Alexander und Thomas Huber - François Carrel - E-Book

Alexander und Thomas Huber E-Book

François Carrel

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Beschreibung

Sie kletterten zusammen im Himalaja und Karakorum, im Yosemite-Nationalpark und in den Dolomiten, in Patagonien und der Antarktis – die sympathischen Brüder Alexander Huber und Thomas Huber, auch als »Huberbuam« weltbekannt, gehören mit ihren extremen Routen seit mehr als 25 Jahren zu den Protagonisten der vertikalen Revolution. Doch was die wenigsten wissen: Schon als Kinder waren sie nicht nur Komplizen am Berg, sondern ebenso Rivalen. Feinsinnig lotet der Band aus, wie nahe sie sich einerseits stehen: Denn sie sind sowohl Brüder als auch Freunde, Nachbarn und eingespielte Trainingspartner. Und wie dennoch der Erfolg des einen den Ehrgeiz des anderen immer wieder herausfordert. Ein fesselnder Bericht über zwei außergewöhnliche Kletterer, ihre eindrucksvollsten Begehungen und gemeinsamen Höhen und Tiefen.

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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Der Text und die Bebilderung wurden für die deutsche Ausgabe gekürzt und überarbeitet.

Übersetzung aus dem Französischen von Eliane Hagedorn, Ursula Held und Bettina RungeMit 57 farbigen Abbildungen und einer KarteISBN 978-3-492-97790-6© Éditions Paulsen, 2017Titel der französischen Originalausgabe: »À corde tendue.Thomas et Alexander Huber«Deutschsprachige Ausgabe:© Piper Verlag GmbH, München 2017Redaktion: Christian Thiele, München und Willi Schwenkmeier, bei TraunsteinKarte: Léonie SchlosserCovergestaltung: Birgit Kohlhaas, kohlhaasbuchgestaltung.deCovermotiv: Max Reichel, Franz Hinterbrandner undChristian LobensommerLitho: Lorenz & Zeller, Inning a.A.Datenkonvertierung: psb, BerlinSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.

Kapitel 1

Wie der Vater, so der Sohn

Der Tag ist kaum angebrochen an diesem Sommermorgen des Jahres 1952. Thomas Huber, ein Bauernjunge aus dem Chiemgau, radelt wie ein Verrückter nach Süden, Richtung Berge. Er ist 13 Jahre alt und hat den Kopf voller Träume. Vom Hügel nahe seines Heimatdorfs Palling aus hat er schon oft die Chiemgauer Alpen betrachtet – die erste Gebirgsgruppe, die sich am Horizont abzeichnet. Es sind vierzig Kilometer bis dorthin, aber das ist ihm herzlich egal. Vor ein paar Wochen hat ein Cousin ihn zu einer Hüttenübernachtung mitsamt einer ersten einfachen Gipfelbesteigung mitgenommen. Seitdem hat Thomas Feuer gefangen, er sehnt sich nach den Bergen. Die Leute aus dem Dorf halten ihn für verrückt: Jeden Abend übt er in den maroden Felsen des alten Pallinger Steinbruchs das Klettern, immer mit dem Risiko, sich dabei den Hals zu brechen. Seine Eltern, strenge und traditionsgebundene Bauern, schimpfen mit ihm.

An diesem Morgen lässt er den elterlichen Hof, der jetzt schon schwer auf den Schultern des Heranwachsenden lastet, einfach mal hinter sich. Er hat nur eine Schwester, und so fällt ihm die Aufgabe zu, den Betrieb weiterzuführen. Er weiß schon, dass er keine höhere Schule besuchen kann und erst recht nicht, wie er es sich eigentlich erträumt hätte, Musik studieren wird – er, der so gern singt und voller Eifer mehrere Stunden am Tag Geige spielt. An diesem Morgen macht er sich einfach davon. Er tritt in die Pedale, als sei der Leibhaftige hinter ihm her, nur ist er magnetisch angezogen von der Hörndlwand, einem der schönsten Kletterberge in den Chiemgauer Alpen. Thomas hat kein Topo zur Planung und Orientierung, er hat keine Ausrüstung und keinerlei technisches Know-how – er hat nur die verrückte Zuversicht, dass er klettern kann, schließlich ist er ja die Wände im Steinbruch hochgekommen. Ihn treibt ein unbändiges Verlangen.

Bald ist er am Fuß des Berges angelangt und begutachtet ihn. Oberhalb des Sockels verspricht ein etwa 200 Meter hoher vertikaler Kamin einen leichten Aufstieg zum Gipfel. Er überwindet also den Wandfuß und begibt sich kurz darauf in den Kamin. Ohne jede Angst, weder vor dem Abgrund, der sich nach und nach unter ihm auftut, noch vor den technisch anspruchsvollen Passagen, die ihn erwarten, klettert er free solo, ohne Seil und ohne Erfahrung. Ohne es zu wissen, ist er in den Redwitz-Kamin eingestiegen, eine klassische Klettertour im vierten Grad, 1912 durch den Münchener Alpinisten Willi von Redwitz eröffnet. Nach etwa einem Drittel des Kamins stößt Thomas auf einen Überhang. Unmöglich, hier weiterzukommen: Die ausgesetzte Passage ist zu anspruchsvoll für ihn. Doch die letzten Meter, die er bis zum Erreichen des Felsblocks geklettert ist, kommt er nicht wieder zurück, dafür reicht sein spärliches technisches Repertoire nicht aus. Ihn erfasst Panik. Wenn er hier stürzt, ist er tot. Wie in Trance, unter Adrenalin, gelingt ihm dann doch der Weg zurück, und er steht mit wild klopfendem Herzen am Fuß des Berges. »Ich weiß nicht, wie ich da runtergekommen bin«, erzählt Thomas Huber heute mit einem Lächeln.

Der wie durch ein Wunder glimpflich überstandene Misserfolg dämpft nicht etwa seine aufkeimende Leidenschaft, er bestärkt ihn in seinem Willen: Ich werde Bergsteiger. Auf der langen Fahrradfahrt zurück nach Hause beschließt er: »So geht das nicht. Ich muss das Klettern lernen, und zwar richtig.« Von seinen Eltern kann er keinerlei Unterstützung erwarten, sie wollen von dieser Marotte ihres Sohnes nichts hören. Erst drei Jahre später, mit 16, nachdem er die Schule verlassen musste, um auf dem Hof zu arbeiten, zahlt ihm seine Tante Katarina, die so gern reist und so neugierig und offen durch die Welt geht, die Mitgliedschaft bei der Alpenvereinssektion Traunstein. Ab da verbringt Thomas seine gesamte Freizeit in den Bergen und gehört bald zu den aktivsten Bergsteigern seiner Generation.

Dabei hat er niemals die Abenteuerlust, den Ehrgeiz und die Begeisterung verloren, die ihn mit 13 Jahren in den Redwitz-Kamin einsteigen ließen. Mehr noch, er hat sie seinen beiden Söhnen Thomas und Alexander unvermindert weitergegeben. Man kann den Weg der beiden Jungen an die Spitze der Bergsteigerkunst nicht nachvollziehen, wenn man die Leidenschaft ihres Vaters nicht kennt. Es gibt nicht zwei Hubers, sondern drei.

***

Anfang der Siebzigerjahre ist der unermüdliche Thomas Huber ein glücklicher und aktiver Mensch. Er betreibt den kleinen Hof in Palling inzwischen nach seinen eigenen Vorstellungen, zusammen mit seiner Frau Maria. Er hat die tatkräftige, fröhliche kleine Frau mit den braunen Haaren zu Beginn der Sechzigerjahre im Dorf kennengelernt. Maria ist das dritte von sieben Kindern. Ihre Eltern, Landwirte in einem Weiler der Gemeinde Palling, waren »sehr streng«, erzählt sie. Mit 14 musste sie die Schule verlassen, um für die Arbeit auf dem Hof zur Verfügung zu stehen. Mit dem Tausendsassa Thomas kann die Zwanzigjährige schließlich ihren Horizont erweitern. »Er hat mir das Skifahren, das Schwimmen, die Berge gezeigt. Ich hatte eine schöne Jugend«, berichtet sie mit einem breiten Lächeln. Und sie beweist Mut: Von ihrem Mann gesichert, meistert sie schöne Aufstiege, so etwa 1964 die imposante Nordwand am Großglockner, und unzählige Touren auf Skiern oder zu Fuß. Sie liebt die Berge und das Bergsteigen.

Ihr Mann ist in den vergangenen zwanzig Jahren immer wieder in den Alpen unterwegs gewesen, er nutzt dazu jede kleine Pause, die ihm sein harter Beruf gönnt. Zum Leidwesen seiner alten Eltern und der Nachbarn schwänzt er die sonntägliche Messe und lässt Maria – mit deren Zustimmung und absolutem Vertrauen er immer rechnen kann – häufig mit den 120 Mastrindern allein, um sich auf Bergabenteuer zu begeben. Mit seinem Motorrad, einer 250er-Horex, und seinen Seilkameraden durchkämmt er die Nordalpen, vom überragenden Watzmann, dem König der Berchtesgadener Alpen, bis zum deutsch-österreichischen Wetterstein, und unternimmt Abstecher in die österreichischen Ostalpen, zum imposanten Wilden Kaiser, dem Liebling der Wiener und Münchener Schule Anfang des 20. Jahrhunderts. Regelmäßig schafft er es auch in das Mont-Blanc-Gebiet, dort ist er einer der Ersten, der die Nordwand von Les Droites an einem Tag durchklettert, ohne Biwak. Außerdem bezwingt er viele der bekannten Nordwände der Alpen wie die Grandes Jorasses über den Walkerpfeiler. Natürlich durchstreift er auch die Dolomiten, wo er unter anderem die berühmten Nordwände der Drei Zinnen klettert. Im Wallis gelingt ihm die klassische Nordwand am Matterhorn. Thomas Huber ist ein engagierter, erfahrener und belesener Bergsteiger. Seine Helden sind die großen Wegbereiter: Dülfer, Preuß, Cassin, Buhl, Bonatti, Rébuffat …

Maria und er haben drei Kinder: Der 1966 geborene Thomas erbt traditionsgemäß den Vornamen seines Vaters, Alexander wird 1968 geboren und die Tochter Karina 1974. Die drei verbringen ihre Kindheit draußen, im Freien: Wenn sie nicht in der Schule sitzen, sind sie meist auf dem Feld, im Stall oder im Wald und helfen ihren Eltern. Die sind jedoch bemüht, ihren Kindern nicht das Joch aufzubürden, das sie selbst tragen mussten. Die Huber-Kinder sind im Skiklub, sie haben Musikunterricht, Alexander spielt Handball, und keiner von ihnen soll die Schule vernachlässigen: Studieren ist Pflicht!

Vater Thomas hegt über Jahre den Traum, Bergführer zu werden, doch er wagt den Schritt nicht, obwohl Maria ihn dazu ermuntert. Mitte der Siebzigerjahre ist er jedoch gezwungen, sich eine neue Tätigkeit zu suchen, denn der Hof ist zu klein und die wirtschaftliche Not zu groß. In Abendkursen bildet sich Thomas über drei Jahre weiter, steht morgens und abends im Stall – und bekommt anschließend eine Stelle bei der Traunsteiner Sparkasse, die er letztendlich leiten wird! Eine schöne Wiedergutmachung für den erzwungenen Schulabgang mit 15, aber erkauft mit einem enormen Arbeitsaufwand: Maria und er sind in diesen Jahren kaum zur Ruhe gekommen. Als Thomas die Stelle bei der Sparkasse antritt, können sie die Rinderaufzucht aufgeben, sie verkaufen die Herde und reduzieren den Betrieb auf die Getreideproduktion und Forstwirtschaft. Ihre Tatkraft und ihren Erfolgswillen aber geben sie an ihre Kinder weiter.

***

Die Huber-Kinder stehen an jedem Winterwochenende auf den Brettern und nehmen an zahllosen Skirennen in den Chiemgauer Alpen teil. Thomas ist neun, Alexander sieben, als ihr Vater die beiden auf die ersten Skitouren mitnimmt. Diese Ausflüge werden mit jedem Winter länger und führen immer höher. In den bayerischen Voralpen und Alpen gibt es praktisch keine Gletscher oder auffälligen prominenten Berge, daher führen die Unternehmungen die Hubers bald weiter von zu Hause weg, werden höher und steiler.

Im Sommer umwandert Maria mit den drei Kindern den Gipfel, den der Vater derweil mit seinen Seilkameraden besteigt. Die Aura dieses Bergsteigervaters wirkt sehr stark auf die beiden Jungen. Er nährt ihre Begeisterung mit eigenen Geschichten, aber auch mit den Erzählungen von großen Kletterern. Die Bibliothek der Familie umfasst alle großen Klassiker der Bergliteratur. Die Brüder verschlingen diese Bücher. Die Skirennen und Handballspiele erscheinen ihnen bald langweilig. »Das Bergsteigen hatte viel mehr als nur Wettkämpfe zu bieten: Es hatte für mich etwas Wildes an sich, etwas, das Freiheit und Abenteuer versprach«, schreibt Alexander viele Jahre später.

Mit elf Jahren muss Thomas nicht drängeln, damit sein Vater ihn auf die erste richtige Tour mitnimmt: Es geht zur Untersberg-Südwand, einer der schönen Wände in den Berchtesgadener Alpen. Der Junge ist begeistert. Im folgenden Jahr führt der Vater seinen Ältesten zur unvermeidlichen Hörndlwand in den Chiemgauer Alpen, dorthin, wo ein Vierteljahrhundert zuvor ohne Unterstützung seine Bergsteigerkarriere begann. Der Vater gewährt seinem Sohn die Hilfestellung, die er sich selbst damals gewünscht hätte.

Karina ist erst vier, doch der neunjährige Alexander platzt vor Ungeduld. Mutter Maria hat eine Bedingung, wohl die einzige, die sie ihrem Mann je gestellt hat: Er darf nicht beide Söhne gleichzeitig auf eine große Klettertour mitnehmen, das hält sie für zu gefährlich. Er hält sich an die Forderung seiner Frau – und findet eine Lösung für den todunglücklichen Zweitgeborenen: Er verspricht ihm, dass er ihn im folgenden Jahr auf Skihochtour mitnehmen wird, auf einen echten Viertausender. Es geht um das Allalinhorn nahe Saas Fee, einen der leichten Skiviertausender in den Walliser Alpen. Maria ist einverstanden, doch es wird eine familieninterne Vorsichtsmaßnahme getroffen: Thomas soll erst am Vorabend der Tour erfahren, dass sein kleiner Bruder mit dabei sein wird. Denn er wird wohl finden, dass Alexander zu klein sei und er sie durchaus den Gipfelsieg kosten könnte. Als sie an diesem Apriltag im Jahre 1980 am Fuß des Berges stehen, hat er aber keine andere Wahl. Widerwillig muss er sich dem »Komplott« beugen, das Vater und Bruder hinter seinem Rücken geschmiedet haben.

Der elfjährige Alexander geht bis ans Ende seiner Kräfte, aber er gibt nicht auf, das Vertrauen seines Vaters trägt ihn. Wie berauscht vor Erschöpfung und Freude, folgt er seinem 13-jährigen Bruder mit etwas Abstand auf den Gipfel des Eisriesen. Das Allalinhorn wird dank Vaters Hilfe zu ihrem ersten Viertausender und zum ersten gemeinsamen großen Gipfel. Ihm folgen in den zwei Wochen danach noch neun weitere Viertausender, darunter die Dufourspitze, und in den kommenden dreißig Jahren noch viele mehr.

Gut zehn Kilometer vom Hof in Palling entfernt zeigt Vater Thomas seinen Söhnen am Ufer der Traun einen kleinen, etwa 15 Meter hohen Felsen, auf dem eine alte Befestigung steht: die Burg Stein an der Traun. Die Burgmauer, eine Art felsiges Mehrkornbrot, besteht aus in natürlichem Zement eingeschlossenen Kieseln – ein Traumterrain für die kletterhungrigen Jungs. Sobald sich eine Gelegenheit bietet, schwingen sie sich auf ihre Fahrräder und üben an der vom Himmel gesandten Wand, die sie in Windeseile erklimmen. Irgendwann treffen sie hier auf zwei junge Bergsteiger aus der Region: Gottfried Wallner und Fritz Mussner, Mitglieder der Traunsteiner Jungmannschaft, sie gehören zur Kletterelite des örtlichen Alpenvereins. Schnell erkennen die beiden bei Thomas, der ja von seinem Vater bestens angelernt wurde, eine vielversprechende Leichtigkeit und hohe Motivation. Sie laden ihn ein, in der Gruppe mitzukraxeln. Und so bekommt der zwölfjährige Alexander an einem schönen Julitag endlich die Chance, eine Seilschaft mit seinem Vater zu bilden!

Für die erste Tour mit Alexander wählt der Vater die Alte Westwand, eine klassische, beeindruckende Tour an der Ostseite des Kleinen Watzmann, einem der symbolträchtigen Gipfel in den Berchtesgadener Alpen. Das ausgesetzte Klettern ist dem Jungen eine wahre Freude. Er überwindet eine Passage mit einem 200 Meter tiefen Abgrund unter den Füßen, ermutigt durch seinen Vater am scharfen Ende des Seils. Und das Erlebnis wird ihm zur Offenbarung: »Ich glaube, dass ich die Ausgesetztheit nie mehr sonst in meinem Leben so intensiv wahrgenommen habe. Es war meine erste Begegnung mit dem Abgrund. Auch wenn ich mich später mit sehr viel größeren Wänden und noch stärker ausgesetzten Kletterstellen konfrontierte, die Intensität der ersten Begegnung übertrafen sie nicht. Deshalb ist sie in meiner Erinnerung auch heute noch so unvergleichlich lebendig, farbenfroh und klar.« Noch eine letzte Kletterpassage, dann folgt Alexander seinem Vater in die warme Nachmittagssonne auf dem Gipfel des Kleinen Watzmann. »Ich war überglücklich. Ich fiel meinem Vater in die Arme, unendlich dankbar für das, was ich an diesem Tag mit ihm erleben durfte.«

***

Die Brüder teilen dieselbe Begeisterung. »Wir waren damals als Kletterer fanatischer, als wir es heute sind. In unseren Köpfen existierte, egal zu welcher Tageszeit, nur eines: das Klettern«, erzählt Alexander.

Doch leider sind die Berge weit weg von Palling. Unter der Aufsicht ihres Vaters befestigen die zwei Brüder Haken am Dachstuhl der Scheune und verbringen dort als Seilschaft Stunde um Stunde in den Trittleitern und Schlingenständen – so üben sie das technische Klettern in Maximaldosis, beherrschen bald die nötige Seiltechnik aus dem Effeff. Auch ein großer Apfelbaum wird in Beschlag genommen, um das Klettern im Überhang zu simulieren. Stundenlang hängen sie in den Ästen, trainieren Kraft, Ausdauer, Technik – und Mut.

Die Geschichte des klassischen Alpinismus ist ihnen in großen Teilen vertraut. Alexander kann mit zehn Jahren alle wichtigen Alpengipfel über 4000 Meter aufzählen, er kennt ihre genaue Höhe, die verschiedenen Aufstiegsrouten und die Erstbesteiger. Sein Idol ist Hermann Buhl. Thomas verschlingt die Berichte von Walter Bonatti und Toni Hiebeler. Im extremen Fels, Walter Pauses legendäre Kletterbibel, kennen beide auswendig. Ihr Apfelbaum muss erdulden, wie sie dort besonders schwierige Passagen der von Pause beschriebenen Routen nachkraxeln, etwa die Erstbegehung der Großen Zinne. »Alles, was wir bisher in der Alpinliteratur gelesen hatten, spielten wir auf dem Apfelbaum nach, sogar das tragische Ende von Toni Kurz in der Eiger-Nordwand«, erinnert sich Thomas.

1936 war der Berchtesgadener Alpinist vor Kälte und Erschöpfung gestorben, nur wenige Meter von seinen Rettern entfernt in seinem Sicherungsseil am Abgrund hängend, da ein Knoten den Karabiner nicht passieren konnte. Eines der bekanntesten Dramen, das sich in den großen Nordwänden der Alpen ereignet hat. Unter dem wachsamen Auge des Vaters, der ihnen die bestmögliche Sicherheitsausbildung angedeihen lassen möchte, üben die Huber-Brüder also schon als Kinder, wie sie sich aus einer ähnlichen Notlage befreien können – drei Meter über dem Boden!

Zur klassischen Bergsteigerkultur und den technischen Kenntnissen, die sie sich mithilfe ihres Vaters zu eigen machen, gesellt sich schnell ein wachsendes Interesse an den Berichten deutscher Kletterer der Nach-68er-Generation, die den Brüdern neue Horizonte öffnet. Besonders ein 1980 erschienenes Buch hat es den beiden angetan, wie so vielen jungen Bergbegeisterten: Zeit zum Atmen von Reinhard Karl. In beunruhigendem Tempo überfliegt der Ausnahmekletterer, zudem ein beeindruckender Fotograf und Schriftsteller, die klassischen Wände der Alpen, bevor er sich dem Yosemite Valley und den Gipfeln Patagoniens zuwendet, um seinen Abenteuerhunger zu stillen. Fasziniert von Karls Büchern, beginnen die Brüder von fernen Gebirgen zu träumen. »Da werde ich mal klettern«, schwört sich Thomas und hört dabei The Doors, Jimi Hendrix und Led Zeppelin rauf und runter. Unter einem Querbalken der Scheune bauen Thomas und Alexander sogar die bayerische Nachbildung einer legendären Route im Yosemite, die Separate Reality – ein sieben Meter langes waagerechtes Rissdach …

Thomas Huber senior klettert vornehmlich mit seinem Ältesten, nicht unbedingt zur Freude von Alexander, der zu Hause bleibt. Doch die Situation entspannt sich im darauffolgenden Sommer. Gottfried Wallner, der Traunsteiner Jungmannschaftler, lädt Thomas zur Besteigung eines anspruchsvollen Klassikers im Wilden Kaiser ein: der Rebitsch-Spiegl-Führe durch die Fleischbank. Thomas, am Apfelbaum und im Wettstreit mit seinem Bruder geschult, meistert die Schlüsselstelle souverän im Vorstieg. Das ist die Eintrittskarte für die Traunsteiner Jungmannschaft! Ein großer Schritt nach vorn, denn er ist nun nicht mehr von seinem Vater abhängig, wenn er in die Berge will. Der kann sich ab sofort dem jüngeren Sohn widmen, die Ausflüge der beiden häufen sich daher. Und bald führt Alexander die Seilschaft. Wie zuvor seinem Ältesten gibt der Vater ihm unermüdlich sein Wissen und seine Fähigkeiten weiter, vor allem in Sachen Sicherheit, da ist er unnachgiebig. Die Brüder wissen die besondere Ausbildung durch ihren Vater sehr zu schätzen: »Unser Vater war unser Lehrmeister«, betont Alexander.

Aber die Touren mit den Talenten aus der Traunsteiner Jungmannschaft und die Ausflüge mit dem Vater reichen den Brüdern nicht, um ihren Berghunger zu stillen. Die unvermeidliche Lösung steht ihnen bald klar vor Augen: Sie werden einfach zusammen klettern!

Kapitel 2

Der Beginn der Seilschaft

Die Seilschaft der Brüder entsteht im Spätsommer 1983, kurz vor dem Ende der Ferien, als die beiden zum ersten Mal allein im Wilden Kaiser unterwegs sind. Thomas ist 16, Alexander 14. Ihre Mutter hat sie mit dem Auto nach Going nahe Kitzbühel gefahren, und die Buben spulen nun eine gute Woche lang klassische Routen ab, eine nach der anderen, manchmal zwei am Tag. Jeden Abend müssen sie sich aus ihrer Unterkunft, der Gaudeamushütte, bei ihren Eltern melden. Die Seilschaft funktioniert auf Anhieb perfekt. Thomas übernimmt die Seilführung, doch er willigt gleich bei diesem ersten Gipfelmarathon ein, seinem jüngeren Bruder ab und an den Vorstieg zu überlassen.

Von Anfang an schließen sie sich der damals aktuellen Bewegung, dem Freiklettern, an. Dazu hat sie ihre Lektüre angeregt, und auch der Hüttenwirt Hansjörg Hochfilzer, ein österreichischer Bergsteiger und Himalaja-Kamerad von Reinhold Messner, bestärkt sie darin. Beim Freiklettern werden auch die Schlüsselstellen nur mithilfe dessen überwunden, was der Fels eben zu bieten hat. Alle Sicherungsmittel sind als Aufstiegshilfe tabu, anders als im bis dahin gängigen technischen Klettern. Beim Freiklettern dient dieses Material nur zur Sicherung. Die zwei Brüder aus Palling machen sich mit großer Begeisterung daran, sämtliche Klassiker im Wilden Kaiser frei zu klettern.

Der große deutsche Kletterer Kurt Albert, ein gutes Jahrzehnt älter als die Hubers, hat in den Siebzigerjahren einfache Spielregeln für das Freiklettern erfunden. Wenn ihm ein Aufstieg ohne Sturz und ohne Verwendung künstlicher Hilfen – geschlagene Normalhaken, Bohrhaken, Bandschlingen oder Klemmkeile – gelang, malte er einen roten Punkt an den Einstieg zur Route. Man spricht seither von einer Rotpunktbegehung. Im englischsprachigen Raum, wo der Kletterstil ebenfalls viele Anhänger fand, hat man den Ausdruck übernommen und spricht bis heute von »to redpoint«, wenn eine Route in Freikletterei bewältigt worden ist.

Seit ihren ersten Erfolgen steht bei den Huber-Brüdern das Rotpunktklettern im Mittelpunkt ihrer Ambitionen. Es wird zum roten Faden ihrer außergewöhnlichen Begehungen. Mit seinen Traunsteiner Berggefährten wiederholt Thomas bald darauf eine markante Tour im Wilden Kaiser, eine Schlüsselroute für die Anhänger der neuen Rotpunktbewegung: die Pumprisse am Fleischbankpfeiler. Jahrzehntelang war der sechste Grad die »Grenze des Menschenmöglichen« gewesen – die Pumprisse gehören zu den ersten großen alpinen Touren im siebten Grad. Sechs Jahre zuvor waren sie erstbegangen worden, von Reinhard Karl, dem absoluten Idol der Brüder.

Dank der Traunsteiner Kletterfreunde entdecken Thomas und Alexander einen Klettergarten, der in ihrer Entwicklung eine wesentliche Rolle spielen wird: Karlstein. Er befindet sich auf einem großen bewaldeten Hügel, etwa zehn Minuten Fußweg von der Burg Karlstein nahe Bad Reichenhall entfernt. Der bis zu fünfzig Meter hohe Fels wird zu ihrem ständigen Revier. Alexander und Thomas faszinieren die Leistungen von Spitzenkletterern wie Wolfgang Güllich oder dem Franzosen Patrick Edlinger. Letzteren lernen sie durch den Dokumentarfilm La vie au bout des doigts von Jean-Paul Jansen kennen, der 1983 in die deutschen Kinos kommt. Die Brüder widmen sich mit großer Begeisterung einem neuen Stil, dem Sportklettern: Sie nehmen sich kurze Touren vor – wenige Dutzend Klettermeter lang, dafür technisch umso schwieriger –, die sie frei klettern. An soliden Bohrhaken gesichert, können sie sich, Meter für Meter, über extrem schwierige Passagen hinaufarbeiten. Der »Abflug«, also der kontrollierte Absturz, gehört dazu, bleibt aber stets folgenlos. Das Sportklettern an leicht erreichbaren kleineren Felsen ist nicht nur als Vorbereitung für die großen Begehungen in den Bergen gedacht. Die intensive Beschäftigung mit schwierigen Stellen wird für die neue Generation zu einem eigenen Spiel. Die Suche nach der einen perfekten Bewegung, das Stehen auf millimeterbreiten Tritten, das Festhalten an kleinsten Leisten, das Ausbouldern komplizierter Bewegungsabfolgen zur Überwindung von Schlüsselstellen, häufig nur ein, zwei Meter lang, das fasziniert die Huber-Brüder jetzt.

Sie bestellen sich das erste Paar Kletterschuhe und dazu die grellen Freeclimber-Outfits der Achtziger. Die Traunsteiner Jungmannschaft hat die Brüder nun voll integriert, und sie werden für den darauffolgenden Winter eingeladen, gemeinsam in Frankreich klettern zu gehen, an den Felsen von Buoux im Département Vaucluse, im Hinterland der Côte d’Azur. So lernen die beiden ein paar der schwierigsten Routen Europas kennen – und die unkonventionelle Lebensweise der Kletterer. Nächte unter freiem Sternenhimmel in der kargen Einfachheit einer Gemeinschaft, die nur eines kennt: die Hingabe an das Klettern, die ständige Selbstüberwindung am Fels. Die Brüder kehren nach Palling zurück und wissen: Sie können ganz oben mitmischen bei den großen Kletterern ihrer Zeit, wie sie sie in Buoux kennengelernt haben.

Vorbei die Zeiten von Apfelbaum und Scheune, jetzt wird mit anderen Mitteln trainiert und optimiert. Im Keller ihres Elternhauses bauen sich die Huber-Brüder eine Kletterwand, ein überhängendes Holzgerüst mit den verschiedensten Griffen, an dem sie unermüdlich trainieren, um ihre Kraft und Technik zu verbessern. Was ihnen an Methodik und Systematik fehlt, machen sie mit umso mehr Eifer und Ausdauer wett; zwei Brüder, die sich permanent gegenseitig antreiben und anspornen. Das Duo entwickelt eine Trainingsroutine, die sie in den kommenden Jahren in die Welt des Spitzenkletterns führen wird.

Doch auch auf ihre ursprünglichen Ambitionen, ihre Kinderträume, verzichten die beiden nicht und bleiben den großen alpinen Routen treu. Die vielen Aufenthalte im Karlsteiner Klettergarten verleihen ihnen in den Bergen quasi Flügel. Im Sommer 1984 nutzen sie wirklich jeden verfügbaren Tag für große Touren im Hochgebirge. Im Mont-Blanc-Gebiet besteigt Thomas zusammen mit Gottfried Wallner die Petit Dru über die legendäre »Amerikanische Direkte«. Vater Thomas chauffiert seine Söhne in die Dolomiten, wo sie nun ohne ihn klettern, weit jenseits seiner Schwierigkeitsgrade. Frei kletternd und in hohem Tempo meistern die Brüder schwierige Routen, während ihr Vater mit seinem Seilpartner Genusstouren absolviert. Die Brüder, jetzt 15 und 17 Jahre alt, brennen darauf, jenen Schritt zu gehen, der sie in ihren Augen erst zu wahren Alpinisten macht: Sie wollen eine Erstbegehung auf unbekanntem Terrain wagen – natürlich als Freikletterer.

***

Drei Tage vor Schulbeginn und dem gefürchteten Ende eines Bergsommers können die beiden ihre Mutter überreden, sie zur Reiter Alm zu fahren. Sie möchten eine letzte Tagestour machen, keine allzu schwere. Behaupten sie … Ihr eigentliches Ziel, seit Wochen vorbereitet: Thomas hat in diesem Sommer unterhalb der Almen eine steile Felswand ausfindig gemacht, etwa 250 Meter hoch und aus dichten Platten bestehend, durch die sich feine Rillen ziehen, die Südwand des Wagendrischelhorns. Abendelang saßen Alexander und er vor einem Bild der Platten, mit Diaprojektor an die Wand in ihrem Trainingskeller geworfen, um eine mögliche Route für eine Erstbegehung zu ersinnen. Sie kommen sich vor wie Pioniere.

Und endlich ist der Tag da. Der Aufstieg gestaltet sich mühsam und riskant, da die großen Felsplatten kaum Gelegenheiten für Haken oder Klemmkeile bieten. Wie sollen sie sich gegen einen eventuellen Sturz absichern? Alexander erinnert sich: »Es war in jeder Beziehung der absolute Traum. Wir kleine Menschen in dieser wilden Wand, die vor uns noch niemand geklettert war. Es war, als hätte etwas Jahrmillionen nur darauf gewartet, von uns berührt zu werden.«

Thomas setzt alles daran, eine Schlüsselstelle zu überwinden, mindestens im sechsten Grad, wagt sich ungesichert auf unbekanntem Terrain voran, weiter und weiter. Bald ist er am Ende seiner Möglichkeiten und steht weit – zu weit – über dem letzten Sicherungshaken. Ein Sturz hätte jetzt fatale Folgen. Er würde auf jenem Vorsprung aufschlagen, von dem aus Alexander ihn sichert. »Fliegen ist nicht drin!«, ruft der seinem Bruder lakonisch zu. Thomas atmet noch einmal durch und sagt sich: »Jetzt also bin ich hier, genau da, wo ich sein wollte: Neuland, unberührter Fels!«

Aufgeben kommt nicht infrage, er probiert weiter. Unter großem Risiko schafft er es schließlich, findet einen Weg durch die schwierigsten Meter der Wand, zum nächsten Standplatz, dort kann er sich und seinen Bruder sichern. Der klettert ihm nach und gratuliert. Thomas tut, als wäre nichts gewesen, aber Alexander weiß: Sein Bruder hat alles gegeben.

Der Plan ist aufgegangen, die von den Brüdern am Diaprojektor erdachte Route hat sich am echten Fels bewahrheitet. Am späten Nachmittag erreichen die zwei den Gipfel – stolz, glücklich und plötzlich ein ganzes Stück erwachsener. Ihre Geschichte hat begonnen: Sie haben ihre erste Erstbegehung geschafft, und das im einwandfreien Stil der Freikletterer, mit mustergültiger Ethik. »Unsere Philosophie bei dieser Erstbegehung bestand darin, das am großen Fels zu wiederholen, was wir im Klettergarten in Karlstein geübt hatten«, erklärt Thomas. Sie sind eine unberührte Wand rotpunkt geklettert, in einem Tag, vom Wandfuß bis zum Gipfelkreuz, ohne vorherige Erkundung und mit der verlangten Sparsamkeit der Mittel. Dieser hohe Anspruch, dem sie schon bei ihrem ersten Versuch perfekt entsprechen, wird die beiden in den kommenden Jahrzehnten auf die größten Berge der Welt führen, auch wenn nicht jeder Plan so nahtlos aufgehen wird wie bei dieser ersten Erstbegehung.

Als Erstbegeher dürfen sie der Route einen Namen geben: Rauhnachtstanz, eine Anspielung auf die alten Bräuche im Berchtesgadener Land, wild und heimlich wie die Aktion der Brüder. Nach dem Abstieg fahren sie per Anhalter nach Traunstein, wo sich wie jeden Freitagabend die jungen Kletterfreunde versammelt haben. An diesem Abend stehen die Huberbuam im Mittelpunkt, und ihr Erfolg wird gebührend gefeiert und begossen. Im Nachhinein ist Thomas überzeugt: »Diese Erstbegehung war, glaube ich, der wichtigste gemeinsame Erfolg. Sie spiegelte unseren Ehrgeiz wider und hat uns als Brüder zusammengebracht. Wir wählten da einen Weg voller Gefahren und hatten nicht vor, ihnen auszuweichen, ganz im Gegenteil! Wir wollten uns dem Risiko stellen, mit allen unseren körperlichen und mentalen Möglichkeiten. Damals war uns das nicht bewusst, aber genau diese Sichtweise war von Anfang an die geheime Triebfeder unserer Seilschaft.«

***

In dieser Zeit ist der Zusammenhalt der beiden Brüder besonders groß: Sie teilen die gleichen Sehnsüchte und technischen Fähigkeiten, sie haben beide viel zu wenig Zeit für viel zu viele alpine Träume. Die Schule? Für beide Nebensache, ihre Gedanken gehören dem Klettern und den Bergen. Außerdem arbeiten sie auf dem elterlichen Hof, der Vater braucht sie auf den Feldern und beim Holzfällen. Er tröstet sie mit den immer gleichen Worten: »Nach der harten Arbeit im Wald habe ich die schönsten Bergtouren geschafft!« So bekommen die Brüder auch die breiten Schultern und den athletischen Körperbau, der sie von vielen professionellen Freeclimbern unterscheidet, die meist schlanker sind.

Der anschließende Frühling beschert den beiden eine Revolution: Thomas hat jetzt den Führerschein! Ab jetzt sind sie frei, sind nicht länger abhängig von den Eltern oder der Traunsteiner Klettergruppe. Als der Sommer 1985 da ist, schnappen sie sich das Familienauto, einen kleinen roten Fiat, beladen ihn mit ihrer Kletterausrüstung, einem Zelt, Schlafsäcken und ein paar Vorräten und machen sich auf zu neuen Abenteuern, die sie nun nach eigenen Vorstellungen planen. Sie absolvieren einige der schwersten Touren jener Zeit in den Dolomiten, die legendäre Comici-Route an der Nordwand der Großen Zinne oder den imposanten Weg durch den Fisch an der Marmolata-Südwand, eine schier endlose Führe, die sie als eine der Ersten wiederholen. Sie bemühen sich natürlich, wann immer möglich, frei zu klettern. Die beiden Touren in den Dolomiten sind prägend, die Brüder steigern ihr atemberaubendes Tempo und gewinnen mehr und mehr Selbstvertrauen.

Ende des Sommers fahren sie in das Wettersteingebirge. Mit Locker vom Hocker meistern sie eine für das Sportklettern und die Freikletterwelle bedeutende Tour: Die 250 Meter lange Route an der Schüsselkarspitze wurde 1981 von Kurt Albert und Wolfgang Güllich erstbegangen – große Idole einer ganzen Generation von Kletterern und natürlich auch Vorbilder der Huber-Brüder. Die Tour gilt als schwierigste alpine Route ihrer Zeit und als die erste im achten Grad. Thomas und Alexander nähern sich Schritt für Schritt ihren Vorbildern und dem Spitzenniveau ihrer Zeit an.

Zu Hause sind sie die Könige von Karlstein, wo sie immer schwierigere Touren erschließen, indem sie sämtliche Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Felsens nutzen. Hier setzen sie auch die ersten Bohrhaken. Anders als die klassischen Normalhaken, die in einen Riss geschlagen werden, können diese Schwerlastanker auch in kompakten Fels gesetzt werden: Der Kletterer bohrt ein kleines Loch in den Fels, in das der Bohrhaken dann eingeschlagen wird. An den aus dem Fels ragenden Anker kommt nun die Bohrhakenlasche, in die man einen Karabiner einhängt, in den wiederum das Seil eingehängt wird.

Diese Bohrhaken als zuverlässige und solide Sicherungspunkte sind eng mit dem Aufschwung des Freikletterns verbunden, und zwar besonders in Klettergärten wie in Karlstein. Sie bieten dem Kletterer nämlich im Fall eines Sturzes eine absolut zuverlässige Sicherung, und das auch in Felspassagen, in denen sich keine Normalhaken anbringen lassen. Für Thomas und Alexander und die gesamte Klettergeneration der Achtziger wird auf diese Weise das Stürzen zur Routineangelegenheit, das »Abfliegen« wird harmlos. So können die Freikletterer unermüdlich und ganz in Ruhe an technisch anspruchsvollen Passagen arbeiten, bis sie diese überwinden. Die Brüder machen rasante Fortschritte und überschreiten ab 1986 die psychologisch bedeutsame Grenze des neunten Schwierigkeitsgrades.

Ein großer Pluspunkt von Karlstein, abgesehen von den steilen Wänden, den großen Überhängen und den kompakten Platten: die Almwirtschaft, die nur wenige Minuten entfernt vom Einstieg in die Routen auf einer idyllischen Almwiese steht, der Kugelbachbauer. Hier regiert die Wirtin Haidi Gruber, eine unvergleichliche Köchin. Gasthof, Fels und Alm gehören ihr zusammen mit ihrem Mann, einem Jäger. Jeden Abend kehrt das Karlsteiner Klettervolk nach einem langen Tag am Fels bei ihr ein, hebt die Bierkrüge und verschlingt von Haidi zubereitete und großzügig servierte Kasspatzn, Spinatknödel oder Tiroler Kasnocken, gefolgt von riesigen, unter Sahne vergrabenen Stücken Apfelkuchen.

Haidi kennt alle ihre jungen Gäste beim Namen, die Huber-Brüder zählen zu ihren Lieblingen. Sie stellt die Regeln des Klettergartens auf, sie wacht über das Benehmen der Kletterer. »Ich habe das Gelände nie dem Alpenverein überlassen, schließlich haben die Kletterer immer auf mich gehört. Wir sind stets auf ihrer Seite, aber meine Worte sind Gesetz!«, erzählt sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie verwöhnt die Buben, sie weiß von ihren Hoffnungen, Vorhaben und manchmal sogar von ihrem Liebeskummer. Im Dorf Karlstein wundert man sich: »Was machst du da nur mit diesen langhaarigen Kerlen, Haidi?« Es sind immer mehr, die kommen – unbekannte und berühmte Kletterer, die von den anspruchsvollen Routen des Klettergartens angezogen werden. Haidi hütet das originale, offizielle Topo des Felsens, ein Heft, in das die Kletterer sorgfältig eintragen, wer wann wo welche Routen und in welchem Stil erschlossen hat. Bald sind es mehr als hundert Routen, und als Erstbegeher steht immer häufiger ein Name in dem Büchlein: Huber!

Neben Karlstein klettern sie auch in Arco, dem italienischen Hotspot des Sportkletterns, oder in Frankreich, in der Verdonschlucht, und realisieren dort ihre ersten Routen in Grad 8a nach französischer Bewertung, an der Grenze zum zehnten Grad. Doch das Sportklettern in Karlstein, Arco oder Verdon allein reicht ihnen nicht: Sie betreiben es zwar intensiv, aber das eigentliche Ziel sind doch die Berge, alpine Rotpunkt-Erstbegehungen von großen Routen in immer schwierigeren Höhen. Die Steigerung vom Rauhnachtstanz.

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Die Pallinger Brüder müssen nicht lange nach großen, unberührten Kalkfelsen suchen, um ihre Lust auf abenteuerliche Routen zu stillen. Die Reiter Alm in den Berchtesgadener Alpen, wo ihnen der Rauhnachtstanz gelungen ist und wo Vater und Söhne die ersten alpinen Unternehmungen wagten, bietet ihnen alle Möglichkeiten! Denn das Massiv ist ein Tafelgebirge, also ein Hochplateau mit Steilwänden. Gerade die Nordseite besteht über Kilometer hinweg aus senkrechten Kalksteinwänden von 300 bis 500 Meter Höhe. Große Bereiche davon sind so steil und kompakt, dass sie nur wenige klassische Routen zulassen. Damit ist gerade hier an diesen Wänden noch viel Platz für neue, schwierige Wege – das ideale Terrain für die Huber-Brüder.

Zuerst widmen sie sich nur einem bestimmten Teilbereich der Nordseite, der Wartsteinwand. Zusammen mit seinem Kletterfreund Fritz Mussner eröffnet Thomas eine direkte Route mitten durch die zentrale Wand, schwierige Freikletterei mit drei kurzen hakentechnischen Stellen. Von dieser Tour bringt er ein Dia mit. Die Brüder puzzeln sich nach bewährter Methode – Dia an die Wand projizieren – eine frei begehbare Route über die Felsplatten zusammen. 1985 gehen sie dieses Projekt an, und es gelingt! Sie eröffnen eine neue große Route in durchgehend freier Kletterei bis zum siebten Grad. Die Begehung erfordert präzise Kletterei, vom ersten bis zum letzten Zug, denn sie setzen nur einen einzigen Bohrhaken. Sie taufen die Route Dave Lost, in Erinnerung an einen tödlich verunglückten Kameraden aus der Traunsteiner Jungmannschaft. Nach Rauhnachtstanz ist es ihre zweite Erstbegehung, und sie folgt demselben Geist, indem sie anspruchsvolle Manöver weit über der letzten Sicherung fordert. Ihrer Devise »So viel Sicherheit wie nötig, so wenig am Berg hinterlassen wie möglich« bleiben sie auch mit dieser Erschließung treu.

1986, immer noch am Wartstein, gehen sie einen Schwierigkeitsgrad weiter. Sie eröffnen ihre Route Utopia, 350 Meter im achten Grad. Am vierten Tag haben sie die elf Seillängen durchstiegen, mitsamt dem schwierigen Überhang in der letzten Länge, und doch wie immer frei: rotpunkt!

1987, kurz nach Thomas’ Abitur, nehmen sie an der Reiter Alm-Nordseite den Scharnstein in Angriff. Als sie nach anstrengenden und langen Tagen in der Wand das Gipfelplateau erreichen, wissen sie, dass sie mit Vom Winde verweht die bedeutendste Route ihrer bisherigen Karriere erschlossen haben, und beide sind sich sicher: Vollständig frei und rotpunkt geklettert ist die Route sicher ein zehnter Grad, das hat in den Alpen noch keiner geschafft!

Die Herausforderung hat konkrete Formen angenommen. Wann werden sie sich ihr stellen können? Weder Thomas noch Alexander, jetzt 20 und 18 Jahre alt, haben die Schwelle zum zehnten Grad überschritten, nicht einmal beim Sportklettern im Klettergarten. Dieser Schwierigkeitsgrad ist aber auch gerade erst »erfunden« worden! 1983 hat Jerry Moffatt mit The Face im Altmühltal die erste X- Europas geklettert, Wolfgang Güllich meistert 1984, ebenfalls im Altmühltal, Kanal im Rücken, die erste X. Thomas und Alexander sind den beiden jetzt auf den Fersen: Im Sommer 1987 gelingen ihnen in der Verdonschlucht die ersten 8a+-Routen, also X- gemäß der in den bayerischen und österreichischen Alpen vorherrschenden UIAA-Skala. Die Brüder klettern auf exakt demselben Niveau, angetrieben vom gemeinsamen Ziel, den zehnten Grad nicht nur im Klettergarten, sondern auch in alpinen Routen zu klettern.

Bis dieses Gleichgewicht der Kräfte im Herbst 1987 ins Wanken gerät. Thomas hat seinen Wehrdienst bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall begonnen – zum Glück ganz in der Nähe von Karlstein! – und erleidet einen Bandscheibenvorfall. Die gute Nachricht: Er ist jetzt untauglich, kann den Wehrdienst sofort beenden. Und die schlechte?

Er ist auch fürs Klettern untauglich. An das Bett gefesselt, ist ihm jegliche sportliche Betätigung verboten. Wochenlang kann er sich kaum rühren, dann wird er operiert und beginnt mit der Reha. Es ist die erste von zahlreichen Verletzungen. Doch schon hier beweist Thomas, dass er nicht kleinzukriegen ist: Er geht mit großer Widerstandskraft und enormem Durchhaltevermögen daran, seine körperliche Fitness wiederherzustellen. Er ist getrieben von dem Willen, so schnell wie möglich in die Berge, an den Fels zurückzukehren. Schnell ist Thomas wieder auf den Beinen und klettert im kommenden Frühjahr erneut auf Topniveau. Als Alexander im April 1988 mit Magic Mushroom seine erste 8a+-Route in Karlstein eröffnet, gelingt Thomas die Albatros im selben Schwierigkeitsgrad! Die rasante Erholung nach einer Verletzung soll Thomas zur Gewohnheit werden, er vollbringt diese Leistung später noch mehrere Male.