Akzeptanz- und Commitment-Therapie - Paul E. Flaxman - E-Book

Akzeptanz- und Commitment-Therapie E-Book

Paul E. Flaxman

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Beschreibung

Grundlagen der Akzeptanz- und Commitment-Therapie Die Akzeptanz- & Commitment-Therapie, kurz ACT, ist eine moderne Verhaltenstherapie. Im Gegensatz zu eher traditionellen kognitiven Verhaltenstherapien zielt die ACT nicht darauf ab, unerwünschte Gedanken oder Emotionen zu reduzieren oder zu eliminieren. Die Klienten lernen stattdessen, ihre Energie auf ein zufriedenstellendes Leben zu fokussieren, und zwar trotz negativer Gedanken und Empfindungen. Dieses Buch demonstriert übersichtlich und einprägsam, wie das gelingen kann. Wie hat sich die ACT entwickelt? Was sind ihre typischen Kennzeichnen? Und wie grenzt sie sich von anderen Therapien ab? Hier erhalten Sie eine fundierte Einführung. Das Buch ist ein weiterer Band aus der Reihe „Therapeutische Skills kompakt“, in der Theorie und Praxis einzelner Therapieformen fundiert und kurzweilig vorgestellt werden.

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Seitenzahl: 227

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Paul E. Flaxman, John T. Blackledge & Frank W. BondAkzeptanz- und Commitment-Therapie

Reihe Therapeutische Skills kompakt Band 6

Über dieses Buch

Die Akzeptanz- & Commitment-Therapie, kurz ACT, ist eine moderne Verhaltenstherapie. Im Gegensatz zu eher traditionellen ­kognitiven Verhaltenstherapien zielt sie nicht darauf ab, unerwünschte Gedanken und Emotionen zu beseitigen oder »Störungen« zu behandeln. Die Klienten lernen stattdessen, ihre Energie auf ein zufriedenstellendes Leben zu fokussieren, und zwar trotz negativer Gedanken und Empfindungen. Psychische Flexibilität ­lautet das Zauberwort in der ACT. Sie ermöglicht es, mit mehr Freundlichkeit seinem inneren Erleben zu begegnen und seine ­Lebensziele konsequent zu verfolgen. ­Dieser Band demonstriert übersichtlich und einprägsam, wie das gelingen kann. Wie hat sich die ACT entwickelt? Was sind ihre typischen Kennzeichnen? Und wie grenzt sie sich von anderen Therapien ab? Hier erhalten Sie eine fundierte Einführung.

Paul E. Flaxman ist Professor der Psychologie an der City University in London.

John T. Blackledge ist Assistant Professor an der Morehead State ­University in den USA.

Frank W. Bond ist Professor der Psychologie an der Goldsmiths ­University in London.

Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2014

Copyright © der Originalausgabe: Paul E. Flaxman, John T. Blackledge & Frank W. Bond, 2011

Die Originalausgabe ist 2011 unter dem Titel „Acceptance and Commitment Therapy: Distinctive Features“ bei Routledge erschienen.

Übersetzung: Guido Plata

Coverfoto: © Manuel Schäfer – Fotolia.com

Coverentwurf / Reihengestaltung: Christian Tschepp

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2014

Satz & Digitalisierung: JUNFERMANN Druck & Service, Paderborn

ISBN der Printausgabe: 978-3-95571-001-9 ISBN dieses eBooks: 978-3-95571-011-8

Vorwort

Die Akzeptanz- & Commitment-Therapie (ACT, im Englischen und auch im Deutschen wie „act“, das englische Wort für Handlung, ausgesprochen) ist eine moderne Verhaltenstherapie, die auf Akzeptanz und Achtsamkeit basierende Interventionen in Verbindung mit Strategien für Verpflichtung und Engagement sowie Verhaltensveränderung einsetzt. Ziel dieser Maßnahmen ist es, die Klienten dabei zu unterstützen, ein vitaleres, zielgerichteteres und sinnerfüllteres Leben zu führen. Im Gegensatz zu eher traditionellen kognitiven Verhaltenstherapien (KVT) strebt die ACT keine Veränderung der Form oder Häufigkeit von unerwünschten Gedanken oder Emotionen an. Stattdessen besteht das grundlegende Ziel der ACT darin, psychische Flexibilität zu erzeugen, was die Fähigkeit zur umfassenden Kontaktaufnahme zum gegenwärtigen Augenblick und, je nach den Erfordernissen der Situation, zum Beibehalten oder Verändern von Verhalten im Dienste gewählter Werte bezeichnet. Mit anderen Worten, die ACT konzentriert sich darauf, den Menschen ein zufriedenstellenderes Leben zu ermöglichen, und zwar auch angesichts unerwünschter Gedanken, Emotionen und Empfindungen.

Die ACT hat eine Reihe ungewöhnlicher und distinktiver Merkmale. Das bemerkenswerteste hiervon ist ihre enge Verbindung zur sogenannten Bezugsrahmentheorie (engl. Relational Frame Theory, RFT), die gleichzeitig ein System zur grundlegenden Erforschung menschlicher Sprache und Kognition darstellt. Diese Nähe zu elementaren verhaltenswissenschaftlichen Prinzipien führte zur Entstehung eines einzigartigen und empirisch begründeten Modells der menschlichen Funktionalität, das sechs miteinander verbundene therapeutische Prozesse umfasst: Akzeptanz, Defusion, Kontakt mit dem gegenwärtigen Augenblick, Selbst-als-Kontext, Werte und engagiertes Handeln.

Im vorliegenden Buch beschreiben wir jeden dieser Prozesse sowie einige zentrale ACT-Interventionen, die in ihrem Sinne verwendet werden können. Dabei ist jedoch bereits an dieser Stelle zu betonen, dass die prozessgeleitete Natur des ACT-Ansatzes eine beträchtliche Flexibilität in den therapeutischen Techniken ermöglicht. ACT-Therapeuten sind keineswegs auf die Interventionen beschränkt, die wir in diesem Buch beschreiben; vielmehr möchten wir sie ermutigen, kreativ zu sein, wenn Techniken ausgewählt, entwickelt oder angepasst werden sollen. Aus Sicht der ACT sind viele psychologische oder verhaltensbezogene Interventionen es wert, in Betracht gezogen zu werden, solange sie auf eine Weise wirken, die einen oder mehrere der sechs Kernprozesse[1] stärkt.

Das weltweite Interesse am ACT-/RFT-Modell der Verhaltensveränderung wird durch zahlreiche Forschungsergebnisse untermauert. Die RFT ist unter den auf einem verhaltensanalytischen Ansatz basierenden Theorien des menschlichen Verhaltens eines der am intensivsten untersuchten Konzepte, und die Wirksamkeit von ACT-Interventionen konnte bislang in mehr als 30 randomisierten kontrollierten Studien an diversen klinischen (und nicht klinischen) Populationen demonstriert werden. Zwei Merkmale der empirischen Grundlage der ACT sind in diesem Kontext eine Erwähnung wert. Erstens ist die Wirksamkeit der ACT für ein ungewöhnlich breites Spektrum menschlicher Probleme belegt, darunter Angststörungen, Depressionen, Psychosen, Essstörungen, Traumata, Substanzmissbrauch, chronische Schmerzen und Burnout, um nur einige wenige zu nennen. Ebenso wurde die ACT dazu verwendet, das Selbstmanagement von chronischen Erkrankungen wie Diabetes und Epilepsie zu verbessern. Erlebensvermeidung, eine wichtige Eigenschaft psychischer Inflexibilität, wird zunehmend als generalisierter Risikofaktor mit Implikationen für die allgemeine Funktionalität angesehen. Diesem Umstand ist geschuldet, dass auch präventive ACT-Interventionen in Schulen, Hochschulen und am Arbeitsplatz mit Erfolg durchgeführt werden.

Ein zweites wichtiges Merkmal dieser empirischen Arbeit bezieht sich auf die Veränderungsprozesse im Rahmen der ACT. Betrachtet man das breite Spektrum an Anwendungssituationen, Klientenpopulationen und Praxismethoden, das in der ACT-Forschung untersucht wird, so sind die dabei beobachteten Mediationsmuster auffallend konsistent. Tatsächlich gibt es mittlerweile überzeugende Belege dafür, dass die ACT-Therapieerfolge durch Steigerungen der psychischen Flexibilität und/oder ihrer Facetten (wie kognitive Defusion oder verbesserte Fähigkeiten zu Achtsamkeit / Akzeptanz) mediiert werden. Die Beständigkeit dieser Befunde stützt den Nutzen des vereinheitlichten theoretischen Modells der ACT, wenn es um die Leitung der Messung von Prozessvariablen und die Identifikation aktiver Veränderungsmechanismen geht.

Im Einklang mit den anderen Büchern in der Reihe Therapeutische Skills kompakt ist auch der vorliegende Band in zwei große Abschnitte unterteilt. Teil I dieses Buches stellt die theoretischen und philosophischen Grundlagen der ACT dar und bietet eine Beschreibung von jedem der sechs Kernprozesse, die in Kombination die psychische Flexibilität fördern. Außerdem erörtern wir in diesem Teil die zentralen Unterschiede hinsichtlich der theoretischen Annahmen und der therapeutischen Strategien, die zwischen der ACT und einer eher konventionellen KVT bestehen. Teil II dieses Buches konzentriert sich auf die Praxis der ACT. Wir beschreiben einige der Metaphern, erlebensorientierten Übungen und anderen Interventionen, die verwendet werden können, um die therapeutischen Prozesse der ACT voranzubringen. Dieser Praxisteil enthält auch kurze Auszüge aus ACT-Sitzungen (in abgewandelter Form, um Anonymität sicherzustellen), die aufgrund ihres Potenzials zur Illustration der Entfaltung von ACT-Prozessen bewusst ausgewählt wurden. Das Buch schließt mit einer Erörterung der einzigartigen therapeutischen Haltung in der ACT, welche es den Therapeuten abverlangt, ein eingehendes persönliches Erleben psychischer Flexibilität anzustreben.

Ziel des Buches ist es, eine kurzgefasste und zugängliche Darstellung von Theorie und Praxis der ACT zu bieten. Hierdurch richtet es sich an eine breite Leserschaft, darunter auch Personen, die bereits in gewissem Umfang mit der ACT vertraut sind, sowie erfahrene Therapeuten, die in anderen Therapierichtungen (wie traditioneller KVT) ausgebildet wurden, für die die ACT jedoch Neuland darstellt. Weiterhin soll das vorliegende Buch als wichtige Ressource für Menschen dienen, die noch keine Erfahrungen mit Therapie im Allgemeinen oder ACT im Speziellen haben, etwa Therapeuten in der Ausbildung oder Studenten. Welchen Hintergrund der Leser auch hat, das Buch dient stets demselben Zweck: einer Darstellung der Theorie und Praxis der ACT als einen hochgradig distinktiven Ansatz zur Verbesserung des menschlichen Daseins.

Widmungen und Danksagungen

Paul E. Flaxman

Widmung

Für meine Mutter, meinen Vater und Pete, für ihre ständige Gegenwart und ihre Unterstützung. Und für Sherylin, die mich ins Leben zurückholte, als ich es am wenigsten erwartete.

Fachliche Danksagungen

Paul E. Flaxman würde zunächst gern seinen beiden Co-Autoren danken. Dabei gilt sein wärmster Dank an erster Stelle Frank, der ihn mit der ACT bekannt gemacht hat und ihm mit fortwährender Supervision und Anleitung zur Seite stand. Danke ebenfalls an John T. für seine Rolle als probater, wissensreicher und flexibler Co-Autor. Weiterhin Dank an Steve Hayes und Robyn Walser dafür, dass sie Großbritannien besucht haben, um eindrucksvolle und zugängliche Workshops zu veranstalten. Schließlich geht Dank an die britische ACT Special Interest Group, insbesondere an Mark Webster, Eric Morris, Joe Oliver, Jo Lloyd, Fiona Kennedy, Martin Brock, Joe Curran, David Gillanders und Sue Hart (um nur einige wenige zu nennen), die bei der Förderung der ACT in Großbritannien Großartiges geleistet haben.

John T. Blackledge

Widmung

Für Cindy, Ava, meine Mutter und meinen Vater, die immer an mich geglaubt haben.

Fachliche Danksagungen

John T. Blackledge möchte insbesondere Steve Hayes danken für die ursprüngliche Entwicklung dessen, was zu zwei (ACT und RFT) lebenslangen Leidenschaften wurde, und für fortwährende Mentorenschaft. Er dankt weiterhin Dermot Barnes-Holmes für seine Ermutigung, seine Unterstützung und seinen Respekt. Schließlich möchte er Joseph Ciarrochi, D. J. Moran, Jennifer Gregg und Robyn Walser für ihre Ermutigung und ihre Kollegialität seinen Dank aussprechen – und Paul und Frank dafür, dass sie ihn bei diesem Projekt mit ins Boot geholt haben.

Frank W. Bond

Widmung

Für Aidan, für die ständige Steigerung meiner psychischen Flexibilität.

Fachliche Danksagungen

Frank W. Bond möchte Steve Hayes und all seinen Kollegen und Freunden in der ACT-Community danken. Sie haben ihn mit nicht weniger als der Grundlage seiner Karriere und der Leidenschaft beim Streben nach einem tieferen wissenschaftlichen Verständnis der ACT und ihrer Prozesse ausgestattet. Er schuldet Jo Silvester Dank für ihre Unterstützung, ihre Anleitung und ihre Freundschaft seit dem Beginn seiner Karriere; und schließlich dankt er Sonja Batten, einer inspirierenden Kollegin und, was noch wichtiger ist, einer großartigen Freundin.

TEIL I: DIE THEORETISCHEN GRUNDLAGEN DER AKZEPTANZ- UND COMMITMENT-THERAPIE

1. ACT, menschliches Leiden und Erlebensvermeidung

Die Akzeptanz- & Commitment-Therapie (ACT; Hayes, Strosahl & Wilson, 2013) wurde als Alternative zu eher traditionelleren Formen der Psychotherapie (wie der konventionellen Kognitiven Verhaltenstherapie, KVT) entwickelt, welche einen primären Schwerpunkt auf die Verminderung der Intensität und Häufigkeit aversiver Emotionen und Kognitionen legen. Anstatt derartige Verminderungsbemühungen zu unternehmen, konzentriert sich die ACT darauf, effektives Handeln ungeachtet der Gegenwart unangenehmer Gedanken und Emotionen von variierender Intensität zu stärken. Mit anderen Worten, der ACT-Therapeut versucht nicht, die belastenden Gedanken des Klienten zu verändern oder dessen belastende Emotionen abzumildern – auch wenn, was in gewisser Weise ironisch ist, das Ausmaß des psychischen Leidens bei einer erfolgreichen ACT typischerweise abnimmt. Es mag zwar auf den ersten Blick seltsam erscheinen, eine psychologische Behandlung zu entwickeln, die nicht darauf abzielt, dass die Klienten sich besser fühlen und anders denken, aber es gibt hierfür gute Gründe.

Die Annahme, dass ein beträchtliches Maß an psychischem Leiden einen normalen Teil des menschlichen Erlebens darstellt, ist ein zentraler Aspekt der ACT. Eben diese Annahme steht im Gegensatz zur Mehrheitsmeinung in der klinischen Psychologie und Psychiatrie, der zufolge es als statistische Abweichung gilt, wenn gesunde Menschen ein Ausmaß an Leiden empfinden, das mit dem bei psychischen Störungen gleichgesetzt wird. Diese Mehrheitsmeinung muss jedoch nicht notwendigerweise zutreffen. Beispielsweise schätzten Kessler et al. (1994), dass 50 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 54 Jahren die Kriterien für mindestens eine DSM-IIIR-Diagnose erfüllen, wobei 80 Prozent dieser Gruppe sogar die Kriterien für zwei oder mehr Diagnosen erfüllen. Moffitt et al. (2009) legten eine noch pessimistischere Schätzung vor, indem sie an einer Längsschnittstudie zeigten, dass bei 57–65 Prozent der Personen in den untersuchten US-amerikanischen und neuseeländischen Stichproben bis zum Alter von 32 Jahren mindestens eine psychische Störung diagnostizierbar war. Studien wie diese legen nahe, dass die Diagnose einer bestimmten Störung zwar eine statistische Abweichung bleibt, das beträchtliche Ausmaß psychischen Leidens, welches für psychische Störungen insgesamt kennzeichnend ist, jedoch von den meisten Menschen mindestens einmal in ihrem Leben durchlitten wird.

Aus der Sicht der ACT und der Bezugsrahmentheorie (Relational Frame Theory, RFT) ist diese hohe Prävalenz menschlichen Leidens nicht überraschend. Andere Gattungen im Tierreich benötigen kaum etwas, um zu gedeihen und relativ glücklich zu erscheinen: Nahrung, Wasser, Wärme, Unterkunft, ein Mindestmaß an körperlichem Kontakt und ein geringes Maß an körperlicher Misshandlung. Die RFT (siehe Kapitel 4) beschreibt, wie normale menschliche Sprachprozesse unser Erleben dramatisch verändern, indem sie uns die Fähigkeit verleihen, fast alle Aspekte unseres Daseins jederzeit und mit Leichtigkeit negativ zu bewerten. Sobald Menschen die einzigartige verbale Fähigkeit dazu entwickelt haben, über die eigene Existenz zu reflektieren, sich mit ihrem Ende auseinanderzusetzen, sie mit imaginären „Idealen“ zu vergleichen, persönliche „Makel“ zu identifizieren und diese „Makel“ als Belege für „Unzulänglichkeit“ zu werten, scheint das Potenzial für psychisches Leid dramatisch zu steigen (auch wenn viele Aspekte dieser „verbalen Konstrukte“, wie in Kapitel 6 erörtert wird, tatsächlich konstruiert sind, und keineswegs unabänderliche Abbildungen der Realität darstellen). Die RFT postuliert, dass diese verbale Fähigkeit den Antrieb und die Fähigkeit zu Erlebensvermeidung darstellt (siehe beispielsweise Hayes et al., 1999, S. 58–69), dem Akt des Versuchs einer Vermeidung unangenehmer Gedanken, Emotionen, Erinnerungen und anderer privater Erlebnisse.

Die menschliche Fähigkeit zur Erlebensvermeidung ist aus mindestens zwei Gründen bedeutsam. Erstens verursachen viele entsprechende Verhaltensweisen entweder körperliche Schädigungen oder verschlimmern das Problem (oder auch mehrere Probleme), durch welche(s) sie hervorgerufen wurden. Alkohol- oder Drogenkonsum, übermäßiges Essen und Mangel an körperlichem Training sind oft Paradebeispiele von körperlich schädigenden Verhaltensweisen zur Erlebensvermeidung (EV). Verhaltensweisen, die Zögern und die Vermeidung konstruktiver Konfliktsituationen beinhalten, machen das Leiden, durch das sie ausgelöst wurden, oft nur noch schlimmer. Mit anderen Worten, viele EV-Prozesse bieten vielleicht anfänglich etwas Linderung, bewirken jedoch auf lange Sicht eine Verschlimmerung unserer Probleme und unseres Leidens. Zweitens hindern viele EV-Prozesse uns daran, unser Leben auf sinnerfüllte, zielgerichtete und vitale Weise zu führen. Wenn eine Person beispielsweise eine enge, fürsorgliche und liebevolle Beziehung zu ihren Werten zählt, sich jedoch ständig vom Partner zurückzieht, sobald unangenehme Emotionen aufkommen, so wird diese Person kaum eine solche Beziehung aufbauen und aufrechterhalten können. Oder wenn jemand eine erfüllende berufliche Laufbahn zu den eigenen Werten zählt, sich aber in der Regel gegen die damit einhergehenden stressbeladenen Anforderungen sperrt, so wird sich die erfüllende berufliche Laufbahn kaum einstellen. Bei einer derartigen Lebensführung ist zu erwarten, dass Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden langfristig deutlich abnehmen werden. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: ein gesteigertes Ausmaß an EV ist typischerweise nicht nur ungeeignet dazu, auf lange oder auch nur kurze Sicht das Leiden zu reduzieren (siehe Kapitel 18), sondern führt einen auch immer weiter weg von einem sinnerfüllten, zielgerichteten und vitalen Leben.

Diese Grundannahmen der ACT / RFT deuten darauf hin, dass eine andere Herangehensweise an menschliches Leiden angezeigt sein könnte. Wenn ausgeprägtes psychisches Leiden ein Teil des normalen menschlichen Lebens ist, der oft nicht vermieden werden kann, und wenn häufige Erlebensvermeidung in vielen Fällen eine Verschlimmerung des Leidens und eine Verminderung der Lebensqualität mit sich bringt, so sollte die Psychotherapie vielleicht den Klienten dabei helfen, das Leiden, das im Zuge des Strebens nach einem sinnerfüllten, zielgerichteten und vitalen Leben auftritt, zu akzeptieren. Dieser Vorschlag ist nicht neu, und er ähnelt in gewisser Weise dem nur allzu schwer zu befolgenden Ratschlag, den viele von uns von ihren Großeltern mit auf den Weg bekommen haben: Halt die Ohren steif, mach weiter, und erfülle deine Verpflichtungen. Allerdings legt die Verwurzelung der ACT in der RFT eine andere Vorgehensweise nahe, die viel praktikabler und attraktiver ist als bloßes Durchhalten. Ein Kernaspekt der theoretischen Betrachtung von Sprache und Kognition in der RFT ist die Annahme, dass die Arten von abstrakten, einschätzenden Begriffen, welche vorgeben, die Realität abzubilden, dies tatsächlich keineswegs leisten können. Daher ist die Akzeptanz, die von einem ACT-Klienten erbeten wird, keine Akzeptanz seines Erlebens, wie es dem Wortsinn der zur Beschreibung des Erlebens verwendeten Begriffe entsprechen würde, sondern die Akzeptanz seines Erlebens, wie es ist, und nicht, wie sein Verstand[2] sagt, dass es ist. Die später im Buch folgenden Kapitel zu RFT, Akzeptanz, kognitiver Defusion und Selbst-als-Kontext werden erläutern, wie diese Unterscheidung sich in der Praxis auswirkt.

2. Entwicklungen in der KVT: ACT und die „Dritte Welle“ der Verhaltenstherapie

Der Behaviorismus von John Watson und B. F. Skinner entstand zum Teil als Reaktion auf den relativ introspektiven und nicht empirischen Ansatz, den Freud in der Psychologie verfolgt hatte (siehe z. B. Watson, 1913). Die Prinzipien der operanten und respondenten (oder klassischen) Konditionierung beruhten ausschließlich auf direkt beobachtbaren Variablen, und sowohl Skinner als auch Watson legten besonderen Wert auf Pragmatik. Mit anderen Worten, anstatt Verhalten auf multiplen Analyseebenen zu „erklären“, sollten ihre sparsam angelegten Verhaltenstheorien vor allem das Ausmaß, in dem man die Handlungen eines Organismus unter bestimmten Bedingungen vorhersagen und dieses Verhalten mittels der Anwendung operanter und respondenter Prinzipien kontrollieren oder systematisch verändern konnte, steigern (siehe z. B. Smith, 1992). Es ist daher kaum überraschend, dass expositionsbasierte Verhaltenstherapien für angst- und furchtbezogene Störungen sich schon früh als relativ kurze und wirksame Behandlungen erwiesen (siehe z. B. Jones, 1924; Wolpe, 1958) und dass operante Ansätze für die Behandlung von Depressionen (siehe z. B. Ferster, 1973) und eine Reihe von Entwicklungsstörungen (siehe z. B. Baer, Wolf & Risley, 1968) später als ähnlich wirksame Behandlungen aufkamen. Diese Flut an empirisch gestützten verhaltensbasierten Verfahren wurde schließlich als die „Erste Welle“ der Verhaltenstherapie bekannt (Hayes, 2004a).

Ab den späten 1950er-Jahren (siehe z. B. Chomsky, 1959; Ellis, 1957) zeichnete sich eine Trendwende ab. Verfechter der neugegründeten Teildisziplin der kognitiven Psychologie zeigten sich zunehmend abweisend gegenüber dem verhaltenswissenschaftlichen Insistieren auf dem Prinzip, die Psychologie auf die Untersuchung von direkt beobachtbarem Verhalten zu beschränken. Auch wurde die von Behavioristen wie Skinner und Watson vertretene Kontinuitätshypothese (laut derer die im Laborexperiment an Tieren beobachteten Lernprinzipien auch uneingeschränkt für Menschen galten) jetzt grundlegend in Frage gestellt (siehe z. B. White, Juhasz & Wilson, 1973). Die ersten Widersprüche gegen die Kontinuitätshypothese, wie etwa Chomskys (1959) sehr negative Rezension von Skinners Werk Verbal Behavior (1957), waren größtenteils nicht empirisch begründet, sondern konzentrierten sich stattdessen auf die augenscheinlich offenkundige Beobachtung, dass die menschliche Sprache und Kognition den Menschen Lern- und Informationsverarbeitungsprozesse ermöglichten, die diejenigen anderer Arten im Tierreich weit übertrafen. (Ironischerweise begannen sogar die Forschungen verhaltenswissenschaftlich orientierter Psychologen – wie die von Sidman & Tailby, 1982, durchgeführten Forschungen zur Reizäquivalenz und die in Kapitel 4 zitierten Studien zu regelgeleitetem Verhalten – später sehr stark darauf hinzudeuten, dass zwischen den Lernprozessen bei Menschen und Tieren einige sehr markante Unterschiede bestehen.) In der Folge rückte die kognitive Therapie – ausgehend von der Annahme, dass potenziell veränderbare irrationale und verzerrte Kognitionen für den Hauptanteil jeglicher Psychopathologie verantwortlich seien – ab den späten 1970er-Jahren in den Mittelpunkt (siehe z. B. Beck, 1976). Man begann, kognitive Interventionen, die sich auf die Veränderung von dysfunktionalen und / oder irrationalen Gedanken, Attributionen und Selbstgesprächen konzentrierten, mehr oder weniger Seite an Seite mit altbewährten verhaltenstherapeutischen Elementen wie Exposition, Fertigkeitstraining und Verhaltensaktivierung durchzuführen. Dieser deutliche Schwenk in der Therapieausrichtung wurde später als „Zweite Welle“ der Verhaltenstherapie bezeichnet.

Angespornt durch den Wunsch, sowohl die Wirkung der konventionellen KVT zu verbessern als auch die Prinzipien der Verhaltenstheorie sparsam zu erweitern, um den augenscheinlichen Auswirkungen der menschlichen Sprache und Kognition Rechnung zu tragen, begannen Steven C. Hayes und seine Kollegen mit der Formulierung der Bezugsrahmentheorie (Hayes & Hayes, 1989) und des „Comprehensive Distancing“ (heute bekannt als Akzeptanz- & Commitment-Therapy; Zettle & Hayes, 1986). Die RFT postulierte eine relativ einzigartige Gruppe von direkt beobachtbaren, auf operanter Konditionierung basierten Lernprozessen, die die Auswirkungen der Sprache auf das menschliche Verhalten erklären sollten. Dieser Ansatz umging die oft gegen die kognitive Psychologie vorgebrachten Kritikpunkte, mentalistisch zu sein (siehe z. B. Hayes & Brownstein, 1986) und unbeobachtbare Konstrukte in psychologische Theorien einzuschließen (Wilson, 2001). Bis heute haben über 180 veröffentlichte Studien in wissenschaftlichen Zeitschriften mit Peer-Review (S. C. Hayes, persönliche Kommunikation vom 8. September 2009) die Lehrsätze der RFT einhellig unterstützt und gezeigt, wie RFT-basierte Prozesse mit konventionellen operanten und respondenten Konditionierungsprozessen interagieren und oft auch an deren Stelle treten. Vielleicht noch wichtiger ist jedoch der von der RFT nahegelegte Schluss, dass ein praktikabler Weg zur Behandlung problematischer Gedanken und Emotionen durchaus Interventionen beinhalten kann, die dabei helfen, diese Gedanken und Emotionen auf andere Weise (oder in einem anderen Kontext) zu erleben, anstatt lediglich auf systematische Weise zu versuchen, sie zu verändern oder die Häufigkeit ihres Auftretens zu reduzieren. Eben diese Konzentration auf die Veränderung des Kontextes, in dem die belastenden Gedanken und Emotionen erlebt werden (im Gegensatz zu der in der konventionellen KVT vorherrschenden Konzentration auf die Veränderung des Inhalts von Gedanken und Emotionen) ist wahrscheinlich das herausragende Kennzeichen der „Dritten Welle“ der Verhaltenstherapie, und diese Art der Definition der „Welle“ schließt auch andere zeitgenössische Formen der Psychotherapie ein, wie die Dialektische Verhaltenstherapie (Linehan, 1993) und die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie bei Depressionen (Segal, Williams & Teasdale, 2002).

Es besteht jedoch ein weiterer diskutabler Unterschied zwischen der ACT und den kognitiven und kognitiv-behavioralen Behandlungen der Zweiten Welle. Die Entwicklungslinie der ACT ähnelt auf frappierende Weise derjenigen der Ersten Welle der Verhaltenstherapie in ihren frühen Jahren. Die ACT kam gemeinsam mit einem grundlegenden experimentellen Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens auf (der RFT), und ihre Anwendung spiegelt die Lehrsätze der RFT in nicht geringem Ausmaß wider. Fundamentale, auf der RFT basierende Laboruntersuchungen zentraler ACT-Konstrukte wie kognitiver Defusion, Selbst-als-Kontext, Akzeptanz und Engagement in Bezug auf wertegeleitetes Verhalten wurden publiziert und werden auch bis heute durchgeführt. Diese Forschungen sowie die RFT-basierten Studien zu den Auswirkungen metaphorischen Denkens haben sich selbstredend auf die Entwicklung der ACT ausgewirkt, ebenso wie sich die ACT auf die Forschungsbemühungen von mit der RFT gut vertrauten Experimentalpsychologen ausgewirkt hat. Mit anderen Worten, die relativ enge Verbindung zwischen grundlegender experimenteller und angewandter Wissenschaft, die in der Ersten Welle der Verhaltenstherapie zu beobachten war, zeigt sich nun auch im Wechselspiel von ACT und RFT in der Dritten Welle. Diese Ähnlichkeiten sind kein Zufall, sondern resultieren vielmehr aus der Annahme, dass eine konzentrierte und konsistente Integration grundlegender und angewandter Forschung sowie die explizite empirische Untersuchung der die Verhaltensveränderung antreibenden Prozesse unsere Fähigkeit zur Vorhersage und Veränderung menschlichen Verhaltens rascher voranbringen werden. Um es etwas prägnanter zu formulieren, man hofft, dass diese Welle der Verhaltenstherapie eine Familie von Psychotherapien hervorbringen kann, die „der Herausforderung des menschlichen Leidens angemessener sind“ (Hayes, 2008a). Ob dieses recht enthusiastische Ziel erreicht werden kann, wird sich zeigen.

3. Funktionaler Kontextualismus

Auf der fundamentalsten Ebene besteht wissenschaftliches Vorgehen lediglich darin, eine Reihe bestimmter Werkzeuge und Verfahren anzuwenden, um verlässlichere Antworten auf eine große Vielfalt von Fragen zu finden. Welchem übergeordneten Zweck dieser Prozess gewidmet werden sollte, ist Ansichtssache, und was die Antworten über die uns umgebende Welt aussagen, hängt zum Teil davon ab, von welchen Annahmen über das Wissen und über das, was es uns über die Realität sagen kann, wir ausgehen. Der Philosoph Stephen Pepper (1942) vertrat die Meinung, dass alle Wissenschaftler sich eine von vier Gruppen von relativ adäquaten präanalytischen Annahmen in Bezug darauf, wie wissenschaftliche Befunde die objektive Realität widerspiegeln oder aber auch nicht mit ihr korrespondieren, zu eigen machen. (Diese bezeichnete er als „Weltanschauungen“, im engl. Original world hypotheses.) Mit „präanalytisch“ meinte Pepper dabei, dass diese Annahmen nicht wissenschaftlich überprüfbar seien, sondern lediglich subjektive, philosophische Überzeugungen hinsichtlich der Frage, wie Wissen die universelle Wahrheit widerspiegelt oder nicht widerspiegelt, darstellen würden. Jeder Mensch kann laut Pepper jede dieser vier Gruppen von Zielen für sich zum „Zweck“ von Wissenschaft erklären, wobei zu beachten ist, dass es sich lediglich um Thesen darüber, wie Wissenschaft eingesetzt werden kann und eingesetzt werden sollte, handelt. Pepper führte aus, dass die bei Wissenschaftlern am häufigsten anzutreffende Gruppe von Annahmen (die den Titel „Mechanismus“ trägt) beinhaltet, dass eine wissenschaftliche Theorie wahr ist, wenn sie mit der realen Welt genau korrespondiert. Mit anderen Worten, ein Mechanist (oder Realist) nimmt an, dass das ultimative Ziel einer psychologischen Theorie in einem vollständigen Verständnis dessen besteht, was alle menschlichen psychischen Prozesse wirklich sind und wie sie wirklich zusammenarbeiten – also einem Verständnis, das eine perfekte Vorhersagbarkeit menschlicher Handlungen unter einer unendlichen Vielfalt von Umständen zur Folge hätte.

Im Gegensatz dazu gehen Kontextualisten laut Pepper (1942) davon aus, dass eine objektive Realität nicht abschließend erfassbar ist. Aufgrund einer Reihe von Faktoren wie menschlichen Wahrnehmungsfehlern, Messfehlern, Fehlern bei der Dateninterpretation und Beobachtereffekten auf die untersuchten Personen sind Kontextualisten überzeugt, dass wissenschaftliche Theorien nicht in der Lage sind, die objektive Wahrheit (die Pepper in seinem Werk – auch durch die Schreibweise – von der subjektiven Wahrheit unterscheidet) zu erfassen, jedoch die Art unseres Denkens in Bezug auf die Welt auf eine Weise organisieren können, die uns ein effektiveres Agieren innerhalb des von der Theorie beschriebenen Bereichs ermöglichen. Mit anderen Worten, ein Kontextualist nimmt an, dass das ultimative Ziel der psychologischen Theorie und der psychologischen experimentellen Forschung in der Entwicklung einer Terminologie zur Beschreibung menschlicher psychischer Prozesse besteht, die unsere Fähigkeit zur exakten Vorhersage und Kontrolle (Veränderung) menschlichen Verhaltens maximiert. Das Ziel ist dabei rein pragmatisch – man will Theorien und Forschungen dazu nutzen, immer bessere Wege zu finden, mit denen sich das Verhalten von Menschen im positiven Sinne verändern lässt. Ein kontextualistisch orientierter Psychologe glaubt zwar definitiv an die Existenz einer „wirklichen“ Welt, jedoch interessiert er sich nicht für die Bestimmung der wirklichen Komponenten und Interaktionen dieser Welt. Stattdessen geht er von der Arbeitshypothese aus, dass die objektive Wahrheit in der Natur der Welt – und der Psyche des Menschen – nicht erfasst werden kann und dass eine psychologische Theorie in dem Ausmaß „wahr“ ist, in dem sie uns die präzise Vorhersage und Kontrolle menschlichen Verhaltens ermöglicht. Um noch einen wichtigen Vorbehalt einzufügen, sei gesagt, dass Kontextualisten, die sich mit Vorhersage und Kontrolle befassen, als funktionale Kontextualisten bezeichnet werden, während man solche, die den arealistischen Standpunkt des Kontextualismus vertreten, aber sich ausschließlich mit Vorhersage befassen, deskriptive Kontextualisten nennt.

Das Konzept von Vorhersage und Kontrolle kann einen recht finsteren Eindruck machen und außerdem auch übermäßig ambitioniert wirken. In diesem Zusammenhang sind ethische Erwägungen von zentraler Bedeutung. Konsens unter allen wohlgesinnten Kontextualisten sollte sein, dass die angestrebten Verhaltensveränderungen im besten und selbstgewählten Interesse der Personen, mit denen wir arbeiten, liegen. Und vor dem Hintergrund der enormen Komplexität menschlichen Verhaltens wird anstelle von „Kontrolle“ eher von „Beeinflussung“ gesprochen, um einen etwas bescheideneren und realistischeren Ausdruck zu verwenden.

Sowohl ACT als auch RFT sind Paradebeispiele für funktional kontextualistische Theorien (Verhaltenstheorien im Allgemeinen haben oft funktional kontextualistische Grundlagen, auch wenn einige Behavioristen sich selbst eher als deskriptive Kontextualisten oder Mechanisten bezeichnen würden). Da „erfolgreiches Arbeiten“ (Pepper, 1942) gemäß dieser philosophischen Perspektive das vorausgesetzte Ziel aller Wissenschaft ist, stellt eine rigorose und wiederholte empirische Untersuchung der Behandlung (ACT) und der Theorie (RFT) im Hinblick auf ihre Eignung für die präzise Vorhersage und die Beeinflussung menschlichen Verhaltens einen zentralen Aspekt des internationalen ACT / RFT-Forschungsprogramms dar. Der Status der ACT und der RFT als funktional kontextualistische Theorien gibt auf manche Fragen Antworten, die für einige Leute überraschend sein mögen. Erfasst die RFT, was Sprache und Kognition wirklich sind? Nein. Erfasst die ACT universelle Wahrheiten über die psychische Funktionalität des Menschen? Nein (– auch wenn eine angemessenere funktional kontextualistische Antwort auf diese beiden Fragen in einer Kombination von „Ich weiß es nicht“ und „Es interessiert mich nicht“ bestünde). Können die ACT und die RFT dabei helfen, vielfältige menschliche Verhaltensweisen unter vielfältigen Umständen zu verändern? Bislang beantworten die veröffentlichten empirischen Studien zu beiden Konzepten diese Frage mit „Ja“.

Schließlich kann es sich als sehr erfrischend erweisen, funktionell kontextualistische Annahmen explizit zu berücksichtigen. Dogmen werden dadurch minimiert, wenn nicht gar eliminiert, und da man nicht mehr fragen muss, ob die eigene Theorie wirklich der „objektiven Wahrheit“ entspricht, geht man vielleicht unverbindlicher und flexibler mit den eigenen Ideen um. Weil weiterhin davon ausgegangen wird, dass Ideen nur insofern „wahr“ sind, als sie erfolgreiches Arbeiten voranbringen, gilt das Hauptaugenmerk solchen Daten, die empirische Hinweise darauf liefern, wann, wie und mit welchen Personen die Interventionen / Experimente auf der Grundlage der eigenen Theorie tatsächlich zu erfolgreicher Vorhersage und Beeinflussung von Verhalten führen können. Und es wird ausdrücklich anerkannt, dass die eigenen Theorien (einschließlich ACT und RFT) früher oder später zugunsten von anderen Theorien aufgegeben werden, welche erfolgreiches Handeln noch effektiver voranbringen (oder vielleicht werden auch Aspekte der eigenen Theorien in effektivere Theorien übernommen). Ein Großteil der Kernaussage dieses Aspekts des funktionalen Kontextualismus spiegelt sich in folgendem Ausspruch eines Kollegen wider: „Jede Theorie, die je von einem Menschen entwickelt wurde, ist falsch. Und die Theorien, die wir derzeit vertreten – von denen wissen wir bloß noch nicht, warum sie falsch sind“ (K. G. Wilson, persönliche Kommunikation vom 21. August 2009).

4. Bezugsrahmentheorie