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Die Erzählung ist ein Protokoll aus meinem Leben. Sie gibt einen kleinen Einblick in eine MPU, die sich als Folge täglichen Alkoholkonsums ergeben hatte. Sie zeigt die Konsequenzen eines Verfahrens in all seinen realen und teiweise auf Band mitgeschnittenen Dialogen und gibt somit Einblick in ein ordentliches Trinkerleben. Das gutachterliche Verfahren der medizinisch psychologischen Untersuchung (MPU) eröffnet das Verfahren gegen den Täter und gegen voreingenommene Ankläger. So wird diese unfreiwillige Realsatire ein Beispiel für die Unzulänglichkeiten auf beiden Seiten. Es geht um blauäugige Unbefangenheit gegenüber Alkohol einerseits und um systematische Fehler bei Fallanalysen andererseits. Gerade das Expertenwissen führt häufig nicht aus der Krise, sondern direkt in ein surreales Kuckucksnest, das von Emotionen und Bauchgefühlen bestimmt wird fernab jeder Realität. Meine Erzählung ist das Vorspiel zu einer Lebensgeschichte, die demnächst folgt. Den ersten Band meiner Trilogie gibt es hier am 16. Mai. Der Titel ist: "Lebensweisheiten eines ordentlichen Trinkers – Immer wieder Ärger mit der MPU". Der zweite Teil wird bis Juni lektoriert sein. Er legt seinen Schwerpunkt auf das Kuckucksnest der psychologischen Begutachtung. Der dritte Band ist noch in Bearbeitung.
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Seitenzahl: 99
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Helge Hanerth
Alkohol und MPU
Die große Versuchung und ihre Konsequenzen im Kuckucksnest der psychologischen Begutachtung
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Ein Rat vorweg
Vorwort
MPU – Der vierte Versuch
Impressum neobooks
Prüfe dein Leben/ wie schon Sokrates es tat/ Nutze Kopf und Bauch die Erfahrungen deines Lebens kritisch zu sehen für verlässliche Schlussfolgerungen/ Baue aus geprüfter Erkenntnis das Gerüst deiner Überzeugungen/ Da wo dein Handeln zur Maxime gewachsener Überzeugungen wird/ erlebst du Schönheit im Tun/ Dann wird dich auch die kleinste Kleinigkeit berühren/ und jede Wahrheit stiftende Erkenntnis/ deine innere Einheit mit allen Aspekten von Natur und Umwelt vertiefen./ Mehre ihren Nutzen so/ dass selbst aus notwendiger, unumgänglicher Arbeit/ eine lebensspendende Kraft dich nährt.
frei nach Sokrates, Immanuel Kant u.a.
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Nüchtern ist mir mein Leben am liebsten. Nie würde ich auf die Idee kommen eine Aktivität mit Alkohol zu verbessern oder zu <pimpen>. Ich liebe meine Arbeit und meine Hobbys viel zu sehr und will sie pur genießen. Nur dann erlebe ich Details und Zwischentöne. In der Tiefe solcher Erlebnisse liegt die Ursache für Nachhaltigkeit und angenehme Erinnerungen. In solchen Situationen tötet Alkohol jedes Feingefühl.
Alkohol kam mir nur in den Sinn, wenn der Tag gelaufen war. Wenn nichts mehr ging und das Bett schon rief. Nur dann konnte Alkohol ein akzeptabler Tagesabschluss sein. So ordnete Alkohol den Tag. Aber selbst diese Erfahrung habe ich erst nach Jahrzehnten gemacht. Und sie war auch nicht von Dauer. Dem Alkohol fehlten einfach ein paar Eigenschaften, um sich gegen tiefergreifende Leidenschaften dauerhaft durchsetzen zu können.
Die neuen Feierabende mit Alkohol habe ich genossen. Sie wurden schnell zur Gewohnheit. Fernsehen und Alkohol schafften eine neue Bequemlichkeit, die ich bis dahin nicht gekannt hatte. Besondere Erinnerungen hinterließen diese Abende nicht. Wichtiger war die ganze Zeit die Aussicht auf mehr aktives Erleben, wenn es denn wieder passt. Ich war vorübergehend sehr zufrieden auf meiner wohligen Fernsehcoutsch, ruhiggestellt mit Träumen von einer nicht fernen und spannenderen Wirklichkeit.
So trank ich für mehrere Monate. Es bereicherte die Abende während meine Frau schwanger war und sehr zeitig zu Bett ging. Dass Alkohol weit davon entfernt war, die bestimmende Komponente in meinem Leben zu werden, mochten mehrere Psychologen, die mich untersucht haben, nicht glauben. Was an mir und meinem Trinkverhalten so besorgniserregend war, wollten sie nicht genau sagen, aber sie unterstellten mir Lügen. Meine Trinkdauer und die Trinkmengen korrespondierten mit Statistiken, die sie zu Annahmen veranlassten mir die Fahrtauglichkeit abzusprechen. Alkohol als Lebensabschnittspartner war in ihren Augen unmöglich. Das Craving (Alkoholprägung) nach monatelangen, allabendlichen Genuss, musste nach ihrer Meinung zu einem Trinkdruck geführt haben, dem zu widerstehen sie mir nicht zutrauten. Sie nahmen sogar an, dass ich immer schon getrunken haben musste, wahrscheinlich über Jahrzehnte. Das stimmte aber total nicht und war angesichts meiner beruflichen- und sportlichen Aktivitäten auch gar nicht möglich.
Ich war enttäuscht, dass man mich auf ein statistisches Niveau stutzte, das mit meiner Lebensrealität überhaupt nicht zusammenpasste. Die relativen Aussagen von Statistiken wurden zum absoluten Maßstab erklärt. Man erwartete, dass ich ihre Annahmen bestätigte. Darüber hinaus interessierte man sich nur für Maßnahmen, die ich ergriffen hatte, um aus dem tiefen Loch des Alkoholismus herauszukommen, in dem ich mich nie sah. Es war doch alles ganz lustig.
Trauriger Höhepunkt gutachterlicher Selbstsicherheit war, das man das Aktenstudium schon mal vernachlässigte. So war sich ein Gutachter gewohnheitsmäßig sicher, dass der Anlass für den vierten MPU-Termin eine Trunkenheitsfahrt war, obwohl es die gar nicht gab. Es lag lediglich ein Verstoß gegen die Abstinenzpflicht vor.
Ich war schockiert, wie man Fakten ignorierte, wenn sie nicht die Überzeugungen der Experten und ihre Statistiken stützten. So entstanden einige systematische Fehler in ihren Folgerungen, die durch und durch falsch waren und den Prinzipien einer empirischen Vorgehensweise krass widersprachen. Vorsichtige Kritik wurde mir schnell als Unschuldsfantasie oder Widerstandstendenz ausgelegt. So kreierten sie manchmal ein surreales Kuckucksnest in dem ihr Gespür und ihre Bauchgefühle regierten. Assoziationen ohne rationalen Bezug dienten der Bestätigung von Überzeugungen. Wenn dem etwas widersprach, dann war das nicht relevant. Ihre Rechtfertigungen blieben diffus, denn sie suchten nur die Plausibilität, die sie vorgaben. Sie wussten, die Beweislast lag bei mir.
Damit konnte ich mich nicht abfinden, weder als Betroffener noch als Wissenschaftler. Offizieller Unsinn muss öffentlich gemacht werden, wenn die Abweichung amtlicher Feststellungen von der Realität schwerwiegend wird. Gutachterliche Qualität mit wissenschaftlichen Methoden muss eine größere und vor allem reproduzierbare Qualität haben. Sie muss unabhängig und frei von Gesinnung sein. Dafür ist die Tragweite verbindlicher Entscheidungen zu weitreichend. Ich hoffe meine Erlebnisse können das deutlich machen.
Ich habe mich auch gefragt, warum es mir so leicht fiel, vom Alkohol zu lassen. Die Gründe waren vielfältig und haben einen Schwerpunkt in meiner Pubertät und Adoleszenz. Für die Gutachter waren Verhaltensprägungen neben dem Craving durch Alkohol überhaupt nicht untersuchungswürdig. Sie sahen nur vordergründige Wechselwirkungen ohne sie in einen ursächlichen Kontext zu bringen. Sie ließen sich leiten von einem statistischen Standardalkoholiker, dessen Modell universell eingesetzt wurde. Differenzierende Zwischentöne waren unerwünscht. Beeindrucken konnte mich ihre kategorische Ablehnung bald nicht mehr, dafür hatten sie die Wahrheit zu sehr verdreht.
Die Antworten, die ich fand für meine Art mit Alkohol umzugehen, breite ich in dem Buch, das ich gerade vorbereite, weit aus. Ich will mich rechtfertigen gegen alkoholische Eindimensionalität auf beiden Seiten. Es geht bei den gutachterlichen Feststellungen ja nicht nur um Überzeugungen, sondern um amtliche Feststellungen mit dem Status von Beweiskraft. Solche Urteile sind rechtsverbindlich. Ich befürchte, dass Fundament für einen solchen Anspruch muss erst noch gebaut werden.
Darüber hinaus glaube ich nicht, dass mein Umgang mit Alkohol außergewöhnlich ist. Andere können das auch. Wieder andere können das lernen. Ich hatte doch erst mit mitte vierzig mit dem Trinken angefangen, als ich auf eine sehr verbreitete Trinkkultur stieß. Ich kopierte doch nur das Verhalten von Arbeitskollegen, die das immer schon so machten. Diese Kollegen, die ihre Feierabende ganz unauffällig mit Alkohol vor dem Fernseher zelebrierten, gibt es doch in tausenden anderen Firmen im ganzen Land.Nicht jedem von ihnen droht zwangsläufig Jobverlust und sozialer Abstieg. Viele Feierabendalkoholiker richten es sich bis zur Rente und darüber hinaus ganz gemütlich ein ohne das Alkohol den ganzen Tag bestimmt.
Mein Wissen über das schöne Leben mit Alkohol teile ich gern. Nachteile und Einschränkungen gab es keine. Das war ein rundum gelungener Lebensabschnitt. Auf Dauer interessanter blieben aber aktive Kicks.
EchteAlkoholiker, das waren aus meiner und meiner Kollegen Sicht die, die bei jeder Gelegenheit trinken. Ein Dinner ohne Tischwein, ein Fest ohne Fassbier, das gibt es bei ihnen nicht. Sie trinken täglich, manchmal schon am Morgen. Einen besonderen Anlass zum Trinken braucht es nicht. Das machen sie schon seit Jahren so. Was sollen sie auch sonst machen. Nichts anderes macht ihnen Spaß. Viele haben damit früh begonnen, häufig schon als Jugendliche. Der Gebrauch ist chronisch geworden. Entspannung und Wohlgefühl ohne Alkohol, dass geht nicht mehr.
Dieses fortgeschrittene Stadium spiegelt das weit verbreitete Bild vom Alkoholiker. Von diesen armen Schluckern waren ich und die große Mehrheit von Alkoholikern doch weit entfernt. Wir tranken ordentlich in dem Rahmen, der dafür geeignet war. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Ich mag ja auch nicht einfach Urlaub machen, bevor ich mir Urlaubsreife erarbeitet habe. Aber vorsicht, so ein Statement kann in einer Begutachtung schon zu Missverständnissen führen, denn nicht wenige Menschen können sich sehr wohl Urlaub ohne Vorleistung durch Arbeit und sogar ein Leben ganz ohne Arbeit vorstellen. Wenn ein Gutachter auch diesen anderen Traum hat, dann kann ein fundamental anderes Lebensprinzip an dieser Stelle nicht mehr überzeugen.
Dass Alkoholismus auch ganz andere Seiten und Nuancen haben kann, dass seine Anfänge ganz unverfänglich und subtil sind mit unterschiedlichsten Verläufen, soll mein Beispiel zeigen. Bei mir gab es keinen massiven Drang zu trinken und alles war unter Kontrolle. Selbstverständlich nahm ich das Trinken nie zum Anlass ein Auto zu fahren. Das waren zwei gegensätzliche Welten, die sich ausschlossen. Alkohol war die Zugabe zu einem vielseitigen Leben. Diese Belohnung gab es erst nach vollbrachter Leistung. Leiste erst mal was. Ein Rausch muss verdient sein. Diese Einstellung schaffte mir strenge Trennung und Kontrolle. Das eine sollte das andere nicht verpfuschen. Ich wollte mich doch nicht verlieren.
Solche Überlegungen konnten nach Meinung erfahrener Experten aber nicht dauerhaft funktionieren, wenn sie vom Craving herausgefordert würden. Und ihre Meinung war mir wichtig, denn trotz aller Kontrolle hatte sich mir ein Fehler eingeschlichen, der mir den Führerschein kostete.
Die Experten kannten das alles schon. So brauchte ich mich nicht zu erklären. Ich musste nur dem vorgezeigten Weg folgen, dann würde alles gut (ein neuer Führerschein inklusive). Wie dieses Verfahren aussah, lernte ich in verschiedenen Therapien kennen. Ich wurde enttäuscht von Fachleuten, die das <finetuning> auf allen Wellenlängen zu beherrschen glaubten und so gar keine Ahnung von der Vielfalt des Lebens jenseits ihres eigenen Horizonts hatten. Ihr Blick blieb allgemein aber verbindlich. Die Fähigkeit zum Blick über den Tellerrand war eingeschränkt und eigentlich auch nicht gewollt. Dafür ruhte man zu sicher in den bereits gemachten, einschlägigen Erfahrungen. Die bestätigten sich so oft aufs Neue, dass ihnen eine gewisse Selbstgerechtigkeit angebracht schien. Das formte den Blick der Experten und gab ihren Erfahrungen eine klare Tendenz. In der Subtilität ihrer analytischen Gefühle verloren sie leicht den rationalen Horizont aus den Augen. Ihre Intuitionen entzogen sich meinem logischen Zugriff und schafften Situationen der Unverständlichkeit und Willkür.
Ich widersprach ihren Erfahrungen, wonach es mich so nicht geben durfte. Es störte mich sehr, dass ich mich eigentlich gar nicht individuell zu erklären brauchte. Es war doch eh alles klar. Ihr kurzer individueller Blick diente nur der Suche nach Rechtferigungsmaterial für die Plausibilität von Modellen. Es fehlte nur noch meine kooperative Mitarbeit in einem anerkannten Prinzip.
Ich hoffe, dass mein Beispiel Anlass gibt für eine umfassendere und individuellere Sicht, die es erlaubt den Blick auf maßgeschneiderte Techniken für ein Leben mit oder ohne Alkohol zu lenken. Ich würde mich so mehr verstanden fühlen, und Gutachter könnten so die Qualität von Prognosen verbessern. Langfristige Vorhersagen ohne vollständige Datensätze sind unmöglich.
Mein Beispiel soll zeigen, was die Konsequenzen sein können, wenn der Alkoholismus noch gar nicht weit fortgeschritten ist, wenn die Dinge sich nahezu unmerklich verändern und die einst so perfekte Kontrolle aufgeweicht wird, der Glaube an die gewohnt, perfekte Kontrolle aber bestehen bleibt. Der Fortschritt ist so schleichend, dass Alkoholismus als Krankheit nicht wahrgenommen wird. Jegliche Kritik zu häufig zu trinken, wird deshalb brüsk abgetan. So wird das Leugnen von Suchtverhalten zur Selbstverständlichkeit und damit Teil der Krankheit. Das bittere Erwachen soll nicht kommen, nachdem sich der Spaß zu trinken als Zwang enttarnt hat. Wer regelmäßig trinkt. Wer trinkt, um sich zu entspannen oder wer sich Mut antrinkt um beispielsweise eine attraktive Frau anzusprechen, der instrumentalisiert Alkohol. Genau hier beginnt der Missbrauch.
Wem es gelingt, früh das Ruder rumzureißen, weil man noch alkoholfreie Leidenschaften zu schätzen weiß, hat leichtes Spiel. Wenn Alkohol erst mal seine Spuren ins Gehirn gebrannt hat, wird es ein lebenslanger Kampf. Meine Erzählung soll ein Plädoyer sein für die frühe Intervention. Auch das ist ein Grund, der das Nichttrinken leicht macht.
Mit Alkoholismus verhält es sich so ähnlich wie mit der anderen großen Volkskrankheit Diabetes. Der tut auch nicht weh. Im Gegenteil, lecker essen tut gut. Problematisch werden erst die Folgeerkrankungen, wenn die langsam gewachsene Insulinresistenz durchschlägt. Amputationen, Blindheit und Tod sind dann das natürliche Ergebnis für den Typ-2 Diabetiker, so wie das Leberversagen für den Alkoholiker.
