Alfons von Liguori - Martin Leitgöb - E-Book

Alfons von Liguori E-Book

Martin Leitgöb

0,0

Beschreibung

Dieser erste Band einer zehnteiligen Reihe "Spiritualität und Seelsorge" der Redemptoristen widmet sich dem Leben und Wirken ihres Ordensgründers Alfons von Liguori. Als Adelssohn, 1696 in der Nähe von Neapel geboren, schon im zarten Alter von 16 Jahren Doktor der Rechtswissenschaften, stieg Alfons aus seiner anmaßenden gesellschaftlichen Welt aus und studierte Theologie. Zunächst betreute er Obdachlose und am Rande der Gesellschaft stehende Jugendliche in Neapel, später Hirten und Bauern auf dem Land, die von der herkömmlichen kirchlichen Seelsorge komplett vernachlässigt wurden. Aus dieser Begegnung erwuchs der Impuls, eine missionarische Gemeinschaft für die benachteiligte Landbevölkerung im Königreich Neapel zu gründen, den er 1732 realisiert. Der innere Antrieb der neuen Gemeinschaft sollte sein, das Leben und die Tugenden Jesu Christi möglichst vollkommen nachzuahmen. In der Volksmission sollte den Menschen die Liebe des Erlösers nahegebracht werden. Alfons selbst war ein hinreißender Prediger, seine einfache Sprache überzeugend. Als Bischof wirkte er als ein "Vater der Armen" und engagierte sich für ein Programm zur Rehabilitierung von Prostituierten, auf dem Gebiet der Moraltheologie leistete er einen großen Beitrag, indem er das strikte Befolgen bzw. Festhalten an Gesetzen ablehnte und die theologische Betrachtung der menschlichen Person in ihrem Dienst und ihrer Würde, von ihrem Gewissen und von der göttlichen Barmherzigkeit aus in den Mittelpunkt rückte. 1787 starb er als großer Kirchenmann, 1839 wurde er heiliggesprochen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 147

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



MARTIN LEITGÖB

ALFONS VON LIGUORI

LEHRER DES GEBETES UNDDER BARMHERZIGKEIT

Band 1 der Reihe „Spiritualität und Seelsorge“, die von P. Martin Leitgöb und P. Hans Schalk im Auftrag der Ordensgemeinschaft der Redemptoristen herausgegeben wird.

Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

2. Auflage 2013

© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung: stadthaus 38, Innsbruck

Titelbild: © Museo Alfonsiano, Pagani, Italien

Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag, Innsbruck

Druck und Bindung: Alcione, Lavis (I)

ISBN 978-3-7022-3097-5 (gedrucktes Buch)

ISBN 978-3-7022-3272-6 (E-Book)

E-Mail: [email protected]

Internet: www.tyrolia-verlag.at

INHALT

VORWORT

BIOGRAPHIE

Kindheit und Jugend

Juristenlaufbahn

Eine erste Lebenswende

Priesterjahre in Neapel

Die „zweite Bekehrung“

Die Kongregation der Redemptoristen

Bischof wider Willen

Lebensabend und Tod

THEOLOGIE UND SPIRITUALITÄT

Was ist der Mensch?

Der liebende und barmherzige Gott

Die erlösende Liebe Jesu Christi

Maria, Mutter der Barmherzigkeit

„Wer betet, wird sicher gerettet“

Die hohe Kunst des Loslassens

Christsein heißt Christwerden

APOSTOLAT UND SEELSORGE

„Evangelizare pauperibus“

Die Volksmissionen

Verkündigung und Predigt

Barmherzige Beichtseelsorge

Anleitung zum Gebet

Seelsorge mit Feder und Tinte

Gebet und Verkündigung nach Noten

SCHLUSSWORT

LITERATURVERZEICHNIS

Quellen

Weiterführende Literatur

VORWORT

Das vorliegende Buch über Alfons von Liguori ist zugleich der erste Band einer Schriftenreihe, die den Titel „Spiritualität und Seelsorge“ trägt. Diese Reihe wurde von der Ordensgemeinschaft der Redemptoristen initiiert und dem Verlag Tyrolia vorgeschlagen. Es sollen darin Themen publiziert werden, welche den Redemptoristen von ihrer spirituellen Grundausrichtung und ihrem seelsorglichen Engagement her am Herzen liegen.

Welche Motive stehen im Hintergrund? Zunächst und vor allem wollen die Redemptoristen und alle, die sich ihnen verbunden fühlen, durch diese Schriftenreihe dasjenige mit einer interessierten Öffentlichkeit teilen, was sie in ihrem eigenen Leben bewegt und wovon sie sich angespornt fühlen, den Menschen unserer heutigen Zeit zu dienen. Wer als Ordensmann bzw. als Ordensfrau von der Sinnhaftigkeit der eigenen Lebensform überzeugt ist, wird aus den Haltungen und Orientierungen, welche hinter dieser Lebensform stehen, keinen Hehl machen. In der heutigen Zeit haben die Klöster und Niederlassungen vieler Ordensgemeinschaften zumeist weit geöffnete Pforten für all jene, die echtes Interesse zeigen oder zumindest eine begründete Neugierde haben. Die Schriftenreihe „Spiritualität und Seelsorge“ ist gewissermaßen eine virtuelle offene Tür, verbunden mit der Einladung einzutreten, sich umzusehen und wahrzunehmen, wie das „redemptoristische Charisma“ in der Gegenwart gelebt und verwirklicht wird.

Eine zweite Motivation für diese Schriftenreihe liegt in der Bedeutung der beiden Themen „Spiritualität“ und „Seelsorge“. Beide haben in den christlichen Kirchen heute eine hohe Konjunktur und erleben zugleich eine große Krise. Viele fragen sich, wie sowohl der eine als auch der andere Bereich zu gestalten ist. Gemeinsam ist den beiden Themen, dass es in ihnen um diejenigen Menschen geht, die auf der einen Seite mit großen Hoffnungen ihr Leben nach geistigen und geistlichen Kategorien zu gestalten suchen, in dieser Suche aber vielfach hilflos sich selbst überlassen oder einem Wirrwarr von Meinungen und Lebensstilen ausgesetzt werden. Die kirchlich organisierte Seelsorge steht oft rat- und leider manchmal auch tatenlos vor dieser Situation oder ist den vielfältigen gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Umbrüchen nicht gewachsen. Mit den einzelnen Bänden der Schriftenreihe sollen einige Markierungs- bzw. Orientierungspunkte gesetzt werden, die – in aller Bescheidenheit – helfen können, das eine wie das andere Thema oder beide Themen in ihrer Wechselseitigkeit besser in den Blick zu bekommen. Die seit nunmehr immerhin schon fast dreihundert Jahren sich bewährt habende Ordenstradition der Redemptoristen kann Impulse für Einzelne, für Gruppen oder für kirchliche Handlungsträger geben, um sowohl dem Thema „Spiritualität“ wie auch dem Thema „Seelsorge“ Kontur und Farbe zu verleihen.

Ein Drittes schließlich: Die Redemptoristen sowie die ihnen verwandten Gemeinschaften und nicht zuletzt auch ihre Freunde und Mitarbeiter versuchen in ihrem Lebensstil beiden Bereichen gerecht zu werden. Es ist gerade das wechselseitige Miteinander von „Spiritualität“ und „Seelsorge“, welches für das redemptoristische Charisma kennzeichnend und prägend ist. Die mit diesem Band begonnene Schriftenreihe mag vor diesem Hintergrund auch ein Beitrag zur Selbstvergewisserung und zur dynamisch-kreativen Weitergestaltung sein. Verantwortet wird die Schriftenreihe von der Wiener und der Münchener Provinz der Redemptoristen. Zeitgleich mit diesem ersten Band erscheint noch ein zweiter von P. Hans Schalk, München, mit dem Titel „Erlöst leben. Die befreiende Botschaft Jesu“. Die weiteren Bände werden dann jeweils halbjährlich erscheinen. Gemeinsam mit P. Hans Schalk und meiner Person wurde die Schriftenreihe von einer kleinen Gruppe vorbereitet und konzipiert. Zu ihr gehörten noch P. Augustin Schmied, Gars am Inn, und P. Peter Koch, Würzburg. Ihnen sei an dieser Stelle herzlich gedankt, ebenso den Provinzialen der Redemptoristen in Wien und München, P. Lorenz Voith und P. Edmund Hipp, welche dem Projekt von Anfang an viel Sympathie schenkten, und schließlich Herrn Mag. Gottfried Kompatscher vom Verlag Tyrolia, der die Idee zur Veröffentlichung dieser Schriftenreihe freundlich aufnahm und für optimale Verwirklichungsbedingungen sorgte.

Wenn die Reihe „Spiritualität und Seelsorge“ mit einem Band über Alfons von Liguori eröffnet wird, so geschieht dies mit Bedacht. Die Ordensgemeinschaft der Redemptoristen verehrt diesen Heiligen als ihren Gründer. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte in seinem Dekret über die Ordensleute unter anderem dazu aufgerufen, dass sich die religiösen Gemeinschaften in besonderer Weise mit ihrem Gründungscharisma beschäftigen sollten, um so Impulse für ihr Leben und Arbeiten in der Gegenwart zu gewinnen. Wie in vielen anderen Gemeinschaften ist dieser Auftrag auch bei den Redemptoristen in der Zeit nach dem Konzil mit großem Interesse wahrgenommen worden. Das Ergebnis war vor allem ein neues Wahrnehmen des eigentlichen Gründungszweckes, der in diesem Buch noch ausführlich erklärt werden wird. Des Weiteren hat man gelernt, die Gestalt Alfons von Liguoris zum einen nüchterner zu sehen und sie von den vielfältigen frommen Deutungsmustern früherer Zeiten zu befreien, zum anderen wurde das eigentliche theologische, geistliche und pastorale Potential dieses Mannes neu entdeckt.

Das vorliegende Buch nimmt Alfons von Liguori titelgemäß als „Lehrer des Gebetes und der Barmherzigkeit“ in den Blick, wobei aber auch zahlreiche weitere Facetten seiner Persönlichkeit und seines schriftstellerischen und seelsorglichen Schaffens beleuchtet werden. Gebet und Barmherzigkeit waren zwei zentrale Interessenspunkte des Heiligen, und sie treffen zugleich auch wichtige Bedürfnisse vieler Menschen in der Gegenwart. Alfons von Liguori wurde im Jahre 1871 mit dem Titel „Kirchenlehrer“ geehrt. Er erhielt diesen Titel damals vornehmlich wegen seiner moraltheologischen Schriften, die heute allerdings längst nicht mehr relevant sind, zumindest was ihre kasuistische Form angeht. Relevant sind dagegen nach wie vor seine zahlreichen geistlichen Werke, wenn auch diese in ihrer Sprachgestalt wie in manchen Inhalten genau überprüft werden müssen. Mir als Autor dieses Buches ging es deshalb hauptsächlich um die Herausarbeitung von Grundlinien im Denken und im seelsorglichen und apostolischen Wirken von Alfons. Selbstverständlich konnte und mochte ich mich in diesem Unterfangen des Blickwinkels von der Gegenwart her nicht erwehren, im Gegenteil: Dieser Blickwinkel wird in die Behandlung der verschiedenen Themen bewusst miteinbezogen. Nur so kann uns Alfons von Liguori auch heute noch etwas sagen.

Stützen konnte ich mich in meiner Arbeit auf viele Einzelstudien und auf einige wichtige Biographien. Sie sind im Literaturverzeichnis angeführt. Mein Buch versteht sich nicht eigentlich als eine Studie über Alfons von Liguori, sondern als eine kleine Einführung zu seiner Persönlichkeit, seinem Denken und Schaffen. Sie soll all jenen dienen, die den Heiligen entweder noch kaum kennen oder ihn unter vielleicht neuen Gesichtspunkten wieder kennenlernen wollen. Herzlich wünsche ich allen Lesern und Leserinnen Anregungen für ihr persönliches geistliches Leben, aber auch Visionsansätze für das Leben in der Kirche und den Gemeinden. Ich bedanke mich in besonderer Weise bei all jenen Mitbrüdern aus der Ordensgemeinschaft der Redemptoristen, die mir im Laufe der Jahre die Gestalt Alfons von Liguoris aus ihrer je persönlichen Betrachtungsweise heraus vermittelt haben. Nicht wenig davon ist in dieses Buch eingeflossen. Außerdem gilt mein Dank Frau Dr. Jasmine Wessely, die eine fleißige Korrekturleserin war, und Frau Mag. Brunhilde Steger, die als Verlagslektorin viel Geduld mit mir hatte.

P. Martin Leitgöb CSsRWien, im September 2010

ZUR ZWEITEN AUFLAGE

Das vorliegende Buch fand seit seinem Erscheinen erstaunlich viele Leserinnen und Leser. Dies mag mit dem Umstand zusammenhängen, dass es einen Heiligen ins Licht rückt, der auf der einen Seite im deutschsprachigen Raum nicht allzu bekannt ist, auf der anderen Seite aber zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der katholischen Kirchengeschichte gehört. So hat beispielsweise Papst Benedikt XVI. gleich zwei Mittwochskatechesen seines Pontifikates dem heiligen Alfons von Liguori gewidmet (am 30. März 2011 und am 1. August 2012). Erfreulicherweise hat sich der Verlag Tyrolia entschieden, dieses Buch nun in zweiter Auflage herauszubringen. Mögen durch den Kirchenlehrer und Ordensgründer auch weiterhin viele Menschen in ihrem eigenen Leben bereichert werden! Und möge sein seelsorgliches Tun zugleich Ansporn für das pastorale Wirken der Kirche in unserer heutigen Zeit sein!

P. Martin Leitgöb CSsRPrag, im Mai 2013

BIOGRAPHIE

Jeder Mensch lebt in einem bestimmten zeitlichen Rahmen, aus dem er nicht heraustreten kann. Für Alfons von Liguori war dieser Lebensrahmen das 18. Jahrhundert: eine äußerst bewegte Zeit, geprägt von den großen geistigen Aufbrüchen der Aufklärung, von einer äußerst lebendigen kulturellen Atmosphäre, besonders was Musik und Bildende Kunst betrifft; zugleich aber eine Zeit mit außerordentlich starken gesellschaftlichen Zerklüftungen, von denen auch das religiöse und kirchliche Leben betroffen war. Es kann bereits an dieser Stelle gesagt werden, dass Alfons die Auseinandersetzung mit den geistigen, kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnissen, wie sie sich ihm dargeboten hatten, aufnahm und versuchte, die Verhältnisse auf seine Weise und in seiner konkreten Lebenswelt umzuprägen. Um diese Einflussnahme auf seine Zeit und seine Umwelt in ihrer ganzen Dynamik zu erfassen, muss zunächst seine Biographie in den wesentlichen Grundlinien nacherzählt werden. Daraus werden sich auch erste Orientierungen ergeben, was seine Bedeutung als Theologe und Seelsorger, als „Lehrer des Gebetes und der Barmherzigkeit“ ergibt.

 

KINDHEIT UND JUGEND

Alfonso Maria de Liguori – so der volle Name unseres Protagonisten – wurde am 27. September 1696 als Erstgeborener einer alteingesessenen neapolitanischen Familie geboren, welche der sogenannten „Nobiltà di piazza“, also dem niederen Adel, angehörte. Sein Vater, Don Giuseppe Felice de Liguori-Mastrillo (1670–1745), war Offizier in der königlichen Marine von Neapel. Die Mutter, Donna Anna Catarina Angelica Cavalieri d’Avenia (1670–1755), war die Tochter eines hohen königlichen Beamten, mütterlicherseits entstammte sie einer spanischen Adelsfamilie. Die Familie de Liguori besaß einen großzügigen Palazzo in Neapel sowie das Landgut Marianella knapp außerhalb der Stadt. In der geräumigen Villa dieses Landgutes wurde Alfons geboren. Zwei Tage später wurde er in der im Stadtzentrum von Neapel gelegenen Kirche „Santa Maria delle Vergini“ („Muttergottes der Jungfrauen“) getauft.

Eine wesentliche Rolle für die Kindheit und Jugend von Alfons spielte die Tatsache, dass er der Erstgeborene seiner Eltern war. Es folgten nach ihm noch drei Brüder und vier Schwestern. Mit der Rolle des Stammhalters war die Erwartung verbunden, dass dieser nicht nur durch Heirat und Familiengründung die Linie seines Geschlechtes fortsetzte, sondern auch dem Namen und dem Titel des Geschlechtes weitere Ehre verschaffte. Der Erstgeborene einer Familie war in der Regel auch der Haupterbe seiner Eltern.

Alfons war zart und eher schwächlich an Körper und Gesundheit, jedoch außergewöhnlich begabt. Sein Vater, gegenüber dem er eine gewisse Ängstlichkeit in sich trug, setzte alles daran, ihm eine Förderung zuteilwerden zu lassen, die der herausragenden Begabung entsprach. Der Knabe sollte später eine glanzvolle Karriere machen und auf diese entsprechend vorbereitet werden. Don Giuseppe de Liguori hatte im Sinn, dass sein Sohn entweder wie er selbst hochrangiger Marineoffizier werde oder eine Laufbahn als Jurist einschlage. Durch Hauslehrer und Erzieher sollte das Kind Bildung in großem Stil erhalten. Neben den üblichen Fächern gehörte dazu auch die Kenntnis von Fremdsprachen. Alfons erhielt regelmäßigen Unterricht in Französisch, Spanisch, Lateinisch und Altgriechisch. Das Lernen war dem Knaben allerdings keine lästige Pflicht, sondern eine Leichtigkeit. Alfons war ein Musterschüler und bereitete seinen Eltern Genugtuung in ihren Erwartungen.

Don Giuseppe de Liguori förderte aber nicht nur die Geisteskräfte seines Sohnes. Es lag ihm auch daran, seinem Sohn einen gewissen Charakter anzuerziehen, welcher dem Verhaltens- und Ehrenkodex der damaligen adeligen Gesellschaft entsprach. Um seinen Sohn psychisch und körperlich auf spätere Herausforderungen und Aufgaben vorzubereiten, zwang er ihn beispielsweise einmal in der Woche auf dem nackten Fußboden zu schlafen. Nicht zuletzt lag es dem Vater sehr daran, dass sein Sohn sich auch eine gewisse künstlerische Kompetenz aneigne. Zur Rolle des Edelmanns in der damaligen Gesellschaft gehörten Fähigkeiten auf den Gebieten der Architektur, der Malerei und der Musik. So wurde Alfons in die Schule des bekannten Malers Francesco Solimena (1657–1747) geschickt. Für den Musikunterricht wurde der berühmte neapolitanische Komponist Gaetano Greco (1657–1728) ausgewählt. Alfons musste als Knabe täglich bis zu drei Stunden am Cembalo üben. Mit zwölf Jahren war er bereits ein kleiner Virtuose auf diesem Instrument.

Für die seelische und religiöse Entwicklung von Alfons war seine Mutter von entscheidender Bedeutung. Donna Anna de Liguori hatte früh ihre eigene Mutter verloren und war deswegen als Mädchen in einem von Ordensfrauen geführten Internat aufgewachsen. Sie war eine sehr fromme, zugleich aber überaus ängstliche Frau, die neben ihrem üblichen Gebetspensum täglich eine längere Zeit für das stille, betrachtende Gebet verwendete. Auch das Fasten und andere aszetische Übungen hatten bei ihr einen hohen Stellenwert. Am gesellschaftlichen Leben des neapolitanischen Adels nahm sie nur wenig teil. Für Alfons hatte der erzieherische Einfluss der Mutter positive und negative Folgen. Wenn er zeit seines Lebens an manchmal geradezu krankhaften Sündenängsten und an einer neurotischen Skrupulosität litt, so kam ein guter Teil dieser Veranlagung gerade von ihrer Seite her. Auf der anderen Seite verdankte Alfons seiner Mutter seine frühe Neigung zu Gebet und Frömmigkeit. Kaum konnte er lesen, hatte sie ihm eigenhändig eine kleine Gebetsfibel verfasst, die er selbst im hohen Alter noch benützte. Auch seine Vorliebe für den Rosenkranz und andere Frömmigkeitsformen ging auf die Mutter zurück.

Auch Don Giuseppe de Liguori war um Glauben und Gebet bemüht. Gemäß seiner angeborenen Strenge zu sich selbst und zu anderen, die durch die militärische Berufslaufbahn noch verstärkt worden war, führte er ein diszipliniertes religiöses Leben, zu dem auch die regelmäßige Teilnahme an Exerzitien und Einkehrtagen gehörte. Eine besondere Hinneigung hatte er zur Gestalt des leidenden Christus. In der Offizierskabine seines Admiralsschiffes befanden sich vier etwa 50 Zentimeter hohe Holzfiguren, die Christus in seiner Passion darstellten. In der Gedankenwelt des späteren Theologen, geistlichen Schriftstellers und Seelsorgers Alfons von Liguori sollte gerade diese Thematik eine wichtige Rolle spielen. Davon wird noch ausführlich die Rede sein.

Im Alter von sieben Jahren wurde Alfons, was seine religiös-geistliche Entwicklung betrifft, der besonderen Sorge des Priesters Tommaso Pagano (1671–1755) anvertraut. Dieser war der Seelenführer und Beichtvater seiner Mutter und gehörte der von Filippo Neri (1515–1595) gegründeten Gemeinschaft der Oratorianer an. Die Gemeinschaft war bekannt für ihre Predigten und Andachten und hatte sich in besonderer Weise dem seelsorglichen Dienst an der Jugend verschrieben. Alfons blieb mit Tommaso Pagano während der nächsten dreißig Jahre eng verbunden. Er besprach mit ihm alle Probleme und inneren Schwierigkeiten und holte dessen Rat, ja dessen Weisung vor allen wichtigen Entscheidungen ein. Dass ein Seelenführer eine solch starke Rolle für das innere und äußere Leben eines Menschen ausübte, war in der damaligen Zeit nichts Außergewöhnliches. Gewiss konnte diese Funktion auch missbraucht werden. Sie konnte aber ebenso von hohem Nutzen sein, und zwar dann, wenn der Seelenführer ein wirkliches Charisma zur geistlichen Leitung hatte und seine Weisungen auf eigenen Erfahrungen und auf großer Menschlichkeit beruhten. Dies war bei Tommaso Pagano der Fall.

Kirchlich war Alfons seit seiner Kindheit und Jugend in die verschiedensten religiösen Vereinigungen und Bruderschaften eingebunden. In solchen Gruppierungen beheimatet zu sein, war damals wichtiger als die aktive Zugehörigkeit und Mitwirkung in einer Pfarrei. So wurde er bereits als Neunjähriger in die von den Oratorianern geführte „Bruderschaft der jungen Adeligen“ aufgenommen. Sowohl Gebet und Katechese, aber auch das Zusammensein unter Freunden und das Spiel wurden dort gepflegt – eine nicht unwesentliche Grundlage für das affektive Heranreifen eines jungen Menschen.

 

JURISTENLAUFBAHN

Schon mit zwölf Jahren besaß Alfons die entsprechenden Qualifikationen für das Studium an der Universität. Es war in der Zwischenzeit deutlich geworden, dass er für eine Laufbahn bei der Marine nicht geeignet war. So entschied der Vater, dass sein Sohn Jurist werden solle. Alfons begann im Jahre 1708 das Studium der Rechtswissenschaften. Neapel war damals wie heute ein wichtiges Zentrum dieser Disziplin. Die Universität der Stadt gehörte zudem zu den bedeutendsten und ältesten Bildungsstätten in Europa und wurde auch von jungen Adelssöhnen aus dem Gebiet nördlich der Alpen im Rahmen ihrer Bildungsreisen nach Italien gerne aufgesucht. Seine Aufnahmeprüfung an der Universität absolvierte Alfons bei einem der berühmtesten Gelehrten seiner Zeit, Giambattista Vico (1668–1744).

Die Erwartungen des Vaters an den jungen Studenten waren sehr hoch. Er räumte ihm nur wenig Möglichkeit für Freizeit, Spiel und Sport ein. Dennoch nahm Alfons am kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Adelsfamilien seiner Heimatstadt teil. Er begeisterte sich für Theater und Musik und kam mit den verschiedensten geistigen Strömungen seiner Zeit in Berührung.

Ungewöhnlich jung, nämlich mit sechzehn Jahren, schloss Alfons am 21. Januar 1713 sein Studium mit der Promotion zum „Doktor beider Rechte“, also des kirchlichen wie des zivilen Rechtes, ab. Es gelang ihm dabei, die bestmögliche Bewertung zu erzielen: „Summo cum honore maximisque laudibus et admiratione“. Aufgrund seines jugendlichen Alters war sogar eine königliche Ausnahmegenehmigung notwendig gewesen, um zu den entsprechenden Examina zugelassen werden zu können. Es folgten zwei Jahre der Einführung in die Praxis. Acht Jahre übte er anschließend den Beruf des Rechtsanwalts überaus erfolgreich aus. Wegen seiner Intelligenz und seiner Redekunst war er einer der gesuchtesten Vertreter des Advokatenstandes in seiner Heimatstadt. Außerdem hatte er durch sein Talent und seine adelige Herkunft gute Kontakte zu wichtigen staatlichen Stellen im Königreich Neapel.