MPU Protokolle - Helge Hanerth - E-Book

MPU Protokolle E-Book

Helge Hanerth

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Beschreibung

Drei Anläufe brauchte ich nach einer Trunkenheitsfahrt, um würdig zu sein, wieder einen Führerschein zu bekommen. Das hat mich überrascht, schließlich war ich nicht ein jahrelanger Trinker und ich hatte meine Trunkenheitsfahrt abgebrochen als ich erkannte, dass das so nicht weiter geht. Nur ich konnte mein Verhalten nicht beweisen und Statistiken machten ein anderes Verhalten plausibel. So wurde es mir zu einer wichtigen Erkenntnis, dass eine MPU nicht auf Wahrheit baut, weil Wahrheit schwer zu beweisen ist. Die relativen Wahrheiten von Statistiken finden Gutachter viel attraktiver und plausibler. Die sind ihnen vertrauenswürdiger, weil sie wenig wissen und oft von Klienten belogen werden, denen die Tragweite ihres Fehlverhaltens nicht vollumfänglich bewusst ist. Gerade das gutachterliche Nichtwissen und die Beweispflicht durch den Klienten machen den intuitiven Entscheidungsrahmen des Psychologen so bedeutend. Das schafft für die MPU ganz eigene Gesetze, die mit Erkenntnistheorie und evidenzbasierter Argumentation nichts zu tun haben. Der Gutachter hat mit seinem erfahrenen Empfinden immer recht. Widerspruch wird schnell als Widerstand persönlich genommen. Die daraus folgende Befindlichkeit ist unbedingt zu berücksichtigen. Glaubwürdigkeit steht im Mittelpunkt. Geben sie von sich preis was man glauben will. Ein solches Verhalten ist neben einer Therapie und Techniken zur Trinkdruckkontrolle unbedingt einzuüben. Letztlich zählen alle Techniken zur Abstinenz nur in Verbindung mit dem Gefühl, das der Experte für Sie empfindet. Die Sympathie, die dem Gutachter Ihnen gegenüber möglich ist, ist das zentrale Element für eine erfolgreiche MPU. Was individuell in Ihnen vorgeht, können oder wollen die Experten oft nicht verstehen, wenn sie sich früh festlegen oder wie im Falle meiner vierten MPU gar nicht um den Anlass zur MPU wussten. Die fand nämlich nicht wegen einer Trunkenheitsfahrt statt. Suchen Sie immer Verständnis und Konsens. Nur das schafft Wohlwollen.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Helge Hanerth

MPU Protokolle

Vier Mitschriften zur realitätsnahen Vorbereitung auf die medizinisch-psychologische Untersuchung

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Ich brauche TÜV

MPU – der erste Versuch. Die Suche nach der Trinkhistorie

MPU – der erste Versuch. Die psychologische Exploration

Ich mach `ne Therapie

MPU - Der zweite Versuch

Eine neue Strategie muss her

MPU – der dritte Versuch

MPU – Der vierte Versuch

Kritik am Verfahren der MPU

Das kompakte 1x1 für eine erfolgreiche MPU

Impressum neobooks

Vorwort

Drei Anläufe brauchte ich nach einer Trunkenheitsfahrt, um würdig zu sein, wieder einen Führerschein zu bekommen. Das hat mich überrascht, schließlich war ich nicht ein jahrelanger Trinker und ich hatte meine Trunkenheitsfahrt abgebrochen als ich erkannte, dass das so nicht weiter geht. Nur ich konnte mein Verhalten nicht beweisen und Statistiken machten ein anderes Verhalten plausibel. So wurde es mir zu einer wichtigen Erkenntnis, dass eine MPU nicht auf Wahrheit baut, weil Wahrheit schwer zu beweisen ist. Die relativen Wahrheiten von Statistiken finden Gutachter viel attraktiver und plausibler. Die sind ihnen vertrauenswürdiger, weil sie wenig wissen und oft von Klienten belogen werden, denen die Tragweite ihres Fehlverhaltens nicht vollumfänglich bewusst ist. Gerade das gutachterliche Nichtwissen und die Beweispflicht durch den Klienten machen den intuitiven Entscheidungsrahmen des Psychologen so bedeutend. Das schafft für die MPU ganz eigene Gesetze, die mit Erkenntnistheorie und evidenzbasierter Argumentation nichts zu tun haben. Der Gutachter hat mit seinem erfahrenen Empfinden immer recht. Widerspruch wird schnell als Widerstand persönlich genommen. Seine daraus folgende Befindlichkeit ist unbedingt zu berücksichtigen. Glaubwürdigkeit steht im Mittelpunkt. Geben sie von sich preis was man glauben will. Ein solches Verhalten ist neben einer Therapie und Techniken zur Trinkdruckkontrolle unbedingt einzuüben. Letztlich zählen alle Techniken zur Abstinenz nur in Verbindung mit dem Gefühl, das der Experte für Sie empfindet. Die Sympathie, die dem Gutachter Ihnen gegenüber möglich ist, ist das zentrale Element für eine erfolgreiche MPU. Was individuell in Ihnen vorgeht, können und wollen die Experten oft nicht verstehen, wenn sie sich früh festlegen oder wie im Falle meiner vierten MPU gar nicht um den Anlass zur MPU wussten. Die fand nämlich nicht wegen einer Trunkenheitsfahrt statt. Suchen Sie immer Verständnis und Konsens. Nur das schafft Wohlwollen. Wenn Ihnen dieser Konsens fremd ist, arbeiten Sie daran. Die MPU ist ein emotionales Spiel oft ohne gutachterliche Beweiskraft, aber mit gewichtigen Überzeugungen.

Deswegen wurde mir ein zweites Mal der Führerschein entzogen. Obwohl nachweislich keine erneute Trunkenheitsfahrt vorlag. Aber das Ergebnis eines Alkoholtests auf einer S-Bahn Station wurde an die Führerscheinstelle weitergeleitet, die wegen des Verstoßes gegen die Abstinenzpflicht eine MPU anordnete. Voller Stolz dachte ich, die Aussage der letzten MPU widerlegen zu können, dass ich alkoholisiert nicht die Kontrolle über mein Verhalten habe. Ich hatte doch damals wegen des aufkommenden Bewusstseins von Trunkenheit die Alkoholfahrt abgebrochen und dieses Mal direkt mit der Entscheidung zur Trunkenheit eine Fahrkarte gekauft. Zeigte das nicht Lernfähigkeit? Der Gutachter hatte aber das Gefühl, das ich die Absicht gehabt haben könnte im Anschluss an die Busfahrt ein Auto zu fahren. Dieser Logik konnte ich nicht folgen, wenn ich zu betrunken war ein Auto zu führen und sich die Bushaltestelle 100m neben meiner Haustüre befindet. Mein logischer Widerspruch und Hinweise auf die Freiheit der Gedanken hatten mir hier wesentliche Sympathien verdorben. Eine positive MPU gibt es nur mit dem Gutachter. Ohne Konsens mit dem, in gewisser Weise, psychologischen Richter geht da nichts. Warum der Gutachter den Glauben hatte, ich könnte die Absicht gehabt haben trotz gültigen Fahrscheins ein Auto zu führen, erklärte er im Gutachten nicht. Er ist nicht beweispflichtig.

Achten Sie also unbedingt auf die Spielregeln in der MPU. Meine Protokolle sollen Ihnen dazu eine Hilfestellung sein. In drei MPU`s habe ich mitgeschrieben und unmittelbar im Anschluss nur die begonnenen Aufzeichnungen vervollständigt. Dabei sind keine neuen Aufzeichnungen angefertigt worden. Die vierte MPU habe ich mit einem digitalen Aufnahmegerät mitgeschnitten. Lesen sie wie eine MPU ganz konkret ablaufen kann. Lernen Sie es besser zu machen als ich. Machen Sie sich vertraut mit empathischer Logik. Ersetzen Sie faktische Wahrheit durch kognitive Intuitionen.

Ich muss erwähnen, dass ich schon ein ungewöhnlicher Alkoholiker bin, weil ich ein Eigenbrötler bin, der nie in Gesellschaft trinkt und über Jahrzehnte gar nicht getrunken hat. Das wollen Gutachter nicht gerne glauben. Sie gewinnen bei Gutachtern mit Eingeständnissen zu deren Annahmen. Das will man gerne glauben. Da dürfen Sie auch übertreiben. Damit bestätigen sie nur die Notwendigkeit ihrer Aufgabe. Im Bewusstsein einer sinnvollen Aufgabe und mit Ihrer durch Therapie bestätigten Besserungsabsicht steht einer Neuerteilung einer Fahrerlaubnis nichts im Wege.

Dabei ist mir nüchtern mein Leben am liebsten. Nie würde ich auf die Idee kommen eine Aktivität mit Alkohol zu verbessern oder zu . Ich liebe meine Arbeit und meine Hobbys viel zu sehr und will sie pur genießen. Ich bin gerne Chef und steuere Prozesse. In meinen Hobbys will ich mich beweisen. Nur dann erlebe ich Details und Zwischentöne. Nur mit Herausforderungen nutze ich meine Potenziale. Nur dann habe ich eine Chance über mich hinaus zu wachsen. In der Tiefe solcher Erlebnisse liegt die Ursache für Nachhaltigkeit und angenehme Erinnerungen. In solchen Situationen tötet Alkohol jedes Feingefühl.

Schon in der Schule mied ich jeden Alkohol. Das war mir viel zu pubertär. Genauso wie Mofa fahren und Cliquen. Durch Nichttrinken grenzte ich mich zusätzlich von den Mitschülern ab. Für die war ich sowieso ein komischer Einzelgänger. Ich wollte nie ihr cooles Leben und träumte von einem Forscherleben in der Wildnis. Je tiefer ich den Graben zu meiner Umwelt zog, desto effektiver konnte ich meine innig geliebte Kindheit verteidigen. Als Außenseiter und Eigenbrötler gewann ich damit auch die Freiheit für ein eigenes, transzendales Leben. Das war und ist bestimmt durch Leistungssport, Musikmachen, eine ehrgeizige Karriere, die auf Selbstverwirklichung in zukunftsweisenden Herausforderungen baut, sowie philosophische Rucksackreisen durch atemberaubende Einöden unserer Erde.

Alkohol kam mir erst spät in den Sinn, wenn der Tag gelaufen war. Wenn nichts mehr ging und das Bett schon rief. Nur so konnte Alkohol ein akzeptabler Tagesabschluss sein. Zum Feierabendausklang eingeführt, ordnete Alkohol den Tag. Aber selbst diese Erfahrung habe ich erst nach Jahrzehnten gemacht, als mein übliches Feierabendprogramm aus Triathlontraining während der Schwangerschaft meiner Frau nicht mehr funktionierte. Trinken und Schwangerschaft waren nicht von Dauer. Dem Alkohol fehlten einfach ein paar Eigenschaften, um sich gegen tiefergreifende Leidenschaften dauerhaft durchsetzen zu können.

Die neuen Feierabende mit Alkohol waren angenehm. Sie wurden schnell zur Gewohnheit. Fernsehen und Alkohol schafften eine neue Bequemlichkeit, die ich bis dahin nicht gekannt hatte. Besondere Erinnerungen hinterließen diese neuen Feierabende nicht. Wichtiger war die ganze Zeit die Aussicht auf mehr aktives Erleben, wenn es denn wieder passt. Vorübergehend war ich sehr zufrieden auf meiner wohligen Fernsehcoutsch, ruhiggestellt mit Träumen von einer nicht fernen und spannenderen Wirklichkeit.

So trank ich für mehrere Monate. Es bereicherte die Abende während meine Frau schwanger war und sehr zeitig zu Bett ging. Dass Alkohol weit davon entfernt war, die bestimmende Komponente in meinem Leben zu werden, mochten mehrere Psychologen, nicht glauben. Es passte nicht zu ihren einschlägigen Erfahrungen. Die waren maßgeblich und ich damit unglaubwürdig. Was an mir und meinem Trinkverhalten so besorgniserregend war, wollten sie nicht genau sagen, aber sie vermuteten, ich wolle ein Alkoholproblem verharmlosen. Deswegen würde ich sie belügen. Meine Erfahrungen galten nichts. Auch nicht, wenn sie mich über Jahre geprägt hatten. So konnte ich nicht dort überzeugen, wo ihre Erfahrung endete. Die zu bedienen forderten sie. Das entsprach nur nicht meinem Leben. Meine Trinkdauer und die Trinkmengen korrespondierten mit Statistiken, die sie hochrechneten und veranlassten mir die Fahrtauglichkeit abzusprechen. Alkohol als Lebensabschnittspartner war in ihren Augen unmöglich. Das Craving (Alkoholprägung) nach monatelangen, allabendlichen Genuss, musste nach ihrer Meinung zu einem Trinkdruck geführt haben, dem zu widerstehen sie mir nicht zutrauten. Sie nahmen sogar an, dass ich immer schon getrunken haben musste, wahrscheinlich über Jahrzehnte. Das stimmte aber total nicht und war angesichts meiner beruflichen- und sportlichen Aktivitäten auch gar nicht möglich. Trotzdem war der Wunsch, dass das auf mich zutreffen möge plausibel und gefordert. Das kennen wir noch von den Wahlen in der Deutschen Demokratischen Republik.

Ich war enttäuscht, dass man mich auf ein statistisches Niveau stutzte, das mit meiner Lebensrealität überhaupt nicht zusammen passte. Die relativen Aussagen von Statistiken wurden zum absoluten Maßstab erklärt. Man erwartete, dass ich ihre Annahmen bestätigte. Darüber hinaus interessierte man sich nur für Maßnahmen, die ich ergriffen hatte, um aus dem tiefen Loch des Alkoholismus herauszukommen, in dem ich mich auch nach etwa einem halben Jahr fortgesetzten Konsums noch nicht gesehen habe. Es war doch alles ganz lustig. Gefragt war aber nie die Wahrheit, sondern meine kompromisslose Kooperation bei der Bestätigung gutachterlicher Annahmen. Zustimmen und Gestehen war zielführend.

Ich war schockiert, wie man Fakten ignorierte, wenn sie nicht die Überzeugungen der Experten und ihre Statistiken stützten, auch wenn die nur ein begrenztes Spektrum der Realität abdeckten. So entstanden einige systematische Fehler in ihren Folgerungen, die durch und durch falsch waren und den Prinzipien einer empirischen Vorgehensweise krass widersprachen. Vorsichtige Kritik wurde mir schnell als Unschuldsfantasie oder Widerstandstendenz ausgelegt. So kreierten sie manchmal ein surreales Kuckucksnest in dem ihr Gespür und ihre Bauchgefühle regierten. Assoziationen ohne rationalen Bezug dienten der Bestätigung von Überzeugungen. Wenn dem etwas widersprach, dann war das nicht relevant. Ihre Rechtfertigungen blieben diffus, denn sie suchten nur die Plausibilität, die sie vorgaben. Sie wussten, die Beweislast lag bei mir.

Damit konnte ich mich nicht abfinden, weder als Betroffener noch als Wissenschaftler. Offizieller Unsinn muss öffentlich gemacht werden, wenn die Abweichung amtlicher Feststellungen von der Realität schwerwiegend wird. Gutachterliche Qualität mit wissenschaftlichen Methoden muss eine größere und vor allem reproduzierbare Qualität haben. Sie muss unabhängig und frei von Gesinnung sein. Dafür ist die Tragweite verbindlicher Entscheidungen zu weitreichend. Das Ziel eines Gutachtens muss eine evidenzbasierte Qualität haben. Ich hoffe meine Erlebnisse können das deutlich machen.

Ich habe mich auch gefragt, warum es mir so leicht fiel, vom Alkohol zu lassen. Zwei Gründe sind ausschlaggebend. Zum einen betrug die Zeitdauer täglichen Trinkens unter einem Jahr, und zum anderen besitze ich statt einer pubertären Alkoholprägung eine extreme Sportprägung, die auch ein mentales Training war. Für die Gutachter waren Verhaltensprägungen, vor allem durch Kadersport, neben dem Craving durch Alkohol überhaupt nicht untersuchungswürdig. Sie ließen sich leiten von einem statistischen Standardalkoholiker, dessen Modell universell eingesetzt wurde. Differenzierende Zwischentöne waren unerwünscht. Beeindrucken konnte mich ihre kategorische Ablehnung bald nicht mehr, dafür hatten sie die Wahrheit zu sehr verdreht. Ich wusste doch und alle meine Wegbegleiter, allen voran meine Eltern was über Jahre meinen Alltag bestimmte und dass das nicht passte zu den Bildern, die sie sich malten aus Erfahrungen, die andere Spektren wiedergaben.

Die Antworten, die ich fand für meine Art mit Alkohol umzugehen, breite ich aus. Ich will mich rechtfertigen gegen alkoholische Eindimensionalität auf beiden Seiten. Es geht bei den gutachterlichen Feststellungen ja nicht nur um Überzeugungen ohne wissenschaftliche Sicherheit, sondern das die erhoben werden zu Feststellungen mit amtlichen Status. Damit bekommen sie Beweiskraft. Solche Urteile sind rechtsverbindlich. Ich befürchte, dass Fundament für einen solchen Anspruch muss erst noch gebaut werden.

Darüber hinaus glaube ich nicht, dass mein Umgang mit Alkohol außergewöhnlich ist. Andere machen das auch. Sie sind nur im Allgemeinen weniger auffällig als andere Alkoholikertypen. Wieder andere können das lernen. Ich hatte doch erst mit Mitte vierzig mit dem Trinken angefangen, als ich auf eine sehr verbreitete Trinkkultur stieß. Ich kopierte doch nur das Verhalten von Arbeitskollegen, die das immer schon so machten. Diese Kollegen, die ihre Feierabende ganz unauffällig mit Alkohol vor dem Fernseher zelebrierten, gibt es doch in tausenden anderen Firmen im ganzen Land. Nicht jedem von ihnen droht zwangsläufig Jobverlust und sozialer Abstieg. Viele Feierabendalkoholiker richten es sich bis zur Rente und darüber hinaus ganz gemütlich ein, ohne dass Alkohol den ganzen Tag bestimmt.

Mein Wissen über das schöne Leben mit Alkohol teile ich gern. Nachteile und Einschränkungen gab es keine. Das war ein rundum gelungener Lebensabschnitt. Auf Dauer interessanter blieben aber aktive Kicks und meine Frau. Weil mein Alkoholismus so frisch war, funktionierte auch noch ein einfaches Gegenmittel. Wenn ich jeden Tag so viel weniger trank, dass es der Rausch nicht merkte, reduzierte sich die Trinkmenge nach zwei Wochen drastisch. Damit man sich dabei nichts vormacht, sollte man allerdings das Ausschleichen mit einem Messbecher durchführen und den Vorgang protokollieren. Um danach alkoholfrei zu bleiben braucht es nur die Lust auf intensivere Erlebnisse. Da hilft mir gerade im Job auch meine Projekt- und Umsatzverantwortung. Erfolgsdruck puscht. Diese Droge schmeckt mir. In dieser Liga stört Alkohol. Die totale gedankliche Klarheit und Ruhe für den Ein- und Überblick kickt nur nüchtern.

Echte Alkoholiker, das waren aus meiner und meiner Kollegen Sicht die, die bei jeder Gelegenheit trinken. Ein Dinner ohne Tischwein, ein Fest ohne Fassbier, das gibt es bei ihnen nicht. Sie trinken täglich, manchmal schon am Morgen. Einen besonderen Anlass zum Trinken braucht es nicht. Das machen sie schon seit Jahren so. Was sollen sie auch sonst machen. Nichts anderes macht ihnen Spaß. Viele haben damit früh begonnen, häufig schon als Jugendliche. Der Gebrauch ist chronisch geworden. Entspannung und Wohlgefühl ohne Alkohol, das geht nicht mehr.

Dieses fortgeschrittene Stadium spiegelt das weit verbreitete Bild vom Alkoholiker. Von diesen armen Schluckern waren ich und die große Mehrheit von Alkoholikern doch weit entfernt. Wir tranken ordentlich in dem Rahmen, der dafür geeignet war. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Ich mag ja auch nicht einfach Urlaub machen, bevor ich mir Urlaubsreife erarbeitet habe. Aber Vorsicht, so ein Statement kann in einer Begutachtung schon zu Missverständnissen führen, denn nicht wenige Menschen können sich sehr wohl Urlaub ohne Vorleistung durch Arbeit und sogar ein Leben ganz ohne Arbeit vorstellen. Wenn ein Gutachter auch diesen anderen Traum hat, dann kann ein fundamental anderes Lebensprinzip an dieser Stelle nicht mehr überzeugen.

Dass Alkoholismus auch ganz andere Seiten und Nuancen haben kann, dass seine Anfänge ganz unverfänglich und subtil sind mit unterschiedlichsten Verläufen, soll mein Beispiel zeigen. Bei mir gab es keinen massiven Drang zu trinken und alles war unter Kontrolle. Selbstverständlich nahm ich das Trinken nie zum Anlass ein Auto zu fahren. Das waren zwei gegensätzliche Welten, die sich ausschlossen. Alkohol war die Zugabe zu einem vielseitigen Leben. Diese Belohnung gab es erst nach vollbrachter Leistung. Leiste erst mal was. Ein Rausch muss verdient sein. Diese Einstellung schaffte mir strenge Trennung und Kontrolle. Das eine sollte das andere nicht verpfuschen. Ich wollte mich doch nicht verlieren.

Solche Überlegungen konnten nach Meinung erfahrener Experten aber nicht dauerhaft funktionieren, wenn sie vom Craving herausgefordert würden. Und ihre Meinung war mir wichtig, denn trotz aller Kontrolle hatte sich mir ein Fehler eingeschlichen, der mir den Führerschein kostete.

Die Experten kannten das alles schon. So brauchte ich mich nicht zu erklären. Ich musste nur dem vorgezeigten Weg folgen, dann würde alles gut (ein neuer Führerschein inklusive). Wie dieses Verfahren aussah, lernte ich in verschiedenen Therapien kennen. Ich wurde enttäuscht von Fachleuten, die das auf allen Wellenlängen zu beherrschen glaubten und so gar keine Ahnung von der Vielfalt des Lebens jenseits ihres eigenen Horizonts hatten. Ihr Blick blieb allgemein aber verbindlich. Die Fähigkeit zum Blick über den Tellerrand war eingeschränkt und eigentlich auch nicht gewollt. Dafür ruhte man zu sicher in den bereits gemachten, einschlägigen Erfahrungen. Die bestätigten sich so oft aufs Neue, dass ihnen eine gewisse Selbstgerechtigkeit angebracht schien. Das formte den Blick der Experten und gab ihren Erfahrungen eine klare Tendenz. In der Subtilität ihrer analytischen Gefühle verloren sie leicht den rationalen Horizont aus den Augen. Ihre Intuitionen entzogen sich meinem logischen Zugriff und schafften Situationen der Unverständlichkeit und Willkür.

Ich widersprach ihren Erfahrungen, wonach es mich so nicht geben durfte. Es störte mich sehr, dass ich mich eigentlich gar nicht individuell zu erklären brauchte. Es war doch eh alles klar. Ihr kurzer individueller Blick diente nur der Suche nach Rechtfertigungsmaterial für die Plausibilität von Modellen. Es fehlte nur noch meine kooperative Mitarbeit in einem anerkannten Prinzip.

Ich hoffe, dass mein Beispiel Anlass gibt für eine umfassendere und individuellere Sicht, die es erlaubt den Blick auf maßgeschneiderte Techniken für ein Leben mit oder ohne Alkohol zu lenken. Ich würde mich so mehr verstanden fühlen, und Gutachter könnten so die Qualität von Prognosen verbessern. Langfristige Vorhersagen ohne vollständige Datensätze sind unmöglich.

Mein Beispiel soll zeigen, was die Konsequenzen sein können, wenn der Alkoholismus noch gar nicht weit fortgeschritten ist, wenn die Dinge sich nahezu unmerklich verändern und die einst so perfekte Kontrolle aufgeweicht wird, der Glaube an die gewohnt, perfekte Kontrolle aber bestehen bleibt. Der Fortschritt ist so schleichend, dass Alkoholismus als Krankheit nicht wahrgenommen wird. Jegliche Kritik zu häufig zu trinken, wird deshalb brüsk abgetan. So wird das Leugnen von Suchtverhalten zur Selbstverständlichkeit und damit Teil der Krankheit. Das bittere Erwachen soll nicht kommen, nachdem sich der Spaß zu trinken als Zwang enttarnt hat. Wer regelmäßig trinkt. Wer trinkt, um sich zu entspannen oder wer sich Mut antrinkt um beispielsweise eine attraktive Frau anzusprechen, der instrumentalisiert Alkohol. Genau hier beginnt der Missbrauch.

Wem es gelingt, früh das Ruder rumzureißen, weil man noch alkoholfreie Leidenschaften zu schätzen weiß, hat leichtes Spiel. Wenn Alkohol erst mal seine Spuren ins Gehirn gebrannt hat, wird es ein lebenslanger Kampf. Meine Erzählung soll ein Plädoyer sein für die frühe Intervention. Auch das ist ein Grund, der das Nichttrinken leicht macht.

Kann man überhaupt alkoholkrank sein, ohne sich krank zu fühlen? Mir ging es doch blendend und an Tagen ohne Alkohol sogar noch blendender. Deswegen bevorzugte ich doch ganz überwiegend die drogenfreien Kicks. Da kann man doch zwischendurch mal mit Alkohol pausieren. Es war mir unvorstellbar, dass man aktive Erlebnisse, die einem vollkommene Wachheit in jedem Detail schenkten, mit Alkohol toppen kann. Wenn ich zum Fallschirmspringen ging, waren meine Sinne so ausgelastet, das es unmöglich gewesen wäre, das Ereignis mit zusätzlichem Alkohol zu steigern. Alkohol lässt jedes großartige Gefühl kollabieren. Eine große Versuchung konnte Alkohol so nicht werden. Das aktive Tun ist immer mitreißender als bloßes Träumen. Zählen tut letztlich nur die Tat und die Erinnerung danach, die bei großartigen Abenteuern ein Leben lang andauern kann.

Wenn ich auf einen Gipfel will, zählt nur der Fuß, den ich darauf setze. Das machte mir Alkoholtage zu abgezählten Tagen. Das machte jede Flasche Wein vor dem Fernseher zu einer hinhaltenden Maßnahme. Das Trinken fütterte nur den Traum vom Glück. Finden kann man den erst nach dem Rausch.

Echte Glückseligkeit ist mir immer das Glück in Freiheit von allem, inklusive psychogener Substanzen wie Alkohol. Das erst macht Freiheit unbeschwert und unabhängig. Das ist mir das wichtigste im Leben, diese wache Freiheit, die bis in die Fingerspitzen sensibilisiert – ganz pur. Erst im Bewusstsein dieser Freiheit aller meiner Sinne zeigen die Zwischentöne meiner Wahrnehmung ihre Farben.

Wieder und wieder sollte ich erklären, wie ich mit typischen Alkoholiker-Situationen umging. Schon die Vorstellung solcher Situationen weckte Widerwillen. Besoffene berufliche Situationen gab es nicht. Fehltage waren so tabu wie jedes andere unentschuldigte Verhalten. Es konnte sie nicht geben, wenn ich mich dafür zuvor aufgeben musste. Und hätten sie angestanden, hätte es zuvor eine Krankmeldung gegeben. Ich kann doch nicht dem Arbeitgeber aufbürden, was nur ich zu verantworten habe. Da muss man doch registrieren, dass man selbst die Ursache für den herbeigeführten Zustand ist. Anders kann ich mich nicht verhalten, weil es an meinem Selbstverständnis rütteln würde. Es wäre ein Angriff auf meine psychische Homöostase, in der ich ruhe. Dies ist ein entscheidender Punkt in der Kommunikation mit mir selbst.

Mich machte diese Einstellung noch unglaubwürdiger. Deswegen wage ich als Laie gegenüber den Experten zu bedenken zu geben, dass Unglaubwürdigkeit immer auch eine Frage der Perspektive und der begrenzten Erfahrung ist. Wie sagt man landläufig dazu in Norddeutschland „Wat de Bur net kennt, dat fret hej net“ . Die Herausforderung war nicht nur von der Wahrheit zu überzeugen, sondern zu motivieren eine Entscheidung in Frage zu stellen, die bereits feststand, die den allgemeinen Prinzipien einer MPU entsprach und auch der eigenen, wenn auch einseitigen Erfahrung des Experten. Als Laie hat man kaum Chancen, wenn nicht Argumente, sondern emotional verankerte Verhaltensmuster den Ausgang bestimmen.

Also begegnete meine Wahrheit nicht nur ungläubigem Staunen, sondern vor allem konsequenter Ablehnung. So lief das hier aber nicht. Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder ich stimmte zu, oder ich akzeptierte den Vorwurf einer Unschuldsfantasie. Wo konnte ich reklamieren, wo mir doch jegliche pubertäre Prägung durch Alkohol fehlte? Gerade mein Ehrgeiz im Sport, der mich damals wie heute begleitet und Erlebnisse schenkt, die für Alkohol unerreichbar sind, machen es mir mental unmöglich an ein sinnloses, weil dauerhaft passives, Leben im Rausch zu denken.

Und wo konnte ich reklamieren, dass der Gutachter der vierten MPU von einer Trunkenheitsfahrt ausging, obwohl das aus den Unterlagen nicht hervorging. Leider gibt es auch Gutachter die sich in ihrer Erfahrung so berufen fühlen auf ein Aktenstudium zu verzichten. Auch sie behalten Recht, wenn sie ihren Fehler nicht protokollieren. Einer Beschwerde fehlt dann die Grundlage.

Ich brauche TÜV

Im Urteil steht es ganz eindeutig. Die Fahrerlaubnis bleibt auch nach Verbüßung des Fahrverbots eingezogen. Ob ich jemals eine neue Fahrerlaubnis bekomme, darüber entscheidet nicht ein Gericht. Für die Neuerteilung einer Fahrerlaubnis sind die Straßenverkehrsämter zuständig. Grundsätzlich hat jeder Erwachsene das Recht eine Fahrerlaubnis zu erwerben. Dieses Recht kann verweigert werden, wenn es von Seiten der Behörde Bedenken gegen die Erteilung gibt. In solchen Fällen muss der Betroffene nachweisen, dass es keinen Anlass, oder keinen Anlass mehr gibt für Bedenken. Geprüft wird das von Gutachtern im Rahmen der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU). Sie ergänzt offiziell das Strafrecht. Somit sind Umfang und Inhalt amtlich geregelt. Als Gutachter fungieren hierbei Ärzte und Psychologen mit qualifizierender Zusatzausbildung.

Ursprünglich wurde die MPU geschaffen, um Behinderten die Gelegenheit zu geben, zu beweisen, das sie durchaus, gegebenfalls mit Hilfsmitteln, befähigt sind selbstständig ein Kraftfahrzeug zu führen. Heute umfasst die MPU weitere Gebiete. Dazu gehören u.a. Verhaltensdefizite (z.B. Fahrerflucht und Suchtkrankheiten). Da mein Blutalkohol den Wert von 1,6 Promille überstieg, geht der Gesetzgeber pauschal von dauerhaftem Konsum in großen Mengen aus. Somit läge chronischer Alkoholmissbrauch vor. Die Gefahr von so einem Missbrauch liegt darin, dass das Trinkverhalten sich gewandelt hat vom Spaßtrinken über das Gewohnheitstrinken zum Zwangstrinken. Die Übergänge sind fließend und werden vom Betroffenen unter Umständen gar nicht wahrgenommen. Einhergehend mit dem exzessiven Trinkverhalten sind neben den körperlichen Schäden Persönlichkeitsveränderungen, die zu Verhaltensänderungen führen können. Wer die eigene Gefährdung durch Alkohol nicht sieht, neigt dazu auch andere Gefährdungen nicht zu sehen. Risiken werden dann falsch beurteilt. Das führt im Straßenverkehr neben Wahrnehmungsstörungen und verzögerten Reaktionen, zu bedenklichen Verhaltensweisen. Bei starken Alkoholikern besteht Nüchternheit nur selten. Das Fahren eines Autos mit Restalkohol im Blut wird dann schnell zur Gewohnheit. Personen, die gewohnheitsmäßig trinken, entwickeln in der Regel einen routinierten Umgang mit Situationen in denen sie geistig oder körperlich leistungsfähig sein müssen. Das gibt ihnen das Gefühl, auch unter Alkoholeinfluss alles unter Kontrolle zu haben. Untersuchungen von Verkehrssimulationen mit alkoholisierten Testpersonen und die Unfallstatistiken zeigen klar, dass das nicht stimmt. Selbst bei eindeutigen, eigenen Verkehrsverstößen werden oftmals die anderen verantwortlich gemacht. Die Wahrnehmungsstörung der Realität ist ein großes Hindernis, um verantwortlich und vorrausschauend am Straßenverkehr teilzunehmen. Solche Bedenken müssen unbedingt ausgeräumt werden, bevor erwogen werden kann, ob eine Fahrerlaubnis erteilt werden kann. Die Bedingungen sind streng. Kein Gutachter übernimmt gerne die Verantwortung für einen potenziellen Mörder am Steuer.

In der MPU muss der jetzt hoffentlich trockene Alkoholiker glaubhaft nachweisen, dass er nur noch kontrolliert trinken will und dass er das auch wirklich kann. Wurden Blutwerte mit mehr als 1,6 Promille festgestellt, traut man dem Klienten auch therapiert keinen kontrollierten Umgang zu. In diesem Fall muss überzeugend dargestellt werden, dass man nie wieder einen Tropfen Alkohol trinken wird. Der Klient muss nachweisen, dass er seine Abstinenz im Griff hat.

MPU`s werden von privaten Unternehmen, oft sind es Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH), durchgeführt. Das bekannteste Unternehmen ist der Technische Überwachungsverein (TÜV). Allein bei mir vor Ort existieren sieben solcher Einrichtungen. Die Adressen erhält man beim Straßenverkehrsamt.

Die akkreditierten Begutachtungsstellen müssen umfangreiche, gesetzliche und fachliche Auflagen garantieren. Hierzu gehören vor allem der Datenschutz sowie Objektivität und Neutralität der Untersuchung. Der Aufbau des Gutachtens und die angeführten Kriterien sind standardisiert. Das Gespräch muss dokumentiert werden. Das geschieht meist am Computer. Auch alle anderen z.B. medizinischen Befundungen müssen aufgezeichnet werden. Am Ende des psychologischen Gesprächs erfolgt eine Sachstandsmitteilung. Die muss noch nicht vollständig sein, wenn noch Befunderhebungen ausstehen. Darüber hinaus sollte dem Klienten Gelegenheit zum Gegenlesen der Aufzeichnungen gegeben werden, um Missverständnisse zu vermeiden. Die MPU dauert etwa drei bis vier Stunden. In dieser Zeit sind drei Untersuchungen durchzuführen: Leistungsdiagnostik, Verkehrsmedizin und Verkehrspsychologie.

Ich entschied mich für den TÜV. Den Technischen Überwachungsverein Deutschlands (TÜV) gibt es bundesweit. Neben seinen allgemein bekannten Abteilungen für technische Prüfungen von Fahrzeugen auf Verkehrstauglichkeit, unterhält der Verein auch Abteilungen für medizinisch-psychologische Prüfungen von Personen auf Verkehrstauglichkeit.

Zu erst wendete ich mich mit meinem Urteil und einem Antrag auf Neuerteilung einer Fahrerlaubnis an mein zuständiges Straßenverkehrsamt im Landkreis. Wie erwartet stellten sie die Möglichkeit der Erteilung in Aussicht. Für die Erteilung bestünden aber noch Bedenken, die sich aus dem Urteil ergaben. Diese müsste ich zu erst ausräumen. Als einzige Möglichkeit war hierfür eine erfolgreiche MPU gefordert. Ich musste ihnen meine Wahl nennen, in meinem Fall war das der TÜV in meiner Kreisstadt. Meine Akte wurde dann an die Gutachterstelle gesandt. Die wiederrum schrieb mich nach etwa zwei Wochen an. Nach Überweisung der Gutachtengebühren in Höhe von etwa 400€ konnte ich bei ihnen einen Termin für die MPU vereinbaren.

Die MPU sah ich als logisch, notwendigen Schritt vor der Neuerteilung eines Führerscheins. Ihr Sinn ist unzweifelhaft. Ich denke, nur die MPU kann vor Wiederholungstätern schützen. Strafen schrecken nicht sehr ab. Ist eine Strafe erst mal bezahlt oder abgesessen, wird sie, auch wenn sie hart war, bald vergessen oder verdrängt.

Wieso sollte sich ein Alkoholiker auch anders verhalten? Das widerspräche doch dem Suchtprinzip. Nur die MPU kann beurteilen, ob eine Sucht besteht oder nicht mehr besteht. Erst mit der Unbedenklichkeitserklärung durch die MPU kann verantwortlich daran gedacht werden einen Führerschein auszustellen. Diesem sehr vernünftigen Prinzip kann man nur zustimmen.

Für mich stellte ich mir das Verfahren einfach vor. Ich hatte mit Beginn meiner Pubertät fast dreißig Jahre lang nahezu alkoholfrei gelebt. Mein chronischer Konsum war zeitlich begrenzt. Langjährige Erfahrungen mit Alkoholmiss- brauch hatte ich nicht. Nach meiner Trunkenheitsphase hatte es mich nicht gedrängt exzessiv weiterzutrinken. Mein Konsum hatte sich schnell wieder normalisiert. Ich trank wenig bis gar keinen Alkohol, weil ich es gar nicht anders wollte. Geschmacklich war mir Alkohol auch nie ein Reiz gewesen. In meinem aktuellen Leben hätte ich mehr Alkohol sogar als störend empfunden. Das Leben konnte alkoholfrei so schön sein. Das war mir keine neue Erfahrung. Alle meine Aktivitäten füllten mich aus. Ihr Erleben mit Alkohol würde eine Qualitätseinbuße bedeuten. Mit Alkohol fehlten meiner Wahrnehmung Nachhaltigkeit und Tiefe. Erlebnisse werden mit Alkohol unscharf, weil ich mit zunehmendem Pegel Details nicht mehr wahrnehmen kann. Vor allem aber erreicht ein Alkoholrausch nie die Qualität, die ich z.B. bei einem Fallschirmsprung erlebe.

Auch mit dem <Fließen>, also dem inneren Aufgehen, das einen manchmal Raum und Zeit vergessen lässt, kann Alkohol nicht mithalten. Das erlebe ich schon beim einfachen Joggen. Aus dieser alten Erkenntnis heraus hatte ich doch über Jahrzehnte Alkohol nur in sehr geringen Mengen konsumiert.

Selbst meine Arbeit mit ihren Herausforderungen und internationalen Projekten war mir Kick genug, um selbst die Erfolge im Beruf nicht mit Sekt zu begießen. Alkohol hatte ich doch nur akzeptieren können, weil ich vorübergehend Einschränkungen in meiner Lebensweise tolerieren musste. Alkohol ersetzte doch nur, was ich später mit Nachdruck zurückforderte. Mir verlangte weiterhin nach einem Leben mit nachhaltigen Herausforderungen, ein Leben, das mich weiterhin antrieb und auf Ziele steuerte. Lethargie und Zufriedenheit im Suff passten da nur solange rein, wie es keine Alternative gab.

Daneben war mir bei Alkohol das Zeitfenster immer ein Problem. Man konnte nicht mal eben zwischendurch was trinken und später zur Tagesordnung zurückkehren. Wenn man trank, dann musste man den ganzen Film mitmachen, inklusive Kater. Letzteres nahm ich nur in Kauf, wenn ich den Kater verschlafen konnte. Das passte wiederum gut zum Trinken nach Feierabend und zu einem moralischen Prinzip, das Trinken zur Belohnung nach getaner Arbeit erhob.

Nur wenn dieser Rahmen funktionierte, war trinken überhaupt möglich gewesen. Das ist in meinem aktuellen Tagesablauf praktisch nicht mehr umsetzbar. Trinken in Anwesenheit meiner Frau oder gar wenn sie frühzeitig zu Bett gehen würde, würde sie nie wieder tolerieren. Darauf, so wird meine Frau nicht müde zu versichern, kann ich Gift nehmen. Somit fehlten neben den psychologischen Motiven auch die technisch, praktischen Voraussetzungen fürs Trinken. Nach meinem Ermessen lagen folglich keine Bedenken gegen die Neuerteilung der Fahrerlaubnis vor.

Bis zum Begutachtungstermin sammelte ich weiterhin bei meinem Arzt Laborwerte, die den Zustand meiner Leber dokumentierten. Damit hatte ich einen Monat nach dem Zwischenfall begonnen. Ohne den medizinischen Nachweis der Abstinenz, war eine erfolgreiche MPU auch bei vorbildlicher Führung unmöglich.

Zwei Monate nach der Urteilsverkündung war es so weit. Ich trat mit viel zu wenigen Informationen aus Büchern und dem Internet zur MPU an. Ich dachte, es braucht nur gesunden Menschenverstand um zu bestehen. Im Verfahren sollte es doch um nichts anderes als nur um die reine Wahrheit gehen, die wissenschaftlich korrekt aus der Tiefe meiner Seele analytisch messbar durch Experten an die Oberflache zu bringen war. Sind größere Vorbereitungen da nicht manipulativ?

Schon an dieser Stelle möchte ich feststellen, dass das eine falsche Entscheidung war. Auch Gutachter entscheiden nur über das, was sie sehen oder was man ihnen sichtbar macht. Ich warne davor zu glauben, dass die Wahrheit in all ihren Facetten immer auch als solche erkannt wird. Es soll schließlich eine Persönlichkeit durchleuchtet werden, die in ihrer Individualität sehr speziell sein kann. Was für Sie normal ist, kann ihren Gutachter durchaus erschrecken. Selbst wenn Sie recht haben sollten, muss der Gutachter erst mal seinen Blickwinkel entsprechend ausrichten wollen, um das auch wohlwollend sehen zu können. Sie müssen da schon ihren Gutachter gezielt motivieren, möglicherweise von einer anderen Gewohnheit zu lassen. Nur so hat die Wahrheit eine Chance den Ausgang des Gutachtens zu beeinflussen. Der wird sonst meist vom gewohnt, gefühlten Glauben bestimmt. Nur wo es gelingt der Erfahrung des Gutachters einen neuen Aspekt hinzu zufügen entsteht für Sie Hoffnung.

An diesem MPU-Tag ging es mir nicht gut. Mir tat mein Versagen weh. Die Wunde war noch lange nicht verheilt. Da drüber wieder sprechen zu müssen schmerzte. Therapeutisch war von der Begutachtung nichts zu erwarten, und so empfand ich den Termin als ein weiteres Ereignis, dass die Pflaster auf meinen langsam heilenden Wunden der Schuld mit Gewalt abriss, um darunter zu schürfen. Es machte einfach ein mieses Gefühl, vor ein Tribunal zu treten, um trotz erkannter Schuld Erwartungen an das Gericht zu richten. Ja, wie ein Gericht empfand ich die Herren und Frauen Gutachter, die mich erwarteten. Eigentlich waren sie sogar ein Triumvirat. Für mich waren sie Ankläger und Richter in einer Person und vielleicht steckte ein bisschen auch Anwalt in ihnen. Ich fürchtete ihre herablassenden Blicke, die immer Recht haben mussten. Natürlich würden sie als Experten alles besser wissen. Diese Erniedrigung war aber hinzunehmen. Eine Alternative zu diesem Teil des Strafrechts gab es nicht.

Das Gebäude des TÜV war ein schmuckloser Betonbau, wahrscheinlich aus den siebziger Jahren. Es war ein typischer Funktionsbau, der schon von weitem Büroatmosphäre verhieß. Autos und LKW, die auf die bekannten Fahrzeugprüfungen des TÜV hinwiesen, sah ich nicht. Offensichtlich waren die unterschiedlichen Abteilungen an diesem Standort räumlich getrennt. Beim Betreten des Gebäudes wechselte die Büroatmosphäre in eine klassische Amtsstimmung. Das Mobiliar war schon älter, der Anstrich der Wände wohl auch. Alles wirkte ein bisschen düster und kälter durch die Neonbeleuchtung. An einer Toilettentür war eine Benutzerordnung angebracht. Ein Pappschild an einer Flurtür mit einem Pfeil und der Aufschrift <zur MPU> führte mich durch eine Flurtür zu einer offenen Tür, hinter der sich ein kleines Büro mit aromatischem Kaffeegeruch befand. Das Fenster schmückte Vorhänge in mattem Lila und zwei Alpenveilchen, die ebenfalls im gleichen Farbton blühten. Neben dem Computer stand ein großer, leerer Kaffeebecher.

Mit einem „Guten Morgen“ trat ich ein. Hinter dem Computer lugte ein schwarzhaariger Kopf hervor und fragte: „Sie kommen zur MPU? Wie ist ihr Name?“

Nach meiner Antwort stand der Kopf auf, der einer zierlichen Frau gehörte. „Guten Morgen Herr Hanerth“, lächelte sie mich musternd an, und suchte dann aus einem vorsortierten Stapel nach meiner Akte. Sie erklärte mir, dass ich drei Stationen zu bewältigen hätte: eine ärztliche Untersuchung, einen Seh- und Reaktionstest sowie die psychologische Exploration. Alles zusammen würde grob drei Stunden dauern. Die Reihenfolge der Stationen könne sich ändern. Letzte Station sei aber auf jeden Fall der Psychologe. Zum Schluss fragte sie noch nach zusätzlichen Unterlagen, die ich vielleicht mitgebracht hatte für die Untersuchung.

Dann durfte ich im Wartezimmer direkt nebenan Platz nehmen. Hier warteten bereits ein Mann in Bundeswehruniform, ein älteres niederländisches Ehepaar und zwei junge Männer, bei deren Anblick ich spontan dachte: ‚Lange haben die ihren <Lappen> aber nicht gehabt‘. Nach etwa einer halben Stunde wurde ich aufgerufen zum Reaktionstest.

Die Leistungsdiagnostik ist ein Reaktionstest am Computer. Es ist ein automatisierter, audiovisueller Test. Der Test wurde von einem Assistenten gestartet, der dann wieder fortging. Während des Tests blieb ich somit allein. In dem Verfahren wurden körperliche Leistungsmerkmale wie Reaktionsfähigkeit, Konzentration und Aufmerksamkeit geprüft. Dazu waren in mehreren Blöcken mit unterschiedlichen Aufgabentypen in rascher Folge mehrere unterschiedliche Testaufgaben per Mausklick zu lösen.

In einem Test wurden beispielsweise für einige Sekunden Bilder von Verkehrssituationen gezeigt. Ich kann mich z.B. an eine Straße mit Verkehrsampeln erinnern. Nach wenigen Augenblicken verschwand das Bild. Dann musste ich im Multiple-Choice Verfahren die Anzahl der beobachteten Verkehrsschilder anklicken. In anderen Beispielen wurde nach der Anzahl von Autos, Personen oder roten Ampeln gefragt. Der Test war sehr einfach. Oft hatte ich die Gegenstände in den Bildern durchgezählt, bevor das Bild verschwand. Herausfordernder war es mit einem Blick die Gegenstände intuitiv zu erfassen, wie ich das gerne bei Suchrätseln und einfachen Sudokos machte. Ich ahnte aber, dass jemand, der über Jahre sein Hirn weggesoffen hatte, bei den Aufgaben Schwierigkeiten haben würde. Die Aufgaben ließen wenig Zeit zum Überlegen. Der Ablauf war monoton. Ich musste mich immer wieder neu konzentrieren. Nach etwa zwanzig gefühlten Minuten war das Programm beendet. Eine Minute später kam der Assistent mit einer Stoppuhr rein und bat mich wieder im Wartezimmer Platz zunehmen. Dort wartete ich auf die nächste Station. Das Wartezimmer war mittlerweile mit zehn Personen gefüllt. Die niederländische Dame wurde von ihrem Mann begleitet. Man hatte sich also für diesen Vormittag zur Prüfung zehn Kandidaten vorgenommen. Die meisten Personen tranken Kaffee, von dem es reichlich aus einem Automaten auf dem Flur gab.

Meine nächste Station musste der Arzt sein. Im verkehrsmedizinischen Part sollte die verkehrsrechtlich, relevante Krankheitsgeschichte abgefragt werden. Weiterhin stand eine körperliche Untersuchung an. Dazu gehörten unter anderem eine Blutdruckmessung und das Ablaufen einer geraden Linie. Unbedingt musste der Alkoholiker hier die lückenlose Labordiagnostik vom Hausarzt präsentieren, zum Nachweis der Abstinenzzeit. Genaueres zu diesem Teil beschreibe ich, nachdem ich mit dem Gesamtüberblick fertig bin im nächsten Kapitel.

Im wichtigsten Teil, dem verkehrspsychologischen Gespräch, muss der Kandidat zeigen, dass er sein Fehlverhalten erkannt hat. Die Ursachen dafür muss er aufzählen und begründen können. Welche Konsequenzen wurden daraus gezogen und praktisch umgesetzt. Wie lange sind diesbezügliche neue Verhaltensmuster eingeübt. Sind sie so stabil, dass sie neue Verkehrsauffälligkeiten verhindern können? Sechs Monate gelten als Minimum um Verhaltensänderungen zu festigen.

Die psychologische Untersuchung ist streng verhaltenstherapeutisch ausgerichtet. Wiederkehrende Verhaltensmuster schleifen sich ein und sind prägend. Sie führen dazu, dass wir uns in unserem Verhalten nicht vom Verstand leiten lassen. Gerade Alkohol hat durch sein <Craving> (das ist das biochemische Einbrennen von Suchtdruck in das Gehirn) eine starke Wirkung. Der Druck zu trinken nimmt mit der Dauer des Alkoholmissbrauchs zu. Wie geht der trockene Alkoholiker in Zukunft mit diesem Druck um? Die Psychologen sehen das als eine lebenslange Herausforderung. Welche sinnvollen Methoden werden vom Kandidaten erfolgreich praktiziert?

Das Urteilsvermögen und die Willensfähigkeit werden ebenso durch den Missbrauch zunehmend eingeschränkt. Der beste Beweis ist die häufige Unfähigkeit, wenn Alkoholiker nicht erkennen können, dass sie von der Krankheit betroffen sind. Die Vehemenz, mit der die Einsicht verweigert wird, ist bei erdrückenden Beweisen ein Indiz für einen manifesten Alkoholismus.

Leider gibt es hierfür unzählige Beispiele. Mir lag ein Fall vor, wo ein beamteter Hauptschullehrer mangels Einsicht es geschafft hatte, dass ihm als nahezu unkündbarem Beamten gekündigt wurde. Nun lebt er bis zum Erreichen des Rentenalters von Sozialhilfe. Es wäre so einfach gewesen für seinen Dienstherrn, die bereitstehenden Optionen für eine anerkannte Krankheit anzuwenden. Schlimmstenfalls wäre das auf eine Frühverrentung nach 32 Dienstjahren hinausgelaufen. Nur - ohne das uneingeschränkte Ja zum Problem ging nichts. Die Einsicht muss glaubwürdig und nachvollziehbar sein.

Im Internet finde ich noch den Hinweis, dass Gutachter oft um widerspruchsfreie Ausführungen bitten. Solche Bitten sind diskrete Hinweise darauf, dass die Gutachter dem Klienten nicht glauben mögen. Deutlicher ausgedrückt heißt das: Der Gutachter glaubt, Sie lügen ihn an. In diesem Zusammenhang las ich weiter Im Internet, dass wer glaubt Kritik üben zu müssen, sich das gründlich überlegen sollte. Nur glaubhafte Kritik macht es möglich, dass Kritik vielleicht nicht als ein Symptom der Krankheit bewertet wird von Ursachen abzulenken. So muss man sorgfältig darauf achten, dass keine Missverständnisse entstehen zwischen ernstem Widerspruch und dem Leugnen eines Defizits. Alleingänge sind dabei zu vermeiden, denn das Urteilsvermögen von Alkoholikern ist bedingt durch die Krankheit eingeschränkt. Besprechen sie sich mit einer Person deren Urteilsvermögen unzweifelhaft ist. Idealerweise ist das Ihr Therapeut, nicht aber nur die Mitglieder ihrer Selbsthilfegruppe.

MPU – der erste Versuch. Die Suche nach der Trinkhistorie

Im Untersuchungszimmer empfing mich ein älterer Herr mit graumeliertem Haar. Von seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch grüßte er korrekt und zeigte auf den Stuhl vor mir. Die Geste war eindeutig. Also setze ich mich und lege meine Arme auf den Schoss. So deutete ich an, dass ich bereit war und auf ihn wartete. Nach den Fragen nach Name, dokumentierter Labordiagnostik, Gewicht, Größe und Medikamenten, die dauerhaft genommen wurden, stand er auf, um mir die Manschette zum Messen des Blutdrucks anzulegen.

„124 zu 66, Herzfrequenz 78“, las er das Ergebnis vor: „Das ist doch ein guter Anfang. Sie sind entspannt.“

Ich nickte freundlich und dachte dabei, dass das Ergebnis nicht auf Entspannung hinwies. Ich fühlte mich deutlich angespannt. Die gleichen Werte maß ich auch kurze Zeit nach dem Joggen. Ich benutzte einen Herzfrequenzmesser und ein Blutdruckmeßgerät zur Leistungskontrolle. Meine Trainingsziele legte ich damit fest. Zu jeder Strecke und Geschwindigkeit gehörte immer ein passender Frequenzbereich. Meine im Ruhezustand gemessenen Werte lagen normalerweise so bei 105 zu 55.

Dieses Beispiel gleich zu Anfang war symptomatisch für ein Prinzip, das sich durch alle MPU’s zog. Jedes Ereignis wurde in einen möglichst verbindlichen Zusammenhang gestellt, der den Absichten der Gutachter diente. Wahrscheinlich suchte der Arzt nur einen freundlichen Einstieg in die Untersuchung. Natürlich war seine Interpretation des Messergebnisses eine mögliche Erklärung. Sie war aber in diesem Fall falsch. Ich erlebe das häufig, wenn Ärzte einen leicht erhöhten Blutdruck als unbedenklich interpretierten aufgrund des <Weißkitteleffekts>. Das war eben eine wahrscheinliche Möglichkeit. Ohne Berücksichtigung meiner Trainingseffekte war die Aussage des Arztes aber voreilig. Meine Ruhefrequenz ist niedriger, das weiß ich auch von meinen Hausarzt.

Was hier zu Anfang der MPU so harmlos war, kann bei anderen Fragestellungen schnell zu falschen Diagnosen führen. Plausibilität im Rahmen einer gehegten Absicht ist noch kein Wissen in der Sache. Genau darin liegt der Anspruch des Verfahrens an die Gutachter, die geleitet von Routine, Bequemlichkeit und emotionalen Überzeugungen, das all zu gerne vergessen.

Es folgte die Trinkhistorie. Er machte eine Pause und betonte, dass die besonders wichtig sei. Kein Detail dürfe hier vergessen werden, sonst seien die anschließenden Berechnungen nicht exakt. Er wollte jetzt wissen, welche Mengen, welcher Sorte Alkohol wurden wie oft konsumiert. Die Angaben sollten chronologisch sein und mit dem allerersten Trinkerlebnis beginnen. Mit den Daten sollte die Entwicklung des Missbrauchs über den ganzen relevanten Zeitraum dokumentiert werden.

Ungenaue Angaben, Korrekturen und nachträgliche Ergänzungen ließen den Arzt jedes Mal mit Stirnrunzeln kurz aufblicken. Dann sah er wieder auf seine Unterlage mit dem wissenden Blick, dass seine Vorstellung von präzisen Angaben deutlich abwich von der seiner Untersuchungsperson. Bei achselzuckendem Nichtwissen auf eine Frage verkehrte sich sein Blick in Fassungslosigkeit. Er betonte dann, dass die Tragweite der Begutachtung verlange, dass der Klient sich sorgfältig mit der Genese seines Trinkverhaltens auseinandergesetzt habe.

Ich gab mir aufrichtige Mühe seiner Forderung gerecht zu werden und schilderte alles was mir einfiel so genau wie möglich. Ich fing also bei meinem ersten Bier als Wahlhelfer bei einer Landtagswahl an. Ich nannte zwei Pils zu je 0,3 l. Weitere Alkoholereignisse aus meiner Jugend gab es nicht. Der Arzt war überrascht und bat mich nochmals nachzudenken, denn das sei sehr ungewöhnlich. Mir fiel seine Art auf, wie er ungewöhnlich betonte. Es klang fast so wie, unglaubwürdig. Jedenfalls weckte die hilfsbereite Art, mit der er sprach, mein Bedürfnis mich zu rechtfertigen.

So erzählte ich von meinen Aktivitäten im Schwimmverein, im Ruderclub und auch im Tauchclub. Ich erwähnte die Klavierstunden in der Musikschule und das ich lange Kontrabass in einem Jazzquartett gespielt hatte. Ich vergaß natürlich nicht die Wochenenden anzuführen, die ich mit Kadertraining im Landesleistungszentrum und mit Wettkämpfen verbrachte. Da sei für andere Aktivitäten weder Zeit noch Interesse gewesen.

Meinen ersten und einzigen Disco-Besuch hatte ich dann auch später erst, während meiner Bundeswehrzeit. Er blieb alkoholfrei. Der Aufenthalt dauerte eine knappe Stunde. Dann hatte ich es nicht länger mit den Leuten ausgehalten, die mich mitgenommen hatten und war gegangen. Das war auch auf Jahre mein letzter Disko-Besuch.

„Was war los mit den Leuten“, kam die Nachfrage. Ich sagte, dass ich als Eigenbrötler ganz allgemein ein Problem in Gruppen hatte, mit denen ich kein explizites Interesse teilte. Solche Situationen machten mich erst immer unsicher, weil ich nicht recht wusste, worüber ich reden sollte. Später langweilte ich mich und verabschiedete mich halt.

Bei der Bundesmarine kam ich das zweite Mal mit Alkohol in Berührung. Ich kam nach meiner Ausbildung nach Wilhelmshaven auf eine Fregatte. Mein Maaten-Deck war unter Eingeweihten das Partydeck. Es gab einen Fernseher, Videoanlage und Hi-Fi. Bier wurde großzügig <gebunkert> (gelagert). Die umfangreichen Whiskybestände stammten aus dem bordeigenen Duty-free-Shop, den es bei jeder Seefahrt zollfrei zu erstehen gab. Es war ein Privileg hier eingeladen zu werden. Das wurde mir gleich zu Anfang gesagt. Und das ich besonderes Glück habe, dass hier meine Koje sei. Gelegentlich waren auch Bordfremde dabei. Bei besonderen Gästen wurde schon mal der hintere Teil des sehr langgezogenen Decks abgetrennt für Poker-Vergnügungen.

Der Umgangston war großspurig aber auch empfindlich gereizt, wenn es um Politik ging. Ich habe schnell angefangen diese Gemeinschaft zu meiden. Das war schwer, denn hier befand sich ja meine Koje. Dieses Deck war jetzt und für geraume Zeit mein Zuhause. Also saß ich da mit ihnen am liebsten in zweiter Reihe und nuckelte lange an meinem Bier. Zu feiern war mir absolut nicht zumute. Schon bald eröffnete mir der Decksälteste, dass ich monatlich 300 DM in die Deckskasse einzahlen müsse. Das war mir dann der Unterstützung dieser makabren Gemeinschaft zu viel. Mein im Nachhinein naiver Einwand in diesem Umfeld, die Summe übersteige meine monatlichen Zuwendungen für Amnesty International und Greenpeace zusammen, und sei deswegen moralisch unverhältnismäßig, löste einen Eklat aus.

Ich wolle doch nicht ernstlich die Harmonie dieser wunderbaren Kameradschaft stören? Streitigkeiten und Handgreiflichkeiten nahmen zu. „Sind wir dir nicht gut genug? Du trägst Brille. Hast du etwa Abitur“, lästerte der Decksälteste eines Abends: „Klugscheißer, Weltverbesserer, <Bolschewikenpack> und andere <Fotzen> haben hier keinen Platz.“ Die anschließende Schlägerei besiegelte meine Mitgliedschaft in diesem Verein, nicht aber meinen Schlafplatz. Die fortgesetzten Ausschreitungen machten meine vorzeitige Versetzung notwendig. Meine Verhaltensdefizite mich in eine Bordgemeinschaft zu integrieren waren der allseits gefühlte Grund. Im Ernstfall, damit war der Verteidigungsfall gemeint, könnten sich die Kameraden dann nicht auf Leute wie mich verlassen. Ich sei gar schlimmer als ein Feind, weil Typen wie ich den Kameraden in den Rücken fallen.

Nun fragte der Arzt, der mucksmäuschenstill zugehört hatte: „Und wie viel Alkohol haben sie in dieser Bordzeit genau getrunken?“

„Über einen Zeitraum von vier Wochen etwa zwanzig Flaschen Bier (0,5 l) gab ich zu Protokoll.

„Wirklich nicht mehr, da wurde doch auch Hochprozentiges getrunken?“, fragte er weiter.

„Man hatte es immer wieder versucht, weil das zur Initiation in der Gemeinschaft dazugehörte. Sie hatten sogar manchmal Whisky in meine Kola gegossen. Getrunken habe ich das nie“, erklärte ich: „Ich konnte gar nicht, selbst wenn das dann Stress gab. Das war mir einfach zu blöd.“

Wie konnte ich das erklären? Ich sah mich gefangen in einer Schublade. Dabei war ich schon in der Schule ein Sonderling, der nicht mit den anderen konnte. Man korrumpiert sich nicht mit einer Decksgemeinschaft, deren Druck einem zu wider ist. Die Pflicht zu allgemein, menschlicher Sympathie beim Bier viel schon schwer genug.

„Haben sie vielleicht am Anfang, als die Umstände noch entspannter waren mitgetrunken?“

Meine Antwort war ein klares: „Nein.“ Der Arzt druckste ein wenig herum und sagte dann: „In Gemeinschaften können unter Umständen starke soziale Zwänge herrschen, denen man sich nur schwer widersetzten kann. Überlegen sie doch mal genauer, ob sie was vergessen haben.“

Wie er mich so anschaute, dämmerte es mir. Er wollte mir helfen. Er tat sich schwer mir zu glauben. War das nicht schon der zweite Hinweis, dass mit meiner Trinkhistorie bereits am Anfang seiner Untersuchung etwas nicht stimmte? Bei meinen Angaben zur Jugendzeit hatte er doch auch schon skeptisch nachgefragt. Als ich mit einer Antwort zögerte, fragte er nach: „Wenn sie auf ihre Aussage in dieser Form bestehen, trage ich das natürlich so ein.“

Naja, beschwören konnte ich es nicht. Wie genau war eigentlich meine Erinnerung nach so langer Zeit? Ich hatte mehrmals ein Glas Whisky in der Hand gehabt. Versuchte ich unbewusst zu verharmlosen? Er glaubte mir doch nicht. Das war offensichtlich. Also erwähnte ich, dass man mir mehrmals Whisky eingeschenkt hatte und dass ich möglicherweise davon auch getrunken hatte.

„Na also“, sagte er zufrieden: „Jetzt sagen sie mir nur noch wie viel das genau war.“

Ich spürte, jetzt musste ich Daten liefern, um seine Zufriedenheit zu erhalten. Ich merkte, dass selbst zu hohe Angaben akzeptiert würden. So erzählte ich von 1-2 Whisky Kola pro Abend bei insgesamt vielleicht 8-10 Feier-Abenden. Ich war mit meiner Hochrechnung nicht zu frieden. Ich konnte mir das nicht wirklich vorstellen. Meine Bedenken wurden vom Arzt zerstreut, der nach den Angaben plötzlich eine Spur freundlicher wurde.

Wie es weiterging, wollte er wissen. Ich wiederholte leise die Frage und sagte dann: „Es gab da nach meiner Versetzung noch einige offizielle Anlässe, bei denen ich Bier trank. Pro Ereignis etwa 2-3 Biere (0,3 l) insgesamt etwa 8-10 Gläser im verbleibenden eindreiviertel Jahr meiner Dienstzeit. Einmal wurde dabei auch Sekt gereicht, aber das Glas mochte ich nicht auf trinken. Jemand sagte zwar <extra dry> sei cool. Meine Geschmacksknospen beeindruckte das aber nicht.

Als ich in einer neuen Verwendung über die Jahreswende Wache hatte bis zum Silvestermittag, da hatte ich von dem Whisky getrunken, den ich noch aus dem Duty-free Verkauf bei meinem Bordkommando besaß. Ich trank etwa 0,4 l. Ein Drittel des Flascheninhalts hatte ich vorher ausgekippt. Das schien mir eine Präventivmaßnahme zu sein, um Kontrolle zu garantieren. Ich hatte schließlich keine Erfahrung mit hochprozentigen, alkoholischen Getränken.

Danach habe ich keinen neuen Whisky gekauft. Dieses Trinkereignis machte schlimmsten Kater und hätte mich tags darauf fast um ein ganz besonderes Surferlebnis gebracht. Der Trinkabend selbst endete frühzeitig mit Schlaf. Das Ereignis und seine Folgen empfahlen sich nicht, so etwas in nächster Zeit zu wiederholen. Für die nächsten Jahrzehnte mied ich alle alkoholischen Getränke außer gelegentlichen Bieren in offiziellen Situationen.

„Sie haben nach ihren Alkoholerfahrungen an Bord monatelang mit einer Flasche Whisky im Spint gelebt und diese nicht konsumiert?“, fragte er mit ernstem Blick nochmal nach: „Und nach diesem Ereignis haben sie auf Jahre nicht mehr Hochprozentiges getrunken? Entspricht das wirklich den Tatsachen?“

„Richtig“, war meine unsichere Antwort. Ich konnte doch nicht jeder Aufforderung zur Lüge nachgeben, auch nicht wenn seine Betonung von wirklich eindringlich war. Meinen Bierverbrauch während meiner Restdienstzeit gab ich nach einigem hin und her mit 2-3 Flaschen (0,5 l) pro Quartal an. Sicher war es weniger. Ich saß doch nie mit jemandem noch im Unteroffiziersheim oder der Offiziersmesse zusammen. Woher kam meine Unsicherheit? Ich wusste doch, dass ich weit weniger getrunken hatte als ich jetzt angab und auf dem Partydeck bestimmt keinen Whisky getrunken hatte.

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Nach dem Bericht über meine Bundeswehrzeit stellte der Arzt fast keine Zwischenfragen mehr. Er ließ mich plaudern und machte nur ab und an ein paar Notizen. Hatte er alle Hoffnung für mich aufgegeben? Dementsprechend ausführlich wurde ich. Ich wollte mich irgendwie entschuldigen, ihm nicht weiterhelfen zu können. Ich bekam dabei den Eindruck, ihn unterhielt meine Geschichte.