Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) - Georg H. Eifert - E-Book

Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) E-Book

Georg H. Eifert

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Beschreibung

Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist ein transdiagnostischer kognitiv-verhaltenstherapeutischer Ansatz, der darauf abzielt, Menschen zu vermitteln, emotionalen Problemen mit Achtsamkeit und Mitgefühl offen zu begegnen und gleichzeitig in ihrem Leben das zu verfolgen, was ihnen wirklich am Herzen liegt. Die Neubearbeitung des Bandes liefert eine Einführung in die Grundlagen und Methoden der ACT und stellt störungsübergreifende therapeutische Strategien praxisnah dar. In der ACT geht es nicht primär um die Beseitigung und Kontrolle von Symptomen, sondern darum, eine größere psychologische Flexibilität durch das Lernen von achtsamer Akzeptanz zu entwickeln. Anhand zahlreicher Beispiele beschreibt der Band, wie Klientinnen und Klienten lernen können, mit mehr Freundlichkeit auf ihr ungewolltes inneres Erleben zu reagieren, sanft mit ihren Gefühls- und Gedankenbarrieren umzugehen sowie den Fokus auf die Verfolgung von Lebenszielen zu konzentrieren, die bisher oft dem Management von Ängsten, Sorgen, Depressionen und anderen Belastungen zum Opfer gefallen sind. Dazu werden zahlreiche erfahrungsbezogene Übungen, Metaphern, Achtsamkeitstechniken und Methoden der Verhaltensaktivierung vorgestellt. Die Neuauflage des Bandes informiert über aktuelle Entwicklungen der ACT: So ist in den letzten Jahren die Evidenzbasis der ACT durch zahlreiche Studien enorm angewachsen, das Verständnis der Therapieprozesse hat sich insbesondere in Bezug auf die Beobachterperspektive vertieft und der therapeutische Fokus hat sich durch ein stärkeres Betonen des Beobachtens schwieriger Erlebensinhalte aus der Beobachterperspektive und durch die Integration von Techniken zur Förderung von Selbstmitgefühl erweitert.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Georg H. Eifert

Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT)

2., überarbeitete Auflage

Fortschritte der Psychotherapie

Band 45

Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT)

Prof. Dr. Georg H. Eifert

Herausgeber der Reihe:

Prof. Dr. Martin Hautzinger, Prof. Dr. Tania Lincoln, Prof. Dr. Jürgen Margraf, Prof. Dr. Winfried Rief, Prof. Dr. Brunna Tuschen-Caffier

Begründer der Reihe:

Dietmar Schulte, Klaus Grawe, Kurt Hahlweg, Dieter Vaitl

Prof. Dr. em. Georg H. Eifert, geb. 1952. 1972–1979 Studium der Psychologie in Bochum und am Clinical Studies Program der University of Hawaii in Honolulu. 1983 Promotion. Anschließend wissenschaftliche Tätigkeiten an verschiedenen amerikanischen und australischen Universitäten, u.a. Professor für Psychologie an der James Cook University of North Queensland, Australien; Distinguished Professor an der West Virginia University in Morgantown. 2002–2011 Professor und Direktor der Abteilung für Psychologie an der Chapman University in Orange, Kalifornien, seit 2011 dort Prof. em. Arbeitsschwerpunkt: Angstforschung, Akzeptanz- und Commitment Therapie (ACT).

Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autor:innen bzw. den Herausgeber:innen große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autor:innen bzw. Herausgeber:innen und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

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www.hogrefe.de

Satz: Sabine Rosenfeldt, Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen

Illustrationen: Joseph Ciarrochi und David Mercer

Format: EPUB

2., überarbeitete Auflage 2022

© 2011 und 2022 Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen

(E-Book-ISBN [PDF] 978-3-8409-3045-4; E-Book-ISBN [EPUB] 978-3-8444-3045-5)

ISBN 978-3-8017-3045-1

https://doi.org/10.1026/03045-000

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Zitierfähigkeit: Dieses EPUB beinhaltet Seitenzahlen zwischen senkrechten Strichen (Beispiel: |1|), die den Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe und des E-Books im PDF-Format entsprechen.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zur 2. Auflage

1 Beschreibung des ACT-Therapieansatzes

1.1 Ziele und Fokus der ACT

1.2 Theoretisch-philosophische Wurzeln

1.2.1 Relationsbildungstheorie (RBT)

1.2.2 Funktions- und Kontextorientierung

1.2.3 Humanistische Grundorientierung

1.3 ACT ist Teil der Evolution der Verhaltenstherapie

1.3.1 Die behaviorale und kognitiv-behaviorale Phase

1.3.2 Die „dritte Welle“: Akzeptanz und Veränderung

2 ACT-„Störungsmodell“ und Therapieprozesse

2.1 Was verursacht psychisches Leiden?

2.2 Störungsrelevante Prozesse

2.2.1 Erlebensvermeidung

2.2.2 Kognitive Fusion

2.2.3 Rigides Festhalten am konstruierten Selbst

2.2.4 Verharren in der Vergangenheit und Fokus auf die vorgestellte Zukunft

2.2.5 Mangelnde Werteklarheit

2.2.6 Untätigkeit und beharrliches Vermeidungsverhalten

2.3 Behandlungsprozesse und -ziele

2.3.1 Psychische Flexibilität – das übergreifende Ziel der ACT

2.3.2 Akzeptieren, bereit sein und sich öffnen

2.3.3 Gegenwärtigkeit – Präsent sein

2.3.4 Perspektivenwechsel zum unparteiischen Ich-als-Beobachter

2.3.5 Kognitive Defusion

2.3.6 Klärung von Werten und Entwicklung von Lebenszielen

2.3.7 Engagiertes entschlossenes Handeln

2.3.8 Mitgefühl und Selbstzuwendung

3 Diagnostische Überlegungen und Fallkonzeptualisierung

3.1 Ein transdiagnostischer Ansatz

3.2 Diagnostik und Messung von Therapieprozessen

3.2.1 Akzeptanz- und Handlungsfragebogen

3.2.2 Kognitive Defusion

3.2.3 Werte und Lebensqualität

3.3 Fallkonzeptualisierung

4 Behandlungsstrategien und -methoden

4.1 ACT ist ein flexibler Therapieansatz

4.2 Haltung und Kernkompetenzen des Therapeuten

4.3 Behandlungsstrategien und -ziele

4.3.1 Behandlungsfokus auf Erleben und direkter Erfahrung

4.3.2 Behandlungsorientierung des Klienten

4.3.3 Die Kontroll- und Bekämpfungsagenda aufgeben

4.3.4 Lebenswerte und Lebensziele klären

4.3.5 Lernen von Akzeptanz, Achtsamkeit und Bereitschaft

4.3.6 Perspektivenwechsel zum Ich-als-Beobachter

4.3.7 Kognitive Defusion

4.3.8 Verhaltensaktivierung – Entschlossenes wertorientiertes Handeln

4.3.9 Flexible Verhaltensmuster durch wertgeleitete Exposition aufbauen

4.3.10 Förderung von Mitgefühl und Selbstzuwendung

4.4 Probleme bei der Durchführung

4.4.1 Lernen, Barrieren mitzunehmen

4.4.2 Neuverpflichtung bei Rückschlägen – Auf Kurs bleiben

4.4.3 Mangelnde Bereitschaft

4.4.4 Lernen, bei intensiven Emotionen zu bleiben

4.4.5 Verhaltensdefizite (Mangelnde Fertigkeiten)

4.4.6 Probleme in der Haltung des Therapeuten

5 Effektivität von ACT

5.1 Wirksamkeitsstudien

5.2 Veränderungen in Prozessvariablen beeinflussen Outcomes

5.3 Effektivität von ACT zur Selbsthilfe und Prävention

6 Ausblick

7 Weiterführende Literatur und Ressourcen

8 Literatur

9 Kompetenzziele und Lernkontrollfragen

10 Anhang

Fragebogen für Akzeptanz und Handeln (FAH-II)

Arbeitsblatt: Wofür soll mein Leben stehen?

Arbeitsblatt: Mein Lebenskompass

Arbeitsblatt: Werte und Ziele

Karten

ACT-Fallkonzeptformular

|1|Vorwort zur 2. Auflage

Seit dem Erscheinen der Erstausgabe dieses Bandes vor 10 Jahren hat sich die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ungemein schnell und positiv weiterentwickelt. Dies gilt sowohl für die Breite und Effektivität ihrer Anwendung als auch für ein tieferes Verständnis der in ihr wirksamen Therapieprozesse. Viele der ursprünglichen Interventionstechniken werden weiterhin angewandt, aber ihr relatives Gewicht hat sich verschoben und einige neue Techniken sind hinzugekommen. Das Leitprinzip, um das es in der ACT geht, ist dabei jedoch unverändert geblieben: Es geht nicht primär um die Beseitigung und Kontrolle von Symptomen, sondern darum, Klienten zu einem von ihnen selbst definierten besseren, erfüllteren Leben zu verhelfen.

Die wesentlichen Entwicklungen und Fortschritte seit der Erstausgabe lassen sich in drei Punkten zusammenfassen:

Die Evidenzbasis der ACT hat sich enorm erweitert und ist internationaler und solider geworden. Viele Einzelstudien und Metaanalysen zeigen, dass das Verfahren den etablierten Therapien mindestens ebenbürtig ist. In einigen Bereichen zeigte sich sogar eine höhere Effektivität – besonders dort, wo eine kognitive Verhaltenstherapie nicht den gewünschten Effekt hatte.

Das Verständnis der Therapieprozesse hat sich vertieft. Dies gilt insbesondere für die Entwicklung der Beobachterperspektive, welche automatisch die Wirksamkeit aller anderen ACT-Prozesse unterstützt.

Der therapeutische Fokus hat sich erweitert. Dies gilt besonders für ein stärkeres Betonen des sanften Beobachtens unseres Erlebens aus der Beobachterperspektive und für die Integration von Techniken zur Förderung von Selbstmitgefühl und Selbstzuwendung.

Diese Erweiterungen und Schwerpunktverlagerungen in der ACT erforderten eine Überarbeitung und Erweiterung dieses Bandes, wobei sich die Länge jedoch nur unwesentlich erhöhen durfte.

Letztendlich ist es unmöglich, die ACT glaubhaft zu vermitteln, ohne auch persönlich involviert zu sein. Daher ist mein persönlicher Wunsch für Leser, dass sie von der Arbeit mit diesem Band nicht nur beruflich profitieren, sondern dass sie auch einige Anregungen für ihr persönliches Leben gewinnen können.

Port Angeles (USA), Frühjahr 2022

Georg H. Eifert

|2|1 Beschreibung des ACT-Therapieansatzes

Die Spezies Mensch besteht aus leidenden Geschöpfen. Menschen erleben nicht nur Schmerz, sondern sie leiden (Hayes, 2005, S. 5). Steven Hayes, der Begründer der ACT, wollte mit diesen ersten Sätzen seines Buches ausdrücken, dass Menschen emotionalen Schmerz nicht nur einfach erleben. Oft kämpfen sie mit ihrem Erleben und tun alles Mögliche, um schwierige Gefühle, quälende Gedanken, belastende Erinnerungen, beängstigende körperliche Empfindungen zu kontrollieren und möglichst zu beseitigen. Diese vor allem durch sprachlich-kognitive Lernprozesse bedingten emotionalen Vermeidungsprozesse führen langfristig zu hohen persönlichen und nicht selten auch finanziellen Kosten. Sie tragen auch wesentlich dazu bei, dass sich normaler Schmerz in klinisches Leiden verwandeln kann. Die ACT geht davon aus, dass nicht die Probleme oder Symptome selbst, sondern der unflexible Umgang mit ihnen das wirkliche Problem ist. Das grundlegende Ziel in der Therapie ist es daher, Menschen zu helfen, ihren unproduktiven Kampf mit dem eigenen Erleben zu beenden und ihre Energien stattdessen auf das Ausleben persönlicher Werte und Lebensziele zu richten. Die ACT betrachtet Symptomfreiheit weder als eine Voraussetzung noch als eine Garantie für ein erfülltes Leben. Der letztendliche Sinn der ACT ist nicht nur ein bloßes Beseitigen von Störungen und Symptomen, sondern ein von persönlich gewählten Werten geleitetes besseres, glücklicheres Leben.

1.1 Ziele und Fokus der ACT

Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie ist ein transdiagnostischer kognitiv-verhaltenstherapeutischer Ansatz, der darauf abzielt, Menschen beizubringen, emotionalen Problemen mit Achtsamkeit und Mitgefühl offen zu begegnen und gleichzeitig in ihrem Leben das zu verfolgen, was ihnen wirklich am Herzen liegt. Die Aussprache „ACT“ ist wichtig, denn sie beschreibt, wofür ACT letztendlich steht: ACTion – entschlossenes engagiertes und von Lebenszielen geleitetes Handeln.

|3|Merke: Das letztendliche Ziel der ACT ist ein von persönlichen Werten geleitetes besseres Leben durch größere psychische Flexibilität

Auf funktionaler Ebene geht es in der ACT um drei konkrete Behandlungsziele:

Abbau unwirksamer Erlebensvermeidung und -kontrolle: Lernen, unangenehme Gedanken und Gefühle zuzulassen und diese zu beobachten, anstatt sich in Bewertungen dieses Erlebens zu verstricken;

Abbau der verhaltensregulierenden Funktion nicht lebenszielfördernder Kognitionen: Lernen, sich aus Gedankenverstrickungen zu lösen und „die Tyrannei des Kopfes“ auf der Verhaltensebene zu sabotieren;

Förderung engagierten lebenszielorientierten Handelns.

1.2 Theoretisch-philosophische Wurzeln

Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist in der behavioristischen Tradition und philosophisch im funktionalen Kontextualismus verwurzelt (Hayes, Strosahl & Wilson, 2014). Unter dem funktionalen Kontextualismus wird die philosophische Auffassung verstanden, dass jedes Verhalten in einem historisch und situativ bedingten Kontext stattfindet und nur unter Berücksichtigung dieses Kontextes wirklich verstanden werden kann.

1.2.1 Relationsbildungstheorie (RBT)

Die ACT beruht auf den theoretischen Grundlagen der Verhaltenstherapie (VT) und erweitert diesen konzeptionellen Rahmen um neue grundlegende Erkenntnisse zum Erwerb und den Funktionen der Sprache und des Denkens. Im Vordergrund stehen empirisch basierte Überlegungen zur Funktion der menschlichen Sprache, zur Weitergabe von symbolischem Wissen und Erfahrungen sowie zur Rolle von Kognitionen bei fehlender Verhaltensflexibilität. Die theoretischen Annahmen zur menschlichen Sprache und Kognition werden in der sogenannten Relational Frame Theory (Relationsbildungstheorie; Hayes, 2004; Hayes, Barnes-Holmes & Roche, 2001) zusammengefasst.

Es handelt sich hierbei um eine verhaltenswissenschaftliche Theorie menschlicher Sprache und Kognitionen, welche eng mit der Evolutionstheorie und ihren Anwendungen verbunden ist. Die zentrale Annahme ist, dass menschliche Kognitionen und Sprache eine Form gelernten Verhaltens und gelernter relationaler Netzwerke sind. Im Verlauf dieses Lernprozesses kann es vorkommen, dass für die Lebenszielverfolgung nicht hilfreiche Relationen hergestellt oder abgeleitet werden, die wiederum einen ungünstigen Einfluss auf andere Relationen und auf die Offenheit des Verhaltens nehmen können. Beispiels|4|weise werden infolge der Vermeidung unangenehmer innerer Erlebnisse wie Angst, Schmerz oder depressiver Stimmung (Erlebensvermeidung) die Verhaltens- und Handlungsressourcen eingeschränkt, was wiederum zu geringer psychischer Flexibilität und rigiden Verhaltensweisen führt. Zahlreiche Untersuchungen in den letzten 30 Jahren haben nachgewiesen, dass solche rigiden emotionalen Vermeidungstendenzen die Grundlage für eine Vielzahl von Lebensproblemen und psychischen Störungen bilden (Boulanger, Hayes & Pistorello, 2010; Kashdan, Barrios, Forsyth & Steger, 2006), wobei diese Tendenzen in westlichen Kulturen besonders ausgeprägt sind (Monestès et al., 2018).

Merke: Relationsbildungstheorie

Die theoretisch-empirische Grundlage der ACT ist die Relationsbildungstheorie mit ihren Erkenntnissen zur menschlichen Sprache und der Entstehung von Verhaltensinflexibilität und damit einhergehenden Lebensproblemen infolge von rigider Erlebensvermeidung.

1.2.2 Funktions- und Kontextorientierung

Wie in der traditionellen VT spielen kognitive Prozesse auch in der ACT eine wichtige Rolle. Der Unterschied besteht im Veränderungsfokus: Inhalt versus Funktion. Kognitive Verhaltenstherapeuten versuchen in der Regel, den Inhalt von Kognitionen direkt zu verändern. Begriffe wie „kognitive Umstrukturierung“ legen nahe, dass es darum geht, die fehlerhaften kognitiven Strukturen und Inhalte (z. B. irrationale Gedanken) buchstäblich auszuwechseln und beispielsweise durch realistischere Gedanken zu ersetzen. Was hierbei weniger betrachtet und beachtet wird, ist die Funktion von Sprache und Denken sowie der (situative sowie historische) Kontext, in dem sie stattfinden. Entsprechend geht es in der ACT darum, vor allem die handlungsleitende Funktion von Kognitionen kritisch zu hinterfragen (z. B. „Ist dies in der jetzigen Situation ein hilfreicher Gedanke?“), wenn diese Kognitionen Erlebensvermeidung („experiential avoidance“) begünstigen und für die Erreichung von Lebenszielen nicht hilfreich sind.

Ist ein Mensch beispielsweise der festen Überzeugung, ein Versager zu sein, kann dies zu einem ausgeprägten belastenden Vermeidungsverhalten führen und ihn sozial isolieren. Anstatt diese Überzeugung inhaltlich auf ihren Realitätsbezug zu hinterfragen (z. B. „Bin ich wirklich [oder immer] ein Versager?“), legt die ACT den Schwerpunkt auf die jeweilige Funktionalität in einem speziellen Kontext (z. B. „Ist der Gedanke, dass ich ein Versager bin, in dieser Situation hilfreich, um mein Ziel zu erreichen?“). Ist diese hilfreiche Funktionalität nicht gegeben, versuchen ACT-Therapeuten, die verhaltenssteuernde Funktion dieses Gedankens zu schwächen (z. B. „Muss ich unbedingt|5|das machen, was der Verstand mir sagt?“ oder „Kann ich diesen Gedanken haben und mich mit ihm gleichzeitig auf mein gesetztes Ziel zubewegen?“). Dadurch gewinnen Klienten mehr Handlungsfreiheit und -flexibilität.

1.2.3 Humanistische Grundorientierung

Obwohl die ACT eine Verhaltenstherapie ist, so hat sie doch auch eine unverkennbare humanistische Orientierung. Man kann den Fokus auf die Identifizierung persönlich relevanter Lebenswerte durchaus als einen praktischen Weg zur Selbstaktualisierung bezeichnen, wobei die zentralen wertgeleiteten Verhaltensprogramme die konkreten Schritte in Richtung Selbstverwirklichung sind.

1.3 ACT ist Teil der Evolution der Verhaltenstherapie

Die ACT ist keine neue Therapie, sondern eine gezielte Weiterentwicklung der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT). Wie bei der Verhaltenstherapie geht es zunächst darum, Klienten bei ihren Schwierigkeiten zu helfen, die oft ihr Leben beherrschenden Flucht- und Vermeidungsstrategien aufzugeben. Das zweite und wichtigste Ziel ist, das Verhalten der Klienten auf das Erreichen selbst gesetzter positiver Lebensziele auszurichten.

Um diese allgemeinen Ziele zu erreichen, wendet die ACT eine Reihe erlebensorientierter Therapiemethoden an (z. B. Metaphern und Paradoxien), die teilweise von anderen Therapieformen adaptiert wurden und in der KVT etwas weniger üblich sind. Dennoch sind die zentralen theoretischen Grundlagen, die funktional-pragmatische Ausrichtung und die Betonung von Verhaltensaktivierung fest in der Tradition der VT verankert. Die ACT wird oft als Teil der „dritten Welle“ oder dritten Phase der Verhaltenstherapie bezeichnet (Heidenreich, Michalak & Eifert, 2007; Heidenreich & Michalak, 2013). Die folgende kurze Darstellung dient dazu, einige wesentliche gemeinsame Merkmale der VT und der ACT darzustellen, damit die Leser die ACT besser einordnen und zugleich ihre Besonderheiten erkennen können.

1.3.1 Die behaviorale und kognitiv-behaviorale Phase

Die erste (behaviorale) Phase der VT zeichnete sich durch die Annahme aus, dass die Entwicklung theoretischer Konstrukte und Modelle und deren Umsetzung in therapeutische Interventionen auf einer wissenschaftlich zufriedenstellenden empirischen Grundlage erfolgen sollte. Der Ausgangspunkt der |6|Entstehung der VT lag dabei in der Anwendung von Prinzipien der experimentellen Psychologie (vor allem der Lerntheorien) auf Verhaltensprobleme allgemein und klinische Störungen im speziellen (Hofmann & Hayes, 2018). Trotz der zahlreichen empirischen Wirksamkeitsnachweise für verhaltenstherapeutische Interventionen, entwickelte sich bei Forschern und Praktikern im Laufe der 1960er und 1970er Jahre eine zunehmende Unzufriedenheit mit der damaligen theoretischen Fundierung der VT: Die „Lerngesetze“ wie klassische und operante Konditionierung erschienen nicht hinreichend, um komplexes menschliches Verhalten, insbesondere Kognition und Sprache, zu beschreiben. Insbesondere die strikten behavioristischen Grundsätze und mechanistischen Begrifflichkeiten der Anfangsjahre wurden als einengend erlebt.

Die zweite Phase der Verhaltenstherapie erweiterte die bisherige Theoriebildung um kognitive und verbale Prozesse wie Überzeugungen und Schemata (Hayes, 2004). Da im Gegensatz zur Theoriebildung in der behavioralen Phase überzeugende Grundlagenarbeiten aus dem Bereich Sprache und Kognition fehlten, wurden zunächst eigene kognitive, klinisch relevante Modelle entwickelt, die als Grundlage für das Behandlungsvorgehen dienten. Irrationale Gedanken, ätiologisch bedeutsame kognitive Schemata oder fehlerhafte Prozesse der Informationsverarbeitung werden im therapeutischen Vorgehen angesprochen und auf direktem Weg durch kognitive Bearbeitung und sorgfältig strukturierte Verhaltensaufgaben zu verändern versucht. Obwohl eine Vielzahl von Studien Wirksamkeitsnachweise der KVT für viele Störungsbereiche erbracht haben (Hofmann, Asnaani, Vonk, Sawyer & Fang, 2012), finden sich deutlich weniger Nachweise für die angenommenen Wirkmechanismen. Insbesondere die Notwendigkeit kognitiver Veränderungen zur Besserung der problematischen Symptomatik ist nach wie vor umstritten. Dennoch haben eine Reihe von Untersuchungen kognitive Mediatoren und Moderatoren identifiziert und untersucht, mit welchen therapeutischen Techniken diese beeinflusst werden können (Arch, Wolitzky-Taylor, Eifert & Craske, 2012b; Hofmann & Hayes, 2019).

1.3.2 Die „dritte Welle“: Akzeptanz und Veränderung

Die Ansätze der sogenannten dritten Welle der Verhaltenstherapie orientieren sich weiterhin an klassischen VT-Traditionen (z. B. eine grundlagenwissenschaftliche Fundierung und die Verpflichtung zur empirischen Validierung). Jedoch erweitern sie den Veränderungsfokus vor allem durch ihren Fokus auf das achtsame Akzeptieren anstatt auf die Kontrolle und Veränderung inneren Erlebens. Neben der stärkeren Betonung kontextueller und erlebensorientierter Prozesse findet sich auch die Annahme, dass zwischen Therapeuten und Klienten keine grundlegenden Unterschiede bestehen im Hinblick auf das Erleben von Leiden und durch Verstrickungen mit Sprache verursachte Probleme – wir sitzen alle im gleichen Boot (Eifert & Gloster, 2016). Dies ist üb|7|rigens auch einer der Gründe, warum ACT-Therapeuten die hilfesuchende Person oft als Klient und nicht als Patient bezeichnen. „Patient“ klingt eher etwas paternalistisch und könnte den Eindruck verstärken, dass die Person krank und irgendwie reparaturbedürftig ist. Aus der Sicht von ACT ist dies keine hilfreiche Perspektive, denn die ACT betont eher das Potenzial und die Stärken von Menschen und nicht ihre Schwächen.

Trotz einer gemeinsamen Grundausrichtung ist das Spektrum der Ansätze und Vertreter der dritten Welle ziemlich heterogen. Außer der ACT haben vor allem zwei andere einflussreiche Ansätze der dritten Welle eine gute empirische Unterstützung: die Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT, Linehan, 2014) und die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie (Mindfulness-Based Cognitive Therapy, MBCT; Segal, Williams & Teasdale, 2015).