schlafen gehen. Findest du den Weg?“

„Klar.“ Sie setzte ihre Schweißerbrille auf. „Pass gut auf dich auf. Wenn es hart auf hart kommt, treffen wir uns im Bunker an der Herzogbrücke. Für dich ist sicher noch Platz.“ Sie nickte mir knapp zu und schleifte dann ihren Wasserkanister weiter den Gang entlang. Überfordert sah ich ihr nach. Armes Mädel. Aber als Apokalypsenprophetin machte sie sich ganz gut. Sie würde nur noch ein bisschen an ihrem Aufzug arbeiten müssen; der Strohhut sah etwas zu sehr nach Erdbeerernte aus …

Ich spitzte die Ohren. Plötzlich hörte ich gedämpfte Bässe, sehr leise, aber leicht als eins der Lieder von Kassians Lieblingsband identifizierbar. Ein Lächeln breitete sich in meinem Gesicht aus, als ich der Musik den Gang entlang und über eine breite Freitreppe hinauf ins erste Stockwerk folgte. Ich würde ihn zuerst umarmen. Ihm sagen, dass ich seine Zuneigung erwiderte … ach, was soll’s, ich würde ihm sagen, dass ich ihn liebte. Das hatte ihm Padmini ja ohnehin schon wörtlich ausgerichtet. Und dann würde ich Stück für Stück das ganze Chaos auflösen, in das ich hineingeraten war, beziehungsweise, ehrlicher, das ich verursacht hatte. Und dann würde bestimmt alles gut werden. Kassian war nicht nachtragend. Und er hatte mir so oft versichert, wie einzigartig und schön und toll er mich fand, das musste doch meinen kleinen Fauxpas aufwiegen?

Vielleicht würde er mich einfach hier einziehen lassen, es war bestimmt genug Platz vorhanden, wenn ich mich so umsah: Viele Türen mit goldenen Klinken gingen links und rechts ab, der Parkettboden war mit fein geknüpften Perserteppichen ausgelegt, an der Decke hingen kleine Kristalllüster … Aber das Wichtigste war Xanthos. Meinen Fuchswallach von der Paiti auszulösen würde mein Hauptprojekt sein, sobald ich Kassian wieder in meine Arme geschlossen hatte. Er würde mir sicher das Geld dafür geben; er hatte mir ja immer jeden Wunsch von den Augen abgelesen.

So träumte ich vor mich hin, während ich den Bässen den Gang entlang nachging, bis ich endlich vor der Tür stand, hinter der die Musik spielte, hinter der Kassian war, hinter der ich finden würde, wonach ich mein ganzes Leben, bewusst und unbewusst, gesucht hatte. Ich klopfte nicht an. Keine Verzögerungen mehr. Kein Aufschub. Keine Ausreden und keine Ausflüchte mehr. Tacheles.

Ich riss die Tür auf – und erstarrte.

KAPITEL 3